• Asphalt ist nur eine Phase

    May 22 in Malawi ⋅ ☀️ 27 °C

    Die Straßen – wobei das wirklich ein erstaunlich großzügiger Begriff für das ist, was man hier teilweise vorfindet – sind ein eigenes Kapitel wert. Es ist eine andauernde Plage, um die man leider nicht herumkommt, wenn man durch Malawi reisen möchte.
    Da es hier kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt, war der Mietwagen trotz landesweiter Spritkrise und wirklich katastrophaler Straßenzustände am Ende noch die weniger schlimme Option. Den Wagen in demselben Zustand zurückzugeben, in dem wir ihn erhalten hatten – diese Vorstellung war allerdings bereits nach ungefähr drei Tagen endgültig geplatzt.
    Denn die Straßen hier haben ihren ganz eigenen Charakter. Manche beginnen völlig harmlos: frisch asphaltierte Fahrbahnen – man schöpft kurz Hoffnung und denkt: Ach, jetzt wird alles besser.
    Und genau in dem Moment endet der Asphalt abrupt. Einfach so.
    Ohne Vorwarnung. Ohne Übergang.
    Als hätte irgendwann jemand beim Straßenbau beschlossen: Gut, das reicht jetzt auch erstmal.
    Danach beginnt häufig eine Mischung aus Schlaglöchern, losem Geröll, Staub, Lehm, tief ausgewaschenen Furchen und spontanen Geländeexperimenten. Manche Schlaglöcher sind inzwischen so groß, dass man nicht mehr darum herumfährt, sondern aktiv entscheiden muss, auf welcher Seite des Kraters man vorbeifahren möchte und wie tief zumindest die eine Seite des Autos einsinkt.
    Irgendwann entwickelt man beim Fahren eine völlig neue Fähigkeit: den Straßen-Scan-Blick. Man schaut nicht mehr entspannt in die Landschaft, sondern analysiert dauerhaft die nächsten zwanzig Meter vor sich wie ein Minensucher.
    Und wirklich dauerhaft.
    Man kann sich nicht einmal eine halbe Sekunde erlauben, irgendwo anders hinzuschauen. Nicht nach links in die schöne Landschaft. Nicht nach rechts. Nicht mal kurz gedankenverloren geradeaus in den Himmel. Denn sobald die Konzentration auch nur minimal nachlässt, sitzt man entweder auf einem Felsen auf, verschwindet mit einem Rad halb im Straßengraben oder landet mit voller Überzeugung in einem Schlagloch, das vermutlich auf Satellitenbildern einen eigenen Namen trägt.
    Aber die Straße selbst ist eigentlich nur die halbe Herausforderung.
    Dazu kommen die unzähligen Fahrradfahrer, die physikalische Grundgesetze offensichtlich eher als unverbindliche Empfehlung betrachten. Auf den Gepäckträgern befinden sich teilweise Konstruktionen, die ungefähr die Größe eines halben Hauses haben – Holz, Matratzen, Möbelstücke, Säcke oder sonstige Gebilde, deren Statik nur durch absoluten Glauben zusammengehalten wird. Und zusätzlich sitzen meistens noch zwei weitere Personen irgendwo dekorativ auf oder neben dem Fahrrad.
    Dann gibt es Ochsen- und Eselskarren, die gemächlich ihres Weges ziehen. Fußgänger, die erstaunlich wenig Motivation zeigen, zur Seite zu gehen – selbst dann nicht, wenn man gerade versucht, einem schlaglochgroßen Meteoriteneinschlag auszuweichen.
    Und die Ziegen natürlich.
    Die Ziegen hätten wirklich ein eigenes Kapitel verdient.
    Diese Tiere wirken, als hätten sie kollektiv beschlossen, jeglichen Überlebensinstinkt abzulegen. Sie stehen am Straßenrand, beobachten einen völlig entspannt und warten exakt bis zu dem Moment, in dem man glaubt, sicher vorbeifahren zu können – um dann mit maximalem Selbstvertrauen plötzlich direkt vor das Auto zu springen.
    Nach einigen Tagen Autofahren entwickelt man deshalb eine völlig neue Art von Aufmerksamkeit.
    Und irgendwann kommt dann der Moment, an dem selbst der größte Abenteuergeist kapituliert.
    Für unsere letzte Strecke von gerade einmal 134 Kilometern haben wir tatsächlich neun Stunden gebraucht.
    Neun.
    Stunden.
    Für eine Strecke, die man zuhause vermutlich mit einem Podcast, einem Kaffee und einem kurzen Tankstopp fast schon als „kleinen Ausflug“ bezeichnen würde.
    Nach dieser Fahrt haben Sascha und ich uns angeschaut und relativ schnell beschlossen, unsere nächsten geplanten Ziele wieder zu streichen. Denn beim Blick auf die Karte wurde plötzlich klar: Wenn wir das durchziehen, würden wir die nächsten drei Tage im Grunde ununterbrochen im Auto verbringen.
    Und zwar nicht gemütlich im Sinne von Roadtrip mit guter Musik und schönen Aussichten, sondern drei Tage in höchster Anspannung, mit dem permanenten Versuch, Schlaglöchern, Fahrrädern, Ochsenkarren, Fußgängern und suizidal veranlagten Ziegen auszuweichen.
    Darauf hatten wir plötzlich erstaunlich wenig Lust.
    Was wir stattdessen machen, wissen wir ehrlich gesagt noch nicht.
    Aber eines wissen wir ziemlich sicher:
    Es wird definitiv etwas sein, das nicht stundenlanges Autofahren beinhaltet.
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