Mocagua
7.–8. kesäk. 2024, Kolumbia ⋅ ☁️ 29 °C
Am Freitag mache ich mich mit Kashi, die ich in Leticia kennengelernt habe, per Boot auf den Weg nach Mocagua. Das Boot fährt ca. zweieinhalb Stunden und hält dann an einem kleinen Unterstand an. Von dort aus geht es mit Don Julio in einem Peke Peke weiter zu einem zweiten, kleineren Anleger direkt am Ort.
Wir sind nur mit den nötigsten Informationen gewappnet (Mocagua, ja da gibt es ein Hostel! Beim Museo Etnográfico!) und daher ganz froh, dass es direkt am Anleger einen Informationspunkt für Touristen und Besucher gibt. Von dort aus werden wir zu einem Gebäude geführt, dass ein Drittel Wohnhaus, ein Drittel Hostel und ein Drittel Einkaufsladen ist und werden gleich von ein paar fröhlichen, Bier trinkenden Kolumbianer*innen empfangen. Sie fragen uns auf Spanisch und Englisch aus und erklären, dass sie für die Nationalparks arbeiten. Ich glaube ihr Job ist so ähnlich, wie der der National Park Ranger in den USA. Dass ich gerade kein Bier trinken möchte (es ist 11 Uhr morgens) können sie nicht verstehen. Sicherheitshalber übersetzen sie die Frage noch ins Englische, das wiederum verstehe ich kaum, vermutlich wegen des alkoholischen Akzents.
Wir sitzen noch eine Weile ein wenig verloren herum, weil wir nicht so richtig verstanden haben, wo wir unsere Rucksäcke lagern dürfen. Kurze Zeit später kommt eine Frau auf uns zu, die anscheinend gerade ein Zimmer fertig gemacht hat und führt uns dort hin. Außerdem werden wir gefragt wo wir Mittag essen wollen, es gäbe drei Restaurants, von denen zwei geschlossen haben. Eine Antwort erübrigt sich also. Die Frau, die uns zum Hostel geführt hat, ruft gleich beim Restaurant an und bestellt unser Mittagessen, dann verschwindet sie mit dem Kommentar: "Ich hole euch in einer Stunde hier ab". Ich fühle mich ein wenig meiner Bewegungsfreiheit beraubt. Darf ich denn hier nirgendwo selber hingehen?
Die Wartezeit nutzen wir, um die Umgebung ein bisschen anzuschauen.
Nach dem Mittagessen im Restaurant (mein bisher teuerstes Mittag in Kolumbien) wollen wir zurück zum Hostel gehen, verlaufen uns dabei aber ("learned helplessness" nennt Kashi das).
Nachmittags treffen wir uns am Hostel mit einer Frau von der Fundación Maikuchiga, einer Affenauffangstation. Mit ihr zusammen gehen wir zur Auffangstation und können einige Affen beobachten. Darauf habe ich mich die ganze Zeit gefreut, endlich Affen zu sehen! Auf dem Hinweg sehen wir einige wilde Leoncitos, das sind ganz kleine Äffchen, die bequem auf eine Handfläche passen würden. Sie werden nur ca. 20 cm groß und wiegen unter 200 Gramm. Super süß! In den Bäumen an der Auffangstation turnen einige Affen herum, deren Namen ich leider vergessen habe. Als sie uns entdecken, kommen sie näher, beobachten uns, streiten sich, zupfen uns an den Hosenbeinen und versuchen, an uns hochzuklettern. Dabei werden sie immer wieder energisch von einem Mitarbeiter der Fundación zurechtgewiesen und heruntergeschubst: Sie sollen sich nicht zu sehr an Menschen gewöhnen, damit sie problemlos wieder in die Wildnis entlassen werden können.
Abends können wir mit der Familie, die das Hostel betreibt, zusammen essen, es gibt Fisch und der schmeckt sehr gut. Dabei geht mir durch den Kopf, dass ich hier, wenn auch nur für eine Nacht, bei Menschen wohne, die ich so nur aus Büchern kenne: Sie sind gewissermaßen ein Flussvolk, sie leben am Fluss, essen aus dem Fluss, der Fluss ist ihr einziger Transportweg und bestimmt den Rhythmus des Lebens.Lue lisää
Puerto Nariño
8.–10. kesäk. 2024, Kolumbia ⋅ ⛅ 29 °C
Samstagmorgen machen Kashi und ich uns auf den Rückweg zum Anleger, wo wir mit Don Julio verabredet sind. Er bringt uns dorthin, wo die Boote der Strecke Leticia - Puerto Nariño anhalten. Kashi möchte zurück nach Leticia, in vernünftigem Internet ihren Flug aus Leticia raus buchen und ein paar entspannte Tage dort im Hostel verbringen. Ich möchte weiter nach Puerto Nariño. Nachdem Kashi abgefahren ist, sitze ich mit Don Julio im "Hafen" und er erklärt mir, dass das Boot nach Puerto Nariño nur anhält, wenn hier wer aussteigen möchte. Ansonsten fährt es einfach auf der anderen Seite einer kleinen Insel im Fluss vorbei und wird mich von dort aus nicht sehen. Aber er hat eine Lösung parat: Sollte das Boot vorbeifahren, bringt er mich mit seinem Peke Peke zum Boot. Es kommt aber alles ganz einfach und das Boot hält direkt vor unserer Nase. Ich steige ein, Don Julio befördert die ausgestiegenen Passagiere in sein Peke Peke und weiter nach Mocagua.
Kurze Zeit später stehe ich schon in Puerto Nariño an Land. Das Dorf ist auf den ersten Blick recht schön, penibel quadratisch angelegt und es gibt keine Autos oder Motorräder (auch keine Tuk-Tuks). Ich laufe zum Hostel Maikü, das hat Laura mir empfohlen, begleitet von einem lokalen Guide, der mir unbedingt sein Tourangebot vorstellen will. Ich würde diesen Weg lieber alleine gehen und mir dabei schonmal ein bisschen das Dorf angucken! Ein wenig genervt komme ich beim Hostel an. Dort bin ich, mal wieder, der Einzige. Wie mache ich das nur immer? Das Hostel hat eine wunderschöne Dachterrasse (die allerdings auch überdacht ist), mit Hängesesseln, einem gespannten Netz zum drauf Sitzen oder Liegen und ein paar Büchern.
Ohne Guide kommt man hier nicht weit, da man, um an interessante Orte zu kommen oder Tiere und Pflanzen zu sehen entweder ein Boot braucht oder querfeldein in den Dschungel gehen muss. Ich bin ziemlich schlecht darin, mir eine Tour bzw. Guides zu suchen, da ich eigentlich lieber auf eigene Faust unterwegs bin und kein Geld für Touren ausgeben möchte. Der Hosteleigner kennt zwei Guides, die er gleich anruft, einer der Beiden steht kurze Zeit später vor der Tür. Ich vereinbare mit ihm eine Nachtwanderung für heute Abend, er ist auch nur halb so teuer wie der nervige Typ, der mich zum Hostel begleitet hat.
Vorher habe ich aber noch ein bisschen Zeit und probiere einen Wanderweg durch den Dschungel aus, den ich auf der Karte gesehen habe. Der Weg ist fast so groß wie eine Straße und führt zu einem Ort namens "Reserva Wochine", wo man Pirarucú (eine der größten Fischarten im Amazonas) und Kaimane sehen kann. Die Tiere werden angelockt, gefüttert... Schon recht beeindruckend, aber ein wenig künstlich. Auf meine Frage hin, warum die Tiere genau hier sind antwortet mir eine Frau, die anscheinend dort arbeitet, dass sie eingefangen und hierher gebracht wurden, um sie zu füttern. That's bullshit, denke ich, hier wird Geld verdient, sonst gar nix. Und die Tiere sind eingesperrt, damit sie nicht abhauen können. Dafür muss ich nicht bis zum Amazonas reisen!
Die Nachtwanderung mit Brandon, dem Guide, ist sehr interessant. Wir gehen erst ein Stück auf dem Wanderweg, dann biegen wir links ab, geradewegs in den Dschungel rein. Mit Stirnlampe bewaffnet finden wir ein paar große Grillen, Stabinsekten und einige große Spinnen. Eine sitzt auf einem riesigen Farnblatt direkt über unseren Köpfen. Als Brandon sie entdeckt, sagt er ganz gelassen: "Schau her, das ist eine der giftigsten Spinnen, die es hier gibt." Zum Schluss machen wir für den nächsten Tag eine kleine Kayaktour ab, bei der wir auf die Suche nach Faultieren gehen wollen.
Also stehe ich am nächsten Morgen um 9 Uhr wieder am Hafen, Brandon ist schon da. Wir fahren mit einem Kayak quer über den Fluss in einen kleinen See und von da aus weiter in einen kleinen Wald. Da hier alles überschwemmt ist, können wir einfach durch den Wald paddeln. Wir müssen uns nur ab und zu durch einen dichten Teppich aus Seerosen oder so kämpfen. Im Wald finden wir tatsächlich zwei Faultiere! Sie sitzen sehr hoch oben in den Baumkronen, daher kann ich sie mit dem Handy leider nicht fotografieren. Aber Brandon hat ein Fernglas dabei, durch das wir sie beobachten können. Eines ist ganz nass, wahrscheinlich hat es heute ein Morgenbad genommen. 🦥 Langsam, ganz langsam klettert es am Baum entlang. Danach fahren wir aus dem Wald wieder raus auf den offenen See, wo wir ziemlich große (Kamungo) und kleine, laute Vögel (Tiki tiki) sehen. Außerdem gehe ich hier wieder baden. Ob die Piranhas hier wohl auch Vegetarier sind? Brandon lacht und meint, die sind zwar keine Vegetarier, essen aber keine Menschen.
Kurz vor Sonnenuntergang gehe ich aus dem Ort raus zu dem Hostel "Cabañas alto del aguila". Dort kann man abends die Affen aus dem Dschungel mit Bananen füttern. Das ist zwar keine rein natürliche Art die Affen zu beobachten, aber wenigstens sind sie hier nicht eingesperrt sondern kommen nur, wenn sie wollen. Ein Mitarbeiter ruft mehrmals "monkey, monkey!" und bald kommen mehrere Affen aus dem Dschungel, schälen die Banane in meiner Hand, brechen ein großes Stück ab und verschwinden damit auf dem Dach um in Ruhe zu essen. Später kommen noch mehr Menschen dorthin, unter Anderen auch die Frau von den Nationalparks, die mir in Mocagua verzweifelt ein Bier andrehen wollte. Jetzt bekommen die Affen langsam Spaß an der Sache und klettern eifrig auf uns herum. Zum Abschluss probieren wir alle noch Chuchuhuasi, einen Schnaps, der mit Stückchen der Rinde eines Baumes hergestellt wird.
Am nächsten Tag fahre ich mittags mit dem Boot zurück nach Leticia. Dort startet meine Weiterreise nach Peru, dort muss ich meinen Reisepass stempeln lassen und dort muss ich noch meine letzte Wäsche bezahlen. Das habe ich vergessen 🤔Lue lisää
Maria Fernanda II
11.–13. kesäk. 2024, Peru ⋅ ☁️ 29 °C
"Wann fährt das Schiff ab?", frage ich die Händler am Hafen. "In einer halben Stunde.", antworten sie prompt. Mist, ich wollte vorher noch einkaufen gehen. Das wird eng! Zum Glück gibt es am Hafen einen kleinen Laden, wo ich das nötigste kaufen kann. Ein paar Cracker, zwei 4,5 Liter Kanister mit Wasser, ein paar Kekse. Außerdem noch zwei gegrillte Plátanos zum Mitnehmen. Dann gehe ich an Bord der großen, grauen Maria Fernanda II. Ich steige ganz hoch bis zum vierten Deck, wo ich meine Hängematte aufspanne und mich bei meinen Nachbarn vorstelle. Wir werden hier schließlich die nächsten Tage zusammenleben! Zufällig sind meine Nachbarn die beiden Kapitäne des Schiffes, die sich alle 6 Stunden abwechseln.
Was ist passiert? Warum verbringe ich zwei Tage in einer Hängematte auf einem Schiff, das im Schneckentempo den Amazonas hinauffährt? Ich möchte weiter nach Peru. Und das geht hier am besten per Boot, auf dem Amazonas! Entweder man nimmt ein schnelles Boot, das braucht etwa 18 Stunden bis Iquitos. Oder man nimmt das langsame Boot, das sowohl Fracht als auch Personen transportiert, an jeder Flussbiegung zweimal anhält und dessen Abfahrtszeit sich nur auf etwa einen Tag genau schätzen lässt. Wie lange es fährt kann auch keiner so genau sagen, das hängt ganz davon ab, wie viel unterwegs ein- und ausgeladen wird.
Gestern Abend habe ich mir die beiden notwendigen Stempel in meinen Reisepass drücken lassen, einen Ausreisestempel in Kolumbien und einen Einreisestempel in Peru. Dazu musste ich auf beiden Seiten des Flusses jeweils zur Behörde gehen, die Überfahrten habe ich natürlich per Peke-Peke-Taxi erledigt. Dann habe ich noch eine Nacht im Hostel Nómada verbracht, meine Wäsche bezahlt (das hatte ich letztes Mal vergessen) und mich heute Mittag auf den Weg zum Schiff gemacht.
Nicht lange nachdem ich an Bord gegangen bin, fahren wir auch schon los. Die Fahrt ist sehr ruhig, man merkt kaum, dass sich das Schiff bewegt. Wellen gibt es auf dem Amazonas kaum und die, die es gibt, sind so klein, dass ich sie auf dem großen Schiff gar nicht spüre. Der Motorenlärm ist hier oben nur gedämpft zu hören, ich denke, hier lässt es sich eine Weile aushalten. Ich unterhalte mich ein wenig mit einer Gruppe deutscher Reisender, die ebenfalls hier oben ihre Hängematten aufgespannt haben, danach lege ich mich in die Hängematte und höre ein Hörbuch.
Die erste Nacht verläuft sehr unterbrochen. Ich versuche, wach zu sein, wenn wir irgendwo länger anhalten, weil in der Zeit verschiedene Menschen kommen und gehen: Passagiere, Händler und Leute, die ihre Fracht verladen. Ich möchte sicherstellen, dass mir da nicht irgendwas geklaut wird (mein Portemonnaie, Handy und Reisepass habe ich sicherheitshalber gleich mit in die Hängematte genommen). Außerdem werden wir gegen Mitternacht aufgefordert, unser Ticket für die Fahrt zu kaufen und danach kommt der Zoll an Bord und guckt in einige Taschen rein. Ich schlafe nicht viel, aber das kann ich ja am nächsten Tag nachholen...
Ab dem nächsten Morgen verläuft die weitere Fahrt sehr ruhig. Ich liege viel in der Hängematte, wenn wir irgendwo anhalten gehe ich kurz raus und gucke zu, wie Plátanos, Kühe oder Kisten an Bord gehievt werden. Dazu fährt das Boot einfach schräg auf das Ufer, die Ladung wird übergeben und dann geht es auch schon weiter. Ab und zu halten wir für längere Zeit in kleinen Dörfern, dort wird das Schiff dann festgemacht.
Manchmal muss ein Bündel Plátanos oder eine Stiege Bier an einer Stelle abgeholt werden, wo wir nicht gegen das Ufer fahren können. Dann wird ein langes Aluboot, das wir als Beiboot dabeihaben, ausgesetzt. Kein Peke-peke, aber mit dem Motor ausgerüstet, den von den Kap Verden über die Karibik bis nach Südamerika gefühlt jeder Fischer hat: Yamaha 40 PS Enduro. Dieses Beiboot fährt ans Ufer, holt die Ladung ab, kommt zurück und wirft sie an Bord. Dann wird das Beiboot entweder längsseits festgemacht oder wieder an Bod gehoben, je nachdem, ob es demnächst wieder gebraucht wird. Während der ganzen Zeit tuckern wir schonmal langsam weiter.
Es gibt Essen an Bord, wenn auch nicht viel. Am ersten Abend und Morgen gibt es jeweils eine heiße Mehlsuppe mit sehr vielen Nelken drin, die sehr weihnachtlich schmeckt. Dazu ein weiches Brötchen mit Margarine. Ich bin sehr froh, dass ich noch ein bisschen Essen eingekauft habe... Am zweiten Tag gibt es mittags und abends jeweils eine kleine Portion Reis mit Hühnchen und einer Soße. Das ist zwar auch nicht viel, schmeckt aber deutlich besser als die Weihnachtssuppe! Zwischendurch kaufe ich einer Händlerin, die an einem der Stopps an Bord gekommen ist, eine kleine Tüte Erdnüsse ab. Ach ja und die Badezimmer sind nicht besonders angenehm. In einem kleinen nassen Raum mit einer schweren, rostigen Stahltür ist ein Klo, nebenbei fungiert der ganze Raum als Dusche. An der Decke ist ein Schlauch mit einem Hahn am Ende befestigt, öffnet man den Hahn kann man darunter duschen (und das Badezimmer noch nasser machen als es eh schon ist). Ich dusche in der Zeit an Bord einfach nicht.
Am Donnerstagmittag, nach ziemlich genau zwei Tagen Fahrtzeit, erreichen wir schon Iquitos. Ich hatte eher mit drei Tagen gerechnet, bin aber ganz froh, dass die Fahrt vorbei ist. Ich habe seit der letzten Nacht ein wenig Halsschmerzen und fühle mich irgendwie krank. Ansonsten waren sie sehr schön, diese zwei Tage auf dem Amazonas! Ich habe viel Hörbuch gehört, zugeguckt, wie Fracht verladen wird und einen pinken Delfin gesehen!Lue lisää
Iquitos
13.–14. kesäk. 2024, Peru ⋅ ☁️ 30 °C
Nach den zwei Tagen auf dem langsamen Boot ist Iquitos ein regelrechter Schock. Es ist die hässlichste, laute Stadt, die ich je gesehen habe. Das Hauptverkehrsmittel ist hier das Motokar, das scheint mir eine peruanische Version des Tuk-Tuk zu sein. In den Straßen steht blauer Zweitaktqualm und es stinkt.
Ich verbringe hier nicht mehr Zeit als absolut notwendig, hebe peruanisches Geld (Soles) ab und warte drei Stunden lang in einem Handyladen um eine SIM-Karte zu kaufen, weil der Computer mit meinem deutschen Reisepass überfordert ist und meinen Fingerabdruck auch nicht mag. Warum brauchen die bitte meinen Fingerabdruck um eine SIM-Karte zu kaufen? Außerdem verbringe ich eine Nacht im ranzigsten (aber auch günstigsten) Hostel in dem ich je war, ich wache morgens auf weil mein Zimmernachbar im Bett ohne Kopfhörer Musik hört und Gras raucht. Großartig!
Einziges Highlight in Iquitos: Ich treffe Ria wieder, wir haben schon in Bogotá und Medellín Zeit miteinander verbracht. Danach war sie mir mindestens zwei Wochen voraus, aber ich habe, ohne es zu wissen, aufgeholt.
Ca. 24 Stunden nachdem ich in Iquitos angekommen bin, mache ich mich wieder auf den Weg. Ria hat mir den Kontakt zu einem sehr entspannten Hostel in Nauta gegeben, das ist ein kleines Dorf und liegt direkt am Fluss. Dort werde ich wohl ein paar Tage bleiben.Lue lisää
Nauta
14.–21. kesäk. 2024, Peru ⋅ ☁️ 31 °C
Ich bin ein bisschen krank, reisemüde und habe das Gefühl, dass ich mal wieder mehrere Tage an einem Ort verbringen möchte. Auf Empfehlung von Ria lande ich im Casa Corazón am Rand von Nauta, direkt am Fluss Morañón. 15 km stromabwärts fließt der Morañón mit dem Ucayali zusammen, ab dort heißt er dann Amazonas.
Casa Corazón ist ein sehr gemütliches kleines Hostel. Ich verbringe gleich sieben Tage hier, fahre runter und überlege wie es weitergeht. Ich mache mir viel Essen selber, liege in der Hängematte, beobachte die Peke-pekes auf dem Fluss... Nebenbei buche ich meinen Flug nach Lima und die Flüge weiter in die USA und nach Deutschland. Jetzt steht es fest: Am 3. Juli verlasse ich Südamerika und mache mich auf den Weg, um Freunde zu besuchen, die ich seit 11 Jahre nicht gesehen habe.Lue lisää
Nauta - Katzenbilder
20. kesäkuuta 2024, Peru ⋅ ☁️ 25 °C
Lima
22.–26. kesäk. 2024, Peru ⋅ ⛅ 16 °C
Ich sitze in Iquitos am Flughafen und freue mich auf Lima. So langsam sind die zufälligen Wiedersehen vorbei. Von Ria abgesehen habe ich seit mehreren Wochen keine Leute mehr getroffen, die ich aus irgendwelchen anderen Orten kenne. Außerdem bin ich, trotz der entspannten letzten Tage, gerade sehr reisemüde. Ich möchte einfach nur noch ein paar Wollpullover kaufen, in irgendein Dorf am Strand fahren, vielleicht ein bisschen surfen und danach diese Reise in den USA zu Ende bringen.
Zwei Stuhlreihen vor mir läuft eine Frau vorbei, die meiner Mitbewohnerin im Fatima Hostel in Bogotá ein wenig ähnlich sieht. Ich versuche, mich an ihren Namen zu erinnern, komme aber nicht drauf. Ihre beste Freundin hieß Christina, die Beiden waren zusammen unterwegs, ich habe sie später in Capurganá nochmal wiedergetroffen. Dann entdecke ich etwas weiter entfernt plötzlich Christina und falle fast vom Stuhl. Kann das wirklich wahr sein? Dass ich die Beiden drei Monate später hier, mitten im Amazonasregenwald, am Flughafen wiedertreffe? Ich lasse mir eine halbe Stunde Zeit, dann gehe ich rüber und spreche sie an. Sie sind es wirklich! Und wir sind sogar auf demselben Flug nach Lima.
Im Hostel lerne ich natürlich gleich wieder drei neue Leute kennen, darunter auch einen Anton, der in zwei Tagen zurück nach Deutschland fliegt. Ich komme in einem Zwölferzimmer unter, das ist die höchste Anzahl Betten, die ich bisher im Dorm hatte. Kurz nach Mitternacht, ich versuche gerade einzuschlafen, höre ich folgendes Gespräch:
"Anton?"
Stille, dann ein leises, grummelndes "jaa?"
"Mir ist langweilig. Was machst du gerade?"
Wieder grummelnd: "Einschlafen."
Ich lache fast laut los, schaffe es aber gerade noch, mein Gesicht ins Kissen zu drücken. Solche Momente helfen auf jeden Fall gegen Reisemüdigkeit!
Am nächsten Morgen mache ich mich in Lima auf die Suche nach Klamotten aus Alpacawolle. In den ersten beiden Läden gibt es keine reinen Wollpullover (auch wenn die Verkäufer das steif und fest behaupten 😉), dann lande ich in einem Laden, in dem mir sehr ehrlich erklärt wird, welche Pullover aus Wolle und welche aus anderen Materialien sind. Es ist zwar auch mit Abstand der teuerste Laden, aber hier kaufe ich einen Pullover.
Danach mache ich mich auf den Weg zum Mercado de Indios, wo es angeblich auch viel aus Alpacawolle gibt. Die Verhandlungen in den vielen kleinen, offenen Läden verlaufen schleppend: Nachdem sie anfangs behaupten, dass alles 100% Alpaca ist, geben die meisten Verkäuferinnen und Verkäufer nach wenigen Sätzen zu, dass es eigentlich Materialmischungen sind. Welche Materialien zu welchen Anteilen gemischt werden hängt dabei ganz davon ab, wen ich frage. Eine Frau ist hartnäckiger: Bei einem Poncho, der sich sehr nach Baumwolle anfühlt, behauptet sie fünf Minuten lang, dass der aus reiner Alpacawolle ist. Irgendwann ändert sie ihre Meinung und sagt: "Sí, es una mezcla!". Den Alpacaanteil gibt sie mit 50% an, korrigiert aber sofort auf 70%. Ich streiche noch einmal mit der Hand über den Baumwollponcho um ganz sicher zu sein, dann verlasse ich ein wenig frustriert den Laden. Verhandeln auf Spanisch ist immer noch nicht meine Stärke. Den Rest des Tages verbringe ich an der Steilküste. Hier gibt es sogar einen kleinen Startplatz für Paraglider! Es ist ein wenig neblig, aber sie fliegen trotzdem.
Am Montag nehme ich meine Suche nach Wollklamotten wieder auf und suche nebenbei nach gutem Kaffee, den ich mit nach Deutschland bringen möchte. Das erste Café, das ich aufsuche, existiert nicht, im zweiten Café gibt es sehr guten Kaffee, aber leider verkaufen die dort kein Pulver oder Bohnen. Im dritten Café gibt es das alles, aber der Kaffee schmeckt irgendwie nicht so gut. Ich, der normalerweise keinen Kaffee trinkt, bin inzwischen sehr hibbelig...
Nach einigen Läden, Cafés, Bankautomaten und einem zwischengeschobenen, dreistündigen Anruf nach Deutschland (wie das passiert ist, verstehe ich selber nicht so ganz) fahre ich mit einer sehr vollen, sehr gut riechenden Tüte zurück zum Hostel. Am Abend lerne ich wieder ein paar neue Leute kennen und wir sitzen noch eine Weile zusammen auf der Dachterrasse vom Hostel. Das Zwölferzimmer ist jetzt sehr leer und sehr Deutsch: Außer mir sind alle ausgezogen, dafür sind Alix und Lea neu dazugekommen.
Dienstagmorgen machen wir uns zu dritt auf die Suche nach Mate. Danach gehe ich mit Alix in ein Gedenkmuseum und wir verbringen den Rest des Tages am Pazifik. Abends erzählt sie von ihren Wanderplänen in Huaraz und ich erzähle von meinem Plan, den Rest der Zeit am Strand zu chillen. Spontan entscheiden wir, dass wir einfach zusammen in Huaraz wandern gehen und danach weiter an den Strand fahren.
So mache ich mich am nächsten Abend (Mittwoch) schließlich auf den Weg, nicht an den Strand sondern ins 3000 Meter höher gelegene Huaraz.Lue lisää
Huaraz
27.–29. kesäk. 2024, Peru ⋅ 🌙 4 °C
Donnerstagmorgen um 5:30 komme ich in Huaraz an. Gemeinsam mit meiner Sitznachbarin, einer sehr gesprächigen und furchtlosen Britin, mache ich mich auf einen morgendlichen Spaziergang durch Huaraz zum Hostel. In welches Hostel ich gehe, entscheide ich wieder einmal erst unterwegs. Heute morgen sind noch ein paar mehr Reisende angekommen, wir frühstücken zusammen während wir darauf warten, dass wir einchecken können (was dann netterweise schon ab 8 Uhr geht). Nachdem ich meinen Rucksack los bin, mache ich mich auf den Weg zum Mercado um ein wenig Essen und Wandersnacks für die nächsten Tage zu kaufen. Nachmittags schlafe ich zwei Stunden, auf der Busfahrt habe ich nämlich nicht so viel geschlafen. Gegen Abend wandere ich mit Kailem, einem Briten aus meinem Dorm, zu einem Aussichtspunkt.
Am nächsten Morgen kommt Alix ebenfalls in Huaraz an, wir frühstücken kurz ein paar Linsen, machen Avocado-Tomate-Sandwiches und fahren gleich per Colectivo in die Berge. Heute wollen wir zur Laguna Churup wandern. Die Wanderung wird deutlich härter als gedacht, da fast der ganze Wanderweg auf über 4000 Meter liegt. Wir machen viele drei-Minuten-Pausen, von denen Manche auf eher 30 Minuten ausarten. Aber wir erreichen die Laguna und kommen mit einem vertretbaren Maß an Kopfschmerzen zurück.
Für den Samstag haben wir uns eine weitere der vielen Lagunen vorgenommen, die Laguna 69. Die liegt auf über 4600 Metern und die Wanderung dorthin ist außerdem länger als die zur Laguna Churup. Morgens um 5 Uhr werden wir am Hostel von einem Bus abgeholt, der uns leider erst zu einem Touri-Restaurant, danach aber zum Start der Wanderung fährt. Die Wanderung ist wunderschön, vielleicht eine der schönsten, die ich bisher gemacht habe. Wir gehen zuerst durch ein sehr grünes Tal, an hohen Wasserfällen vorbei, an steilen Felswänden entlang und immer eingerahmt von riesigen, schneebedeckten Bergen, die über 6000 Meter hoch sind. Dann wird der Weg allmählich steiler und wir wechseln automatisch in den Faultiermodus: Schneller als Faultiergeschwindigkeit laufen geht hier nämlich einfach nicht. Zwischendurch gibt es natürlich immer wieder einen Schluck Wasser und "Kraks Límon", eine superleckere Erdnuss im Knuspermantel mit saurem Limettengeschmack, die laut Alix das Allheilmittel gegen Kopfschmerzen und Höhenkrankheit ist.
Die Laguna selbst ist wunderschön, das Wasser ist türkis-blau, eiskalt und rundherum von Felslandschaft eingerahmt. Darüber thront ein gewaltiger, schneebedeckter Berg, von dem etwa im 10-Minutentakt Eis- und Felsbrocken abbrechen und donnernd herunterrutschen. Ein paar der Bruchstücke landen direkt am gegenüberliegenden Ufer der Lagune.
Nach etwa einer Stunde Pause, gefüllt mit vier matschigen Avocadosandwiches, machen wir uns wieder auf den Rückweg. Ich bekomme unterwegs wie erwartet Kopfschmerzen, das ist für mich inzwischen normal bei Wanderungen in dieser Höhe. Kraks Límon und eine Ibu helfen. 😉 Wieder unten angekommen, würde ich am liebsten ins Bett fallen, aber erst müssen wir noch mit dem Bus zurück nach Huaraz fahren. Ach ja, und heute Nacht habe ich ja gar kein Bett. Wir wollen ja noch an den Strand... Also auf zum nächsten Nachtbus!Lue lisää
Chicama
30. kesäk.–2. heinäk. 2024, Peru ⋅ ☀️ 17 °C
Sonntagmorgen wachen wir gegen 4:30 auf, weil im Bus das Licht angeht. Wir sind schon in Trujillo! Ein wenig verschlafen torkeln wir in eine dunkle Wartehalle mit hunderten leeren Stühlen, irgendwo weiter hinten brennt ein wenig Licht. Wir wachen erstmal auf und beginnen dann mit der Recherche für die nächste Etappe: Wie kommen wir nach Chicama? Nach ein wenig Googeln, Leute fragen, weitergoogeln und wieder Leute fragen nehmen wir ein Taxi zum nächsten Busunternehmen und von dort den Bus nach Chicama (genauer gesagt nach Puerto Malabrigo). Dort gibt es mehrere super Surfspots und die längsten linksbrechenden Wellen der Welt.
Wir verbringen die meiste Zeit des Tages am Strand. Die Sonne scheint, es ist warm und der Sand weht uns UM und vor allem IN die Ohren. Schwer zu glauben, dass wir vor weniger als 24 Stunden noch auf über 4000 Metern an einem Bergsee saßen! Aber es ist wunderschön hier, es sind ein paar Surfer unterwegs und wir gehen baden. Das Wasser ist viel kälter als in der Karibik, aber das macht nichts: Schließlich ist es das erste Mal, dass ich im Pazifik bade!
Am Montag leihen wir uns ein Surfbrett aus und gehen abwechselnd eine Runde surfen. Auf den Kap Verden hatte ich das mit dem Surfen auch schonmal probiert, hier ist es aber viel einfacher: Das Board lässt sich wunderschön paddeln, die Wellen sind sehr gut vorhersehbar und es sind andere Surfer draußen, an denen ich mich orientieren kann. Ich surfe drei, vier Wellen halb liegend, halb kniend runter und stehe schließlich auf. Ich fühle mich etwas wackelig, aber eigentlich klappt es ganz gut. Bis ich plötzlich ins Wasser platsche... Irgendwann habe ich keine Kraft mehr, wieder gegen die Wellen rauszupaddeln und gehe aus dem Wasser. Das ist gar nicht so einfach, weil das Ufer an dieser Stelle sehr felsig ist und der Wind versucht, mich mitsamt dem Board umzuschmeißen.
Nachmittags schlafe ich einfach am Strand ein. War vielleicht doch ein bisschen viel die letzten Tage?
Am nächsten Morgen machen wir uns wieder auf den Weg zum Bus, Alix nach Máncora und ich nach Lima. In weniger als 24 Stunden ist meine Zeit in Südamerika vorbei, ich fliege weiter in die USA...Lue lisää
Colorado - Teil 1
3.–14. heinäk. 2024, Yhdysvallat ⋅ ☁️ 30 °C
Nach einer Nacht in Lima am Flughafen und einem langen Flug holt Albert mich abends in Denver am Flughafen ab. Die ersten Tage sind schon ein bisschen schockierend für mich: Hier herrscht wieder der Individualismus, wer irgendwo hinmöchte fährt mit dem eigenen Auto. Dabei sind die Straßen so groß, so leer... Ich hätte es nie gedacht, aber ich vermisse den Trubel auf den Straßen, Straßenverkauf, Leute, die einfach auf dem Gehweg sitzen und sich unterhalten, die Straßenhunde die zwischen den Ständen rumstrolchen und auf ein wenig Essen hoffen. Die Tage bei Albert sind allerdings richtig schön, wir gehen Mountainbike fahren, essen viel und gut und ich spiele sehr viel auf seiner Gitarre. Ganz vielen Dank für deine herzliche Gastfreundschaft, Albert!
Am Wochenende besuche ich meinen besten Freund aus meiner USA-Schulzeit, Brandon, der inzwischen in Lafayette, nordwestlich von Denver wohnt. Wir reden viel, fahren mit seinem übergroßen SUV in den Rocky Mountain Nationalpark und wandern dort ein bisschen. Es ist schon ein bisschen verrückt, ihn wiederzusehen. Er arbeitet seit sieben Jahren, während er so davon erzählt, denke ich mir: Was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht? Am Ende des Wochenendes gibt er mir sein altes Auto (er hat natürlich zwei) und stattet mich mit Campingkocher, Matratze, Schlafsack, Campingtisch und -stuhl und zwei Kühlboxen aus. Ich stehe ein wenig verblüfft da und denke mir: Jetzt kann ich auch in die Berge fahren!
Erstmal fahre ich allerdings für eine Nacht zurück zu Albert. Am nächsten Tag (Dienstag) geht es dann los: Zum Red Rocks Amphitheater, dann auf der Interstate 70 hoch in die Rocky Mountains. Ich fahre ohne Navi und gucke nur ab und zu auf die Karte, viele der Straßen kenne ich noch. Außerdem ist die Beschilderung sehr gut. Ich fahre durch Leadville zu den Twin Lakes, dort übernachte ich eine Nacht auf einem Campingplatz. Eigentlich will ich mich irgendwo an einer Passstraße schlafen legen, entscheide mich aus Angst vor den Bären aber doch für den Campingplatz. Später höre ich, dass die Wahrscheinlichkeit, einem Bären zu begegnen auf dem Campingplatz eigentlich größer ist... Am nächsten Tag fahre ich nach Buena Vista und auf die US-285, eine Straße, auf der wir früher sehr oft unterwegs waren. Sie führt über weite Strecken schnurgerade über eine Hochebene, bis sie in einer langen Kurve wieder in den Bergen verschwindet. An diese Kurve kann ich mich noch sehr gut erinnern: Als wir das erste Mal, aus der anderen Richtung, um diese Kurve gefahren sind, sind uns fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Diese unglaubliche Weite, eingerahmt von hohen Bergen, mittendrin eine schnurgerade Straße, die ohne Kurve am Horizont verschwindet... Wahnsinn. Diesmal komme ich aus der anderen Richtung. In der Kurve ist ein Parkplatz, dort halte ich an, mache ein paar Bilder und werde von einem alten Amerikaner angesprochen. "Do you like to listen to music?", fragt er mich. "I make music and I would like to give you a CD! It's Colorado music!". Ich nehme die CD dankend an und mache noch ein Bild mit ihm. Er heißt Dan Morrissey, kommt ursprünglich von irgendwo weiter östlich in den USA und lebt seit einiger Zeit in Colorado. An diesem Nachmittag fahre ich noch bis zu einer sogenannten "Designated Campsite" an der Guanella Pass Road, die die US-285 etwa auf dem Längengrad von Georgetown mit der I-70 verbindet. Hier stehen explizit Warnschilder, die auf die Bären hinweisen, aber nach meiner ersten Nacht in den Bergen fühle ich mich etwas sicherer. Ich mache noch ein kleines Lagerfeuer, esse Tortillawraps mit refried beans und gehe schlafen.
Die nächste Nacht (Donnerstag auf Freitag) verbringe ich mal wieder bei Albert. Diesmal ist seine Frau Gerlinde auch zu Hause, die war gerade in Österreich. Freitagnachmittag packe ich all meine Sachen ins Auto, verabschiede ich mich von den Beiden und treffe mich mit David im Mathews / Winters Park zu einer kleinen Wanderung. Es ist richtig schön, ihn wiederzusehen, wir unterhalten uns viel darüber, was wir jeweils die letzten 11 Jahre gemacht haben. Er hat sein Studium längst abgeschlossen, arbeitet seit fünf Jahren in der Autoindustrie und hat drei Autos zu Hause stehen. "Are you a car guy?" fragt er mich noch. Nein, zum Glück bin ich das nicht.
Aufgrund eines kleinen Missverständnisses mache ich mich nach dem Treffen wieder auf den Weg ins Ungewisse: Ich dachte, ich kann das Wochenende bei ihm übernachten, das hat er anscheinend anders verstanden. Also: Einkaufen, tanken, was essen und auf in die Berge. Als ich zum zweiten Mal diese Woche auf die I-70 auffahre verschwindet die Sonne gerade hinter den Bergen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, an der Jones Pass Road zu campen, überlege aber während es dunkler wird, ob ich mich wirklich traue bis dorthin zu fahren. Irgendwann spät an dem Abend parke ich im stockdunklen alleine in der Nähe einer Mine auf der Jones Pass Road und lege mich schlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwache bin ich umgeben von Autos und Menschen: Anscheinend stehe ich direkt an einem beliebten Wanderweg. Ich beobachte das Treiben eine Weile, mache mich dann aber wieder auf den Weg. Ich treffe mich mit David ganz in der Nähe auf dem Berthoud Pass, dort gehen wir eine weitere Runde wandern. Danach lädt er mich in Empire bei Dairy King auf einen Burger ein. Abends fahre ich über Georgetown auf die Guanella Pass Road, an der ich vor ein paar Tagen schon übernachtet habe. Diesmal ist mein Ziel allerdings der Mount Bierstadt Trailhead. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, mindestens auf einen 14er (so heißen hier die Berge, die über 14.000 Fuß hoch sind) zu wandern, Mount Bierstadt ist einer der Einfacheren.Lue lisää
Colorado - Teil 2
14.–22. heinäk. 2024, Yhdysvallat ⋅ ☁️ 11 °C
Das campen auf dem Parkplatz am Fuße des Mt Bierstadt ist theoretisch verboten, aber ich stelle ja kein Zelt auf. Außerdem bin ich längst nicht der Einzige, der hier übernachtet. Früh morgens, als es noch ganz dunkel ist, gehe ich einmal raus aufs Klo und bemerke dabei, dass am Auto neben mir schon Betrieb ist. Jemand bereitet sich mit Kopflampe darauf vor, loszuwandern. Bin ich zu spät? Ein Blick aufs Handy verrät: 3 Uhr morgens. Ich habe mir vorgenommen um 8 Uhr loszuwandern. Ein bisschen unsicher geworden, schaue ich zum Berg rüber und entdecke mehrere Stirnlampenkegel, die vordersten schon auf halber Höhe. Dann lege ich mich wieder schlafen. Die wollen bestimmt alle den Sonnenaufgang vom Gipfel aus beobachten! Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Auf dem Parkplatz herrscht reger Betrieb, sehr viele Menschen bereiten sich auf die Wanderung vor oder sind schon unterwegs. Nochmal: Bin ich zu spät? Ich versuche, mich nicht stressen zu lassen und halte an meinem Plan fest, schließlich glaube ich nach den letzten Wanderungen in Peru halbwegs zu wissen, was ich tue. Der Plan sieht vor, erstmal Frühstück zu essen und dann gemütlich loszuwandern. Gegen 8 Uhr mache ich mich dann auch auf den Weg. Sowohl vor mir als auch hinter mir wandern sehr viele Menschen den Berg hoch, ich hätte hier nicht so viel Betrieb erwartet. Ca. auf halber Höhe lerne ich zwei Locals kennen, mit denen ich den Rest der Strecke bis zum Gipfel wandere. Die Aussicht von oben ist gigantisch: Richtung Norden und Westen sehe ich Berge, soweit das Auge reicht. Richtung Nordosten steht der Mt Blue Sky, der früher Mt Evans hieß und auf den wir häufiger hochgefahren sind. Dahinter erstreckt sich unendlich weit die Hochebene im Osten Colorados. Und nach Süden blicke ich direkt in das Tal, durch das ich noch vor ein paar Tagen auf der US-285 stundenlang geradeausgefahren bin, eingerahmt von Bergketten. Außerdem stehe ich auf meinem ersten Fourteener! Ein wenig stolz bin ich schon drauf, auch wenn ich in den Anden deutlich höher war...
Auf dem Rückweg machen sich wie gewohnt leichte Kopfschmerzen bemerkbar. Nachdem ich wieder unten angekommen bin fahre ich auf die mir schon bekannte "designated campsite" und schlafe sofort ein. Die verbleibenden Tage verbringe ich auf dem Grand Mesa, einem großen Tafelberg im Westen Colorados. Hier gibt es sehr viele Seen und mehrere Wandermöglichkeiten. Ich gehe ein bisschen wandern, campe zwei Nächte auf Campingplätzen an schönen Seen und mache mich dann auf den langen Rückweg nach Denver. Leider bleibe ich nach ca. 2 Stunden Fahrt am Gunnison Reservoir stecken, dort ist die Straße wegen Brückenbauerbaiten bis 16:30 gesperrt. Ich verbringe eine fünfstündige Zwangspause am Reservoir, wo auch ein kleiner Hafen ist. Danach fahre ich weiter bis auf die US-285, auf der ich vor ein paar Tagen schon war. Nach einigen Kilometern schnurgerader Fahrt verschwindet die Straße wieder auf der wohlbekannten Kurve in den Bergen. Dort bildet sich gerade ein Schauer, die dunklen Wolken sehen im Licht der untergehenden Sonne wunderschön und gleichzeitig sehr bedrohlich aus. Als ich wieder an dem schon erwähnten Parkplatz in der Kurve ankomme, zwingt mich ein Hagelschauer zum Anhalten. Ich kann schlichtweg nix mehr sehen. Danach fahre ich wieder einmal zu meiner Lieblings-"designated campsite" an der Guanella Pass Road. Unterwegs versucht noch ein LKW, mich umzubringen, indem er nach langem Zögern genau dann zum Überholen ansetzt, als endlich Gegenverkehr kommt.
Am Donnerstagmorgen fahre ich in die Innenstadt zum botanischen Garten. Das Ziel: Meine Exfreundin Vallen und ihren Mann treffen. Klingt crazy, ist es auch. Ich war auf dieser doch recht langen Reise selten so aufgeregt wie an diesem Morgen. Vor allem habe ich mich die ganze Zeit gefragt: Kenne ich ihren Mann schon aus der Schule? Als die Beiden schließlich auch da sind, wird schnell klar, dass ich Derek, so heißt er, noch nie begegnet bin. Wir spazieren eine Weile durch den botanischen Garten, unterhalten uns viel und wollen danach in einem vietnamesischen Restaurant essen gehen. Dort muss ich natürlich mit dem Auto hinfahren (wie auch sonst in den USA). Auf der I-25 auf dem Weg nach Norden versuche ich die Spuren zu zählen, komme aber immer wieder durcheinander. Es müssten irgendwas zwischen 5 und 7 pro Richtung sein. Dann meldet sich mein Handy plötzlich mit folgender Anweisung: "Take the left of the two exit lanes and take the center lane up the Thornton ramp. Then take the right lane to turn left." Ich fahre brav ab, dann werden aus den zwei Spuren aber wieder vier und ich weiß nicht genau wo ich hinmuss. Die Ampel ist grün und bevor ich so richtig verstehe was passiert bin ich schon wieder unten auf einer der wahnsinnig vielen Spuren der I-25 ;) Das spätere Essen schmeckt dafür umso besser, es gibt Sommerrollen zum selberbauen. Ich beobachte nebenbei ein bisschen, wie die Beiden miteinander kommunizieren und bin insgeheim froh, dass ich nicht mehr mit Vallen zusammen bin ;) Danach gehe ich noch eine Runde um einen nahegelegenen See spazieren und denke über dieses Wiedersehen nach. Vallen und Derek haben am 1. April 2024 geheiratet. Wo war ich da gerade? Auf der Isla Fuerte, am Strand. Hätte ich mir damals ausmalen können, dass meine Exfreundin in einer anderen Ecke der Welt in genau dem Moment heiratet? Nie im Leben. Verrückt!
Abends bringe ich das Auto zurück zu Brandon. Ich fahre extra noch einen kleinen Umweg, damit der Tacho genau auf 1000 Meilen steht wenn ich wiederkomme. Leider habe ich mich verrechnet und es sind am Ende 1000,3 Meilen... Außerdem hat das Display nur vier Stellen und springt einfach auf 0,3 um. Schade... Als Dank dafür, dass ich sein Auto nutzen konnte, lade ich ihn zum Sushiessen ein. Wir unterhalten uns darüber, wo ich so war und sind beide ein wenig froh, dass das Auto nicht unterwegs liegengeblieben ist.
Mit dem Auto gebe ich auch die Freiheit ab, die den Amerikanern (den Deutschen auch) so lieb ist. Trotzdem fühle ich mich sauwohl, als ich am nächsten Morgen in einen Bus nach Denver steige. Das ist einfach die Art zu Reisen, die ich in den letzten Monaten so liebgewonnen habe: Rucksack und Bus. Alles, was ich brauche, habe ich auf dem Rücken. Super. Ich fahre nach Denver in die Innenstadt, muss dafür aber erstmal nach Boulder und bin weit über zwei Stunden unterwegs für eine Strecke, die mit dem Auto eine halbe Stunde gedauert hätte. Das Busnetz ist zwar vorhanden, aber irgendwie nicht so durchdacht. In der Innenstadt möchten Vallen und Derek mir gerne das Meow Wolf zeigen. Was das ist finde ich schwer zu erklären... Am ehesten lässt es sich wohl mit einem riesigen Escaperoom vergleichen. Zumindest muss man ein Rätsel lösen. Ansonsten ist es sehr groß, sehr bunt und es gibt verschiedene Räume. Manche sehen aus wie Einkaufsstraßen, manche wie Kontrollräume mit lauter Bildschirmen und manche wie Abstellkammern durchgedrehter Künstler*innen. Wikipedia beschreibt es etwa wie folgt: Eine immersive, interaktive Kunstinstallation. Hilft das vielleicht? Als wir das Rätsel um vier verschwundene Personen nach einigen Stunden schließlich gelöst haben, surrt mein Kopf. Auf die Frage, wie ich es fand, kann ich nur antworten: Very American!
Auf dem Parkplatz vorm Meow Wolf werde ich von David abgeholt, er bringt mich zum Haus seiner Stiefmutter Rebecca. Auf sehr unamerikanische Weise haben die mir spontan angeboten, dass ich dort die letzten zwei Nächte meines Aufenthaltes in den USA übernachten darf. Ich soll nur ab und zu die Hündin füttern, da sonst niemand zu Hause ist. Die ist allerdings so alt und schwach, dass ich mir Sorgen mache, ob sie überlebt bis Rebecca wiederkommt... Wir springen noch ein bisschen auf dem großen Trampolin, dass ich von früher noch kenne, dann fährt David zurück zu sich nach Hause. Am nächsten Tag holt er mich ab und wir fahren ein weiteres Mal in die Berge, zum White Ranch Park West Trailhead. Dort treffen wir uns mit Brandon und gehen eine letzte Runde wandern. Die Beiden haben sich auch ein paar Jahre nicht gesehen und haben sich einiges zu erzählen: Über die Politik in den USA, über ihre Freundinnen und natürlich über Autos. Ich wandere die meiste Zeit gedankenverloren nebenher. Bei den Themen rede ich nicht viel mit, aber es ist schön, mit den Beiden zusammen unterwegs zu sein. Ein schöner Abschluss für diese lange Reise. Abends statte ich dem Holbrook Park noch einen Besuch ab, dort haben Vallen und ich uns vor über 11 Jahren zu unserem ersten Date getroffen. Danach gehe ich mangels passender Busverbindungen anderthalb Stunden zurück zum Haus. Am nächsten Tag fliege ich zurück nach Deutschland. Crazy!Lue lisää





























































































































