• Rouen

    August 12 in France ⋅ ☀️ 30 °C

    Meine Sammelwut nach Starbucks-Tassen hat uns heute nach Rouen geführt. Eigentlich nur deshalb. Ich hatte gesehen, dass es hier einen Starbucks mit einer Tasse gibt – von Rouen selbst hatte ich vorher ehrlich gesagt noch nie wirklich etwas gehört.

    Schon auf der Karte sah die Lage interessant aus. Rouen liegt mitten im Tal der Seine, die hier in großen Schleifen durch die Landschaft zieht. Als wir näher kamen, wurde es richtig spektakulär: Auf einer Seite der Seine tauchten diese fast weißen Kalksteinfelsen auf, die steil aus dem grünen Tal herausragen, dazwischen der breite Fluss und dann plötzlich eine ziemlich große Stadt. Das hatten wir so überhaupt nicht erwartet.

    Direkt an der Seine haben wir einen Parkplatz gefunden und sind zu Fuß in die Innenstadt gelaufen. Und da kam eigentlich schon die nächste Überraschung: Rouen ist richtig schön.

    Über allem steht natürlich die Kathedrale Notre-Dame. Und die ist wirklich gewaltig. Der Bau der heutigen gotischen Kathedrale begann Mitte des 12. Jahrhunderts auf den Resten eines romanischen Vorgängerbaus. Rund hundert Jahre später war der wesentliche Bau fertig, danach wurde aber über Jahrhunderte immer wieder erweitert, verändert und ergänzt. Deshalb kann man an der Fassade praktisch die Entwicklung der Gotik vom 12. bis zum frühen 16. Jahrhundert ablesen.

    Besonders verrückt ist der große Vierungsturm. Seine gusseiserne Spitze wurde erst im 19. Jahrhundert aufgesetzt und reicht bis auf 151 Meter Höhe. Damit war die Kathedrale von Rouen Ende des 19. Jahrhunderts sogar für einige Jahre das höchste Gebäude der Welt. Auch die sogenannte Tour de Beurre, der „Butterturm“, fällt sofort auf. Der Name geht der Überlieferung nach darauf zurück, dass ein Teil des Baus mit Geldern finanziert wurde, die Gläubige dafür zahlten, während der Fastenzeit Butter essen zu dürfen.

    Wir sind natürlich auch hineingegangen und haben uns eine ganze Weile Zeit genommen. Innen wirkt die Kathedrale noch einmal ganz anders: riesige Pfeiler, hohe Gewölbe, viel Licht durch die alten Fenster und trotzdem diese ruhige, fast etwas mystische Stimmung.

    Und hier liegt richtig viel europäische Geschichte begraben. Unter anderem befindet sich hier das Grab von Rollo, dem Wikingerführer und Begründer des Herzogtums Normandie. Auch Richard Löwenherz ist mit Rouen verbunden. Sein Körper wurde zwar anderswo bestattet, sein Herz ließ man aber in Rouen beisetzen. In der Kathedrale kann man außerdem die Entwicklung der Glasmalerei vom 13. Jahrhundert bis in die Neuzeit verfolgen.

    Weltberühmt wurde die Kathedrale schließlich noch einmal durch Claude Monet. In den 1890er-Jahren malte er sie ungefähr 30-mal – immer wieder dieselbe Fassade, aber zu unterschiedlichen Tageszeiten, bei anderem Wetter und anderem Licht. Ihm ging es weniger um die Kathedrale selbst als darum, wie sich Licht und Farbe ständig verändern. Heute gehört diese Serie zu den bekanntesten Werken des Impressionismus.

    Aber Rouen ist natürlich viel älter als seine Kathedrale. Schon die Römer hatten hier mit Rotomagus eine bedeutende Stadt. Später kamen die Wikinger die Seine hinauf. Im Jahr 911 erhielt Rollo vom französischen König das Gebiet um Rouen – daraus entwickelte sich das Herzogtum Normandie. Rouen wurde dessen Hauptstadt und eines der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Zentren des mittelalterlichen Frankreichs.

    Nach der normannischen Eroberung Englands 1066 lag Rouen plötzlich mitten in einem Machtgebiet, das sich über beide Seiten des Ärmelkanals erstreckte. Handel und Wohlstand nahmen enorm zu. Im Mittelalter war Rouen zeitweise eine der größten und reichsten Städte Frankreichs.

    Und dann natürlich Jeanne d’Arc. Während des Hundertjährigen Krieges war Rouen von den Engländern besetzt. Jeanne d’Arc wurde hier gefangen gehalten, vor ein Kirchengericht gestellt und am 30. Mai 1431 auf dem Place du Vieux-Marché als Ketzerin verbrannt. Sie war gerade einmal 19 Jahre alt. Nur wenige Jahrzehnte später wurde das Urteil aufgehoben, und heute ist Jeanne d’Arc französische Nationalheldin und Heilige. Ihre Geschichte begegnet einem in Rouen praktisch überall.

    Beim Schlendern durch die Innenstadt merkt man aber auch, wie reich Rouen später gewesen sein muss. Überall stehen alte Fachwerkhäuser, teilweise mehrere hundert Jahre alt, dazwischen gotische Kirchen und enge Gassen. Rouen besitzt noch heute eine außergewöhnlich große Zahl historischer Fachwerkhäuser. Dazu kommt der berühmte Gros-Horloge, die große astronomische Uhr aus dem späten Mittelalter beziehungsweise der Renaissance, die über einer der wichtigsten Fußgängerstraßen hängt.

    Dabei hatte Rouen im Zweiten Weltkrieg schwer gelitten. Vor allem 1944 wurden große Teile der Stadt durch alliierte Bombenangriffe zerstört. Auch die Kathedrale wurde mehrfach getroffen und schwer beschädigt. Dass heute trotzdem noch so viel historische Bausubstanz erhalten oder wiederhergestellt ist, macht die Innenstadt umso beeindruckender.

    Und dann kam der eigentliche Grund unseres Besuchs: Starbucks.

    Reingegangen, nach der Rouen-Tasse geschaut – und plötzlich standen da Tassen aus der ganzen Region. Nicht eine, sondern eine ganze Auswahl. Das war natürlich gefährlich.

    Am Ende sind wir mit acht neuen Tassen wieder herausgekommen.

    Acht!

    Damit ist die Frankreich-Sammlung inzwischen tatsächlich fast vollständig. Manchmal muss Sammelwut eben auch für etwas gut sein. Ohne die Starbucks-Tasse wären wir wahrscheinlich einfach an Rouen vorbeigefahren und hätten eine der schönsten Überraschungen unserer Reise verpasst.

    Dass Rouen so groß und bedeutend ist, hatten wir ebenfalls überhaupt nicht auf dem Schirm. Die Stadt selbst hat knapp 118.000 Einwohner, aber das täuscht gewaltig. Das zusammenhängende Stadtgebiet kommt auf rund 480.000 Menschen, die Métropole Rouen Normandie auf gut eine halbe Million.

    Der Grund für die Bedeutung liegt wieder einmal an der Seine. Obwohl Rouen ungefähr 120 Kilometer vom Meer entfernt liegt, können große Seeschiffe den Fluss bis hierher befahren. Dadurch ist Rouen seit Jahrhunderten Hafen-, Handels- und Industriestadt und bildet heute gemeinsam mit Le Havre und Paris den großen Hafenverbund entlang der Seine.

    Besonders beeindruckend: Rouen ist heute der wichtigste Getreideexporthafen Westeuropas. In der Getreidesaison 2025/26 wurden über die Terminals von Rouen rund 8,4 Millionen Tonnen Getreide verschifft – mehr als die Hälfte der gesamten französischen Getreideexporte auf dem Seeweg. Das erklärt im Nachhinein auch die riesigen Agrarflächen und Getreidefelder, durch die wir in den vergangenen Tagen immer wieder gefahren sind. Ein erheblicher Teil dieser Ernten gelangt über die Seine und Rouen in die Welt.

    Daneben ist die Region traditionell stark in Logistik, Chemie, Energie, Lebensmittelindustrie und weiteren Industriezweigen. Die eigentliche Innenstadt ist heute dagegen vor allem Verwaltungs-, Handels-, Hochschul-, Gesundheits- und Dienstleistungszentrum. Allein innerhalb Rouens gibt es rund 90.000 Arbeitsplätze – erstaunlich viel für eine Stadt mit nur knapp 118.000 Einwohnern. Rouen zieht also jeden Tag sehr viele Menschen aus der gesamten Metropolregion zum Arbeiten, Einkaufen und Studieren an.

    Und offenbar zieht die Stadt inzwischen auch wieder Menschen zum Wohnen an: Zwischen 2017 und 2023 ist die Einwohnerzahl Rouens im Durchschnitt um gut ein Prozent pro Jahr gewachsen. Für eine alte französische Industriestadt ist das durchaus bemerkenswert.

    Wir sind anschließend einfach noch ein bisschen durch die Fußgängerzone geschlendert, vorbei an den alten Fachwerkhäusern, Kirchen, kleinen Plätzen und Geschäften. Eigentlich hatten wir überhaupt keine Zeit für Rouen eingeplant – und genau das war am Ende schade.
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