Rückkehr auf die Straße
May 24 in Malawi ⋅ ☀️ 27 °C
Wir sind an einem Ort ausgespuckt worden, an dem wir eigentlich nie sein wollten. Aber sich weiterhin stunden- und tagelang über Malawis Straßen zu quälen, war irgendwann auch keine Option mehr.
Was nun?
Der Ort ist – vorsichtig formuliert – nicht nur langweilig, sondern besitzt zusätzlich die bemerkenswerte Fähigkeit, dabei auch noch wenig Charme zu versprühen. Nicht jeder Ort kann Postkartenmotiv sein, und dieser hier bemüht sich offensichtlich auch gar nicht erst.
Weiter geht's mit einer Begegnung der etwas anstrengenderen Art. In unserer Unterkunft wohnt zufällig auch ein österreichischer Fahrradreisender.
Sein erster Gesprächsversuch fühlt sich allerdings weniger wie eine entspannte Kontaktaufnahme an, sondern eher wie ein unerwarteter Überfall.
Plötzlich kommt er wutentbrannt auf mich zugestürmt und ruft mir in breitem Wiener Schmäh förmlich entgegen: “Haben ma jetzt scho wieda an g'schissenen Stromausfall, oda wos??!“
Ich schaue leicht verdutzt von meinem Handy auf. Noch bevor ich überhaupt antworten kann, springt bereits der Generator an und der Strom ist wieder da.
Problem gelöst, könnte man denken.
Aber nein.
Nun folgt eine ausführliche Beschwerdesammlung über:
"de aggressiv bettelnden Malawier – und ganz besonders oarg san de Kinder. Sowas hab i no in kan Land erlebt."
So viel Negativität und passive Aggressivität bin ich gar nicht mehr gewohnt. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ich in den letzten Wochen einfach etwas anderes erlebt habe – neugierige Menschen, freundliche Gespräche und ständig winkende Kinder am Straßenrand, die sich jedes Mal einen Ast ab freuen, wenn ein Auto vorbeifährt und die Insassen sogar zurück winken.
Jedenfalls fällt meine Antwort wohl anders aus, als er erwartet hatte.
„Wenn es dir hier nicht gefällt – warum radelst du dann nicht einfach weiter?“
Ich meine, wir befinden uns in einem der ärmsten Länder der Welt. Sich über genau die Lebensrealität zu beschweren, die man hier vorfindet, fühlte sich für mich in diesem Moment irgendwie merkwürdig an. Er schaut mich völlig fassungslos an. Definitiv nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte. Und stapft noch etwas wütender davon. Ich denke kurz: "Gut. Den bin ich wenigstens los!"
Am nächsten Morgen bekomme ich allerdings noch mit, wie er sich lautstark darüber beschwert, dass es keinen Nachtisch gibt und er dringend Schokolade brauche. In diesem Moment erreicht mein Fremdschämen kurz ungeahnte Höhen.
Irgendwie fühlt sich dieser Ort insgesamt einfach nicht richtig an. Sascha und ich diskutieren eine Weile hin und her, denn keiner von uns möchte hier bleiben.
Und deshalb tun wir am Ende genau das, was gestern noch völlig absurd erschien:
Wir kehren zurück auf die Straße.
Ziel: Nkhata Bay.
Wohlwissend, dass uns zwei weitere anstrengende Fahrtage erwarten – obwohl unser Sehnsuchtsort weniger als 200 Kilometer entfernt liegt.
In Malawi lernt man irgendwann: Entfernung misst man nicht mehr in Kilometern. Sondern in Leidensfähigkeit.Read more
