Der Sehnsuchtsort
May 25 in Malawi ⋅ ☀️ 26 °C
Nach zwei weiteren Fahrtagen – die hier übrigens spätestens um 18 Uhr enden müssen, weil danach schlagartig die Nacht hereinbricht und Autofahren eher in die Kategorie „mutiges Glücksspiel“ fällt – und einer weiteren Übernachtung irgendwo im Nirgendwo erreichen wir endlich unseren Sehnsuchtsort.
Und wir werden nicht enttäuscht.
Die Butterfly Space Lodge in Nkhata Bay ist wahrscheinlich einer der entspanntesten u Orte in ganz Malawi, um gepflegt abzuhängen. Eine kleine Hippie-Oase direkt am See, voller Hängematten, entspannter Menschen und der allgemeinen Stimmung, dass heute wahrscheinlich nichts Dringendes mehr passieren wird.
Offenbar hat sich das auch unter Backpackern herumgesprochen. Zum ersten Mal auf dieser Reise treffen wir hier nicht nur vereinzelt andere Reisende, sondern gleich einen ganzen Haufen davon. Menschen aus allen möglichen westlichen Ländern, die alle dieselbe leicht verwilderte Mischung aus Sonnenbrand, Mückenstichen und Fernweh mit sich herumtragen und aussehen, als wären sie schon deutlich länger unterwegs als ursprünglich geplant.
Man sitzt zusammen, tauscht Geschichten aus, vergleicht Straßentrauma-Erfahrungen und diskutiert darüber, welche Route man besser nicht fahren sollte. Und plötzlich fühlt sich alles erstaunlich vertraut an.
Ich weiß, wie absurd das klingt. Man reist einmal quer nach Malawi – und freut sich dann über Europäer und westliches Essen.
Aber nach einigen Wochen merkt man doch, dass sich langsam eine gewisse Sehnsucht einschleicht. Nicht unbedingt nach Zuhause, sondern nach Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, denselben Kulturschock erleben und sofort verstehen, was man meint, wenn man von neun Stunden für 134 Kilometer erzählt.
Und dann wäre da noch das Essen.
Malawis Nationalgericht ist Nsima – ein fester Maisbrei, der praktisch zu jeder Mahlzeit serviert wird. Dazu gibt es häufig sogenanntes „Local Chicken“. Für die Einheimischen völlig selbstverständlich, dieses Gericht mehrfach täglich zu essen.
Für europäische Geschmacksnerven stellt sich allerdings relativ schnell eine gewisse Monotonie ein. Sagen wir es diplomatisch: Der Anteil an Knochen, Knorpel und Haut steht gelegentlich in einem bemerkenswert kreativen Verhältnis zur tatsächlich vorhandenen Fleischmenge. Und Nsima ist zwar beeindruckend sättigend, kulinarisch bewegt es sich aber ungefähr in dem Spannungsfeld zwischen Tapetenkleister und essbarer Wanddekoration. Nach dem dritten Tag beginnt man ernsthaft darüber nachzudenken, ob der menschliche Körper nicht vielleicht doch noch die eine oder andere Vitamingruppe benötigt.
Irgendwann sitzt man dann einfach nur mit einem ordentlich gewürzten Gericht vor sich da – etwas mit tatsächlicher Soße, erkennbaren Gewürzen und einer Konsistenz, die nicht an Baustoffe erinnert – und erlebt einen Moment, den man fast als spirituelle Erfahrung bezeichnen könnte. Plötzlich versteht man, warum Menschen Gedichte über gutes Essen schreiben. Und so verbringen wir die nächsten Tage damit, am See zu sitzen, mit anderen Reisenden zu reden, westliches Essen zu genießen und dankbar festzustellen, dass kulturelle Offenheit beim Essen offenbar doch ihre Grenzen hat.Read more
