Malawi- Authentisches Afrika
May 3 in Malawi ⋅ 🌙 22 °C
Willkommen in Afrika – genauer gesagt: Malawi! Ich sitze gerade sehr stilecht auf einer von Mauern umzingelten Veranda mitten in der Hauptstadt. Ohne Strom. Ohne trinkbares Wasser. Dafür mit maximaler Abenteuerromantik und leichtem Dehydrierungs-Flair.
Flaschenwasser? Ausverkauft. Strom? Kommt bestimmt gleich wieder. Also irgendwann.
Und als wäre das nicht schon genug Komfortverzicht für einen Tag, geht es direkt weiter mit dem Sprit. Den gibt es hier eher sporadisch – aber wenn es welchen gibt, sollte man dringend so viel tanken wie möglich, oder eben das, was noch übrig ist. Unser Busfahrer hat sich über den einen Liter Benzin, den er ergattern konnte, trotz des Preises sichtlich gefreut. Man wird bescheiden.
Der Spritmangel macht derweil munter weiter. Wir überlegen nun, ob wir ein Auto mieten sollen, um dann für 3,27 € pro Liter den zweithöchsten Spritpreis der Welt persönlich zu würdigen. Quasi Luxusurlaub an der Zapfsäule.
Als wäre das alles nicht schon Herausforderung genug, kommt nun die eigentliche Krise: Es gibt keinen Kaffee. Also keinen richtigen. Und das trifft mich persönlich härter als Stromausfall, Wassermangel und Spritkrise zusammen. Ich liebe Kaffee. Ich brauche Kaffee. Ich bin morgens ohne Kaffee im Grunde nur ein sehr müdes Sicherheitsrisiko mit Reisepass.
Nach längerer Suche habe ich dann tatsächlich etwas gefunden, das sich mutig „Kaffee“ nennt: 40 Prozent Kaffee, 60 Prozent Chicorée. Mukkefukk also, wie in der Nachkriegszeit. Aber gut – in Malawi lernt man eben Demut. Schluck für Schluck.
Ich freue mich schon auf unseren ersten gemeinsamen Stillstand: kein Wasser, kein Strom, kein Sprit, kein Kaffee – aber hey, dafür sehr authentisch.Read more
Spirituelle Höhlenmalerei
May 5 in Malawi ⋅ 🌙 15 °C
Nun sind wir in Dedza – dem kulturellen Höhepunkt von Malawi (und das meine ich diesmal sogar ernst).
Heute ging’s hoch in die Berge zu den Höhlenmalereien, wo wir einen kleinen Crashkurs in der Kultur der Chewa bekommen haben. Die Malereien sind teilweise bis zu 10.000 Jahre alt, (so erzählt man es zumindest den Touristen) und zeigen Szenen aus Ritualen, Alltag und spirituellen Vorstellungen – also quasi das Instagram der Vormoderne, nur ohne Filter und mit deutlich mehr Bedeutung.
Besonders spannend: der Ahnenkult. Die Chewa glauben, dass die Vorfahren nicht einfach „weg“ sind, sondern weiterhin präsent bleiben und Einfluss auf das Leben der Lebenden haben. Sie sind so eine Art unsichtbare Mitbewohner mit sehr klaren Erwartungen – benehmen empfohlen. Rituale, Tänze und Masken (Stichwort Gule Wamkulu) dienen dazu, mit ihnen zu kommunizieren und sie gnädig zu stimmen. Im Grunde: Wenn die Ahnen zufrieden sind, läuft’s. Wenn nicht… eher weniger.
Ich habe natürlich versucht, ein bisschen tiefer nachzufragen. Sagen wir mal so: Es gibt Grenzen. Und die werden freundlich, aber bestimmt verteidigt. Spirituelles Wissen ist hier nichts für neugierige Touristen mit zu vielen Fragen. Ich habe also ungefähr so viel erfahren, dass ich jetzt weiß, dass ich nicht alles wissen darf.
Fazit: kulturell extrem spannend, ein bisschen mysteriös und ich habe gelernt, dass man manchmal einfach nicken, lächeln und keine weiteren Fragen stellen sollte.Read more
Google Maps hat mich aufgegeben
May 6 in Malawi ⋅ ☀️ 25 °C
Heute habe ich beschlossen, einen kleinen Ausflug ganz alleine und ohne Sascha zu unternehmen. Ausgestattet mit großer Vorfreude, endlich ein paar traditionelle malawische Dörfer zu sehen – und leider völlig verdrängt, dass das Hinterland hier vielleicht doch nicht ganz mit einem Sonntagsausflug durch die Eifel vergleichbar ist. Es geht also los. Google Maps verabschiedet sich bereits nach wenigen Kilometern, aber das Problem erledigt sich ohnehin schnell von selbst, denn Empfang gibt es kurz darauf sowieso nicht mehr. Die angeblich „durchgehend asphaltierte Straße“ verwandelt sich langsam aber sicher in etwas, das eher an einen ambitionierten Ziegenpfad erinnert. Da ich inzwischen keinerlei Ahnung mehr habe, welchen Weg ich überhaupt nehmen muss, verfahre ich mich natürlich immer weiter. Dann komme ich an eine steile Stelle, bei der selbst ein 4x4-Jeep vermutlich kurz überlegen würde, ob er heute wirklich arbeiten möchte. Trotz meiner in den letzten zwei Stunden zwangsweise erworbenen Offroad-Skills – gut, vielleicht auch leicht gestützt auf frühere Reisen – ist mir klar: Das wird nix. Das Problem: Zurück geht leider auch nicht. Den Berg rückwärts hochzufahren wäre ein Himmelfahrtskommando und den Wagen auf diesem Weg zu drehen vermutlich mein letzter offizieller Programmpunkt in Malawi. Also fahre ich hochkonzentriert weiter bergab. Und dann passiert natürlich exakt das, was passieren musste: Ich bleibe stecken. Die ausgewaschenen Furchen im Lehmweg sind so tief, dass die Vorderräder komplett darin verschwinden, während die Hinterräder dekorativ in der Luft hängen. Perfekt. Vorsichtig steige ich aus, betrachte meine Misere mitten im absoluten Nirgendwo – keine Häuser, keine Menschen, nicht mal eine Ziege – setze mich neben den geschundenen Mietwagen und versuche, ein paar verzweifelte Tränen diskret wegzudrücken. Es hilft ja nichts. Ich kann jetzt entweder neben meinem Auto sitzen und bei 35 Grad langsam einen Hitzeschlag entwickeln oder kontrolliert verdursten. Ich entscheide mich daher für Option drei: Rucksack mit Wasser vollpacken und einfach loslaufen, bis irgendwo wieder menschliches Leben auftaucht. Und tatsächlich: Nach vielleicht zwanzig Minuten entdecke ich einen Bauern auf einem Feld, der Mais mit einer Machete bearbeitet. Ich laufe direkt zu ihm, zupfe ihn am Ärmel und bitte ihn inständig mitzukommen. Trotz komplett fehlender gemeinsamer Sprache versteht er sofort, dass ich ein ernsthaftes Problem habe. Er folgt mir tatsächlich zurück zum Auto, betrachtet den halb kopfüber im Lehm hängenden Mietwagen, nickt kurz, zeigt mir, dass ich warten soll, und verschwindet wieder. Und seltsamerweise bin ich mir in diesem Moment völlig sicher, dass er zurückkommen wird. Eine Weile später taucht er tatsächlich wieder auf – mit Verstärkung: ein weiterer ziemlich verschmutzter Bauer. Bewaffnet mit einer Schaufel. Und plötzlich hatte ich mehr Hoffnung als ein deutscher ADAC-Mitgliedsausweis jemals ausstrahlen könnte.
Die beiden schauen sich die Situation kurz an, wechseln ein paar Worte, die vermutlich entweder „kein Problem“ oder „dieser Idiot“ bedeutet haben könnten, und legen einfach los. Mit der Schaufel wird Erde bewegt, Steine werden unter die Reifen geschoben und ich stehe daneben wie ein Praktikant ohne Aufgabe.
Und plötzlich: Bewegung.
Völlig verschwitzt steige ich ins Auto und bedanke mich ungefähr zwanzigmal in drei Sprachen, von denen keine wirklich hilfreich ist. Die Männer lachen nur, klopfen mir auf die Schulter und wirken insgesamt deutlich entspannter als ich.
Während ich noch versuche, meine Würde wieder einzusammeln, wird mir langsam klar: In Deutschland hätte ich jetzt wahrscheinlich drei Stunden auf den ADAC gewartet, fünf Formulare unterschrieben und eine Diskussion über Versicherungsbedingungen geführt. In Malawi reichen offenbar zwei Bauern, eine Schaufel und kollektiver Optimismus. Ich kann meinen Offroad-Trip ins Nirgendwo also fortsetzen.
Nach einer weiteren Stunde voller Verzweiflung, fragwürdiger Wegentscheidungen und ständig wachsender Zweifel an meinem Überlebensinstinkt wird mir endgültig klar: Ohne Navigation werde ich diese Berge niemals wieder verlassen. Ich bin inzwischen irgendwo zwischen Abenteuerreise und humanitärer Suchmeldung angekommen.
Dann sehe ich plötzlich Licht am Horizont. Oder besser gesagt: ein Dorf.
Ich fahre direkt hin und suche mir den nächstbesten Maisbauern heraus. Dieses Mal ist es allerdings deutlich schwieriger, ohne gemeinsame Sprache zu erklären, dass er jetzt bitte in mein Auto steigen und so lange mitfahren soll, bis ich wieder eine asphaltierte Hauptstraße erreiche und Google Maps beschließt, mich erneut in die Zivilisation aufzunehmen.
Aber die Bauern hier sind offenbar deutlich zuverlässiger als jede Navigations-App. Tatsächlich steigt einer von ihnen einfach ein und eskortiert mich seelenruhig durch dieses komplette Ziegenwegewirrwarr zurück Richtung Hauptstraße.
Und dann passiert es tatsächlich: Asphalt. Empfang. Google Maps lebt wieder.
Ich bin gerettet. Kaum zu glauben. Dieses Mal könnte ich wirklich vor Erleichterung weinen.
Ich fahre zurück zu meiner Unterkunft, steige aus, schaue mein komplett zerstörtes Nervenkostüm an und beschließe, ab sofort keine Ausflüge mehr alleine zu machen. Zumindest nicht in Malawi. Vielleicht auch generell nicht mehr irgendwo, wo Straßen nur ein unverbindlicher Vorschlag sind.Read more
Der heilige Gral des Afrika-Klischees
May 8 in Malawi ⋅ ☀️ 31 °C
Nun kommen wir zu unserem absoluten Klischee-Stopp: Safari in Afrika. Fehlt eigentlich nur noch David Attenborough als Erzählerstimme im Hintergrund.
Dieses Mal läuft tatsächlich fast alles problemlos. Naja… fast. Denn natürlich macht sich die landesweite Spritkrise in Malawi selbst beim heiligen Gral des afrikanischen Tourismus bemerkbar: Die Safari-Jeeps haben schlicht keinen Diesel mehr. Wir telefonieren also jede Lodge ab und hören überall denselben Satz: „Safari not possible.“
Aber wir wären hier nicht in Afrika, wenn es nicht trotzdem irgendwo jemanden gäbe, der das Business irgendwie am Laufen hält. Und so sitzen wir plötzlich doch in einem Jeep, während unser Guide nicht müde wird zu erwähnen, dass diese Tour unter den aktuellen Umständen wirklich ein „special tip“ verdienen würde. Ich hatte zeitweise das Gefühl, wir fahren weniger auf Safari als auf eine mobile Spendenkampagne.
Und dann geht’s tatsächlich los: durch Savanne, vorbei an überschwemmten Ebenen und riesigen Graslandschaften, die aussehen wie aus einer BBC-Dokumentation.
Wir sehen mehrere Arten von Antilopen und Gazellen, die elegant durchs hohe Gras springen. Dazu Elefanten – absurd große Tiere, die gleichzeitig majestätisch und überraschend entspannt wirken. Und Warzenschweine, die aussehen, als hätte die Evolution irgendwann einfach aufgegeben und gesagt: „Ach komm, reicht jetzt.“
Aber ehrlich gesagt beeindrucken mich die Tiere irgendwann fast weniger als die Natur selbst. Vor allem die gigantischen Baobab-Bäume.
Manche sind wahrscheinlich viele hundert Jahre alt. Unser Guide erzählt uns, dass sie auch „Tree of Life“ genannt werden, weil sie Wasser speichern, Nahrung liefern und unzähligen Tieren Schutz bieten. Manche Baobabs sind innen sogar so groß, dass Menschen früher darin gelebt oder Vorräte gelagert haben.
Natürlich ranken sich auch jede Menge Mythen um sie. Einer besagt, Gott habe den Baum wütend aus der Erde gezogen und verkehrt herum wieder eingepflanzt – weshalb die Äste aussehen wie Wurzeln, die in den Himmel ragen. Und ehrlich gesagt: Genau so sehen sie auch aus.
Je länger wir durch diese Landschaft fahren, desto kleiner fühlt man sich irgendwie. Zwischen uralten Bäumen, Elefantenherden und endloser Natur merkt man plötzlich, dass Europa mit seinen Kreisverkehren und To-go-Kaffeebechern nicht der Nabel der Welt ist.
Am nächsten Tag hängen wir natürlich direkt noch einen Safari-Tag dran. Diesmal allerdings per Boot. Und schon bevor wir überhaupt abgelegt haben, gab es die erste Attraktion zu beobachten: andere westliche Safari-Touristen.
Diese Outdoor-Models sahen aus, als würden sie gleich zu einer mehrmonatigen Expedition durch den Kongo aufbrechen. Voll ausgestattet mit atmungsaktiver Hightech-Funktionskleidung, Trinkwasserfilterflaschen, Trekkingrucksäcken, Wanderschuhen, mit denen man vermutlich auch den Kilimandscharo besteigen könnte.
Dabei waren wir einfach nur zwei Stunden gemütlich auf einem Boot unterwegs.
Ich dagegen saß dort halb verschwitzt mit Sonnencremeflecken und einer Wasserflasche aus dem Supermarkt und fühlte mich plötzlich erstaunlich underdressed für die Wildnis.
Die Bootssafari selbst war allerdings wirklich beeindruckend. Überall Vögel, riesige Landschaften, Krokodile am Ufer und vor allem: Flusspferde. Unfassbar viele Flusspferde.
Anfangs ist man noch völlig begeistert. „Oh mein Gott, ein Nilpferd!“ Zehn Minuten später: „Schon wieder eins.“ Nach einer Stunde entwickelt man fast eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber mehreren Tonnen schwerer Naturgewalt mit Aggressionsproblem.
Dabei sind Flusspferde eigentlich extrem gefährlich. Unser Guide erklärt uns, dass sie zu den tödlichsten Tieren Afrikas gehören, weil sie überraschend schnell, territorial und ausgesprochen schlecht gelaunt sein können. Was man ihnen bei ihrem entspannten Herumplanschen ehrlich gesagt überhaupt nicht ansieht.
Vielleicht konnten wir uns genau deshalb am Abend auch relativ problemlos das Flusspferd-Gulasch schmecken lassen. Irgendwann verliert man eben die emotionale Bindung, wenn einem innerhalb von zwei Stunden ungefähr 100 Nilpferde begegnen.
Und ja: Es schmeckt tatsächlich ziemlich gut. Irgendwo zwischen Rind und Wildschwein – nur mit deutlich mehr moralischer Verwirrung beim Essen.Read more
Vom Outdoor-Model zum Softroader
May 10 in Malawi ⋅ ⛅ 26 °C
Wir entschließen uns, weiter gen Süden zu fahren – nach Zomba. Und hier erwartet uns nach den Outdoor-Models direkt das nächste touristische Klischee: die Softroader. Sie campen direkt im Garten der europäisch geführten Lodge.
Wer jetzt wissen will, was das genau ist – ich erkläre es euch natürlich gerne.
Im Gegensatz zu den Outdoor-Models von der Safari wirken Softroader deutlich mehr „in-to-it“. Sie möchten nicht aussehen wie Expeditionsteilnehmer, sondern wie Menschen, die „authentisch reisen“. Meistens erkennt man sie daran, dass sie seit drei Wochen in Afrika unterwegs sind und bereits anfangen, Sätze zu sagen wie: „Europa fühlt sich irgendwie nicht mehr echt an.“
Das Herzstück jedes Softroaders ist allerdings sein vollständig ausgestatteter 4x4-Allradwagen. Diese Fahrzeuge tragen grundsätzlich alles mit sich herum, was man theoretisch für eine Durchquerung des Kontinents benötigen könnte: Ersatzreifen, Kanister, Solarpanels, Dachzelt, Schaufeln, Sandbleche, Werkzeugkisten. Alles dabei außer Dreck an den Reifen.
Wir hingegen kommen nach unserem Mietwagen-Abenteuer inzwischen in zerknitterten Klamotten, mit leicht traumatischem Blick und der tiefen Sehnsucht nach funktionierendem Asphalt irgendwie an.Read more
Glück ist, wenn die Krise Pause macht
May 11 in Malawi ⋅ ☀️ 24 °C
Für den heutigen Tag gibt es tatsächlich einmal absolut nichts zu lästern. Kein steckengebliebener Mietwagen, keine Spritkrise, keine drohende Dehydrierung. Selbst die Straße zum Hochplateau war bisher die beste in ganz Malawi. Einfach nur eine wunderbare 12 Kilometer lange Wanderung auf dem Zomba Plateau zusammen mit einem belgisch-französisch-englisch-malawischen Pärchen.
Gut, ganz problemlos verlief das Ende der Wanderung vielleicht nicht. Wir haben uns ein kleines bisschen verlaufen und mussten uns die letzten Kilometer durch knie- bis hüfthohes Gebüsch einen ziemlich steilen Hang hinunterkämpfen. Aber das soll jetzt wirklich nicht weiter der Rede wert sein. Zumindest solange niemand Fotos davon besitzt.
Das Zomba Plateau selbst ist wirklich beeindruckend. Früher war Zomba sogar die Kolonialhauptstadt von Malawi, weil die Briten irgendwann festgestellt haben, dass man auf knapp 1800 Metern Höhe deutlich angenehmer lebt als unten in der Hitze. Verständlich.
Heute wirkt das Hochplateau fast unwirklich friedlich: grüne Wälder, riesige Granitfelsen, kleine Seen, Wasserfälle und ständig diese Ausblicke über die Ebene, bei denen man automatisch kurz stehen bleibt und einfach nur „wow“ denkt. Besonders beeindruckend war der Blick auf einen einzelnen Vulkankegel, der aus der Landschaft ragt, als hätte jemand ihn absichtlich dort dekorativ platziert.
Und wie so oft waren es am Ende gar nicht nur die großen Aussichten, die diesen Tag besonders gemacht haben, sondern die kleinen Dinge. Eine mehrspurige Ameisenstraße zum Beispiel, perfekt organisiert wie die deutsche Autobahn – nur funktionierend. Oder dieser kleine Vogel mit den absurd langen Schwanzfedern, der vor uns herumgetanzt ist, während die Federn elegant in der Luft gewippt haben, als würde er gerade für eine Naturdokumentation vorsprechen.
Es war einer dieser seltenen Tage auf Reisen, an denen einfach alles gleichzeitig schön, absurd friedlich und vollkommen surreal wirkt.
Traumhaft.Read more
Zu Besuch beim Hexendoktor
May 12 in Malawi ⋅ ☀️ 27 °C
Nach langer Suche, viel Durchfragen und vermutlich einigen Menschen, die mich für leicht verwirrt gehalten haben, komme ich endlich an meinem lang ersehnten Ziel an: Ich finde tatsächlich jemanden, der mir glaubt, dass ich es ernst meine und mich zu einem traditionellen malawischen Heiler – oder, etwas weniger westlich formuliert, einem Hexendoktor – bringt. In der Sprache der Chewa nennt man diese Heiler übrigens Sing'anga.
Irgendwie gelingt es mir sogar, Sascha zu überzeugen mitzukommen. Wobei „überzeugen“ vermutlich das falsche Wort ist.
Also stehen wir plötzlich vor der Pforte des Sing'anga – und werden erstmal überprüft, ob wir nicht selbst bösartige Hexen sind, die nur gekommen sind, um ihn auf die Probe zu stellen. Ein vollkommen normaler Reisebeginn.
Wir bekommen eine gezackte Machete in die Hand gedrückt, während wir gleichzeitig die Füße in Wasser stellen müssen. Nach einigen konzentrierten Blicken und geheimnisvollen Gesten stellt unser Sing'anga schließlich fest, dass wir tatsächlich keine Hexen sind – sondern lediglich zwei ziemlich zahlungswillige Suchende.
Der erste Blick in seine Hütte ist dabei exakt so, wie man sich den Arbeitsplatz eines Hexendoktors vorstellt. Wirklich exakt. Überall stehen Gläser mit eingelegten Skorpionen und Schlangen, daneben getrocknete und frische Kräuter, ausgedörrte Tierteile, Baumrinde, verschiedene Hölzer und allerlei anderer gruseliger Kram herum. Ich entdecke eine Affenhand, ein Stück Igel und beschließe relativ schnell, bestimmte Fragen lieber nicht zu stellen.
Jeder von uns bekommt zunächst weißes Pulver in die Handflächen gestreut. Anschließend beginnt der Sing'anga, aus unseren Händen biografische Ereignisse zu lesen. Leider liegt er bei mir direkt daneben. Er erklärt mit großer Überzeugung, dass in meiner Familie das erstgeborene Kind ein Junge sei. Naja. Das Problem: Ich bin das erstgeborene Kind.
Aber gut – es war immerhin eine 50:50-Chance. Danach wird es ernst. Nun soll jeder von uns nacheinander seine Anliegen vortragen.
Und plötzlich frage ich mich, ob „einfach mal schauen, wie so ein Hexendoktor arbeitet“ vielleicht doch nicht die durchdachteste Idee meiner Reise war. Was ist, wenn er uns entlarvt? Was, wenn wir hier als spirituelle Hochstapler auffliegen? Oder noch schlimmer – was, wenn ich jetzt irgendetwas Ekliges essen oder moralisch fragwürdige Rituale durchführen muss?
Denn die nehmen die Angelegenheit hier wirklich ernst. Selbst unser Guide, der eben noch locker und fröhlich war, verändert plötzlich komplett seinen Gesichtsausdruck. Aus entspannt und offen wird respektvoll und ernst. Und in diesem Moment denke ich mir: Interessant. Ich möchte dem Ganzen hier eine realistische Chance geben, und es nicht nur als außergewöhnlichen Programmpunkt betrachten. Sascha ist voll mit dabei. So besprechen wir unsere tatsächlichen Beschwernisse mit dem traditionellen Heiler.
Zum Glück sind die Rituale, die an uns vollzogen werden, dann doch völlig harmlos. Wirklich schlimm wird es erst am Ende.
Denn dann ruft der Sing'anga den Preis für unsere extra individuell zusammengestellte Medizin-to-go auf. Sascha und ich schauen uns völlig entgeistert an.
Nicht aus Respektlosigkeit gegenüber diesem medizinischen Oberhaupt – aber für diesen Betrag hätten wir gefühlt auch ein kleines Dorf übernehmen können. Und das eigentliche Problem: Wir haben noch nicht einmal annähernd so viel Geld dabei.
Es folgt etwas, womit ich bei einem traditionellen spirituellen Heiler nun wirklich nicht gerechnet hätte:
Eine knallharte Preisverhandlung.
Nach einigem Hin und Her akzeptiert er schließlich einen Bruchteil seines ursprünglichen Preises – allerdings nur unter einer Bedingung: sofortige Zahlung. Keine Raten.
Denn wie wir erfahren, zahlen viele Dorfbewohner ihre Behandlungen wohl über längere Zeit ab.
Und plötzlich dämmert mir etwas: Der Sing'anga ist hier nicht einfach nur Heiler. Er ist gleichzeitig Arzt, Therapeut, Lebensberater, spirituelle Hotline und vermutlich auch noch Finanzdienstleister. Quasi ein All-inclusive-Service für sämtliche Probleme des Lebens – nur ohne Terminbuchung und Krankenkassenkarte.
Und ganz nebenbei offenbar auch der Bestverdiener im Dorf, was man auch an seinem Fernseher in der Hütte unschwer erkennen kann. Denn Strom, hat hier niemand in seiner Hütte, geschweige denn einen Fernseher.Read more
Tea time im Empire
May 13 in Malawi ⋅ ☀️ 29 °C
Weiter geht's zum nächsten angeblich ziemlich fotogenen Stopp: die endlosen hügeligen Teeplantagen von Thyolo. Genau so, wie man sich Teeplantagen vorstellt – sanfte grüne Hügel, perfekt angelegte Reihen und eine Landschaft, die aussieht, als hätten britische Kolonialherren beschlossen der Natur etwas mehr Disziplin beizubringen. Frei nach dem Motto: "Was dieses Tal wirklich braucht, sind klare Strukturen und Produktivität bis zum Horizont.“
Da es hier – zumindest nach meinem aktuellen Informationsstand – außer durch Teeplantagen spazieren, Fotos machen und den Sonnenuntergang bestaunen nicht allzu viel zu tun gibt, planen wir eigentlich nur eine Nacht zu bleiben. Entsprechend unprofessionell fällt meine Unterkunftsrecherche aus und so landen wir eher zufällig in der Residenz einer waschechten, völlig aus der Zeit gefallenen Kolonialherrin.
Wir fahren also komplett ahnungslos dorthin, aber bereits die Anfahrt hätte uns vorwarnen können, dass wir uns vielleicht nicht ganz im üblichen Backpacker-Segment bewegen.
Amos, der hauseigene Portier, öffnet uns ein riesiges, grußeisernes, verschnörkeltes Tor, das ungefähr so gesichert wirkt, als würden dahinter entweder Staatsgeheimnisse lagern – oder die letzten verbliebenen Teevorräte des britischen Empires.
Nachdem wir durchgelassen werden, rollen wir einen gefühlten Kilometer die Auffahrt entlang über herrschaftlich knirschenden Kies. Links und rechts zieht sich eine Allee entlang.
Und dann steht es plötzlich vor uns:
Ein riesiges Kolonialherrenhaus. Ein Haus, bei dem man sofort das Gefühl bekommt, dass gleich jemand in einem rein-weißen Leinenanzug mit Whiskyglas in der Hand und Zigarre im Mund auf der Veranda erscheint und fragt, ob die Teeernte heute zufriedenstellend verlaufen sei.
Wir erfahren, dass die hochbetagte Kolonialherrin – ich meine natürlich Eigentümerin – diesen Familienbetrieb bereits in der dritten Generation führt, uns aber leider nicht persönlich in Empfang nehmen kann. Ein kleiner Teil von mir war ehrlich gesagt enttäuscht. Ich hatte mich innerlich bereits auf eine Begegnung mit einer Dame eingestellt, die mit perfektem britischem Akzent Sätze sagt wie: „Ah, Besuch? Wie reizend. James, bitte servieren sie uns den Tee."
Und so stehen wir davor – mit zerknitterten Klamotten und staubigen Schuhen. Kurz gesagt: Wir sahen weniger nach „Tea Estate Guests“ aus und mehr nach „zwei Personen, die sich auf das falsche Grundstück verirrt haben“.
In diesem Moment war mir klar: Entweder werden wir gleich höflich wieder hinauskomplimentiert – oder wir sind versehentlich in eine Zeitmaschine gefahren. Stattdessen übernimmt der Hausbedienstete die Führung. Wir betreten zuerst das Esszimmer. Und ich übertreibe wirklich nicht: Es sieht aus wie der Bankettsaal der Titanic kurz vor dem Auslaufen. Ein endlos langer dunkler Holztisch zieht sich durch den Raum, darüber hängen schwere Kronleuchter, an den Wänden alte Gemälde und Porträts von Menschen, die einen ansehen, als würden sie sich fragen, warum man zum Abendessen keine Krawatte trägt.
Überall schwere dunkle Möbel, Schnitzereien, dicke Teppiche und diese Art von Einrichtung, die so massiv wirkt, als hätte man sie gebaut, um mehrere Weltkriege und den Zerfall ganzer Reiche zu überstehen. Weiter geht es durch verschiedene Schlafgemächer mit Möbeln aus dem 19. Jahrhundert. Riesige Himmelbetten, hohe Holzschränke, Kommoden mit Messinggriffen und Spiegel, die vermutlich schon Menschen reflektiert haben, die damals noch Pferde als Fortbewegungsmittel für moderne Technologie hielten.
Das ganze Haus hat etwas gleichzeitig Beeindruckendes und leicht Verstörendes. Es fühlt sich weniger wie eine Unterkunft und mehr wie ein Schlossmuseum an, in dem man aus Versehen vergessen hat, die Besucher wieder hinauszuschicken.
Ich wartete innerlich wirklich nur darauf, dass plötzlich irgendwo eine Standuhr schlägt und ein Geist in viktorianischer Kleidung langsam durch den Flur schwebt.
Dann kommt der Hausbedienstete zum praktischen Teil der Führung und nennt uns den Preis für eine Übernachtung.
Sascha und ich schauen uns an.
Dann schauen wir uns nochmal an.
Dann nochmal auf den Preis.
Und dann wieder uns.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in diesem Moment beide kurz nachgerechnet haben, wie viele Monate Backpacking man für dieses Geld normalerweise finanzieren könnte. Mir war bis dahin ehrlich gesagt nicht bewusst, dass Menschen freiwillig Summen bezahlen, für die man andernorts bereits eine kleine Existenz aufbauen könnte.
Während wir innerlich bereits sämtliche Besitztümer auflisten, die wir für eine Übernachtung verkaufen müssten, erklärt man uns ganz beiläufig, dass die Hausherrin morgen eine Gruppe von vierzehn Gästen erwartet.
VIERZEHN.
Es scheint also tatsächlich eine Zielgruppe für Menschen zu geben, die morgens aufstehen und sich denken: Heute möchte ich gerne wohnen wie ein Tee-Baron des britischen Empires.
Wir bedanken uns freundlich, versuchen unsere Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten und machen uns erstaunlich klein und unauffällig wieder aus dem Staub.
Beim Herausfahren entdecken wir dann noch ein Schild, das uns informiert, dass die umliegenden Teeplantagen offenbar ebenfalls im Besitz der Dame sind, wahrscheinlich genauso wie die Teepflücker die auf den Plantagen schuften.
In diesem Moment fehlten eigentlich nur noch Herrenhäuser am Horizont, Pferdekutschen und jemand, der „Die Ernte wartet!“ ruft, damit die Zeitreise endgültig komplett gewesen wäre.Read more
Der philosophische Wasserfall
May 15 in Malawi ⋅ ⛅ 25 °C
So, nun geht es weiter zum Mount Mulanje beziehungsweise zum Mulanje-Massiv – Heimat des höchsten Berges Malawis: Sapitwa mit stattlichen 3002 Metern Höhe.
Ich weiß allerdings bereits bei der Ankunft, dass ich dort eigentlich nicht hochklettern möchte. Der Aufstieg gilt als anspruchsvoll und mein Verhältnis zu Bergen lässt sich am ehesten mit „bewundernd aus sicherer Entfernung“ beschreiben.
Direkt bei unserer Ankunft im Backpacker treffen wir auf ein französisches Pärchen, das verdächtig fit aussieht. Also nicht normales „ich gehe manchmal joggen“-fit, sondern dieses beängstigende Outdoor-fit, bei dem Menschen aussehen, als würden sie morgens zur Entspannung Berge hochlaufen.
Und sie spricht direkt eine Warnung aus.
Sie erzählt uns, dass selbst sie den Berg nicht geschafft habe – trotz guter Kondition, Erfahrung, professioneller Wanderausrüstung, Trägern und Bergführer. Sie habe letztendlich auf halber Höhe in einer Berghütte auf ihren Partner gewartet.
In meinem Kopf lief in diesem Moment eigentlich nur noch: Vielen Dank für die Information. Diese Entscheidung wurde soeben für mich getroffen.
Ich bin sowas von raus!
Und selbst Sascha beginnt plötzlich nachdenklich zu wirken.
Letztendlich besteigt keiner von uns den Berg. Stattdessen entscheiden wir uns für eine deutlich realistischere Alternative: einen Wasserfall, nur ungefähr zwei Stunden Fußmarsch entfernt. „Nur“ stellte sich später allerdings als ein sehr flexibler Begriff heraus. Denn diese zehn Kilometer Wanderung bestehen im Grunde aus zwei Möglichkeiten: fünf Kilometer steil bergauf und danach fünf Kilometer steil bergab. Mehr Variation gibt es nicht.
Das Bergauf hat Sascha am nächsten Tag mit Muskelkater in den Oberschenkeln bestraft. Bei mir wiederum waren es, wegen dem Bergab die Waden. So ist es irgendwie fair verteilt. Aber abgesehen davon war es wunderschön.
Denn irgendwann sitzt man einfach vor diesem Wasserfall und verliert sich ein bisschen in den eigenen Gedanken. Stundenlang schaut man zu, wie diese Wassermassen völlig unbeeindruckt von allem um sie herum ihren Weg nach unten finden. Kein Stress. Keine Termine. Keine Krisen.
Dieser Wasserfall macht vermutlich seit Jahrhunderten einfach stoisch und zuverlässig genau dasselbe: Er geht unbeirrt von allem seiner einzigen Aufgabe nach. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Keine Selbstoptimierung. Keine Lebensziele. Keine Existenzkrisen. Er rauscht einfach den Berg hinunter, ohne sich zu fragen, ob er auf dem richtigen Weg ist, genug erreicht hat oder ob er gerade eigentlich etwas Sinnvolleres tun sollte. Und ganz sicher fragt er sich auch nicht, ob andere Wasserfälle im Leben schon weiter sind.
Während wir Menschen ständig versuchen herauszufinden, wer wir sind, wo wir hinwollen und ob wir vielleicht irgendetwas verpassen, scheint dieser Wasserfall seine Daseinsberechtigung längst gefunden zu haben.
Und irgendwann sitzt man dort und denkt sich: Vielleicht machen wir Menschen das Leben manchmal unnötig kompliziert.
Vielleicht hätte ich gerne ein bisschen das Mindset eines Wasserfalls. Einfach weiterfließen, ohne ständig alles zu hinterfragen. Einfach seiner Richtung folgen. Ohne Eile. Ohne Zweifel.
Einfach fließen.Read more

TravelerTolle Gedanken! Genau das ist es auch <3 Im Taoismus sagen sie: „Das höchste Gute ist wie Wasser – es nützt allen Dingen und streitet nicht." Oder im Buddhismus: Fließendes Wasser steht für Impermanenz – alles verändert sich, nichts bleibt. Der Fluss ist nie derselbe, du bist nie derselbe. Festhalten ist Leiden. Loslassen ist Befreiung.
Die Frage nach echten Begegnungen
May 16 in Malawi ⋅ ☁️ 16 °C
Natürlich trifft man während einer Reise durch ein Land viele Menschen und hat Begegnungen unterschiedlichster Art. Andere Reisende treffe ich hier zwar auch, aber sie sind eher rar gesät. Die meisten Europäer sind irgendwie im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres hier oder arbeiten als Entwicklungshelfer in einer NGO.
Locals kennenzulernen fällt dagegen erstaunlich leicht. Die Menschen hier sind offen, neugierig und unglaublich kommunikativ. Gleichzeitig bleibt bei mir aber oft ein merkwürdiges Gefühl zurück. Denn viele Begegnungen sind – verständlicherweise – an eine Dienstleistung, den Verkauf von etwas oder schlicht die Hoffnung auf Geld geknüpft.
Und ich merke, wie ich mich dabei immer wieder frage, was eigentlich eine „echte“ Begegnung ist.
Denn natürlich kann ich die Armut und die daraus entstehende Not nachvollziehen. Wenn man in Verhältnissen lebt, in denen es um die Finanzierung des nächsten Tages geht, haben Gespräche vermutlich einen anderen Ausgangspunkt als in Europa, wo wir oft den Luxus haben, aus purer Neugier miteinander zu reden.
Trotzdem bleibt da dieses Bedürfnis nach einem ehrlichen Austausch – nach Gesprächen, die einfach nur Gespräche sind. Ohne Erwartungen. Ohne Rollen. Ohne dass ich automatisch als Tourist, Geldquelle oder wandelnder EC-Automat wahrgenommen werde.
Und dann gab es Joshi.
Wir haben in Mulanje zwei wirklich lustige Tage miteinander verbracht. Wir haben unglaublich viel gelacht, uns Geschichten erzählt und irgendwann hat er mich sogar zu seinen Großeltern mitgenommen. Ihre Hütte hatte weder Strom noch fließendes Wasser, der Boden bestand aus festgestampftem Lehm – und trotzdem fühlte sich dort vieles erstaunlich selbstverständlich und ungezwungen an.
Es ging plötzlich nicht mehr darum, etwas zu verkaufen oder zu organisieren oder um irgendeine Dienstleistung. Ich saß einfach da, wurde vorgestellt, wir haben geredet, gelacht und Zeit miteinander verbracht.
Und genau deshalb hat mich diese Begegnung vermutlich mehr beschäftigt als viele andere.
Denn sie hat mir gezeigt, dass das, wonach ich eigentlich suche, tatsächlich möglich ist. Gleichzeitig haben sich dadurch die Gedanken in meinem Kopf eher vermehrt als aufgelöst.
Denn plötzlich frage ich mich noch mehr: Wie kann ich meine Reise fairer gestalten? Wie können Menschen vor Ort mehr davon haben, dass Reisende hierherkommen? Reicht es, Trinkgeld zu geben? Höhere Preise zu bezahlen? Kleine lokale Unterkünfte und Dienstleistungen zu unterstützen?
Wahrscheinlich ist das alles ein winziger Teil davon.
Aber so richtig auflösen lässt sich dieser Gedanke nicht. Denn irgendwo bleibt die Frage bestehen, wie gerecht eine Situation überhaupt sein kann, in der die einen reisen, um Erfahrungen zu sammeln und Eindrücke zu sammeln, während die anderen hoffen, dass aus dieser Begegnung vielleicht etwas Geld für den nächsten Tag entsteht.
Ich habe darauf bisher keine Antwort gefunden. Vielleicht gibt es auch gar keine einfache Antwort. Vielleicht geht es eher darum, sich diese Fragen überhaupt zu stellen – und nicht so zu tun, als wären sie nicht da.Read more

TravelerZu den „echten" Begegnungen: Die Frage, was eine echte Begegnung ist, stellt sich eigentlich überall – auch in Europa. Smalltalk auf Partys, Gespräche mit Verkäufern, Networking. Immer gibt es Rollen und Erwartungen. Was in Afrika nur deutlicher sichtbar wird, ist das wirtschaftliche Gefälle, das diese Dynamiken formt. Es ist weniger eine andere menschliche Qualität als ein anderes Kräfteverhältnis. Joshi war vermutlich deshalb möglich, weil irgendwann die Rollen wegfielen – und das passiert auch in Europa nur mit manchen Menschen, nicht mit allen. Dein Instinkt – lokale Unterkünfte, faire Preise, Trinkgeld – ist nicht naiv. Er ist mMn tatsächlich einer der Hebel, die funktionieren. Nicht perfekt, aber real. Du schreibst, die Begegnung mit Joshi hat die Gedanken eher vermehrt als aufgelöst. Das ist, glaube ich, das ehrlichste Zeichen, dass du wirklich etwas erlebt hast. Oberflächliche Reiseerfahrungen hinterlassen einfache Gefühle – Begeisterung, Mitleid, Distanz. Komplizierte Gefühle entstehen, wenn etwas wirklich berührt. Die strukturelle Ungerechtigkeit des Tourismus lässt sich individuell tatsächlich nicht auflösen. Aber ich glaube, du hast schon die einzig ehrliche Haltung beschrieben: nicht so tun, als wäre die Frage nicht da.
Versackt am Malawi-See
May 17 in Malawi ⋅ ☀️ 27 °C
Wir sind nun an dem ultimativen Ort zum Versacken angekommen: Fat Monkeys in Cape Maclear, am südlichen Ufer des Lake Malawi.
Und langsam wird mir klar, dass die Bezeichnung „See“ hier eigentlich maßlos untertrieben ist. Ein See klingt nach etwas, um das man gemütlich spazieren kann. Vielleicht mit Enten. Vielleicht mit einem kleinen Kiosk und Tretbootverleih.
Der Malawi-See dagegen hat ungefähr die Fläche von Nordrhein-Westfalen. Dieses Ding ist so groß, dass man ständig vergisst, dass man nicht am Meer sitzt. Tatsächlich ist er sogar der drittgrößte See Afrikas – und wenn man am Strand sitzt und bis zum Horizont nur Wasser sieht, überrascht das überhaupt nicht.
Hier in Cape Maclear scheint allerdings jegliche Form von Zeitgefühl langsam zu verschwinden. Irgendwo läuft entspannte Musik, Fischerboote schaukeln auf dem Wasser, Menschen sitzen stundenlang herum und schauen einfach nur auf den See hinaus. Niemand scheint irgendwo dringend hinzumüssen.
Es ist einer dieser Orte, an denen man morgens denkt: Heute entspanne ich mich einfach mal. Und plötzlich stellt man fest, dass die Sonne schon wieder untergeht und man seit sechs Stunden exakt gar nichts Produktives getan hat.
So vergeht ein Tag nach dem nächsten. Die Tage verschwimmen langsam miteinander und wir haben inzwischen aufgehört, uns ernsthaft zu fragen, wie lange wir eigentlich noch bleiben werden. Vielleicht noch zwei Tage. Vielleicht fünf. Vielleicht entwickeln wir uns hier langsam zu festen Bestandteilen der Einrichtung.
Und ehrlich gesagt fühlt sich das nach den letzten Wochen wie eine erstaunlich vernünftige Lebensentscheidung an.
Natürlich gibt es aber auch am Paradiesstrand den obligatorischen kleinen Haken. Laut Reiseführern, Internet und sämtlichen Warnhinweisen gibt es hier nämlich Bilharziose. Vereinfacht gesagt: winzige Parasiten, die über bestimmte Süßwasserschnecken ins Wasser gelangen und sich beim Baden ihren Weg in den menschlichen Körper suchen können. Nicht gerade die Information, die man entspannt mit einem Bier am Strand lesen möchte.
Interessanterweise erzählen die Mitarbeiter aus der Lodge aber etwas völlig anderes. Die meinen sicher zu wissen, dass das inzwischen kaum noch ein Thema sei und man sich keine großen Gedanken machen müsse.
Und ich? Ehrlich gesagt hat das meine Entspanntheit bisher erstaunlich wenig getrübt. Ich möchte mir von möglichen Parasiten im Wasser nicht die Laune verderben lassen. Irgendwann auf Reisen gewöhnt man sich wohl daran, dass es ständig irgendwelche Warnungen, Risiken oder Dinge gibt, über die man sich theoretisch Sorgen machen könnte.
Deshalb schafft es die Aussicht auf mögliche Parasiten diesmal irgendwie nicht mehr automatisch in meine Top 3 der Tagesprobleme. Dafür sitze ich gerade viel zu gechillt in einer Strandbar direkt an der Wasserkante, schaue auf den See hinaus und arbeite konzentriert daran, absolut gar nichts zu tun.Read more
Versackt- und wieder aufgetaucht
May 21 in Malawi ⋅ ☀️ 25 °C
Am sechsten und letzten Tag unseres Aufenthaltes im Fat Monkeys überlegen wir uns dann doch, dass wir dem Namen der Unterkunft nicht komplett gerecht werden und zu vollwertigen fetten Affen mutieren möchten. Nach mehreren Tagen strategischen Nichtstuns beschließen wir deshalb, tatsächlich wieder eine Aktivität in unser Leben einzubauen.
Also machen wir eine Tour zu den vorgelagerten Inseln – schnorcheln, ein bisschen Natur anschauen und Vögel beobachten.
Letztendlich wird es deutlich beeindruckender und exotischer als erwartet.
Allein das Schnorcheln hätte vermutlich jeden Aquaristik-Fan in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt. Unter Wasser schwimmen überall die berühmten endemischen Buntbarsche des Lake Malawi herum – kleine, unglaublich farbenfrohe Fische in Blau-, Gelb-, Rot- und Türkistönen, als hätte jemand beschlossen, ein Aquarium in Photoshop zu entwerfen.
Das Verrückte daran: Viele dieser Arten gibt es ausschließlich hier im Malawi-See und nirgendwo sonst auf der Welt. Gleichzeitig werden genau diese Fische seit Jahrzehnten in alle möglichen Länder exportiert, weil sie unter Aquarianern fast Kultstatus besitzen. Irgendwo sitzen vermutlich gerade Menschen in Deutschland, Japan oder den USA hochkonzentriert vor ihren Aquarien und diskutieren leidenschaftlich über Wasserwerte, Zuchtlinien und Buntbarsch-Arten – während die Originale hier lustig vor meinen Füßen durchs Wasser schwimmen.
Und dann kommt noch die Vogelshow.
Auf einer der Inseln beobachten wir den afrikanischen Schreiseeadler. Ein Tier, das aussieht, als hätte jemand den amerikanischen Weißkopfseeadler genommen und ihm gesagt: „Mach mal etwas mehr Afrika.“
Mit einer Spannweite von bis zu 2,40 Metern sitzt dieses riesige Tier zunächst völlig entspannt auf einem Ast und schaut aufs Wasser. Und dann – ohne Vorwarnung – stürzt es sich plötzlich herunter, greift mit seinen Krallen ins Wasser und zieht einen Fisch heraus.
In vielleicht zwei Metern Entfernung.
Man sitzt da wirklich und denkt sich kurz: Das kann doch unmöglich gerade echt passiert sein.
Und während ich noch versuche, halbwegs würdevoll beeindruckt auszusehen, scheint der Adler einfach nur seiner Arbeit nachzugehen – als würde er seit Jahren exakt denselben Ablauf haben:
Auf Ast sitzen. Fisch holen. Wieder hinsetzen. Wow!
Das wir am Ende am sogenannten Otterplatz tatsächlich keine Otter gesehen haben, hat den Trip dann auch nicht im Geringsten geschmälert. Irgendwie passte das sogar erstaunlich gut ins Gesamtbild. Man fährt zu einem Ort namens Otterplatz und sieht keine Otter – man kann eben nicht alles haben.
Leider verlassen wir morgen schweren Herzens diesen schönen Ort, aber langsam haben wir auch das Gefühl, dass wir sonst tatsächlich Gefahr laufen würden, hier dauerhaft hängenzubleiben. Noch ein paar Tage länger und wir hätten vermutlich angefangen, die Tage nur noch in Sonnenuntergängen, Strandbarbesuchen und Fischgerichten zu zählen.Read more
Asphalt ist nur eine Phase
May 22 in Malawi ⋅ ☀️ 27 °C
Die Straßen – wobei das wirklich ein erstaunlich großzügiger Begriff für das ist, was man hier teilweise vorfindet – sind ein eigenes Kapitel wert. Es ist eine andauernde Plage, um die man leider nicht herumkommt, wenn man durch Malawi reisen möchte.
Da es hier kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt, war der Mietwagen trotz landesweiter Spritkrise und wirklich katastrophaler Straßenzustände am Ende noch die weniger schlimme Option. Den Wagen in demselben Zustand zurückzugeben, in dem wir ihn erhalten hatten – diese Vorstellung war allerdings bereits nach ungefähr drei Tagen endgültig geplatzt.
Denn die Straßen hier haben ihren ganz eigenen Charakter. Manche beginnen völlig harmlos: frisch asphaltierte Fahrbahnen – man schöpft kurz Hoffnung und denkt: Ach, jetzt wird alles besser.
Und genau in dem Moment endet der Asphalt abrupt. Einfach so.
Ohne Vorwarnung. Ohne Übergang.
Als hätte irgendwann jemand beim Straßenbau beschlossen: Gut, das reicht jetzt auch erstmal.
Danach beginnt häufig eine Mischung aus Schlaglöchern, losem Geröll, Staub, Lehm, tief ausgewaschenen Furchen und spontanen Geländeexperimenten. Manche Schlaglöcher sind inzwischen so groß, dass man nicht mehr darum herumfährt, sondern aktiv entscheiden muss, auf welcher Seite des Kraters man vorbeifahren möchte und wie tief zumindest die eine Seite des Autos einsinkt.
Irgendwann entwickelt man beim Fahren eine völlig neue Fähigkeit: den Straßen-Scan-Blick. Man schaut nicht mehr entspannt in die Landschaft, sondern analysiert dauerhaft die nächsten zwanzig Meter vor sich wie ein Minensucher.
Und wirklich dauerhaft.
Man kann sich nicht einmal eine halbe Sekunde erlauben, irgendwo anders hinzuschauen. Nicht nach links in die schöne Landschaft. Nicht nach rechts. Nicht mal kurz gedankenverloren geradeaus in den Himmel. Denn sobald die Konzentration auch nur minimal nachlässt, sitzt man entweder auf einem Felsen auf, verschwindet mit einem Rad halb im Straßengraben oder landet mit voller Überzeugung in einem Schlagloch, das vermutlich auf Satellitenbildern einen eigenen Namen trägt.
Aber die Straße selbst ist eigentlich nur die halbe Herausforderung.
Dazu kommen die unzähligen Fahrradfahrer, die physikalische Grundgesetze offensichtlich eher als unverbindliche Empfehlung betrachten. Auf den Gepäckträgern befinden sich teilweise Konstruktionen, die ungefähr die Größe eines halben Hauses haben – Holz, Matratzen, Möbelstücke, Säcke oder sonstige Gebilde, deren Statik nur durch absoluten Glauben zusammengehalten wird. Und zusätzlich sitzen meistens noch zwei weitere Personen irgendwo dekorativ auf oder neben dem Fahrrad.
Dann gibt es Ochsen- und Eselskarren, die gemächlich ihres Weges ziehen. Fußgänger, die erstaunlich wenig Motivation zeigen, zur Seite zu gehen – selbst dann nicht, wenn man gerade versucht, einem schlaglochgroßen Meteoriteneinschlag auszuweichen.
Und die Ziegen natürlich.
Die Ziegen hätten wirklich ein eigenes Kapitel verdient.
Diese Tiere wirken, als hätten sie kollektiv beschlossen, jeglichen Überlebensinstinkt abzulegen. Sie stehen am Straßenrand, beobachten einen völlig entspannt und warten exakt bis zu dem Moment, in dem man glaubt, sicher vorbeifahren zu können – um dann mit maximalem Selbstvertrauen plötzlich direkt vor das Auto zu springen.
Nach einigen Tagen Autofahren entwickelt man deshalb eine völlig neue Art von Aufmerksamkeit.
Und irgendwann kommt dann der Moment, an dem selbst der größte Abenteuergeist kapituliert.
Für unsere letzte Strecke von gerade einmal 134 Kilometern haben wir tatsächlich neun Stunden gebraucht.
Neun.
Stunden.
Für eine Strecke, die man zuhause vermutlich mit einem Podcast, einem Kaffee und einem kurzen Tankstopp fast schon als „kleinen Ausflug“ bezeichnen würde.
Nach dieser Fahrt haben Sascha und ich uns angeschaut und relativ schnell beschlossen, unsere nächsten geplanten Ziele wieder zu streichen. Denn beim Blick auf die Karte wurde plötzlich klar: Wenn wir das durchziehen, würden wir die nächsten drei Tage im Grunde ununterbrochen im Auto verbringen.
Und zwar nicht gemütlich im Sinne von Roadtrip mit guter Musik und schönen Aussichten, sondern drei Tage in höchster Anspannung, mit dem permanenten Versuch, Schlaglöchern, Fahrrädern, Ochsenkarren, Fußgängern und suizidal veranlagten Ziegen auszuweichen.
Darauf hatten wir plötzlich erstaunlich wenig Lust.
Was wir stattdessen machen, wissen wir ehrlich gesagt noch nicht.
Aber eines wissen wir ziemlich sicher:
Es wird definitiv etwas sein, das nicht stundenlanges Autofahren beinhaltet.Read more

TravelerIch hab gestern Itchy Boots auf Youtube geschaut, die Malawi mit Ihrem Motorrad befahren hat - selbst damit waren die Strassen noch extrem abenteuerlich aber irgendwie machbar; mit dem Auto überwiegend unmöglich oO' Aufgrund oft fehlender Interentverbindung benutzt sie ausschließlich Offlinemaps und GPS für die Routenplanung und Navigation
Rückkehr auf die Straße
May 24 in Malawi ⋅ ☀️ 27 °C
Wir sind an einem Ort ausgespuckt worden, an dem wir eigentlich nie sein wollten. Aber sich weiterhin stunden- und tagelang über Malawis Straßen zu quälen, war irgendwann auch keine Option mehr.
Was nun?
Der Ort ist – vorsichtig formuliert – nicht nur langweilig, sondern besitzt zusätzlich die bemerkenswerte Fähigkeit, dabei auch noch wenig Charme zu versprühen. Nicht jeder Ort kann Postkartenmotiv sein, und dieser hier bemüht sich offensichtlich auch gar nicht erst.
Weiter geht's mit einer Begegnung der etwas anstrengenderen Art. In unserer Unterkunft wohnt zufällig auch ein österreichischer Fahrradreisender.
Sein erster Gesprächsversuch fühlt sich allerdings weniger wie eine entspannte Kontaktaufnahme an, sondern eher wie ein unerwarteter Überfall.
Plötzlich kommt er wutentbrannt auf mich zugestürmt und ruft mir in breitem Wiener Schmäh förmlich entgegen: “Haben ma jetzt scho wieda an g'schissenen Stromausfall, oda wos??!“
Ich schaue leicht verdutzt von meinem Handy auf. Noch bevor ich überhaupt antworten kann, springt bereits der Generator an und der Strom ist wieder da.
Problem gelöst, könnte man denken.
Aber nein.
Nun folgt eine ausführliche Beschwerdesammlung über:
"de aggressiv bettelnden Malawier – und ganz besonders oarg san de Kinder. Sowas hab i no in kan Land erlebt."
So viel Negativität und passive Aggressivität bin ich gar nicht mehr gewohnt. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ich in den letzten Wochen einfach etwas anderes erlebt habe – neugierige Menschen, freundliche Gespräche und ständig winkende Kinder am Straßenrand, die sich jedes Mal einen Ast ab freuen, wenn ein Auto vorbeifährt und die Insassen sogar zurück winken.
Jedenfalls fällt meine Antwort wohl anders aus, als er erwartet hatte.
„Wenn es dir hier nicht gefällt – warum radelst du dann nicht einfach weiter?“
Ich meine, wir befinden uns in einem der ärmsten Länder der Welt. Sich über genau die Lebensrealität zu beschweren, die man hier vorfindet, fühlte sich für mich in diesem Moment irgendwie merkwürdig an. Er schaut mich völlig fassungslos an. Definitiv nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte. Und stapft noch etwas wütender davon. Ich denke kurz: "Gut. Den bin ich wenigstens los!"
Am nächsten Morgen bekomme ich allerdings noch mit, wie er sich lautstark darüber beschwert, dass es keinen Nachtisch gibt und er dringend Schokolade brauche. In diesem Moment erreicht mein Fremdschämen kurz ungeahnte Höhen.
Irgendwie fühlt sich dieser Ort insgesamt einfach nicht richtig an. Sascha und ich diskutieren eine Weile hin und her, denn keiner von uns möchte hier bleiben.
Und deshalb tun wir am Ende genau das, was gestern noch völlig absurd erschien:
Wir kehren zurück auf die Straße.
Ziel: Nkhata Bay.
Wohlwissend, dass uns zwei weitere anstrengende Fahrtage erwarten – obwohl unser Sehnsuchtsort weniger als 200 Kilometer entfernt liegt.
In Malawi lernt man irgendwann: Entfernung misst man nicht mehr in Kilometern. Sondern in Leidensfähigkeit.Read more
Der Sehnsuchtsort
May 25 in Malawi ⋅ ☀️ 26 °C
Nach zwei weiteren Fahrtagen – die hier übrigens spätestens um 18 Uhr enden müssen, weil danach schlagartig die Nacht hereinbricht und Autofahren eher in die Kategorie „mutiges Glücksspiel“ fällt – und einer weiteren Übernachtung irgendwo im Nirgendwo erreichen wir endlich unseren Sehnsuchtsort.
Und wir werden nicht enttäuscht.
Die Butterfly Space Lodge in Nkhata Bay ist wahrscheinlich einer der entspanntesten u Orte in ganz Malawi, um gepflegt abzuhängen. Eine kleine Hippie-Oase direkt am See, voller Hängematten, entspannter Menschen und der allgemeinen Stimmung, dass heute wahrscheinlich nichts Dringendes mehr passieren wird.
Offenbar hat sich das auch unter Backpackern herumgesprochen. Zum ersten Mal auf dieser Reise treffen wir hier nicht nur vereinzelt andere Reisende, sondern gleich einen ganzen Haufen davon. Menschen aus allen möglichen westlichen Ländern, die alle dieselbe leicht verwilderte Mischung aus Sonnenbrand, Mückenstichen und Fernweh mit sich herumtragen und aussehen, als wären sie schon deutlich länger unterwegs als ursprünglich geplant.
Man sitzt zusammen, tauscht Geschichten aus, vergleicht Straßentrauma-Erfahrungen und diskutiert darüber, welche Route man besser nicht fahren sollte. Und plötzlich fühlt sich alles erstaunlich vertraut an.
Ich weiß, wie absurd das klingt. Man reist einmal quer nach Malawi – und freut sich dann über Europäer und westliches Essen.
Aber nach einigen Wochen merkt man doch, dass sich langsam eine gewisse Sehnsucht einschleicht. Nicht unbedingt nach Zuhause, sondern nach Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, denselben Kulturschock erleben und sofort verstehen, was man meint, wenn man von neun Stunden für 134 Kilometer erzählt.
Und dann wäre da noch das Essen.
Malawis Nationalgericht ist Nsima – ein fester Maisbrei, der praktisch zu jeder Mahlzeit serviert wird. Dazu gibt es häufig sogenanntes „Local Chicken“. Für die Einheimischen völlig selbstverständlich, dieses Gericht mehrfach täglich zu essen.
Für europäische Geschmacksnerven stellt sich allerdings relativ schnell eine gewisse Monotonie ein. Sagen wir es diplomatisch: Der Anteil an Knochen, Knorpel und Haut steht gelegentlich in einem bemerkenswert kreativen Verhältnis zur tatsächlich vorhandenen Fleischmenge. Und Nsima ist zwar beeindruckend sättigend, kulinarisch bewegt es sich aber ungefähr in dem Spannungsfeld zwischen Tapetenkleister und essbarer Wanddekoration. Nach dem dritten Tag beginnt man ernsthaft darüber nachzudenken, ob der menschliche Körper nicht vielleicht doch noch die eine oder andere Vitamingruppe benötigt.
Irgendwann sitzt man dann einfach nur mit einem ordentlich gewürzten Gericht vor sich da – etwas mit tatsächlicher Soße, erkennbaren Gewürzen und einer Konsistenz, die nicht an Baustoffe erinnert – und erlebt einen Moment, den man fast als spirituelle Erfahrung bezeichnen könnte. Plötzlich versteht man, warum Menschen Gedichte über gutes Essen schreiben. Und so verbringen wir die nächsten Tage damit, am See zu sitzen, mit anderen Reisenden zu reden, westliches Essen zu genießen und dankbar festzustellen, dass kulturelle Offenheit beim Essen offenbar doch ihre Grenzen hat.Read more
Deutsches Sicherheitsgefühl
May 27 in Malawi ⋅ ☀️ 25 °C
Unsere allerletzte Freizeitaktivität, bevor wir die lange Rückreise nach Lilongwe und anschließend den Flug zurück nach Good Old Germany antreten müssen, ist eine Runde Kajakfahren auf dem Lake Malawi.
Schwimmen möchte ich hier allerdings nicht. Aufgrund des Schilfs am Ufer ist die Wahrscheinlichkeit auf Bilharziose beziehungsweise auf die Wirte der Parasiten – bestimmte Wasserschnecken – hier nach meinem Verständnis doch deutlich erhöht. Die Einheimischen erzählen zwar etwas anderes, aber die gleiche Fraktion hat mir auch schon erklärt, dass die Krokodile hier praktisch harmlos seien. Auf meinen leicht besorgten Blick reagieren die Einheimischen mit Gelächter und versichern uns, die Krokodile seien quasi Vegetarier. Was soll ich sagen? Irgendwo zwischen Bilharziose-Parasiten und vegetarischen Krokodilen habe ich beschlossen, mein deutsches Sicherheitsgefühl ausnahmsweise einmal ernst zu nehmen. Also Kajak statt Baden.
Sascha erklärt sich bereit, den Steuermann zu spielen. Obwohl er noch nie zuvor in einem Kajak gesessen hat. Rückblickend betrachtet war mein Sicherheitsgefühl an diesem Tag vielleicht doch nicht ganz so konsequent.
Also paddeln wir los. Zunächst läuft alles wunderbar. Das Wasser ist ruhig, die Sonne scheint und entlang des Ufers entdecken wir immer wieder Vögel. Ein Eisvogel schießt wie ein kleiner blaue Pfeile über die Wasseroberfläche. Dazwischen sehen wir einen Kormoran beim Trocknen seiner Flügel und Reiher am Ufer. Außerdem beobachten wir einen Waran und andere Echsen, die sich auf den Felsen sonnen und deutlich kompetenter wirken als wir beide im Kajak. Dann passiert etwas, das auf unserer gesamten Reise bisher nicht passiert ist: Es beginnt zu regnen. Zum ersten Mal. Sascha beschließt sofort, uns heldenhaft vor dem Regen zu retten. Er steuert das Kajak direkt auf das Ufer zu und visiert einen riesigen Baum an, unter dessen Krone wir angeblich Schutz finden sollen.
Mein:
„Neeeeeiiinnnn, Sascha! Was machst du???
kommt ungefähr zeitgleich mit meinen verzweifelten Versuchen, das Kajak in eine andere Richtung zu lenken.
Zu spät.
Viel zu spät.
Denn Sascha hat uns nicht unter einen Baum manövriert. Er hat uns zielsicher direkt in ein Wespennest gefahren.
Was danach folgt, lässt sich am besten als chaotische Massenpanik beschreiben. Plötzlich schwirren ziemlich viele, ziemlich große und ausgesprochen schlecht gelaunte Wespen um uns herum. Innerhalb weniger Sekunden werden wir attackiert und kassieren beide mehrere Stiche. Die heldenhafte Regenrettungsmission wird daraufhin spontan abgebrochen. Und so springen wir schließlich genau dorthin, wo ich ursprünglich überhaupt nicht hinein wollte: In den Malawi-See.
Dort stehen wir nun. Nass vom Regen. Nass vom See. Von Wespen gestochen. Neben einem herrenlosen Kajak.
Und während wir uns gegenseitig versichern, dass die Stiche bestimmt bald aufhören werden zu schmerzen, muss ich unweigerlich lachen.
Und irgendwie fasst diese Szene unsere gesamte Malawi-Reise perfekt zusammen: Man versucht Problemen aus dem Weg zu gehen und landet trotzdem mitten im nächsten Abenteuer.Read more
Was ich aus Malawi mitnehme
May 30 in Malawi ⋅ ⛅ 23 °C
Nun sitzen wir wieder in Lilongwe. Dort, wo die Reise begonnen hat. Diesmal allerdings mit deutlich mehr Staub auf den Schuhen, einer gewissen emotionalen Bindung zu Maisbrei und einer Sammlung von Geschichten, die sich teilweise noch immer etwas unwirklich anfühlen.
Malawi war anders als erwartet.
Natürlich hatten wir die üblichen Afrika-Klischees im Kopf: Safari, wilde Tiere, Sonnenuntergänge und endlose Landschaften. Und ja, das alles gab es. Elefanten, Flusspferde, Baobab-Bäume, Teeplantagen, Wasserfälle und den riesigen Malawi-See.
Aber an vieles davon denke ich überraschenderweise gar nicht zuerst zurück.
Ich denke an den einen Liter Benzin, über den sich unser Busfahrer gefreut hat, als hätte er im Lotto gewonnen.
An meinen Mietwagen, der kopfüber in einem Lehmweg steckte.
An die Bauern, die ohne gemeinsame Sprache sofort verstanden haben, dass Hilfe gebraucht wird.
An Joshi, seine Großeltern und die seltenen Momente, in denen aus einer Begegnung tatsächlich ein echter Austausch wurde.
An den Hexendoktor, der gleichzeitig Heiler und knallharter Geschäftsmann war.
An den Wasserfall, der mich mit seiner stoischen Gelassenheit mehr über das Leben nachdenken ließ als manches kluge Buch.
Und an einen österreichischen Fahrradfahrer, der sich in einem der ärmsten Länder der Welt über fehlenden Nachtisch beschwerte.
Vor allem aber werde ich mich an die Menschen erinnern.
Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Das sieht man. Jeden Tag. Überall. Und trotzdem habe ich selten ein Land erlebt, in dem Menschen so offen, freundlich und neugierig auf Fremde reagieren. Kinder winken einem stundenlang vom Straßenrand zu, Menschen kommen sofort und locker ins Gespräch, helfen selbstverständlich und lachen oft deutlich mehr als man selbst.
Gleichzeitig hat mich die Reise immer wieder mit Fragen konfrontiert, auf die ich bis heute keine Antwort habe. Fragen nach Privilegien, nach Gerechtigkeit und danach, wie Reisen in einem so armen Land eigentlich fair funktionieren kann.
Vielleicht war genau das die größte Erkenntnis dieser Reise: Dass nicht jede Frage eine Antwort braucht.
Manche Gedanken begleiten einen einfach weiter nach Hause.
Und vielleicht ist das auch gut so.
Malawi war chaotisch. Anstrengend. Wunderschön. Manchmal absurd. Oft herausfordernd. Gelegentlich nervenaufreibend.
Aber niemals langweilig.
Und irgendwie fasst das dieses Land vielleicht am besten zusammen:
Man macht einen Plan.
Malawi macht einen anderen.
Und am Ende wird die Geschichte meistens besser als das, was man ursprünglich geplant hatte.Read more

Komm gut und sicher nach Hause, Schwesterlein. Die letzte Reise ist immer eine Inspiration für die nächste. Man will irgendwie alles einmal gesehen und auch gefühlt haben. Du nimmst sicher ganz viel mit – und wie ich dich kenne, ist die nächste Destination bestimmt schon längst im Kopf. [EmmaEmily]

Na das ist ja alles mal unerwartet😅 🫣 ich hoffe der Chicoréefukk macht wenigstens etwas wach!? Ich hab irgendwann mal rausgefunden, dass ich aufs Heißgetränk konditioniert bin...hoffe es geht dir auch so! Und dass Strom und Wasser wieder kommen, sonst gibt's dann nur den morgendlichen kalten Kaffee Staub 🤣 dann verfolge ich mal munter weiter...scheint ja spannender zu werden als jede Reisedoku die ich bisher gesehen hab 😘 [Sarah]
Mein Schwesterherz, genau aus DIESEM Grund würde ich ohne meinen heiligen löslichen Pulverkaffee nicht mal bis in den Ruhrpott pilgern 😅. Das gehört standardmäßig ins Handgepäck – direkt neben die Zahnbürste. Die geniale Lösung: Trink einfach 60 % mehr von diesem Muckefuck-Zaubertrank. Zack – Koffein-Level erreicht… oder zumindest fest daran geglaubt. 😉 [EmmaEmily]
TravelerAaaaahh...hab's gerade erst gecheckt...🫣...😅 ...aber dann sind die Begebenheiten mittlerweile ja bestimmt schon wieder ganz ganz andere...🤭...aber wahrscheinlich mit den gleichen oder ähnlichen Problemen...😏...naja...dann hoffe ich einfach mal, das du dir vielleicht irgendwann im Laufe der Zeit ein vernünftiges Käffchen an den Start bringen oder dir irgendwie anderweitig "Abhilfe" schaffen konntest...😁...😇