• Das Zentrum der tibetischen Sakralkunst

    Sep 10–12 in China ☁️ 15 °C

    Endlich rollen die Reifen wieder und der Weg hinaus aus Xining verläuft überraschend entspannt. Sobald ich das dicht besiedelte Tal des Huang Shui verlasse, schwenkt die Straße unmissverständlich nach Süden und schraubt sich stetig in die Höhe. Obwohl der lange Anstieg bis auf über 3.200 Meter Höhe bei kühl-feuchtem Herbstwetter ordentlich Kraft kostet, greift die vertraute Routine nach der zwölftägigen Pause erstaunlich schnell wieder.
    Auf dem Weg nach oben kehre ich in ein kleines Straßenrestaurant ein, wo mich der Besitzer und seine Familie neugierig empfangen und mir am Ende die Bezahlung strikt verweigern. Stattdessen geben sie mir noch verschiedene Getränke für die Weiterfahrt mit.
    Eine eiskalte Abfahrt bringt mich schließlich hinunter zum Huang He (Gelber Fluss), an dessen Ufer ich mein erstes Nachtlager in China aufschlage. Auch wenn das Zelt nicht völlig versteckt steht und von einigen Anwohnern bemerkt wird, verläuft die Nacht absolut friedlich und nimmt mir die anfänglichen Bedenken zum Thema Wildcamping.

    Am nächsten Morgen folge ich dem Huang He noch ein Stück und komme an ersten buddhistischen Heiligtümern am Straßenrand vorbei. Kurz darauf biege ich ins schmale Tal des Longwu He und weil die Straße wegen umfangreicher Bauarbeiten für den regulären Verkehr gesperrt ist, habe ich sie abgesehen von vereinzelten Baustellen-Lkw fast völlig für mich alleine.
    Die Schlucht wird immer enger und dramatischer, während der Fluss direkt neben der Fahrbahn durch die Felsen rauscht. An deren Wänden tauchen immer wieder farbenfrohe buddhistische Wandgemälde und Schriften auf, die der Landschaft eine einzigartige Atmosphäre verleihen.

    Mein Tagesziel ist die Stadt Tongren (auf Tibetisch Rebkong), wo mich anhaltender Dauerregen zu einem spontanen Pausentag zwingt. Das erweist sich jedoch als absoluter Glücksfall, denn der Ort gilt als das kulturelle Zentrum der tibetischen Sakralkunst. Dass ich hier in einer ganz anderen Kulturregion angekommen bin, zeigt sich sofort im Stadtbild. Auf den Straßen- und Ladenschildern sowie Restaurantmenüs stehen die geschwungenen tibetischen Schriftzeichen nun gleichberechtigt neben den chinesischen Schriftzeichen.

    Ich beginne meine Erkundung im Ortsteil Wutun mit dem Oberen und Unteren Kloster, deren Ursprünge auf das späte 14. Jahrhundert zurückgehen. Die Anlagen gehören zur Gelbmützen-Sekte des tibetischen Buddhismus und beherbergen heute jeweils etwa 150 aktive Mönche. Überall bieten sich eindrucksvolle Bilder. Mönche in ihren leuchtend roten Kutten schreiten durch die Höfe, vergoldete Dächer und Statuen glänzen im Licht und Gläubige ziehen bedächtig an den langen Reihen von Gebetsmühlen vorbei.
    Gleich neben den Klöstern schaue ich in einer der Werkstätten den Künstlern der Thangka-Malerei über die Schulter. Thangkas sind rollbare, nach strengen ikonografischen Regeln gezeichnete Meditationsbilder auf Leinwand oder Seide.

    Um die Hintergründe dieser Tradition besser zu verstehen, besuche ich in Tongren das Museum der Regong-Kunst, das mir einen umfassenden Einblick in diese von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannte Kunstform bietet. Im Vergleich zu den monotheistischen Religionen wie dem Christentum oder Islam wirkt der tibetische Buddhismus mit seiner verzweigten Götterwelt aus friedvollen und zornvollen Schutzgottheiten, historischen Meistern und symbolischen Manifestationen immens vielschichtig und fast unfassbar komplex.
    Das Museum schafft es trotzdem mir einen groben Überblick über die Grundprinzipien und die verschiedenen religiösen Kunstformen zu geben.

    Zur Mittagszeit kehre ich in ein tibetisches Restaurant auf der gegenüberliegenden Flussseite ein, genieße dort traditionelle Spezialitäten und nutze den fantastischen Weitblick hinüber auf das gewaltige Longwu Kloster. Es wurde 1301 gegründet, ist ebenfalls ein Hauptzentrum der Gelbmützenschule und beherbergt heute bis zu 800 Mönche.
    Als ich den Komplex anschließend aus der Nähe erkunde, wird die Dimension erst richtig greifbar. Longwu ist keine einzelne Tempelanlage, sondern gleicht einer eigenen Klosterstadt, in der sich mächtige Gebetshallen, Studienakademien und ein dichtes Labyrinth aus Wohnquartieren für die Mönche abgestuft über den Berg erstrecken.
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