• Karneval im Roten Meer

    September 30 in Egypt ☁️ 31 °C

    Nachdem ich zwei Tage mit völligem Nichtstun verbracht habe, muss ich immer wieder die gleichen nervigen Fragen von Kai beantworten:

    Nein, ich will nicht schnorcheln.
    Nein, ich will auch nicht mal kurz ins Wasser.
    Nein, ich muss mich nicht erfrischen.
    Mir ist nicht heiß.
    Und nein, mir ist auch nicht langweilig.

    Wie du siehst bin ich beschäftigt. Ich gammele. Und das mit wachsender Begeisterung..

    Kai hingegen hüpft gefühlt alle zwanzig Minuten ins Meer und kommt anschließend mit weit aufgerissenen Augen und zappelnden Gliedmaßen wieder heraus, um mir von Fischen, Korallen und irgendwelchen unglaublichen Dingen zu berichten, die ich UNBEDINGT sehen muss.

    Dann lässt er mich ungefähr zehn Minuten in Ruhe, bevor er wieder von vorne anfängt.

    Ein Eichhörnchen mit ADHS und Schnorchel.

    Irgendwann gibt mein Widerstand nach. Nicht etwa, weil mir langweilig wäre – hartes Rumgammeln ist schließlich auch nicht zu verachten –, sondern weil ich langsam einsehe, dass dieser Mann vermutlich niemals aufhören wird, mich zu fragen.

    Also Maske auf, Schnorchel rein und ab ins Wasser.

    Und dann passiert etwas ausgesprochen Ärgerliches:

    Kai hat recht.

    Keine paar Meter vom Ufer entfernt beginnt unter mir eine völlig andere Welt.

    Die Korallen bilden kleine Türme, Platten, Äste und zerklüftete Unterwasserlandschaften. Manche sehen aus wie riesige Pilze, andere wie versteinerte Gehirne. Dazwischen ziehen ganze Schwärme winziger silbrig-blau glänzender Fische vorbei. Sobald die Sonne auf ihre Körper fällt, blitzt der ganze Schwarm auf, dreht wie auf Kommando gleichzeitig ab und verschwindet wieder zwischen den Korallen.

    Überall wuselt es. Kleine knallblaue Fische, gelb-schwarz gestreifte, türkisfarbene, gepunktete und welche mit langen Flossen, die aussehen, als hätten sie sich für den heutigen Anlass ein bisschen schicker gemacht.

    Zwischen den Korallen entdecke ich einen Kugelfisch, der mit seinem leicht beleidigten Gesichtsausdruck durchs Wasser schwebt. Aus einer Felsspalte schaut eine Muräne heraus. Nur der Kopf ist zu sehen, das Maul immer wieder halb geöffnet. Sie sieht nicht so aus, als würde sie besonderen Wert auf Gesellschaft legen.

    Und je länger ich im Wasser bin, desto mehr sehe ich. Überall kleine Höhlen und Spalten. Fische verschwinden darin und tauchen irgendwo anders wieder auf. Ganze Schwärme ziehen unter mir hindurch, andere knabbern an den Korallen herum oder stehen fast bewegungslos im Wasser.

    Der Kontrast könnte kaum größer sein.

    Über Wasser besteht der Sinai hier hauptsächlich aus Braun, Beige, Felsen und noch mehr Felsen. Karg, trocken und auf erstaunlich wenige Farben reduziert.

    Und direkt darunter veranstaltet die Natur offenbar Karneval.

    Ich treibe an der Oberfläche, schaue nach unten, schwimme weiter und weiter und vergesse irgendwann sogar, dass ich eigentlich überhaupt nicht ins Wasser wollte.

    Schlimmer noch:

    Ich finde es großartig.

    Was natürlich keinesfalls bedeutet, dass Kai jetzt grundsätzlich recht hat.

    Nur dieses eine Mal.

    Vielleicht.
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