• Von Riga nach Tallinn

    May 19 in Latvia ⋅ ☁️ 17 °C

    Der Tag beginnt mit einem Labrīt (Guten Morgen) in Riga, gefolgt von einem echten Schienen-Marathon: Knappe sieben Stunden Zugfahrt stehen an, um von Lettland nach Estland zu reisen. Nach Tagen des Pflastertretens tut es aber verdammt gut, einfach stundenlang aus dem Fenster zu schauen.

    ​Die Route führt von Riga gemütlich Richtung Nordosten über Sigulda (das Wintersport-Tor zum Gauja-Nationalpark), Cēsis und Valmiera direkt auf die estnische Grenze zu. Draußen zieht die klassische baltische Kulisse vorbei: unendliche Wälder, weite Felder und ganz viel unberührte Gegend. Unterwegs teile ich mir das Abteil mit einem sympathischen Ehepaar aus Australien. Bei sieben Stunden Fahrt hat man genug Zeit zum Quatschen – vor allem über das Reisen und die Tatsache, dass man in Australien wegen der gigantischen Distanzen dann doch eher das Flugzeug nimmt.

    ​In Cēsis wird die Idylle plötzlich unterbrochen: Ein längerer Halt von 50 Minuten zwingt alle Passagiere aus dem Zug. Fast zeitgleich schrumpfen die Pupillen, als auf den Smartphones lautstark die staatlichen Warnmeldungen losgehen. Ob Drohnenalarm, Militärübung oder irgendetwas dazwischen – so richtig weiß im Zug niemand Bescheid. Eine lettische Mitreisende meint nur trocken: „Der Ort ist verflucht, hier ist irgendwie immer was.“ Immerhin: Dank der lettischen Warn-App der Einheimischen wird sofort übersichtlich angezeigt, wo sich die nächsten Bunker befinden und wie man sich bei einem Raketenangriff verhalten soll. Das schöne, alte Bahnhofsgebäude hätte im Ernstfall wohl ohnehin nur bedingt Schutz geboten. Man merkt an solchen Momenten eben doch sehr direkt, wie nah man hier der geopolitischen Bruchlinie und der Grenze zu Russland ist. Lettland nimmt seine Verteidigung und den Zivilschutz – inklusive moderner Raketenabwehrsysteme – verständlicherweise extrem ernst.
    ​Am Ende geht alles gut aus, der Zug rollt weiter und der Puls beruhigt sich wieder. Nächster Halt: Estland!
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