• Die Frage nach echten Begegnungen

    May 16 in Malawi ⋅ ☁️ 16 °C

    Natürlich trifft man während einer Reise durch ein Land viele Menschen und hat Begegnungen unterschiedlichster Art. Andere Reisende treffe ich hier zwar auch, aber sie sind eher rar gesät. Die meisten Europäer sind irgendwie im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres hier oder arbeiten als Entwicklungshelfer in einer NGO.
    Locals kennenzulernen fällt dagegen erstaunlich leicht. Die Menschen hier sind offen, neugierig und unglaublich kommunikativ. Gleichzeitig bleibt bei mir aber oft ein merkwürdiges Gefühl zurück. Denn viele Begegnungen sind – verständlicherweise – an eine Dienstleistung, den Verkauf von etwas oder schlicht die Hoffnung auf Geld geknüpft.
    Und ich merke, wie ich mich dabei immer wieder frage, was eigentlich eine „echte“ Begegnung ist.
    Denn natürlich kann ich die Armut und die daraus entstehende Not nachvollziehen. Wenn man in Verhältnissen lebt, in denen es um die Finanzierung des nächsten Tages geht, haben Gespräche vermutlich einen anderen Ausgangspunkt als in Europa, wo wir oft den Luxus haben, aus purer Neugier miteinander zu reden.
    Trotzdem bleibt da dieses Bedürfnis nach einem ehrlichen Austausch – nach Gesprächen, die einfach nur Gespräche sind. Ohne Erwartungen. Ohne Rollen. Ohne dass ich automatisch als Tourist, Geldquelle oder wandelnder EC-Automat wahrgenommen werde.
    Und dann gab es Joshi.
    Wir haben in Mulanje zwei wirklich lustige Tage miteinander verbracht. Wir haben unglaublich viel gelacht, uns Geschichten erzählt und irgendwann hat er mich sogar zu seinen Großeltern mitgenommen. Ihre Hütte hatte weder Strom noch fließendes Wasser, der Boden bestand aus festgestampftem Lehm – und trotzdem fühlte sich dort vieles erstaunlich selbstverständlich und ungezwungen an.
    Es ging plötzlich nicht mehr darum, etwas zu verkaufen oder zu organisieren oder um irgendeine Dienstleistung. Ich saß einfach da, wurde vorgestellt, wir haben geredet, gelacht und Zeit miteinander verbracht.
    Und genau deshalb hat mich diese Begegnung vermutlich mehr beschäftigt als viele andere.
    Denn sie hat mir gezeigt, dass das, wonach ich eigentlich suche, tatsächlich möglich ist. Gleichzeitig haben sich dadurch die Gedanken in meinem Kopf eher vermehrt als aufgelöst.
    Denn plötzlich frage ich mich noch mehr: Wie kann ich meine Reise fairer gestalten? Wie können Menschen vor Ort mehr davon haben, dass Reisende hierherkommen? Reicht es, Trinkgeld zu geben? Höhere Preise zu bezahlen? Kleine lokale Unterkünfte und Dienstleistungen zu unterstützen?
    Wahrscheinlich ist das alles ein winziger Teil davon.
    Aber so richtig auflösen lässt sich dieser Gedanke nicht. Denn irgendwo bleibt die Frage bestehen, wie gerecht eine Situation überhaupt sein kann, in der die einen reisen, um Erfahrungen zu sammeln und Eindrücke zu sammeln, während die anderen hoffen, dass aus dieser Begegnung vielleicht etwas Geld für den nächsten Tag entsteht.
    Ich habe darauf bisher keine Antwort gefunden. Vielleicht gibt es auch gar keine einfache Antwort. Vielleicht geht es eher darum, sich diese Fragen überhaupt zu stellen – und nicht so zu tun, als wären sie nicht da.
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