Tag 6 - Iverness
August 6 in Scotland ⋅ ☁️ 11 °C
Der Tag begann endlich mit einem lang ersehnten schottischen Frühstück in unserem Hotel. Aber irgendwie fehlten die obligatorischen Baked Beans und Steve war ein kleines bisschen enttäuscht, dass es keine Black Pudding, also schottische Blutwurst, gab. Bevor wir uns endgültig der Whiskyregion Speyside widmeten, machten wir noch einen Pflichtstopp im Walker’s Shortbread Factory Shop. Nach unserer ersten Begegnung mit den berühmten Butterkeksen war ohnehin klar, dass wir nicht ohne Vorrat nach Hause fahren würden. Also deckten wir uns großzügig ein. Ob wirklich alle Packungen Deutschland erreichen, können wir allerdings nicht garantieren. Nur wenige Minuten später hielten wir bei der Speyside Cooperage, einer Fassbinderei, in der Whiskyfässer gebaut und repariert werden. Eine Führung hatten wir zwar nicht gebucht, trotzdem war schon der Blick von außen beeindruckend. Überall stapelten sich Fässer, soweit das Auge reichte. Erst hier wurde uns richtig bewusst, welche riesige Rolle die Fässer für den Whisky spielen. Schließlich reift der Whisky über Jahre oder sogar Jahrzehnte darin und ein großer Teil seines Geschmacks entsteht überhaupt erst durch das Holz.
Und dann startete unser Whisky-Tag mit dem ersten Stopp: Strathisla Distillery. Schon beim Betreten des Geländes hatten wir das Gefühl, in eine andere Zeit einzutauchen. Strathisla ist die älteste durchgehend produzierende Brennerei der Speyside und produziert seit über 240 Jahren Whisky. Die historischen Gebäude sind wunderschön erhalten und verleihen der gesamten Anlage unglaublich viel Charme. Besonders spannend fanden wir, dass hier vieles noch so funktioniert wie früher. Statt die Produktion möglichst effizient an moderne Gebäude anzupassen, wurde die Technik den historischen Gebäuden untergeordnet. Praktisch ist das nicht immer, dafür unglaublich authentisch. Rund 2,4 Millionen Liter Whisky entstehen hier jedes Jahr. Außerdem erfuhren wir, wie nachhaltig in der Whiskyproduktion gearbeitet wird. Eigentlich wird fast alles mehrfach genutzt oder weiterverarbeitet. Besonders faszinierend war auch das Lagerhaus. Dort lagern unzählige Fässer übereinandergestapelt. Auch die Produktion selbst hielt einige kuriose Geschichten bereit. So ging beispielsweise der Hersteller der alten Mühle irgendwann insolvent, schlicht weil die Maschinen so hochwertig gebaut waren, dass kaum Ersatz benötigt wurde. Außerdem gab es wohl früher keinen sogenannten De-Stoner, der kleine Steine aus dem Malz entfernt. Nach einer Explosion wurde dieser dann doch angeschafft. Man lernt wirklich nie aus. Zum Abschluss durften wir vier verschiedene Whiskys probieren. Überraschenderweise schmeckten uns tatsächlich alle. Und obwohl die Versuchung groß war, blieb ich diesmal stark. Ja, wirklich. Ich habe keinen Whisky gekauft. Ich bin selbst ein bisschen stolz auf mich. Als Nächstes schauten wir noch bei Glenfiddich vorbei. Eine spontane Führung war, wenig überraschend, nicht möglich. Damit hatten wir allerdings schon gerechnet. Also spazierten wir einfach ein wenig über das Gelände. Im Vergleich zu Strathisla wirkt Glenfiddich deutlich moderner und kommerzieller. Danach versuchten wir unser Glück noch bei Glenfarclas. Auch dort waren eigentlich alle Führungen ausgebucht. Trotzdem fragten wir einfach freundlich nach. Und manchmal lohnt sich das eben. Glenfarclas wird bis heute von derselben Familie geführt und gehört zu den wenigen großen unabhängigen Destillerien Schottlands. Genau das spürt man auch. Die Atmosphäre war unglaublich familiär und gleichzeitig wirkte die Produktion deutlich industrieller als bei Strathisla. Besonders beeindruckend waren die riesigen Washbacks mit einem Fassungsvermögen von rund 44.000 Litern. Fast der gesamte Whisky reift hier in ehemaligen Sherryfässern, rund 99 Prozent. Das verleiht den Whiskys ihren typisch fruchtigen und kräftigen Charakter. Auch das Warehouse durften wir besichtigen. Interessanterweise roch es dort völlig anders als am Vormittag. Während das Lager bei Strathisla angenehm nach Holz duftete, erinnerte uns der Geruch hier erstaunlich stark an Blauschimmelkäse. Warum genau, konnten wir uns nicht erklären. Das älteste Fass im Lager stammt übrigens aus dem Jahr 1953. Würde dieser Whisky heute abgefüllt werden, könnte eine einzelne Flasche rund 20.000 Euro kosten. Und das nicht, weil er so gut schmeckt, sondern weil er einfach so limitiert ist. Verrückt.
Genau solche Vergleiche machten den Tag für uns so spannend. Obwohl beide Brennereien Single Malt Whisky herstellen und nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Jede hat ihren ganz eigenen Charakter und genau das macht die Whiskywelt irgendwie so faszinierend. Wir freuen uns auf mehr!
Am Abend erreichten wir schließlich Inverness. Ehrlicherweise hatten wir vorher gar nicht so große Erwartungen. Mit knapp 80.000 Einwohnern wirkt die Stadt auf dem Papier eher überschaubar. Tatsächlich überraschte sie uns aber komplett. Direkt am Fluss herrschte eine unglaublich lebendige Atmosphäre. Überall saßen Menschen in den Pubs, aus fast jeder Tür erklang Livemusik und die Promenade war voller Leben. Zum Abendessen gingen wir in eine Pizzeria, die uns ein Mitarbeiter bei Glenfiddich empfohlen hatte. Eine richtig gute Empfehlung. Das Essen war hervorragend und die Atmosphäre genauso gemütlich wie versprochen. Anschließend schlenderten wir noch ein wenig durch die Stadt, warfen einen kurzen Blick auf das Inverness Castle und besichtigten die Kathedrale von außen. Gefühlt läuteten die Glocken alle zwanzig Minuten und zwar so schrecklich, dass sich diese Erinnerung langfristig einprägen wird.Read more



























