Google Maps hat mich aufgegeben
May 6 in Malawi ⋅ ☀️ 25 °C
Heute habe ich beschlossen, einen kleinen Ausflug ganz alleine und ohne Sascha zu unternehmen. Ausgestattet mit großer Vorfreude, endlich ein paar traditionelle malawische Dörfer zu sehen – und leider völlig verdrängt, dass das Hinterland hier vielleicht doch nicht ganz mit einem Sonntagsausflug durch die Eifel vergleichbar ist. Es geht also los. Google Maps verabschiedet sich bereits nach wenigen Kilometern, aber das Problem erledigt sich ohnehin schnell von selbst, denn Empfang gibt es kurz darauf sowieso nicht mehr. Die angeblich „durchgehend asphaltierte Straße“ verwandelt sich langsam aber sicher in etwas, das eher an einen ambitionierten Ziegenpfad erinnert. Da ich inzwischen keinerlei Ahnung mehr habe, welchen Weg ich überhaupt nehmen muss, verfahre ich mich natürlich immer weiter. Dann komme ich an eine steile Stelle, bei der selbst ein 4x4-Jeep vermutlich kurz überlegen würde, ob er heute wirklich arbeiten möchte. Trotz meiner in den letzten zwei Stunden zwangsweise erworbenen Offroad-Skills – gut, vielleicht auch leicht gestützt auf frühere Reisen – ist mir klar: Das wird nix. Das Problem: Zurück geht leider auch nicht. Den Berg rückwärts hochzufahren wäre ein Himmelfahrtskommando und den Wagen auf diesem Weg zu drehen vermutlich mein letzter offizieller Programmpunkt in Malawi. Also fahre ich hochkonzentriert weiter bergab. Und dann passiert natürlich exakt das, was passieren musste: Ich bleibe stecken. Die ausgewaschenen Furchen im Lehmweg sind so tief, dass die Vorderräder komplett darin verschwinden, während die Hinterräder dekorativ in der Luft hängen. Perfekt. Vorsichtig steige ich aus, betrachte meine Misere mitten im absoluten Nirgendwo – keine Häuser, keine Menschen, nicht mal eine Ziege – setze mich neben den geschundenen Mietwagen und versuche, ein paar verzweifelte Tränen diskret wegzudrücken. Es hilft ja nichts. Ich kann jetzt entweder neben meinem Auto sitzen und bei 35 Grad langsam einen Hitzeschlag entwickeln oder kontrolliert verdursten. Ich entscheide mich daher für Option drei: Rucksack mit Wasser vollpacken und einfach loslaufen, bis irgendwo wieder menschliches Leben auftaucht. Und tatsächlich: Nach vielleicht zwanzig Minuten entdecke ich einen Bauern auf einem Feld, der Mais mit einer Machete bearbeitet. Ich laufe direkt zu ihm, zupfe ihn am Ärmel und bitte ihn inständig mitzukommen. Trotz komplett fehlender gemeinsamer Sprache versteht er sofort, dass ich ein ernsthaftes Problem habe. Er folgt mir tatsächlich zurück zum Auto, betrachtet den halb kopfüber im Lehm hängenden Mietwagen, nickt kurz, zeigt mir, dass ich warten soll, und verschwindet wieder. Und seltsamerweise bin ich mir in diesem Moment völlig sicher, dass er zurückkommen wird. Eine Weile später taucht er tatsächlich wieder auf – mit Verstärkung: ein weiterer ziemlich verschmutzter Bauer. Bewaffnet mit einer Schaufel. Und plötzlich hatte ich mehr Hoffnung als ein deutscher ADAC-Mitgliedsausweis jemals ausstrahlen könnte.
Die beiden schauen sich die Situation kurz an, wechseln ein paar Worte, die vermutlich entweder „kein Problem“ oder „dieser Idiot“ bedeutet haben könnten, und legen einfach los. Mit der Schaufel wird Erde bewegt, Steine werden unter die Reifen geschoben und ich stehe daneben wie ein Praktikant ohne Aufgabe.
Und plötzlich: Bewegung.
Völlig verschwitzt steige ich ins Auto und bedanke mich ungefähr zwanzigmal in drei Sprachen, von denen keine wirklich hilfreich ist. Die Männer lachen nur, klopfen mir auf die Schulter und wirken insgesamt deutlich entspannter als ich.
Während ich noch versuche, meine Würde wieder einzusammeln, wird mir langsam klar: In Deutschland hätte ich jetzt wahrscheinlich drei Stunden auf den ADAC gewartet, fünf Formulare unterschrieben und eine Diskussion über Versicherungsbedingungen geführt. In Malawi reichen offenbar zwei Bauern, eine Schaufel und kollektiver Optimismus. Ich kann meinen Offroad-Trip ins Nirgendwo also fortsetzen.
Nach einer weiteren Stunde voller Verzweiflung, fragwürdiger Wegentscheidungen und ständig wachsender Zweifel an meinem Überlebensinstinkt wird mir endgültig klar: Ohne Navigation werde ich diese Berge niemals wieder verlassen. Ich bin inzwischen irgendwo zwischen Abenteuerreise und humanitärer Suchmeldung angekommen.
Dann sehe ich plötzlich Licht am Horizont. Oder besser gesagt: ein Dorf.
Ich fahre direkt hin und suche mir den nächstbesten Maisbauern heraus. Dieses Mal ist es allerdings deutlich schwieriger, ohne gemeinsame Sprache zu erklären, dass er jetzt bitte in mein Auto steigen und so lange mitfahren soll, bis ich wieder eine asphaltierte Hauptstraße erreiche und Google Maps beschließt, mich erneut in die Zivilisation aufzunehmen.
Aber die Bauern hier sind offenbar deutlich zuverlässiger als jede Navigations-App. Tatsächlich steigt einer von ihnen einfach ein und eskortiert mich seelenruhig durch dieses komplette Ziegenwegewirrwarr zurück Richtung Hauptstraße.
Und dann passiert es tatsächlich: Asphalt. Empfang. Google Maps lebt wieder.
Ich bin gerettet. Kaum zu glauben. Dieses Mal könnte ich wirklich vor Erleichterung weinen.
Ich fahre zurück zu meiner Unterkunft, steige aus, schaue mein komplett zerstörtes Nervenkostüm an und beschließe, ab sofort keine Ausflüge mehr alleine zu machen. Zumindest nicht in Malawi. Vielleicht auch generell nicht mehr irgendwo, wo Straßen nur ein unverbindlicher Vorschlag sind.Read more
