Sonnenuntergang bei Saint-Malo
11 augusti, Frankrike ⋅ 🌬 24 °C
Nach unserem Ausflug ging es erst einmal zurück ins Hotel. Der Nachmittag war ganz dem Urlaub gewidmet: nichts mehr müssen, einfach ein bisschen chillen. Tamara zog es natürlich noch einmal an den Strand und ins Meer. Lange konnte man den Strand allerdings nicht genießen – die Flut kam immer weiter herein, bis von unserem schönen breiten Sandstrand praktisch nichts mehr übrig war. Wo ein paar Stunden vorher noch Handtücher lagen und Leute spazieren gingen, war plötzlich nur noch Wasser. Saint-Malo und seine gewaltigen Gezeiten noch einmal live.
Am Abend liefen wir wieder in die Altstadt. Noch einmal gemütlich essen, ein Fläschchen Wein dazu und einfach den letzten Abend genießen. Danach zurück Richtung Hotel und an den Strand. Dort bekamen wir zum Abschied noch einen wunderschönen Sonnenuntergang über dem Meer. Ein perfekter Abschluss unserer Tage in Saint-Malo.
Allzu spät wurde es trotzdem nicht. Urlaub heißt bei uns schließlich nicht unbedingt ausschlafen. Am nächsten Morgen ging es wieder früh raus. Gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang – und das Wasser war inzwischen auch wieder ordentlich da. Also noch einmal die Drohne gestartet und Saint-Malo, Strand und Meer im ersten Morgenlicht von oben angeschaut. Eine richtig schöne, ruhige Stimmung und ein würdiger letzter Blick auf die Bretagne.
Dann hieß es endgültig: Sachen packen, ins Auto und Richtung Heimat. Ganz nach Hause geht es heute allerdings noch nicht. Vor uns liegt erst einmal eine längere Etappe quer durch Nordfrankreich. Unser nächstes Ziel: Reims in der Champagne.
Die Bretagne liegt damit hinter uns – jetzt geht es langsam wieder ostwärts. Und natürlich nicht einfach nur auf direktem Weg nach Hause. Ein bisschen Frankreich kommt noch.Läs mer
Omaha Beach
12 augusti, Frankrike ⋅ ☀️ 23 °C
Heute Morgen ging es zum Omaha Beach – ein geschichtsträchtiger Ort, bei dem schon einige Gefühle aufkommen.
Bereits bei der Ankunft war die Geschichte überall präsent. Kleine Museen, alte amerikanische Panzer, Militärfahrzeuge und zahlreiche Gedenkstätten. Dann standen wir direkt am Strand. Heute ein wunderschöner, breiter und friedlicher Sandstrand mit einigen Besuchern – kaum vorstellbar, was sich hier am 6. Juni 1944, dem D-Day, abgespielt hat.
Omaha Beach war einer der fünf alliierten Landungsabschnitte in der Normandie und wurde zum blutigsten der amerikanischen Strände. Am frühen Morgen landeten hier vor allem Soldaten der amerikanischen 1. und 29. Infanteriedivision. Vieles ging schief: Die vorausgegangenen Bombardierungen hatten die deutschen Stellungen kaum getroffen, zahlreiche Schwimmpanzer sanken im aufgewühlten Meer und viele Landungsboote erreichten nicht die vorgesehenen Stellen.
Die deutschen Verteidiger lagen in gut ausgebauten Stellungen oberhalb des Strandes. Bunker, Maschinengewehre, Artillerie, Minen und Hindernisse deckten die wenigen Ausgänge vom Strand. Neben der deutschen 716. Infanteriedivision befanden sich hier überraschend auch kampferfahrene Soldaten der 352. Infanteriedivision. Als sich die Rampen der amerikanischen Landungsboote öffneten, gerieten viele Soldaten sofort unter schweres Feuer.
Für die Amerikaner wurde der Strand zu „Bloody Omaha“. Rund 2.400 amerikanische Soldaten wurden an diesem Tag getötet, verwundet oder galten als vermisst. Teilweise lagen ganze Einheiten am Strand fest. Trotzdem gelang es kleinen Gruppen, die Hänge hinaufzukommen, deutsche Stellungen zu umgehen und von hinten anzugreifen. Bis zum Abend hatten die Amerikaner einen schmalen Brückenkopf erkämpft.
Aber natürlich starben an diesem Tag nicht nur Amerikaner. Auch auf deutscher Seite gab es viele Tote und Verwundete. Eine genaue Zahl nur für Omaha Beach lässt sich kaum bestimmen. Für die beteiligte 352. Infanteriedivision werden für den gesamten D-Day etwa 1.200 Tote, Verwundete und Vermisste genannt, allerdings kämpfte sie nicht ausschließlich am Omaha Beach. Auch viele der deutschen Soldaten hier waren sehr jung. Andere waren ältere Reservisten oder sogenannte Osttruppen aus verschiedenen Teilen Europas und der Sowjetunion. Für sie bedeutete dieser Morgen ebenfalls Angst, Verwundung und Tod.
Heute erinnern Denkmäler direkt am Strand und im Meer an die Ereignisse. Oberhalb des Omaha Beach liegt außerdem der riesige amerikanische Soldatenfriedhof von Colleville-sur-Mer mit 9.389 Gräbern amerikanischer Gefallener der Kämpfe in der Normandie.
Wenn man heute dort steht, auf das ruhige Meer schaut und diesen endlos wirkenden Strand entlangblickt, ist kaum vorstellbar, welches Drama sich hier vor mehr als 80 Jahren abgespielt hat.Läs mer
Rouen
12 augusti, Frankrike ⋅ ☀️ 30 °C
Meine Sammelwut nach Starbucks-Tassen hat uns heute nach Rouen geführt. Eigentlich nur deshalb. Ich hatte gesehen, dass es hier einen Starbucks mit einer Tasse gibt – von Rouen selbst hatte ich vorher ehrlich gesagt noch nie wirklich etwas gehört.
Schon auf der Karte sah die Lage interessant aus. Rouen liegt mitten im Tal der Seine, die hier in großen Schleifen durch die Landschaft zieht. Als wir näher kamen, wurde es richtig spektakulär: Auf einer Seite der Seine tauchten diese fast weißen Kalksteinfelsen auf, die steil aus dem grünen Tal herausragen, dazwischen der breite Fluss und dann plötzlich eine ziemlich große Stadt. Das hatten wir so überhaupt nicht erwartet.
Direkt an der Seine haben wir einen Parkplatz gefunden und sind zu Fuß in die Innenstadt gelaufen. Und da kam eigentlich schon die nächste Überraschung: Rouen ist richtig schön.
Über allem steht natürlich die Kathedrale Notre-Dame. Und die ist wirklich gewaltig. Der Bau der heutigen gotischen Kathedrale begann Mitte des 12. Jahrhunderts auf den Resten eines romanischen Vorgängerbaus. Rund hundert Jahre später war der wesentliche Bau fertig, danach wurde aber über Jahrhunderte immer wieder erweitert, verändert und ergänzt. Deshalb kann man an der Fassade praktisch die Entwicklung der Gotik vom 12. bis zum frühen 16. Jahrhundert ablesen.
Besonders verrückt ist der große Vierungsturm. Seine gusseiserne Spitze wurde erst im 19. Jahrhundert aufgesetzt und reicht bis auf 151 Meter Höhe. Damit war die Kathedrale von Rouen Ende des 19. Jahrhunderts sogar für einige Jahre das höchste Gebäude der Welt. Auch die sogenannte Tour de Beurre, der „Butterturm“, fällt sofort auf. Der Name geht der Überlieferung nach darauf zurück, dass ein Teil des Baus mit Geldern finanziert wurde, die Gläubige dafür zahlten, während der Fastenzeit Butter essen zu dürfen.
Wir sind natürlich auch hineingegangen und haben uns eine ganze Weile Zeit genommen. Innen wirkt die Kathedrale noch einmal ganz anders: riesige Pfeiler, hohe Gewölbe, viel Licht durch die alten Fenster und trotzdem diese ruhige, fast etwas mystische Stimmung.
Und hier liegt richtig viel europäische Geschichte begraben. Unter anderem befindet sich hier das Grab von Rollo, dem Wikingerführer und Begründer des Herzogtums Normandie. Auch Richard Löwenherz ist mit Rouen verbunden. Sein Körper wurde zwar anderswo bestattet, sein Herz ließ man aber in Rouen beisetzen. In der Kathedrale kann man außerdem die Entwicklung der Glasmalerei vom 13. Jahrhundert bis in die Neuzeit verfolgen.
Weltberühmt wurde die Kathedrale schließlich noch einmal durch Claude Monet. In den 1890er-Jahren malte er sie ungefähr 30-mal – immer wieder dieselbe Fassade, aber zu unterschiedlichen Tageszeiten, bei anderem Wetter und anderem Licht. Ihm ging es weniger um die Kathedrale selbst als darum, wie sich Licht und Farbe ständig verändern. Heute gehört diese Serie zu den bekanntesten Werken des Impressionismus.
Aber Rouen ist natürlich viel älter als seine Kathedrale. Schon die Römer hatten hier mit Rotomagus eine bedeutende Stadt. Später kamen die Wikinger die Seine hinauf. Im Jahr 911 erhielt Rollo vom französischen König das Gebiet um Rouen – daraus entwickelte sich das Herzogtum Normandie. Rouen wurde dessen Hauptstadt und eines der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Zentren des mittelalterlichen Frankreichs.
Nach der normannischen Eroberung Englands 1066 lag Rouen plötzlich mitten in einem Machtgebiet, das sich über beide Seiten des Ärmelkanals erstreckte. Handel und Wohlstand nahmen enorm zu. Im Mittelalter war Rouen zeitweise eine der größten und reichsten Städte Frankreichs.
Und dann natürlich Jeanne d’Arc. Während des Hundertjährigen Krieges war Rouen von den Engländern besetzt. Jeanne d’Arc wurde hier gefangen gehalten, vor ein Kirchengericht gestellt und am 30. Mai 1431 auf dem Place du Vieux-Marché als Ketzerin verbrannt. Sie war gerade einmal 19 Jahre alt. Nur wenige Jahrzehnte später wurde das Urteil aufgehoben, und heute ist Jeanne d’Arc französische Nationalheldin und Heilige. Ihre Geschichte begegnet einem in Rouen praktisch überall.
Beim Schlendern durch die Innenstadt merkt man aber auch, wie reich Rouen später gewesen sein muss. Überall stehen alte Fachwerkhäuser, teilweise mehrere hundert Jahre alt, dazwischen gotische Kirchen und enge Gassen. Rouen besitzt noch heute eine außergewöhnlich große Zahl historischer Fachwerkhäuser. Dazu kommt der berühmte Gros-Horloge, die große astronomische Uhr aus dem späten Mittelalter beziehungsweise der Renaissance, die über einer der wichtigsten Fußgängerstraßen hängt.
Dabei hatte Rouen im Zweiten Weltkrieg schwer gelitten. Vor allem 1944 wurden große Teile der Stadt durch alliierte Bombenangriffe zerstört. Auch die Kathedrale wurde mehrfach getroffen und schwer beschädigt. Dass heute trotzdem noch so viel historische Bausubstanz erhalten oder wiederhergestellt ist, macht die Innenstadt umso beeindruckender.
Und dann kam der eigentliche Grund unseres Besuchs: Starbucks.
Reingegangen, nach der Rouen-Tasse geschaut – und plötzlich standen da Tassen aus der ganzen Region. Nicht eine, sondern eine ganze Auswahl. Das war natürlich gefährlich.
Am Ende sind wir mit acht neuen Tassen wieder herausgekommen.
Acht!
Damit ist die Frankreich-Sammlung inzwischen tatsächlich fast vollständig. Manchmal muss Sammelwut eben auch für etwas gut sein. Ohne die Starbucks-Tasse wären wir wahrscheinlich einfach an Rouen vorbeigefahren und hätten eine der schönsten Überraschungen unserer Reise verpasst.
Dass Rouen so groß und bedeutend ist, hatten wir ebenfalls überhaupt nicht auf dem Schirm. Die Stadt selbst hat knapp 118.000 Einwohner, aber das täuscht gewaltig. Das zusammenhängende Stadtgebiet kommt auf rund 480.000 Menschen, die Métropole Rouen Normandie auf gut eine halbe Million.
Der Grund für die Bedeutung liegt wieder einmal an der Seine. Obwohl Rouen ungefähr 120 Kilometer vom Meer entfernt liegt, können große Seeschiffe den Fluss bis hierher befahren. Dadurch ist Rouen seit Jahrhunderten Hafen-, Handels- und Industriestadt und bildet heute gemeinsam mit Le Havre und Paris den großen Hafenverbund entlang der Seine.
Besonders beeindruckend: Rouen ist heute der wichtigste Getreideexporthafen Westeuropas. In der Getreidesaison 2025/26 wurden über die Terminals von Rouen rund 8,4 Millionen Tonnen Getreide verschifft – mehr als die Hälfte der gesamten französischen Getreideexporte auf dem Seeweg. Das erklärt im Nachhinein auch die riesigen Agrarflächen und Getreidefelder, durch die wir in den vergangenen Tagen immer wieder gefahren sind. Ein erheblicher Teil dieser Ernten gelangt über die Seine und Rouen in die Welt.
Daneben ist die Region traditionell stark in Logistik, Chemie, Energie, Lebensmittelindustrie und weiteren Industriezweigen. Die eigentliche Innenstadt ist heute dagegen vor allem Verwaltungs-, Handels-, Hochschul-, Gesundheits- und Dienstleistungszentrum. Allein innerhalb Rouens gibt es rund 90.000 Arbeitsplätze – erstaunlich viel für eine Stadt mit nur knapp 118.000 Einwohnern. Rouen zieht also jeden Tag sehr viele Menschen aus der gesamten Metropolregion zum Arbeiten, Einkaufen und Studieren an.
Und offenbar zieht die Stadt inzwischen auch wieder Menschen zum Wohnen an: Zwischen 2017 und 2023 ist die Einwohnerzahl Rouens im Durchschnitt um gut ein Prozent pro Jahr gewachsen. Für eine alte französische Industriestadt ist das durchaus bemerkenswert.
Wir sind anschließend einfach noch ein bisschen durch die Fußgängerzone geschlendert, vorbei an den alten Fachwerkhäusern, Kirchen, kleinen Plätzen und Geschäften. Eigentlich hatten wir überhaupt keine Zeit für Rouen eingeplant – und genau das war am Ende schade.Läs mer

ResenärOkay, wir fragen uns die ganze Zeit, was zum Geier man mit irgendwelchen Tassen anfangen soll, dafür war Rouen für uns der schon lange angedachte Höhepunkt unserer letztjährigen Seine-Kreuzfahrt 😎. Wohl nicht aufmerksam genug unsere Footprints geguckt 😇
Sonnenfinsternis im Château
12 augusti, Frankrike ⋅ ☀️ 33 °C
Nach unserer überraschend schönen Entdeckung von Rouen ging es weiter Richtung Osten. Noch einmal einige Kilometer durch Frankreich, bis wir am Abend schließlich in Reims angekommen sind. Viel Programm war für heute nicht mehr geplant. Erst einmal im Hotel angekommen, ein bisschen gechillt und dann ging es auch schon zum Abendessen.
Dafür hatten wir uns gleich eine ziemlich passende Adresse für unseren ersten Abend in der Champagne ausgesucht: das Domaine Les Crayères mit seinem Restaurant Le Parc. Das elegante Château liegt mitten in einem großen Park etwas außerhalb des Zentrums von Reims und gehört zu den bekanntesten Luxushotels der Champagne. Das Anwesen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts für die Familie Pommery errichtet und ist heute eine der großen gastronomischen Adressen der Region.
Wir durften zunächst draußen auf der Terrasse sitzen und natürlich gab es erst einmal ein Glas Champagner. Damit war endgültig klar: Wir sind in der Champagne angekommen. Herrliche Ruhe, der Park vor uns, das Château im Rücken und ein hervorragender Champagner in der Hand.
Die Sonnenfinsternis hatten wir während der ganzen Fahrerei tatsächlich fast völlig vergessen. Im Château hatte man sie dagegen auf dem Schirm. Dort waren sogar spezielle Schutzbrillen für die Gäste vorbereitet worden. Also saßen wir mit unserem Champagner auf der Terrasse, bekamen unsere Brillen und konnten tatsächlich noch die Sonnenfinsternis beobachten. Schon eine ziemlich außergewöhnliche Kombination: erster Abend in Reims, Champagner im Glas, ein französisches Château im Rücken und über uns verschwindet langsam ein Teil der Sonne.
Danach ging es zum eigentlichen Abendessen ins Le Parc. Das Restaurant gehört mit zwei Michelin-Sternen zu den besten Adressen der Champagne. Entsprechend groß ist natürlich auch das Thema Wein. Les Crayères besitzt einen gewaltigen Weinkeller mit Zehntausenden Flaschen und einer beeindruckenden Auswahl an Champagnern. Viel regionaler geht ein Abendessen eigentlich kaum.
Das Essen war dann auch hervorragend. Sehr fein, sehr elegant, aber trotzdem ein entspannter Abend. Dazu natürlich noch der passende Wein und Champagner – schließlich muss man sich der Region ja anpassen. Und Frau Gerner hat sich noch ihren Hummer bekommen. Jetzt ist alles gut.
Reims selbst ist eine der geschichtlich bedeutendsten Städte Frankreichs. Schon die Römer machten das damalige Durocortorum zu einer wichtigen Stadt Galliens. Später wurde Reims zur Krönungsstadt der französischen Könige. Über Jahrhunderte wurden in der Kathedrale Notre-Dame die Könige Frankreichs gekrönt. Die gewaltige gotische Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert gehört heute zum UNESCO-Welterbe und ist eines der bedeutendsten Bauwerke Frankreichs.
Und natürlich ist Reims zusammen mit Épernay das Zentrum des Champagners. Einige der berühmtesten Häuser der Welt haben hier ihren Sitz: unter anderem Veuve Clicquot, Pommery, Taittinger, Ruinart und Krug. Unter der Stadt befinden sich kilometerlange Kreidestollen, die teilweise schon von den Römern angelegt wurden und heute perfekte Bedingungen für die Lagerung und Reifung von Millionen Champagnerflaschen bieten.Läs mer
Reims
13 augusti, Frankrike ⋅ ☀️ 19 °C
Heute hieß es noch einmal früh aufstehen. Bevor es endgültig Richtung Heimat ging, wollten wir Reims am Morgen erleben. Ein Stück sind wir mit dem Auto in die Stadt gefahren, dann zu Fuß weiter zur Kathedrale. Und das frühe Aufstehen hat sich mehr als gelohnt: Die Kathedrale hatte gerade erst geöffnet und wir waren tatsächlich fast die Ersten. Für eine ganze Weile hatten wir dieses gigantische Bauwerk praktisch für uns allein.
Was für eine Kirche! Die Cathédrale Notre-Dame de Reims gehört zu den bedeutendsten gotischen Kathedralen Frankreichs. Mit ihren beiden rund 81 Meter hohen Türmen, einer Länge von fast 150 Metern und einem Mittelschiff, das sich fast 40 Meter in die Höhe zieht, wirkt sie schon von außen gewaltig. Gleichzeitig ist die Fassade unglaublich filigran. Überall Figuren, kleine Szenen, Wasserspeier, Heilige, Engel und Könige. Besonders berühmt ist der lächelnde Engel, der „Ange au Sourire“, der zu einem Wahrzeichen von Reims geworden ist.
Der heutige Bau entstand größtenteils ab 1211, nachdem ein Brand den Vorgängerbau zerstört hatte. Gebaut wurde über viele Jahrzehnte hinweg im Stil der französischen Hochgotik. Auffällig sind die riesigen Fensterflächen: Die Baumeister reduzierten die massiven Wände immer stärker und ließen das Gewicht über Pfeiler und Strebebögen nach außen ableiten. Dadurch konnte das Innere mit Licht gefüllt werden – und genau das merkt man, wenn man morgens fast alleine in diesem riesigen Raum steht.
Besonders beeindruckend waren für uns die farbigen Fenster. Neben den historischen Glasfenstern gibt es auch moderne Kunst. Berühmt sind die drei Fenster von Marc Chagall in der Achskapelle. Sie wurden 1974 eingesetzt und leuchten vor allem in intensiven Blau-, Grün- und Rottönen. Erstaunlicherweise wirken sie überhaupt nicht wie ein Fremdkörper, sondern passen wunderbar in die mittelalterliche Architektur. Dazu kommen weitere moderne Fenster, unter anderem von Imi Knoebel. Gerade diese Mischung aus Mittelalter und moderner Kunst macht die Kathedrale besonders.
Reims war aber nicht irgendeine große Kirche. Über Jahrhunderte war die Kathedrale die Krönungskirche der französischen Könige. Der Überlieferung nach wurde hier bereits um 496 der Frankenkönig Chlodwig von Bischof Remigius getauft. Später wurden hier über Jahrhunderte hinweg die französischen Monarchen gekrönt. Besonders berühmt ist die Krönung Karls VII. im Jahr 1429, zu der Jeanne d’Arc ihn nach Reims begleitete. Wer hier durch das Kirchenschiff läuft, steht also an einem der symbolträchtigsten Orte der französischen Geschichte.
Dass die Kathedrale heute überhaupt so prachtvoll dasteht, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Ersten Weltkrieg lag Reims unmittelbar hinter der Front. 1914 wurde die Kathedrale von deutscher Artillerie getroffen, das Dach geriet in Brand und große Teile des Gebäudes und der Ausstattung wurden schwer beschädigt. Die Bilder der brennenden Kathedrale gingen damals um die Welt. Nach dem Krieg begann eine jahrzehntelange Restaurierung. Unter anderem half die amerikanische Rockefeller-Stiftung bei der Finanzierung. Das Dach wurde neu aufgebaut und dabei teilweise mit moderneren, feuerfesteren Konstruktionen versehen. Restauriert wird bis heute immer wieder – bei einem Bauwerk dieser Größe ist das eigentlich eine Daueraufgabe.
Umso schöner war dieser Morgen. Keine Menschenmassen, kein Stimmengewirr, keine Reisegruppen. Nur wir, das Licht durch die bunten Fenster und diese unglaubliche Höhe über uns. Man konnte einfach stehen bleiben und den Raum wirken lassen. Eine ganz besondere Stimmung und wahrscheinlich eine der schönsten Arten, diese Kathedrale zu erleben.
Danach sind wir noch ein bisschen durch Reims geschlendert. Die Stadt hat rund 180.000 Einwohner, im größeren Ballungsraum leben deutlich mehr als 300.000 Menschen. Damit ist Reims die größte Stadt des Départements Marne und eines der wichtigsten Zentren der Champagne. Historisch war die Stadt schon zur Römerzeit bedeutend; damals hieß sie Durocortorum und gehörte zu den größten Städten im römischen Gallien. Noch heute erinnert unter anderem die Porte de Mars, ein gewaltiger römischer Triumphbogen, an diese Zeit.
Heute lebt Reims natürlich ganz wesentlich vom Champagner. Einige der berühmtesten Champagnerhäuser der Welt haben hier ihren Sitz und unter der Stadt erstreckt sich ein riesiges Netz aus Kellern und Stollen. Besonders außergewöhnlich sind die sogenannten „Crayères“, ehemalige Kreidesteinbrüche aus gallorömischer Zeit, die heute teilweise kilometerweit unter der Stadt verlaufen und ideale Bedingungen für die Lagerung von Champagner bieten. Gemeinsam mit den Weinbergen und den Champagnerhäusern gehören sie seit 2015 zum UNESCO-Welterbe. Neben Champagner und Tourismus ist Reims aber auch ein wichtiges regionales Zentrum für Handel, Dienstleistungen, Universität und Lebensmittelindustrie.
Für uns blieb am Ende noch etwas sehr Französisches: beim Bäcker ums Eck einkaufen. Noch einmal frisches Brot und köstliche Sachen aus einer französischen Boulangerie mitgenommen – Reiseproviant kann schließlich auch gut sein.
Und dann war es tatsächlich so weit. Nach all den Kilometern, Städten, Küsten, Stränden, Leuchttürmen, Schlössern, Weinbergen, Restaurants und unzähligen Eindrücken ging es raus aus Reims und endgültig Richtung Heimat.
Jetzt geht’s wirklich heim.Läs mer
Metz
13 augusti, Frankrike ⋅ ☀️ 28 °C
Einen Stopp haben wir dann doch noch eingelegt. Auf dem Weg von Reims Richtung Heimat sind wir nach Metz reingefahren.
Schon während der Fahrt hatten wir uns ausführlich mit der Geschichte dieser ganzen Region beschäftigt. Lothringen ist wirklich eine dieser Gegenden Europas, in denen Grenzen nie etwas Selbstverständliches waren. Frankreich, deutsche Staaten, das Deutsche Reich und wieder Frankreich – über Jahrhunderte wechselten Herrschaften, Sprachen und Zugehörigkeiten. Dazu die großen Kriege zwischen beiden Ländern, 1870/71, der Erste und der Zweite Weltkrieg. Wenn man heute so friedlich durch diese Landschaft fährt, ist kaum vorstellbar, wie oft genau hier um Grenzen und nationale Zugehörigkeit gekämpft wurde.
Metz erzählt diese Geschichte besonders eindrucksvoll. Die Stadt hat heute rund 120.000 Einwohner und liegt an der Mosel, unweit der deutschen und luxemburgischen Grenze. Schon die Römer machten das damalige Divodurum zu einer bedeutenden Stadt. Im Mittelalter entwickelte sich Metz zu einer wohlhabenden freien Reichsstadt und gehörte lange zum Heiligen Römischen Reich. Im 16. Jahrhundert geriet die Stadt unter französische Kontrolle und wurde schließlich auch offiziell Teil Frankreichs.
Besonders spannend wurde es nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Metz kam zusammen mit großen Teilen Elsass-Lothringens zum neu gegründeten Deutschen Reich. Die Stadt wurde zu einem wichtigen deutschen Militärstandort und stark ausgebaut. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Metz 1918 wieder zu Frankreich, wurde im Zweiten Weltkrieg erneut von Deutschland annektiert und ist seit 1944 endgültig französisch.
Und genau diese Geschichte sieht man bis heute im Stadtbild. Auf der einen Seite gibt es das ältere, sehr französisch wirkende Metz mit engen Straßen, Plätzen und hellen Natursteinfassaden. Darüber thront die gewaltige gotische Kathedrale Saint-Étienne, eine der höchsten gotischen Kirchen Frankreichs. Berühmt ist sie vor allem für ihre riesigen Glasflächen – insgesamt rund 6.500 Quadratmeter. Einige der modernen Fenster stammen sogar von Marc Chagall, dessen Glasfenster wir am Morgen schon in der Kathedrale von Reims bewundert hatten.
Dann gibt es aber noch ein ganz anderes Metz. Rund um den Hauptbahnhof entstand während der deutschen Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts die sogenannte Neustadt, das heutige Quartier Impérial. Plötzlich wirkt die Architektur viel massiver und irgendwie deutscher: große Verwaltungsgebäude, breite Straßen, Sandstein, neoromanische und historistische Fassaden. Besonders der monumentale Hauptbahnhof stammt aus dieser Zeit. Kaiser Wilhelm II. wollte hier ganz bewusst zeigen, dass Metz nun eine bedeutende Stadt des Deutschen Reiches war.
Dadurch wirkt Metz tatsächlich fast wie zwei Städte nebeneinander. Hier das ältere französische Metz, dort das wilhelminische Metz aus der deutschen Epoche. Gerade wenn man vorher die Geschichte der Region gehört hat, bekommt dieser Unterschied plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Architektur wird hier praktisch zum Geschichtsbuch.
Auch landschaftlich liegt Metz an einer alten europäischen Schnittstelle. Die Mosel fließt von den Vogesen über Metz und Luxemburg weiter nach Deutschland, vorbei an Trier und schließlich zum Rhein bei Koblenz. Heute fährt man völlig selbstverständlich über diese Grenzen. Vor gut hundert Jahren wären viele dieser wenigen Kilometer politisch und militärisch eine ganz andere Welt gewesen.
So wurde Metz noch einmal ein überraschend passender letzter Stopp unserer Reise. Keine lange Besichtigung mehr, sondern ein kurzer Blick auf eine Stadt, in der man die komplizierte gemeinsame Geschichte von Deutschland und Frankreich ungewöhnlich deutlich sehen kann.
Und danach ging es wirklich weiter Richtung Heimat. Nach all den Tagen zwischen Baskenland, Atlantik, Bordeaux, Loire, Bretagne, Normandie, Reims und schließlich Lothringen hatten wir Frankreich einmal ziemlich gründlich von Südwesten bis zur deutschen Grenze durchquert. Metz war dafür irgendwie der richtige Schlusspunkt.Läs mer

ResenärWir haben vor einiger Zeit in Metz eine Tour durch Nordfrankreich gestartet, ein guter Ort für solch einen Punkt. Kommt gut nach Hause 👍
Wieder zu Hause!
13 augusti, Tyskland ⋅ ☀️ 31 °C
Acht Tage unterwegs. 16 neue Tassen im Schrank. Unser Bus war fast 5500 km unterwegs, wir 3000 km die letzte Woche.
Heute zu Hause ausschnaufen. Morgen geht’s schon wieder weiter aufs verlängerte Wochenende.Läs mer















































































































































