• Thomas Schenk
  • Thomas Schenk

Planlos mit Tom

Mit dem Reisefahrrad ohne Plan und ohne Ziel- nur eine Richtung: Ab in die Wärme.
Mit im Gepäck: Neugierde, Abenteuerlust, Optimismus und sicherlich auch eine gewisse Portion Naivität.
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  • Sprite & Bouillon

    10 Januari 2024, Mauritania ⋅ ☀️ 26 °C

    Die letzten 100 km in der Wüste haben mir zugesetzt. Windstille, die Sonne knallt mir erbarmungslos auf den Deckel. Keinen Schatten, nirgends, kein Grund, um Pause zu machen- es würde nichts bringen. Nach 50 km habe ich das Gefühl, vom Rad zu kippen. Ich mische Sprite, Wasser und Bouillon. Wird wahrscheinlich kein Kultgetränk, tut aber seinen Zweck. Wie es hier im Sommer ist, will ich mir nicht ausmalen.
    Völlig hinüber erreiche ich die Grenze, für einen Übertritt ist es zu spät. Ich setze mich in ein Restaurant zu den Einheimischen und vertilge gegrillten Fisch in Rekordzeit wie ein Höhlenbewohner- mit gesenktem Haupt nahe dem Teller und mit den Händen. An diesem Punkt ist es mir auch egal, wenn ich unabsichtlich eine der vielen Fliegen in meinem Essen mitesse.
    Aber wisst ihr was- selten hat Essen so gut geschmeckt.

    Ich habe ein Zimmer gekriegt (für das ich wahrscheinlich den dreifachen Preis bezahlt habe, aber egal), hatte eine rudimentäre Dusche und mein Jogurt. Das Leben ist gut.

    Und morgen- morgen gehts nach Mauretanien. Der Grenzübertritt wird entweder super easy oder eine Katastrophe. Ich nehms easy.
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  • Minenwall & Bürokratie

    11 Januari 2024, Mauritania ⋅ ☁️ 24 °C

    Marokko ist schnell verlassen- Nach Stempel und Spürhund werde ich vom genervten Beamten ins Niemandsland geschickt und fahre zügig mit meinem Fahrrad durch die unbefestigte Piste, passiere den Minenwall. Sonderlich hoch ist er nicht. Und auch sonst ist hier nix spezielles- offenbar wurde in den letzten Jahren aufgeräumt, die im Voraus gelesenen Schauergeschichten von Autowracks, zwielichtigen Gestalten und Minenbergen kann ich nicht bestätigen, alles ganz easy.

    Auf Mauretanischer Seite habe ich Pech. Das Internet stürzt ab für die gesamte Region- 2h passiert gar nichts, ausser dass ich permanent von Geldwechslern, Schleusern und Simkartenverkäufern belagert werde, die alle plötzlich meine besten Freunde sein wollen.
    Dann stöpselt einer den kleinen Drucker aus und transportiert diesen zur Polizeistation (I have the Visa-machine!), denn die haben schliesslich Sattelittenverbindung. Der ganze Hühnerstall hinterher, ein Chaos. Eine weitere Stunde warten, dann alles wieder zurück zum ursprünglichen Gebäude, jetzt ist die Verbindung wieder da. Zum Glück ist mein Pass rot- auf dem Schreibtisch stapeln sich etliche Pässe.
    Alles dauert unglaublich lange. Das Prinzip vom Anstehen funktioniert hier nicht wirklich. Es wird eher der Lauteste zuerst bedient. Nach etwa 5 Stunden bin ich durch, fahre noch 50 km bis Nouadibou.
    Unterwegs holen mich die Deutschen wieder ein- erneut verbringen wir einen schönen Abend in einer Auberge ohne Wifi.
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  • Sklaverei & Gekaufte Ehe

    13 Januari 2024, Mauritania ⋅ ☁️ 32 °C

    Mauretanien macht einen sicheren Eindruck- aber rasch wird klar, dass das riesige Land, das grob aus nichts als Sand und zwei Städten besteht, wohl nicht ganz mit dem rasanten Wachstum der letzten Jahre mithalten konnte. Nouadhibou und Nouakchott sind ganz andere Kaliber als Marokko- hier beginnt das „richtige“ Afrika.
    Hier sollen 15% der Bevölkerung immer noch versklavt sein, und ganz klar gilt die Devise: Je heller die Haut, desto besser und mächtiger. Einige tragen lange Handschuhe, damit die Haut nicht gebräunt wird und je dreckiger das Handwerk, desto dunkler die Haut des Ausführenden.
    Auch die Frauen werden zur Heirat gekauft, wie mir bei Tee und Datteln von Einheimischen erklärt wird. 1‘000‘000 Ouguiya (rund 20’000 CHF) reichen gut aus, meinen diese. Ich nehme an, ein Mann verschuldet sich mit diesem Betrag für eine lange Zeit. Die Männer fragen mich, was denn eine Schweizer Frau kostet. Darauf habe ich nun wirklich keine Antwort- das von mir vorsichtig formulierte Prinzip der Liebe und Gleichberechtigung wollen die Männer nicht so recht begreifen.
    Die Frau hat auch hier eine untergeordnete Rolle, mir stinkt diese Ungleichheit immer mehr. Aber wer bin ich, um dies zu richten oder die Menschen hier eines besseren Belehren zu wollen? Das ist eine andere Welt.
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  • Überdruss

    14 Januari 2024, Mauritania ⋅ ☁️ 30 °C

    Sand in den Haaren
    Sand unter den Fingernägeln
    Sand im Schaltwerk von Daisy
    Sand im Zelt
    Sand im Schlafsack
    Sand im Kochtopf
    Sand zwischen meinen Zähnen
    Sand in meinem Kopf

    Noch 130 km bis Senegal

  • Pumba & Salzkristalle

    15 Januari 2024, Mauritania ⋅ ☀️ 32 °C

    Erneut über 100 km. Bei dieser Hitze zu viel, und ich weiss es. Aber wie eine Dampflok treibe ich mich an, denn ich habe ein Ziel: die Zebrabar im Senegal- das eiskalte Bier werde ich unter der Dusche trinken.
    Unterwegs helfe ich einer Gruppe Männer, die eine Panne haben. Per Zufall habe ich genau den Torx-Schraubendreher dabei (und ich habe nur einen einzigen), der ihnen fehlt.
    Keine 10 Minuten nach der Reparatur hält ein Auto und gibt mir Wasser und Kekse- ein Geben und Nehmen.

    Die Wüste weicht nun langsam der Vegetation, ganze Vogelschwärme und riesige Vögel (Hobby-Ornithologen hätten jetzt eine Beule in der Hose) ziehen über mir vorbei. Pumba das Wildschwein lässt auch grüssen.

    Mangels Alternativen zelte ich bei Pumba. Das mit Salzkristallen überzogene Tshirt ist nun endgültig bereit für die Wäsche.
    Und ich auch.
    Mehrmals höre ich Pumba in der Nacht ums Zelt schleichen, aber sonst lässt er mich in Ruhe.

    22 km bis zur Grenze.
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  • Ignoranz hinter Glas und Blech

    16 Januari 2024, Senegal ⋅ ☀️ 28 °C

    Das Bier der Zebrabar hat den sandigen Geschmack in meinem Mund weggespült. Es ist landschaftlich schön und es tummeln sich viele deutsche Touristen hier, mit ihren riesigen Motorrädern oder Campern. Teils fahren die mit umgebauten Lastwagen umher, wenn man nicht permanent darin wohnt in meinen Augen unglaublich dekadent. Nun verstehe ich, warum 250 EUR für Autos an der Grenze verlangt werden.
    Im Gespräch mit einigen Leuten merke ich, dass die teils keinen Plan haben und ihre Aussagen gespickt mit Vorurteilen sind. Die schwingen sich mit ihren dicken Bäuchen auf ihre Motorräder oder hinters Steuer von ihren Lastwagen und fahren von Campingplatz zu Campingplatz, und bleiben dort. Dabei haben die null Kontakt mit der Bevölkerung (wie auch, niemand von denen spricht französisch) und (ver-)urteilen von ihrem gefederten Sitz aus, hinter der Glasscheibe. Nicht alle sind so- eine Schweizer Familie, die ich hier getroffen habe, ist toll- wir haben eine gute Zeit.

    Versteht mich nicht falsch- ich liebe diese halben Panzer und würde darin aufblühen, z.b einen Land Rover Defender für die Apokalypse vorzubereiten und vielleicht mache ich das auch mal.
    Aber man muss sich einfach bewusst sein, man ist und bleibt hinter einer Glasscheibe, in einem Käfig, abgesondert und fährt steril wie in einer Seifenblase durch andere Welten.

    Das Fahrrad hingegen bietet keinen Schutz. Die ganze Wucht der fremden Welten prasselt ungebremst auf einen ein. Das muss man wollen.
    Es gibt Tage, da liebe ich es. Und da sind Tage, da wird es zuviel.
    Aber ich erkenne, dass das Fahrrad der ursprünglichen und nackten Form des Reisens sehr Nahe kommt.
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  • Taboud & Kinderlachen

    18 Januari 2024, Senegal ⋅ ☁️ 28 °C

    Taboud! Taboud! (Weisser, Weisser?) tönt es aus den Kindermündern. Manchmal auch Taboud, cadeau! Sie wollen also ein Geschenk. Ich kann es Ihnen nicht verübeln. Aber sie strahlen, lachen, sind voller Leben, alles ist bunt angemalt, Musik beschallt die Strassen, und keine arabischen Gebetsreden mehr aus Blechlautsprechern. Die Frauen tragen endlich keinen Schleier mehr.

    Die Korruption ist jedoch offensichtlicher geworden- bei der ersten Strassensperre wollte auch der Polizist ein Geschenk und meinte, ich solle ihm meinen Schlafsack geben. Das sei nur fair. Keine Sorge, ich habe meinen Schlafsack noch.

    Ich durfte in einem Dorf übernachten, das aus etwa 10 Häusern, 5 Familien mit sehr vielen Kindern und noch mehr Ziegen besteht. Gesprochen wurde nur Wolof, ein regionaler Dialekt. Der „chef de village“ hat mich zum Essen eingeladen (traditionell Reis und Fisch mit Gemüse), Tee gebracht und Wasser zum Waschen. Die selbstverständliche Gastfreundschaft rührt mich. Gefühlt hundert Kinderaugen haben jeden Schritt von mir argwöhnisch beobachtet. Nach einem Fussballspiel mit einem komplett zerfledderten Fussball mit all den Kindern ist das Eis rasch gebrochen und der Ort verwandelt sich in einen lachenden Kinderhort.
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  • Sand & Sturheit

    20 Januari 2024, Senegal ⋅ 🌙 23 °C

    Ich bin bereits seit gestern in Dakar.

    Gerne würde ich sagen, dass es eine schöne letzte Etappe gewesen war, aber das war es nicht.

    Nach gut 10 h im Sattel, rund 140 km (davon viel Sandpiste und Fahrrad stossen) hungrig, durstig, kein Geld mehr und Kreditkartenlimit erreicht, verkratzten Beinen und einer klebrigen Schicht Schweiss, Sonnenmilch, Sand und Abgasstaub im Dunkeln in Dakar angekommen.

    Aber jetzt bin ich da. 2000 km radeln später. Am westlichsten Punkt Afrikas.

    Ich habe heute auf eine kleine Insel Ngor übergesetzt, war bereits auf dem Surfbrett und bleibe hier bis zu meinem Rückflug am 26.01.

    Ob Daisy hier bleibt und ich meine Reise nach meinen Terminen ab Dakar in Richtung Gambia, Guinea, Sierra Leone ect fortsetze, weiss ich noch nicht.
    Wenn, dann nur mit klaren Regeln, die ich mir selber setzen muss.

    Ich entscheide morgen. Oder übermorgen. Oder Überübermorgen.

    Und gebe Bescheid.
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  • Seeigel & Entscheidung

    24 Januari 2024, Senegal ⋅ ☀️ 26 °C

    Ich habe mit Westafrika noch nicht abgeschlossen.

    Daisy bleibt hier während den Tests in Norddeutschland und ich kehre zurück. Schluss ist jedoch in 1.5 bis maximal 2 Monaten (Mitte bis Ende März), und ich konzentriere mich auf die Länder Gambia, Guinea-Bissau, Guinea und Sierra Leone.

    Ich will mir Zeit nehmen, nicht mehr so viele km radeln am Tag (max 70 km) und mich auf die Menschen vor Ort einlassen.

    In der Annahme, dass für mich ab Juli die Vorbereitungen für die Antarktis beginnen, bin ich vorher noch gut 3 Monate in der Schweiz. Was genau ich mache, weiss ich noch nicht, Ideen sind da. Ich freue mich bereits jetzt auf einen geregelten Tagesablauf & Freunde und Familie, muss aber vorher noch ein wenig tiefer ins „richtige“ Afrika vordringen, es lässt mich nicht los.

    Momentan geniesse ich einige Tage in einem Surfcamp auf Ngor.
    Ich bin aber mehr Stacheln von Seeigeln (neues Hasstier) mit Nadeln aus Fuss und Hand am entfernen als Wellen zu erwischen. Ich bin wohl der schlechteste Surfer hier, die Gebiete sind anspruchsvoll. Ein Wipeout am falschen Ort ist ungünstig- die Wellen brechen oft über Steine & der Meeresboden ist mit Seeigeln übersät. Ein bisschen zu viel Nervenkitzel für mich.
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  • Bis später

    26 Januari 2024, Senegal ⋅ ☀️ 26 °C

    Der Rückflug ist gebucht- am 08.Februar gehts weiter.

    Bis dahin wartet Daisy hier auf mich.

    Tüdelüüü

  • Rückkehr

    9 Februari 2024, Senegal ⋅ ☀️ 33 °C

    Klinisch saubere, schneeweisse Hotelbettlaken gegen sandigen Schlafsack, kalte Brise der Nordsee gegen brütende Hitze- knapp 12 h Reise mit Flugzeug, Bus und Boot war ich wieder mit Daisy vereint.

    Daisy hat gelitten. Die salzige Luft und Sand haben ihr zugesetzt- ich musste Daisy zuerst waschen, ölen, pflegen. Jetzt passt das Schaltwerk wieder plus/minus.

    Dann gings zügig los Richtung Süden- raus aus dieser Stadt. Es sind sowieso Wahlen und Tumulte zu erwarten, das muss ich nicht miterleben.
    Der Verkehr ist chaotisch und die Strassen völlig sinnfrei angeordnet- jeder fährt irgendwie.
    Fahrzeuge auf der falschen Spur sind keine Seltenheit und ich glaube, heute war ich ein paar Mal mit dem Fahrrad auf der Autobahn. Aber solange links von mir eine Kutsche fährt, alles halb so wild.

    Momentan bin ich in einer Lagune, nördlich von M‘bour. Das deutsche Paar ist hier aus der Westsahara- ich werde wohl 2-3 Tage mit Ihnen unterwegs sein :-)
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  • Glühende Strasse & Testosteron

    10 Februari 2024, Senegal ⋅ ☀️ 35 °C

    Mit dem deutschen Paar und ihrem Land Rover Cruiser gings mit ein paar Zwischenstopps nach Toubacouta- das ist schon ziemlich nahe an Gambia.

    Es ist knapp 40 Grad im Schatten - die Strasse glüht. Einen Tag bin ich so Rad gefahren, und schön war das nicht. Sobald ich wieder mit dem Rad unterwegs bin, werde ich mir etwas überlegen müssen.

    Riesige Bäume (Baobab) werden jetzt häufiger, dagegen wirkt der Land Cruiser wie ein Spielzeug.

    In der Nacht ein Schauspiel: Lutte Afriquaine- eine Art Wrestling; ähnlich dem Schwingen. Viel Tradition, viel Herzblut, viele Emotionen.
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  • Entschleunigt

    12 Februari 2024, Senegal ⋅ ☀️ 36 °C

    Wir befinden uns noch immer in diesem kleinen, für meinen Geschmack zu touristischen Dorf, nahe Gambia.
    Morgen gehts endlich weiter. Ich geniesse die Vorzüge des Kühlschranks aus dem Landcruiser des deutschen Paars (bei dieser Hitze löst sich alles auf), werde aber bald wieder alleine unterwegs sein.
    Reisen mit Fahrzeug ist komplett anders und weniger nahe an den Menschen. Wenn ich schon am reisen bin, dann bitte die volle Dröhnung.

    Nachmittags ist das Dorf ausgestorben- die Hitze ist nicht lange aushaltbar. Erst ab 5 Uhr abends blüht das Leben auf. Fussball, Boccia, Brettspiele, Lärm, Musik, Gebetsklänge in Dauerschleife bis in die frühen Morgenstunden.
    Die Welt ist hier einfach eine andere- das westliche Arbeitsmodell existiert hier nicht.

    Ein hässlicher Teil von Senegal ist der Sextourismus. Insbesondere ältere Frauen sollen sich hier um junge Senegalen scharren, mir fallen jedoch immer nur die alten Männer auf und lösen einen Würgereiz aus.
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  • Das war nicht so intelligent

    14 Februari 2024, Senegal ⋅ ☀️ 29 °C

    Natürlich wusste ich, dass man besser keine Fotos macht von Polizisten, Militärs oder Grenzbeamten in Westafrika.
    Trotzdem (so doof und risikoliebend ich halt bin) wollte ich die skurrile Szene einfangen- Alfred, der Deutsche, der sich mit einem Grenzbeamten in einer Hütte in desolatem Zustand eine hitzige Diskussion um den Preis vom Visum für Gambia liefert. Der Grenzbeamte, der die Preise googeln muss. Umgerechnet solls neu 100 Eur kosten. Korruption oder offiziell? Beides möglich. Ein Visa ist teilweise richtig teuer (Ghana z.b 175 $, melkt die Touris), und die Bestimmungen wechseln rasch.

    Ich lehne mich also zurück und schiesse versteckt ein Foto- dummerweise wird dies von einem anderen Beamten registriert.
    Die angeheizte Stimmung kippt augenblicklich. „You commited felony, you go to jail 3 days now and then back to Senegal“ sagte der Beamte wutentbrannt, bevor er mein Handy und Pass konfiszierte und uns stehen liess.

    Zweimal leer schlucken, Stossgebet zum Himmel, jetzt gehts los.

    Irgendwann werde ich vom Polizeichef befragt, ob ich ein Terrorist sei und Kontakt zu Rebellen habe (den Namen der Gruppierung habe ich vergessen). Auch er meinte, ich würde nun ins Hauptquartier abgeführt, Verdacht auf Spionage. Ein Glück steht das deutsche Paar für mich ein - wir würden gemeinsam reisen und müssen gemeinsam weiter. Sie hätten mich auch dort stehen lassen können, die Anschuldigungen galten nur mir.

    Rund zwei Stunden später lassen uns die Polizisten überraschend ziehen- mit Visum.
    Das Foto wird gelöscht.

    Aus einem nicht ersichtlichen Grund wurde ich wieder einmal laufen gelassen. Nicht das erste Mal löst sich eine wirklich unangenehme Situation überraschend einfach so auf - als ob jemand seine schützende Hand auf mich legen würde und meinen doofen Arsch regelmässig aus Situationen rettet, in die ich mich selber manövriert habe.
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  • Herzhaftes Lachen & Afrika Englisch

    15 Februari 2024, Gambia ⋅ ☁️ 40 °C

    Der Start war holprig- die ersten Tage in Gambia dafür umso wertvoller. Die Menschen sind äusserst aufgeschlossen, sehr freundlich und aufrichtig interessiert (und ich frage jetzt brav, bevor ich Fotos mache).

    Da die Temperaturen über 40 Grad steigen bin ich gezwungen, von 12 bis 5 Uhr Nachmittags im Schatten zu liegen. Sonst habe ich das Gefühl, mein Kopf platzt vor Hitze. Viele Kilometer mache ich nicht mehr, und das ist ok so.

    Beim Halt in einem Dorf mache ich genau da Rast, wo die Dorfpolizisten später die Verkehrskontrolle machen.
    Ich werde eingeladen zu vergorener Milch mit Couscous und Zucker, später zu traditionellem Reis mit Fisch. Im Laufe des Nachmittags erlebe ich so manche skurrile Szene; und bei vielen Begrüssungen entdecke ich in den Handflächen versteckt eine Geldnote, die in den Hosensack der Polizisten wandert.

    Die Polizisten haben so Freude mich kennengelernt zu haben, der eine bietet mir seine Schwester zur Heirat an, wenn er dafür in die Schweiz kommen darf. Er meinte ich müsse ja nicht immer hier sein, sondern pendeln.

    Gambia ist klein. 1888 sind britische Kriegsschiffe den Fluss landeinwärts gefahren und haben alles Land, das mit ihren Kanonenkugeln beschossen werden kann, zu britischem Kolonialgebiet erklärt. Später entstand Gambia daraus.
    Darum lande ich am Ende des Tages wieder am gleichen Platz wie die Deutschen, morgen trennen sich unsere Wege wieder.
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  • Korruption & Hilfsorganisationen

    16 Februari 2024, Gambia ⋅ ☀️ 39 °C

    Auffallend in Gambia ist die schiere Menge an Schildern, die vor jedem Dorfeingang stehen.
    Projekt zur Bekämpfung von Mangelernährung und Armut, Projekt zur Förderung von Jobs und Ausbildung für Frauen und Jugendliche, Projekt zur Elektrifizierung abgeschiedener Orte, Projekt zur Erhaltung der Fauna- die Liste ist lang. Das Immigrationssystem ist von Japan gesponstert, ebenso etliche Brunnen, jeweils mit schöner Plakette.

    Die Sache ist nur… ich sehe wenig von den Projekten. Hinter so manchem Schild versteckt sich eine Anlage, die schon längst nicht mehr in Betrieb ist, oder ein Gebäude, das nie fertig gestellt wurde oder bereits wieder von der Natur zurückerobert wurde.
    Da ich jeweils den ganzen Nachmittag Zeit habe, frage ich bei der Lokalbevölkerung nach, was diese von den Projekten halten.

    Die Antworten überraschen nicht.
    Während es ganz viele tolle Projekte gibt (z.B Bildung für die Kinder, Unterstützung beim Wiederaufbau nach der Regenzeit ect) sind viele Projekte, insbesondere diejenigen, die von grossen Organisationen oder Ländern gestützt werden, an wirtschaftspolitische Bedingungen geknüpft, die Gambia langfristig schaden.
    Japan als Beispiel soll im Gegenzug zu einigen technologischen Verbesserungen die Meere vor der Küste mit hochmodernen Booten leer fischen- der Preis für Fisch soll sich innert Kürze verdreifacht haben. Korruption innerhalb der Regierung soll die Problematik weiter befeuern, Spendengelder verschwinden im Nichts.
    Auch China mischt hier mit- wie auch in allen anderen afrikanischen Ländern, die ich besucht habe.

    Es scheint mir, die Kolonialisierung hat nie aufgehört, sondern sich nur verändert. Von Gewalt und Verschleppung zu diplomatischen Verträgen, schönen Versprechungen und anderweitiger Ausbeutung.
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  • Schweremut

    18 Februari 2024, Gambia ⋅ ☀️ 40 °C

    Nach einigen Tagen hier wage ich zu behaupten: Gambia ist definitiv eine weitere Sprosse hinab in die Dunkelheit von Afrika.

    Dieses Wechselbad an Emotionen erwischt mich unvorbereitet.

    Gemäss Unicef sollen 75% der Frauen zwischen 15 und 49 beschnitten sein, obwohl der Staat die Beschneidung 2015 verboten hat, wird es immer noch praktiziert.

    Der Staatsapparat funktioniert sehr schlecht, Korruption ist normal. Etliche Polizisten fragen offen nach Geschenken an Checkpoints, Leistungen werden vielfach nicht versteuert.

    Viele können sich die Schule, die 600 EUR pro Jahr kostet, nicht leisten. Englisch wird nur in den Städten gesprochen, der Rest ist Dialekt.

    Die Menschen leben von der Hand in den Mund, sogar auf offiziellen Campingplätzen muss vorher bezahlt werden, damit fürs Frühstück eingekauft werden kann.

    Verlasse ich die Hauptstrasse erreiche ich nach wenigen hundert Metern Dörfer, die aus einer Doku stammen könnten. Ein Brunnen, Lehmhütten, die Schlachtung der Tiere auf der Erde. Süssliche Gerüche in der Luft. Verdreckte und zerrissene Kinderkleider aus unserer Altkleidersammlung. Schiefe Zähne. Kinderaugen, die mich betrachten und Kinderhände, die neugierig Daisy abtasten.
    Welten kollidieren und in diesen Dörfern mache ich keine Fotos mehr. Mein Iphone ist hier so deplatziert, unangebracht, fremd, wie ich als Ganzes. Beim Weiterfahren fühle ich mich jeweils schrecklich. Während mir die ganze Welt offen steht, hatten diese Menschen nie eine Chance.

    Trotz aller Sympathie ist der Aufenthalt hier oft mit Frust verbunden. Als Weisser werden ständig neue Wege gesucht, Geld aus dir zu schöpfen. Taboub Taboub Taboub. Give me money.
    Alles wird doppelt verrechnet, kostet dreimal so viel. Versteckt wird das nicht, die offene Hand wird mit einem Lächeln unterstrichen. Manche Menschen drängen sich auf. Sind zu nahe. Sind schwer einzuschätzen.

    Und lachen trotzdem. Machen das beste aus ihrer Situation.

    Und lassen mich jeweils etwas hilflos zurück.
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  • Heimwärts

    21 Februari 2024, Gambia ⋅ ⛅ 26 °C

    40 Grad C und mehr, kombiniert mit grottenschlechten Flugverbindungen und einem militärischen Putsch in Guinea, lassen mich 3 Wochen früher als geplant bereits ab Gambia heimfliegen.

    Nach rund 80 Tagen geht es heimwärts, und eine wohlige Wärme bereitet sich in meiner Brust aus. Es ist Zeit. Ich habe Heimweh, das erste Mal in meinem Leben.

    Am 26.02, in 5 Tagen, kurz vor vier Uhr Nachmittags habe ich in Genf wieder Schweizer Boden unter meinen Füssen.

    Diese Reise hat mir mehr abverlangt, als ich zugeben will, körperlich wie mental. Nie war ich so nahe an den Menschen, an ihrer Freude, Neugierde, ihrem Schmerz. All diese Eindrücke, die viel zu schnell an mir vorbeigezogen sind, werde ich erst in den nächsten Monaten verarbeiten und verdauen können.

    Reisen mit Fahrrad ist einfach, Reisen in Westafrika nicht.

    Afrika. Ein Kontinent, von dem ich bisher nur einen Hauch, nichts weiter, gesehen habe. Und den ich sicher wieder besuchen werde. Auch gerne wieder mit Fahrrad- aber vorzugsweise nicht mehr alleine. Und keine 40 Grad mehr.

    Aber jetzt freue ich mich auf Familie und Freunde- ihr habt mir gefehlt. Da wo ihr seid, da ist meine Heimat, da bin ich Zuhause. Dies ist die grösste Erkenntnis aus meiner Reise.

    Das ist mein letzter Beitrag. Danke für dein Interesse- ich hoffe ich konnte einen Einblick in einen etwas spezielleren Teil der Welt geben.

    Wies nun weitergeht? Von März bis und mit Juni darf ich in MSD arbeiten- gegenüber der TUAG. Darauf freue ich mich sehr.

    Ab Juli beginnen im Anschluss die Vorbereitungen fürs ewige Eis. Die medizinischen Checks sind abgeschlossen, ich gehe davon aus, das klappt.

    Die Medienarbeit wird über das Alfred-Wegener Institut gesteuert, daher werde ich keinen persönlichen Blog schreiben. Es gibt aber einen offiziellen Blog, der vom jeweiligen Überwintererteam gepflegt wird und den ich hier teilen kann:

    https://blogs.helmholtz.de/atkaxpress/

    Ich bin (voraussichtlich) Teil des 45igsten Teams, ihr könnt unsere Berichte ab Januar 25 erwarten.

    Auf die grossen und die kleinen, die schönen und die lehrreichen Abenteuer.

    Tüdelüüü
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    Tamat perjalanan
    27 Februari 2024