Durch die endlosen Weiden des tibetischen Plateaus
Sep 13–17 in China
☁️ 15 °C
Nach dem verregneten Pausentag in Tongren geht es endlich richtig hinauf auf das tibetische Plateau. Der erste Tag fordert mich direkt heraus, denn ein ewig langer, wenn auch nicht allzu steiler Anstieg schraubt mich bis auf knapp über 3.700 Meter Höhe hinauf und beschert mir die bisher meisten Höhenmeter an einem einzigen Tag. Der lange Anstieg lässt sich erstaunlich gut fahren und führt rasch in eine völlig neue Landschaftsform.
Auf den Höhen zwischen 3.000 und 4.000 Metern wiederholt sich in den folgenden Tagen das majestätische Panorama des Plateaus. Endlose, sanft geschwungene grüne Hügel erstrecken sich bis zum Horizont, komplett baumlos und übersät mit unzähligen Nutztieren. Vor allem die zotteligen Yaks mit ihren mächtigen Hörnern dominieren das Bild, meist in Schwarz, manchmal aber auch in überraschend hellen Schattierungen. Dazwischen stehen immer wieder die einfachen Zelte der Nomaden, die hier oben ihre Sommerlager aufschlagen und einen unaufgeregten, traditionellen Alltag fernab der Moderne leben.
Die endlose Weite erinnert mich stark an das Hochplateau in Tadschikistan, auch wenn das Landschaftsbild ein völlig anderes ist. Während dort karge Felsen, Geröll und staubige Erdtöne die Einsamkeit prägten, erstreckt sich hier ein schier unendliches Meer aus dichtem Grün. Und doch ist die Wirkung auf dem Rad ganz ähnlich. Eine faszinierende, aber auch monotone Gleichförmigkeit, in der die Zeit unter dem riesigen Himmel langsam zu verstreichen scheint.
Das Wetter zeigt sich zwiespältig, denn tagsüber bleibt es bei einer kühlen Übergangstemperatur meist trocken mit Wolken und gelegentlicher Sonne. Durch die körperliche Anstrengung komme ich an den Anstiegen rasch ins Schwitzen, woraufhin die feuchte Kleidung im Fahrtwind nicht mehr richtig trocknet, was ein nasskaltes und unangenehmes Gefühl hinterlässt. Der Regen setzt glücklicherweise meist erst am späten Nachmittag oder nachts ein.
Das Umschlagen des Wetters am späten Nachmittag ist auch einer der Gründe, warum ich mich auf diesen Etappen wiederholt für ein Hotel und gegen das Wildcampen entscheide. Auf dem Plateau wäre das Zelten durch die schiere Weite zwar theoretisch möglich, allerdings verlaufen rechts und links der Straßen oft kilometerlange Zäune, die das Verlassen der Fahrbahn fast unmöglich machen. Dazu kommt, dass die Hotelpreise in China derart günstig sind, dass die Entscheidung für ein trockenes Bett am Abend extrem leichtfällt.
Während die ersten beiden Etappen über ruhige, schmale Landstraßen und Betonpisten durch die Einsamkeit führen, wird der letzte Abschnitt nach Langmusi mental extrem zäh. Die monoton wirkende Landschaft unter grauem Himmel, spürbarer Gegenwind und der dichte Lkw-Verkehr auf der Hauptstraße machen das Vorankommen mühsam. In China wird ununterbrochen gehupt, meist als gut gemeinter Hinweis oder Gruß, doch als Radfahrer schrickt man neben den massiven Lastern jedes Mal aufs Neue zusammen.
Erst kurz vor Langmusi wandelt sich das Landschaftsbild spürbar, denn aus den weichen Hügelformationen ragen plötzlich schroffe, markante Felsspitzen empor. Rötliche Sandsteinfelsen und graue Granitgipfel stehen im Kontrast zu kleinen Nadelwäldern, während dichte Wolken tief zwischen den Bergen hängen und dem Tal eine fast mystische Atmosphäre verleihen.
In Langmusi angekommen, erreiche ich ein kleines Bergdorf mit einer geografischen Besonderheit, da ein kleiner Bach mitten durch den Ort die Provinzgrenze zwischen Gansu und Sichuan markiert. Auf der Gansu-Seite besuche ich das Sertri-Kloster, ein 1748 gegründetes Zentrum der Gelbmützen-Sekte. Zwischen den imposanten Hallen bietet sich mir eine vertraute Kulisse aus tiefroten Mönchskutten, bunten Wandmalereien und Gebetsmühlen. Anders als in den Klöstern zuvor wird hier jedoch zum ersten Mal Eintritt verlangt und auch das Straßenbild zeigt ein neues Gesicht. Der Tourismus dominiert den Ort vollständig, Reisebusse schieben sich durch die Gassen und Hotels reihen sich aneinander. Das geschäftige Treiben nimmt dem Bergdorf ein Stück seiner ursprünglichen Ruhe, lässt die felsige Kulisse dahinter aber nicht weniger eindrucksvoll wirken.Read more
























