Januar 2018 - Mai 2019
  • Day451

    Stalin wurde alt, Sue auch bald

    April 12 in Georgia ⋅ ⛅ 16 °C

    Der eine Tag in Gori - dem Geburtsort Stalins - hätte nach Besuchen einer Felsenstadt und dem Stalin-Museum angenehm ereignislos enden können. Tat er aber nicht. Denn auch hier gibt es sie, diese verdammten Abzocker. Da ich Georgien aber total toll finde, überspringe ich die relevanten fünfzehn Minuten einfach. Obwohl ich mich in dem Moment derart aufrege, dass ich im Anschluss das komplette Abendessen verweigere und mich mit einer Flasche Rotwein ins Guesthouse verkrieche. Für spätere Erinnerungen an Georgien hoffe ich einfach auf ein selektives Gedächtnis nach kolumbianischem Vorbild. Schliesslich gilt es sich viel wichtigere Dinge über dieses Land zu merken. Hier sollen sie zum Beispiel herkommen, die ersten Europäer. Migranten vom afrikanischen Kontinent. Begriffe wie „Medizin“ oder „Metall“ stammen ebenfalls aus Georgien. Und dann gelten die Schlingel auch noch als Erfinder des Weins. Geili Sieche. Mit grossen Nasen.

    Wir machen Halt in Kutaisi, der drittgrössten Stadt Georgiens. Das Riesenrad auf dem stadteigenen Rummel erinnert allerdings mehr an Prypjat nahe Tschernobyl als ans London-Eye. Die Stadt hat durchaus Charme, eine Art Fallout-Charme. Im sympathischen Sinne. Wir erkunden auch die umliegende Natur, schliesslich galt diese Umgebung in der Sowjetzeit als einer der wichtigsten Kurorte. Damals musste jeder Erwachsene - jeder einzelne im Land! - für mindestens zwei Wochen pro Jahr zur Kur. Eine Art Kur-Zwang. Jahr für Jahr. Heute ist das nicht mehr so. Heute haben Leute einfach Ferien und dürfen diese auch im Dauerrausch am Strand oder mit feuchten Träumen verbringen. Jedem wie er will. Als Folge präsentieren sich etwa neunzig Prozent der imposanten Kurhotels nur noch als gespenstige Ruinen aus glorreichen, kommunistischen Zeiten. Unser Öko-Ausflug führt uns also vorbei an verfallenden Kur-Bunkern, vorbei an diversen Wasserfällen, über einen rostigen Cliff-Walk mit Adrenalin-Garantie und in die beeindruckende Prometheus Cave - die grösste Höhle die wir je gesehen haben. Wir sind ja auch noch jung. Sue zumindest. Noch bis im August. Dann nicht mehr.

    Batumi - am westlichen Ende Georgiens und unsere nächste Destination - wird gerne auch Las Vegas vom Kaukasus genannt. Wir wollen unbedingt noch das schwarze Meer sehen, bevor Sue alt ist. Danach wäre es wohl nicht mehr das selbe. Ist wie mit Las Vegas. Alte Leute haben da auch ihren Spass, aber wie wir aus Hangover wissen, braucht es für Ü30-Menschen deutlich mehr Komponenten. Darunter Roofies, Tiger und fremde Babies. Als Backpacker wäre das einfach etwas viel für uns. Also gehen wir jetzt da hin. Ich bin gespannt. Sue auch.
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  • Day448

    Feuchte Träume

    April 9 in Georgia ⋅ ⛅ 13 °C

    Die Sonne scheint, die Einreiseformalitäten dauern keine zwei Minuten, der angebotene Wechselkurs entspricht exakt demjenigen von Google und das Taxi von der Grenze nach Sighnaghi soll weniger kosten, als das Tripadvisor-Forum als fairen Preis beschreibt. Hallo Georgien, du schönes Land! Kaum in unserem Guesthouse angekommen, geht es ähnlich liebreizend weiter. Man spendiert uns ein Zimmer-Upgrade, setzt uns vor eine herrliche Aussicht und serviert uns frisches Brot mit Wurst, Käse und Eiern. Dazu wird hausgemachter Wein gereicht. Ach Georgien, du bist zu gut zu uns! Das vielseitige Dinner im Guesthouse gehört geschmackstechnisch ebenfalls in die oberen Ränge der letzten Monate und rundet das Feuerwerk der Glücksgefühle ab. Unzählige georgische Leckereien werden aufgetischt - darunter keinerlei Lamm, Schaf oder Gammel-Hammel - und ausnahmslos alles schmeckt fantastisch. Insgesamt landet ein Vielfaches von dem auf dem Tisch, was ein verfressenes Paar wie wir verzehren könnte. Wir versuchen es natürlich trotzdem. Mit wenig Erfolg. Und habe ich eigentlich schon erwähnt, dass meine Stirn nun aussieht wie bei einem 15-Jährigen? Klar, jung klingt erst mal ganz gut. Aber derlei pubertierende Haut hatte ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr. Es scheint als ob die ganze Transplantationsscheisse - oder Sauce - allmählich ins Gesicht fliesst. Echt hässlich. Armer, hässlicher Junge.

    Sue ist das egal. Als wir im Guesthouse nach Lucky - eine stolze Schäferhündin - auch noch ihren Fünfer-Wurf Puppies entdecken, gibt es für Sue sowieso kein Halten mehr. Ausserdem gibt es hier überall Khachapuri. Ein mit Käse gefülltes Fladenbrot frisch aus dem Ofen. Geiler geht kaum. Nur die scheiss Waage sieht das natürlich wieder ganz anders. Egal, Fresse halten. Und last but not least befinden wir uns hier in einer furchtbar berühmten Weinregion. Traumhaft. Über fünfhundert Rebsorten gibt es in Georgien, gehört habe ich noch von keiner. Saperavi und Rkatsiteli heissen die Bekanntesten. Ausserdem unterscheidet sich die Herstellung hier gravierend von der westeuropäischen Machart. Traditionell wird der Wein hier in Qvevris hergestellt. Das sind so eingegrabene Lehmdinger die gerne auch mehrere tausend Liter fassen. Das Resultat ist intensiv und spannend in Erscheinung und Geschmack. Unsere regionale Wein-Tour dauert ganze acht Stunden, auf der unser Fahrer zwar nur russisch spricht, dafür aber durch seine ruhige und gelassene Fahrweise und seine ausgeprägte Geduld besticht, während wir uns dem Wein oder der Aussicht widmen. Komisch ist er trotzdem. Kaum erscheint ein Kreuz oder eine Kirche in seinem Blickfeld, muss sich der Russe umgehend bekreuzigen. Also dieses Stirn, Wampe, linke Titte, rechte Titte. Und zwar drei Mal hintereinander. Wohl so ein Sheldon-Ding. Einfach ohne das mit dem Genie. Also einfach ein orthodoxer Tick. Und Kreuze gibt es hier wie bei uns Christbäume in der Adventszeit. Was den ansonsten sehr gemütlich Russen hinter dem Steuer doch ziemlich hektisch werden lässt. Erinnert mich irgendwie an den wild fuchtelnden Busfahrer in Patagonien. Haben doch alle einen an der Klatsche. Verdammte Fuchtler.

    Egal, Georgien ist wie ein feuchter Traum. Also einfach traumhaft und das feiern wir feucht-fröhlich. Jeden Tag. Punkt.
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  • Day445

    Ausgeträumt

    April 6 in Azerbaijan ⋅ 🌧 12 °C

    Auf dieses Sheki ist man total stolz im Land. Wurde uns mehrfach empfohlen. Viel Geschichte und so. Für viele ist es die schönste Stadt in Azerbaijan. Für mich nicht. Okee, es hat schon ein paar schöne Ecken und ein paar wirklich nette Leute hier. Neben ganz viel Lamm. Oder besser gesagt Schaf. Die schöne Sue und ich haben noch nie so viel Wolltier gegessen wie hier in Azerbaijan, was der Stimmung ebenfalls nicht dienlich ist. Wie so vieles hier. Sogar eine meiner Lieblingssuppen, Borschtsch, wird hier mit Lamm anstatt Rind gereicht. Selbst dieser sicher geglaubte Wert auf einer sonst unverständlichen Speisekarte entpuppt sich hier als Hammel-Scam. Verdammt, Azerbaijan. Wieso?

    Es finden sich erstaunlich viele nette Menschen hier und man will sogar wieder Fotos von und mit uns. Ich wittere meine Chance für eine kleine Abzocker-Revanche. Fünf Stutz kostet das eben geschossene Foto mit mir. Das habe ich leider vergessen zu erwähnen. Selber Schuld, Idiot, Geld her! Natürlich mache ich das nicht, bin ja kein Arsch und unser Host ist sowieso ein viel zu netter Mensch für so eine Aktion. Wir hausen in einem seiner alten, kalten Zimmer für sieben Stutz die Nacht, meiden die lokalen Restaurants und kochen lieber unser eigenes Ding. Ohne Lamm. Dafür genügend Wein. Auch wenn das Tasting ein einziger Frust war, der erworbene Wein ist schon geil. Produziert nach italienischer Art und mit italienischer Technologie. Sogar die Flaschen werden aus Italien importiert. Damit lässt sich ganz gut an der Stimmung arbeiten und ich setze mit der zweitletzten kubanischen Zigarre noch einen oben drauf. Eine Petit Edmundo von Montecristo zu lokalem Rotwein und einem - oder zwei - Gläschen Grappiolo. Total schön dieses Azerbaijan. Zumindest für fünfundvierzig Minuten.

    Die letzte Nacht im Schlusslicht-Land Azerbaijan verbringen wir in Zaqatala, nahe der Grenze zu Georgien. Erwartungen haben wir keine. Nicht mehr. Vielleicht was Nettes essen und ein Glas Wein, ohne abgezockt zu werden. Das wäre schön. Jaja, träum weiter, dummer Junge. Der Einstieg zum Lunch ist ziemlich holprig. Hühnersuppe? Ist aus. Linsensuppe? Ist auch aus. Borschtsch? Hmm, auch aus. Aber eine Pilzsuppe könnte die Küche bieten. Wie auch immer, Hauptsache warm. Doch völlig überraschend serviert man uns eine der besten Suppen der bisherigen Reise. Gefolgt von ... nichts. Irgendwann werden wir skeptisch und fragen nach. Den von Sue bestellten Hauptgang? Hmm, hat man wohl vor lauter Suppenunverfügbarkeiten vergessen. Ob wir diesen nochmals bestellen wollen. Nee du, Ramon, lass gut sein. Die Rechnung bitte. Wir können nur müde schmunzeln, als wir darauf erstmalig separate Positionen für die wie üblich und ungefragt zum Tee gereichten Zitronenscheiben und Kekse sehen. Und dann steht da noch ein unerklärliches „x/h“. Wir fragen nicht einmal mehr nach, was der ganze Scheiss soll. Ist ja der letzte Tag hier und „was di Azeris möged heusche, möged mir no lang zahle!!“ ... und tschüss!
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  • Day443

    Noch mehr Träumer ... und Wein

    April 4 in Azerbaijan ⋅ ⛅ 8 °C

    Ich kann meinen Anschiss auch in Gabala nicht leugnen. Die schöne Sue versucht ihr Bestes, um mich aufzumuntern. Lieb von ihr. Wir mieten uns ein kleines und günstiges Ferienapartment mit eigener Küche. Kochen hebt für gewöhnlich die Stimmung. Nicht wegen dem Essen selber oder den Unmengen Butter, die im Töpfchen landen. Aber wegen der Flasche Wein, die neben dem Herd steht. Ausserdem gibt es hier Einliter-Bierbüchsen. Auch das hilft. Allerdings habe ich in Ankara neben meiner Stimmung auch meine Eichung verloren und ich schwanke ungewöhnlich schnell. Egal. Immerhin bin ich happy und voller Vorfreude. Schliesslich habe ich für den Folgetag eine Weintour mit Tasting organisiert. Per Mail habe ich uns auf elf Uhr verabredet. Eine klassische Besichtigung der Weinberge und Produktionsstätten gefolgt von einem Tasting. Von Kosten schreibt Gafur nichts. Cool. Kaufen dann sicher das eine oder andere Fläschchen. Wie üblich. Mit einem Taxifahrer habe ich mich ausserdem per Whatsapp auf zwanzig Manat für die Fahrt hin, zurück und das Warten dazwischen geeinigt. Die Tour ist trotz Verständigungshürden ganz unterhaltsam und mit Grappa und Brandy werden es zum Schluss zehn Tastings, begleitet von Chips, Käse und Früchten. Pegel hoch. Stimmung gut.

    Wir entscheiden uns zum Schluss für ihre beiden Spitzenweine Elisa und Ripassato und ein Fläschchen vom Grappiolo. Wenn wir schon mal hier sind. Zusammen kosten die drei Stimmungsmacher immerhin siebenundsechzig Manat - also knapp vierzig Franken. Nicht billig aber total lecker. Doch so einfach ist das nicht. Wir sind hier schliesslich in Azerbaijan und so lässt man uns wissen, dass Tour und Tasting zusätzlich noch hundert Manat kosten würden. Das wäre mit sechzig Stutz dann das teuerste Tasting der gesamten Reise und das erste, bei dem gekaufter Wein nicht angerechnet wird. Ich werde sofort laut. Verdammte Schweinerei! Er hätte leider vergessen, mir die Preise per Mail zu schicken - oder überhaupt zu erwähnen - und während der Tour oder zu Beginn des Tastings war irgendwie auch kein geeigneter Moment. Genau. Der Typ labert nur Scheisse. Um den entstandenen Disput in eine simple Verhandlung zu transformieren, rechnet der Scammer in einem ersten Schritt die vier Flaschen zusammen, die er heute frisch geöffnet hat. Wat?! Nicht dass das im Entferntesten auf hundert Manat käme oder auch nur im Ansatz sinnvoll wäre - die kommen ja beim nächsten Tasting wieder zum Einsatz -, aber das stört den Komiker nicht weiter. Ich schlage also vor, dass wir die vier eben geöffneten Flaschen bezahlen und mitnehmen. Den teureren Scheiss könne er behalten. So hätte er das aber nicht gemeint. Wir sollen ja den leckeren Wein bekommen, für den wir uns entschieden haben. Fünf Minuten diskutieren, gestikulieren und fluchen später, überlässt man uns die gewünschten Flaschen für hundert Manat. Inklusive Tasting. Immerhin. Es bleibt insgesamt trotzdem das teuerste Tasting der gesamten Reise und ein Gefühl subtiler Abzocke. Ein kleiner Alptraum. So wird das nichts mit meiner Stimmung. Verdammte Scammer.

    Zurück im Taxi entscheiden wir uns, noch mit der Gondel auf den Berg zu fahren und die Aussicht zu geniessen. Vielleicht können wir auch noch ein paar Schneebälle versehentlich auf lokale Kinder schmeissen. Einfach so zum Spass. Sind hier ja im total lässigen Azerbaijan. Der Taxifahrer hatte sich für hin und zurück plus warten tags zuvor wie folgt ausgedrückt: „you have money, ok, you no have money, no problem, problem no“. Das gefiel mir nicht. „Money is always a problem, tell me your price“ liess ich ihn wissen. „Problem no. maximum 20 manat, maximum ... problem no“ lautete die Antwort. Beim Abladen will der Arsch dann natürlich vierzig Manat von uns. Zwanzig hin und zwanzig zurück. Das Warten wäre wohl umsonst gewesen. Und die gestrige Nachricht habe er nicht selber geschrieben, das wäre sein Freund gewesen. Mit seinem Handy. Schon wieder so ein Träumer. Es ist diese plumpe Art, mit der man hier argumentiert und einen über den Tisch zieht. „Hast du wohl falsch verstanden, Idiot, deine Schuld, Geld her!“ ... Er kriegt zum Schluss dreissig Manat. Auch zu viel. Schade, Azerbaijan. Sehr, sehr schade!

    Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiter Richtung Westen zu reisen. Vielleicht gibt es ja in Sheki bessere Menschen. Vielleicht. Und auf einen Schlag verstehe ich das Prinzip Azerbaijan. Ob man will oder nicht. Hier wird man zum Träumer.
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  • Day440

    Samir und andere Träumer

    April 1 in Azerbaijan ⋅ ☁️ 11 °C

    So, Schluss jetzt. Eine ganze Woche Rückzug mit viel Tee, Tabletten und Tablet muss reichen. Aus- beziehungsweise eingeschlossen wie der Glöckner von Notre Dame. Einfach mit iPad. Das Leben und somit die Reise geht weiter. Auch wenn ich immer noch aussehe, als ob ich mich mit dem Fahrrad und ohne Helm auf die Fresse gelegt hätte. Egal. Ich will die kleine Sue jetzt wiedersehen. Die Arme hat genug gelitten. So ganz ohne mich unterwegs zu sein, ist bestimmt nicht lustig. Egal was ihre Reiseberichte sagen. Doch kaum in Azerbaijan gelandet, verweigert man mir auch hier die Einreise. Vorerst. Die zwei Mädels vom Grenzwachcorps beäugen unentschlossen mein Passbild. Frau ist sich einfach nicht sicher und ein dritter Beamter - der Schichtführer? - wird hinzugezogen. Doch auch der bärtige Witzbold zweifelt an der Übereinstimmung. Man will weitere Dinge sehen, die meine Identität bestätigen können. Echt jetzt? Ratlos zücke ich ID, Mastercard, Visa, Miles & More Frequent Traveller, Coop Supercard und eine Kebab-Stempelkarte. Nicht dass da andere Fotos drauf wären, aber was hat Kamerad Schwungrad denn erwartet? Dass ich noch weitere Pässe mit anderen Fotos bei mir habe?! Träumer. Und ich hab ja gesagt, ich sehe aus wie ein Unfallopfer. Armer Junge. 

    Auf die Frage, ob ich auf dem Foto oder in echt besser aussehe, erhalte ich keine Antwort. Noch nicht einmal ein Lächeln. Fuck you. Als Gegenfrage will der dämliche Schichtführer den PIN-Code meiner Visa wissen. Dafür gibts auch von mir kein Lächeln. Verdammter Komiker. Irgendwann ist dann fertig Cabaret und ich darf auch in dieses Land einreisen und mein teures Geld verpulvern. Aber ja, das Netz zieht sich wohl langsam zu. Offensichtlich Zeit wieder in Richtung Schweiz zu schielen. Zuerst schiele ich aber in der Empfangshalle von Baku noch nach einem Empfangskommitee. Und siehe da, irgendwo winkt tatsächlich jemand mit einem Schild mit meinem Namen drauf. Für einen Moment glaube ich die Taeschler Sarah zu erkennen. Sehe dann aber doch die kleine Sue hinter dem „Pasci Pfupf“ Schild. Total süss. Schau Foto. Und so haben wir nach einem Monat solo zum Glück wieder zusammengefunden. Oder in anderen Worten: Ade Freiheit und Flexibilität. Hallo warten, warten, warten ... Aber hey, der Sex ist toll. 

    Baku ist auch toll. Auf den ersten Blick. Total prunkvoll, sauber und eine gelungene Mischung aus alt und neu. Historisch und modern. Das Internet warnt uns allerdings vor diversen Scams. Touristen werden hier gerne abgezockt und wir sind ab sofort total wachsam. Zum Glück kommt mein Kopf langsam wieder in Form und lässt eine gewisse Wachsamkeit zu. Ich kann stellenweise sogar wieder mein Cap anziehen und den coolen Typen spielen. Die aufwändig bearbeitete Front sieht aber nach wie vor hässlich aus. Echt grässlich. Wie eine riesige, mehrere Millimeter dicke Schuppenflechte, die sich allmählich und in kleinen Stücken ablöst. Wann immer ich den Kopf senke, schneit es. Da es die Tage nicht nur in mein Essen rieselt, sondern auch sonst pisst, verpissen wir uns in Richtung Berge nach Quba. Bevor es losgeht, beäugen wir aber noch das kleinste Buch der Welt. Das grösste Buch durften wir ja in Myanmar bestaunen. Aber das hier ist etwas schwieriger. Ich für meinen Teil sehe das 0,3 Millimeter grosse und einundzwanzig Seiten starke Teil gar nicht. Ist einfach ein kleiner Punkt. Lustig. Ich muss weg.

    Wir gönnen uns in Quba zur Abwechslung ein ziemlich schickes Hotel mit einem ziemlich lustigen Lift. Für die dritte Etage soll man die „2“ drücken und für die fünfte Etage das „R“. Wie auch immer. Wir sind nicht auf der Suche nach einem Schindler Lift, sondern nach den schneebedeckten Bergen des Kaukasus. Genauer gesagt wollen wir für ein paar Stunden nach Xinaliq - das höchst gelegene Dorf Europas. Wäre es denn in Europa. Aber auch das ist egal. Azerbaijan will um jeden Preis Europa sein und da spielt die geografische Lage keine Rolle. Von mir aus. Trotz herrlichem Wetter und Google ist die Verständigung mit unserem Lada-Fahrer Samir schwierig. Er versichert uns aber per Whatsapp und allerlei Bildern von irgendwelchen Jeeps, dass sein Lada locker den Berg hoch kommt. Auch ohne 4x4. Alles „no problem“. Xinaliq liegt mit 2’350m einiges höher als Juf in Graubünden, das mit 2’126m als die höchste Gemeinde Europas gilt. So oder so, sicher verdammt kalt da oben. Wissen werden wir es aber nie. Zusammen mit Samir und seinem Kack-Lada bleiben wir nämlich auf halbem Weg im Schnee stecken. Toll gemacht. Samir. Für einen Spaziergang im Schnee reicht es trotzdem. Nach zweieinhalb anstelle der geplanten fünf Stunden zurück am Busbahnhof will der Samir dann trotzdem seine sechzig Manat - etwa fünfunddreissig Stutz. Oder zumindest fünfzig. Verdammter Träumer. Wir geben ihm dreissig und fühlen uns trotzdem subtil abgezockt. Kein guter Start. Azerbaijan. Sex hin oder her.

    Bevor es weiter in Richtung Westen und Georgien geht, verbringen wir zwei weitere Tage in und um Baku und unternehmen unter Anderem eine Tour zu den bekannten „mud volcanos“. Muss man gesehen haben, sagt das Internet. Unser Guide heisst auch hier Samir. Dank Regen sind aber nicht nur die Vulkane matschig, sondern auch die einzige Strasse da hoch. Und so bleiben wir auch mit diesem Samir stecken. Diesmal im Schlamm. Toll. Ausser das total poshe Baku will uns das ach so tolle Azerbaijan also nicht viel zeigen. Verdammte Zicke. Oke, ein paar Dinge haben wir schon gesehen. Darunter den brennenden Feuertempel, den brennenden Burning Mountain und die nicht brennbaren Petroglyphen. Trotzdem. Scheiss Zicke. 

    Aber ich will ehrlich sein. Ich bin auch einfach etwas müde. Reisemüde. Ich interessiere mich sehr für die Länder, Städte und Menschen die noch auf unserer Liste stehen. Und trotzdem lässt die Spannung spürbar nach. Gut möglich, dass wir in ein paar Wochen tatsächlich wieder zu Hause sind. Und das schreibe ich jetzt nicht, weil heute der 1. April ist. Vielleicht schon. Egal. Unser bisheriges Fazit zu Azerbaijan ist nicht besonders berauschend. Das Land ist generell teuer und man kriegt gefühlt weniger fürs Geld als andernorts. Und wie das Internet prophezeit hat, kostet auch einfach alles mehr, als zuerst angenommen. Das Zimmer (Mitarbeiter hätte einen Fehler gemacht), Ausflüge (Eintrittspreise haben sich erhöht), ja sogar der Tee (Livemusik spielt gerade). Keine offensichtlichen Scams, aber doch irgendwie subtile Abzocke. Das Essen hier gehört ebenfalls ins untere Mittelfeld. Und die Leute? Naja. Irgendwie eingebildet. Das Land sei ja soo reich und die weltweite Erdölindustrie fand dank der schwedischen Gebrüder Nobel - die beiden älteren Brüder des Stifters des Nobel-Preises - in den 1870ern hier in Baku ihren Anfang. Und dann sind da natürlich noch der meeega geile Eurovision Song Contest und diverse grossartige Sportveranstaltungen. Verlässliche Fahrpläne gibt es hier trotzdem nicht. Pfeifen.

    Es scheint auch, als ob das Land den Ausstieg aus der Erdölindustrie verpasst. Das knapp drei Milliarden schwere und furchtbar sinnvolle Projekt zum Bau des höchsten Gebäudes - immerhin 1,3 Kilometer! - wurde nach der Fertigstellung des Fundaments und aufgrund des eingebrochenen Erdölpreises vorerst auf Eis gelegt. Man hofft nun, dass irgendwelche Emirate einspringen und das Projekt fertigstellen. Als ob die Araber wollen, dass das höchste Gebäude der Welt in Azerbaijan steht. Träumer. Wahrscheinlich würden die drei Milliarden sowieso nicht reichen. Zum Schluss heisst es einfach die Stahlpreise hätten sich erhöht, ein Mitarbeiter habe ausserdem einen Rechenfehler gemacht und aufgrund permanenter Livemusik auf der Baustelle kostet das Projekt nun doch sechs Milliarden. Verdammter Scam eben. Aber wie immer geben wir nicht so schnell auf. In Gabala weiter westlich soll es neben einem beliebten Skiressort auch einige Wineries geben. Das hat noch immer geholfen. Mal schauen.
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  • Day404

    Ich steige aus

    February 24 in South Africa ⋅ ⛅ 23 °C

    Unsere Zeit in Südafrika ist schon bald gezählt und wir verbringen die letzten Tage in Kapstadt. Das ganze Touri-Zeugs haben wir uns zugunsten diverser Hochzeitsfestivitäten für den Schluss aufgespart. Doch zuerst will der Mietwagen von Hertz retourniert werden. Beim Pickup um zehn Uhr abends wurde uns am Schalter bestätigt, dass der Wagen total in Ordnung ist und wir sonst tags darauf Fotos von Schäden machen sollen. Natürlich hatte die Kiste etliche Beulen im Kofferraum, die wir fotografisch festgehalten haben. Der Harry beim Drop-Off sieht das nun aber etwas anders, da ich das Formular eindeutig ohne Schäden unterschrieben hatte und Fotos im Nachhinein kann ja jeder machen. Lustige Vögel. Hätten wir nicht schon das eine oder andere Tasting intus, wäre ich jetzt wahrscheinlich pissed. Bin ich aber nicht und nach ein paar Minuten findet der lustige Harry ein älteres Übergabeprotokoll im System, auf welchem der Schaden schon vermerkt war. Da hat der Harry nochmals Glück gehabt. Wär sonst sicher eskaliert. Spassvögel.

    Sue hat sich verändert. Muss an den putzigen Tieren hier in Afrika liegen. Obwohl unser Airbnb total schön und geräumig ist, schleicht sich irgendwann so eine scheiss Kakerlake durch die Hintertür. Wie schon beim Addo-Nationalpark, erledige ich den ungebetenen Gast mit einem Flipflop. Doch da wo die kleine Sue sonst angeekelt rumschreit und Heldentaten von mir erwartet, höre ich jetzt bloss ein mitleidiges „jöö, nei, arms Putzi“. Wat?! Jetzt schlägt sich die Schöne schon auf die Seite von Kakerlaken und ich bin das fiese Monster? Sie hätte so „herzig geschaut“. Ähh?! Als ob man die Augen einer Kakerlake oder gar deren Art zu schauen erkennen würde. Ich brauch ne Pause. Lange hält das wohl nicht mehr mit uns.

    Um auf andere Gedanken zu kommen - und weil es auf der Todo-Liste steht -, laufen wir den beeindruckenden Tafelberg hoch und runter. Natürlich nehmen wir die direkteste und steilste Route - Klettereinlagen inklusive. Haben schliesslich keine Minute zu verschenken, geht uns alles von der „Weinzeit“ ab. Rauf und runter kostet trotzdem ein paar Stunden und grössere Mengen Schweiss, welche sich aber ganz einfach mit lokal vergorenem Traubensaft kompensieren lassen. Und das abendliche Braai mit Straussenfilet hat man sich so auch redlich verdient. Was man von den gewechselten knapp zweitausend USD für unsere nächsten Destinationen auch behaupten darf. Die Geldwechselübung ging über drei Tage, bedingte sechs Bezüge an einem ATM und gipfelte in einer vierzig minütigen Sitzung bei welcher sechzehn(!) Blatt Papier bedruckt und sechs Unterschriften von mir gefordert wurden. Zum Glück haben wir hier auch noch Pinguine gefunden. Und nur darum machen wir den ganzen Scheiss ja. Wer würde sonst schon freiwillig viele Monate um den ganzen Globus hetzen? Ich nicht.

    Sues Kamera übrigens auch nicht. Das Ding ist kaputt. Ein Jahr Dauerbetrieb scheint zu viel für die bereits einige Jahre alte Sony. Vielleicht hat Sue aber auch einfach die Schnauze voll von den gemeinsamen Posts, bei denen sie jeweils wunderschöne Fotos liefert und ich meist hässliche Texte beisteuere. Mir solls recht sein, mach ich eben was auf eigene Faust, bis sich die schöne Sue wieder aufgerafft und die doofe Kamera repariert hat. Ich steig aus und geh nach Persien. Tschüss.

    Eine Sache noch ...

    Neben diversen Tagen und Abenden voller Spass, Food und Wein mit den frisch verheirateten Mr und Mrs Kronlund, durchleben wir die Tage auch ein paar schwierige Stunden. Wir erfahren, dass Housi - den wir sofort in unser Herz geschlossen haben, als wir uns beim Segeln kennenlernten - vor der letzten Brücke des Lebens steht und diese von zu Hause aus begehen will. Diese letzte Brücke, die letztendlich jeder alleine beschreitet. Natürlich gehören Leben und Tod untrennbar zusammen und es ist irgendwie tröstlich zu wissen, dass Housi die letzten Wochen, Tage und Stunden bewusst und selbstbestimmt im Kreise seiner Liebsten verbringt. Trotzdem gibt es in der eigenen Vorstellung noch so viele gemeinsame Momente und Geschichten zu erleben. Und genau dieses Gefühl überfällt mich zwischen all den genüsslichen Momenten eines ausgedehnten Dinners mit Freunden und lässt mich für einen Moment zusammen- und in Tränen ausbrechen. Ich bin fassungslos und schreibe auch diese Worte unter Tränen. Ich wünsche Dir eine gute Reise - Du hinterlässt so viel Gutes ...
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  • Day398

    Stille Reserven

    February 18 in South Africa ⋅ ☀️ 32 °C

    Wir sind nach all den putzigen Tierchen schon wieder auf dem Rückweg nach Kapstadt und machen Halt in der Jeffreys Bay, wo es die erste Cervelat auf den Grill schafft. Schon geil, aber ich bevorzuge kalt. Sue nach eigener Aussage auch - als ob dies eine Rolle spielen würde. Das Paradies für Sue hat sowieso viel weniger mit himmlischen Wurstwaren und viel mehr mit vögeln ... ähh Vögeln zu tun. Und so steuern wir ihr zuliebe das Birds of Eden an. Neben allerlei einheimischen Vögeln findet man in dieser Megavolière auch diverse Papageien, die irgendjemandem dermassen auf den Sack gegangen sind, dass sie irgendwann hier abgegeben wurden. Wir finden sogar eine kleine Gruppe Flamingos. Das würde der Mia also auch gefallen. Ja vielleicht war sie sogar schon hier. Wahrscheinlich aber nicht, denn es gibt hier auch zahlreiche Schleiervögel, die ihr Gesicht beim Balzen hinter einem gefiederten Schleier verbergen. Mit Religion hat dies wohl nichts zu tun. Die Viecher haben also entweder einfach zu wenig Selbstbewusstsein oder eine wirklich hässliche Fresse. Schwer zu sagen, auf jeden Fall nix für Burkagegner dieses Birds of Eden. Muss Mia eben alleine kommen.

    Nach einer kurzen Tasting- und Tapas-Pause treibt uns der wie letztes Mal noch nicht wirklich leere Tank ein zweites Mal an eine Tankstelle. Diesmal stoppt die Anzeige bei 43 Liter. Das sind 13 Liter weniger als bei der ersten Betankung!? Wir hatten uns noch gewundert ob der 56 Liter, da der Tank unseres Renault Senderas mit Einliter-Zuckerwassermotor wohl kaum 70 Liter oder mehr fasst. Da war wohl der gleiche Eicher am Werk wie beim Taxometer in Indien. Verdammte Abzocker. Wobei das war eine Caltex-Tankstelle, eine der grössten Ketten überhaupt. Da werden ja bestimmt keine Touristen abgezogen. Oder doch? Egal, wie so vieles geht mir auch das am Arsch vorbei. Aber nur weil ich schon betrunken bin. Danke. Liebster Wein aus Südafrika. Nach einem weiteren Hike an der Küste - zum Lunch gabs zwei leckere Cervelats - entfachen wir unser erstes, feuriges BBQ der Reise. Wir können es selbst kaum glauben, aber in dem ganzen Jahr haben wir nie ein richtiges Feuer zum Zwecke des Bratens von leckerem Grillgut gemacht. Neben achthundert Gramm Entrecote schaffen es auch ein paar Landjäger in die Gluthitze. Ich weiss, Gepökeltes gehört eigentlich nicht auf den Grill. Viele freie Radikale von wegen kanzerogen und so. Gott sei Dank haben wir genügend Antioxidantien in Form von rotem Wein zur Hand, um die unnötig Radikalen wieder einzufangen. Wenn das in der Politik doch nur auch so einfach wäre. Egal, das muss gefeiert werden. Zum Glück hab ich noch eine gute Zigarre. Und eine Cervelats.

    Ich werde das Gefühl nicht los, dass diese verdammten Würste gar keine Energie liefern, sondern sich direkt auf die Hüften schleichen. Hinterhältige Glücksbringer. Egal, die zehn Männergipfeli sind geschafft und wir können uns wieder Fleisch am Stück widmen. Also ab zur nächsten Straussenfarm. Das globale Straussenzentrum befände sich hier, erklärt uns das kecke Farm-Mädel nicht ohne Stolz. Nach einer kurzen Tour wollen wir es dann natürlich auch probieren, dieses zarte und dunkelrot saftige Straussenfleisch. Doch der Koch hier ist eine Pfeife. Der Arsch hat das schöne Filet mehrfach totgrilliert. Geschätzte zwei Stunden über Medium. Armer Vogel. Ich find die Dinger aber auch sonst irgendwie lustig. Also „bescheuert-lustig“. Grösser als ich aber Intelligenz-technisch auf dem Niveau eines Huhns, gilt die gesamte Aufmerksamkeit ausschliesslich dem Essbaren. Gemäss Farm-Girl sind sämtliche Versuche, den grössten Vögeln der Welt etwas beizubringen, kläglich gescheitert. Also ab auf den Grill damit. Bevor wir noch für zwei lange Tage durch die Wineries in Franschhoek und Stellenbosch wildern und die hiermit herzlich verdankten Tipps von Gilgen, Taeschler und Renato abfahren, machen wir noch einen kurzen Halt in Ronnies Sex Shop. Nach knapp zehn Jahren Beziehungs- und Liebesleben ist das nie verkehrt. Wir finden aber keine Dildos oder sonstiges Spielzeug, sondern eine leicht schlüpfrige Bar und ein simples Restaurant irgendwo im nirgendwo an einer viel befahrenen Strasse. Gutes Marketing würde ich sagen. Muss es eben doch wieder die unbändige Fantasie richten. Hab da schon was im Kopf. Eigentlich immer.

    Bevor wir es nach Franschhoek schaffen, steht noch ein drittes Tanken an und auch diesmal ist der Tank noch weit über die Reserve gefüllt. Das allwissende Internetz hat unseren 50 Liter Tank in der Zwischenzeit ebenfalls bestätigt und so sind wir gespannt wie Gitarrensaiten, was man uns diesmal verkauft. Diesmal soll es eine Tankstelle der Kette „Total“ sein, ebenfalls ein globaler Brand. Ich beobachte den Tankvorgang sehr genau und wie üblich, fixiert der Tankjunge den Griff vom Hahn, womit die Betankung automatisch stoppt, sobald der Tank zu überlaufen droht. Das Benzin fliesst aber ungewöhnlich langsam, da der Griff nur zur Hälfte gezogen wurde. Die Betankung würde so mehrere Minuten dauern. Auf Nachfrage gehts plötzlich schneller, nachdem Tank-Boy den Griff komplett durchgezogen und fixiert hat. Witzig. Als der Vorgang mit einem lauten Klick automatisch stoppt, zeigt die Uhr schon 47 Liter. Spannend. Wie üblich folgt ein manuelles aber in diesem Fall nicht enden wollendes „Vollmachen“, das ich bei 56 Litern mit böser Miene stoppe. Das kann gar nicht sein. Unmöglich. Offensichtlich läuft die Uhr bei wenig Durchlauf viel zu schnell. Der grinsende Tank-Bubi an der Zapfsäule weiss natürlich nichts dergleichen und mutmasst wirre Dinge wie stille Zusatzreserven die womöglich noch gefüllt wurden. Ja, klar. Ich tank dir gleich eine. Ab zum Manager. Der sieht sich die Sache auf Platz an und labert etwas von wegen diese eine Säule werde diese Woche nochmals kalibriert, da wir schon die zweiten Nörgler seien, die nicht bereit sind, imaginäres Benzin zu bezahlen. So so. In einem weiteren Atemzug fragt der Komiker noch ob wir schöne Ferien hatten, bedankt sich für das ach so wichtige und geschätzte Feedback und schlägt vor, dass wir einfach für 50 Liter zahlen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Diskussion schon mehrfach geführt wurde. Sue auch nicht. Wir bieten ihm 48 Liter - was immer noch viel zu viel ist - und eilen zur nächsten Winery. Ich will ihm ja glauben, dass es keine systematische Abzocke gibt, aber bei zwei von drei Betankungen?! Kurze Zeit später bin ich bereits wieder betrunken und ... genau, geht mir auch diese Geschichte am Allerwertesten vorbei. Wein sei Dank.
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  • Day394

    Liebe des Lebens

    February 14 in South Africa ⋅ ☀️ 29 °C

    Wir machen uns also auf den Weg in die fünfhunderteinundzwanzig Kilometer entfernte Plettenberg Bay, wo wir mit etwas Glück auf ein weiteres Stück Heimat treffen werden. Die erste Nacht nach den ganzen Hochzeitszechereien verbringen wir im beschaulichen Hermanus bei der wohl fettesten Katze überhaupt. Wie Garfield, aber wirklich Fett. Ausserdem folgen wir Renatos ... ähh Renates Restaurantempfehlung für die Bientang‘s Cave. Coole Location. Kaum verlässt man die urbane Region um Kapstadt und folgt der Garden Route, fängt auch schon das Wildlife an. Afrikanische Murmeltiere, diverse Laufvögel und Strassen voller Paviane. Nach einer Nacht zu Steak und Wein in Mussels Bay - fette Katzen habe ich keine gesehen - und einem mehrstündigen Hike um den wunderschönen jedoch übel stinkenden Robberg ist es soweit, wir schliessen ein Stück Heimat in die Arme. Nein, keine Cervelat. Aber Steffi und Willy, die wie jedes Jahr hier in den Ferien sind. Und guess what ... sie werden im nächsten Februar genau hier die Liebe ihres Lebens heiraten. Wir kommen also wieder! All you need is love, bäbäbärä-bää ...

    Wir dürfen uns einen Tag bei Freunden von Willy und Steffi einnisten und als ob dies die Backpacker-Welt nicht schon genügend erhellt, laden uns die beiden auch noch zu einem abendlichen Dinner der Extraklasse ins Zinzi auf dem Hunter‘s Estate ein. Ihr Lieblingsrestaurant in Plett und fast zu gut um wahr zu sein. Oberste Liga. Alles absolut perfekt. Doch es kommt noch dicker. Nein, keine Katzen. Aber dieses Plettenberg hat noch mehr Magie zu bieten: Waschechte Cervelats! Die Liebe meines Lebens. Zusammen mit Sue. Quasi eine „ménage à trois“. Die heissen im lokalen Feinschmeckerladen zwar „Knackwurst“, sind aber definitiv das selbe. Hundert Prozent. Das Rezept ist gestohlen, da bin ich mir sicher. Ich kaufe kurzerhand zehn Würste. Die erste Portion pures Glück verschwindet schon bevor der ebenfalls traumhafte Fleischkäse fertig geschnitten und auf der Waage liegt. Ich bin im Siebten Himmel. Nach einer kurzen Kinderkleiderverteilaktion und einem gemeinsamen Frühstück mit Aussicht heisst es aber auch schon wieder Goodbye. Goodbye good ol‘ Switzerland. Willy und Steffi haben noch ein paar Hochzeitsvorbereitungen zu erledigen und uns treibt es weiter ans Ende der Garden Route. In den Addo Nationalpark - Heimat mehrerer hundert Elefanten. Die haben wir noch nie in freier Wildbahn gesehen. Ist aber ein ziemliches Stück zu fahren und ich hoffe wir haben genügend Cervelats dabei. Sonst dreh ich um. Ohne Diskussion.

    Untypisch für uns zwei Planungshasen haben wir im Addo nix gebucht. Die geplante Sunrise-Tour am Folgetag ist demzufolge schon ausgebucht - ich fand neun Uhr von Anfang an sympathischer - und Unterkünfte in der Nähe offensichtlich auch. Wir versuchen unser Glück noch bei einigen Guesthouses, fahren nach dem dritten Fail aber ins fünfundvierzig Minuten entfernte Colchester. Die kürzere Google-Maps Variante ist eine unbefestigte Schotterstrasse und ohne es zu wissen, führt uns diese ein Mal quer durch den Nationalpark. Umsonst. Kaum durchs Tor und ohne Vorwarnung stolzieren sie auch schon alle an uns vorbei - Elefanten, Zebras, diverse Antilopen und Hirschgetiere, Wildschweine, Büffel, Sträusse, et cetera. Einzig Löwen sehen wir keine, trotz Cervelat-Duft im Auto. Die geführte Tour um neun Uhr morgens machen wir trotzdem noch und da die tierliebe Sue immer noch nicht genug hat, fahren wir in der Folge noch einige Stunden auf eigene Faust durch den Park, wo diverse Tierkinder Sues Herz höher schlagen lassen. Wie sich aber zeigt, sehen wir weit weniger Tiere, als auf unserer Gratis-Tour tags zuvor. Ist also irgendwie wie beim Shopping, man(n) sollte das Erste nehmen das gefällt und dann gut sein lassen. Aber egal. Solange die Liebe meines Lebens mit im Auto ist, ist alles andere sekundär. Und so mampfe ich genüsslich eine Cervelat, während wir uns wieder in Richtung Kapstadt machen. Ach ja, Sue sitzt natürlich auch im Auto.
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  • Day389

    Pascale scheisst Tauben ... ähh schiesst

    February 9 in South Africa ⋅ ☀️ 30 °C

    Wie schon für die Reise von Mandalay nach Goa, bietet die versammelte Zivilluftfahrt auch von Mumbai nach Kapstadt keinen Direktflug. Pfeifen. Wir betreten darum Boden in Abu Dhabi und Johannesburg. Ausserdem markiert diese Weiterreise einen neuen Rekord, denn sie beginnt mit dem verhassten Wecker um ein Uhr dreissig in der Früh. Unglaublich. Ich bin mir gar nicht sicher, ob noch „Heute“ oder schon „Morgen“ ist. Ich bin mir hingegen ganz sicher, dass ich in beiden Welten hundemüde und ziemlich pissed bin. Aber egal, vierundzwanzig Stunden später stehen wir in Kapstadt am Gepäckband. Und eine weitere Stunde später in unserem Airbnb in Green Point. Es geht um nichts Geringeres als Hochzeitsvorbereitungen. Und nach Wochen voller asiatischem Essen freuen wir uns auch einfach wieder auf Wein und Fleisch am Stück. Grosse Stücke. Tipps zu Südafrika haben wir auch viele erhalten, darunter ein umfangreiches Mail von Sues Tante Renate. Und ich zitiere: „Herzliche Grüsse auch an Pascale, ich bin gespannt was er dazu schreibt.“ Hm, da gibt es eigentlich nicht wirklich viel zu schreiben. Klar, „Pascal“ mit dem Präfix „Turbo“ ist eine etwas veraltete Programmiersprache. Und „Pascal“ mit dem Suffix „e“ ... ist ein Mädchen. Aber sonst? Sonst weiss ich gerade nicht was schreiben. So oder so, ein herzliches Dankeschön für die vielen wertvollen Tipps! Renato.

    Robyn und Simon haben wir auf unserem Cruise durch die Galapagos Inseln kennen und lieben gelernt. Er aus Schweden, sie aus Südafrika und beide ziemlich genau auf unserer Wellenlänge. Folglich traf man sich zuerst in Bogota und dann in und um Medellin nochmals. Und da sich die beiden eben erst verlobt hatten und - nach eigenen Aussagen - ein paar der schönsten Tage ihrer Reise mit uns verbrachten, schafften wir es unverhofft als „special guests from Switzerland“ auf die Gästeliste dieser Vermählung. Die Tage in Capetown dienen der Vorbereitung und der Junggesellen/innen-Abschiede. Den Anfang machen die Mädels und während Sue - mittlerweile dunkelblond und daher beinahe wieder Single - on Tour ist, beschäftige ich mich mit Shopping. Die funktionale Wanderkleidung aus meinem Rucksack eignet sich nicht für eine noble Hochzeit bei über dreissig Grad. Hat man mir erklärt. Also gut. Und da heute Mädelstag ist, lasse ich mich ausnahmsweise zu mädchenhaftem Shopping hinreissen. Soll heissen, ich kaufe nicht die ersten Teile die mir gefallen und total gut stehen, sondern ich „schaue weiter“, denn ich könnte ja noch „etwas Besseres“ finden. Resultat? Vier Stunden anstelle von fünfzehn Minuten unterwegs und in der Einkaufstüte steckt trotzdem das allererste Outfit. Ich hab schon wieder tierisch Durst. Verdammte Zeitverschwendung.

    Die Bachelor-Party tags darauf startet um halb Elf. Der Treffpunkt ist eine Bäckerei und ausser Simon kenne ich erst einen der Typen. Der Dress-Code besagt Khaki-Shorts, weisses Hemd und wenn möglich eine Kopfbedeckung. Das macht es etwas einfacher. Stelle mich also einfach zu den zwei Typen in Khaki-Shorts und weissen Shirts und beginne mit Smalltalk. Die zwei Arschgeigen geben sich allerdings äusserst ablehnend und für die bereits leicht genervte Frage, woher sie denn das Brautpaar kennen würden, ernte ich nichts als ratlose Blicke. Man wisse weder etwas von einer Hochzeit noch von einer Bachelor-Party. Ups, nicht Teil der Gruppe? Und tschüss. Guter Start in den Tag, der sich in der Folge dank der für solche Anlässe typischen Routine „Saufen, Fressen, Fun, Repeat“ prächtig entwickelt. Kurz vor dem ernsthaften Betrinken, steht noch Tontauben-Schiessen mit Shotgun auf dem Programm. Da freuen sich die ganzen Wikinger und Grosswildjäger wie kleine Kinder. Der Pazifist in mir will kotzen. Der Narzisst in mir lässt das aber nicht zu. Schliesslich ist das ein Wettkampf. Nach der ersten Runde nennt man mich - wie schon in der Schweiz - „Mr 50%“. Hier hat das aber wenig bis nichts mit der samstäglichen Jagd nach Coop’s Topware zum halben Preis zu tun, sondern mit der erfolgreichen Jagd auf fliegende Tonscheiben. Fünfzig Prozent bedeutet Platz Eins. Und ein äusserst schmerzender Oberarm. Schau Foto. Endlich zahlt sich die Sniper-Ausbildung der Schweizer Armee aus. Stimmt natürlich nicht, ich war ein harmloser, pazifistischer Lastwagenfahrer mit miserablen Sehwerten, der Kollegen zum obligatorischen Schiessen schickte. Trotzdem steigere ich in Runde Zwei die Trefferquote auf knapp über fünfzig Prozent und die Verfärbung des Oberarms auf blau/schwarz. Das bedeutet Gesamtsieg. Mit Abstand. Und siebzehn traurige Wikinger. Verdammte Holzfäller.

    Wir haben uns im Vorfeld - und auf Anraten von CIA-Ben - Trevor Noah’s Buch „Born A Crime“ besorgt. Als Hörbuch. Selber lesen ist ja total Nineties ... Das Buch gibt interessante Einblicke in die Zeit der Apartheid, zu welcher es ein Kind einer Schwarzafrikanerin und eines Schweizers gar nicht hätte geben dürfen. Aufgewachsen in Johannesburg, ist Trevor heute einer der erfolgreichsten Comedians und Host der amerikanischen Today Show. Ich komme also in diversen Gesprächen nicht darum herum, das Thema Apartheid anzusprechen. Auch wenn ich ehrlich gesagt das Gefühl habe, dass dies hier eines dieser Tabus ist, welches man erst nach Wochen des Kennenlernens und in kleinem, privaten Rahmen diskutiert. Wenn überhaupt. Aber was kümmern mich Konventionen und Tabus? Ich bin jetzt hier und es interessiert mich. Wirklich. Insbesondere wenn wir in Südafrika eine Hochzeit in fast ausschliesslich weisser und offensichtlich hervorragend situierter Gesellschaft feiern. Und zu meinem eigenen Überraschen, schien niemand wirklich angepisst ob der Fragen. Immerhin. Die konkreten post-Apartheid Probleme verstehe ich dennoch nur im Ansatz, konkrete Lösungen für die nach wie vor massiv gespaltene Gesellschaft Südafrikas noch weniger. Man hört in Gesprächen regelmässig die Begriffe der „do haves“ und „don’t haves“ und die damit verbundene Herausforderung, den Wohlstand gerechter zu verteilen. Wie so oft scheinen Korruption und fehlende Bildung die grössten Hürden. Und auch wenn man diese Probleme in den Griff bekommen sollte, wird es noch viele Generationen brauchen, bis sich diese ehemalige und wohl beispiellose Trennung von Rassen und folglich Wohlstand allmählich verwäscht. Bis es so weit ist, wird hier in Boschendal fleissig geheiratet. Ganz in weiss. Logisch.

    Die Zeremonie ist schlicht und doch kraftvoll. Der Emo in mir kämpft schon bei den Heiratsschwüren mit der Fassung und findet den Höhepunkt seiner Zerbrechlichkeit bei der Rede des Brautvaters, als dieser neben diversen Gästen noch dieses „very special Swiss couple“ erwähnt, das noch immer auf Reisen ist und wohl vieles richtig macht im Leben. Das ausgesprochene Geburtsglück, das uns alle hier verbindet, bleibt auch bei dieser Gelegenheit unerwähnt. Egal, die Tränen kümmert das wenig und ich behalte meine Sonnenbrille noch etwas an. Total cool eben. Die Location hier in Boschendal ist wirklich wunderschön. Der Hochzeitsbrauch, dass auch Gäste im Laufe des Abends gewisse Unterhaltungsblöcke darbieten, scheint hier aber nicht bekannt. Es gibt also lediglich Ansprachen der Familie und des Bräutigams. Mir reicht das nicht und mit ernster Miene überzeuge ich Ramy - ein in New York wohnhafter Kanadier mit persischen Wurzeln - davon, dass unser Tisch nach der Hochzeitstorte einen Showblock zu füllen hat. Er glaubt mir. Ich schlage vor, er singt. Zu meiner Überraschung gefällt ihm die Idee. Irgendwie. Die Torte ist längst vergessen, als die Küche um Mitternacht und dann gegen ein Uhr nochmals Bretter voller Pizza-Slices serviert. Ich bin soo glücklich. Wahnsinn. Quasi der Höhepunkt der ganzen Festivitäten. Und um zwei Uhr schlägt dann tatsächlich noch Ramys Stunde, den die eingepflanzte Idee von Frank Sinatra nicht mehr losgelassen hat. Lediglich acht Leute feiern noch, aber das ist sein Moment. Wie sich herausstellt und das Video beweist, ist der kleine Perser Karaoke-Profi und seine 2am-Version von Franky’s My Way ziemlich beeindruckend. Vielleicht werde ich nach unserer Rückkehr also Talents-Scout. Vielleicht aber auch nicht.
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  • Day384

    Sackläuse zum Abschied

    February 4 in India ⋅ ⛅ 32 °C

    Vier Uhr morgens. Der Wecker ruft. Die Frisur sitzt. Also meine. Sue wirkt etwas zerzaust. Wir müssen trotzdem los, der Zug wartet bekanntlich nicht. Aber verspäten tut er sich natürlich gerne, der miefige Koriander Regio Express. Schnellzug geht anders, aber wir wollen ja was vom Land sehen. Runtergekühlt auf Eiszeit, wie sie aktuell in Amerikas Norden herrscht, tingeln wir in Richtung Mumbai. Ich schaue mir das vorbeifahrende, aufwachende Land an und die zerzauste Sue erholt sich von der anstrengenden Woche Strandurlaub und pennt. Wir sind offensichtlich die einzigen Touris im ganzen Zug - auf der Suche nach unseren Sitzen, weiss der Kontrollör sogar ungefragt meinen Vornamen - und spürbar aussergewöhnlicher als noch in Goa am Strand. Kaum ist die zerzauste Sue aufgewacht, schleicht sich auch schon ein Creep mit komisch wirrem Blick an, verwickelt die Schöne in ein banales Gespräch und will sie dann heiraten. Von mir will der Komiker Geld, Kekse, mein Hawaii-Cap und nochmals Geld. Und natürlich meinen schönen Hotspot. In der Reihenfolge und in vollem Ernst. Ich gewähre ihm nichts davon. Der frechen Sau. Zum Glück scheint der Rest der Mitfahrenden weniger aufdringlich und teilweise sogar freundlich. Zumindest im Ansatz.

    Freundlich ist auch der Taxifahrer am Bahnhof in Mumbai. Jaja, nach Taxometer fahren. Kein Problem. Im Taxi stimmt auch die Grundtaxe von zweiundzwanzig Rupien auf der Anzeige. Man schätzt, die Fahrt von drei Kilometern würde etwa siebzig Einheiten kosten, also etwa eintausendfünfhundert Rupien. Das sind mehr als zehn Mal so viel, wie ein Taxi mit vier Rädern kosten sollte!?! Den Taxometer-Revisor würde ich gerne kennenlernen. Oder auch nicht. Verdammte Abzocker. Wirklich verstörend ist die Tatsache, dass die beiden Herren auch nach unserer klaren Absage noch minutenlang und mit den wildesten Argumenten versuchen, uns von der Richtigkeit ihres Fahrpreises zu überzeugen. Wie The Donald mit seiner beknackten Mauer. Wir erzwingen einen sofortigen Shutdown beziehungsweise eine sofortige Rückkehr zum Bahnhof und bestellen ein Uber.

    Auch sonst sehen wir hier kaum ein freundliches Gesicht. Es fällt auf, dass auch die Inder untereinander ziemlich unfreundlich sind. Zumindest im privaten wie auch öffentlichen Verkehr. Komische Vibes in diesem Mumbai. In kaum einer Stadt ist der Gegensatz von arm und reich so gross wie hier, was der Film und Oscargewinner Slumdog Millionaire eindrücklich zu porträtieren wusste. Also gut möglich, dass eine grosse Mehrheit hier einfach nichts zu lachen hat. Trotzdem, wir sind ein wenig enttäuscht. Ein Lächeln kostet bekanntlich nichts und hat universelle Wirkung, auch auf einen selbst. Nach den leichten Anfangsschwierigkeiten lächle ich einfach umso mehr. Ist ja bekanntlich auch hoch ansteckend. Wie Syphilis und Sackläuse. Einfach beliebter.

    Und siehe da, meine Sackläuse verbreiten sich ziemlich schnell. Sue lächelt bald auch mit. Andere auch. Wir lassen uns ausserdem von Studenten durch Central Mumbai, Dharavi - der dichtbesiedeltste Slum der Welt - und das beliebteste Street Food Mumbais führen. Spannende Stunden mit deutlich besseren Vibes. Die Stadt mit über zwanzig Millionen Einwohnern ist definitiv zu crazy. Ein einziges, riesiges und ziemlich verdrecktes Chaos. Aber es funkioniert. Irgendwie. Auf unzähligen Plätzen aber auch sonst auf jedem freien Fleck und in jeder (wenig befahrenen) Strasse wird Cricket gespielt. Kein Wunder ist Indien der unangefochtene Meister. Weltweit. Wir sind ja eher Meister des Hobby-Modellstehens und als exotisches Sujet sind wir hier mehr gefragt denn je. Die verdammten Sackläuse sind einfach nicht mehr zu stoppen.

    Wir wohnen nicht in einem richtigen Hotel. Ist mehr eine moderne Wohnung mit Zimmern, die einzeln vermietet werden. Rajeesh ist unser nepalesischer CareTaker. Eine Mischung aus Receptionist, Frühstückskoch und Junge für alles, der ebenfalls in der Wohnung haust. Eigentlich ganz sympathisch, wenngleich die Privatsphäre etwas kurz kommt. Er sitzt meistens auf dem Sofa und daddelt auf dem Handy rum. Aber als er Hotspot Sue beim Wäscheaufhängen - ich hatte wichtiges Business, um das ich mich vom Bett aus kümmern musste - zur Hand ging und ziemlich creepy seine unerschütterliche Liebe gesteht, wird es etwas zu viel des Guten. Zu viel Sackläuse. Eindeutig zu viel. Mit etwas Glück überleben wir aber auch die letzte Nacht in Creepy Rajeesh’s Wohnung, bevor das Thema Asien für den Moment abgeschlossen ist und wir uns auf den Weg nach Südafrika machen. Es wird geheiratet!
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