• Geschichten aus der Gastronomie

    11. juni, Letland ⋅ 🌧 14 °C

    Die Kette knirscht, die Bremsen schleifen. Die ersten 25 km seit Tukums haben mich schon gefressen. Mit mir brach auch der Regen los und der sandige Schotter wird bei Nässe so richtig schlonsig-schwammig 🥵. Ab Kandava weiche ich auf die Hauptstraße aus und ballere direkt mit 10 km/h mehr bei gefühlt halber Kraft. Schwupp, in Sabile bei Kilometerstand 41.

    Ich steige ins einzige Restaurant ab und muss mich erstmal umziehen. Meine betagte Jacke findet mehrstündigen Dauerregen nämlich doof. Und dabei legt der Regen gerade erst richtig los ...

    Ich probiere mich dann mal durch die Karte. "Von jedem eins, bitte", oder so ähnlich. Die Region ist die nördlichste weltweit und bekannt für Dessert-Weine. Na, dann schauen wir mal.

    Mit mir angekommen ist auch ein belgisches Tandem-Radelpaar. Wir haben Spaß. Als die nach knappen 3,5 h dann weiter in den Regen ziehen, kommen gerade 7 Fahrradpolen im Alter von 50-60 herein. Ich quassele direkt dazwischen, noch bevor sie sich setzen. Dann stellt sich jeder persönlich händeschüttelnd bei mir vor. Die haben noch Manieren! Aber der eine Kleinere zittert am ganzen Körper. Die sind anscheinend nicht ausreichend schnell geradelt! Im Nu ist der Restaurantboden eine Pfütze 😛. Nach der wärmenden Soljanka vernimmt man wohliges Gestöhne und die beiden im Ohrensessel pennen direkt weg.

    Sofort geht es politisch und geschichtlich heiß her zu osteuropäischen Konflikten der vergangenen 100 Jahre. 7 Polen an 2 Tischen mit 4 unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen. Ich lerne viel über polnisch-ukrainische und polnisch-tschechische Auseinandersetzungen der Weltkriegsvorzeit und wie dies in der polnischen Gesellschaft unterschwellig immer noch krasse Auswirkungen auf die aktuellen Nachbarschaftsbeziehungen hat. Hmpf. Nach insgesamt 4,5 h Herumsitzen breche dann auch ich auf. Wieder in den Regen.
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