• 🥂 Vom Piepskonzert zum Abendwein

    September 16 in Germany ⋅ 🌧 19 °C

    Rotkäppchen- Erlebniswelt und Neuenburg

    Die letzte Nacht ist – sagen wir es freundlich – ziemlich bescheiden. 😵‍💫

    Irgendwann gegen 2 Uhr werde ich wach. Piep-piep. Ruhe. Zehn Minuten später wieder: Piep-piep.

    Was ist das denn jetzt schon wieder?

    Ich liege im Bett und lausche. Wieder dieses doppelte Piepen. Also raus aus den Federn und auf Fehlersuche. Am Panel ist alles im grünen Bereich, der Kühlschrank ist geschlossen, sonst ist auch nichts Auffälliges zu entdecken. Aber zuverlässig alle paar Minuten: Piep-piep.

    Natürlich frage ich irgendwann Google. Großer Fehler. 😅 Danach weiß ich zwar, was theoretisch alles an einem Wohnmobil piepen kann – Wechselrichter, Batterien, irgendwelche Warnsysteme und wer weiß was noch –, bin aber keinen Schritt schlauer und dafür endgültig wach.

    Irgendwann beschließe ich, das Piepen einfach zu ignorieren. Gegen halb fünf schlafe ich tatsächlich noch einmal ein.

    Als ich gegen 9 Uhr wach werde, herrscht himmlische Ruhe. Das Problem hat sich offenbar selbst erledigt. Den Übeltäter finde ich wenig später trotzdem: den Rauchmelder. Seine Batterie ist leer und mit seinen letzten Kräften hat er offenbar die halbe Nacht um Hilfe gerufen. Irgendwann ist ihm dann endgültig die Puste ausgegangen.

    Jedenfalls hoffe ich sehr, dass er es gewesen ist. 🙈

    Regenprogramm mit Rotkäppchen 🍾

    Draußen regnet es, aber das ist angekündigt und nach dieser Nacht gar nicht so schlimm. Wir frühstücken gemütlich und kümmern uns anschließend um die Entsorgung.

    Die ist hier allerdings etwas speziell organisiert. Die Chemietoilette muss nämlich in der einzigen Damentoilette entsorgt werden. Man braucht also ein bisschen Timing, um zwischen duschenden und zur Toilette eilenden Damen die passende Lücke zu erwischen. 😅 Aber auch das gelingt, und einen Teil des Abwassers werde ich ebenfalls los.

    Gegen Mittag machen wir uns auf den Weg zur Rotkäppchen Erlebniswelt. Für so einen grauen und nieseligen Tag ist das genau das richtige Programm.

    Wir kaufen unsere Tickets, bekommen einen QR-Code und zusätzlich einen Gutschein für ein Gläschen Sekt hinterher. Das klingt doch schon mal vielversprechend. 🥂

    Wir haben keine Führung gebucht, sondern erkunden alles auf eigene Faust mit dem Audioguide – und das gefällt mir richtig gut. Die Erlebniswelt ist wirklich klasse gemacht.

    Und dabei lernen wir natürlich auch einiges über die Geschichte von Rotkäppchen. Die beginnt hier in Freyburg bereits 1856. Damals gründen die Brüder Moritz und Julius Kloss zusammen mit ihrem Freund Carl Foerster eine Weinhandlung. Schon bald erkennen sie, dass sich mit den Weinen aus der Region auch hervorragender Schaumwein herstellen lässt. Die ersten 6.000 Flaschen werden tatsächlich noch in einer Hinterhauswohnung abgefüllt. Was für ein Unterschied zu heute!

    Mit dem wachsenden Erfolg braucht man natürlich mehr Platz. 1887 entsteht ein neues Kellergebäude, das fünf Stockwerke tief unter die Erde reicht und rund 13.000 Quadratmeter umfasst. Und genau diese historischen Keller gehören bis heute zum Herzstück der Sektkellerei.

    Die heutige Erlebniswelt gibt es erst seit 2023. Auf rund 1.400 Quadratmetern und an etwa 50 Stationen geht es durch die Geschichte des Hauses und die verschiedenen Arten der Sektherstellung. Und das eben nicht trocken wie im Museum, sondern richtig schön gemacht: hören, schauen, ausprobieren, Quizfragen beantworten, Fotos und Videos machen.

    So erfahren wir ganz nebenbei, wie aus Wein eigentlich Sekt wird, was bei der Flaschengärung passiert und woher das berühmte rote Käppchen kommt.

    Fast drei Stunden verbringen wir hier – und langweilig wird es keine Minute.

    Zwischendurch haben wir übrigens noch einen wichtigen Programmpunkt erledigt: Apotheke! Gitty bringt von ihrer Mallorca-Reise einen ordentlichen Reizhusten mit – vermutlich ein Souvenir der Klimaanlage – und reicht ihn freundlicherweise gleich an mich weiter. Seitdem husten wir nachts um die Wette. 🤧 Also muss Hustensaft her, und die erste Portion nehmen wir gleich auf der Straße.

    Prost mal anders. 😂

    Nach unserem Rundgang lösen wir den Gutschein ein und gönnen uns ein Gläschen Rotkäppchen. Und weil inzwischen auch der Magen deutlich mitreden möchte, teilen wir uns noch einen Flammkuchen.

    So lässt sich ein Regentag wirklich gut aushalten.

    Und plötzlich ist der Himmel blau ☀️

    Als wir wieder nach draußen kommen, hat sich die Welt verändert. Der Regen ist verschwunden, die Sonne schiebt sich durch die Wolken und aus dem tristen Grau wird nach und nach ein leuchtend blauer Himmel.

    Perfekt! Denn für den Nachmittag steht noch etwas ganz anderes auf unserem Programm: die Eroberung der Neuenburg.

    Zurück am Wohnmobil gibt es nur schnell einen Kaffee, wir ziehen uns um, schnappen unsere Wanderstöcke und los geht's.

    Und dann geht es bergauf.

    Und weiter bergauf.

    Und noch ein bisschen bergauf.

    Gefühlt bestehen die letzten Meter ausschließlich aus Treppen. 😅

    Aber genau das, was ich mir erhofft habe, passiert: Als wir oben ankommen, liegt die Neuenburg in der warmen Abendsonne.

    Und dafür hat sich jeder einzelne Schritt gelohnt. ❤️

    Was wir da vor uns haben, ist übrigens nicht irgendeine kleine Burg. Die Neuenburg wird um 1090 von Ludwig dem Springer gegründet, dem Stammvater der Ludowinger. Er lässt auch die berühmte Wartburg bei Eisenach errichten. Während die Wartburg sein Herrschaftsgebiet nach Westen absichert, übernimmt die Neuenburg diese Aufgabe im Osten.

    Unter den Thüringer Landgrafen wird die Anlage immer weiter ausgebaut und entwickelt sich zu einer der bedeutendsten Burgen der Region. Im Mittelalter ist die gesamte Burganlage sogar etwa dreimal so groß wie die Wartburg.

    Auch große Namen gehören zu ihrer Geschichte. Kaiser Friedrich Barbarossa hält sich hier auf, und im 13. Jahrhundert lebt zeitweise Elisabeth von Thüringen mit ihrem Mann, Landgraf Ludwig IV., auf der Neuenburg. Aufenthalte Elisabeths in den Jahren 1224 und 1225 sind sogar historisch belegt.

    Ein besonderes Schmuckstück ist die romanische Doppelkapelle aus dem 12. Jahrhundert. Zwei Kapellen liegen übereinander und sind miteinander verbunden. Oben kann einst die landgräfliche Familie am Gottesdienst teilnehmen, während unten die übrigen Burgbewohner versammelt sind.

    Wir schauen uns in Ruhe um, bestaunen die mächtigen Mauern und natürlich den Bergfried, den „Dicken Wilhelm“. Vor allem aber zieht es uns immer wieder zum Ausblick.

    Denn von hier oben liegt uns das Unstruttal praktisch zu Füßen. Freyburg tief unter uns, ringsherum Weinberge und über allem dieses warme Licht der tief stehenden Sonne.

    Genau so habe ich mir Saale-Unstrut vorgestellt. ❤️

    Auch bei der Brennerei für Obstbrände schauen wir vorbei, bevor wir uns langsam wieder an den Abstieg machen. Langsam ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn nach dem Regen sind die Wege teilweise ziemlich glitschig.

    Wir nehmen für den Rückweg eine andere Strecke – und die entwickelt sich stellenweise zu einem kleinen Abenteuer. Aber irgendwann kommen wir heil unten an.

    Ein Glas Wein zwischen den Reben 🍷

    Und dann fällt uns ein, dass wir doch irgendwo am Mühlenweg eine Straußwirtschaft gesehen haben.

    Also noch ein Stück weiterlaufen. Schließlich finden wir sie tatsächlich – und bekommen einen Platz draußen auf der Terrasse.

    Da sitzen wir nun in der warmen Abendsonne, direkt zwischen den Weinreben, vor uns ein Glas Wein und eine Kleinigkeit zu essen.

    Besser geht es eigentlich nicht. 🍇🍷

    Wir sitzen, erzählen, schauen in die Weinberge und genießen einfach diesen Moment.

    Nur unsere Pommes lassen sich sehr viel Zeit. So viel Zeit, dass die Sonne irgendwann hinter den Bergen verschwindet und aus „herrlich warm“ ziemlich schnell „ganz schön frisch“ wird. Als das Essen endlich kommt, sind wir schon ordentlich durchgefroren. 😂

    Danach gibt es nur noch ein Ziel: Wohnmobil!

    Dort wartet die heiße Dusche – und die ist jetzt Gold wert. Anschließend Füße hoch, Reisebericht schreiben, ein bisschen fernsehen und den Tag ausklingen lassen.

    Was für ein Wechselbad: nachts ein mysteriöses Piepkonzert, morgens Regen und Hustensaft – und am Ende stehen wir auf einer fast 1.000 Jahre alten Burg in der Abendsonne und trinken Wein zwischen den Reben.

    Langweilig wird uns auf dieser Reise jedenfalls nicht. ❤️
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