• Fertig Ferien

    April 4 in Morocco ⋅ ☀️ 20 °C

    Aus der Schweiz erhalten wir freudige Kunde. Thes Eltern werden gegen Ende März zu uns stossen. Was ursprünglich von Anfang an so geplant war, klappt mit etwas Verspätung doch noch. So können wir uns richtig Zeit lassen zum Eingewöhnen und Entschleunigen – Ankommen im Afrikamodus. Gibt es dafür etwas Besseres als sanftes Wellenrauschen im Hintergrund? Der Wetterfrosch verspricht Sonnenschein für die nächsten Tage, also ab ans Mittelmeer. Die Küstenstrasse ist wunderbar abwechslungsreich. Die letzten sieben Jahre blieb der winterliche Regen in Marokko mehrheitlich aus, viele tote Bäume und Sträucher sind die für uns sichtbaren Folgen dieser Dürre. Umso dankbarer sind die Menschen hier, trotz Überschwemmungen und zahlreichen Hangrutschen, über den vielen Regen, welcher seit Anfang Jahr gefallen ist. Die Natur atmet ebenso offensichtlich auf. So bietet sich uns oft ein faszinierender Kontrast zwischen den saftig grünen Wiesen, blühenden Blüten und der Erde, welche in verschiedensten Rottönen durchscheint. Lesen, spazieren, Wellen lauschen, wir geniessen die Tage am Meer in vollen Zügen.

    Und dann… ganz unverhofft und plötzlich… FERTIG FERIEN!
    Alle die schon mal für längere Zeit ins Unterwegssein eingetaucht sind, kennen es wahrscheinlich. Irgendwann hören die Ferien auf und man ist mitten im Reisen drin. Dann sind die Gedanken an Zuhause und die bisherigen Arbeitsabläufe plötzlich nicht mehr im Hinterkopf. Stetiges Studieren an «wo schlafen wir heute Abend oder in den nächsten Tagen», «dieses tun und um diese Zeit jenes» – all das rückt in den Hintergrund und man wird offen für den Moment, für das Hier und Jetzt.

    Von Nador stechen wir gen Südwesten, zum Nationalpark Tazekka. Die Höhlen und Atlaszedern der Gegend wollen wir uns nicht entgehen lassen. Eingetütet in einen Overall und ausgestattet mit Helm und Stirnlampe folgen wir unserem Guide Jamal eine halbe Stunde den Steineichen bewachsenen Berg hinauf. Ganz unscheinbar und klein sieht das Loch zwischen den Felsen aus, welches den Eingang zu dieser beeindruckenden Höhle ist. Dahinter öffnen sich nacheinander, über einige hundert Meter Länge, etwa 5 bis 6 grosse Kammern. Die Wände und Decke erinnern an eine riesige Orgel und an einer Stelle liegt sogar ein kleiner See. Jamal lässt uns alle Lampen löschen und wir stehen für einige Minuten muksmäuschen still in der vollkommenen Dunkelheit. Wir fühlen die Höhle mit allen Sinnen. Der Wassertropf, welcher vom Stalaktit ins Wasser tropft, ist plötzlich klar zu hören und auch der Flügelschlag der Fledermaus, die vorhin noch an der Decke hing, entgeht uns nicht. Anschliessend lässt uns unser Führer auf einen kleinen schwarzen Hügel stehen, mit einem verschmitzten Lächeln erklärt er uns, dass es sich dabei um die Fledermauskacke handelt, welche die kleinen Insektenfresser während der Winterruhe in der Höhle produzieren.

    Da unser aktuelles Zuhause ja auf einem Land Rover Defender sitzt, werden wir immer wieder darauf angesprochen, wie super offroad-tauglich unser Gefährt doch ist. Jaja, wahrscheinlich schon, nur ausprobiert haben wir dies noch nicht. Die nicht asphaltierte Strecke zum Jebel (Berg) Tazekka erscheint uns ideal um ein erstes Gefühl zu bekommen. Beim Abzweiger steht ein Strassenschild, gemäss welchem es neun Kilometer bis zum Gipfel geht. Kein Fahrverbot, keine Warnschilder, also: «lets go». Die Strecke ist einspurig und auch ihr ist der vergangene Regen deutlich anzusehen, denn eine anständige Furche verläuft in der Mitte. Langsam und mit Bedacht holpern wir über den Weg, immer darauf achtend, kein Rad in der Furche zu versenken. Die Seitenwand unserer Wohnkabine bekommt ein paar wenige Kampfspuren von Ästen, welche zu weit in die Spur hineinwachsen, aber wir sind beide freudig bei der Sache, meistert unser Fahrzeug das ganze doch mit Links. Einige enge Kurven weiter, steigt die Spannung in der Fahrerkabine langsam. Eine kurze starke Steigung (hmmm… reicht der Winkel, damit wir hinten nicht aufsetzten?? Puh, ja, hat gereicht), die Hände sind schon arg feucht und der Pfad wird immer schräger Richtung Abhang. Höchste Zeit für einen Angstbisi-Stopp. Und jetzt, wie weiter? Wie viel Seitenneigung für uns wohl machbar ist, ohne dass wir kippen? Umdrehen geht nicht. Im Rückwärtsgang etwa 2 Kilometer zurückfahren, auch schwierig. Ist weiterfahren möglich?
    Dank leerer Blase und Darm (so eine Trocken-Trenn-Toilette an Bord ist schon etwas unglaublich Tolles) ist unser Kopf nun wieder etwas klarer und wir inspizieren die kommende Strecke erst mal zu Fuss. Wir sind uns einig, mit etwas Abenteuergeist, gutem Lotsen und starkem Unterdrücken des Knieschlottern ist die Weiterfahrt bis zum nächstmöglichen Wendeplatz die beste Option. 10 Minuten später steht unser Land Rover unversehrt auf besagtem Wendeplatz. Könnte er sprechen, würde er wohl sagen «Hey, ihr zwei Angsthasen, das war doch Pipifax für mich».
    Selten wandern wir so schnell wie die anschliessenden 5 Kilometer bis zum Gipfel des Jebel Tazekka, irgendwie muss das ganze Adrenalin ja wieder weg. Der herrliche Atlaszedernwald tut sein Übriges dazu, wie passend, dass das ätherische Öl dieser Bäume angstlösend und beruhigend wirken soll.

    Nach so viel "Action" in den Höhen und vollgetankt mit Natur sind wir bereit für ein bisschen Stadt. Eine der vier Königsstädte steht auf dem Programm. Fès, wir kommen. Am Stadtrand logieren wir unter grossen Eukalyptusbäumen. Vom Angebot der Campingplatz "Taximafia", sich für € 10 (ca. 110 Dirham) in die Medina fahren zu lassen, fühlen wir uns nicht angesprochen. Wir wollen es doch lieber wie die Einheimischen machen. Also laufen wir an eine grosse Strasse um uns ein "normales" Petit Taxi heranzuwinken. Wir haben aber nicht einmal Gelegenheit zu winken, anscheinend leuchten wir aus der Masse heraus wie Glühwürmchen um Mitternacht. Schon hält ein Taxi an. Der freundliche Mann bringt uns gerne die 12 km in die Altstadt, aber beim Preis müssen wir verhandeln. Er sei ein Grand Taxi mit sieben Plätzen und wir müssten schon für alle Plätze bezahlen. Der Taxifahrer verhandelt so charmant, uns bleibt gar nichts anderes übrig, als anzunehmen. Also gehts für 70 Dirham in die Innenstadt, inklusive einigen Tipps für die Taxirückfahrt, viel Lachen und Einblick in die hiesige Kultur.
    Durch die Medina mit ihren 9'000 Gassen, dem Färber- und Gerberviertel, Souk, Koranschule und und und führt uns ein lokaler Guide. Uns gefällt die Stadt richtig gut, aber es wäre sterbenslangweilig, hier alles aufzuzählen, also plant lieber selber einen Besuch ins "kalte Land mit der heissen Sonne".
    Voller Impressionen verlassen wir die Medina und suchen uns für die Heimfahrt diesmal ein "Petit Taxi". Wie war das noch gleich? Eines der hier roten Taxis (die Grand Taxis sind weiss) per Handzeichen anhalten, Ziel mitteilen und entweder passt die Richtung dem Fahrer oder auch nicht. Wenn OK, darauf bestehen, den Taxameter einzuschalten. Es dauert nicht lange und wir sitzen zu zweit auf der Rückbank eines Dacia Spring. Gurte sind zwar vorhanden, aber nichts zum Einstecken. Im Abendverkehr schlängeln wir uns durch die Strassen, ohne grosse Hektik, immer knapp an einem Knutscher mit dem Nachbarauto vorbei. Wir nehmen es gelassen und sind dann doppelt erstaunt, das Taxameter zeigt nur 23 Dirham. Zum Abschluss dieses eindrucksvollen Tages erhalten wir noch einen Einblick in die seltsamen Auswüchse der "Campergemeinschaft" (ja ja, wir gehören auch dazu, aber halten uns eben doch für einen Ticken anders). In Convoys von zehn bis zwanzig Fahrzeugen treffen Reisegruppen ein. Eine Riesenansammlung von "Töpperwer" (Tupperware = weisse Wohnmobile, gefüllt mit mehr oder weniger gut erhaltenem Inhalt). Kurze Hektik auf dem Platz, die Toilettengebäude werden in Beschlag genommen und bringen die einfache Infrastruktur an ihre Grenzen. Wir lassen uns von einem freundlichen Mitglied belehren, eine solche Gruppe sei schon sehr praktisch. Alles ist vororganisiert, man habe Gesellschaft und es gäbe jeden Tag Programmpunkte, welche jedoch absolut freiwillig seien. Das mache doch Spass!

    Nach soooo viel Stadt zieht es uns in den nächsten Nationalpark im mittleren Atlas. Vorbei am seltsam anmutenden High-Society-Ort Ifrane, der irgendwie alpenländischen Bergdörfern nacheifern möchte, nächtigen wir auf einem netten kleinen Platz zwischen blühenden Kirschbäumen. Auf den Dächern nisten Klapperstörche, nebenan sind Mandelbäume in voller Blust und rundherum ist immer noch alles grün. Sind wir wirklich in Marokko?
    Nach kurzer Wartezeit kommt es hier zum freudigen Wiedersehen mit Thes Eltern.
    Gemeinsam erkunden wir den Atlaszedernwald mit bis zu 900 Jahre alten, mächtigen Bäumen, die wir nicht mal zu viert umarmen können. Als i-Tüpfelchen dürfen wir einer hier heimischen Gruppe Berberaffen beim Spielen, Bäbele, Lausen, Dösen, Chären und Schlichten zusehen. Einfach herrlich.

    Das ist jetzt schon ein paar Tage her und wir haben seither wieder eine ganze Menge erlebt. Aber das, liebe Lesende, erzählen wir euch ein andermal.

    Bis bald
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