• Von Monokulturen zu Gartenkunst

    Oct 3–11 in China ⛅ 32 °C

    Nach den spektakulären Flusslandschaften entscheide ich mich spontan für einen Kurswechsel. Ich höre auf mein Bauchgefühl, verwerfe den geplanten Schlenker nach Südosten und fahre ein paar Kilometer zurück nach Pingle, um auf direktem Weg Richtung Westen zu gelangen.
    Die folgenden Tage werden für mich zu einer reinen Transit-Etappe. Nach den Wochen, in denen für mich ein landschaftliches Highlight das nächste jagte, ist dieser Umschwung erst einmal gewöhnungsbedürftig. Er lenkt meinen Fokus aber wieder ganz aufs Fahrradfahren, was mir bei Rückenwind, flachem Profil und gutem Vorankommen eine fast schon meditative Abwechslung bietet.
    Die Landschaft wird geprägt von endlosen Zuckerrohrplantagen und Eukalyptusforsten. Diese landwirtschaftlichen Monokulturen bügeln jegliche natürliche Struktur völlig glatt und wenn das Zuckerrohr meterhoch aufragt, fahre ich wie durch einen grünen Tunnel. Rechts und links stehen dicht an dicht die Halme, während mir die Sicht auf die Umgebung fast komplett genommen wird.
    Umso spannender finde ich es, das echte ländliche Leben in den kleinen Dörfern zu beobachten, was für mich einen tollen Kontrast zum Trubel der Metropolen bildet.
    Dazu bringt der Wetterumschwung mit kühleren Temperaturen und feuchtem Nieselregen eine sehr angenehme Erfrischung nach der Hitze der letzten Tage.
    Das einzig wirkliche Erwähnenswerte dieser Etappe ist, dass mich nach über 9.000 Kilometern der erste Platten der Reise ereilt. Den nutze ich gleich als Anlass, um den überfälligen Wechsel der Kette mit zu erledigen.

    Ein deutlich schöneres Erlebnis habe ich an meinem Nachtlager im winzigen Dorf Laopaoshui. Direkt am Flussufer finde ich eine kleine Stufenanlage unter einem großen Baum, der mir Schatten spendet. Erst schauen ein paar Dorfbewohner neugierig beim Angeln vorbei, doch am Abend wird es richtig herzlich. Als ich gerade meinen Campingkocher anwerfen will, tauchen drei Teenager aus dem Dorf auf. Sie sind völlig aufgeregt mich zu treffen, da ich für sie der erste Ausländer überhaupt bin. Nach ein paar gemeinsamen Fotos flitzen sie kurz nach Hause und kommen wenig später mit Mitbringseln zurück. Sie schenken mir Mondkuchen, der in China traditionell rund um das Mondfest und die Goldene Woche als Symbol für Zusammenhalt geteilt wird, sowie selbstgebackenen Kuchen aus Klebreis und braunem Zucker. Wir unterhalten uns ausgiebig über Übersetzung-Apps und sie löchern mich mit Fragen, was diesen Abend zu einer wunderbaren Erinnerung macht.

    Mit der Einfahrt in den Ballungsraum von Nanning ändert sich die Szenerie schlagartig. Der Abschnitt durch den dichten Stadtverkehr zieht sich zwar spürbar hin, verläuft dank der baulich getrennten Spuren für Zweiräder aber gewohnt entspannt.
    In der Metropole am Yong-Fluss leben knapp neun Millionen Einwohner und im modernen Stadtteil Wuxiang nehme ich mir ein Hochhaus-Appartement mit tollem Ausblick auf die Skyline.
    Bevor ich mich auf den Weg Richtung Südostasien mache, nutze ich die Tage hier ausgiebig für die Vorbereitung. Ich verpacke über vier Kilogramm meiner Kaltwetter-Ausrüstung und schicke sie per Post zurück nach Deutschland, während ich mich bei Decathlon mit Regenschutz und einem leichten Sommerschlafsack für das feuchtwarme Klima eindecke.

    Auch hier in Nanning werde ich wieder besonders von der meisterhaften chinesischen Gartenkunst fasziniert. Im belebten Volkspark begeistert mich unter anderem ein artenreicher Seerosenteich, der über Trittsteine und Holzdecks eine direkte Nähe zum Wasser und den Blüten ermöglicht. Mein absolutes Highlight ist jedoch der Qingxiu-Berg, ein gigantischer Landschaftspark, der mit über 13 Quadratkilometern fast viermal so groß ist wie der Große Tiergarten in Berlin. Zwischen üppigen Regenwald-Passagen schlendere ich von einem Themengarten zum nächsten.
    Der Orchideengarten beeindruckt mich mit einer enormen Pflanzenfülle, die zwar manchmal an der Grenze zum Kitsch kratzt, mir aber wunderschöne Fotomotive bietet. Von der hoch aufragenden Longxiang-Pagode genieße ich schließlich einen spektakulären 360-Grad-Blick über den Park, die geschwungenen Flussläufe und das Häusermeer der Stadt.
    Einen rundum gelungenen Abschluss findet meine Zeit in Nanning im Ethnologischen Museum von Guangxi. Das architektonisch an eine traditionelle Bronzetrommel angelehnte Gebäude beherbergt eine eindrucksvolle Ausstellung über die Kultur der Zhuang und weiterer Minderheiten der Region. Neben interaktiven Medien und Eins-zu-Eins-Nachbauten traditioneller Architektur, unter denen ich sogar die Wind- und Regenbrücken der Dong wiedererkenne, fasziniert mich vor allem die riesige Sammlung historischer Bronzetrommeln.
    Abends düse ich mit den günstig geliehenen E-Rollern entspannt zu verschiedenen Nachtmärkten, probiere mich durch lokale Spezialitäten und genieße die lebendige Straßenatmosphäre, bevor für mich bald die letzte Etappe auf chinesischem Boden beginnt.
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