Tea time im Empire
May 13 in Malawi ⋅ ☀️ 29 °C
Weiter geht's zum nächsten angeblich ziemlich fotogenen Stopp: die endlosen hügeligen Teeplantagen von Thyolo. Genau so, wie man sich Teeplantagen vorstellt – sanfte grüne Hügel, perfekt angelegte Reihen und eine Landschaft, die aussieht, als hätten britische Kolonialherren beschlossen der Natur etwas mehr Disziplin beizubringen. Frei nach dem Motto: "Was dieses Tal wirklich braucht, sind klare Strukturen und Produktivität bis zum Horizont.“
Da es hier – zumindest nach meinem aktuellen Informationsstand – außer durch Teeplantagen spazieren, Fotos machen und den Sonnenuntergang bestaunen nicht allzu viel zu tun gibt, planen wir eigentlich nur eine Nacht zu bleiben. Entsprechend unprofessionell fällt meine Unterkunftsrecherche aus und so landen wir eher zufällig in der Residenz einer waschechten, völlig aus der Zeit gefallenen Kolonialherrin.
Wir fahren also komplett ahnungslos dorthin, aber bereits die Anfahrt hätte uns vorwarnen können, dass wir uns vielleicht nicht ganz im üblichen Backpacker-Segment bewegen.
Amos, der hauseigene Portier, öffnet uns ein riesiges, grußeisernes, verschnörkeltes Tor, das ungefähr so gesichert wirkt, als würden dahinter entweder Staatsgeheimnisse lagern – oder die letzten verbliebenen Teevorräte des britischen Empires.
Nachdem wir durchgelassen werden, rollen wir einen gefühlten Kilometer die Auffahrt entlang über herrschaftlich knirschenden Kies. Links und rechts zieht sich eine Allee entlang.
Und dann steht es plötzlich vor uns:
Ein riesiges Kolonialherrenhaus. Ein Haus, bei dem man sofort das Gefühl bekommt, dass gleich jemand in einem rein-weißen Leinenanzug mit Whiskyglas in der Hand und Zigarre im Mund auf der Veranda erscheint und fragt, ob die Teeernte heute zufriedenstellend verlaufen sei.
Wir erfahren, dass die hochbetagte Kolonialherrin – ich meine natürlich Eigentümerin – diesen Familienbetrieb bereits in der dritten Generation führt, uns aber leider nicht persönlich in Empfang nehmen kann. Ein kleiner Teil von mir war ehrlich gesagt enttäuscht. Ich hatte mich innerlich bereits auf eine Begegnung mit einer Dame eingestellt, die mit perfektem britischem Akzent Sätze sagt wie: „Ah, Besuch? Wie reizend. James, bitte servieren sie uns den Tee."
Und so stehen wir davor – mit zerknitterten Klamotten und staubigen Schuhen. Kurz gesagt: Wir sahen weniger nach „Tea Estate Guests“ aus und mehr nach „zwei Personen, die sich auf das falsche Grundstück verirrt haben“.
In diesem Moment war mir klar: Entweder werden wir gleich höflich wieder hinauskomplimentiert – oder wir sind versehentlich in eine Zeitmaschine gefahren. Stattdessen übernimmt der Hausbedienstete die Führung. Wir betreten zuerst das Esszimmer. Und ich übertreibe wirklich nicht: Es sieht aus wie der Bankettsaal der Titanic kurz vor dem Auslaufen. Ein endlos langer dunkler Holztisch zieht sich durch den Raum, darüber hängen schwere Kronleuchter, an den Wänden alte Gemälde und Porträts von Menschen, die einen ansehen, als würden sie sich fragen, warum man zum Abendessen keine Krawatte trägt.
Überall schwere dunkle Möbel, Schnitzereien, dicke Teppiche und diese Art von Einrichtung, die so massiv wirkt, als hätte man sie gebaut, um mehrere Weltkriege und den Zerfall ganzer Reiche zu überstehen. Weiter geht es durch verschiedene Schlafgemächer mit Möbeln aus dem 19. Jahrhundert. Riesige Himmelbetten, hohe Holzschränke, Kommoden mit Messinggriffen und Spiegel, die vermutlich schon Menschen reflektiert haben, die damals noch Pferde als Fortbewegungsmittel für moderne Technologie hielten.
Das ganze Haus hat etwas gleichzeitig Beeindruckendes und leicht Verstörendes. Es fühlt sich weniger wie eine Unterkunft und mehr wie ein Schlossmuseum an, in dem man aus Versehen vergessen hat, die Besucher wieder hinauszuschicken.
Ich wartete innerlich wirklich nur darauf, dass plötzlich irgendwo eine Standuhr schlägt und ein Geist in viktorianischer Kleidung langsam durch den Flur schwebt.
Dann kommt der Hausbedienstete zum praktischen Teil der Führung und nennt uns den Preis für eine Übernachtung.
Sascha und ich schauen uns an.
Dann schauen wir uns nochmal an.
Dann nochmal auf den Preis.
Und dann wieder uns.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in diesem Moment beide kurz nachgerechnet haben, wie viele Monate Backpacking man für dieses Geld normalerweise finanzieren könnte. Mir war bis dahin ehrlich gesagt nicht bewusst, dass Menschen freiwillig Summen bezahlen, für die man andernorts bereits eine kleine Existenz aufbauen könnte.
Während wir innerlich bereits sämtliche Besitztümer auflisten, die wir für eine Übernachtung verkaufen müssten, erklärt man uns ganz beiläufig, dass die Hausherrin morgen eine Gruppe von vierzehn Gästen erwartet.
VIERZEHN.
Es scheint also tatsächlich eine Zielgruppe für Menschen zu geben, die morgens aufstehen und sich denken: Heute möchte ich gerne wohnen wie ein Tee-Baron des britischen Empires.
Wir bedanken uns freundlich, versuchen unsere Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten und machen uns erstaunlich klein und unauffällig wieder aus dem Staub.
Beim Herausfahren entdecken wir dann noch ein Schild, das uns informiert, dass die umliegenden Teeplantagen offenbar ebenfalls im Besitz der Dame sind, wahrscheinlich genauso wie die Teepflücker die auf den Plantagen schuften.
In diesem Moment fehlten eigentlich nur noch Herrenhäuser am Horizont, Pferdekutschen und jemand, der „Die Ernte wartet!“ ruft, damit die Zeitreise endgültig komplett gewesen wäre.Read more
