• Eine Inselüberquerung mit Bus

    20 gennaio, Spagna ⋅ ⛅ 13 °C

    Über den Wolken nach Tejeda – eine Inselquerung voller Staunen mit dem Linienbus

    Ich bin vor dem Wecker wach. Um 7:00 Uhr soll er klingeln, aber ich bin längst bereit. Heute habe ich ihn vorsichtshalber gestellt – wir müssen pünktlich an der Bushaltestelle sein, um den 100er nach Sant Telmo zu erwischen, dem Busbahnhof in der Altstadt von Las Palmas. Von hier aus gehen die Überlandbusse hinauf in die Berge.
    Gut, dass wir etwas früher losgehen, denn so richtig erschließt sich uns nicht, wo der 100er eigentlich hält. Also nehmen wir den vertrauten 17er, der ebenfalls nach Sant Telmo fährt – allerdings nicht direkt in den Busbahnhof. Keine Durchsagen, keine Anzeigen. Aber wozu hat man einen Mund? Eine junge Frau hilft uns und sagt Bescheid, wann wir aussteigen müssen.
    Erste Hürde genommen.
    Im Busbahnhof bleiben uns noch 15 Minuten, um den Anschlussbus nach Vega de San Mateo zu erreichen. Wir sind die Ersten – das bedeutet: Platz neben dem Fahrer, beste Aussicht für die rund 1½-stündige Fahrt. Wenig später schrauben wir uns langsam, aber stetig durch die Vororte hinauf in die Berge. Eine Serpentine reiht sich an die nächste. In den kleinen Orten wird es schmal, sehr schmal. Ich denke nur: Mit dem Wohnmobil möchtest du hier wirklich nicht landen.
    Dann: Natur pur. Vereinzelte Gehöfte kleben an den Hängen oder liegen tief in den Tälern. Immer wieder öffnet sich der Blick – bis hinunter zum Meer. Die Vegetation ist üppig. Das feuchte Klima im Norden Gran Canarias lässt alles wachsen und blühen: Bougainvilleen, Oleander, Kakteen und andere mediterrane Pflanzen säumen die Straße. Vorne zu sitzen ist ein echtes Erlebnis, vor allem in den Kurven. Die Fahrer haben ordentlich zu tun – der Bus hat zum Glück Automatik.
    Nach gut einer Stunde erreichen wir Vega de San Mateo, und tatsächlich: Der 305er nach Tejeda steht schon bereit. Diesmal warten viele Wanderer. Trotzdem bleibt die Fahrt spektakulär. Noch mehr Kurven, noch engere Straßen. Wir erreichen die Wolkengrenze, es wird neblig, die Sicht eingeschränkt. Am Cruz de Tejeda, auf etwa 1.500 Metern Höhe, steigen viele Wanderer aus. Von hier führen unzählige Wege durch die Bergwelt.
    Wir fahren weiter – und plötzlich sind die Wolken weg.
    Der Blick öffnet sich und gibt eine atemberaubende Berglandschaft frei. Vor uns erhebt sich der Roque Nublo, das Wahrzeichen Gran Canarias: ein mächtiger, rötlicher Basaltfelsen, rund 80 Meter hoch, entstanden aus vulkanischem Gestein. Für die Ureinwohner, die Guanchen, war er ein heiliger Ort. Heute wirkt er fast unwirklich – wie ein Wächter über der Insel, scharf gezeichnet vor tiefblauem Himmel.
    Kurz darauf erreichen wir Tejeda, eines der schönsten Bergdörfer der Insel, mehrfach ausgezeichnet. Doch warm ist es hier oben nicht: 7 bis 8 Grad empfangen uns. Gut, dass ich den Wetterbericht gelesen und einen dicken Pullover eingepackt habe.
    Wir schlendern entlang der kleinen Aussichtspromenade und genießen den Blick auf die Bergwelt rund um den Pico de las Nieves, mit 1.949 Metern der höchste Punkt Gran Canarias. Zwischen den Bergen spannt sich ein Regenbogen – fast kitschig schön.
    Andreas geht es leider gar nicht gut. Er friert, möchte nur ins Warme. Es ist noch früh, viele Läden bereiten sich erst auf die Touristen vor, die später mit der Linie 18 aus Maspalomas heraufkommen. Wir finden ein kleines, uriges Lokal. Endlich Wärme. Endlich eine Toilette. Und für mich: das erste Mandelplätzchen.
    Tejeda wird nicht umsonst das Mandeldorf genannt. Hier dreht sich vieles um Mandeln: Marzipan, Mandelgebäck, dazu lokaler Käse und Wein. Traditionen, die bis heute gepflegt werden.
    Knapp zwei Stunden Aufenthalt haben wir, bevor wir auf der anderen Seite der Insel wieder hinunterfahren – diesmal mit der Linie 18 Richtung Maspalomas. Damit überqueren wir Gran Canaria einmal komplett: vom grünen Norden durch das Hochland bis in den trockenen Süden.
    Während Andreas sich aufwärmt, nutze ich die Zeit für einen kleinen Rundgang, besuche die Kirche Nuestra Señora del Socorro, kaufe Kuchen, Mandelplätzchen und Marzipan. Um 12:45 Uhr bin ich zurück am Bus, Andreas wartet schon. Um 13:00 Uhr geht es los. Wieder sichern wir uns die Plätze mit Panoramablick – auch wenn ich diesmal manchmal lieber nicht hinschauen möchte.
    Die Fahrt ist noch spektakulärer als zuvor. Die Landschaft ändert sich komplett: karge Felsen, Kiefernwälder, trockene Täler. Die Straßen sind extrem schmal, die Kurven eng. Besonders aufregend wird es, wenn uns ein LKW entgegenkommt. Oft müssen mehrere Autos zurücksetzen, damit der Bus überhaupt um die Kurve kommt. Rennradfahrer erschweren das Ganze zusätzlich – manche zeigen Einsicht, andere leider nicht.
    Manchmal fährt der Bus so nah an der Kante, dass ich das Gefühl habe, über dem Abgrund zu schweben. Höhenangst sollte man hier wirklich nicht haben. Aber: Es ist ein unglaubliches Erlebnis, diese Landschaft auf diese Weise zu durchqueren.
    In Maspalomas steigen wir um. Eine Viertelstunde später bringt uns die Linie 30 zurück nach Las Palmas, Santa Catalina. Die Strecke kennen wir inzwischen. Ich nutze die Zeit und schreibe den Reisebericht von gestern.
    Zurück an der Wohnung machen wir noch einen kurzen Spaziergang. Andreas geht schnurstracks ins Bett – und bleibt dort. Es muss ihm wirklich schlecht gehen.
    Da die Sonne noch scheint, nehme ich meine Sachen und gehe allein an der Promenade der Playa de las Canteras spazieren. Ich finde einen geschützten Platz und beobachte den Sonnenuntergang über den Bergen.
    Eigentlich wollte ich die Reste von gestern essen. Aber die Pinchos locken, das kleine Lokal ist zu einladend. Um 21:00 Uhr bin ich zurück. Von Andreas ist nichts zu sehen oder zu hören. Ich schreibe noch ein wenig, dann falle auch ich nach einem wunderschönen, aber sehr anstrengenden Tag ins Bett.
    Morgen lassen wir es ruhiger angehen. Und ich werde versuchen, Petra zu besuchen, für die ich eigentlich hierhergekommen bin.
    Aber wir haben diese Zeit auch so eindrucksvoll genießen können.
    Am Donnerstag geht es wieder nach Hause.
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