• E1-61-D- Hasemannhütte (6km)

    11 октября 2016 г., Германия ⋅ ⛅ 9 °C

    Dem Ziel entgegen (1)

    Vier Wochen später stehe ich wieder am Bahnhof von Hausach und wuchte Kumpel aus dem Zug. Der Rucksack hat im Vergleich zur letzten Tour ordentlich zugelegt, denn Zelt, Schlafsack, Isomatte, Lebensmittel für mehrere Tage und zusätzliche elektronische Geräte bringen vier Kilo zusätzlich auf die Waage.
    Eigentlich sollte für dieses Jahr Schluss sein mit dem Wandern. Doch das Wetter war im September noch so schön und stachelte meine Wanderleidenschaft ein weiteres Mal an. Schließlich sind es nur noch zweihundertfünfzig Kilometern bis zum Bodensee und ich hoffe, am Ende dieser Tour mein Wanderziel - den Bodensee - zu erreichen.
    Damit es geschafft ist und ich frei bin für neue Wege.
    Das heutige Ziel ist dagegen bescheiden. Ich will nur den Farrenkopf hinauf. Auf seinem Gipfel steht eine Hütte, in der ich für heute Nacht Schutz suchen möchte. Das allerdings stellt für mich eine besondere Herausforderung dar, denn es wird meine erste Übernachtung in einer Schutzhütte sein.
    Als ich noch einmal am Hotel Eiche vorbei schreite, flüstert mir mein fieser innerer Schweinehund zu:
    "Nimm dir doch ein Zimmer, denn da oben wird es bitterkalt sein."
    "Kommt nicht in Frage", erwidere ich entschlossen. "Es wird schon nicht so schlimm werden". Doch ganz sicher bin ich mir nicht.
    Die erste Wegmarke des Westweges weist nach Süden, den Berg hinauf. Bald komme ich an der Ruine Husen vorbei. Ein kurzer Blick zurück auf Hausach, dann richten sich meine Schritte weiter gen Gipfel. Ab hier wird es richtig steil.
    Auf halber Strecke liegt die Hasenecklehütte, doch sie bietet zu wenig Schutz für eine Übernachtung. Weiter geht es durch den Herbstwald, bunte Blätter rascheln lustig unter meinen Schritten. Ich mag dieses knisternde Geräusch und es lenkt von der Mühsal des beschwerlichen Aufstiegs ab.
    Ein kleiner Wegweiser führt zu dem Brunnen, der unterhalb der nächsten Schutzhütte liegt. Ich hatte schon ungeduldig Ausschau gehalten, denn Wasser brauche ich noch für die Abendmahlzeit, den Tee und meine Katzenwäsche. Er liegt wohl hundert Meter unterhalb des Weges und eigentlich ist der Brunnen lediglich ein Kunststoffrohr, das aus dem Hang ragt und sein Wasser nur tröpfelnd abgibt. Geduldig muss ich warten, bis die Wasserflasche gefüllt ist, gebe am Ende noch eine Tablette zur Aufbereitung hinzu, damit Chlor und Silberionen eventuelle Keime abtöten. Vermutlich ist diese Vorsicht hier oben gar nicht nötig. Aber Vorsicht ist besser als Magenkrämpfe.
    Es dämmert, als ich die Hasemann-Hütte auf dem Gipfel des Farrenkopf erreiche. Was mache ich, wenn die Hütte verschossen ist? Zaghaft drücke ich an der Tür. Sie ist offen und hinter ihr liegt ein großer Raum, dessen Ende wegen des kargen Lichts, das durch zwei sehr kleine Fenster dringt, kaum auszumachen ist. Ich trete ein und gewöhne meine Augen an die Dunkelheit. Nach einer Weile kann ich eine feste Treppe ausmachen, die nach oben führt. Dort werde ich wohl mein Nachtlager aufschlagen können.
    Hier werde ich es eine Nacht aushalten. Es scheint ein guter Zufluchtsort zu sein. Glück gehabt! Ich werfe Kumpel auf die lange Bank und bin froh, seine schwere Last los zu sein. Auf dem großen Tisch steht ein Kerzenstumpf, den andere Wanderer vermutlich zurück gelassen haben. Licht zu haben, wäre jetzt wichtig, denn bald wird es vollständig dunkel sein. Ich suche mein Feuerzeug in den Tiefen meines Rucksack, muss lange graben. Dann endlich verbreitet ein goldener Schein wärmenden Glanz in meine bescheidene Unterkunft.
    Von draußen dringt Gemurmel herein und plötzlich wird die Tür aufgestoßen. Ein Mann steht im Türrahmen, den er vollständig ausfüllt. Ich bekomme einen riesigen Schreck, aber auch er steht wie angewurzelt da und schaut mich aus großen Augen an.
    "Wollen Sie etwa hier übernachten?", fragt er schließlich. Neugier liegt in seiner Stimme.
    "Ja, ... sicher", erwidere ich zaghaft und merke in diesem Augenblick, dass ich mir gar nicht sicher bin. Weitere Gestalten drängen in die Hütte - meine Hütte. Auch ihre Augen sind groß, als sie mich sehen. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Am deutlichsten erinnere ich diesen: Hoffentlich bleiben sie nicht. Ich hätte die Hütte jetzt lieber für mich alleine.
    "Na, da passen Sie mal gut auf sich auf. Wir müssen weiter, denn gleich wird's dunkel und wir wollen noch runter ins Tal nach Hausach."
    Ich bin erleichtert.
    Ich lehne an der Hüttentür, während die Leute ihre Mountain-Bikes besteigen und geschwind' den Berg hinab sausen. Schnell sind sie verschwunden und ich wieder alleine. Lange noch lehne ich im Türrahmen und lausche in die Stille hinein, die mich umgibt. Doch auch hier oben hört man die Geräusche der Stadt noch, die aus dem Tal herauf bis zum Gipfel tönen. Ich frage mich, ob es in Deutschland überhaupt Orte völliger Stille gibt, wenn es nicht einmal hier völlig ruhig ist.
    In der Zwischenzeit ist es vollständig dunkel geworden und überraschend überkommt mich ein schreckliches Gefühl des Alleinseins. Mir wird kalt und ich weiche zurück in die Hütte, suche dort Schutz, ziehe die Tür hinter mir zu, so fest es nur geht. Ich bin froh über das bisschen Kerzenschein, das drinnen etwas Licht und ein wenig Wärme spendet.
    Auspacken, unterm Dach den Schlafplatz richten, die Trockenmahlzeit zubereiten, Tee kochen. Das muss ich jetzt machen. Und etwas Warmes essen und trinken. Erst als die Geschäftigkeit nachlässt, spüre ich wieder die Kälte, die allmählich meine Beine hochkriecht. Und das Alleine sein.
    Es ist erst zwanzig Uhr. Was jetzt machen, was tun? Es gibt nichts. Außerdem ist es kalt. Ich beschließe, schlafen zu gehen, auch wenn ich noch nicht müde bin. Der Dachboden ist groß, leer und ungemütlich. In der Raummitte habe ich mein Lager ausgebreitet. Umhüllt von warmer Merinounterwäsche husche ich in den Daunenschlafsack, der auf der isolierenden Luftmatratze liegt, die auch mit Daunen gefüllt ist. Bald ist mir nicht mehr kalt. Aber kuschelig wird es nicht.
    Ich schließe die Augen und versuche an nichts zu denken, will einschlafen. Doch das gelingt mir nicht. Unbekanntes, das ich nicht einordnen kann, dringt an mein Ohr. Geräusche werden in meinem Gehirn zu unheimlichen Kobolden, die in meiner Fantasie draußen um die Hütte tanzen. Die Tür ist nur angelehnt, wird mir bewusst. Was wäre, wenn sie reinkommen? Ich versuche wieder und wieder, an nichts zu denken. Doch der Grusel bleibt.
    Bis ich irgendwann doch einschlafen sein muss.
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