• auf der Blauen Donau

    26 сентября 2025 г., Словакия ⋅ ☁️ 15 °C

    Wir folgen der Donau auf dem Weg nach Bratislava. Der Fluss begleitet uns wie ein silbernes Band, mal eng zwischen Hängen eingezwängt, mal breit und träge wie ein See. Hier schlägt das Herz Europas – und doch wird die Donau oft übersehen.

    Mit ihren 2.850 Kilometern ist sie nach der Wolga der zweitlängste Fluss Europas. Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 800.000 km² – vom Schwarzwald und von den Alpen bis in die Karpaten, von Baden-Württemberg bis ans Schwarze Meer. Unterwegs passiert sie zehn Länder und verbindet mehr Sprachen, Kulturen und Geschichten als jeder andere Strom: Deutsch, Ungarisch, Slowakisch, Serbisch, Rumänisch, Bulgarisch, Ukrainisch – mehr als 20 Sprachen klingen im Donauraum.

    Wir stellen uns vor, wie viel Wasser hier unterwegs ist: Im ganzen Fluss „stehen“ im Moment geschätzt 18 km³ Wasser – weniger als im Bodensee, der allein 48 km³ speichert. Und doch trägt die Donau gewaltige Mengen fort: Etwa alle drei Monate fließt durch sie ein kompletter Bodensee ins Schwarze Meer.

    Die Donau ist nicht nur ein Fluß, sondern auch von den Menschen geregelt. Pegelstationen messen ständig den Wasserstand, Staustufen und Kraftwerke halten den Fluss schiffbar und liefern Strom. Wasserentnahmen für Trinkwasser, Landwirtschaft und Industrie werden national genehmigt, aber im Rahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie und durch die Internationale Kommission zum Schutz der Donau IKSF abgestimmt. So bleibt der Fluss Verkehrsader, Energiequelle, Lebensraum und Trinkwasserreservoir zugleich.

    Unterwegs sichern rund 70 Schleusen den Schiffsverkehr. Mehr als 2.400 Kilometer sind schiffbar – eine Wasserstraße, die Kehlheim mit dem Schwarzen Meer verbindet. Aber die Donau ist nicht nur Verkehrsträger. Sie ist seit jeher Grenze und Brücke zugleich: Römer gegen Barbaren, Habsburger gegen Osmanen, EU und Nicht-EU.

    Kulturell ist sie Inspiration pur. Wir denken an Johann Strauß und seinen „Donauwalzer“, der ihr den Beinamen „Blaue Donau“ schenkte. Wer am Ufer sitzt, sieht tatsächlich dieses besondere Schimmern – im Morgenlicht tiefblau, mittags silbrig, abends golden. Kein Wunder, dass sie Dichter, Maler und Musiker seit Jahrhunderten verzaubert.

    Über 80 Millionen Menschen leben im Donauraum – Bürger, Händler, Künstler, Studenten, viele Bauern im agrarisch strukturierten Südosten. Ein Mosaik Europas, das hier zusammenfließt wie die Strömungen des Flusses.

    Während wir nach Bratislava navigieren, spüren wir: Die Donau ist nicht nur ein Fluss. Sie ist eine von Europas große Erzählungen – bewegend, verbindend, immer in Bewegung.
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  • der Donau und der Zukunft zugewandt

    26 сентября 2025 г., Словакия ⋅ ☁️ 16 °C

    Wir sind in Bratislava, der Hauptstadt der kleinen, jungen Slowakei – und sofort spüren wir die Gegensätze. Auf der einen Seite ragen moderne Hochhäuser direkt an der Donau in den Himmel. Gleich dahinter führt uns ein kurzer Spaziergang in die bezaubernde Altstadt, wo enge Gassen, pastellfarbene Fassaden und wundervolle historische Cafés zum Verweilen einladen.

    Das Gebäude der Kormuth-Konditorei hat eine über 400-jährige Geschichte.
    Der Stil, die Ausstattung mit Antiquitäten und Renaissance-Fresken sowie Originalmöbel stammen aus dem 16.–19. Jahrhundert.

    Wir sind beeindruckt von der Hochhaus Skyline direkt an der Donau. Eine solche moderne Stadt, der Donau und der Zukunft zugewandt, würden wir uns in Deutschland sehr wünschen.

    Die Stadt wirkt jung. Überall begegnen wir Studierenden, Universitätsgebäuden und Plakaten für Wissenschaft und Forschung – wie hier zur „Noc Vedy“, der Nacht der Wissenschaft. Bratislava zeigt sich der Zukunft zugewandt, neugierig und offen.

    Bratislava war ein Schmelztiegel der Kulturen. Der Rabbiner Chatam Sofer machte die Stadt zum Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Zur jüdischen Gemeinde Pressburgs gehörte auch Simon Michel Abraham Pressburg, um 1700 Vorsteher der Gemeinde und kaiserlicher Hoflieferant. Spannend für uns: Er ist ein direkter Vorfahre von Heinrich Heine und Karl Marx – zwei Persönlichkeiten, die Europas Geistesgeschichte geprägt haben.

    Und doch trägt die Stadt auch Lasten der jüngeren Vergangenheit. Am Stadtrand ragt die Raffinerie Slovnaft auf – Sinnbild der industriellen Abhängigkeit, bis heute Zeit stark von russischem Öl über die Druschba-Pipeline gespeist. Früher galt es als Fortschritt, wenn die Schlote qualmten und der Rauch den Himmel verdunkelte. Heute wissen wir, wie viel Dreck damit verbunden war – Millionen Tonnen CO₂, Schwefel, Ruß. Bratislava arbeitet daran, sich aus dieser alten Abhängigkeit zu lösen. Aber die reaktionären Kräfte sind stark, Wandel ist mühselig.

    Gerade dieser Kontrast macht den Reiz der Stadt aus: futuristische Wissenschaft und alte Industrie, Glasfassaden und barocke Kirchen, internationale Botschaften dicht an dicht in winzigen Straßen. All das nur eine Stunde von Wien entfernt – und doch eine ganz eigene Welt, die hier lebendig wird.
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  • Wachau

    27 сентября 2025 г., Австрия ⋅ ☀️ 14 °C

    Heute starten wir den Tag in Dürrstein in der Wachau, wo die Sonne schon früh die Weinberge in goldenes Licht taucht. Nach dem Frühstück brechen wir auf und folgen der Donau Richtung Melk – unser Ziel ist das weltberühmte Stift Melk, das wie eine Krone über dem Fluss thront.

    Im Kaiserflügel betreten wir die Dauerausstellung, die uns Raum für Raum durch die Jahrhunderte führt. Wir begegnen den frühen Markgrafen, allen voran Leopold I., der im Jahr 976 als erster Babenberger die „Mark an der Donau“ übernahm. Von hier aus beginnt die Geschichte des späteren Österreich. Die Babenberger, deren Name mit Bamberg in Oberfranken verbunden wird, prägen die Region nachhaltig. Besonders spannend finden wir den Moment, als die Markgrafschaft 1156 durch das Privilegium minus zum eigenständigen Herzogtum aufsteigt – ein Meilenstein in der österreichischen Geschichte.

    Zwischen historischen Urkunden, Wappen und Stämmen erfahren wir auch, dass das Nordufer der Donau im frühen Mittelalter vom Raum Passau aus besiedelt wurde. Diese enge Verbindung nach Bayern spiegelt sich bis heute in Symbolen wie der Bayernraute wider, die in manchem Wappen auftaucht und an die alten Grenz- und Herrschaftsverflechtungen erinnert.

    Im prachtvollen Marmorsaal verweilen wir lange – über uns das Fresko mit Himmelsallegorien, vor uns die Fenster mit dem unvergleichlichen Blick auf die Donau. In der Bibliothek atmen wir den Duft von Jahrhunderten, tausende Bücher reihen sich in geschnitzten Regalen. Schließlich staunen wir in der Stiftskirche, deren barocke Fülle im Goldglanz uns fast überrollt.

    Draußen strahlt echtes Kaiserwetter: die Donau glänzt, die Weinberge leuchten. Wir spazieren durch den Paradiesgarten, vorbei an duftenden Kräutern und alten Mauern, die von Geschichte durchdrungen sind.

    Vom Donauwirt in Emmersdorf führt uns nach einer Weinprobe ein kurzer Fußweg hinüber zum Schiff, wo wir die Eindrücke dieses Vormittags mitnehmen – dankbar für einen perfekten Tag in der Wachau.
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  • zurück in Passau

    28 сентября 2025 г., Германия ⋅ ☀️ 8 °C

    Galadinner, Eisgala, Abschiedscocktails - das volle Programm rundet unsere Flusskreuzfahrt die Donau hinunter ab und jetzt freuen wir uns auf unser Zuhause. Ahoi.

  • Kilometer Null

    6 июля, Германия ⋅ ☁️ 26 °C

    Seit fast 20 Jahren wohnen wir an der Donau. Im vergangenen September sind wir mit dem Flusskreuzfahrtschiff von Passau bis zum Schwarzen Meer gefahren und haben den Fluss aus einer ganz anderen Perspektive erlebt. Nun schließe ich für mich den Kreis und fahre die oberen rund 600 Kilometer der Donau mit dem Fahrrad ab – von ihrer Quelle bis nach Ingolstadt und dann weiter nach Passau.

    Der Start liegt in Donaueschingen, Kilometer Null. Kaum vorstellbar, dass aus diesem im rundem Stein gefassten Wassertopf einmal einer der großen Ströme Europas wird. Hinter Tuttlingen folgt die Donauversickerung – einer der ungewöhnlichsten Orte des Flusses. Hier verschwindet das Wasser stellenweise einfach im Kalkgestein, als würde die Donau eine Pause einlegen.

    Was auf der Karte harmlos aussieht, entpuppt sich im Oberen Donautal als überraschend anspruchsvoll. Mehr Höhenmeter, als ich erwartet hatte, und nach jeder Biegung wartet gefühlt der nächste Anstieg. Die erste Etappe nach Sigmaringen war deutlich anstrengender als gedacht. Umso schöner das Gefühl, das Schloss hoch über der Donau als Tagesziel zu erreichen.

    Fast die gesamte Strecke verläuft auf separaten Radwegen, meist sehr gut ausgeschildert. Man kann sich ganz auf die Landschaft konzentrieren – und auf das gleichmäßige Drehen der Pedale. Heute hat die Donau gezeigt, dass sie sich ihre Bewunderung verdienen lässt.
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  • Sigmaringen

    6 июля, Германия ⋅ ☁️ 26 °C

    Von der Donau führt der Blick hinauf zu diesem steinernen Monument. Man kann sich einer gewissen Faszination kaum entziehen.

    Das Schloss Sigmaringen drängt sich mit einer fast rührenden Hartnäckigkeit in jede Perspektive. Es ist eine architektonische **Melange**, die im Jahr 2026 immer noch als exklusiver Privatbesitz über dem Tal thront, während das Publikum unten den Erhalt dieser imperialen Nostalgie bereitwillig mitfinanziert. Drinnen wandelt man unter den gestrengen Blicken historischer Ahnengalerien und rutscht in Filzpantoffeln an einer der größten privaten Rüstkammern Europas vorbei – einer bizarren Ansammlung von Hellebarden und Prunkwaffen, die weniger von Feingeist als von einem sehr exzentrischen, wehrhaften Familiensinn zeugt.
    Dabei pflegte man hier stets ein ganz eigenes, globales Ambitionsniveau.

    Während die Berliner Verwandtschaft das preußische Säbelrasseln perfektionierte und den Ersten Weltkrieg begann, verlegte man sich in Sigmaringen eher auf das feine Handwerk der geopolitischen Thron-Diplomatie. Dass die spanischen Thronambitionen eines Sigmaringer Prinzen 1870 den Deutsch-Französischen Krieg mitentfesselten oder ein anderer Zweig in Rumänien plötzlich gegen die alte Heimat ins Feld zog, zeigt nur, dass Familiensinn im Hochadel elastisch bleibt, wenn eine Krone lockt.

    Sogar das bizarrste Kapitel der Schlossgeschichte – als das NS-Regime die Hausherren 1944 vor die Tür setzte, um das exilierte französische Vichy-Regime dort einzuquartieren – fügt sich in das Bild dieses Ortes: Er war schon immer eine Bühne für das ganz große, manchmal unheimliche Welttheater.

    Am Ende bleibt beim Blick hinauf zum Schloss die noble Erkenntnis: Es ist ein faszinierendes, eitel glänzendes Relikt einer zerstörerischen Epoche, die längst untergegangen ist – dessen opulente Rechnung aber bis heute glänzend aufgeht - aktuell als Unternehmensgruppe Fürst Hohenzollern.
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  • das trockene Ried

    7 июля, Германия ⋅ 🌬 30 °C

    Die Radetappe von Sigmaringen nach Ulm zeigt die Donau von einer erstaunlich ursprünglichen Seite: In weiten Schleifen darf sie hier noch natürlicher fließen als nach ihrer Begradigung ab Ulm. Doch wer vom Sattel blickt, sieht im Sommer kein unberührtes Naturparadies, sondern ein Ökosystem im Alarmmodus. Statt eines breiten Stroms zieht sich oft nur ein flaches Rinnsal durch das Bett, flankiert von trocken gefallenen Kiesbänken.
    Dieser Wassermangel ist ein fataler Mix aus Geologie und Klimawandel: Da die Donau weiter oben im Sommer oft komplett versickert, kommt in Sigmaringen kaum noch Wasser an. Der Fluss muss sich über regionale Zuflüsse neu speisen – doch auch diese führen wegen ausbleibender Regen kaum noch Nachschub. Gleichzeitig brennt die Sonne auf das flache Wasser, was die Verdunstung extrem anheizt. Da zudem die Winter immer schneearmer werden, fehlt im Frühjahr die Schneeschmelze, um die Grundwasserspeicher aufzufüllen.
    Das stille Drama dieser Austrocknung zeigt sich in den Riedlandschaften vor Ulm, dem Revier der Weißstörche. Zwar sieht man keine toten Tiere am Wegesrand, doch die Folgen sind existentiell: Die für die Jagd auf Frösche und Insekten nötigen Feuchtwiesen sind knochentrocken und hart wie Beton. Die Störche finden kaum noch Nahrung, müssen immer weitere Wege zurücklegen und die Aufzucht des Nachwuchses wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Kurz vor Ulm endet diese Idylle abrupt und die Donau verschwindet in einem künstlichen Korsett aus Staustufen. Eine wunderschöne Radstrecke, die jedoch wie ein Fieberthermometer zeigt, wie spürbar der Klimawandel unsere Landschaft bereits im Griff hat.
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  • Nudging wirkt

    7 июля, Германия ⋅ 🌬 29 °C

    Die Idee von absoluter Freiheit für schlappe zehn Euro klingt verdammt verlockend – dumm nur, dass sie im schlimmsten Fall tödlich endet. Wenn man vor der Werbung für Gauloises steht , wird einem die manipulative Kraft des Marketings wie ein Vorschlaghammer vor Augen geführt. Da prangt das Versprechen von *„Liberté toujours“* (Freiheit immer) direkt über dem gesetzlich erzwungenen, knallharten Dämpfer: *„Rauchen ist tödlich“*. Marketing funktioniert hier über die Sehnsucht nach Rebellion und Unabhängigkeit. Es dockt an unsere tiefsten Wünsche an und verkauft uns ein Gefühl, während das eigentliche Produkt uns schadet.

    Genau dieses psychologische Werkzeug – das Framing, bei dem eine Botschaft emotional aufgeladen wird – lässt sich jedoch hervorragend umdrehen, um den öffentlichen Raum und unser gesellschaftliches Miteinander positiv zu gestalten, ohne direkt die Moralkeule zu schwingen.

    Das Zauberwort hierfür heißt **Nudging** – das sanfte „Schubsen“ von Menschen in eine bestimmte Richtung, ganz ohne Verbote oder erhitzte Debatten. Statt mit erhobenem Zeigefinger Regeln einzufordern, nutzen kuriose Schilder am Wegesrand genau diese sanfte Verhaltenspsychologie. Wenn an einem Mülleimer das Schild *„Müll in Eimer = Aura +100“* prangt, ist das Nudging in Reinform. Es holt die Jugendkultur ab und verwandelt eine lästige Pflicht in ein Spiel, das das eigene Ego aufwertet. Niemand wird gezwungen, aber wer will schon seine „Aura“ verlieren?

    Ähnlich funktioniert das Verkehrsschild in Tuttlingen: Das psychologische Konzept von *„Nicht zu viel Nähe!“* formuliert den fälligen Sicherheitsabstand zu Radfahrern nicht als lästiges Gebot um, sondern framed den Abstand als Gewinn von Sicherheit und Gelassenheit für beide Seiten. Es nimmt dem Autofahrer das Gefühl der Bevormundung.

    Am Ende des Tages zeigt selbst das skurrile Schild *„Kopflose Paddler kreuzen“*, dass Humor und Aufmerksamkeit die besten Werkzeuge sind, um Rücksichtnahme im Alltag zu verankern.

    Und genau hier schließt sich der Kreis zum echten Gemeinwohl. Eine funktionierende Gesellschaft lebt schließlich davon, dass Menschen freiwillig mehr tun, als sie eigentlich müssten – wie es das Wandgemälde vom Roten Kreuz und der Feuerwehr so treffend auf den Punkt bringt.

    Wenn wir die Mechanismen des Marketings und des Nudgings geschickt nutzen, können wir solidarisches Verhalten im öffentlichen Raum wieder attraktiv und spürbar machen. Wir müssen den Einsatz für das Gemeinwohl nicht als anstrengende Pflicht verkaufen, sondern als das, was es ist: der coolste Move für eine Lebenswerte Umgebung, der uns allen am Ende die maximale Freiheit bringt – und das völlig ohne tödliche Nebenwirkungen.
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  • In Ulm...und um Ulm herum

    7 июля, Германия ⋅ ☁️ 30 °C

    Ulm empfängt den erkundenden Radlet mit den schmerzhaften Brüchen einer bewegten Geschichte. Die verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs haben architektonische Narben hinterlassen, die sich kaum übersehen lassen: Wuchtige, seelenlose Betonkästen im Stile der alten Karstadt- oder Kaufhof-Bauten drängen sich klobig in die Innenstadt – funktionale Monumente einer Nachkriegsmoderne, welche die einstige Eleganz der historischen Gassen brutal unterbrechen.

    Doch wer den Schritt verlangsamt, wird reich belohnt. Das monumentale Ulmer Münster ragt nach wie vor majestätisch in den Himmel, auch wenn es in diesem Jahr, 2026, ein Stück weit an stolzer Exklusivität eingebüßt hat. Nach weit über einem Jahrhundert an der Spitze musste es den prestigeträchtigen Titel des höchsten Kirchturms der Welt nun endgültig an die vollendete Sagrada Família in Barcelona abtreten. Ein sanfter Verlust, der der Erhabenheit des gotischen Riesen jedoch keinen Abbruch tut.

    Wendet man sich vom steinernen Herzen der Stadt ab und folgt dem Lauf des Wassers, wandelt sich die Szenerie spürbar. Das malerische Fischerviertel fängt den Betrachter mit seinen windschiefen Fachwerkhäusern, den schmalen Brücken und dem leisen Plätschern der Blau sofort ein. Hier, wo das Wasser die Architektur umspielt, zeigt sich Ulm von seiner charmantesten, intimsten Seite. Und das Schönste daran: Die Stadt hat gelernt, sich wieder bewusst und elegant ihrer Donau zuzuwenden. Statt den Fluss hinter Mauern oder Verkehrsschneisen zu verstecken, öffnet sich Ulm dem Strom, lädt an den grünen Ufern zum Verweilen ein und lässt die urbane Hektik in der sanften Strömung des Flusses verrauchen. Ein Spaziergang, der melancholisch zwischen Betonwänden beginnt und am glitzernden Flussufer versöhnt endet.
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  • Apollo an der Donau

    7 июля, Германия ⋅ ☁️ 29 °C

    Nach schlappen 130 Kilometern im Sattel schwanden die Erschöpfung und die schweren Beine endlich: Ich hatte mein Tagesetappenziel Lauingen erreicht. Kurz vor der Stadt, im Ortsteil Flamingen, machte ich jedoch noch einen Zwischenstopp, der mich direkt in die römische Antike versetzte.

    Wo heute die Brenz gemächlich einmündet, kontrollierten die Römer einst vom Kastell *Phoebiana* aus den strategisch wichtigen Donauübergang. Die Donau war für sie Lebensader, Transportweg und die schützende Flussgrenze des Imperiums. Genau hier erhob sich damals ein Heiligtum: der Apollo-Grannus-Tempel, die größte römische Tempelanlage nördlich der Alpen.

    Ich schaute mir die imposanten, teilrekonstruierten Fundamente an, wo einst die antike Heilkunst Apollos mit dem keltischen Wassergott Grannus verschmolz. Kranke Pilger aus dem ganzen Reich reisten damals für Trinkkuren und Kultbäder hierher – sogar Kaiser Caracalla suchte hier im Jahr 212 Linderung für seine Leiden. Nach meiner Fahrt entlang des von Trockenheit geprägten Oberlaufs der Donau schloss sich hier für mich der Kreis: Das Wasser, das heute in der menschgemachten Hitze schwindet, war für die Römer einst der Quell göttlicher Heilung und weltlicher Macht.
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  • Reichsacht und Donauwörth

    8 июля, Германия ⋅ ☁️ 23 °C

    Donauwörth liegt malerisch am Zusammenfluss von Wörnitz und Donau. Mittelpunkt ist die prächtige Reichsstraße mit ihren Bürgerhäusern, Rathaus und Liebfrauenmünster – Zeugnisse der einst wohlhabenden Freien Reichsstadt. Diese Freiheit endete im konfessionellen Streit: Die protestantische Bürgerschaft, damals eher Trägerin neuer und fortschrittlicher religiöser Ideen, behinderte wiederholt Prozessionen der katholischen, stärker an Tradition und bestehender Ordnung orientierten Minderheit. Nach handgreiflichen Auseinandersetzungen verhängte der katholische Habsburger Kaiser Rudolf II. die Reichsacht und ließ sie 1607 durch Maximilian I. von Bayern vollstrecken. Der war bei den Jesuiten in Ingolstadt streng katholisch geprägt worden. Bayerische Truppen besetzten Donauwörth, die Stadt verlor ihre Reichsfreiheit – ein weiterer Schritt in der Eskalation, die schließlich in den Dreißigjährigen Krieg führte. Und damit führt die Geschichte Donauwörths direkt die Donau hinab zur nächsten Station nach Ingolstadt.Читать далее

  • Vorsprung durch Technik?

    9 июля, Германия ⋅ ☀️ 25 °C

    Donauabwärts folgt Ingolstadt – über Jahrhunderte katholische Bastion, Universitätsstadt und mit den Jesuiten ein Zentrum der Gegenreformation. Nach dem Krieg begann eine ganz andere Erfolgsgeschichte: Auto Union und später Audi machten Ingolstadt zu einer der wohlhabendsten Städte Deutschlands. Rund 70 Jahre lang lebte die Stadt von technischer Kompetenz, guten Arbeitsplätzen und wachsendem Wohlstand. Doch Erfolg macht satt. Zu lange vertraute man darauf, dass deutsche Ingenieurskunst und der Verbrennungsmotor auch morgen noch reichen würden. Statt Innovation und konsequentem Aufbruch folgten eine Politik der Verzögerung, das Festhalten am Alten und schließlich sogar Trickserei beim Diesel. Während hier optimiert, reguliert und über Übergangsfristen gestritten wurde, entwickelte China mit enormem Tempo Elektroautos, Batterien, Software und neue Produktionsmethoden. Aus Vorsprung wurde Rückstand. Ingolstadt steht damit exemplarisch für eine deutsche Industrie, die sich zu lange auf ihrem Erfolg ausgeruht hat – und nun beweisen muss, dass sie den Wandel noch aus eigener Kraft schafft.

    MediaMarktSaturn ist das zweite große Ingolstädter Lehrstück. Mit „Ich bin doch nicht blöd!“ wurde der Elektronikhandel neu erfunden, der Konzern zum europäischen Marktführer und so groß, dass er vor Kraft kaum noch laufen konnte. Doch dann kam E-Commerce – und man verstand zu spät, dass dessen Fundament nicht die Website ist, sondern Logistik, Daten, Software und Geschwindigkeit. Statt sich selbst zu transformieren, verteidigte man Filialen, Strukturen und das alte Geschäftsmodell. Heute will mit JD.com ausgerechnet ein chinesischer Handels- und Logistikkonzern den einstigen europäischen Champion übernehmen.

    Wie Audi ist auch MediaMarktSaturn damit ein Lehrstück für das Modell Deutschland: groß geworden durch Technik, Unternehmergeist und Vorsprung – dann satt geworden, Wandel verzögert und zu lange das Bestehende geschützt. Während hier diskutiert, reguliert und optimiert wurde, baute China neue Industrien und Plattformen mit enormem Tempo auf. Aus Vorsprung wurde Rückstand – nicht weil Deutschland nichts kann, sondern weil es immer noch glaubt, nichts grundlegend ändern zu müssen.
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  • Kelheim

    24 июля, Германия ⋅ ☀️ 24 °C

    Mit dem Fahrrad zum Kloster Weltenburg, spektakulär in einer Donauschleife am Donaudurchbruch gelegen. Seit 1050 wird hier Bier gebraut – eine der ältesten Klosterbrauereien der Welt. Danach geht es durch die mächtigen Kalkfelsen der Weltenburger Enge weiter nach Kelheim. Die lange Trockenheit ist dabei unübersehbar: Die Donau führt Niedrigwasser und gibt ungewöhnlich breite Uferbereiche frei.

    In Kelheim geht die Biergeschichte gleich weiter: Das Weiße Brauhaus von 1607 gilt als älteste Weißbierbrauerei Bayerns und ist heute die Heimat von Schneider Weisse. Hoch über der Stadt thront die monumentale Befreiungshalle. König Ludwig I. ließ sie zur Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Napoleon errichten; vollendet wurde sie 1863. Der mächtige Rundbau mit seinen Siegesgöttinnen ist zugleich ein Denkmal des im 19. Jahrhundert erwachenden deutschen Nationalgedankens – und bietet einen großartigen Blick über Donau und Kelheim.

    Unten mündet die Altmühl in die Donau, und hier erreicht auch der Main-Donau-Kanal die Donau – Teil der durchgehenden Wasserstraße vom Rhein bis zum Schwarzen Meer. Eine großartige Gegend, in der Natur, Bierkultur, Technik und europäische Geschichte auf wenigen Kilometern zusammenkommen. Mit dem Fahrrad allerdings deutlich anstrengender, als es auf der Karte aussieht.
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    Окончание поездки
    28 сентября 2025 г.