Chengdu Teil 1
Sep 18–20 in China
☁️ 25 °C
Nach dem schnellen Abstieg über 3.000 Höhenmeter vom kühlen Plateau erreiche ich am Abend die gigantische Metropole Chengdu mit über 20 Millionen Einwohnern. Es ist inzwischen dunkle Nacht, als ich vom Ostbahnhof aus in den Sattel steige, um zu meiner Unterkunft im Zentrum zu rollen. Es knüpft an eine kleine Tradition meiner Reise an, große Städte erst nach Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Der Kontrast zwischen den bunten Leuchtreklamen und dem schwarzen Nachthimmel verleiht den geschäftigen Straßen eine ganz eigene, magische Atmosphäre. Dank der breiten und gut genutzten Radwege, auf denen vor allem ein dichtes Gewusel aus lautlosen Elektromopeds und Essenslieferanten herrscht, lässt sich die Fahrt trotz des quirligen Treibens erstaunlich entspannt meistern. In einem Hochhaus nahe dem Tianfu Platz beziehe ich schließlich mein Apartment im 19. Stock, von wo aus sich ein spektakulärer Ausblick auf die beleuchteten Hochhäuser eröffnet.
Nach einem verregneten Morgen schlage ich am Nachmittag zu Fuß den Weg durch die Stadt ein. Nur wenige Schritte von meiner Haustür entfernt liegt der Mohe-Teich-Park, dessen liebevoll gepflegter Seerosenteich im Kontrast zu den aufragenden Glasfassaden im Hintergrund steht. Gleich nebenan entfaltet der berühmte Volkspark die ganz besondere Lebensart Chengdus. Hier trinken Hunderte Menschen in voll besetzten Teehäusern unter schattigen Bäumen ihren Grüntee, schlendern an Kunsthandwerksständen vorbei oder betrachten die filigranen Gewächse im Bonsaigarten. In den dichten Menschenmassen fallen mir zudem zum ersten Mal seit meiner Einreise nach China wieder andere westliche Gesichter auf. Nach all den Wochen, in denen ich als einziger Ausländer unterwegs war und überall aufmerksame Blicke auf mich zog, teile ich das Staunen über die Stadt nun wieder mit internationalen Besuchern. Ein absolut faszinierendes Highlight bildet die dortige analoge Partnerbörse, an deren geschwungenen Metallgestellen unzählige blaue und rosa Zettel mit Steckbriefen zur Partnersuche hängen. Dass inmitten einer durchdigitalisierten Gesellschaft im Park noch ganz analog nach der großen Liebe gesucht wird, sorgt für ein dichtes, neugieriges Treiben.
Einen völlig anderen Eindruck vermitteln die Kuanzhai Xiangzi, ein restauriertes Viertel mit Höfen im traditionellen Stil der Qing-Dynastie aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Die dicht gedrängten Menschenmassen schieben sich hier durch historische Gassen voller feiner Boutiquen, Teeläden und Spezialitätenstände. Das Viertel wirkt wie eine hochglanzpolierte Open-Air-Mall, bietet aber die wunderbare Gelegenheit, sich treiben zu lassen und an den Ständen zahllose lokale Snacks und Leckereien zu probieren. Den Abend lasse ich nach einer unkomplizierten Fahrt mit der blitzsauberen, spottbilligen U-Bahn auf dem Fuqin Nachtmarkt ausklingen, wo mir die riesige Auswahl an gedämpften, frittierten und scharf gewürzten Straßenspeisen die Entscheidung schwer macht.
Der Folgetag steht ganz im Zeichen des modernen Zentrums. Am weitläufigen Tianfu Platz, der von der mächtigen Statue Mao Zedongs beherrscht wird, spürt man vor allem die repräsentative Wucht der Großstadt. Wenige Schritte weiter tauche ich in die schier endlosen Menschenströme der Chunxi Road ein, einer riesigen Einkaufsmeile für jedes Budget. Chengdu offenbart hier auch seine tierische Leidenschaft, denn die Stadt ist regelrecht besessen von Pandas. Egal ob als Fassadendeko, auf Bussen, in Form von Souvenirs oder sogar als Gebäck, das schwarz-weiße Gesicht ist überall präsent. Das imposanteste Beispiel dafür wartet im angrenzenden, edel gestalteten Taikoo Li Shopping-Areal, wo eine gigantische Pandaskulptur spektakulär die Fassade eines Einkaufszentrums hochklettert, während riesige 3D-LED-Leinwände die Straßen erhellen.
Mitten zwischen diesen glitzernden Konsumtempeln öffnet sich eine unerwartete Oase der Stille. Der historische Daci-Tempel, dessen Ursprünge auf das 7. Jahrhundert während der Tang-Dynastie zurückgehen, bildet einen erstaunlichen Ruhepol. Die traditionellen Holzpavillons und geschwungenen Dächer des Tempels stehen in einem spektakulären Kontrast zu den direkt dahinter aufragenden Stahl- und Glasriesen der Moderne. Während draußen das geschäftige Stadtleben tobt, beobachten Besucher im Inneren die gläubigen Menschen bei ihren spirituellen Riten und genießen eine fast meditative Pause. Mit diesen Eindrücken im Gepäck breche ich schließlich zum Bahnhof auf, um die kurze Zugfahrt nach Leshan anzutreten, wo die bürokratische Verlängerung meiner visafreien Aufenthaltsgenehmigung ansteht.Read more






















Traveler
Das ist ja niedlich