RockSea Storytellers
October 2 in Egypt
⛅ 29 °C
Nach dem letzten Eintrag muss ich allerdings etwas geraderücken.
Denn natürlich besteht RockSea nicht aus „den Israelis“ und schon gar nicht aus dieser einen Begegnung. Ganz im Gegenteil: Hier sind eine ganze Menge ausgesprochen nette Menschen, von denen wir einige inzwischen ziemlich intensiv kennenlernen durften.
Was allerdings auch schwer zu vermeiden ist.
RockSea ist so klein, kuschelig und familiär, dass Anonymität hier ungefähr so gut funktioniert wie Verstecken in der Wüste.
Man sitzt zusammen beim Essen, beim Tee, auf Matratzen oder irgendwo zwischen Hütte, Felsen und Meer – und ehe man sich versieht, kennt man nicht nur den Namen seines Gegenübers, sondern auch die halbe Familiengeschichte.
Smalltalk wird hier offenbar überschätzt.
Da erzählt jemand von den Großeltern, die 1934 aus Deutschland nach Israel geflohen sind. Ein Pärchen erzählt von einer Reise in den Wakhan-Korridor in Afghanistan und davon, wie sie mit einer einpropellerigen Maschine der Armee als Touristen zum Ausgangspunkt ihrer Wanderung geflogen wurden und seitdem ihre erwachsenen Kinder nicht mehr mit ihnen reisen wollen. Ungefähr in dem Ton, in dem andere erzählen, dass sie am Wochenende einen Familienausflug in die Eifel gemacht haben.
Und das Schöne ist: Hier darf jede Geschichte einfach für sich stehen. Niemand scheint vorher zu prüfen, ob sie gerade zur Stimmung passt. Es wird erzählt, was zum eigenen Leben gehört – lustig, absurd, traurig oder dramatisch. Eine schwere Geschichte macht die lustige davor nicht unwichtig, und nach einer traurigen darf trotzdem wieder gelacht werden. Niemand muss den perfekten Übergang finden. Man erzählt einfach drauflos.
Und so sitzt hier auch ein palästinensischer Journalist, der als Volunteer mithilft. Dass ihm ein Bein fehlt, ist nicht zu übersehen. Irgendwann frage ich ihn im Gespräch, was passiert ist. Bei einem Bombenanschlag auf sein Auto in Gaza hat er sein Bein verloren.
Auch das gehört zu den Geschichten dieses Ortes.
Meine Lieblingsgeschichte aber erzählt Michael.
Michael ist 74, Deutscher, ausgesprochen sympathisch und der Gründer von RockSea. Inzwischen hat seine Tochter Roxy den Laden übernommen. Er selbst ist nur noch etwa drei Monate im Jahr hier und hilft mit. Den Rest des Jahres lebt er mal in Spanien, mal in Deutschland.
„Halbnomade“, nennt er sich selbst.
Und Michael wird nicht müde, jedem Traveller die Geschichte von RockSea zu erzählen. Vor über 30 Jahren kam er mit seiner damals zehnjährigen Tochter hierher, verliebte sich in diesen wilden Flecken Erde – Wüste, Berge, Meer und sonst ziemlich wenig – und kaufte kurzerhand ein Stück Wüste direkt am Roten Meer.
Damals war hier tatsächlich: nichts.
Keine Camps, kaum Infrastruktur, nur die wilde Landschaft des Sinai und die Beduinen, die hier lebten. Und irgendwo mittendrin Michael mit seiner zehnjährigen Tochter und der Idee, genau hier etwas aufzubauen.
Über 30 Jahre später sitzen nun Traveller aus aller Welt auf seinen Matratzen, trinken Tee, schnorcheln am Riff und erzählen sich ihre Lebensgeschichten.
Michael selbst scheint das Abenteuer allerdings noch immer ein bisschen zu vermissen.
RockSea sei ihm mittlerweile fast zu „geordnet“, sagt er.
Was hier wohl los war, bevor es „geordnet“ wurde, lässt sich nur erahnen.Read more
