Vlotho, Kalletal,Friedwald
September 2 in Germany ⋅ ☁️ 17 °C
Heute ist wieder Radeltag. Allerdings schrumpft unsere Mannschaft heute ziemlich schnell zusammen. Die Hälfte hat wegen irgendwelcher Arzttermine abgesagt. Übrig bleiben nur Doris und ich.
Eigentlich hatte ich mit Gitti eine schöne Tour über die Wallücke, durchs Wiehengebirge Richtung Hille beziehungsweise Rothenuffeln und dann an der Weser wieder zurück geplant. Doch Gitti hat abgesagt, und für Doris ist das heute definitiv zu viel Berg und zu viel Strecke. Ihre Vorgaben sind eindeutig: keine Berge und kurze Strecken. Und auch ihr in die Jahre gekommener Akku muss schließlich mitspielen.
Also treffen wir uns an der Brückenstraße an der Werre und nehmen uns erst einmal ein ganz bescheidenes Ziel vor: Vlotho, zu Karlchen, ein bisschen radeln und dort frühstücken. Das sollte für Doris' Akku und die ihr zur Verfügung stehende Zeit gut machbar sein.
Zunächst geht es an der Renaturierung der Werre entlang. Da verändert sich ständig etwas und es gibt immer etwas zu gucken. So ganz erschließt sich mir diese riesige Wasserbaustelle allerdings immer noch nicht. Aber vielleicht wird das ja noch.
An den vielen Steinen vorbei geht es weiter Richtung Saline. Doris braucht dort ihr buntes Häuschen – und wenn sie von Oberbeck kommt, muss das natürlich erst einmal angefahren werden,. Das gehört schon fast zum Ritual.
Auf dem Weg dorthin entdecke ich Beckers vom Wohnmobilstammtisch. Die sind heute zu ihrer Mittwochs-Walkingrunde unterwegs. Ich habe sie schon öfter mal mit dem Fahrrad überholt oder irgendwo unterwegs gesehen. Während ich auf Doris warte, ziehen die beiden wieder an mir vorbei – diesmal in Richtung Stadt.
Weiter geht es Richtung Weser. Immer wieder schön dort. Und heute fällt mir besonders auf, dass Werre und Weser wieder etwas mehr Wasser führen. Noch lange nicht der alte Wasserstand, aber immerhin. Es tut einfach gut, wieder etwas mehr Wasser in den Flüssen zu sehen.
Überhaupt ist es heute Morgen ziemlich frisch. Ich habe mich gut angezogen und sogar auf dem ersten Stück meine Radhandschuhe an. Wenn man unter den Bäumen hervorfährt und das viele trockene Gras und Laub sieht, wirkt das Ganze schon ziemlich herbstlich.
Wir nehmen den altbekannten Weg Richtung Vlotho und sind bald bei Karlchen in der Bäckerei. Kaffee und Frühstücksbrötchen – genau das Richtige.
Aber irgendwie bin ich mit unserer Tour noch nicht so ganz zufrieden.
Da fällt mir wieder ein, dass Doris immer von ihrem Baum im Friedwald erzählt. Und der ist ja von Vlotho aus gar nicht mehr so weit entfernt.
Also frage ich sie kurzerhand: „Hast du Lust, noch mit zum Friedwald zu fahren?“
Doris überlegt. Sie muss eigentlich um 15:30 Uhr wieder zu Hause sein. Und ob ihr alter Akku noch einmal acht Kilometer hin und acht Kilometer zurück schafft, zusätzlich zu den rund 20 Kilometern, die sie von Löhne bis hierher schon auf dem Tacho hat, ist auch nicht ganz sicher.
Ein Telefonanruf in der Tagesbetreuungsstätte verschafft ihr schließlich eine zusätzliche Stunde. Jetzt hat sie bis 16:30 Uhr Zeit.
Und zur Sicherheit gibt es noch einen Plan B: Von Vlotho fährt regelmäßig der Zug Richtung Herford über Bad Oeynhausen und Löhne. Sollte der Akku schlappmachen, könnten wir notfalls mit dem Zug zurück.
Damit ist die Entscheidung gefallen.
Ich freue mich richtig, dass wir noch ein kleines Stück weiterfahren.
Es geht an der Weser entlang Richtung Erder. Dort war ich schon einmal mit Gitti und auch auf dem Campingplatz Juliana bei Andreas. Heute bleiben wir aber nicht dort, sondern fahren weiter zum Friedwald.
Und dann wird es doch noch ein bisschen bergig.
Erst geht es hinter Erder bergauf, dann rechts ab und weiter – immer hoch, immer höher. Aber plötzlich werden wir dafür belohnt: Vor uns liegt ein wunderschöner Blick über das ganze Wesertal. Kaum Verkehr auf der kleinen Straße, herrliche Aussicht und irgendwie ist das jetzt genau der richtige Weg.
Kurz darauf sind wir am Eingang zum Friedwald.
Allerdings müssen wir erst einmal von unseren Fahrrädern runter. Gerade ist ein Trauerzug unterwegs zum Trauerplatz und da wollen wir natürlich nicht mitten durchfahren.
Während wir warten, lasse ich mir von der von Doris erklären, wie das Ganze mit den Bäumen, den Grabplätzen und den Beisetzungen funktioniert. Ich schaue mir auch einen Musterbaum an.
Ein Baum kann dort für Familien oder Freundeskreise zur letzten Ruhestätte werden. Je nach Grabart können mehrere Menschen unter einem Baum beigesetzt werden. Und billig ist die Sache tatsächlich nicht: Ein Baum kostet – je nach Art, Stärke und Lage – inzwischen mehrere tausend Euro. Ein einzelner Platz ist deutlich günstiger. Dazu kommen später die Kosten für die Beisetzung.
Aber eigentlich sind die Preise heute gar nicht das Wichtigste.
Denn jetzt wollen wir erst einmal Doris' Baum Nummer 53 finden.
Doris hat ihn vor vielen Jahren gemeinsam mit ihren Freunden ausgesucht. Insgesamt acht Menschen gehören zu dieser Gemeinschaft.
Wir treffen sogar noch den Förster, der uns ein bisschen etwas über die Bäume erzählt. Und dabei erfahren wir auch, dass der See, der damals bei der Auswahl für Doris und ihre Freunde ausschlaggebend war, inzwischen wegen Grundwassermangel und Trockenheit verschwunden ist. Wo er einmal stand, ist heute nur noch ein leeres Loch.
Das macht nachdenklich.
Aber wir finden schließlich Baum Nummer 53.
Und dann wird es richtig gemütlich. Wir haben uns unterwegs noch etwas aus der Tankstelle mitgebracht und von Karlchen ein bisschen Kuchen eingepackt. Also machen wir kurzerhand ein kleines Picknick im Wald.
Mitten zwischen den Bäumen sitzen wir da, essen unseren Kuchen und genießen einfach das Grün, das Laub und die Waldluft.
Eine halbe Stunde später geht es wieder zurück zu den Rädern.
Auf dem Rückweg hängt eine dicke Regenwolke über uns. Wir hoffen nur, dass sie uns nicht doch noch erwischt. Aber der Wind hat ein Einsehen und treibt die Wolke von uns weg.
Glück gehabt!
So kommen wir tatsächlich trockenen Rades bis zur Weserhütte. Kurz überlegen wir, ob wir dort einkehren. Aber Doris möchte lieber noch bis zu Angelo. Dann ist es für sie nicht mehr so weit nach Hause – und ihrem Akku traut sie immer noch nicht so ganz. Zwei Balken sind schließlich keine Garantie für ein sorgenfreies Leben. 😉
Bei Angelo trinken wir unseren Abschluss-Alster und fahren danach noch ein Stück gemeinsam.
Und tatsächlich: Es ist fast 16:30 Uhr, als ich mit 47 Kilometern auf dem Tacho wieder zu Hause bin.
Und was bleibt von dieser Radtour?
Mir hat sie richtig gut gefallen. Nicht nur wegen des schönen Stücks an der Weser und des Picknicks im Wald. Vor allem die Informationen über den Friedwald haben bei mir noch lange nachgewirkt.
Ich habe mich alkerdings schon anders entschieden, was die Beisetzung von Michael betroffen hat und auch meine eigene betrifft. Ich habe ein Urnengrab auf dem Gohfelder Friedhof, unter Rosen, einen Ort, an den ich immer hingehen kann. Meine letzte Ruhestätte ist auch schon ausgesucht ubd gekauft....neben Michael
Und trotzdem …
Die Vorstellung, irgendwann einmal unter Bäumen im Wald zu liegen, mitten in der Natur, ohne großen Grabstein und ohne viel Drumherum, hat auch etwas sehr Tröstliches und Schönes.
Vielleicht ist es genau das, was mir heute an diesem Friedwald so gut gefallen hat:
Das Leben ist weitergegangen. Wir sitzen dort mit Kuchen unter den Bäumen, fahren anschließend etliche Kilometer mit dem Fahrrad nach Hause – und irgendwo dazwischen denkt man ganz selbstverständlich auch einmal darüber nach, was am Ende bleibt.
🌳 Heute war also nicht nur Radeltag. Heute war auch ein kleiner Ausflug ins Nachdenken. Und der war erstaunlich schön.
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TravelerEin ganz besonderer Ausflug...