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  • Day12

    Colca Canyon

    November 13, 2016 in Peru ⋅ ☀️ 24 °C

    Am nächsten Morgen standen wir um 5 auf, da wir zwischen 8 und 9 beim Mirador „Cruz del Condors“ sein wollten, um einige der größten Vögel der Welt beim Fliegen beobachten zu können.
    An dieser Stelle ist das Colca-Tal bereits in die Colca-Schlucht übergegangen. Sie ist die zweittiefste Schlucht der Erde und zieht sich über 160 Kilometer.

    Auf dem Weg dorthin hielten wir allerdings mehrfach an kleinen Märkten, an denen Einhemische ihre Waren anboten. Zumeist waren es die für die Andenvölker so bekannten Strickwaren aus Schafs- oder Alpacawolle. Auch wenn es etwas anstregend klingen mag, ist es für uns sehr verständlich, dass sie Touren diese Zwischenstopps machen, um der lokalen Bevölkerung eine Einkommensquelle zu verschaffen. Zwar zählt Peru laut den Zahlen der Weltbank zu den Schwellenländern, dies betrifft aber maßgeblich die Fischerei und den Handel mit Bodenschätzen. Insbeonsdere die Bergvölker sind anhaltend sehr arm und auf diverse Einkommensquellen angewiesen. Hier sind auch Phänomene, wie etwa Kinderarbeit (zum Beispiel als Viehhirten oder bei Textilarbeiten) oder innerfamiliäre Gewalt verhältnismäßig häufig anzutreffen. Die perunaische Zivilgesellschaft wirkt auf mich im Verhältnis aber ungemein progressiv in Bezug auf solche Themen. So haben etwa vor 3 Monaten 50.000 Menschen in Lima gegen „Gewalt gegen Frauen“ demonstriert. Zu den Demonstranten zählten auch der amtierene Präsident Pedro Pablo Kuczynski und mehrere Minister. Kuczynski ist das Kind von deutschen Auswanderern, die vor den Nationalsozialisten nach Peru geflohen sind. Das ist insofern spannend, als dass der frühere Präsident Alberto Fujimori ein Kind von Japanern ist, die in Lima lebten. Damit ist Peru eines der wenigen Länder, in denen regelmäßig Menschen anderer Ethnien zu Staatsoberhäuptern gewählt wurden. Allerdings gilt auch hier, dass ein Staatspräsident in Peru geboren sein muss. Dies scheint bei Fujimori zweifelhaft. Fujimori, der im im Jahr 2000 die japanische Staatsbügerschaft beantragt und erhalten hat, sitzt inzwischen in Peru im Gefängnis. Unter andererem wurde er wegen des Einsatzes von Todesschwadronen und Betrugsdelikten verurteilt. Trotz der Tatsache, dass ihn die japanische Staatsbürgerschaft vor der Auslieferung nach Peru geschützt hat, war er so ungeschickt, nach Chile einzureisen, wo er aufgrund eines internationalen Haftbefehls dann doch noch gestellt und nach Peru überführt wurde. Seine Tochter Keiko Fujimori tritt trotz dessen regelmäßig als Präsidentschaftskandidatin zu den peruanischen Wahlen an. Gemutmaßt wurde unter anderem, dass sie plane ihren Vater als Präsidentin zu begnadigen, was sie jedoch dementierte. Sie steht in Peru für eine Law-and-Order-Politik und die Forderung zur Wiedereinfürung der Todesstrafe.

    Die Märkte waren allesamt sehr schön und wir bekamen Gelegenheit, einige Agujas, eine perunanische Greifvolgelart aus nächster Nähe zu sehen, die ähnlich wie bei Falknern, auf den Unterarmen und Schultern von Einheimischen saßen.
    Auf einem der Märkte wurde bereits um 6 Uhr morgens eine Tanzaufführung von verschlafenen Jugendlichen in Trachten gezeigt. Dies hat in meinen Augen nochmals die Abhängigkeit der Region vom Tourismus verdeutlicht…

    Nachdem wir noch eine Weile über schmale Straßen neben den Schluchtabhängen gefahren waren, sahen wir die ersten Andenkondore über uns kreisen. Sie schlugen kaum mit den Flügeln und glitten, die Aufwinde nutzend, geräuschlos über uns hinweg. Kondore lieben die Stille und geben selbst kaum Laute von sich. Sie können eine Flügelspannweite von bis zu 3 Metern erreichen und gehören somit zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Nur der Wanderalbertross verfügt über eine größere Spannweite. Auch sind sie mit bis zu 16 km Gewicht zudem die schwesten flugfähigen Vögel der Welt. Ich hatte dein Eindruck, dass sie ausnehmend muskulös sind. Auf dem Rückweg hat Silke ein tote Kuh entdeckt, die an einem Abhang lag. Im Internet sollte ich später lesen, dass der eigentlich Aasfressende Kondor gelegenheitlich seine Flügelschläge auszunutzt um Vieh an den Klippen in den Tod zu treiben und danach vor dessen Fleisch zu essen. Ob das auf die gesichtete Kuh zutrifft, können wir natürlich nicht sagen…

    Nachdem wir am Abend wieder in Arequipa angekommen waren, wurden wir in gewohnt liebenswürdiger Weise von dem Abuelo unseres Hostels und in gewohnt gleichgültiger Weise von der Tochter des Hauses empfangen. Wir haten dieses Mal ein Zimmer im Erdgeschoss, waren also näher an der Familie, die, so schien es, sich eine kleine Kammer teilte, die auch als Gepäckaufbewahrung diente. Zumindest die Kinder schliefen offenbar in ihr. Vielleicht, so vermutete ich, war das der Grund für die ablehnende Haltung der Tochter. Vielleicht gehörten sie ja trotz des Hauses und des offenbar nicht schlecht laufenden Hostelbetriebs zu den „working poor“? Auch hatte ich den Eindruck, dass es am Abend noch einen Streit gegeben hat. Vielleicht bilde ich mir das alles aber auch nur ein und wir waren ihr schlicht und ergreifend unsympatisch.

    Nachts wachte ich noch einmal auf, als ein Betrunkender in unserer Straße „Fuck you, Gringos!“ schrie und offenbar nicht mehr in der Lage war sein eigenes Fahrrad zu schieben. Zumindest das regelmäßige Scheppern des Blechs und das gedämpfe Geräuch einer beim Sturz vibrierenden Fahrradklingel deutete darauf hin. Zwischendrin hörte man immer mal wieder den beruhigenden Tonfall eines offenbar nüchternen Freundes, der beschwichtigtend auf den Fahrradbesitzer einredete.

    Unsere Weiterfahrt nach Cusco organisierten wir, nachdem wir uns das Geld von der Travelagency hatten erstatten lassen, mit einer Buslinie, die normalerweise nur von Einheimischen genutzt wird. Die Touristenbusse fahren (derzeit) die größeren Strecken nur Nachts. Wir wollten aber die Veränderung der Lanschaft beobachten, während wir tiefer in die Sierra, das Andenhochland fahren sollten...
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