• Der philosophische Wasserfall

    May 15 in Malawi ⋅ ⛅ 25 °C

    So, nun geht es weiter zum Mount Mulanje beziehungsweise zum Mulanje-Massiv – Heimat des höchsten Berges Malawis: Sapitwa mit stattlichen 3002 Metern Höhe.
    Ich weiß allerdings bereits bei der Ankunft, dass ich dort eigentlich nicht hochklettern möchte. Der Aufstieg gilt als anspruchsvoll und mein Verhältnis zu Bergen lässt sich am ehesten mit „bewundernd aus sicherer Entfernung“ beschreiben.
    Direkt bei unserer Ankunft im Backpacker treffen wir auf ein französisches Pärchen, das verdächtig fit aussieht. Also nicht normales „ich gehe manchmal joggen“-fit, sondern dieses beängstigende Outdoor-fit, bei dem Menschen aussehen, als würden sie morgens zur Entspannung Berge hochlaufen.
    Und sie spricht direkt eine Warnung aus.
    Sie erzählt uns, dass selbst sie den Berg nicht geschafft habe – trotz guter Kondition, Erfahrung, professioneller Wanderausrüstung, Trägern und Bergführer. Sie habe letztendlich auf halber Höhe in einer Berghütte auf ihren Partner gewartet.
    In meinem Kopf lief in diesem Moment eigentlich nur noch: Vielen Dank für die Information. Diese Entscheidung wurde soeben für mich getroffen.
    Ich bin sowas von raus!
    Und selbst Sascha beginnt plötzlich nachdenklich zu wirken.
    Letztendlich besteigt keiner von uns den Berg. Stattdessen entscheiden wir uns für eine deutlich realistischere Alternative: einen Wasserfall, nur ungefähr zwei Stunden Fußmarsch entfernt. „Nur“ stellte sich später allerdings als ein sehr flexibler Begriff heraus. Denn diese zehn Kilometer Wanderung bestehen im Grunde aus zwei Möglichkeiten: fünf Kilometer steil bergauf und danach fünf Kilometer steil bergab. Mehr Variation gibt es nicht.
    Das Bergauf hat Sascha am nächsten Tag mit Muskelkater in den Oberschenkeln bestraft. Bei mir wiederum waren es, wegen dem Bergab die Waden. So ist es irgendwie fair verteilt. Aber abgesehen davon war es wunderschön.
    Denn irgendwann sitzt man einfach vor diesem Wasserfall und verliert sich ein bisschen in den eigenen Gedanken. Stundenlang schaut man zu, wie diese Wassermassen völlig unbeeindruckt von allem um sie herum ihren Weg nach unten finden. Kein Stress. Keine Termine. Keine Krisen.
    Dieser Wasserfall macht vermutlich seit Jahrhunderten einfach stoisch und zuverlässig genau dasselbe: Er geht unbeirrt von allem seiner einzigen Aufgabe nach. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr.
    Keine Selbstoptimierung. Keine Lebensziele. Keine Existenzkrisen. Er rauscht einfach den Berg hinunter, ohne sich zu fragen, ob er auf dem richtigen Weg ist, genug erreicht hat oder ob er gerade eigentlich etwas Sinnvolleres tun sollte. Und ganz sicher fragt er sich auch nicht, ob andere Wasserfälle im Leben schon weiter sind.
    Während wir Menschen ständig versuchen herauszufinden, wer wir sind, wo wir hinwollen und ob wir vielleicht irgendetwas verpassen, scheint dieser Wasserfall seine Daseinsberechtigung längst gefunden zu haben.
    Und irgendwann sitzt man dort und denkt sich: Vielleicht machen wir Menschen das Leben manchmal unnötig kompliziert.
    Vielleicht hätte ich gerne ein bisschen das Mindset eines Wasserfalls. Einfach weiterfließen, ohne ständig alles zu hinterfragen. Einfach seiner Richtung folgen. Ohne Eile. Ohne Zweifel.
    Einfach fließen.
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