Der Plan: (Fast) alle Zelte abbrechen, um abends ein kleines irgendwo aufzustellen. Radfahren. Niederrhein - Odessa - Asien, schön mäandernd und mit Druck nur auf den Reifen... Ein bisschen die Welt anschauen, die Menschen, mich selbst.
  • Dec20

    Meet the Elephants

    December 20, 2019 in Thailand ⋅ ⛅ 26 °C

    Ich war übers Wochenende bei den Elefanten von Lek Chailert.

    www.elephantnaturepark.org.

    Und ich habe neben zig wunderbaren Dickhäutern auch Lek, die Gründerin des Projekts, kennenlernen dürfen.

    Ich war bewegt, voll Freude. Über dieses Paradies, die Schönheit dieser Tiere.

    Und so fassungslos, ratlos über uns Menschen, dass ich ein paar Tage gebraucht habe, diesen kleinen Bericht in Angriff zu nehmen. Eigentlich weiss ich immer noch nicht, wo Anfangen, wo Aufhören. Ich probier‘s einfach mal mit ein paar Fakten.

    Knapp 90 Elefanten genießen im Elephant Nature Park das freieste Leben, das ihnen nach ihrer Versklavung durch uns Menschen noch möglich ist.

    Außerdem leben je ca. 500 Katzen und Hunde und eine große Wasserbüffelherde auf dem 30 Hektar großen Gelände in den Bergen bei Chiang Mai.

    Lek stammt aus einem der Bergvölker hier, Enkelin eines Schamanen, Tochter eines Elefantenhändlers. Als Mädchen hörte sie den Ruf eines verletzten Elefanten, den sie gesund pflegte. Daraus entstand eine der größten Tierschutzorganisationen des Königreichs - einem Land, dessen Politik Tierschutz reichlich egal ist, solange der Tourismus floriert. Sie ist die erste Frau ihres Volkes, die studiert hat, sie ist international unterwegs und wirkt weit über ihr Ursprungsprojekt hinaus. Sie ist der Hammer.

    Viele versuchen Lek anzufeinden, aber sie geht konsequent einen friedlichen Weg, den Weg der Aufklärung, nicht der Aggression. Die Frau hat mich mit ihrer Ruhe und Kraft wirklich beeindruckt, ein Mensch mit einer Mission aus tiefster Seele, für sie gibt es gar keine Alternative, als das zu tun, was sie tut. Irgendwie auch beneidenswert.

    Die Elefanten wurden von den Aktivisten ins Camp gerettet, sie werden dazu freigekauft. Sie müssen sich nicht von den Besuchern reiten oder baden lassen, im neusten Teil des Projektes auch nicht mehr Anfassen, ‚Hands off’.

    Die Elefanten stammen zum größten Teil aus der Tourismusindustrie, es waren Reittiere, Zirkustiere, oder mit ihnen wurde gebettelt. Ein paar waren auch Arbeitselefanten und haben andere Dinge als reiche Chinesen und Europäer durch den Dschungel geschleppt. Die älteste Elefantendame ist 105 Jahre alt, erst vor fünf Jahren ins Camp gekommen. 100 years a slave.

    Wer jetzt denkt, für so ein starkes Tier ist es ja kein sooo schwerer Job, Touristen eine Runde um die Tempel zu tragen, möge sich die Dokumentation anschauen, die Lek uns gezeigt hat. Mit welcher Brutalität der Wille dieser stolzen Tiere gebrochen wird und wie diese Drohung ihr Leben lang aufrecht erhalten werden muss, damit das Reiten - oder anderes ‚Vergnügen‘ - überhaupt erst möglich sind.

    Ich habe den Film über durchgeheult. Nicht nur wegen der Elefanten. Darüber, wie wir so drauf sind, wir Menschen. Wie ich mich zum Beispiel vor meiner Reise entschieden habe, ein wenig von Asien kennenzulernen ist mir wichtiger, als weiter konsequent nichts vom Tier zu essen. Wie wir uns nicht nur tierischen Mitgeschöpfen, sondern auch Mitmenschen gegenüber verhalten. Wie auch für uns, die wir hilfsbereit sind, in der Regel klar ist, dass die Nächstenliebe nur soweit reicht, wie unser eigener Platz an der Sonne nicht gefährdet ist. Vielleicht ist das ein Überlebensinstinkt, und nicht auszumerzen.

    Was uns bleibt - wenn wir nicht auch so eine Mission in uns tragen - ist wohl, die Dinge so gut zu machen, wie wir‘s hinkriegen. Manchmal muss man einfach das Hirn einschalten. Natürlich befreie ich nicht wirklich einen Vogel, den ich im Tempel freilasse, sondern sorge dafür, dass der Händler neue fängt. Die kleinen Fische im Foot Spa stürzen sich erst dann wie wild auf menschliche Hornhaut, wenn man sie vorher tüchtig hat hungern lassen. Und Elefanten sollten nicht für den Menschen arbeiten. Sie sollten nicht Holz schleppen müssen und dabei Gefahr laufen, in Landminen zu treten. Auch nicht ihre Babys weggenommen kriegen für ‚total süße’ Instagram-Fotos. Eigentlich sollten sie den ganzen Tag nicht viel anderes tun als fressen, sie sind nämlich schlechte Kostverwerter. Und ja, der Haken des Mahuts tut ihnen weh, er reisst ihnen Löcher in die Ohren, und unter Elefanten ist das nicht trendy.

    Trendy wird hier in Thailand auf jeden Fall, dass sich viele Elefantenparks einen tierschützerischen Anstrich geben. Es werden immer mehr, bei denen das auch hinter der Fassade stimmt, aber man sollte gründlich recherchieren, wen man mit seinem Eintrittsgeld unterstützt. Ich bin sehr froh, im Elephant Nature Park gelandet zu sein. Hier bezahlt man dafür, Elefanten nicht zu reiten. Mal ganz was anderes.
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  • Dec8

    Punktstrandung

    December 8, 2019 in Thailand ⋅ ☀️ 22 °C

    Ein kleiner sonntäglicher Lagebericht. Kein Reisebericht, gereist wird grad nicht. Mein Fahrrad hat Knie.

    Zudem ein sehr gutes Gespür für Timing, es hat mit dem Geknirsche ganz kurz vor den Toren von Chiang Mai angefangen. Ich bin echt ein Glückskind.

    Habe einen sehr netten und kompetenten Schrauber gefunden, mit drei schnurrenden AssistentInnen. Triple Cats Cycle. Reiseradspezialist. Hatte ich erwähnt, dass ich ein Glückskind bin?

    Vermutlich ist ein neues Tretlager fällig.

    Hier ein bisschen länger zu bleiben war sowieso der Plan. Ein paar Kurse machen - Thai kochen lernen, Elefanten hinter den Ohren kraulen... ich hoffe, ich habe nach gründlicher Recherche ein Elefantenprojekt gefunden, das sich wirklich um die Tiere sorgt und kein Touristenfake ist.

    Vielleicht brauchte das Fahrrad auch Erholung von den Bergetappen der letzten Tage. Habe die Hauptstraßen verlassen und bin durch die Naturschutzgebiete gefahren. Und geschoben. Heftige Rampen, das Vorderrad stieg hoch. Und die lustigen Thailänder stellen lauter gelbe Warnschilder in den Dschungel, auf denen die Steigung immer (!) mit 8 Prozent angegeben ist. Vielleicht, wenn man die Acht flachlegt...

    Es gibt ja kaum etwas Schöneres als diese letztes Meter vor der Kuppe. Und natürlich das Runterrauschen. Am besten nicht zu steil, so dass man gut rollen lassen kann, die Luft frisch, und die Sonne malt Sprenkel durchs Blätterdach auf den Asphalt.

    Aber jetzt: Chiang Mai, zeitweise Radlos. Bisschen busy hier, offenbar bin ich Landei geworden. Thai-Land-Ei.

    Ich bin zur illegalen Untermiete in einer Appartementanlage untergekommen. Alles richtig posh (zumindest nimmt man keinen armen Leuten den Wohnraum weg). Ein Pool so groß, dass er auf kein Foto passt. Ein Gym. Und: eine Waschmaschine! Manches Glück erkennt man erst, wenn man‘s ne Weile nicht hatte.

    Habe mich für 14 Tage einquartiert. Wenn es schnell geht mit dem Ersatzteil, mache ich von hier aus paar Spritztouren ohne Gepäck in die Berge. Kann man das auch mit dem Rad sagen, Spritztour? Joyrides halt.

    Ansonsten habe ich viel Zeit, zum Beispiel um neue Badebekleidung zu finden, die nicht gleich Dreiviertel meines Körpers bedeckt, aber trotzdem einen Großteil meiner Brüste. Die Thailänderinnen neigen da offenbar zum Extrem. Kleine Tücken des Travellerinnenalltags.

    Vielleicht einfacher in den Reisehochburgen im Süden. Aber jeder Kohleintopf am Straßenrand auf den Dörfern hier, von der Lanna-Oma mit Liebe gekocht, macht es mir wett. Solange man nicht gerade die Portion erwischt, in der das Rüsselchen schwimmt.

    Und all die kleinen Kuriositäten, wie die Thai-Jungs auf dem Moped in Bayer Leverkusen Trikots. Letztens getoppt von einem Shirt mit Werbung von Heckler & Koch. Dürfte in Deutschland noch größerer Ladenhüter sein als Erstgenannte.

    An Tempeln habe ich mich grad ein bisschen sattgeguckt, aber an Menschen, Märkten und Nudelsuppe kann man sich nie überfressen.

    Der weitere Plan: Nachtzug nach Bangkok, doch ein paar Tage in die Mega-City. Und dann nochmal drei Wochen ‚Urlaub von der Reise‘ über den Jahreswechsel, ein bisschen Ayurveda, Leib und Seele pampern.

    Wer jetzt mitgerechnet hat: geschlagene sechs Wochen nicht mit meinem Velotraum auf Tour. Weiß gar nicht, ob ich das aushalte. Werde sicher nochmal berichten, bevor ich zur Kur das Handy beiseite lege.

    Kommt gut durch die Vorweihnachtszeit und stresst Euch nicht!
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  • Nov30

    Einfach mal...

    November 30, 2019 in Thailand ⋅ ⛅ 21 °C

    ... ein paar Fotos. War heute schon zum Sonnenaufgang auf den Rädern, um Alt-Sukhothai ohne Selfiestickarmee zu sehen. Sehr friedvoll und verzaubernd.

  • Nov24

    Anna und der König von Siam

    November 24, 2019 in Thailand ⋅ ⛅ 31 °C

    Rama der Zehnte prangt überlebensgroß an jedem öffentlichen Gebäude, gern auch vor Fußgängerüberwegen und anderer Infrastruktur zum Wohle seiner Untertanen. Gar nicht so übel sieht er aus, der König, auf den Plakaten. Mutmaße allerdings, Pho To Shop war in dem Fall keine vietnamesische Nudelsuppe.

    Und außerdem bin ich gewarnt worden, was für ein Hallodri das ist, also keine Neuauflage. Die Verfilmungen von ‚Anna und der König’ sind hier in Thailand übrigens wegen Verunglimpfung der Monarchie auf dem Index, wer eine öffentliche Vorführung ausrichtet steht mit einem Bein auf dem Schafott.

    Mensch Thailand, ich hab mich echt ein paar Tage schwer getan mit Dir. Bis ich die kichernde Freundlichkeit der Thailänder annehmen konnte und nicht mehr mit dem Lachen der Malaysier verglichen habe.

    Ich glaube, es war vor allem meine plötzliche Sprachlosigkeit, die mir zu schaffen machte. Zwischen den ‚Touristenorten‘ ist viel weites Land auf dem Rad, nicht mal eben zweidrei Stunden Busfahrt, sondern zweidrei Tage kurbeln.

    Und schnell wird es eine Frage der Perspektive, alles ein Spiegelbild der eigenen Einstellung. Scheiß mehrspurige Straße oder hey, 1a Seitenstreifen? Die Sonne lacht oder die Hitze knallt? Verfickter Gegenwind oder endlich eine schöne Brise?

    Als ich an so einem 100km-Geradeaustag dachte, einfach am Straßenrand zusammenrollen und den holtmichheim-Buzzer drücken wär auch ne Idee, schickten mir die Götter diese kleine Garküche und ließen mich anhalten. Und das Ehepaar, das dort gerade zu Mittag aß, winkte mich an seinen Tisch. Sie zeigte auf ihre Suppe und bestellte mir dann auch eine, er zapfte mir Wasser, und wir aßen einfach zusammen und kramten nicht mal den Google Translator raus, weil es gut war, wie es war, ohne Worte. Irgendeinen Schalter hat das in mir umgelegt, ich bin echt froh drum. Vielleicht klappt es ja mit Liebe auf den zweiten Blick, Thailand.

    Einfach selbst ein paar Brocken Thai lernen ist übrigens eine hehre Idee... ich sage nur 44 Konsonanten, 16 Vokale, dazu fünf verschiedene Tonhöhen...

    Und sonst:

    - ist es in Thailand wieder möglich, Deo zu kaufen, das einem nicht gleichzeitig die Achselhöhlen bleicht.

    - scheint man offenbar besorgt um die göttliche Verdauung, zumindest stehen regelmäßig diese kleinen Yakult-Fläschchen bei den Gaben am Hausaltar, Strohhalm fürsorglich reingepiekst.

    - hatte ich mich gerade an die quietschbunten Gipsgockel vor den Tempeln gewöhnt, gern auch mal mit Glitter und Pailletten, als wären sie auf dem Weg zur nächsten CSD Parade, da ändern sich die Sitten - hier in der Region opfert man stattdessen Zebras.
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  • Nov19

    In eine volle Schüssel Kartoffeln...

    November 19, 2019 in Thailand ⋅ ⛅ 31 °C

    ... passt immer noch eine Menge Reis. Seit vorgestern mit neuer Würzmischung. Bye bye Malaysia - welcome to Thailand.

    Ich habe ja immer ein wenig Verlassen-Schmerz. Ob das nun eine gute oder schlechte Eigenschaft ist, offenbar assimiliere ich leicht und entwickle ruckzuck eine Art Heimatgefühl. Seit ich vom Frachtschiff runter bin denke ich bei jedem Container, der per Truck an mir vorbeibrettert, guck, einer von uns. Und tatsächlich fühlt es sich nach einem Monat in Malaysia ein wenig nackiger als vorher an, in der Öffentlichkeit Schultern zu zeigen, und eine Dose Bier zu kaufen gehört sich nicht so recht. Ich glaube, dass ich mich als Frau allein, groß und blond in Malaysia niemals auch nur einen Hauch bedrängt gefühlt habe, hat auch damit zu tun, dass nirgendwo Alkohol im Spiel war.

    Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man eine Landesgrenze überquert - man ist gerade mal einen Steinwurf weit weg von wo man eben war, und schwupps, alles anders. Die Freundlichkeit der Thais wirkt ein wenig geschäftiger. Das Essen ist mehr als ein wenig schärfer. Englisch ist Glückssache, jetzt sind Hände und Füße dran. Mit einer Mischung aus Englisch und Pantomime hat es geklappt, ein Bahnticket bis Nakhon Pathom kurz vor Bangkok zu erwerben, und sogar, dass mein Rad im gleichen Zug landet. Worüber ich mir bis zum Zielbahnhof nicht 100% sicher war.

    Habe dennoch gut geschlafen im Nachtzug. 17 Stunden Bahnfahrt für gerade mal 20 Euro, und dafür eine Koje mit Fenster, in die - wenn man sich gern hat - glatt zwei Leute gepasst hätten, und wo man morgens den Sonnenaufgang gratis dazu geliefert bekam. Solltet Ihr mal in Thailand Schlafwagen fahren, unbedingt das untere Bett wählen! Durch den Gang wuselten haufenweise fliegende Händler und boten Essbares feil - was auch immer das alles war, den Kaffee habe ich am Geruch erkannt. Und am Ende der Fahrt dann mein Rad tatsächlich wiedergefunden, wenn auch nicht im Gepäckwagen (kurzer Herzkasper), sondern zwei Abteile weiter quer über die Bänke.

    In Südthailand war ich nah (nicht gefährlich nah) an den Unruhegebieten. Ich habe im Bahnhofshostel mit einer Anwaltsgehilfin mein Zimmer geteilt, deren Kanzlei viele Fälle religiöser Diskriminierung von Moslems in der Region betreut. 15 Tote vorletzte Woche, erzählte sie mir. Seit 16 Jahren ist die Region Ausnahmezustand, also fast erwachsene Menschen, die kein anderes Leben kennen. Und Schulen waren wohl in der Vergangenheit oft Angriffsziel der Rebellen. Noch so ein Konflikt unter ‚ferner liefen‘ für die Welt, aber nicht für die, die betroffen sind.

    Werde von hier (Kanchanaburi, bekannt durch die Brücke über den Kwai) gen Norden radeln bis Chiang Mai - und Euch natürlich auf dem Laufenden halten. Interessanterweise wurde in den 60ern der Fluss umbenannt, damit der literarische Name der Brücke passt... den grausamen Rest der Historie werde ich mir jetzt mal im hiesigen Museum geben.
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  • Nov7

    Hohelied des Radfahrens

    November 7, 2019 in Malaysia ⋅ ⛅ 30 °C

    Reisen ohne Kokon, sich einfädeln in den Flow. Wenn ich mein Rad vor einer Essensbude zwischen den Mopeds parke, fühlt es sich an, als gehöre ich irgendwie dazu.

    Anhalten können, jederzeit. Immer Hunger haben. Ein zweites Mal Frühstücken, weil die Frau am Banana-Fingers-Stand so schön ist, dass man nicht einfach vorbeifahren kann, ohne ihr etwas abzukaufen.

    Sich zwischen den Autos durchschlängeln bis ganz vorn an der Ampel. Mit den Jungs auf den getuneten Rollern dann noch über Rot. Ihren Respekt gewinnen. Voller Gottvertrauen quer über drei Spuren. Alles muss im Fluss bleiben. Das Chaos hier kommt mir viel weniger gefährlich vor als die ganze Ordnung zuhause.

    Das Hirn ausschalten, sein eigener Motor sein, das Herz und alle Sinne offen, und ich glaube, meistens grinse ich dabei wie ein Honigkuchenpferd, und die Menschen lächeln. Das alles macht einfach kopflos glücklich.
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  • Oct31

    Käsekuchen mit Zwiebeln

    October 31, 2019 in Malaysia ⋅ ⛅ 29 °C

    Es regnet. Irgendwie habe ich ihn lieb gewonnen, den abendlichen Regen, der Rausgehen fast unmöglich macht und einen so zur Muße verdonnert - verdonnert heute sogar im wörtlichen Sinne.

    Ich bin jetzt in Ipoh, dringe langsam in touristischere Gefilde vor. Werde hier noch zwei Nächte bleiben, meine Handrücken werfen leichte Sonnenbläschen und brauchen mal kurz Schonung.

    Der erste Ort mit einer ‚Backpackerszene‘ - tatsächlich ein paar Kneipen, und davor diese verwegenen, verstrubbelten, leicht angegerbten Jungs. Nett fürs Auge. Es kriegt gleich einen anderen Vibe, weiss aber nicht, ob‘s so recht meiner ist.

    Heute früh stand in der Hostelküche neben meinem Rad ein zweites. Gehörte genau so einem Typen Ende zwanzig, bei dem die Mädels schmelzen, halb Engländer, halb Deutscher, und über den Pamir Highway gekommen. Da werde ich dann neidisch, und möchte grad mal für drei Wochen ein starker junger Mann sein und mir das zutrauen. Spannend, wie das Radfahr-Gen doch gleich verbindet. Wir hatten einen guten Schnack, ähnliche Gefühle zum Unterwegs sein, dem großen Glück und manchmal kleinen Leid des Reisens.

    Ich hatte unterwegs abseits der Touristenpfade schöne Begegnungen, kleine großartige Dinge. Die indische Familie an Deepavali, einem hinduistischen Lichterfest - die Tochter hat mir erklärt, wie man betet, und ich bin sehr beseelt mit meinen bunten Punkten auf der Stirn weitergeradelt. Der Obstverkäufer, dessen bester Freund jetzt in Hamburg Taxi fährt (Mercedes!), der mir sein verrücktes Baumhaus gezeigt hat (und mich seiner alten Mutter), Moped-Miniaturen aus Alltagskrimskrams bastelt und Musikinstrumente aus Kuchenformen. Der Tempelvorsteher, der mir Orangen schenkt, die eigentlich den Göttern geopfert wurden, und unbedingt ein Foto mit meinem Fahrrad möchte. Der alte, obdachlos aussehende Mann einen Tempel weiter, der mit mir kommt, um mich zur Statue von Quan Yin zu bringen, die Frauen wie mich beschütze. Der fließend Englisch spricht, leider schwer verständlich, und über den Willen der Götter und den zweiten Weltkrieg philosophiert und im Gegensatz zu mir weiss, dass Hitler wohl was mit seiner Nichte hatte.

    Ansonsten genieße ich vom Hostelbett aus den Ausblick auf die umliegenden Dächer und kann ganz indiskret den Tauben beim Vögeln zuschauen. Darf man das hier schreiben? Ist jedenfalls schön zu beobachten, das schier endlose Geturtel und Geschnäbel und sich gegenseitig das Gefieder putzen... der Akt selbst dann eine Sache von Millisekunden, und danach stecken sich beide erstmal ne Zigarette an... Immerhin sieht man hier mal, dass das aufgeplusterte Rumgebalze auf den Kirchhöfen und Plätzen doch ab und an zum Erfolg führt.

    Und ich habe mich endlich getraut und Durian probiert, die stinkende Königin der Früchte. In Hostels gibt es manchmal Verbotsschilder, die Dinger reinzuschleppen. Je nachdem, wie viele Paar Turnschuhe so in der Lobby stehen, würde es zwar keinen großen Unterschied machen... Jedenfalls beschreibt übersüßer Käsekuchen mit Vanille und Zwiebel den Geschmack ganz zutreffend, finde ich. Meine neue Lieblingsfrucht bleibt dann doch die Guave.

    Soweit die Lage in Ipoh.
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  • Oct26

    FAQ

    October 26, 2019 in Malaysia ⋅ ⛅ 30 °C

    Eine Woche Malaysia, und ich könnte einen ganzen Stapel Footprints füllen. Darum heute mal ein anderer Ansatz - Antworten auf Fragen, die mir gestellt wurden, daheim und unterwegs, und ein paar von meinen eigenen Fragen hab ich auch reingemogelt. Los geht‘s.

    Hey Miss! Do you like Malaysia?

    I love! Womit die allerwichtigste Frage beantwortet wäre.

    Ich hatte doch keinen Schimmer, war noch nie in Südostasien, hab mich einfach vom Frachter auf gut Glück hier ausspucken lassen. Und ich glaube, es gibt echt nur Lieben oder Flüchten. Mich hat es direkt gepackt, bin wie auf ner Endorphin-Wolke in Kuala Lumpur eingeradelt. Was für ein Riesenglück!

    Mit dem Rad durch SOA, ist das nicht viel zu gefährlich?

    Es ist hier und da im Straßenverkehr schon etwas crazy, aber ich bin bislang unerschrocken.

    Habe noch nie so viele thumbs up dafür gekriegt, fast mein Leben zu riskieren, wie während der Fahrt auf der Autobahn (ging nicht anders, scherte auch keinen) im Linksverkehr vom Hafen Richtung KL. Wenn dazu auch immer ein gutes Wort bei den jeweiligen Göttern für mich eingelegt wurde, hätten mir im Fall des Falles alle Himmel offen gestanden.

    Es gibt eine gewisse Verkehrsinfrastruktur für die unzähligen Mopedfahrer, Extraspuren, die ich mitnutze. Und richtig geil radelt es sich dann auf den Nebenstraßen durch die Plantagen - meist 1a asphaltiert, die Palmen spenden Schatten, und Zuckerrohrsaft und Kokosnuss gibts direkt vom Erzeuger.

    Und die Tierwelt?

    Affenhorden, Warane, sehr bunte Vögel, und sehr laute Vögel. Alle Schlangen, die ich entdeckt habe, waren schon ziemlich plattgefahren. Wasserbüffel habe ich gesehen, aber ich denke, die waren domestiziert, wenn auch unbehütet. Zum Glück keine Bettwanzen o.ä.

    Was sagt denn der Hintern nach der Pause auf dem Frachter?

    Der hält sich tapfer, dabei bin ich direkt mit langen Strecken wieder eingestiegen. Die Haut ist da schon eher ‚entwöhnt‘, und die Sonne knallt. Fahre eh mit ner längeren Hose über den Bikeshorts, wegen Moral und Sittlichkeit, aber jetzt auch langärmlig und mit Kopftuch, damit nichts verbrutzelt. Macht es auch leichter für Ibrahims am Wegesrand, mich mal auf nen Sirup einzuladen.

    Ach ja, Malaysia ist ja ein muslimisches Land. Ist das schwierig, so allein als Frau?

    Bislang bin ich ausschließlich auf Menschen getroffen, die mir herzlich und respektvoll begegnet sind, selbst wenn ich schwitzend wie beim Saunaaufguss (aber bekleidet natürlich) vor ihnen stand. Die Frauen offen und selbstbewusst, die Kopftücher bunt und flatterig, gestern rief mir ein Mann, der sehr eilig Richtung Moschee rannte, augenzwinkernd zu ‚Allah never waits‘. Alles in allem wirkt das nicht sonderlich restriktiv und bedrohlich. Hier stehen die Moscheen auch schon immer zwischen indischen und chinesischen Tempeln. Nur für Bierfreunde ist es sicher ein zu muslimisches Land, eine Dose kostet im Supermarkt über drei Euro, beim Essengehen locker doppelt soviel wie das Essen selbst. So wird das nix mit den Westtouristen. Mir ist’s schnuppe, ich steh auf Chrysanthementee.

    Ist nicht Regenzeit?

    Doch, es kübelt auch gerade wie aus Eimern, während ich das hier tippe. Abends gegen sechs fängt es meistens an, und dann gibt‘s kein Halten mehr. Oben schon erwähnter Ibrahim meinte, ich sei very lucky, früher hätte es im Oktober mehr geregnet. Weather has changed. Er muss es wissen mit seinen 74 Jahren, was hier schon ein viel stolzeres Alter ist als bei uns. Und während wir darüber sprachen, standen wir am Imbiss in der Ölpalmenplantage. Ölpalmen sind übrigens fünfmal ertragreicher als der Raps vom Reisebeginn...

    Palmöl, der Klimakiller, schwieriges Thema, finde ich. Der Urwald ist halt weg. Genau wie bei uns. Kann man es den Menschen hier verdenken, dass sie auch Geld verdienen wollen?

    Wie kommt man nur auf die Idee, in Kuala Lumpur in Chinatown zum Friseur zu gehen?

    Übermut? Jedenfalls bin ich jetzt blonder als die Polizei erlaubt, und die Friseurin, alle im Salon und ich hatten viel Spaß. ‚Westhaar‘ wurde da noch nicht oft geschnitten (no Problem), erst recht keine Kurzhaarfrisur bei Frauen (no problem), und meine Farbmixtur nochmal überzufärben war für alle Beteiligten ein Experiment, das mit einem Spurt zum Auswaschbecken sein Finale fand.

    Aber blonde Haare und blaue Augen ernten hier eh offene Kindermünder, da spielt die Nuance keine große Rolle. Den Exotenstatus werde ich in Thailand, wo es von Westtouristinnen wimmelt, wohl verlieren.

    Wo geht‘s denn jetzt weiter lang?

    Ich bin gerade auf Pulau Pangkor, werde die Westküste Malaysias weiter hochfahren bis Thailand, Südthailand eventuell mit dem Zug überbrücken, dann hochradeln in den Norden des Landes bis Chiang Mai, durch Laos wieder südlich, den Mekong runter, Richtung Kambodscha, dann Vietnam Richtung China. So der Plan. Wenn nicht alles anders kommt.

    Where is your husband?

    I‘m not married.

    Das kann nicht sein. Du musst heiraten. Bald! Es folgen ein paar Komplimente, und bevor am Ende ein übrig gebliebener Neffe oder Cousin für mich ausgegraben wird, mach ich mich besser aus dem Staub.

    Welchem Gott huldigt man, indem man einzelne Schlappen oder Schuhe aus dem
    Autofenster wirft?

    Keine Ahnung, aber es muss eine wichtige Gottheit sein, anders ist die umfangreiche Kollektion am Straßenrand nicht zu erklären.

    Und was bitteschön bedeutet das gelbe Verkehrsschild mit den neun roten Punkten?

    Grüße von der Insel, Anna
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  • Oct18

    Lady and Gentlemen...

    October 18, 2019 in Malaysia ⋅ ⛅ 29 °C

    ... ab jetzt wieder ohne die ‚Lady’ in den Lautsprecherdurchsagen des Käptns, Welcome to Malaysia.

    Hier hat mich der Frachter also an Land gespuckt, einen mächtigen Stapel Bücher später (mit dem Kindle macht’s nur nicht so viel her), mit frischen Bauchmuskeln und biegsam wie ne Weidenrute, dank meines täglichen Dates mit Adriene von der Yoga-App.

    So viele km Luftlinie weg von Deutschland - zum Glück ist die Seele so ein flinkes Organ, einmal kurz rüber zu Euch, in Gedanken, ist für sie nur ein Katzensprung, ganz ohne Jetlag. Ich hingegen bin gerade noch ganz dizzy von sechsmal Sommerzeit direkt hintereinander.

    Ich glaube, ich war eine ganz nette Passagierin, zumindest kein pensionierter Oberstudienrat aka Hobbykapitän.

    Die Überfahrt war ruhig. Es gab High Risk Areas mit Verdunklung, Ausgangssperre und alle Schotten dicht - aber keine Piraterie (bis auf die Raubkopie eines sehenswerten Tschernobyl-Fünfteilers, die mir der Kapitän gemacht hat). Es gab sanftes Wellengeschaukel, bei dem man Bäume und Kraniche beim Yoga knicken konnte - dafür schlafen wie ein Baby. Es gab für mich zur Abwechslung öfter mal das sri lankische Essen aus der ‚Arbeitermesse’ statt der chinesischen Offiziersverpflegung. Ich war echt happy herauszufinden, dass da noch was anderes in den Töpfen brutzelt - a little more spicy. I like spicy. Chef glücklich, ich glücklich. Sehr lecker.

    Es gab eine Offiziersparty, zu der ich eingeladen war. Erst Chinese Hot Pot und vom Master selbst reingeschmuggelten ‚Special Grape Juice‘ (Alkohol war an Bord tabu), und danach schauten wir gemeinsam die Übertragung der Parade zum 70sten Jahrestag der Volksrepublik. Wir haben es also richtig krachen lassen.

    Es hat ein bisschen gebraucht, bis ‚die Chinesen’ mir nicht mehr wie eine irgendwie andere Spezies vorkamen. Als wir gestern zum Abschied gemeinsam Chinese Dumplings gemacht haben, hat es sich beinahe schon nach Familie angefühlt. Hey, und die China Jungs konnten alle Kochen! Dabei sind diese Teigtäschchen eher filigran in der Herstellung, nicht wie ein Hühnchen auf ne Bierdose stülpen.

    Es gab viel Zeit mit mir selbst. Zwischendurch bin ich tatsächlich in einem ganz eigenen Space gelandet, als ob viel weiter Raum entsteht, wo sich sonst immer alles drängelt. Wenn ich das zulassen konnte, ohne mich aus dieser ‚Lethargie‘ herauszudisziplinieren, war es wie auf ner Wolke, schwebend und schön. Gar kein Zeitgefühl mehr. Falls es so ähnlich ist, wenn man alt wird und auf seinem Sofa sitzt, ist es gar nicht so schlimm. Man muss nur vergessen, wo man sein IPhone hingelegt hat. Oder besser gleich, dass man eins hat.

    Kurz hatte ich Schiss, das Handy wieder ‚scharfzuschalten‘. Wie vor ner Flutwelle.

    Quatsch natürlich... will ja wissen, wie es der Heimatbasis geht, und nicht auf ner Wolke einsiedeln. Aber vielleicht ist das mit zwei Wochen Kloster zwischendurch gar nicht so dumm wie ich immer dachte. Auch wenn die Beschreibung oben klingt, als könne man alternativ auch einfach nochmal Gras rauchen.

    Himmel, freu ich mich auf Bewegung, die Menschen und draussen sein!

    Ich werde die Freiheit feiern, mit nem Berg Obst und Gemüse. Hab meine Darmzotten eingeladen, die freuen sich auch schon und machen la ola Wellen.

    Und ich glaube Asien wird ganz schön crazy...

    Liebe Grüße, Anna
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  • Sep27

    Andere gehen ins Kloster...

    September 27, 2019 in Ukraine ⋅ 🌧 15 °C

    Morgen früh legen wir ab - bis dahin werden hier vor meiner Luke unentwegt Container geladen, und dennoch wird nur ein Bruchteil dessen bewegt, was der Kahn so über die Meere schippert.

    Das Einschiffen war beeindruckend. Der Frachter ist einfach riesengroß, 300 Meter lang. Alle anderen Schiffe im Hafen sind gegen uns Paddelboote.

    Und spannend: Meine Reiseagentur hatte die Sache mit dem Fahrrad offenbar nur so halb geklärt - schon, dass es mit an Bord kann, nicht aber, dass es auch übers Sperrgelände bis zum Schiff darf. Zum Glück gabs einen wirklich netten Hafenagenten vor Ort, der eine Sondererlaubnis eingeholt hat, was zwei Tage brauchte... Alles sehr streng im Port, inklusive mürrischem Grummeln, Anweisungen im Befehlston (‚Passport!‘ - ‚open bags!‘), minutenlangem Geblätter im Reisepass unter Abgleich jedes einzelnen Stempels, bei umgehängter Schwerstbewaffnung und skeptischen Blicken. Die Sonderwünsche von so einer dahergefahrenen Touristin scheren erstmal keinen, ist ja kein Kreuzfahrt-Terminal.

    Hier auf der Ural hingegen alle sehr freundlich. Ein Seemann hat mein Rad hochgeschleppt, niemals hätte ich das alleine an Bord gekriegt. Die Crew ist zum größten Teil chinesisch, und ein paar Boys aus Sri Lanka in der Küche und fürs Grobe. Bordsprache Englisch. 25 Mann Besatzung und eine struppelblonde Deutsche schwer definierbaren Alters, die alle um mindestens einen Kopf überragt. Gäbe ein super Gruppenfoto. Für den Suez-Kanal wird nochmal eine Extra-Crew an Bord kommen.

    Ich wurde im Schweinsgalopp eingewiesen, kann jetzt einen Life-Suit ordnungsgemäß überstülpen, weiss den Zugangscode zur Brücke und schnalle mich im Rettungsboot Portside auf Platz Nummer 7 fest, im Fall des Falles. Es gibt einen Fitnessraum, und eine Sauna, die wohl noch nie jemand benutzt hat (glaube auch nicht, dass ich sie einweihen werde, will ja keinen der Jungs erschrecken, sie ist gleich neben der Pingpongplatte). 10 Decks, und dann noch die Maschinenräume tief im Bauch des Kolosses.

    Lächeln und zurückhaltende Höflichkeit, das wird wohl die Kommunikation für die nächsten drei Wochen bleiben. Die Kabine ist zweckmäßig - und den kleinen Passagieraufenthaltsraum habe ich ganz für mich alleine. Tatsächlich kein einziger Mitreisender... kein pensionierter Studienrat, der mir abends Schach beibringt, keine Traveller mit Reisegeschichten aus aller Welt... aber auch keiner, der über die chinesischen Tischsitten nörgelt oder einen immerschlau zutextet. Ob Glück oder Pech weiss ich also nicht. Ein französisches Ehepaar ist hier in der Ukraine von Bord gegangen, eine Frau hatte wohl Istanbul bis Malaysia gebucht, so mein diensthabender Offizier, sei aber nicht aufgetaucht.

    Nachdem ich mich zwischendurch (jetzt schon!) gefragt habe, ob die Zeit hier vom Gefühl her so eine Art selbstbezahlter Knastaufenthalt werden könnte, habe ich beschlossen, es möglichst konsequent zum gedanklichen Runterkommen zu nutzen. Hartes Detox. Einen Tagesplan, und einfach nichts entscheiden (müssen) für eine Weile. Keine Nachrichten. FB etc. ertrag ich gerade eh nicht, was geht nur ab, wir spalten uns bröselig... Um sieben, zwölf und achtzehn Uhr Essen, was vorgesetzt wird, Zeiten für Yoga, Sport, Lesen, Schreiben, Schlafen. Manche gehen ne Zeit lang ins Kloster, ich schippere halt durch den Suez-Kanal, fernab von allem... mal sehen, wie das wird. Irgendeinen Sinn wird’s haben, über das Ankommen in Port Klang hinaus.

    Wir sehen uns in Kuala Lumpur!
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