Der heilige Gral des Afrika-Klischees
May 8 in Malawi ⋅ ☀️ 31 °C
Nun kommen wir zu unserem absoluten Klischee-Stopp: Safari in Afrika. Fehlt eigentlich nur noch David Attenborough als Erzählerstimme im Hintergrund.
Dieses Mal läuft tatsächlich fast alles problemlos. Naja… fast. Denn natürlich macht sich die landesweite Spritkrise in Malawi selbst beim heiligen Gral des afrikanischen Tourismus bemerkbar: Die Safari-Jeeps haben schlicht keinen Diesel mehr. Wir telefonieren also jede Lodge ab und hören überall denselben Satz: „Safari not possible.“
Aber wir wären hier nicht in Afrika, wenn es nicht trotzdem irgendwo jemanden gäbe, der das Business irgendwie am Laufen hält. Und so sitzen wir plötzlich doch in einem Jeep, während unser Guide nicht müde wird zu erwähnen, dass diese Tour unter den aktuellen Umständen wirklich ein „special tip“ verdienen würde. Ich hatte zeitweise das Gefühl, wir fahren weniger auf Safari als auf eine mobile Spendenkampagne.
Und dann geht’s tatsächlich los: durch Savanne, vorbei an überschwemmten Ebenen und riesigen Graslandschaften, die aussehen wie aus einer BBC-Dokumentation.
Wir sehen mehrere Arten von Antilopen und Gazellen, die elegant durchs hohe Gras springen. Dazu Elefanten – absurd große Tiere, die gleichzeitig majestätisch und überraschend entspannt wirken. Und Warzenschweine, die aussehen, als hätte die Evolution irgendwann einfach aufgegeben und gesagt: „Ach komm, reicht jetzt.“
Aber ehrlich gesagt beeindrucken mich die Tiere irgendwann fast weniger als die Natur selbst. Vor allem die gigantischen Baobab-Bäume.
Manche sind wahrscheinlich viele hundert Jahre alt. Unser Guide erzählt uns, dass sie auch „Tree of Life“ genannt werden, weil sie Wasser speichern, Nahrung liefern und unzähligen Tieren Schutz bieten. Manche Baobabs sind innen sogar so groß, dass Menschen früher darin gelebt oder Vorräte gelagert haben.
Natürlich ranken sich auch jede Menge Mythen um sie. Einer besagt, Gott habe den Baum wütend aus der Erde gezogen und verkehrt herum wieder eingepflanzt – weshalb die Äste aussehen wie Wurzeln, die in den Himmel ragen. Und ehrlich gesagt: Genau so sehen sie auch aus.
Je länger wir durch diese Landschaft fahren, desto kleiner fühlt man sich irgendwie. Zwischen uralten Bäumen, Elefantenherden und endloser Natur merkt man plötzlich, dass Europa mit seinen Kreisverkehren und To-go-Kaffeebechern nicht der Nabel der Welt ist.
Am nächsten Tag hängen wir natürlich direkt noch einen Safari-Tag dran. Diesmal allerdings per Boot. Und schon bevor wir überhaupt abgelegt haben, gab es die erste Attraktion zu beobachten: andere westliche Safari-Touristen.
Diese Outdoor-Models sahen aus, als würden sie gleich zu einer mehrmonatigen Expedition durch den Kongo aufbrechen. Voll ausgestattet mit atmungsaktiver Hightech-Funktionskleidung, Trinkwasserfilterflaschen, Trekkingrucksäcken, Wanderschuhen, mit denen man vermutlich auch den Kilimandscharo besteigen könnte.
Dabei waren wir einfach nur zwei Stunden gemütlich auf einem Boot unterwegs.
Ich dagegen saß dort halb verschwitzt mit Sonnencremeflecken und einer Wasserflasche aus dem Supermarkt und fühlte mich plötzlich erstaunlich underdressed für die Wildnis.
Die Bootssafari selbst war allerdings wirklich beeindruckend. Überall Vögel, riesige Landschaften, Krokodile am Ufer und vor allem: Flusspferde. Unfassbar viele Flusspferde.
Anfangs ist man noch völlig begeistert. „Oh mein Gott, ein Nilpferd!“ Zehn Minuten später: „Schon wieder eins.“ Nach einer Stunde entwickelt man fast eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber mehreren Tonnen schwerer Naturgewalt mit Aggressionsproblem.
Dabei sind Flusspferde eigentlich extrem gefährlich. Unser Guide erklärt uns, dass sie zu den tödlichsten Tieren Afrikas gehören, weil sie überraschend schnell, territorial und ausgesprochen schlecht gelaunt sein können. Was man ihnen bei ihrem entspannten Herumplanschen ehrlich gesagt überhaupt nicht ansieht.
Vielleicht konnten wir uns genau deshalb am Abend auch relativ problemlos das Flusspferd-Gulasch schmecken lassen. Irgendwann verliert man eben die emotionale Bindung, wenn einem innerhalb von zwei Stunden ungefähr 100 Nilpferde begegnen.
Und ja: Es schmeckt tatsächlich ziemlich gut. Irgendwo zwischen Rind und Wildschwein – nur mit deutlich mehr moralischer Verwirrung beim Essen.Read more
