• Abschied vom Hochland im Schnelldurchlauf

    Sep 17–18 in China ☁️ 15 °C

    Nach der Pause in Langmusi beginnt der Tag bei bestem Wetter mit einem entspannten Anstieg in einer imposanten Bergkulisse. Um die verkehrsreiche Hauptstraße zu meiden, biege ich bewusst auf eine schmalere Ausweichroute ab, die zwar länger und anstrengender ist, aber mich dafür quer durch das weite Zoige-Feuchtgebiet entlang des Hui He führt, das zu den größten Hochmooren der Welt zählt. Während die Silhouetten der Berge am Horizont langsam zurückweichen, eröffnet sich eine schier unendliche Flusslandschaft, übersät von zahllosen Nomadenzelten und einer unglaublichen Menge zotteliger Yaks.
    Mit der Zeit wandelt sich der Asphalt in immer schmalere Wege und schließlich in feuchten Schotter, der durch die anhaltende Regensaison an vielen Stellen nur noch aus riesigen Pfützen besteht.
    Als sich am späten Nachmittag der Himmel bedrohlich dunkel zuzieht, möchte ich nach knapp 100 Kilometern im Sattel unbedingt noch eine letzte Nacht im Zelt auf dem tibetischen Plateau verbringen. Die Suche gestaltet sich jedoch schwierig, da fast alle Wiesen entlang der Strecke durch Zäune abgesperrt sind.
    An einem Hof am Straßenrand frage ich die Tochter einer Hirtenfamilie, ob ich mein Zelt in der Nähe aufschlagen darf, werde nach einem kurzen Anruf bei ihren Eltern jedoch überraschend abgewiesen. Wenige Kilometer weiter finde ich glücklicherweise doch noch eine Weide ohne Zaun direkt am Hui He. Kaum steht das Zelt und das Abendessen ist verzehrt, bricht eine extrem feuchte Nacht herein, in der der Regen pausenlos auf das Zelt prasselt.

    Als ich am nächsten Morgen in den tief hängenden Wolken aufwache, reift der endgültige Entschluss zur Planänderung. Die Aussicht auf weitere Tage mit klammer Kälte und Regen macht mir die Entscheidung leicht, das Plateau früher als geplant zu verlassen. Dazu kommt der Blick auf den Kalender, denn weil vor den arbeitsfreien Feiertagen der Goldenen Woche noch die bürokratische Verlängerung meines visafreien Aufenthalts ansteht, beschließe ich, auf direktem Weg in das über 3.000 Meter tiefer gelegene und deutlich wärmere Chengdu zu reisen.

    Ich rolle die letzten Kilometer bis ins nahe Zoige, wo der morgendliche Bus nach Chengdu allerdings bereits abgefahren ist. Spontan organisiere ich mir Stift und Pappe, lasse mir von Einheimischen das Ziel in chinesischen Zeichen aufschreiben und versuche mein Glück per Anhalter an der Ausfallstraße. Nach knapp 45 erfolglosen Minuten hält derselbe Taxifahrer, der mich am Busbahnhof schon angesprochen hatte, erneut an und nimmt mich schließlich zum halben Preis mit nach Songpan.

    Diese ungeplante Taxifahrt erweist sich als Glücksfall, denn so erhalte ich die Gelegenheit, die historische Festungsstadt Songpan zu erkunden, was mir mit der direkten Busverbindung nicht möglich gewesen wäre. Die Stadt war jahrhundertelang ein bedeutender Handelsplatz der alten Tee-Pferde-Straße zwischen Tibet und China. Die mächtigen Tore der beeindruckenden Stadtmauer aus der Ming-Dynastie bilden einen spektakulären Rahmen für die liebevoll restaurierte, wenn auch stark von chinesischen Reisegruppen frequentierte Altstadt.

    Für die finale Etappenreise nach Chengdu fällt die Wahl trotz früherer Strapazen erneut auf den Hochgeschwindigkeitszug. Im örtlichen Schreibwarenladen organisiere ich mir Klebeband sowie alte Kartons und verpasse damit dem zerlegten Fahrrad direkt am Bahnhof eine maßgeschneiderte Schutzhülle aus Pappe. Das provisorische Konstrukt passiert die strengen Sicherheitskontrollen problemlos und wenig später geht es in rasender Fahrt durch unzählige Tunnel hinab in die tropisch-schwüle Riesenmetropole Chengdu.
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