• Matthias Helwig
  • Matthias Helwig

Gut

Täglich den Spuren folgen, die das Herz einem legt Read more
  • Happy New Year

    April 14, 2024 in Cambodia ⋅ ⛅ 31 °C

    Zeiten sind anders, werden anders gezählt auf der Welt, anders gefeiert von Menschen und Völkern. Sie sind nur ein paar Flugstunden entfernt und doch sind es ganz andere Gebräuche und Lebensweisen. Es ist warm an Neujahr hier, tagsüber über 36 Grad, nachts vielleicht 28 Grad. Es ist der White Day. Und weiß wird man mit babypuder beschmiert, was zum Neujahr irgendwie passender wirkt als Raketen bei uns. Das Wasser aus den Wasserpistolen hat auch mehr mit einem neuen Lebensanfang zu tun. Vor allem erfrischt es hier. Man weiß, dass es sicher trocknen wird. Wir setzen uns gern der fröhlichen dicht gedrängten Stimmung meines ersten Tages hier aus. Vorher standen wir am Zusammenfluss des Mekong mit dem Tonle Sap River. Das Ufer sehr hoch, wenig Wasser in dem weiten Bett. Gegenüber eine riesige Carlsbad Reklame, später in der Dunkelheit grün leuchtend. Und weiter weg ein noch gewaltigerer Hotelkomplex, leicht 20 bis 30 Stockwerke hoch, gute 200 Meter oder noch mehr breit. Ausflugsboote wie überall an solchen Promenaden, auch sie später in vielen Farben beleuchtet. Glatte weiße Steine als Unterlage der Promenade der Markt geschlossen, aber in den Nebenstraßen junge Leute auf Pickups, bewaffnet mit bunten Wasserpistolen, genauso wie die jungen Menschen an den Straßenseiten, während sie rennen, lachen, sich hin und herbewegen, manchmal unterstützt von den Älteren, um andere nass zu spritzen. Dazwischen immer wieder kleine Stände mit Waren, Fischen in Wasser, Kokosnüssen, Obst. Unter leuchtenden Baldachinen geraten wir in die Masse herein, die sich einem Hügel, Wat Phnom, entgegenwälzt, zu Techno Musik tanzt. Wir erklimmen den Hügel, auf dem ein Palast steht, eine Familie vor einem dartähnlichen Heiligenbild betet, und weiße Stühle auf eine Zeremonie warten. Wir bleiben sitzen und sehen durch die Zweige der Bäume, vielleicht Eukalyptus, vielleicht Mango, die tanzenden Menschenmassen. Eine Gruppe tanzt am Fuße der Treppe einen traditionellen Tanz, ein Mädchen hält einen Spendenkorb und ist unter der weißen Schminke bezaubernd mit ihrem Augenaufschlag anzusehen. Sie gibt ein Bild ab wie für eines unserer Magazine, in denen wir dann in die fremden Welten tauchen.

    Die Besitzerin der Villa Papillon legt klaviermusik auf, vielleicht Schubert oder Schumann. Kultur, Bildung. Mag sein, dass es Pol Pot in der Jugend auch hörte. Er hatte einen anderen Namen, wuchs im Bildungsbürgertum auf, radikalsierte sich Anfang der 60er Jahre immer mehr und kam mit Gleichgesinnten auf die Idee, wieder mit der Geschichte von vorne anzufangen, einen neuen Menschen zu schaffen, mit dem eine bessere Welt möglich wäre. Der Aufstieg wurde durch die verrückte Politik der Amerikaner unterstützt, die Kambodscha in einen geheimen Krieg hineinzogen. Er eskalierte und bedeutete, dass mehr Bomben als im gesamten zweiten Weltkrieg auf die indochinesischen Länder Kambodscha und Laos abgeworfen wurden. Pol Pot schien eine Lösung aus diesem Elend zu bedeuten. Er marschierte in Phnom Penh ein und innerhalb kürzester Zeit verordnete er die Evakuation der gesamten Bevölkerung auf das Land. Inmitten der leeren Stadt wurde eine Schule, genannt Schule der Mangobäume, in ein Foltergefängnis umgewandelt. Wir besuchten es. Die Worte können das Gesehene und Geschehene kaum beschreiben. Die einzelnen Stahlbetten in den Schulräumen, die Luftzufuhr abgeschnitten, auf den Eisenbetten die Eisenstangen, mit denen die Gefangenen angekettet waren, die Box für die Notdurft und sonst nichts. Bilder der Folterungen an den Wänden, später Fotographien der Wärter, der Gefangenen, Aussagen von Wärtern, die nur noch Maschinen waren, traten, folterten, ohne noch den Menschen zu sehen. Ein ehemaliger Aufbau für eine Schaukel wurde umgemutzt als grausames Folterinstrument, die Schulräume durch Ziegel und im ersten Stock durch Holz in Zellen unterteilt, die gerade so groß waren, dass sich ein Mensch hinlegen konnte. Alles so unfassbar, was sich menschliche Gehirne ausdenken können, sogar wenn sie anfangs gebildet waren. In dieser Welt in diesem Schulgebäude hatten sie den Menschen vergessen. Sie wollten erneut Gott spielen, Herrscher, fühlten sich allmächtig. Auch wenn die Schreckensherrschaft dreieinhalb Jahre später beendet wurde, fanden Pol Pot und seine Leute bis in die 90er Jahre Unterstützung. Ist Bildung wirklich die einzige Hoffnung? Und ich wusste in den 70er Jahren von den Vorkommnissen, aber es dauerte lange, bis sich auch Deutschland darum kümmerte. Währenddessen starben Menschen grausam in diesem Lager S 21. Genauso geschieht es heute.
    Die Musik ist in der Villa Pavillon verstummt, eine leichte Brise lindert die Hitze und vertreibt die Gedanken. Ein Motorrad rast vorüber, Elia lernt japanisch, ich esse einen pancake. Das Leben geht weiter, in einem neuen kambodschanischen Jahr.
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  • Baden im Mekong

    April 15, 2024 in Cambodia ⋅ ☀️ 30 °C

    Es gibt ein ikonisches Bild von Mao Zedong, wie er im Yangtsekiang schwimmt, schwarz weiß und sehr unscharf in damaligen Zeiten. Irgendwie muss ich daran denken, während ich auf dem Holzplankenweg stehe, der von der Silk Island hinunter zum Mekong führt, genauer gesagt zu einem schmalen Nebenstrang. Grünbraun, umgeben von hohem grünen Schilf liegt er vor mir, der Mekong. Kurz zuvor ist ein Tscheche in das Wasser getaucht, ein kleiner Kopf, immer noch im Wasser. Ohne ihn wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen. So aber bekam ich Lust. Die kambodschanische Freundin des Tschechen sagte, dass es nur am Anfang gefährlich wäre. Ich rätselte, was sie meinte. Sie lachte und sagte, ich sollte einfach hineinspringen. Ich zögerte. Sie lachte erneut auffordernd. Ich tastete mich vor und sprang schließlich hinein, schluckte Wasser, tauchte wieder auf und befand mich in einem sehr warmen Badewasserwasser, weich und warm, kaum dahinfließend. Der Mekong, Fluss Indochinas.
    Vorher waren wir mit dem Tuktuk zur Fähre gefahren, Erinnerungen auch hier an viele andere Fähren. Während die Auto- und Motorradfahrer auf dem Unterdeck blieben, erklommen wir über eine steile Treppe das Oberdeck und blickten über den Zusammenfluss von Tonle Sap und Mekong zu den Hochhäusern Phnom Penhs, so dünn gebaut, dass sie schräg und fragil wirkten. Angekommen auf der Insel umfing uns Land, also kleinere Häuser, Schilf, Bananen- und Mangobäume und viele andere Pflanzen. Elia hatte Hunger und wir fanden die Hotelfarm eines Österreichern, der mit seiner Frau das Anwesen gemietet hatte. Die Grundstückspreise wären immens hoch, sagte er, Kaufen unmöglich. Auf einer dunkelblauen Holzterrasse saß man über dem Mekong, nachdem man ein Areal mit Hühnern passiert hatte. Relaxtes Leben an einem Feiertag. Die älteren Frauen lagen in Hängematten, der Rest der Familie saß an einem Tisch, der Österreicher Markus später an einem anderen. Während des guten Essens sprachen wir über die Zukunft des Furtanger Hauses, Aufteilung von Räumen, Ideen für Zugänge, Küchen , etc.

    Vielleicht führte das zu den Gedanken und Träumen in mir über den Raum. Wie der Verkehr sich aufblähte, weil der Europäer in seinem Reichtum den Raum eines ganzen Autos braucht. Wie die Entwicklungsländer erst einmal nur Fahrrad, dann Scooter, dann Tuktuk benutzen. Ist dieses Streben nach Raum dem Menschen inhärent, endend in Schlössern? In meinen starken Träumen, in die ich nachmittags noch schnell wegen der Zeitverschiebung falle, tauchen Bilder von Räumen auf, die ich in anderen Träumen mir mal erfand. Ich weiß, dass sie nicht Wirklichkeit sind, dass sie aber immer wieder auftauchen als Erweiterung der Wohnung in Geisenbrunn oder eines imaginären Kinos. Sie sind da, keine Ahnung warum.

    Nach dem Essen gingen wir zu der Silkfarm. Ein einheimischer Führer erklärte uns die Entstehung der Seide von den Raupen am Maulbeerbaum über die Kokons und die Entfaltung der Motten. Frauen ziehen die Fäden aus den Kokons und weben daraus in ca. 10 Tagen einen Rock. Bei unserem Mindestlohn wären es 1000 Euro. Wir können ihn für 15 Euro erstehen. An diesem Feiertag arbeitet keiner, die Webstühle stehen verwaist im Schatten unter den Holzhütten, in denen die Arbeiterinnen manchmal schlafen. Der Führer verweist darauf, dass auch sie liebendgerne geheiratet würden, um ein besseres Leben woanders zu führen. Ich denke an Brasilien und die vielen jungen Frauen, die dort wie wahrscheinlich überall in Entwicklungsländern versuchen Männer für sich zu gewinnen, damit sie sie mitnehmen ins vermeintliche Paradies.
    In einem Bassin schwimmen zwei welsgroße Fische. Der Führer wirft ein Stück Mango hinein und einer der beiden schießt laut und blitzschnell aus dem Wasser danach - angsteinflößend und kurz bevor ich am Mekong stehe, mit diesem schnappenden, beissenden Geräusch im Ohr.

    Der weitere Tag verging mit nachmittags Schlaf, Suche nach Abendessen und Sichten von Filmen. ANTIER NOCHE war ein Dokumentarfilm zum Hinschauen. Junge Leute in der Estramadura. Eigentlich nicht mehr. Ihre Begegnungen, ihre Liebe zu Tieren. Bilder, die man anschauen muss bei denen man verweilen muss, wie in einem Museum. Kaum einer will und wird das tun. Keine Zeit und wo ist der Nutzen? Trotzdem werde ich ihn auf dem Festival zeigen, zur Verfügung stellen, für die wenigen, die so etwas noch sehen wollen. Abends sehe ich mit den Jungs Ausschnitte aus dem Fernsehen, Tiktok, Aussagen von AFD-Politikern quasi als Gegenentwurf für das Wahrnehmen.
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  • Hitze und Heiterkeit

    April 15, 2024 in Cambodia ⋅ 🌙 30 °C

    Weiterhin bestimmen die Neujahrsfeiern das Straßenbild und das Leben in Kambodscha. Junge Leute in vielfacher Zahl auf Scootern oder Pick ups stehen am Rand der Straße oder fahren auf und ab, um alle Passanten mit Wasser zu bespritzen oder eben mit Babypuder einzureiben. Wir hatten am Morgen etwas Mühe mit der Entscheidungsfindung, entschlossen uns dann auf Anraten von Katy, der Besitzerin der Villa Papillon, zum Ausflug nach Oudong mit einem Tuktuk. Oudong ist, wie mir Lorin erst jetzt gerade sagte, einmal Hauptstadt Kambodschas gewesen. Der Weg dorthin erwies sich durch eine falsche Zielangabe als typisch für das Helwigsche Reisen, was meinte, dass wir bald auf Abwegen landeten, tiefste Schlaglöcher umkurvten, nach dem Weg fragen mussten, dabei aber an Stellen vorbeikamen, die sonst kein Tourist sah, meist aber auch nicht so sehenswert sind. Ein paar Wasserbüffel an einem Tümpel in einem knochentrockenen, dürren, staubigen Landstrich. Dünne bis auf die Knochen abgemagerte Kühe, die den geringsten Schatten suchen. Menschen unter Vordächern, die Hitze durchstehend, Waren anbieten von billigem Wert, aber doch irgendeinem, von dem sie vielleicht leben können. 2021 war das Jahresbruttoeinkommen eines Kambodschabers durchschnittlich bei 1800 Euro. Das sagt alles.

    Wir erlösten den Tuktukfahrer nach zweieinhalb Stunden am Marktplatz in Oudong. Doch der Markt dämmerte bereits der Siesta entgegen, es lagen zwar noch Fleischstücke parat oder ein paar Früchte, aber danach suchten wir nicht. Wir schlurften wieder zum Ortsrand und fanden Schatten bei einer chinesisch wirkenden Familie. Ich fand ein Getränk, Elia ein Essen und Lorin nach gebührendem Zögern die Einsicht, dass Reis mit Spinat besser war als gar nichts. Dazu erklärte sich der Junge der Familie bereit, uns mit dem Tuktuk zu den Tempeln zu fahren. Dort angekommen wurden wir sofort von der feiernden Masse umtost. Kurz fanden wir gegen den Techno-Sound Ruhe in einer buddhistischen Anlage. Das Bild des Dalai Lama prangte schweigend zwischen den Zweigen einer pinkfarbenen blühenden Bourgainvillea. Stufen führten zum Tempel empor, in dem sowohl eine riesige Buddhastatue zu bewundern war wie die in Blau gehaltenen Bilder seines Erkenntnisweges. Irgendwie angenehmer für mich als die sehr abstruse Marien- und Leidensgeschichte im Christentum. Wir verließen das Areal und stiegen bei glühender Hitze die Stufen hinauf zu weiteren Stupas und Tempeln, an diesem Feiertag von vielen Familien besucht. Der Ausblick über das Land war weit, hier und da ein Gewässer, eine geplante Ansiedlung, sonst Bauernland, nicht nur ausgetrocknet. Vom Dorf unter uns schollen Klänge empor, zunächst wie von einem chinesischen Theater, dann abgelöst von Techno-Rave-Musik. Nachdem wir ein paar kluge Affen, die sich am Plastikmüll abarbeiteten, passiert hatten, sahen wir, dass Wasser von einem Feuerwehrauto auf die tanzende junge Menge gespritzt wurde. Es gab keinen Weißhaarigen weit und breit, wahrscheinlich sah ich, ohne dass ich es spürte, unter den kleinen Kambodschanern wie ein steifer uralter Methusalem aus. Besser ging es den Jungs, die von den Mädchen angehimmelt wurden und sogar das Feuerwehrauto erklimmen konnten. Wir kämpften uns neben dem Autocorso einem Platz zu, von dem wir uns ein Tuktuk zurück nach Phnom Penh erhofften. Nach einigen Zögern des anvisierten Fahrers schafften wir es auch und handelten den Preis auf 15 Dollar herunter. Doch je länger die Heimfahrt dauerte, desto mehr Staub setzte sich an meine Kontaktlinse und desto müder wurde ich. Vielleicht auch weil ich mich daran erinnerte, dass ja daheim ein normaler Montag war und Filme bestellt werden, die Presse benachrichtigt und Entscheidungen getroffen werden mussten. Zwar hatte ich alles vorbereitet, doch die gute Laune wollte sich trotz guten Abendessens nicht mehr so recht einstellen, zumal sich auch mein Handy nicht mehr aufladen lässt und dies damit eventuell erst einmal der letzte Eintrag sein wird. Mal schauen. Morgen ist auch noch ein Tag. So heißt gerade ein Filmtitel bei uns daheim und er weist mit seinem berührende Ende in eine positive Zukunft.
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  • Weltwunder

    Apr 18–23, 2024 in Cambodia ⋅ ☀️ 35 °C

    Manchmal genügen Worte nicht und manchmal genügen sie, um alles auszudrücken. Ein Weltwunder. Die Tempel um Angkor Wat. So rIchtig wiederentdeckt erst letztes Jahrhundert. Davor fast 700 Jahre in Vergessenheit. Ein ganzes Reich, mit seiner Ordnung, seinen Herrschern, seinen Bauwerken, ehe der Dschungel alles überwucherte und erstaunlicherweise nicht ganz zerstörte. Die Mauern stürzten zwar ein, manches Gebäude verschwand für immer, anderes konnte restauriert werden. Jeder der Tempel ein neuer Höhepunkt samt der daraus sich ergebenden Gedanken. Wie kann etwas nicht mehr wert sein, wie ändert sich alles, was zu jener Zeit galt und für selbstverständlich gehalten wurde? Wie gilt das Gleiche für uns? Abends noch einen Film über unsere teils geheimnisvoll agierenden Wirtschaftsherrscher gesehen, in Davos und anderswo. Ihre Macht gründet sich auf dem, was gerade als wertvoll angesehen wird, egal ob es ein Mercedes ist oder jetzt Daten. Wer sie hat, herrscht, bekommt unglaubliche Gehälter, wird als wichtig angesehen, kann seiner Herrschaft Zeichen oder Bauwerke geben, größere als der Vorgönger womöglich. So geschehen bei den Römern, bei den Azteken, bei den Amerikanern oder eben vor bald 1000 Jahrem bei den Khmer. Der Glaube schuf Unglaubliches wie bei den Pyramiden.
    Der Verlauf des Tages hier aus Lorins Blog. Zusammen mit ihm und Elia haben wir das erlebt:
    Ein Tuk Tuk Fahrer wird uns den heutigen Tag über begleiten und die verschiedenen Orte des, 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe gekürten, Geländes anfahren. Das Areal, welches über 400 km² umfasst braucht mindestens zwei Tage zur Besichtigung, heute werden wir nur den südlichen Teil sehen. Angefangen mit dem Prachtstück: Angkor Wat. Eine der letzten und die größte Baute des ehemaligen Khmer Reiches.
    Gebaut wurde der anfängliche Hindu-Tempel im 12. Jahrhundert in weniger als dreißig Jahren. Wir durchqueren das prächtige Westtor, welches sich im Wasser des breiten künstlichen Beckens, welches den Tempel umgibt, spiegelt. Schon hier kann man die feinen Schnitzereien von Kampfszenarien oder Tänzerinnen bestaunen. Es ist wirklich unglaublich, wie viel des Originalbaus noch übrig geblieben ist. Natürlich wurde durch die "Wiederentdeckung" durch die Franzosen im 19. Jahrhundert schon vieles restauriert und teils neugebaut, aber der Großteil wirkt authentisch und schlichtweg beeindruckend. Schon ein Portugiese im 16. Jahrhundert meinte, dass dieser einmalige Komplex nicht mit Worten auf dem Papier beschrieben werden können. Der schwarze Tempel ist wie ein Berg gestaltet. Steile Stufen führen zu dessen Spitze, zu einem Plateau mit Altaren, welches zu früherer Zeit nur dem Klerus vorenthalten war. Vor dem Tempel ist eine grüne Wiese mit ein paar alten "Bibliotheken", auf dem Rasen standen vermutlich die Holzhäuser. Umgeben ist der Rest vom dichten Dschungel in dem immer noch Dörfer sein sollen, die schon zur Khmer Zeit existiert haben sollen. Die Hitze ist groß. Wir sind alle klitschnass unter den T-shirts. Hinter Angkor Wat wird der Rasen besprenkelt, ich gehe durch die Wasserspeicher - ein wenig Erleichterung.
    Hinter dem Osttor wartet unser Fahrer, der uns vor das Eingangstor Banteay Kdais bringt.
    Erst einmal laufen wir aber zu Srah Srang, einem von vielen künstlichen Becken zur Wasserversorgung. Ganz still, friedlich mit einem Tempel mittendrinnen und einem verfallenen Podest am Ufer wirkt es in der majestätischen Umgebung eher unscheinbar. Doch ist es ein schöner Ort, um sich kurz an die Ghats zu setzen.
    Banteay Kdai ist wirklich ein Tempel, wie im Dschungelbuch oder aus Indiana Jones.
    Hinter grünen Blättern der hochhaushohen Teakbäume versteckt, liegt ein schiefer und mancherorts zusammengefaller Tempel.
    Es ist aber doch erstaunlich, wie viele Decken noch erhalten, wie viele Statuen noch erkennbar und Gänge noch passierbar sind.
    Es ist schon früher Nachmittag, wir gehen essen. Elia nimmt Lok Lak mit Rind (ein Gericht aus der Khmer Küche), Lorin Tofu, Zwiebeln und Reis und ich gemischtes Gemüse. Dazu einen Kokos-, einen Mango- und einen Bananenmilchshake. Das Essen ist gut, aber teurer.
    Ta Prohm ist auch bekannt als Baum-Tempel. Über 80.000 Menschen sollen hier gelebt haben. Hauptattraktion ist der Tetrameles, dessen gigantische Wurzeln über das Dach eines Tempeldaches wuchern. Ein einmaliges Bild. Auch ist der Ort bekannt geworden durch den Film "Tomb Raider".
    Beachtlich sind nicht nur die Gebäude selber, sondern auch die Wiederherstellung durch Archäologen. Oft sehen wir auch nur riesige Seinhaufen, die noch darauf warten zu scheinen sortiert und als 3D Puzzle wieder zusammengesetzt zu werden.
    Als der Tag sich dem Abend zuneigt bringt uns unser Faher noch zum eher unbekannten Takeo Tempel. Auch zum "weltweit größten religiösen Komplex" gehörend zählt er eher zu den älteren Modellen. Sehr massiv und weniger verziert.
    Wir klettern die Stufen empor und genießen den Blick über den Dschungel mit all seinen verschiedenen Grüntönen. Im Innern des zentralen Turms befindet sich noch ein kleiner buddhistischer Schrein, der magisch durch das orangene Licht der Abendsonne beschienen wird.
    Der letzte Stopp soll eines von vielen Zentren von einer von vielen Hauptstädten gewesen sein. Doch der 82 Meter hohe Phnom Nakheng und dessen Architektur wird weniger beachtet, als dessen Aussicht. Vor allem der Sonnenuntergang soll hier sehr schön sein. Doch der Feuerball färbt sich erst in ein tiefes rosarot, dann verschwindet er hinter den Wolken. Irgendwo hinter dem Westlichen Baray, dem größten künstlichen Beckens aus der Angkor Zeit, sollte die Sonne dann hinter dem Horizont verschwinden.
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  • Von Flüssen, Filmhelden und Bussen

    Apr 20–23, 2024 in Cambodia ⋅ 🌙 27 °C

    Es gibt viele schlimme Nächte, manchmal ganz schlimme und dann sogar solche, bei denen man denkt, sie enden nie. Immerhin ist die Nacht dem Tag gewichen. 5 Uhr 35. Irgendwo an einem staubigen Platz am Rande Phnom Penhs werden grüne Säcke aus unserem Bus entladen. Was mag darinnen sein. Eine Frau mit glitzerndem schwarzweißen Oberteil zählt Geld wie ein Mafiaboss in ihrer Hand, gibt Order, die schweren grünem Säcke werden auf kleine Pickups gehievt. Kurze Zeit später, wir fahren weiter, Busbahnhof Phnom Penh. Draussen wartende Menschen, drinnen macht sich mein Bettnachbar auf auszusteigen. Ich hatte es gehofft. Bettnachbar? Ja, Elia hatte für die Fahrt von Seam Reap nach Kampot einen Nachtbus organisiert. Ich hatte mich bettschwer gefühlt durch einen Film, begleitet von zwei Gläsern Wein über Henry Fonda, den ich für das Festival sichten wollte und auf der Berlinale verpasst hatte. Ein Streifzug durch die amerikanische Geschichte vom dem Anfängen bis leider nur 1980, als Fonda starb und nicht er, sondern ein anderer Schauspieler Präsident wurde, für den Autor der Anfang vom Ende . Bilder vom Mob 1919, der an den Stirm auf das Kapitol 100 Jahre später erinnerte. Dazwischen immer wieder mir so bekannte, so vertraute, mit so vielen persönlichen Geschehnissen und Gedanken verbundene Bilder, natürlich kulminierend in der Szene mit dem fast schwebenden Stuhl aus MY DARLING CLEMENTINE, Sinnbild des Endes der raubtierhaften Eroberung Amerikas und Übergang zu Recht, Ordnung und Gesetz. Filme können so etwas finden. Henry Fonda als Lincoln, Henry, Fonda als Joad aus GRAPES OF WRATH, als Zweifler in 12 GESCHWORENE.
    Ich war also bettschwer, während wir warteten in den Bus gelassen zu werden. Elia hatte gebucht, aber die Buchung war nicht durchgegangen. So warteten wir müde kurz vor Mitternacht auf den Einlass in den Luxusbus. Orangebebluste junge Männer zählten die Schlafkojen nach. Zwei unten, einer oben wäre noch frei. Wir nickten erleichtert und die Jungs nahmen sofort zusammen die untere Koje. Warum muss das immer so sein, dass die Jugend alle Vorteile bekommt? Ich krabbelte über einen auf dem Rücken liegenden Kambodschaner hinweg, breitete mich aus, was man so ausbreiten nennen kann. Die Koje war 180 cm lang, ich scheine immer noch trotz Alter mehr zu haben. Schwierig also die Lage, zumal der Kambodschaner schon seinen Platz ein bisschen über seine ihm zustehende Hälfte erweitert hatte. Naja, wenigstens liegend dachte ich, schaltete die Klimaanlagenauslässe aus, zog die Vorhänge zu, wollte einschlafen, als mein Nachbar zu schnarchen begann, wohlig, gekonnt, in verschiedenen Rhythmen und Lautstärken. Gerne hätte ich über Henry Fonda und die Erinnerungen an den vergangenen Tag in den Schlaf gefunden, aber in dieser totalen Begleitung war nicht daran denken. Ich probierte es aus, auf dem Bauch, auf der Seite, mit dem Finger im Ohr, bis er erlahmte, das Schnarchen meines Nachbarn war nicht zu überhören. Dann, bei einem Halt, schienen sich alle Hoffnungen zu erfüllen und er stand auf. Ich hoffte, dieses bösartig, dass auch er danach nicht mehr einschlafen würde, doch nun, kaum zurückgekehrt, zückte er sein Handy, das dazu auf den weissesten mir bekannten Display eingestellt war, hielt es so, dass es mich gleissend blendete und begann zu telefonieren. Naja, wahrscheinlich wollte er abgeholt werden, alles verständlich....

    Nun ist die Kabine leer, die Sonne ist erwacht, die Vororte Phnom Penhs ziehen an mir vorbei, kambodschabische Straßenbild. Tuktuks, Scooter, Fahrräder, mal ein Van, selten Autos. Ein Tuktuk voller Waren, vorbei an Lagerhallen. Gestern fuhren wir zu zwei weiteren Sehenswürdigkeiten noch weiter aus Seam Reap hinaus, mit dem gleichen Tuktukfahrer der Vortage. Das Land in der Trockenzeit und unter der Hitze. Keine Touristenzeit. Auch in unserem Soben Guesthouse sind wir de letzten. Die Häuser der Bauern auf Stelzen, an der Straße ihre Stände, der Stadt zu mit Fleisch auf dem Grill, auf dem Land mehr mit Früchten und Gemüse. Lorin kauft eine unbekannte, klebrige Frucht, deren orangenes, eher saures Innere man eher lutschen muss, bevor man die großen Kerne ausspuckt.

    Zurück lagen zu dem Zeitpunkt schon die kleine Bergwanderung und der Besuch des letzten Tempels. Die Wanderung in den Dschungel führte uns zu einer Natursteinbrücke über einen Bach, der kein Wasser mehr führte, nur an ein paar tiefen Stellen Reste davon gesammelt hatte. In ihnen hofften kleine Fische, es bis zum heiß ersehnten ersten Regen durchzustehen. An der Natursteinbrücke hatten Memschen vor 1000 Jahren Bilder eingemeisselt, von den Heiligen, von Tempelanlagen und von Noppen, deren Sinn wir nicht erschließen konnten. Mit Lorin stieg ich das Flussbett hinunter, bis mir einfiel, dass man wegen immer noch bestehender Minengefahr die Wege nicht verlassen sollte. Auch hier faszinierende Lichtspiele, ein einzelner Backpackertourist aus Frankfurt und schließlich eine Familie, bei der die Frau vor einem Stein kniete und betete. Im Abstieg unterhielten wir uns wie beim Aufstieg über das richtige politische Verhalten in Israel oder der Ukraine. Aber auch uns fiel nichts Neues ein ...

    Der letzte Tempel wirkte indischer, wie die beiden Jungs sagten. Leider wurde der Genuss durch eine große sich ständig fotographierende Touristengruppe gestört. Besonders filigran waren hier die schmuckvollen Reliefs über den Türen und an den Wänden. Umgeben war auch dieser Tempel von verschiedenen Barays, Wasserbecken, die in der Trockenzeit kaum Wasser beinhalteten. Eine Famile Wasserbüffel trottete durch das bauchhohe Wasser innerhalb herauswachsender grüner Gräser. Wir genossen den Nachmittag, sahen noch drei Männer, die im Schlamm standen und offensichtlich nach winzigen Fischen suchten.

    Und passierten erneut Stände, Palmen, kleine Bauernhäuser, ehe wir in unser Domizil kamen und die Abreise vorbereiteten. Die überaus nette, lächelnde, ein wenig deutsch sprechende Angestellte verabschiedete uns. Es war zehn Uhr. Sie machte zu. Die Stadt war fast leer.
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  • Kartoffelsuppe mit Bockwurst

    April 20, 2024 in Cambodia ⋅ ⛅ 34 °C

    Von langer Busfahrt ermüdet stellen wir unsere Rucksäcke vor dem Monica Guesthouse ab. Vielleicht hätte uns der Name bei der Auswahl stutzig machen sollen. So erwartet uns ein Sachse aus Meissen, der gerade vier ältere weiße Männer aus Sachsen bewirtet, während aus den Lautsprechern Musik der 70er und frühen 80er Jahre erschallt, gefühlt alle schon, so gut die Songs gewesen sein mögen, zu oft gehört. An der Eingangstür wird Kartoffelsuppe mit Bockwurst und Thüringer Bratwürste angeboten. Im Hintergrund steht ein Riesenbildschirm, auf dem die Männer, na was, natürlich Bundesliga heute anschauen wollen. Alle diese Männer entsprachen den Klischees, die man haben kann über 60jährige weiße Männer aus Deutschland...

    Das Frühstück mit Leberwurst und Schinken bewirkte dementsprechend wenig Freude bei Lorin, aber auch ich hatte mir den Aufenthalt in Kampot anders vorgestellt. Aber es half ja nichts, wir bestellten ein Tuktuk in die Stadt, die Hitze umfing uns und wir fanden erst etwas bessere Laune, als wir in einem Kaffeeshop einen doppelten Espresso für mich und ein paar Mangoshakes bestellten, zudem miteinander Stechen spielten, bevor wir uns unterhalb eines kleinen Goldfischaquariums heimischer Zeitungslektüre zuwandten.

    Und dann...nachdem wir das Bockwurst-Schild hinter uns gelassen hatten, gingen wir in den dritten Stock über glänzende Treppenstufen hinauf, die selbst meine Mutter als sauber angesehen hätte, und öffneten die Tür zu einem großen Zimmer, dessen eine Wand hinaus zu den Bergen nur Fenster und davor einen Balkon aufwies. So sauber, so großzügig, wie man es sich kaum hätte erträumen können. So kann der erste Eindruck täuschen
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  • Der Tag der Scooter

    Apr 22–25, 2024 in Cambodia ⋅ ☁️ 27 °C

    Ein Tag der Scooter. Ein Kambodschaner brachte den ersten vorbei. Er wäre legal, nicht so wie die anderen hier. Ob wir schon mal gefahren wären, fragte er. Ich nickte, verschwieg aber, dass es das letzte Mal auf Santorin gewesen ist, als Marian wohl fünf Jahre alt war. Als erste Übung fuhr ich dort erst einmal gegen eine Garagenwand. Elia blieb bei der Wahrheit und sagte nein, doch als der Mann sagte, dann könnte er die uns nicht geben, preschte Lorin mit seinen 'illegalen' Vietnamerfahrungen vor. Wir bekamen die Scooter. Kurze Einführung, Erklärung des Schlüssels und Tschüss. Elia und ich probten in der Garageneinfahrt, das war die ganze Fahrschule und schon bei der ersten Kreuzung wurden wir in das Getümmel geworfen, ohne Rechts vor Links, einfach Recht des Stärkeren. Getankt, dann über eine Blechbrücke die Straße zum 30 km entfernt liegenden Nationalpark gefunden. Fahrtwind, Sonne, Konzentration, dann Serpentinen hinauf, immer dichter werdender Wald, erste weite Aussicht bis zum Meer, unter einer riesigen weiß-blau angezogenen Buddhastatue(?) zweiter Ausblick. Vor der Statue kleine Opfergaben, unter einem Baldachin eine Gruppe Musiker mit mir unbekannten Schlag- und Blasinstrumente. Um diesen ersten Gipfel zogen bereits Wolken, unter denen wir gerade durchschauen konnten. Das änderte sich leider, als wir weiter zum Gipfel fuhren. Eine französische Kirche von 1920 lag bereits im dichten Nebel. Das Innere dreigeteilt, ich stellte mir wieder die roten Khmer vor, die sich gegen die Vietnamesen verteidigten, die dunkelbraunen Wände mit vielen Namen versahen, düster, in der Silhouette wie aus einem Horrorfilm. Auch die weiteren Gebäude lagen im Nebel. Den Rest zum Gipfel gingen wir zu Fuß, passierten ein neueres Hotel, dann zwei Villen, alle nur noch bestehend aus den Außenmauern, aber immer noch die Fenster und Terrassen aufweisend für den wahrscheinlich vorhandenen unglaublichen Ausblick. Die besondere Stimmung und unsere Gespräche ließen uns dann, wie wir am Abend feststellten, die Hauptattraktion verpassen, den roten Tempel im Gipfelgelände. Er wäre auch noch im Nebel gewesen.... eine weitere halbe Stunde lang.

    Auf dem Weg zurück, von einer kühlen zu einer angenehmen dann erneut zu einer heißen Temperatur gelangend, sahen wir, wie sich auch auf dem Gipfel das Wetter auflockerte.

    Es war erst drei Uhr und wir beschlossen zum Meer zu fahren. Zurück nach Kampot, dort abgebogen Richtung Meer, erst auf Asphalt, dann auf rotem festgeklopftem Boden, schließlich auf einem Feldweg mit tiefen Schlaglöchern. An einer Hütte mit Getränken stellte ich den Scooter ab, worauf der Besitzer es gleich markierte. Er würde sicher Geld dafür haben wollen. Lorin war schlauer. Wir gingen in der Spätsonnenhitze zum Coconutbeach, ich bemerkte meinen Sonnenbrand auf den Armen, ehe wir die sechs etwas armselig wirkenden Palmen über dem winzigen Steinstrand mit Sandeinsprenkseln vor uns sahen. Und den Pazifischen Ozean, zumindest ein Teil davon. Das Wasser breitete sich hunderte Meter hinaus flach vor uns aus, die Wellen bewegt mit Schaumkronen, aber nicht wild. Neben dem Gelände, das durch eine Mauer abgetrennt war, ein Flusszulauf, in dem Reifen lagen. Auch er war seicht, das Wasser warm, der Boden weich. Wir durchquerten ihn, weil auf der anderen Seite eine Bar lockte. Ein paar Mönche eilten hin und her, was mich erst zur falschen Vermutung drängte, dass es sich hier um klösterliches Gelände handelte. Sie verschwanden wieder und wir legten uns, jeder mit einem Getränk versehen, in die Hängematten unter den Schilfdächern von ein paar aufgestellten Hütten. Das Licht färbte sich Orange. Die Bilder wurden fernosturlaubstypisch. Die Landschaft war aber auch wirklich wunderschön, durchzogen von Wasserläufen, bergig im Hintergrund, verwunschen im Vordergrund. Nachdem ich meinen halben Dollar für das Parken meines Scooters bezahlt hatte, gerade soviel, dass ich dachte 'Gönn es ihm', erreichten wir bald wieder die Salinen und Reisfelder. Lorin schoß ein 100-Dollar-Bild, wie ich es nannte, mindestens schon das zweite, wie ich bisher gesehen hatte, Bilder, an denen man verweilt, Bilder, die halten, die richtige Bewegung, Komposition haben.

    Nach diesen Lichtmomenten des Tages, an denen man einfach nur glücklich ist und zu schweben meint, kamen leider Störungen, Beeinträchtigungen, die uns wieder auf die Erde zurückbrachten, mich erst der Staub in den Augen, der weiteres Fahren unmöglich machte, und Elia nach einem guten Abendessen der Verlust seines Handys. Ich sehe ihn noch an der dunklen Straßenkreuzung stehen und nach dem Weg schauen, dann fuhren wir, ich hinten drauf, während Lorin den Scooter steuerte, voraus, passierten eine Bahnlinie und erreichten unser Domizil. Auf der Treppe nach oben bemerkte Elia, dass er sein Handy verloren hatte. Zusammen mit Lorin suchte er es, aber er hatte es beim holprigen Bahnübergang verloren. Der Wärter dort erzählte ihnen, dass es nachfahrende Scooterfahrer aufgehoben und mitgenommen hätten. Es machte mich so traurig für ihn. Wir leben inzwischen mit diesem kleinen Computer, haben alles darin gespeichert, ich weiß, wie das ist, diesen erst einmal zu verlieren.

    Inzwischen ist es Morgen. Die Jungs schlafen noch, Scooter Fahrer drängen der Stadt zu, ich höre die Bahn sich ankündigen, sehe sie mit hunderten Wagen im Schlepptau den Bahnübergang passieren. Der Nationalpark liegt mir gegenüber ohne jede Wolke. Zeit. Vergehen. Geschichte.
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  • Pepper, Sea and Crash

    April 22, 2024 in Cambodia ⋅ 🌙 28 °C

    Verliert man etwas oder geschieht ein Unfall, frage ich mich gerne, ab wann lief es schief oder in diese unglückliche Richtung oder was wäre passiert, wenn ich dies oder jenes nicht gemacht hätte. Alles beide führt zu nichts, so wie bei Elia, der sein Handy weder durch den Besuch bei der Polizei noch in der Touristinfo zurückbekommen hat. Die Gesichter des Kommandanten, in voller Montur, also unzähligen Abzeichen auf beiger Uniform, und seines Adjutanten, normal gekleidet mit ganz weichen Zügen, sprachen Bände zu unserem Anliegen und schwankten zwischen völligem Desinteresse und blankem Unverständnis darüber, wie man mit so einer Bagatelle zu ihnen kommen konnte. Wir mussten auf einem wahllos herbeigeholten Papier meine Telefonnummer schreiben, die aber niemanden interessierte, genauso wenig wie das Fabrikat des verloren gegangenen Handys. Es war ein Zettel, den der Adjutant sofort auf den betonierten Hof werfen würde, damit der Wind ihn verwehte.

    Elia wollte versuchen den Tag über seine verlorenen Daten zu sammeln. Lorin und ich machten uns mit einem Scooter ins Landesinnere auf. Aus der Stadt heraus fuhren mal er und ich, wir kamen gut voran, es war heiß, die Straße staubig, mal aufgerissen, mal sandig, gesäumt immer wieder von den Verkaufsständen. Auf dem Land nahm der Abstand der Häuser zu, Felder lagen zwischen ihnen, Palmen, grüne Wiesen, irgendwie ansehnlicher als in anderen Gegenden. Der Weg wurde holpriger und wir passierten einen See mir Niedrigwasserstand. Zwei weiße Kühe auf grünem Ufergrund weideten träge. Aus dem Wasser wuchsen mehrere bewachsene Buckel empor, auf einem von ihnen befand sich sogar eine Hütte. Wieder formte das Zusammenspiel von Land und Wasser faszinierende Formationen und in sich ruhende Aussichten. Nicht weit entfernt gab es die anvisierte Pfefferfarm BoTree. Eine Französin, die für drei Wochen hier Volunteersarbeit betrieb, führte uns in weissem Hemd über schwarzer kurzer Hose und Shirt zu den ersten Pfefferpflanzen, die sich an Zieglsteinpfählen emporrankten. In Zukunft würden es Holzpfähle sein, erklärte sie, während sie uns die Pfefferkörner daran zeigte, grüne und rote. Der Pfeffer wurde in einem Topf gekocht und die Länge des Kochens machte, wenn ich es richtig verstand, den Geschmack aus. Eine kambodschanische Familie mit kleinem Kind ruhte sich gerade neben der Feuerstelle von der Arbeit aus. Die roten und grünen Pfefferkörner landeten dann auf einem dünnen Lochblech zum Trocknen und waren so ab einer gewissen Menge reif für den Abtransport. Verkaufsfördernd durften wir dann die verschiedenen Pfefferarten kosten, wobei nur manchmal unsere etwas ungeübten Geschmacksnerven Unterschiede erkannten. Doch wir beschlossen beide etwas Pfeffer einzukaufen und mit nach Hause zu bringen.

    Die Fahrt setzten wir in Richtung Kep fort. Bald sahen wir das Meer, grünlich leicht bewegt, beschlossen das Motorrad abzustellen und zu baden. Sofort wurden wir aufgefordert, 5 Euro für einen Schattenplatz zu zahlen. Wir schüttelten den Kopf und legten unsere Sachen einfach in den Schatten des Sonnenschirms. Das kostete nichts. Später glaubte ich aber, daß hier irgendwo meine schlechte Laune begann. Denn das Wasser war einfach nur lauwarm. Und die Wellen waren lauwarm. Und es gab keine Abkühlung. Ich merkte plötzlich, wie ich die Spritzigkeit und Kühle eines Sees oder des Meeres im Frühjahr oder Spätherbst bei uns in Europa liebte. Auch die Strandbars, zunächst interessant in ihrem doppeltbettgroßen Lager mit drei darüber im leichten Wind schwankenden Hängematten, brachten mit dem pappsüßen Winter Melon Tea aus einer Dose keine Linderung meiner plötzlichen Sehnsucht nach einer Mittelmeerpromenade mit Espresso, vielleicht einem Cocktail oder einfach einen Smoothie. Die Luft machte weiter müde. Über uns am Berg stand eine verlassene Villa. Der Garten gepflegt, das Innere leer, das Haus fast im Stile Le Corbusiers, mit großen, gegen die Sonne farbigen Fenstern, geschwungenen Terrassen, übereinanderliegenden Pavillons mit Blick zum Meer. Warum war so etwas Schönes aufgegeben worden? Eine Familie lag im Schatten, hatte eine Hängematte aufgespannt, ein Hund bellt, ein Kind schrieb. Wärter? Gärtner? Einfach eine Familie, die einen Ausflug machte?

    Die Sonne senkte sich und wir beschlossen zurückzufahren. Wie gestern sammelte sich bald Staub neben meiner Kontaktlinse, dass ich anhalten und Lorin weiterfahren lassen musste. Es tat weh, es war heiß und meine Laune war nicht gut. Vielleicht sollte ich mehr auf solche Stimmen hören. Denn dann kamen daheim die Montagsmails dazu, die Gedanken darüber und ein gewisser Missmut. Essen sollte die Lösung bringen. Wir fuhren nach dem Sonnenuntergang los, passierten die Bahnlinie , die völlig chaotische Kreuzung, ich jonglierte zwischen Scootern und einer einfach den ganzen Verkehr unterbrechenden alten Händlerin zum Restaurant des vergangenen Abends. Lorin stellte seinen scooter ab, ich sah keinen Platz mehr für meinen Scooter, nur ganz am Rande der Schräge. Und als hätte sich die seltsame Unzufriedenheit um meine Hand gelegt, gab ich zuviel Gas, um an die freie Stelle zu kommen, vergaß zu bremsen und knallte gegen eine Schilfwand, die an ein Hauseck grenzwertig und widerstandsfähig genug war, um die Scheinwerferabdeckung zu zerstören. Wie konnte mir das nur passieren?! Elia eilte sofort zu Hilfe und wir beruhigten zwar den immer noch laufenden Motor des Scooters, aber nicht meine allgemeinen Selbstzweifel, die sofort einsetzten. Zu alt, zu unfähig, zu blöd, und so weiter. Die vegetarische Pizza half dagegen wenig, auch das Kartenspiel nicht, das ich verlor, ein wenig vielleicht dann der Nachtisch, den die Jungs natürlich noch orderten.

    Was kann ich ändern? Nichts. Morgen muss ich den Schaden zahlen, aber ich bin unversehrt geblieben außer ein paar kleinen Schrammen.
    Die Grillen zirpen neben dem Guesthouse, ich denke an die Affen neben der verlassenen Villa und an die leuchtenden gelben Blüten an den Sträuchern dort, deren Namen ich nicht weiß.
    Es ist die Gelbe Trompetenblume, flora inkognita sei dank
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  • Das Nichts, das Alles und der ganze Rest

    April 23, 2024 in Cambodia ⋅ ⛅ 30 °C

    Das Restaurant am Ende des Universums scheint ungefähr so weit weg zu sein wie diese Insel Koh Rong vom Leben bei uns daheim. Fast absurd der Gedanke, dass ich dort in Europa in fünf Tagen wieder sein werde. Bevor wir hier ankamen, mussten wir in Kampot auschecken. Ich vergaß meine Turnschuhe und Elia brachte sie nach, vergaß meinen Hut im.Zug und Elia brachte ihn mir nach, und vergaß mein Handykabel, was Elia nicht nachbrachte. Ansonsten war der Reisetag irgendwie anstrengend, auch wenn wir uns nicht viel bewegten, jedoch viel bewegt wurden. Der Schaden von gestern wurde teuer beglichen und es half nur das Gefühl, dass ich daheim viel mehr bezahlt hätte. Zum Bahnhof führte ein Schotterweg und das war auch genug, denn in Kambodscha gibt es auf einem einzigen Gleis nur einen Zug, das heißt in Wahrheit einen Triebwagen mit integriertem Personenabteil, der einmal am Tag fährt, von Battambang über Phnom Penh nach Sihanoukville und dann wieder zurück. Mit Verspätung natürlich. Zuerst bis 12 Uhr. Dann bis 12.20 Uhr, dann 'in 20 Minuten', was irgendwie natürlich immer stimmte, je nachdem wann man darauf schaute. Er kam ungefähr gegen eins und fuhr bis 15 Uhr. In Sihanoukville ging alles dann ganz schnell, die Suche nach einem Tuktukfahrer, das Lösen eines Tickets und das Erreichen eines Schnellboots. Und Schnellboot meinte Schnellboot. Der Bug ragte von den Motoren getrieben gen Himmel, und klatschte nur manchmal auf die Wellen, dann aber hart. Sonst schien er über die Wasserfläche erhaben und unbeeindruckt zu schießen. So erreichten wir die Sarazenenbucht von Koh Rong , das Nichts von der Welt mit ihren Autos und Dreck, Müll und Problemen, das Alles von seichtem hellblauen Wasser, weißem Sandstrand, sanfter Ruhe mit Hängematten, Liegestühlen, Liegeschaukeln und dahinspielenden Wellenböglein, die fast das einzige Geräusch machten. Mit unseren Rucksäcken wanderten wir die ganze Bucht zu unserem Domizil ab, einer Holzhütte neben dem Restaurant Dolphin Bay, so gut wie ohne Internet und in der die Schöpfkellle mit Wasser besser funktionierte als die Dusche. Der ganze Rest fiel hier ab. Es gab ihn nicht. Er war weit weg, ließ sich endgültig nicht mehr korrigieren, lenken. Nur die lauten Geräusche und Stimmen aus den Handys der Einheimischen störten. Ihnen kann man nicht mehr entkommen.

    Ich blicke von einer Liege in den Himmel. Sterne sind zu sehen, ein Boot tuckert aus, die Küste ist von Lichtern gesäumt, mit wenigen Gästen, das Meer mit den Lichtern von Fischerbooten. Keine Autos. Dies sind immer die schönsten Orte auf dieser Erde. Aber natürlich mit Musik, sie schallte über das still daliegende Wasser. Es geht wohl nicht ohne, selbst zum Einschlafen höre ich das ferne Wummern. Dabei ist doch der 24. April der Tag gegen den Lärm. Aber wer beachtet das schon außer ein paar Zeitungsartikel?

    Am nächsten Morgen hat sich das Meer wegen der Ebbe weit zurückgezogen. Ich lege mich weit draußen ins Wasser. Es ist für hiesige Verhältnisse fast frisch. Alle Touristen schlafen noch, nur die Arbeiter sind wach und die verschiedenen Tiere. Der Hahn hatte mich endgültig von einer schweißnassen Nacht erlöst. Die Uhrzeiten müssten eigentlich anders hier sein, dann würden sie den Zeitunterschied zu uns besser zeigen. Jetzt um sieben Uhr steht sie Sonne bereits hoch am Himmel und um sechs Uhr ungefähr geht sie bereits unter. Aber es ist, wie es ist, die Sonne legt sich für einen weiteren Tag über diese Insel.
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  • Paradies 2

    April 25, 2024 ⋅ 🌙 31 °C

    Was wäre, wenn Eva nicht den Apfel vom Baum der Erkenntnis genommen hätte und wir immer noch im Paradies lebten? Wäre es dann so wie hier? Aufwachen in einlullender Wärme, sehen, dass Ebbe ist, weit hinausgehen für ein Bad, zurückgehen, die Muscheln im Wasser spüren, vielleicht ein bisschen jelly von winzigen Quallen oder anderer Materie, vor der Hitze flüchten, den Schatten suchen, sich müde fühlen, aufraffen zu ein paar Gedanken, anderen zuhören. Französisch, Englisch, immer natürlich mit wunderbarem Ausblick, das Meer, das Meer, das Meer, hellblau, türkis, blendend, gleißend ab 15 Uhr, gelb nach Sonnenuntergang, violett gegen 18.30 Uhr, während die ersten Lichter der Bars weiter unten am Sichelrund des Strandes angehen. Drei haben wir ausprobiert, dazu Lazy Beach besucht, die aber nichts Neues gegenüber dem Ort hier brachte. Jetzt sind es nur noch ein paar Stunden, eine Übernachtung in drückender Schwüle trotz Ventilator. Ja, könnte man in diesem Paradies leben? Wir sind, glaube ich. alle nicht die Typen dafür. Es ist das Nichts. Es könnte das Alles sein, doch wir wollen an der Welt teilhaben, die Jungen sowieso und auch ich. Ein schöner Traum, ein kurzes Verweilen und natürlich das Mitnehmen von unglaublicher möglicher Schönheit auf dieser Erde. Straßen für die Zukunft wurden schon in den Wald geschlagen, scooter fahren auf dem Wasser, damit etwas los ist, nachher werden die wummernden Rhythmen wieder aus Richtung des Hostels weiter weg ertönen. Der Weg hier ist vorgezeichnet,aber ich werde den Blick heute abend nicht vergessen, weit weit weg von zuhause. Jeder Augenblick ist wunderschön. Verweile doch !Read more

  • Paradise lost

    Apr 25–29, 2024 in Cambodia ⋅ 🌙 31 °C

    Ruhe gibt es auch im Paradies nicht. Es muss immer etwas los sein. Musik oder Telefongespräche.
    Aber auch das ist am nächsten Morgen vergessen. Ein letztes Mal die Ebbe gesehen, ein letztes Mal im Meer sich treiben lassen, knapp über dem Sand, ein letztes Mal den aus Italien stammenden Barkeeper um einen Honey LemonTea, einen Fruchtsalat mit Joghurt und später einen Kaffee gebeten, ein letztes Mal, dann schon wieder bei unbarmherziger Hitze über den weißen weiten Strand der Sarazenenbucht geschlappt, bepackt mit Rucksack und Tasche. Schweißtreibend im wahrsten Sinne des Wortes.
    Mit dem Speedboot umfuhren wir diesesmal die Insel, kamen zum Hauptort, der schon wie ein Dorf wirkte, also schon einen Schritt weiter in der touristischen Entwicklung war. Darauf wieder eine brausende Rückfahrt nach Sihanoukville, zurücklassend das kleine grüne Eiland mit seiner genauso bewaldeten etwas größeren Schwester.
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  • The Artist

    April 27, 2024 in Cambodia ⋅ ☀️ 30 °C

    The Artist, so heißt die Residenz, in der wir wohnen und in der ich gerade bei einem doppelten Espresso die letzten Stunden in Kambodschs verbringen, The Artist heißt ein Stummfilm, der zu den ausgewählten Bildern an den Wänden passt, Postern aus der Kolinialzeit oder ausgewählt künstlerischen Porträts in unserem Zimmer, The Artist kann auch Künstler sein, welcher ich vielleicht gerne wäre, was in meinem Falle aber eher mit 'nie erwachsen geworden oder Träumer' gleichzusetzen ist.
    Gestern abend jedenfalls kamen wir wieder in Phnom Penh an, fast zwei Wochen, nachdem wir von hier aufgebrochen waren. Die Stadt hatte nach einer langen Fahrt, auf der es sogar kurz mal ein paar Tropfen - die ersten hier - geregnet hatte, durch menschenleere, abgeerntete Felder abrupt angefangen. Sobald die ersten Behausungen von Phom Penh dann sichtbar wurden, umgab uns ein unglaublicher, immer wieder stehender, dann wieder abrupt vorwärtsdrängender Verkehr, der sich fast ohne jede Regulierung bis zur Innenstadt wälzt, zur Hälfte bestehend aus Scootern, zur anderen aus Tuktuks und großen Karossen. Aus dem mit Air Conditon gekühlten Bus stiegen wir an einer Straßenecke aus, sofort umfangen von einer schwülen, lauten, dreckigen Hitze. Ein Tuktuk brachte uns zu dem ungewohnt geschmackvoll eingerichteten Zimmer mit Balkon, auf dem eine blaue Badewanne stand und wartete, das jemnd sie befüllte und hinter einem Schilfvorhang badete. Aber es stellte sich bei dieser Hitze keine Lust dazu ein.
    Stattdessen trieb uns der Hunger hinaus und wir redeten über die teuren Inseln, die sich kein normal verdienender Kambodschaner leisten könnte. Sie sind den Reichen und den Touristen vorbehalten, die sich eine willkommene Abwechslung, ein Stück Paradies leisten können. Wir gingen an Massagesaloons vorbei und bemerkten, dass sie hier viermal so billig waren. Nach dem äthiopischen Essen unter Karikaturen von Haile Selassi oder Bilder vom dort noch die Berge heunterstürzenden Nilzufluss standen wir wieder vor so einer gelb leuchtenden Massagetafel. Drei nicht gerade schöne Mädchen hatten uns hergewunken und wollten vor allem die Jungs überreden, die Massage zu nehmen, verständlicherweise. Wir fragten nach der Dauer, aber sie verstanden kein Wort englisch. Die Jungs meinten, ich sollte es ausprobieren, und so nickte ich der kleinen, hart wirkenden Frau zu. Vorher gab ich Elia noch das meiste meines Geldes, weil ich dem Ganzen nicht traute. Dann verschwand ich mit der Frau durch einen Vorhang im Inneren des Erdgeschosses. Sie öffnete eine klapprige Tür zu einem rosagestrichenen Holzverschlag, ausgefüllt mit einem Doppelbett, das zu kurz war, dass ich in ganzer Länge darauf passte. Es war bezogen mit einem blauen, beblümten Tuch. Was tun, fragte ich. Sie deutete auf t-shirt und Schuhe und Hose. So weit so gut, dachte ich, fühlte mich aber überhaupt nicht wohl, weil sie währenddessen telefonierte und ich schon irgendeinen Mann hereinstürmen und meine Hose mit dem Handy nehmen sah, in dem immerhin einiges Wichtiges abgespeichert war, zwang mich aber dazu zu entspannen. Schließlich wollte ich eine Massage. Sie begann am Rücken irgendwie zu klopfen , das Handy klingelte erneut und ich hatte eine weitere Horrorvision, versuchte dennoch die Augen zu schließen. Die Fingernägel der Masseurin waren zu lang, so dass sich kein Wohlgefühl einstellte. Wieder klingelte das Handy und ich erstarrte weiter, zumal sie aufhörte zu massieren, als sie ein Bein ungekonnt geknetet hatte. Ich drehte mich um und sah sie fragend an, ob ich irgendwie mich drehen sollte oder so, schließlich war ich ja ein bisschen geübt von Thai Massagen in München. Da saß sie vor mir in ihrem roten Kleid und machte eine unmissverständliche Bewegung, was sie eigentlich beabsichtigte. Jetzt kapierte ich es. Wie blöd war ich eigentlich gewesen. Und das in meinem Alter! Die junge Frau wiederholte ihre eindeutigen Bewegungen. Ich sagte No. Sie bat mich weiter, als ob davon etwas abhinge. Erhoffte sie sich mehr Geld? Keine Ahnung. Ich erhob mich, während sie den Raum verließ, ich nochmal kurz Panik bekam, weil ich das Gefühl hatte, dass sie mich einsperren wollte. Dazu bemerkte ich, dass plötzlich eine Tür das Regal verschloss, in das ich meine Kleidung gelegt hatte. Zum Glück ließ sie sich aber öffnen und ich entschwand dem Massagesalon - ohne Massage.
    Ich war traurig. Mit neuem Blick sah ich plötzlich die Vielzahl der Massagesalons in der Straße. Das war also auch Phnom Penh. Natürlich. Ich war aus dem Paradies gefallen. Im Zimmer angekommen wuschen wir noch Wäsche und Lorin musste natürlich gleich meine ganze Blödheit veröffentlichen, naja, recht geschieht es mir.
    Es ist acht Uhr. Der Kaffee war gut. Ein letzter Tag hier beginnt.
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  • Rückflug

    Apr 27–29, 2024 in Cambodia ⋅ ☀️ 38 °C

    Ich sitze im Flugzeug. Die Gedanken wandern noch zurück, vor allem zu den Jungs. Erst Elia umarmt und verabschiedet. Er war mit seinen Gedanken schon bei der Verabredung ein paar Stunden später. Inzwischen sitzt er schon neben ihr. Ich hoffe, es geht ihm gut dabei und er findet die richtigen Worte, Gedanken und natürlich auch Gesten. Ein letztes Mal kurz vorher im 'Tatie' gegessen und Stechen gespielt, wie mindestens einmal am Tag. Mit Lorin dann noch zur Aba-Bank gegangen, weil ich festgestellt hatte, dass ich aus dem Bankautomat in Sihanoukville eine falsche 100 Dollar Note bekommen habe. Unmöglich, aber geschehen. Ob ich das Geld zurückbekomme, naja, so ganz glaube ich nicht daran. Noch eine Sonnenbrille im Markt gekauft, unter hohem beige-gelben Dom, sowie ein Aufladekabel für das Handy, beides auf der Reise verloren, und dann nochmals zum Phnom Wat gegangen. An der gleichen Stelle gesessen, an dem wir zwei Wochen vorher bei HAPPY NEW YEAR gesessen waren. Es ändert sich immer der Blick und das Erleben. Es geht immer weiter und jeder wird etwas anderes sehen, der am nächsten Tag, zur nächsten Stunde kommt. Mit einem Tuktuk zum Apartmenthaus The Artist, Gepäck aufgeladen und zu Lorins neuer Unterkunft gefahren. Verabschiedet. Umarmt. Zwei Wochen waren wir wie selbstverständlich zusammen, ohne Streit, nur im gemeinsamen Erleben. So unvergesslich.

    Was bleiben wird, weiß ich nicht. Die Jungs ziehen weiter, ich kehre zurück. Dort ist viel zu tun, aber ich freue mich darauf. Unser Leben ist so anders, sicher überzogen im Reichtum, aber auch voller vieler Errungenschaften. Hier ist alles in Entwicklung. Jeder versucht irgendwie an Geld zu kommen, der Tuktukfahrer, der Händler mit dem Zuckerrohr oder der Wagenlenker mit den Matratzen, die Frau, die die Fleischspieße am Straßenrand brutzelt. Alles spielt sich an der Straße an. Es ist heiß, Staub und Abgase liegen in der Luft, Lärm. Man lebt in den Tag hinein, man ergreift den Tag und wenn er vergangen ist, ist er vergangen. Es gibt keine Versicherung. Wie ich es in Brasilien auch erlebt habe. Das sind jetzt 25 Jahre her. Es macht einen demütig und man schaut anders auf das völlig überzogene, weltfremde Deutschland. Ich kann nur Filme zur Verfügung stellen, immer wieder zum Anschauen und Sich-Einfühlen. Nicht viel. Aber auch nicht Nichts.
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  • Linz, Lentos und Lichter am Nachthimmel

    May 2, 2024 in Austria ⋅ 🌙 18 °C

    Ein letzter Frühlingstag vor dem angesagten Regen. Nach einem frugalen und dementsprechend teuren Mahl, für dessen Preis in Kambodscha Unterkunft, Essen und sämtliche Fahrtkosten eines Tages möglich wären, noch an der Donau spazierengegangen, begleitet von den Lichtern des rötlich beleuchteten Lentosmuseums, der violetten Frachtschiffform des Elektronikmuseums und den vielen Leuchten des Frühlingsfestes samt Riesenrad, Kettenkarussell und weiteren Fahrtgeschäften. Währenddessen fließt die Donau ungerührt dahin und läßt an die fernen Geschichten der beiden heute gesehenen Filme denken.

    FOREST über eine Familie mit drei Kindern, die imEinklang mit der Natur an der belorussischen Grenze leben will, aber immer wieder mit dem Flüchtligselend konfrontiert wird.

    STEPNE handelt von einem ukrainischen Dorf in der Nähe von Saporischja. Nur noch alte Leute leben hier und wenn sie sterben, vergehen die Geschichten der Jahre 1930 bis 1970. Ein Film, der viel mehr von diesem Land erzählt als jede Kriegsdokumemtation heute. Wie wenig wissen wir wirklich von den Menschen dort!
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  • Kinotag in Linz

    May 4, 2024 in Austria ⋅ ☁️ 10 °C

    Regen. Die Straßen nass, ideales Kinowetter. Vier Filme, zwei gute, zwei weniger gute. In GERLACH geht es um den letzten unabhängigen Bauern in den Niederlanden, die noch bürokratisierter scheinen als wir. Hier darf man nur anbauen, was vorgeschrieben ist und auch noch zu der Zeit, da es vorgeschrieben ist. Man wird beobachtet und muss Strafe zahlen, wenn man es nicht tut. Gerlach, gebeugt von der Becherew Krankheit, geht über seine Äcker und macht mit Hilfe der Brüder seinen Weg, verkauft auch nicht das Grundstück, obwohl um ihn die Hallen der Großhändler wachsen und die Gemeinde die Steuereinnahmen will.

    ULTIMA THULE führt mit einem jungen Polen, der den Tod seines Vaters verarbeitet, auf den letzten Ort der Shetland Inseln. Ich mag diese nordischen Landschaften. Dieses Nichts mehr. Nur Heide , Schafe, Felsen zum Meer hinab, völlige Einsamkeit, ein weißes Haus, 30 Einwohner.

    ARTHUR UND DIANA ist vielleicht die neue Art Filme zu machen. Schlechte Handykamera verfolgt einen Familientrip mit Kleinkind Lupo über Frankreich nach Italien. Wunderschöne Ferienbilder sind in den Pixeln fast unkenntlich. Sicher Absicht und Gegenbewegung zu den Massen an Urlaubsbildern. Die Familie streitet und versöhnt sich, das Kind ist herzallerliebst, die Familie bekannt.

    TIGRU THE AY OF THE TIGER war für rumänische Verhältnisse einfach eine Enttäuschung. Wieder einmal hat ein Filmemacher zwei Geschichten im Kopf und will sie unbedingt zusammenbringen. Kenne ich auch von mir und klappt seltenst. Hier auch nicht.

    Zwischendurch viel Planung für das Festival, Gedanken an Finanzierung und Zukunft. Das macht unruhig.
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  • Regen

    May 31, 2024 in Germany ⋅ 🌧 10 °C

    Anders kann man den footprint nicht nennen. Regen auf den Wiesen, auf den Straßen, an der Windschutzscheibe, über dem See. Ich stehe auf der Fähre nach Konstanz, der Himmel ist grau, das Wasser etwas dunkelgrauer, das Licht fehlt. Gestern war ich auf einem Zeltplatz und habe Marian, Caro und die Kinder getroffen. Zeltplatz, Pfützen, grüne Wiesen, Spielplatz. Ein wenig spazierengegangen, später mit Marian noch in einem Aufenthaltsraum des Platzes gesessen und geredet. Nur wir saßen an dem Holztisch, Lampe darüber, sonst kein Gast. Schöner Moment.

    Die Fähre bewegt sich, das Auto schaukelt leicht, die Tropfen platschen an die Scheiben, wie immer viele Erinnerungen, an Fähren, die ich benutzt habe, Übersetzungen, neues Land. Wie ist es dort aufzuwachen, welche Zufälle prägen einen, gestalten einen? Gleich treffe ich Michael, dann will ich weiter nach Westen fahren, mit vielen kreisenden Gedanken, wie ich mein Leben ausrichten könnte, dabei lebt es sich von alleine, geht weiter, Tag für Tag. Bei DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM wurde Katharina Blum gefragt, wie denn die vielen Kilometer zusammen kämen auf ihrem Tachometer. Sie wäre eben herumgefahren, sagte sie. Und wusste gar nicht wieviel. Ich habe sie sofort verstanden damals. Das Reisen, das Fahren, den Gedanken nachhören, das Neue aufnehmen. Gleich kommt die Fähre an, immer noch Deutschland, grau im ständigen Regen.
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  • Ronchamps

    May 31, 2024 in France ⋅ ☁️ 16 °C

    Manchmal braucht es eine Zeit, bis man endlich das sieht, was man schon immer sehen wollte. Ich denke, es war in den 70er Jahren, dass ich le corbusiers Meisterwerk das erste mal sah und so begeistert war, dass es i mer auf meinem Plan stand. Aber mal waren es nur die Vogesen, mal nur besancon, mal nur Dijon, mal nur die loireschlösser, die den Ausflug in die südvogesen verhinderten. Diesesmal habe ich es mir einfach als Ziel während des Kurztrips nach Frankreich vorgenommen und diesesmal habe ich diese exzeptionelle Kirche, teilweise auch schon wieder restauriert, gesehen, ein würdiges Weltkulturerbe, jedem Architekten zu empfehlen.

    Im Moment sitze ich an der Saone, genauer gesagt auf einem Campingplatz in Scey-sur-Saone. Das Wasser rauscht von einem Wehr, das so groß ist wie das vom Lech in Landsberg. Die Sonne ist ein bisschen herausgekommen, der Platz ist nass vom Regen, ich sollte nicht am Wasser meinen Bus hinstellen, Trop dangereux. Vor mir ist ein kleiner Bouleplatz, wie es sich gehört für einen französischen Campingplatz, ein paar Meter weiter befindet sich eine Anlegestelle für Flussboote. Scey-sur-Saone ist eines jener vielen französischen Dörfer, die einstmals hinter schmiedeeisernen Eingangstoren schöne Villen hatten, auch ein schönes Schulhaus mit lavendelfarbenen Läden oder eine Mairie mit Balkon auf die Straße und den Heldengedankplatz für die französischen Krigstoten. Jetzt ist alles mehr und mehr verlassen, sind die Fensterläden geschlossen, das Dach eines Türmchens schwer beschädigt, ist die Hauptstraße leer, hat keine Läden, keine Restaurant mehr, immerhin eine take away Pizzeria, von der ich eine Pizza mitgenommen habe und die steht jetzt vor mir, daneben ein Glas Rotwein und darüber die Abendsonne im Westen.

    Um Ronchamps zu verstehen, war es gut, dass ich vorher durch das Elsass gefahren bin, durch wogende, dicht bewaldete Hügel, nur dünn besiedelt, da mal ein Rinnsal durch eine Wiese mit einem kleinen Wehr, dort plötzlich zwei braune Pferde auf einem Hügel in der Sonne über saftig grünen Wiesen. Ronchamps ist ein Hügel, von dem man weit über das Land blicken kann. Schon immer gab es dort Kapellen und Kirchen, wurden zerstört und wieder errichtet, brannten ab und wurden wieder aufgebaut. Nach dem Krieg beauftragten die Eigentümer den damals schon berühmten Le Corbusier und gaben ihm freie Hand. Er versprach einen kühnen Entwurf und verwirklichte ihn in gerade mal vier Jahren. Später in den 90ern baute ein weiterer großer Architekt, Renzo Piano, das Kloster und die weiteren Räume dazu, fast gänzlich unter Wiesen in den Hang hinein. Ronchamps ist von innen weit und geheimnisvoll, mit einzigartigen Lichtspielen durch die teils bunten Fenster, die Seitenkapeĺlen, die den Lichtausgang im Dach haben und den Eingang, der ins Grün hinausweist. Der Inbegriff einer modernen Kirche. Von außen dominiert das Betondach, eien leichte Hügelwelle quasi, die von in den Mauern unsichtbaren Säulen getragen wird. Dadurch wirken die Wände leichter und scheint das Dach zu schweben. Viele weitere Details laden zum Verweilen und Staunen ein, auch die drei Glocken ohne Glockenturm und immer wieder der Ausblick in die grüne Natur.

    Ich höre dem Rauschen des Wassers der Saone zu, mag es. Stetig, ohne Unterlass, angenehm. Über mir zirpt ein Vogel. Ein Rentner hat Frankreich vom Atlantik bis hierher durchquert und zeltet neben mir, ein Stuttgarter hat ein Boot gemietet und ist die Saone bis hierher gefahren. Die Welt öffnet sich, wenn man unterwegs ist, entfaltet sich. Und langsam werden die Regenwolken weniger.
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  • Frankreichs Provinz

    Jun 1–5, 2024 in France ⋅ ☁️ 15 °C

    Meine Ziele an diesem Tag waren das Viadukt von Chaumont, im 19. Jahrhundert erbaut, dann Troyes, das vor bald 50 Jahren Start der Schlösser-der Loire-Reise mit Mutter war, und dann ein Zeltplatz in der Nähe des Flughafen Charles de Gaulle, weil ich morgen früh sehr zeitig Elia abholen will. Letzteres hat nicht geklappt. Zwar höre ich über mir in den grauen schweren Wolken, die mich dem ganzen Tag begleitet haben, das Geräusch der abfliegenden Maschinen, aber leider nicht im sicheren Zeltplatz. Als ich dort ankam, erklärte mir ein fleischiger und massiger Patron, dass die Schranken bis acht Uhr früh geschlossen blieben, und er mir deswegen keinen Platz geben könnte. Nun war guter Rat teuer. Ich befand mich zwar in der Provinz, aber doch dichter besiedelt als zuvor. Nach einem Ausflug auf einen Feldweg, der im völligen Matsch endete, beschloss ich einmal vernünftig zu sein und lieber rückwärts wieder rauszufahren als vorwärts irgendwo in einem Wasserloch zu landen, aus dem mich nurmehr ein Traktor würde ziehen können. Ein paar Kilometer weiter lag zur linken ein Wäldchen, ich bog ab, fand einen düsteren Parkplatz, auf dem ein weiterer Wagen mit Fahrer stand, keine Ahnung warum, aber auf alle Fälle nicht beruhigend. Ich aß erst einmal das Baguette auf, das ich der Reise gemäß in einer Boulangerie samt einer 'Cravatte' erstanden hatte, süßer Zopf mit Vanille und Schokoladestückchen. Die Cravatte war im Laufe des Tages schon in meinem Magen verschwunden, das restliche Bagette auf diesem Platz mit einem Glas Wein. Während des Verzehrs ging ich mit Anorak, kein anderes Kleidungsstück passte so zum Wetter dieses Tages, zu einer Karte, die am Eingang des Weges in den Wald aufgestellt war. Sie zeigte den Wald als Naherholungsgebiet mit einem weiteren Parkplatz weiter oben in der Nähe einer Kapelle. Da stehe ich jetzt. Die Bäume bewegen sich leicht im Wind, es ist frisch, fast kalt, hinter mir liegt hinter einer vermoosten Steinmeier ein Anwesen, das restauriert wird, dahinter ein wunderschöner Park mit weiter Wiese, alten Mauerresten, einem düstern Turm mit Eisengitter und eben jener Kapelle, jetzt, kurz vor neun Uhr natürlich verschlossen. Mal schauen wie die Nacht wird....

    Vorher Troyes in der Champagne. Nixhts erkannte ich wieder von damals. Ich hatte damals nur ein Bild gemacht. So war die Zeit . Ein Fachwerkhaus. Davon ist die Stadt geprägt, in allen Farben zwischen den braunen Stämmen, mal schräg, mal gerade, fast alles restauriert, beherbergend viele Restaurants für die Touristen
    Dazu drei Kathedralen, alle gotisch, nicht alle beendet,mit geschmückten Fenstergläsern, gotischen Bögen und Rosetten, Gewölben aus den verschiedenen Jahrhunderten alle kündend von dem einstmaligen Reichtum der Stadt, der durchaus geblieben ist. An der Mairie diesesmal eine von der Polizei bewachte Denonstration von in regenbogenfarbenen t shirts gekleideten Jugendlichen. Bilder der verschiedenen Tour de France-Etappen in der die Stadt umgebenden kanalisierten Seine. 1926,1960,1997, dann farbig die 2000er Zieleinfahrten, Startsituationen. Der Friseur kostete 10 Euro ich fand einen Moment, da ich sofort drankam, danach füllte sich der Laden mit den vier arabisch wirkenden Friseuren sofort wieder, so dass alle vier Wartestühle besetzt waren. Leider war ein Spiegel auch so angebracht, dass ich die Kopfrückseite bewundern konnte - und dadurch leider auch die weiter gewachsene Glatze im weissen Haar. Traurige Erkenntnis und Gegenentwurf zu der im Innern immer noch spürbaren Jugend.

    Abfahrten Troyes in ein stetiges Grau hinein und ein riesiges leeres Land manchmal mit Windradparks im Nebel. Ansonsten Felder über Felder, kleine Dörfer, die meisten verlassen wirkend, nur mehr mit einer Pizza a Exporteur, diese sogar manchmal in kleinen Containern abrufbar. Häuser aus grauen Steinen und dann wieder Felder, wie wir sie bei uns kaum kennen. Landflucht hier, das Nichts der Provinz, manchmal das Plakat eines Sommerfests, viele verschlossene Herrachaftshäuser. Das Geld wird woanders verdient. Wer hier wohl gewählt wird. Während der Fahrt höre ich JAHRESTAGE von Uwe Johnson, September 1967. Die Nachrichten, die damals schon schlimm waren. So viel hat dich nicht geändert, jeden Tag Tote aus dem Vietnamkrieg, Rudi Dutschke wird erwähnt, Prozesse gegen Nazis als Kriegsverbrecher und noch weiter zurück, fast genauso minutiös wiedergegeben die Zeit vom Februar 1932 in Jerichow/Mecklenburg. Alles ist inzwischen vergangen, längst Geschichte das Kind in dem Epos etwas älter als ich. Haben wir etwas gelernt? Ist etwas besser geworden? Ja, die Klospülung und das warme Wasser, wenn ich den Berichten folge.

    Es wird dunkel, ein Auto kam und fuhr wieder. Etwas unheimlich. Ich geh jetzt schlafen.
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  • Agricampeggio mose, a casa

    August 28, 2024 in Italy ⋅ ☀️ 28 °C

    In einer ersten Nachricht habe ich von hier aus WIEDER DAHEIM geschrieben. Seit der letzten Abfahrt von hier habe ich immer wieder daran gedacht, kurz vor dem anstehenden Festival hierher zurückzukommen. An diesen Ort? Ja sicher auch, zwischen weitem weitem Strand und der Anlegestelle für den Dampfer nach Venedig an der Spitze der Landzunge von Punta Sabbioni gelegen, aber noch mehr zu der Ruhe, zu der Besinnung, dem freien Gedankenfluss, bereichert nur durch das Glitzern der Sonne über dem Wasser, dem zeitlosen, ungehetzten Gleiten über den Wellen und Kanälen, dem Anblick der Fassaden, aber auch dem nächtlichen Weg zurück zum Platz, in der Dunkelheit, der leichten Kühle und dem Geruch von Tau. Noch ist das ein Wunsch, noch sitze ich neben dem Bus nach einer Nacht an einem See am Ursprung des Brenta Flusses, dessen letzten Windungen neben der Malcontenta Villa von Palladio ich so gut kenne und die mich zu einer der vielen nie veröffentlichten Geschichten inspiriert hatten. Noch trinke ich den selbst gemachten Kaffee, schlappe das Müsli aus der Schale, bin fast stolz auf mich, mal nicht allzuviel im schnellen Aufbruch, als müsste der immer sein, vergessen zu haben. Ein Rasenmäher tuckert neben mir über die noch nicht ausreichend beschatteten Stellplätze. In zwei, drei Jahren wird es noch dichter hier wirken, noch angenehmer am Tag in der Hitze sein. Veränderungen. Sie gehen langsamer vonstatten als meine Ungeduld es oft will. Aber dann irgendwann sind sie sichtbar, wenn ich allein nur daran denke, wie ich mit meinen Eltern in dieses Mündungsgebiet des Tagliamento und die Lagunenlandschaft um Venedig das erste Mal kam. Wir mussten noch mit einer Fähre über den Fluss setzen. Inzwischen hat sich Jesolo weit ins Land ausgebreitet, gibt es weit vor der Strandlandschaft riesige Kreisel, die dem massenhaften Verkehr Herr werden wollen, sind Kanäle verschüttet und überhäuft, stoßen Aufbauten von Wasserrutschen und Achterbahnen in den Himmel. Die Bäume neben mir wispern im Wind, der Rasenmäher ist verstummt, der Tag kann beginnen. Er wird wieder Neues bringen, so wie wir gestern Abend, nachdem ich Hunderte Male daran vorbeigefahren war und immer nur ein Schild mit dem Namen gelesen hatte, in Neumarkt Halt machten. Neumarkt Auer, Egna Ora zwischen Bozen und Trento. In einer Pizza aßen wir bei ungewohnt warmen 29 Grad um acht Uhr jeweils eine Pizza, Lorin und ich. Galerien unter trutzigen Häusern säumten der Landschaft und anderen Ortsbildern in Südtirol gemäß die Straßen. Eisdielen, Restaurants, ein altes Rathaus, Kopfsteinpflaster. Die Pizzeria hieß Lauben, wie die weißgetünchten, gewölbten Gänge zur rechten und zur linken. Gespräche wechselten an den Nebentischen in Deutsch und Italienisch hin und her. Es ist so gut, einfach aufzubrechen und Neues zu erleben.Read more

  • Thresholds to the pastfuture

    Aug 28–29, 2024 in Italy ⋅ 🌙 27 °C

    15 Kilometer führten heute zur Dampferanlegestelle, dann von der Lidohaltestelle zur mostra del cinema, schließlich von San Zaccaria zur Kunstbiennale, von dort nach San Elena und wieder nach Hause. Zikaden in der Nacht, die immer noch warm ist. Ein Hund bellt, ein paar Kinder reden noch, zwei Frauen unterhalten sich. Die Gedanken gehen zurück zu den Pavillons und dem Motto stranieri ovunque, Fremde überall. Viele Länder beschäftigen sich mit Migranten oder mit ihrer jeweiligen indigenen Bevölkerung. Hängen bleiben Farbzusammenststellungen im Pavillon von Venezuela in the perspection of time and space, dann thresholds im deutschen pavillon. Hier eine riesige gebogene Leinwand gegenüber einem Haus in Kahnform, dreistöckig. Unten das Handwerk des Gastarbeiters, darüber in Schutt und von Mehlstaub belegt eine biedere normale Wohnung und schließlich die Dachterrasse, die leer ist. Eindringliche Musik, allegorische Bilder auf der Leinwand, Insassen eines Raumschiffen das diese Erde retten, die Menschen mitnehmen soll. Beeindruckend.

    Dann die vielen handgefädelten Ketten im kanadischen Pavillon mit feinsten Farbabstimmungen.

    Eine serbische Installation über die Ankunft in Europa und die Gegenstände und Orte der Gastarbeiter in den 70ern und 80ern.

    Die sozialrealistischen Bilder eines Rumänen an verfallenen Kirchen, in Parks, bei der Arbeit.

    Das Drama im Ägypten von 1882 aus der Kolonialgeschichte. Kunst regt an, gibt neue Bilder und Einsichten, fordert zum Weiterdenken. Vieles von heute gab es schon in der Geschichte. Haben wir immer noch nichts gelernt?

    Nach einem schlechten Abendessen nach Hause gefahren, über die ruhiger gewordene Lagune, nach dem Sonnenuntergang in pastelliges Orange getaucht.

    Wir sind beide müde, aber schon voll Vorfreude für morgen
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  • Visioni

    August 30, 2024 in Italy ⋅ ☀️ 29 °C

    Lange am Strand spazierengegangen. Es ist heiß und der Schweiß rinnt den Körper herunter. Die Gedanken sind beim Kino und der Eröffnungsfeier des Festivals. Letzte Woche haben mir sowohl die Verwaltungen Stadt Starnberg und des Landkreises signalisiert, dass sie beleidigt wären und sich ungerecht behandelt fühlten. Ich verstehe es, wenn ich sie persönlich angegriffen habe. Das tut mir leid. Das wäre ein Fehler. Aber doch nicht, dass ich öffentlich sage, dass ich eine Entscheidung, den Etat meines Festivals zu kürzen, nicht gut finde, kontraproduktiv. Kunst und Politik stehen sich naturgemäß gegenüber, das kam auch heute morgen in dem Film RIEFENSTAHL herüber, aber die sollten sich auch bedingen und nicht so tun wie die alte Dame, dass das eine völlig unabhängig vom anderen ist. Sie hat einen Traum verloren, von Größe, Schönheit, auch Rasse. Vielleicht hätte man sie mehr über die Jahre 1945 bis 1960 befragen sollen als über die Jahre 1925 bis 1940. Ein bisschen zu wenig wurden mir die heute noch interessanten Verwicklungen von Kunst und Politik herausgearbeitet. Das Material hat den Dokumentarfilmer erschlagen. 101 Jahre Leben.

    Es geht darum, was möglich ist und was Kunst kann. Gestern auf der Biennale noch die anderen Länderpavillons in den Arsenalen besucht. Immer wieder der Blick auf die indigene Bevölkerung, ihre Sicht der Geschichte, nicht unsere Herrschersicht. In einem dunklen Raum wühlte sich ein Mensch aus der Erde und schritt am Ende ins Wasser, in den Spiegel vor der Leinwand.

    Die albanische Künstlerin hielt den Moment wie auf Fotographien fest. Ein Italiener ließ uns hören. TO HEAR in miteinander verbundenen Röhren eines riesigen Gerüste oder am Ende eines ganz langen, hallenlangen schmalen Kastens.

    Daran anschließend zwei Filme. SUPER HAPPY FOREVER glänzte durch ein großartiges dreigeteiltes Drehbuch. Zwei Männer kehren auf der Suche nach Nagi in den Urlaubsort zurück, wo sie sie kennenlernen. Ich interpretierte noch ein Kurzzeitgedächtnis in die Person der Nagi hinein, die am nächste Morgen nicht weiß, was am Vortag war. Aber das muss man nicht in dem Film sehen. Der zweite Teil ist Nagis Tag fünf Jahre zuvor, der dritte ist die Sicht der vietnamesischen Hotelkraft, die wirklich die rote Kappe fand, mit der, wie Nagi sagte, sich glücklich leben lässt. Sie verlässt den Ort, indem sie noch einmal dort steht, wo sie sich immer gerne aufgehalten und wahrscheiblcih auch die Kappe gefunden hat.
    A very delicate movie, wie auch die Japanerin sagte, die ich am Ausgang des Kinos noch nach ihrer Interpretation fragte.

    Nach einem kurzen Imbiss an einem in den Canale Grande herausragenden Steg der zweite film. COPPIA APERTO QUASI SPALANCATA nach Dario Fo. Ich wollte eher rausgehen, aber Lorin hat er, glaube ich, gefallen
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  • The children after them

    September 1, 2024 in Italy ⋅ ☁️ 25 °C

    Nur noch eine Stunde und dann werden wir schon wieder heimfahren. Noch am Strand gewesen, spazierengegangen, mit vielen Paaren mit Hunden, Einzeljoggern und auch schon einzelnen Familien um diese frühe Zeit. Die Sonne etwas verhalten, aber im Wasser glitzernd. Zu viele Gedanken im Kopf, hoffentlich ergeben sie nicht wieder ein ähnliches Panikgefühl wie letztes Jahr. Aber der Blick geht auch nach vorne, inspiriert von der Biennale udnd den Filmen, die Lorin und ich doch zusammen in den letzten Tagen gesehen haben, unterbrochen von Wanderung durch Venedig zum Piazza Margareta, den ich noch als nicht beachteten Geheimtipp kenne. Inzwischen reiht sich ein Restaurant, eine Bar an die andere, junge Leute führen ihr Outfit aus und man kann verweilen, in diesem Falle bei guten Ravioli mit Wolfsbarsch und Minze und einfach nur schauen, sich Gedanken machen über die Paare und Gruppen.
    Zwei gute Filme gestern noch gesehen, SEPTEMBER 5, der bald in die Kinos kommt, den einen Tag in München an Hand der ersten Livereportage eines Terrorüberfalls samt der Fragen, die sich stellen, wenn Terroristen im Fernsehen erfahren, was die Polizei vor hat. Und was darf man senden und was nicht? Gleichzeitig faszinierend, wie damals gearbeitet wurde, ohne Handy, Fax, wenig Satellitenplatz, usw. Und ich nun inzwischen zeitweise, auch wenn nur nebenbei, weiß noch, wie der Fernseher im Furtanger stand, mein Vater noch nicht einmal ein Jahr verstorben war und wir warteten, was am nächsten Tag geschehen würde, bei der Trauerfeier im Olympiastadion, the games must go on. Ich saß stundenlang davor. Schwarz weiße Bilder noch.

    Und QUIET LIFE. Eine russische Familie beantragt Asyl in Schweden. Der Film ist eher in statische Bilder gebaut, die die Absurdität der Verwaltung zeigen, das gewollte Unverständnis gegenüber Verfolgten und vor allem gegenüber ihren Kindern. Sie fallen in ein Resignationstrauma. Ein intensiver Film, auch wenn wenig gesagt wird.

    Der gestrige Samstag war von der Filmauswahl dann nicht ganz so erfolgreich, obwohl Lorin auf manches einen anderen Blick hat, auf Grund seines Alters und das ist dann auch spannend. WISHING ON A STAR war eine Komödie mit einer guten Grundidee. Eine Astrologin mit viel Empathie schickt ihre KundInnen an ihrem Geburtstag in fremde Länder. Was am Anfang sehr gut klappt - zwei streitende Zwillingsschwestern werfen nach Beirut geschickt und ein Bestatter denkt erstmals darüber nach, sein Geschäft zurückzulassen - läuft sich schnell aus, weil keine interessanten Protagonisten mehr gefunden oder Geschichten nicht auserzählt wurden.

    Eine große Geschichte, literarische Vorlage lag unserem letzten Film zugrunde. LEURS ENFANTS APRES EUX. In vier Episoden, jeweils im Abstand von zwei Jahren, wird die Geschichte von Antoine, Steph und Hacine aus Heillange, einem deindustriaisierten Ort mit viel Arbeitslosogkeit, von 1992 bis 1998 erzählt. Bombastische Musik und immer wieder große Bilder für das Mainstreampublikum erschlagen meines Erachtens die Personenzeichnung der drei ProtagonistInnen, auch der Eltern. Die Länge des Films von zweieinhalb Stunden wurde zu nichts weiterem genutzt als Klischees zu erzeugen, den Nationalfeiertag, das Fußballfinale usw auszuformen, ohne die Personen wirklich zu erklären, in Diskussionen treten zu lassen. Sechs Jahre lang sagt zum Beispiel Antenne zu Steph "Tu es belle", nicht mehr. Dass sie nicht mit ihm zusammen sein will, ist folgerichtig, aber ich weiß nicht, ob das beabsichtigt war. Lorin sah den Film anders und viel positiver. Wir redeten kurz bei unserer Abendpizza, ehe Harald mich anrief und ich wieder in meine und seine Familiengeschichte hineingezogen wurde. In den Erzählungen werden wir Zeitzeugen, der 60er, der 70er Jahre.

    Etwas früher heimgekommen, so dass wir noch scrabble spielen konnten. Ich verlor so hoch wie die Tertianer in Das fliegende Klassenzimmer. Erich Kästner beschrieb das Gefühl. So wie wenn man auf eigenem Platz eine 1:8-Niederlage kassiert.
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  • Better together

    Oct 19–20, 2024 in Austria ⋅ ☁️ 10 °C

    Ein handflächengroßes, braunes, vom Ast losgerissenes Kastanienblatt taumelt durch die Luft einer kräftigen herbstlichen Brise und heftet sich an meine Brust. Ich befreie es mit einer leichten Bewegung und gebe es dem Windstrom wieder, der es davontreibt, vorbei an den verglasten Gebäuden des Messegeländes und den Mietshäusern aus der Jugendstilzeit. In einem von ihnen hat Lorin sein Zimmer für das Studium gefunden. Fast kann er von dort auf den Prater gucken, das Riesenrad und das Kettenkarussell, das gerade wieder einen Kreis von Sesseln nach oben zieht und durch die Luft schwingen lässt. Ich habe den Blick - etwas angstvoll, nur durch eine schmale Metallstange vom Abgrund getrennt - vor Jahren genossen. Erinnerungen. Eine Plakatwand mit den Plakatentwürfen der nunmehr 62 Filmfestivalausgaben in der Urania hilft mir dabei. Währenddessen erleuchtet eine Schrift die gesamte Fassade des gegenüberliegenden Glasgebäudes. Better together wandert über die zehn- oder zwanzigfach übereinander angeordneten senkrechten Leuchtstoffröhren. Ich telefoniere mit meinem Cousin, Es geht um Aufbruch, neue Liebe, Berührungen. Better together. Der Film, den ich vorher gesehen hatte, passte eher weniger dazu. THE END von Joshua Oppenheimer. Später erzählte er, dass seine Familie wohl aus Wien stammte und dort verfolgt wurde. Sein Film, teilweise Musical, erzählt von einer reichen Familie, die eine Generation mach dem Untergang der Menschheit noch immer in einem tief in einem Salzlager gelegenen Bunker leben kann. Die Räume sind herrschaftlich und reichhaltig ausgestaltet, mit Gemälden von Monet oder Renoir geschmückt, ausgewählten Couch- und Tischgarnituren in geschmackvoll aufeinander abgestimmten Farben. Es gibt zwei Bedienstete, die in kargen Räumen leben, und einen Leibarzt. Auf dem Sohn, der die reale Welt nicht mehr erlebt hat und sie sich zusammenerzählt, ruhen alle Hoffnungen. Als eine Flüchtige auftaucht, wird sie widerstrebend aufgenommen, verliebt sich aber doch in den Sohn und die Farben und Gesänge explodieren. Nach einem Zeitsprung haben die beiden ein Kind, er trinkt inzwischen zuviel, es gibt wieder ein Familienfest, an dessen Ende sie in das Salzbergwerk schauen. Das Ende allen Reichtums, aller Dinge, die man gemacht hat...

    In der Nacht schlecht geschlafen, zu spät gegessen, aufgewacht und im Spiegel des Morgens darüber nachgedacht, wie alles auf Papier Geschriebene vergeht, übergeben wird ans Digitale. Man kann es speichern, natürlich, aber würde zum Beispiel die in einem Tagebuch notierte Reise meiner Urgroßmutter heute noch existieren, diese Worte hier für meine Urenkel. Für mich unwahrscheinlich, aber ich werde die Antwort nicht geben können. Wien, Oktober, Melancholie.

    Über der Straße hängen bereits die Herzen der Weihnachtsdekoration. Ich sitze - schon wieder am Abreisetag- an einen Tisch gegenüber einer großen Theke mit Backwaren. Rechts von mir wird gebacken, ich habe eine Topfengolatsche bestellt. Über der Theke horizontal angeordnete Neonröhren, viele Kunden davon angestrahlt, Sonntag morgen, die Glocken läuteten gerade, eine Familie vor mir suchte vielleicht wirklich eine Kirche auf.

    Gestern zwei gute Filme zwischen all den anderen Eindrücken dieser Stadt, dem Prater gegen Mittag, der Bank in der Sonne am Donaukanal gegenüber der Einmündung der Wien und der Urania, die sich über dem Fluss erhebt wie eine Hafenschaluppe, der Pizzeria mit den fast barock wirkenden Bemalungen der Wände, den jungen Leuten wartend gegen Mitternacht vor einem Club, neben all diesen Eindrücken ein Film über Konformität und einer über Überwachung.

    FEKETE spielte an einer ungarischen Schule, Palko kommt in eine Klasse, die von einer jungen Lehrerin liberal geführt wird. So wie sie Mühe hat, ins Lehrerteam aufgenommen zu werden, geht es Palko, der zunächst zwei Freunde findet, dann aber von einem cholerischen Turnlehrer aufgegriffen wird, weil er beim Spiel einen anzüglichen Namen einem Team gegeben hat. Unmerklich, fein, detailliert spitzen sich die Situationen zu. Die Lehrerin entdeckt den Turnlehrer, wie er gegenüber Palko tätlich wird, aber keiner unterstützt sie, Palko redet nicht mehr, zieht schließlich in den Sand einen Kreis, in dem er für sich sein will, doch die Mitschüler überschreiten ihn, verprügeln ihn. Er geht aus der Mensa und nimmt ein Futter für die Katze mit, die Lehrerin setzt sich zu ihm, beide alleine. Ein anderer Lehrer wird einfach entlassen, niemand wehrt sich, ein Fenster soll repariert werden, aber niemand kümmert sich. Am Ende steigt Palko auf einen Baum, die Feuerwehr muss kommen. Als Reaktion wird am Ende der Baum gefällt und zersägt.

    So wäre es auch in Deutschland. Ich denke an die letzten Kreistagsbeschlüsse. Wir kümmern uns um die perfekten Hüllen und vergessen den Inhalt. Die Lehrerin sagt alles, was sie gesehen hat, wehrt sich, packt ihr Zeug und bricht vor dem Aufzug zusammen. Liegt am Boden. Die Aufzugstür öffnet sich, steht offen und - schließt sich wieder.

    STRANGE EYES beginnt mit einem Elternvideo. Ein junges Paar in einem Park von Singapur und ein süßes kleines Mädchen, Little Bo. Kurz danach ist es verschwunden und die Eltern sind verzweifelt. Wirklich? Wollten sie ein Kind? Die Tochter ist im Livestream zu sehen, der Polizist ist der Herr über alle Überwachungskameras, ein Controller über die Kameras in einer Mall. Der Vater des Kindes folgt einer Frau, in deren Kinderwagen er Little Bo vermutet, später bekommt er eine DVD, in der er in dieser Szene verfolgt wurde. War es vielleicht wirklich Little Bo in dem Kinderwagen? Der Controller ist der Stalker der Mutter, für mich ist er der Vater, den sie verlassen hat. Viele Puzzlestücke werden gelegt und der Zuschauer immer mehr einbezogen, um sie zusammenzusetzen, wirklich faszinierend und großes Kino. Der Regisseur sagte später, dass er vor Jahren mit dem Projekt angefangen hat. Damals war man gegen die Überwachung. Dann kam Corona und jeder forderte diese Überwachung. Fast hatte ich die Blockwartmentalität jener Tage vergessen. Die Folgen sind noch immer spürbar. Am Ende des Films wird Little Bo wiedergefunden, aber mehr wie ein hitchcockscher McGuffin. Es ging nicht darum. Die Mutter verlässt den Vater, lebt alleine. Im Schlussbild sucht der Vater von Little Bo sie auf, beobachtet sie wieder, steht vor dem Haus, in dem sie wohnt, die Bäume rauschen stark und durch die Blätter beobachtet er die, die er verloren hat, so wie der Controller seine Tochter, der Polizist alle Menschen.

    Es gab wohl noch eine längere Fassung, bevor sie dem Publikumsgeschmack zuliebe geschnitten wurde. Ich hätte sie gerne gesehen.
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  • Kinopreis

    October 25, 2024 in Germany ⋅ ⛅ 10 °C

    Trotz keiner Bahnverspätung zu spät gekommen. Einfach die richtige Haltestelle wegen Lektüre der gerade stattfindenden Hofer Filmtage übersehen und durch Frankfurter Vororte und Gewerbegebiete zum Veranstaltungsort gekommen. Unspektakulärer, sonst wahrscheinlich eher schummriger Club, niedere dunkle Decke in einem zur kleinen Bühne hin dreieckig zugeschnittenem Raum. Die Rede von Claudia Roth verpasst, in der letzten Reihe den Preisträgersegen angeschaut. 38 Jahre lang Kino. Was für eine Zeit! Ich kenne die Kollegen, ihre Programme gleichen sich, inzwischen wachsen viele jüngere KinoinhaberInnen nach, the Band goes on. Man redet über Filme, das Geschäft, die Sorgen, aber ein ähnlich alter wie ich sagte auch, dass wir ziemlich viel mitgemacht haben an Krisen, selbst eine Pandemie und dass es uns immer noch gibt. Eine schöne Nische. Wir machen Freude. Viele Gedanken also, viele schon mit etwas Abstand.Read more

  • The big sky

    Oct 27–31, 2024 in Portugal ⋅ ⛅ 16 °C

    Wieder Fuseta, wieder Salinen wieder Flamingos und andere Vögel in den natürlichen Wasserbecken. Die Sonne scheint, doch der Wind ist kühl. Am frühen Abend, erster Tag der Winterzeit, entfaltet sich der ganze Zauber dieser Landschaft. Das Meer hat sich zurückgezogen, die Austernbänke sind freigelegt und über dem gerillten Sand, den Wasserläufen und den vorgelagerten Inseln erhebt sich ein unglaublich klarer, weiter Himmel, von flachen Wolken durchzogen, färbt sich tief orange mit ein paar Silhouetten von Booten, einem Fischer oder Stangen im Vordergrund. Er macht mich stumm. Ich bin überwältigt. Im Hintergrund flackern die Lichter des Dorfes und noch weiter weg meine ich die des Flughafens von Faro zu sehen, wo ich gestern Nacht gelandet bin.Read more