• Die Abtei von Mont-Saint-Michel

    August 11 in France ⋅ ☀️ 20 °C

    Fast hätten wir uns die Abtei gespart. Vor dem Eingang zog sich eine ziemlich lange Schlange den Berg hinauf, und unsere Begeisterung, uns dort anzustellen, hielt sich zunächst in Grenzen. Aber wenn man schon einmal hier oben ist … also doch angestellt. Am Ende waren es vielleicht 20 Minuten – dann doch nicht so schlimm.

    Dann ging es allerdings überraschend schnell. Drinnen direkt die Tickets gekauft, praktisch keine weitere Wartezeit, und schon waren wir in der Abtei. Und spätestens da war klar: Das Warten hatte sich gelohnt.

    Die Abtei sitzt wirklich spektakulär auf der Spitze des Felsens. Der älteste Teil der Anlage geht auf das 10. Jahrhundert zurück, als sich Benediktinermönche auf dem Mont niederließen. Im 11. Jahrhundert begann der Bau der großen romanischen Abteikirche. Das Verrückte dabei: Auf dem Gipfel gab es überhaupt nicht genügend Platz für eine Kirche dieser Größe. Also wurden zunächst gewaltige Krypten und Unterbauten errichtet, die den eigentlichen Felsen künstlich erweiterten. Darauf setzte man dann die Kirche. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde immer weiter angebaut, sodass heute romanische und gotische Architektur übereinander und nebeneinander zu sehen sind.

    Besonders berühmt ist der gotische Klosterkomplex „La Merveille“ – das Wunder – aus dem 13. Jahrhundert. Und der Name passt tatsächlich. Höhepunkt ist der Kreuzgang ganz oben auf dem Felsen. Die filigranten Säulen, die offenen Bögen und dazwischen immer wieder der Blick über die riesige Bucht – schon ziemlich spektakulär. Direkt darunter befinden sich unter anderem das Refektorium der Mönche und weitere große Säle. Man merkt erst beim Rundgang, wie unglaublich verschachtelt dieses ganze Bauwerk ist.

    Auch die Aussicht von hier oben war genial. Weit über die flache Bucht, die Salzwiesen und das Watt bis zum Festland. Von unten sieht Mont-Saint-Michel schon beeindruckend aus, aber von ganz oben versteht man erst richtig, wie isoliert dieser Felsen früher bei Flut gewesen sein muss.

    Die große Abteikirche selbst war bei unserem Besuch teilweise ganz anders inszeniert, als wir erwartet hatten. Statt ausschließlich klassischer Kirchenatmosphäre gab es Kunstinstallationen und Lichtspiele, die den riesigen, schlichten Raum noch einmal ganz anders wirken ließen. Gerade der Kontrast zwischen fast tausend Jahre alten Mauern und moderner Kunst hatte etwas.

    Eine der spannendsten Entdeckungen kam später: das gewaltige hölzerne Tretrad, das fast wie ein überdimensionales Hamsterrad aussieht. Es stammt aus der Zeit, als Mont-Saint-Michel nach der Französischen Revolution nicht mehr als Kloster, sondern als Gefängnis genutzt wurde. Gefangene liefen im Inneren des Rades und trieben damit eine Winde an. Über eine schräg am Felsen verlaufende Rampe wurden auf einem Lastenschlitten Lebensmittel, Baumaterial und andere schwere Güter vom unteren Bereich bis weit nach oben gezogen. Das Rad ist mehrere Meter hoch und zeigt ziemlich anschaulich, welches logistische Problem dieser Berg schon immer hatte: Alles, was oben gebraucht wurde, musste irgendwie dort hinauf.

    Die Nutzung der Anlage hat sich überhaupt mehrfach komplett verändert. Jahrhundertelang war Mont-Saint-Michel eines der bedeutenden religiösen Zentren und Pilgerziele Frankreichs. Während des Hundertjährigen Krieges wurde der Berg zusätzlich zur Festung und widerstand den englischen Angriffen. Nach der Französischen Revolution wurden die Mönche vertrieben und die Abtei 1793 in ein Gefängnis umgewandelt. Zeitweise saßen hier mehrere Hundert Gefangene, darunter auch politische Häftlinge.

    1863 wurde das Gefängnis schließlich geschlossen. Wenige Jahre später begann die systematische Restaurierung, und 1874 wurde die Abtei als historisches Monument unter Schutz gestellt. Seit 1979 gehören Mont-Saint-Michel und seine Bucht zum UNESCO-Welterbe. Seit 2001 lebt mit den „Fraternités Monastiques de Jérusalem“ sogar wieder eine kleine religiöse Gemeinschaft auf dem Mont.

    Geniales Gebäude!
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