Deutsches Sicherheitsgefühl
May 27 in Malawi ⋅ ☀️ 25 °C
Unsere allerletzte Freizeitaktivität, bevor wir die lange Rückreise nach Lilongwe und anschließend den Flug zurück nach Good Old Germany antreten müssen, ist eine Runde Kajakfahren auf dem Lake Malawi.
Schwimmen möchte ich hier allerdings nicht. Aufgrund des Schilfs am Ufer ist die Wahrscheinlichkeit auf Bilharziose beziehungsweise auf die Wirte der Parasiten – bestimmte Wasserschnecken – hier nach meinem Verständnis doch deutlich erhöht. Die Einheimischen erzählen zwar etwas anderes, aber die gleiche Fraktion hat mir auch schon erklärt, dass die Krokodile hier praktisch harmlos seien. Auf meinen leicht besorgten Blick reagieren die Einheimischen mit Gelächter und versichern uns, die Krokodile seien quasi Vegetarier. Was soll ich sagen? Irgendwo zwischen Bilharziose-Parasiten und vegetarischen Krokodilen habe ich beschlossen, mein deutsches Sicherheitsgefühl ausnahmsweise einmal ernst zu nehmen. Also Kajak statt Baden.
Sascha erklärt sich bereit, den Steuermann zu spielen. Obwohl er noch nie zuvor in einem Kajak gesessen hat. Rückblickend betrachtet war mein Sicherheitsgefühl an diesem Tag vielleicht doch nicht ganz so konsequent.
Also paddeln wir los. Zunächst läuft alles wunderbar. Das Wasser ist ruhig, die Sonne scheint und entlang des Ufers entdecken wir immer wieder Vögel. Ein Eisvogel schießt wie ein kleiner blaue Pfeile über die Wasseroberfläche. Dazwischen sehen wir einen Kormoran beim Trocknen seiner Flügel und Reiher am Ufer. Außerdem beobachten wir einen Waran und andere Echsen, die sich auf den Felsen sonnen und deutlich kompetenter wirken als wir beide im Kajak. Dann passiert etwas, das auf unserer gesamten Reise bisher nicht passiert ist: Es beginnt zu regnen. Zum ersten Mal. Sascha beschließt sofort, uns heldenhaft vor dem Regen zu retten. Er steuert das Kajak direkt auf das Ufer zu und visiert einen riesigen Baum an, unter dessen Krone wir angeblich Schutz finden sollen.
Mein:
„Neeeeeiiinnnn, Sascha! Was machst du???
kommt ungefähr zeitgleich mit meinen verzweifelten Versuchen, das Kajak in eine andere Richtung zu lenken.
Zu spät.
Viel zu spät.
Denn Sascha hat uns nicht unter einen Baum manövriert. Er hat uns zielsicher direkt in ein Wespennest gefahren.
Was danach folgt, lässt sich am besten als chaotische Massenpanik beschreiben. Plötzlich schwirren ziemlich viele, ziemlich große und ausgesprochen schlecht gelaunte Wespen um uns herum. Innerhalb weniger Sekunden werden wir attackiert und kassieren beide mehrere Stiche. Die heldenhafte Regenrettungsmission wird daraufhin spontan abgebrochen. Und so springen wir schließlich genau dorthin, wo ich ursprünglich überhaupt nicht hinein wollte: In den Malawi-See.
Dort stehen wir nun. Nass vom Regen. Nass vom See. Von Wespen gestochen. Neben einem herrenlosen Kajak.
Und während wir uns gegenseitig versichern, dass die Stiche bestimmt bald aufhören werden zu schmerzen, muss ich unweigerlich lachen.
Und irgendwie fasst diese Szene unsere gesamte Malawi-Reise perfekt zusammen: Man versucht Problemen aus dem Weg zu gehen und landet trotzdem mitten im nächsten Abenteuer.Read more
