• Zu Besuch beim Hexendoktor

    May 12 in Malawi ⋅ ☀️ 27 °C

    Nach langer Suche, viel Durchfragen und vermutlich einigen Menschen, die mich für leicht verwirrt gehalten haben, komme ich endlich an meinem lang ersehnten Ziel an: Ich finde tatsächlich jemanden, der mir glaubt, dass ich es ernst meine und mich zu einem traditionellen malawischen Heiler – oder, etwas weniger westlich formuliert, einem Hexendoktor – bringt. In der Sprache der Chewa nennt man diese Heiler übrigens Sing'anga.
    Irgendwie gelingt es mir sogar, Sascha zu überzeugen mitzukommen. Wobei „überzeugen“ vermutlich das falsche Wort ist.
    Also stehen wir plötzlich vor der Pforte des Sing'anga – und werden erstmal überprüft, ob wir nicht selbst bösartige Hexen sind, die nur gekommen sind, um ihn auf die Probe zu stellen. Ein vollkommen normaler Reisebeginn.
    Wir bekommen eine gezackte Machete in die Hand gedrückt, während wir gleichzeitig die Füße in Wasser stellen müssen. Nach einigen konzentrierten Blicken und geheimnisvollen Gesten stellt unser Sing'anga schließlich fest, dass wir tatsächlich keine Hexen sind – sondern lediglich zwei ziemlich zahlungswillige Suchende.
    Der erste Blick in seine Hütte ist dabei exakt so, wie man sich den Arbeitsplatz eines Hexendoktors vorstellt. Wirklich exakt. Überall stehen Gläser mit eingelegten Skorpionen und Schlangen, daneben getrocknete und frische Kräuter, ausgedörrte Tierteile, Baumrinde, verschiedene Hölzer und allerlei anderer gruseliger Kram herum. Ich entdecke eine Affenhand, ein Stück Igel und beschließe relativ schnell, bestimmte Fragen lieber nicht zu stellen.
    Jeder von uns bekommt zunächst weißes Pulver in die Handflächen gestreut. Anschließend beginnt der Sing'anga, aus unseren Händen biografische Ereignisse zu lesen. Leider liegt er bei mir direkt daneben. Er erklärt mit großer Überzeugung, dass in meiner Familie das erstgeborene Kind ein Junge sei. Naja. Das Problem: Ich bin das erstgeborene Kind.
    Aber gut – es war immerhin eine 50:50-Chance. Danach wird es ernst. Nun soll jeder von uns nacheinander seine Anliegen vortragen.
    Und plötzlich frage ich mich, ob „einfach mal schauen, wie so ein Hexendoktor arbeitet“ vielleicht doch nicht die durchdachteste Idee meiner Reise war. Was ist, wenn er uns entlarvt? Was, wenn wir hier als spirituelle Hochstapler auffliegen? Oder noch schlimmer – was, wenn ich jetzt irgendetwas Ekliges essen oder moralisch fragwürdige Rituale durchführen muss?
    Denn die nehmen die Angelegenheit hier wirklich ernst. Selbst unser Guide, der eben noch locker und fröhlich war, verändert plötzlich komplett seinen Gesichtsausdruck. Aus entspannt und offen wird respektvoll und ernst. Und in diesem Moment denke ich mir: Interessant. Ich möchte dem Ganzen hier eine realistische Chance geben, und es nicht nur als außergewöhnlichen Programmpunkt betrachten. Sascha ist voll mit dabei. So besprechen wir unsere tatsächlichen Beschwernisse mit dem traditionellen Heiler.
    Zum Glück sind die Rituale, die an uns vollzogen werden, dann doch völlig harmlos. Wirklich schlimm wird es erst am Ende.
    Denn dann ruft der Sing'anga den Preis für unsere extra individuell zusammengestellte Medizin-to-go auf. Sascha und ich schauen uns völlig entgeistert an.
    Nicht aus Respektlosigkeit gegenüber diesem medizinischen Oberhaupt – aber für diesen Betrag hätten wir gefühlt auch ein kleines Dorf übernehmen können. Und das eigentliche Problem: Wir haben noch nicht einmal annähernd so viel Geld dabei.
    Es folgt etwas, womit ich bei einem traditionellen spirituellen Heiler nun wirklich nicht gerechnet hätte:
    Eine knallharte Preisverhandlung.
    Nach einigem Hin und Her akzeptiert er schließlich einen Bruchteil seines ursprünglichen Preises – allerdings nur unter einer Bedingung: sofortige Zahlung. Keine Raten.
    Denn wie wir erfahren, zahlen viele Dorfbewohner ihre Behandlungen wohl über längere Zeit ab.
    Und plötzlich dämmert mir etwas: Der Sing'anga ist hier nicht einfach nur Heiler. Er ist gleichzeitig Arzt, Therapeut, Lebensberater, spirituelle Hotline und vermutlich auch noch Finanzdienstleister. Quasi ein All-inclusive-Service für sämtliche Probleme des Lebens – nur ohne Terminbuchung und Krankenkassenkarte.
    Und ganz nebenbei offenbar auch der Bestverdiener im Dorf, was man auch an seinem Fernseher in der Hütte unschwer erkennen kann. Denn Strom, hat hier niemand in seiner Hütte, geschweige denn einen Fernseher.
    Read more