Vom Tagebau zum Weingenuss 🍇🚲
September 23 in Germany ⋅ ☁️ 14 °C
Heute ist nichts mit lange schlafen. Heute müssen wir pünktlich raus, denn es soll weitergehen. Und ausgerechnet heute lacht die Sonne schon am Morgen vom blauen Himmel. ☀️ Na wunderbar – kaum fahren wir weiter, wird das Wetter richtig schön.
Um 10:00 Uhr sind wir tatsächlich startklar. Alles ist weggeräumt, eingepackt, verzurrt und verstaut – eben all das, was man vor der Abfahrt mit dem Wohnmobil so erledigen muss. Das Frühstück fällt dafür etwas dürftig aus: ein Toast und eine Tasse Kaffee. Das muss erst einmal reichen.
Weit haben wir es heute sowieso nicht. Knapp 50 Kilometer liegen zwischen Bad Sulza und unserem nächsten Ziel, dem Geiseltalsee. Dort habe ich einen Stellplatz in der Nähe des Sees herausgesucht: „Im Weinberg“. Klingt doch schon mal vielversprechend. 🍇
Wir fahren zunächst ein gutes Stück unserer bekannten Strecke zurück und dann über die B 180 und B 176 Richtung Mücheln.
Und natürlich gibt es unterwegs wieder eine neue Folge aus der Serie:
„Ich muss mein Auto kennenlernen.“ 🙈
Heute lautet das Thema: Wie breit ist mein E-Liner wirklich?
Gleich dreimal wird es eng. Einmal am Lkw, einmal an einem ziemlich blöd abgestellten Kleintransporter und schließlich in einer engen Dorfstraße. Beim letzten Mal springt Gitty schon leicht angstbesetzt aus dem Wohnmobil, um den Fahrer des Kleintransporters zu suchen. Aber der denkt gar nicht daran, aufzutauchen.
Was nun?
Hinter mir wartet inzwischen der Verkehr, rechts ist ein ziemlich hoher Bordstein, über den ich mit meinem Dickschiff auf keinen Fall fahren möchte, und links steht dieser blöde Transporter.
Also gut.
Tief Luft holen und Zentimeter für Zentimeter vorarbeiten.
Ein bisschen links. Noch ein bisschen. Spiegel beobachten. Rechts gucken. Wieder links.
Und tatsächlich: Es passt!
Gefühlt mit drei Millimetern Luft, tatsächlich werden es wohl ein paar mehr gewesen sein. 😅
Am Ende kann ich mir wieder einmal selbst auf die Schulter klopfen. Mein E-Liner und ich – wir wachsen langsam zusammen. 💪🚐
Ein See, wo früher keiner war
Kurz darauf erreichen wir den Geiseltalsee. Und was wir da vor uns haben, ist eigentlich kaum zu glauben. Dieser riesige See ist nämlich keine Laune der Natur, sondern das Ergebnis einer gewaltigen Landschaftsveränderung.
Mehr als 300 Jahre lang wird im Geiseltal Braunkohle abgebaut. Ganze Orte müssen dem Tagebau weichen. 16 Ortschaften verschwinden durch den Bergbau. Erst 1993 endet die Kohleförderung. Zehn Jahre später, 2003, beginnt die Flutung des riesigen Tagebaurestlochs, die 2011 abgeschlossen ist. Heute breiten sich hier rund 18,4 Quadratkilometer Wasserfläche aus, an manchen Stellen ist der See bis zu 78 Meter tief.
Wenn man heute hier entlangradelt, kann man sich kaum vorstellen, dass hier einmal riesige Bagger arbeiten und Kohlezüge fahren. Inzwischen gibt es Wälder, Wiesen, Naturschutzflächen, Marinas, Strände und jede Menge Vögel. Aus einer Bergbaulandschaft ist eine richtige Freizeit- und Naturlandschaft geworden.
Unseren Stellplatz finden wir problemlos – und er ist total leer.
Was macht man auf einem leeren Stellplatz?
Natürlich dreimal umparken. 😂
Wenn man schon die freie Auswahl hat, muss schließlich alles stimmen: Sonne, Fernsehempfang, Aussicht, Türseite, Windrichtung und was einem sonst noch so einfällt.
Irgendwann stehen wir.
Dann schauen wir uns die Sanitäranlagen an. Sagen wir mal so: etwas abenteuerlich. 😂 Nicht unbedingt das, was man unter Hochglanz-Camping versteht, aber alles ist da, alles funktioniert und alles ist im Preis enthalten. Also bleiben wir.
Und jetzt holen wir erst einmal unser Frühstück nach. Direkt an unserem Platz gibt es eine Weinlaube, in der wir wunderschön sitzen können. Danach ist erst einmal Nichtstun angesagt.
Sonne. Beine hoch. Herrlich. ☀️
Das muss schließlich auch mal sein.
Einmal rundherum – kann ja nicht so schlimm sein 🚲
Gegen 14:00 Uhr holen wir die Räder runter. Praktischer geht es kaum: Wir öffnen nur das Tor vom Stellplatz und stehen praktisch schon auf dem Geiseltalsee-Radweg.
Also los.
Wir wollen einmal rund um den See. Gut 30 Kilometer – das klingt doch gemütlich.
Seeumrundung bedeutet schließlich: flach.
Denke ich.
Falsch gedacht. 😂
Nach ungefähr fünf Kilometern wartet schon eine ordentliche Steigung auf uns. Da oben liegt nämlich der Weinberg „Goldener Steiger“.
Weinberg!
Das Wort hätte mir eigentlich zu denken geben müssen.
Also strampeln wir bergauf, aber die Mühe lohnt sich. Oben erwartet uns eine wunderschöne Straußwirtschaft. Wir sitzen draußen unter Weinreben, schauen über den See und bestellen natürlich einen Wein.
Was sonst? 🍷
Unser Müller-Thurgau vom Goldenen Steiger schmeckt richtig lecker. Vielleicht liegt es am Wein, vielleicht an der Sonne oder einfach an dieser Aussicht – wahrscheinlich an allem zusammen.
Und dieser Weinberg ist etwas ganz Besonderes. Erst im Jahr 2000 beginnt die Familie Reifert hier mit dem Weinbau. Der Südhang hat teilweise rund 30 Prozent Neigung, und der große See wirkt sich günstig auf das Kleinklima aus: Er reflektiert zusätzlich Sonnenlicht und mildert Frost. Ausgerechnet auf ehemaligem Tagebaugelände wachsen heute Reben – schöner kann man den Wandel vom Bergbau zum Weinbau eigentlich kaum zeigen.
Der „Goldene Steiger“ wird 2020 sogar als „Schönste Weinsicht“ ausgezeichnet.
Wir sitzen bestimmt eine Dreiviertelstunde dort.
Vielleicht auch länger.
Auf jeden Fall lange genug, dass die Motivation zum Weiterfahren anschließend nicht unbedingt größer ist. 😄
Aber hilft ja nichts.
Mut, Mutter! Weiter geht’s.
Und tatsächlich kommt die Lust aufs Radeln schnell zurück. Der Weg ist einfach klasse: wunderbar asphaltiert, fast kein Autoverkehr, viel Grün und immer wieder öffnet sich der Blick auf dieses unglaublich blaue Wasser.
Was für ein toller Radweg! 🚲💙
Zwischendurch gibt es natürlich doch noch ein paar Steigungen. Bei einer Abfahrt kommen uns Radfahrer entgegen, die ihre Räder bergauf schieben.
Ich muss grinsen.
Wer sein Rad liebt, der schiebt.
Wir zum Glück nicht. Noch nicht. 😂
Wir kommen am Schloss Frankleben vorbei, fahren aber weiter. Vielleicht haben wir morgen noch Zeit, uns das genauer anzusehen.
Später erreichen wir die Marina Braunsbedra. Alles wirkt modern und großzügig angelegt, Boote liegen im Hafen und die Sonne glitzert auf dem Wasser.
Mittlerweile ist der Nachmittag schon ziemlich fortgeschritten – und unsere Mägen melden sich.
Warum also nicht gleich unterwegs zu Abend essen?
Die Idee ist gut. Das Angebot zunächst weniger. Pizza, Pizza und noch einmal Pizza.
Darauf haben wir heute keine Lust.
Also wird schnell gesucht und Richtung Braunsbedra finden wir schließlich einen Dönerladen.
Und damit gibt es heute Abend ganz stilecht:
Döner am Geiseltalsee. 😂
Kein Sterne-Menü, aber lecker – und vor allem sitzen wir noch einmal draußen in der Sonne.
Und wo ist jetzt unser Stellplatz?
Langsam sinkt die Sonne tiefer und damit auch die Temperatur. Also machen wir uns auf den Heimweg.
Eigentlich denken wir, unser Stellplatz müsste jetzt gleich irgendwo um die Ecke liegen.
Pustekuchen!
Da kommen noch einige Kilometer.
Unterwegs erreichen wir sogar noch die Marina Mücheln, die wunderschön im Abendlicht liegt. ⛵🌅
Aber jetzt wird es wirklich frisch. Sobald die Sonne verschwunden ist, merkt man eben doch, dass wir Ende September haben.
Also treten wir noch einmal kräftig in die Pedale.
Und irgendwann taucht tatsächlich unser Stellplatz auf.
Gut 30 Kilometer stehen am Ende auf dem Tacho. Einmal komplett um den Geiseltalsee. 🚲💪
Und ich muss sagen: Das hat sich richtig gelohnt.
Was für eine Landschaft! Wenn man nicht weiß, dass hier einmal Braunkohle abgebaut wurde, würde man niemals darauf kommen. Wo früher Bagger die Erde aufreißen, fahren wir heute durch grüne Landschaft, schauen auf Segelboote und trinken Wein an einem sonnenverwöhnten Hang.
Vom Tagebau zum See.
Von der Kohle zum Wein.
Das ist schon eine ziemlich beeindruckende Geschichte.
Zurück am Wohnmobil heißt es nur noch: Räder versorgen und ab ins Warme. Wir sind zum Schluss doch ordentlich durchgefroren. 🥶
Ich probiere noch einmal unsere etwas abenteuerlichen Sanitäranlagen aus. Aber was soll’s: Wasser ist da, warm ist es auch – und mehr braucht der Mensch manchmal gar nicht. 😂
Jetzt sitze ich im warmen Wohnmobil, schreibe meinen Reisebericht und merke, wie mir langsam die Augen zufallen.
Ich glaube, heute muss mich niemand ins Bett schicken.
Gute Nacht vom Geiseltalsee. 🌙💙
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TravelerIn Braunsbedra am Aussichtsturm, keine 100 m weiter an der Straße befindet sich ein Lokal mit Biergarten und bürgerlicher Küche.
Womofriends-on-tourDa waren wir heute.Aber leider hatte es geschlossen.
TravelerBeim Weinberg trinken wir im Dezember immer Glühwein 😀