• Kiek in de Kök & die Bastionsgänge

    May 21 in Estonia ⋅ ☁️ 14 °C

    Nach den schrägen Pillen der Ratsapotheke ging es heute direkt zum nächsten geschichtsträchtigen Giganten der Altstadt: dem Kiek in de Kök. Der Name ist plattdeutsch und bedeutet so viel wie „Guck in die Küche“ – weil die Soldaten von dem fetten, 38 Meter hohen Kanonenturm früher sprichwörtlich durch die Schornsteine direkt in die Töpfe der Bürgerhäuser schauen konnten. 👁️🍳

    Heute versteckt sich hinter den meterdicken Mauern Erlebnismuseum. In den oberen Stockwerken steht man mitten in einer imposanten Waffenschau: Riesige Kanonen, zentnerschwere Steinkugeln und Rüstungen zeigen hautnah, wie Tallinn sich über die Jahrhunderte verteidigt hat. Der Aufstieg über die steilen Wendeltreppen lohnt sich aber allein schon für den grandiosen Rundumblick aus den Schießscharten über die gesamte Altstadt.

    Das eigentliche Highlight und absolut sehenswert wartete jedoch tief unter der Erde: die mysteriösen Bastionsgänge (Bastionikäigud). Dieses unterirdische Tunnelsystem wurde im 17. Jahrhundert von den Schweden gebaut, um Soldaten und Munition im Falle eines Angriffs unbemerkt zu verlagern. Man schnappt sich eine Jacke (denn hier unten herrschen konstant frische 7 bis 10 Grad! aber draußen regnet es eh schon wieder - also hab ich auch ne Jacke mit) und steigt hinab in eine völlig andere Welt. Die Gänge wurden über die Jahrhunderte immer wieder neu genutzt:

    Während des Zweiten Weltkriegs und im Kalten Krieg wurden die alten Gänge zu modernen Luftschutzbunkern umgebaut. Man läuft vorbei an originalen dicken Stahltüren, alten Funkstationen, Gasmasken-Vitrinen und Belüftungsanlagen. Es ist extrem beklemmend zu sehen, wie sich die Stadt hier unten auf einen atomaren Ernstfall vorbereitet hat (Achso der Bunker war natürlich nicht für die normale Bevölkerung).

    Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1980er- und 90er-Jahren holte sich die Tallinner Jugend die verlassenen Tunnel zurück. Die Gänge wurden zur geheimen Party-Location und zum Zufluchtsort für die lokale Punk- und Underground-Szene.
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