Drei Tage Weltfrieden
October 1 in Egypt
☀️ 31 °C
Bei unserer Ankunft hatte ich noch die Hoffnung, dass es hier trotz der ungewöhnlichen Konstellation – wir als einzige Nicht-Israelis in einem Camp mitten im ägyptischen Sinai – einfach friedlich und unpolitisch bleiben würde.
Und genau darauf hatte ich auch große Lust: Meer, Wüste, Nichtstun. Weltpolitik bitte draußen bleiben.
Ich entwickelte deshalb eine ziemlich konsequente Vermeidungstechnik. Sobald ein Gespräch auch nur verdächtig in Richtung Politik abbog, versuchte ich, elegant die Ausfahrt zu nehmen. Thema wechseln, freundlich lächeln, irgendetwas über Fische sagen. Im Zweifel hätte ich vermutlich auch ausführlich über die Beschaffenheit von Sand gesprochen.
Das funktionierte erstaunlich lange.
Drei Tage, um genau zu sein.
Dann setzte sich eine Israelin zu uns und eröffnete das Gespräch praktisch ohne Aufwärmphase mit der Feststellung, dass wir in Deutschland ein großes Problem mit „Muslims“ hätten.
Aha.
Kein „Woher kommt ihr?“, kein Wetter, keine Fische, nicht einmal Sand.
Direkt rein in die Politik.
Ich versuchte es noch relativ elegant und antwortete, dass ich unser Problem in Deutschland gerade eher woanders sehe: beim deutlichen Rechtsruck und bei zunehmendem Rechtsextremismus. Und dass aus meiner Sicht gerade muslimische Menschen diejenigen sind, die Diskriminierung erfahren.
Ihre Antwort:
„Wohl noch nicht genug.“
Okay.
Und da war es vorbei mit meiner inneren Wüstenruhe.
Was da in mir losging, war weniger eine Welle als ein ausgewachsener innerer Tsunami. Ich merkte ziemlich schnell, dass ich diesem Gespräch nicht mehr ruhig würde folgen können. Bevor aus dem inneren Tsunami ein äußerer wurde, stand ich auf und verließ schlagartig das Gespräch und die Situation.
Das war in diesem Moment die einzige Möglichkeit, einer Eskalation aus dem Weg zu gehen.
Aufgewühlt war ich trotzdem noch viele Stunden. Vielleicht gerade deshalb, weil dieser Satz an einem Ort fiel, an dem ich so gar nicht damit gerechnet hatte: in dieser kleinen Hippie-Oase zwischen Wüste und Meer, in der Menschen barfuß auf Kissen sitzen, gemeinsam essen, ins Wasser springen und die Welt für ein paar Tage erstaunlich weit weg scheint.
Und plötzlich sitzt rechtes Gedankengut mit am Tisch.
Die Weltpolitik hatte unsere kleine Oase dann doch gefunden.Read more
