Am Ende Europas
31 Ogos 2013, Montenegro ⋅ ⛅ 23 °C
Dragon kommt einmal pro Jahr aus Serbien nach Montenegro. Nach der langen Busfahrt sitzt er an der Tankstelle bei Niksic, trinkt ein Bier, bevor er einen Kilometer zu seinem Elternhaus läuft. Dort übernachtet er im Haus seines verstorbenen Vaters, besucht die Verwandtschaft, reist am nächsten Tag wieder zurück nach Serbien. Genau an diesem Tag radeln wir an der Tankstelle vorbei. Es dämmert bereits, wir halten an, suchen einen Schlafplatz. Dragon lädt uns in einem Sprachenmix aus Russisch und Deutsch zum Tee ein. Selbstverständlich dürfen wir bei ihm übernachten. Seine restliche Familie heisst uns willkommen, es wird Kaffee serviert, wir können duschen, schlafen müde auf dem bequemen Sofa ein.
In Niksic gehen wir uns registrieren. Ein überflüssiges Erbe der Sowjetzeit. In der Fussgängerzone spricht uns ein Roma Pärchen auf Deutsch an. Wir sind wachsam. Zigeuner, ein Volk am Rande unserer Gesellschaft – die wollen uns doch beklauen! Das Gegenteil ist der Fall. Die beiden sind neugierig, laden uns zum Eis ein, wollen unter keinen Umständen, dass wir bezahlen. Vorurteile schwinden. Der Verkehr in Montenegro ist haarsträubend, die Strassen eng, unübersichtlich und kurvig. Trotzdem wird gerast, gehupt und ohne Rücksicht auf Verluste waghalsig überholt. In zahlreichen Kurven strampeln wir auf direktem Weg eine Felswand hinauf auf das karstige Hochplateau des Durmitor Nationalparks. Die höchsten Berge des dinarischen Gebirgszuges finden sich hier und die ruhige Nationalparkstrasse führt direkt zwischen ihnen hindurch. Velofahren, wie wir es lieben. Am Abend schlafen wir auf einem kleinen Camping in Tsra. Gratis. Ehrensache.
„Bin e ächte Ämmitaler!“ Fünfzehn Jahre hat Burim in Burgdorf verbracht, geflüchtet vor den Bombardierungen der NATO 1999. Nun steht er zusammen mit uns an der kosovarischen Grenze, will seine Familie besuchen. Zwei Tage ist er im Auto über Italien, Kroatien und Montenegro hierher gefahren. Für die gleiche Strecke waren wir vier Wochen unterwegs. Klar lädt er uns zu einem Tee ein. Wir wollen wissen, wie es um die Sicherheit im Kosovo steht. „Kes Problem, wi ir Schwiz“, nur Orthodoxe müssten noch vorsichtig sein. Die ethnischen Spannungen sind sichtbar geblieben: Übersprühte serbische Ortsschilder auf dem Weg in die Stadt Peje. Perfektes Bayrisch rieselt uns entgegen, als wir uns in Peje nach dem weiteren Weg erkunden. Und bevor wir uns recht versehen, ist der Freund aus dem benachbarten Fliesengeschäft zur Stelle und zeichnet uns ein Kroki vom Weg bis zur albanischen Grenze. Kaum fertig werden wir in das nächste Teehaus geschoben: „Des Kaffee wartet schon...“
Ein schwarzer doppelköpfiger Adler auf rotem Grund flattert auf jedem Dachgiebel. Wir sind in Albanien. Die Verständigung wird sofort schwieriger. Albanisch lässt sich mit keiner unserer bekannten Sprachen kombinieren, doch zum Glück sprechen einige Leute Italienisch. So erfahren wir, dass die Fähre von Fierzë nach Kukës gar nicht mehr existiert, sondern nur die über den Komani Stausee. Das bringt unsere Routenplanung etwas durcheinander, wollten wir doch eigentlich in den Bergen bleiben und damit die Hitze des Tieflandes vermeiden. Trotzdem sitzen wir früh am nächsten Morgen in einem zum Schiff umgebauten, schwimmenden Autobus, der uns durch eindrückliche Schluchten und an einsamen Bootsanlegestellen vorbei bringt. Die Personenfähre wird von den Einheimischen als wichtiges und einziges Verkehrsmittel rege benutzt. Ein Zeitsprung mitten in Europa.
Ein älterer Mann wartet am Strassenrand und verkauft Trauben. Wunderbar, Traubenzucker ist genau, was wir brauchen, wenn wir den vor uns liegenden Passaufstieg noch vor dem Eindunkeln schaffen wollen. Wir halten an und schon werden wir mit den süssen Früchten überhäuft. Obwohl wir mehrmals insistieren, will Qemal kein Geld. Als wir weiterfahren wollen, packt er hastig seine Trauben zusammen, nimmt uns am Arm und führt uns zu seinem Haus, wo wir von seiner Frau weiter bewirtet werden. Mit grosser Selbstverständlichkeit werden wir von ihr in das Zimmer ihres jüngsten Sohnes einquartiert. Wir glauben zu verstehen, dass von ihren vier Söhnen einer in Tschechien, einer in Ungarn, einer in England und einer in Deutschland lebt und sie und ihr Mann alleine hier zurückgeblieben sind. Ein Los, das viele ältere Menschen in Albanien zu teilen scheinen. Wir werden am nächsten Morgen mit Umarmungen und Küssen wie Familienmitglieder verabschiedet, mit Gurken, Tomaten und Trauben für die nächsten paar Tage im Gepäck.
Die letzten mazedonischen Dinar sind gewechselt, wir sind auf dem Weg zurück in den Euroraum. Die ersten Dörfer in Griechenland wirken verschlafen, die Menschen gar nicht so europäisch. Trotzdem merkt man den Einfluss der EU: Solaranlagen, Bewässerung, intensive Landwirtschaft. Die Schrift macht uns zu Analphabeten, bis wir begreifen, dass Thessaloniki auf den Strassenschildern als Thessa/Niki abgekürzt wird. Wir besitzen keine Karte von der Region, da wir uns kurzentschlossen zu einer Routenänderung entschieden haben. Die Fähre bringt uns in die Türkei. Hier endet Europa.Baca lagi
Quer durch die Türkei
28 September 2013, Turki
Frauen im Minirock, Frauen mit Kopftüchern, Frauen schwarz verhüllt. Gegensätze, die ins Auge stechen. Moderne Städte und abgelegene Dörfer, westliches Denken und verwurzelte Traditionen. Geschäftsmänner in Anzug und Krawatte, Schafhirten im Strickpullover und zerschlissenen Hosen. Ihnen allen gemeinsam: Die türkische Gastfreundschaft, sie lacht uns aus jedem Gesicht entgegen. Hos Geldiniz! Willkommen, hier in der Türkei!
Schon seit Tagen riecht es nach vergorenen Trauben: Sauer, schwer, eindringlich. Im Westen der Türkei, unter der gnadenlosen Sonne trocknen die Rosinen der Welt. Ausgebreitet auf Tüchern, auf betonierten Plätzen, entlang der vierspurigen Fernverkehrsstrasse, vor den Häusern. Anfänglich grün und zuckersüss, dann schrumpelig und herb, am Ende trocken und köstlich. Der Duft reist mit uns, quer durch die Türkei.
Den ersten türkischen Chai trinken wir an einer Tankstelle. Es ist Abend. Wir haben den Tankstellenwart gefragt, ob wir hier übernachten können. Kein Problem. Aber zuerst gibt es Tee, starken Schwarztee, etwas bitter, süss. In Zentralanatolien begleitet uns der Gegenwind: Er lässt das gelb verbrannte Steppengras schwanken, zerzaust Bäume, rüttelt an den Sträuchern, lässt kleine Tornados in der staubigen Ebene entstehen, fordert uns hämisch zum Duell. Er weckt uns am Morgen und rüttelt am Abend am Zeltgestänge, ununterbrochen, quer durch die Türkei.
Der Muezzin in Pamukkale hat eine besondere Stimme. Fünfmal erschallt er am Tag von der Moschee neben unserer Pension. Zwischen jeder Sure eine Pause, man hört ihn atmen, er holt Luft, ein Knacken im Lautsprecher, dann singt er weiter, leidenschaftlich. Am Morgen sanft und leise, am Mittag hart und trocken, am Abend wehmütig, bis er verstummt. Moscheen gibt es überall im Land. Von jetzt an ist der Muezzin von Pamukkale unser Massstab. Seine Stimme im Ohr radeln wir weiter, immer gegen Osten, quer durch die Türkei.
Eine Frau verändert unser Leben in Zara, einer typisch türkischen Kleinstadt, in der wir nach einer langen Radetappe übernachtet haben. Beschaulich, mit einer massiven Moschee, einem Springbrunnen auf dem Stadtplatz und Jungs mit coolen Fahrrädern. Am Morgen stehen wir unschlüssig herum, suchen ein passendes Frühstück. Die Frau spricht uns auf Englisch an, fragt, ob wir frühstücken möchten. Im kleinen Laden vor uns gäbe es nämlich „Turkish breakfast, very cheap“, nur 5 Lyra pro Person. Wir sind skeptisch. Es gibt weder Stühle noch Tische, und der Laden sieht eher nach Kiosk als nach Frühstücksbuffet aus. Doch im Handumdrehen werden uns zwei Styroporteller gereicht, darauf Wurst, Käse, Honig, Butter und Oliven geschaufelt und in der Bäckerei um die Ecke werden wir mit frischem Fladenbrot versorgt. So ausgerüstet geht's ab ins nächste Teehaus. Man setzt sich mit dem Frühstück hin, geniesst Stuhl und Tisch in der Morgensonne und bekommt Kaffe und Tee serviert. Picknicken im Restaurant verboten? Was für ein Unsinn! Seither suchen wir in jedem grösseren Dorf am Morgen „Turkish breakfast, very cheap“. Und bald kennen wir auch das passende türkische Wort dafür: Kahvalti. Wir brauchen es oft auf dem Weg nach Osten. Es öffnet uns das Tor zum Frühstücksparadies in der Türkei.
Es ist kühler geworden. Die Weiten Anatoliens liegen hinter uns. Die Sommerhitze ist verflogen. An den Berghängen der Schwarzmeerküste hängt dicker Nebel. Die Birken verfärben sich, die Leute pflücken Hagebutten. Es ist Herbst geworden. Vor ein paar Tagen haben über unseren Köpfen Störche ihre Kreise gezogen, sind wir vom Lärm der Stare in den Bäumen erwacht. Sie ziehen nach Süden und wir gegen Osten. Immer weiter, bis ans Ende der Türkei.Baca lagi
Kaukasus
11 November 2013, Armenia ⋅ ⛅ 14 °C
Gestern sind wir in Yerevan, der Hauptstadt Armeniens eingerollt. Unvorbereitet, keinen Stadtplan im Kopf, keine Hoteladresse rausgeschrieben, es dunkelte bereits ein. Nachlässig könnte man meinen. Das tönt doch nach stundenlangem Herumirren, nach erfolglosen Versuchen Sprachbarrieren zu überwinden, nach endlosem Stress und am Ende einer Nacht auf einer verlassenen Parkbank, weil man keine geeignete Unterkunft finden konnte. Alles passé, solche Sorgen begleiten uns nur noch selten. Wir haben nichts verschlampt, die Einfahrt wird zum Klacks. Wir fragen uns zum Zentrum durch, Laptop aus der Tasche, mit einem der ungesicherten WLAN Netzwerke verbinden, dann eine halbe Stunde auf dem Internet rumsurfen, einen Screenshot von google.maps auf den E-Reader laden, gemütlich zum nächsten günstigen Hostel radeln. Fertig.
Das Internet hat die Welt verändert. Klar, nichts Neues, hundertmal gehört, eine abgedroschene Phrase. Und trotzdem erstaunt es uns immer wieder, wie blitzschnell diese Entwicklung gegangen ist. Südamerika 2006, das Iphone war noch nicht erfunden, kaum ein Hostel hat über ein eigenes WLAN verfügt. Um einen Bericht aufs Netz zu stellen, haben wir uns stundenlang in verrauchten Internetkaffees rumgetrieben. Stromausfälle, Systemabstürze, das Geballer von Videogames um uns herum - es war grässlich. Heute hat jede billige Absteige Anschluss ans Netz. Wir sitzen im Zimmer, skypen mit den Eltern, schreiben Mails an Freunde, ergoogeln uns im Abstand von wenigen Minuten das Rezept für einen Blechkuchenteig, die neusten Reisehinweise für den Iran, das Wetter der kommenden Tage, wann die Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen werden (ach, wie muss es uns vor vier Tagen langweilig gewesen sein auf dem Rad, dass uns diese Abstimmung in den Sinn gekommen ist), die Höhe der nächsten Pässe, ab wann wir uns den nächsten Hobbitfilm anschauen können, die Adresse eines Fahrradladens hier in Yerevan. Unentbehrliches und Unterhaltsames. Eine gute oder eine schlechte Entwicklung? Sicher, das Internet vermittelt uns manchmal das Gefühl, dass alle Abenteuer schon gelebt, alle Plätze auf der Erde schon bereist wurden. Überall verfügbare Informationen und die Medialisierung von Zwischenfällen mit Reisenden prägen unbewusst auch unser Reiseverhalten.
Irgendwo auf der Strecke zwischen Georgien und Armenien haben wir uns neben der Strasse zum Zelten ins Unterholz verkrochen. Unsichtbar, garantiert. Kein Taschenlampengebrauch mehr nach Einbruch der Dunkelheit. Als wir schon eingeschlafen sind, weckt uns das Scheinwerferlicht eines Autos. Direkt vor unserem Zelt. Es muss das Bachbett hochgefahren sein, wir haben nichts gehört. In einem solchen Moment ziehen negative Schlagzeilen wie Wetterleuchten an uns vorbei. Blödsinnig eigentlich. Nach all den positiven Erfahrungen unserer Reisejahre. Kopflos suchen wir zuerst nach dem Pfefferspray, anstatt uns eine Hose anzuziehen. Es ist die Polizei. Keine Ahnung, wie die uns entdeckt haben. Ob alles OK sei und einen schönen guten Abend wünschen sie uns. Das war's. Die Nacht ist gelaufen. Wir liegen stundenlang wach, mit irgendwelchen Schauergeschichten aus Internetblogs im Kopf.
Wir kennen immer mehr Geschichten von Reisenden, denen wir nie selber begegnet sind. Ihre Erfahrungen können abschrecken, aber öfters profitieren wir davon. Heute radeln wir Strecken, auf die sich ein Radfahrer der Achtzigerjahre nie eingelassen hätte. Die Informationsbeschaffung wäre zu anstrengend gewesen, zu ungewiss die Versorgung, der Streckenverlauf, die Risiken. Über das Netz erfahren wir Hintergründe über ein Land, welche uns von Regierung und Bevölkerung verschwiegen worden wären, und die uns zum kritischen Hinschauen animieren. Das erste e-mail, welches uns nach unserer Ankunft in Yerevan entgegen flattert, kommt von Amnesty International. „Geht gar nicht, Herr Putin!“ lautet der Betreff. Es geht um die kommenden olympischen Spiele in Russland und um die Unvereinbarkeit mit getretenen Menschenrechten.
Das Mail interessiert uns. Obwohl wir nicht in Russland unterwegs sind, sind wir doch nah an der russischen Kultur dran. Ex- Sowjetische Ortsbilder begleiten uns, seit wir die Türkei verlassen haben. Vor allem auf dem Land, aber auch in kleinen Städten ist die russische Vergangenheit immer noch gut spür- und sichtbar. Diese konservengleichen Plattenbauten, die langsam zerfallen, die gigantische Infrastruktur einer Supermacht, welche von Albanien bis China vor sich hinrostet. Die Generalstabskarten der UDSSR sind Grundlage der hübsch aufbereiteten Landkarte, welche wir in unserer Lenkertasche mitführen. Im Grenzgebiet zwischen Georgien und Armenien rattern raupenbetriebene Pflüge aus der Sowjetzeit über die Äcker, stehen die Kühe in den Ställen der Kolchosen, werden Mandarinen, Kürbisse und Kartoffeln in den unverwüstlichen UAZ Bussen zum Markt gefahren.
Die Regierung Georgiens arbeitet mit Feuereifer daran, diese Bilder zu löschen. Zumindest in den grossen Städten. In Batumi, Georgiens Vorzeigebadeort, spriessen im Zeitraffertempo durchdesignte Wolkenkratzer aus den verendenden Sowjetdinosauriern. Als wir die Stadt Richtung Norden verlassen, präsentiert sich uns eine Skyline, welche direkt aus Dubai hätte eingeflogen sein können. All diesem Drang nach Wandel fern scheint Swanetien im Kaukasus. Bevor der Winter hereinbricht, radeln wir eine Woche lang bei strahlendem Herbstwetter durch diese Region. Die Schatten der kaukasischen Fünftausender haben Dörfer und Menschen hier in einen Dornröschenschlaf versetzt.
Noch immer dominieren steinerne Wehrtürme aus dem Mittelalter die Ortsbilder, laufen die Schweine frei durch die Gassen, in Abfällen suhlend, um dann später nach Grossmutters Art am Stück aufgehängt und geräuchert zu werden. Während unserer Svanetien Tour halten wir uns daher lieber an Chatschapuri (Brot mit geschmolzenem Käse) und „Röschti zum Zmorge“, können es aber trotzdem nicht vermeiden, dass uns auch mal ein paar hartgekochte, feinsäuberlich geschälte Eier als Geschenk im Plastiksäckchen überreicht werden. Tja, die Swans mögen's halt deftig. Sie gelten als stolze und legendäre Krieger.
Unter den harten Lebensbedingungen im Gebirge führten die Sippen und Familien immer wieder Raubzüge durch, um zu erbeuten, was das Leben des Clans sichern konnte. Blutrache war bis ins letzte Jahrhundert ein ernsthaftes Thema und lange Zeit konnten sie sich erfolgreich gegen die Russen zur Wehr setzen. Ihre Türme, welche sie seit dem Mittelalter in Zeiten der Fehden und Raubzüge geschützt hatten, waren auch gegen die Russen von Vorteil. 1875, als in Svanetien ein Aufstand gegen die Zarenherrschaft ausbrach, konnte das russische Militär den Widerstand der Bevölkerung erst brechen, nachdem es einige der Türme samt Bevölkerung in die Luft gesprengt hatte. Ein standhaftes Völkchen. Fehlt nur noch der Rütlischwur. Tönt nach zu viel Mythos und Märchen? Klar, auch in Svanetien wird das Dornröschen vom Prinzen geküsst. In Ushguli, dem UNESCO geschützten Bergdorf auf 2100 Meter verbringt unsere Gastfamilie den Abend nicht mehr vor dem Fernseher, sondern mit Facebook. Mestie, das Zentrum der svanetischen Kultur hat ein modernes Skigebiet und ist drauf und dran ein zweites „Bariloche“ zu werden. Trotzdem, Svanetien war ein Highlight unserer bisherigen Reise, ganz bestimmt. Mal abgesehen vom Essen.
Mit dem Überqueren der Grenze zu Armenien wird die Landschaft flacher: Weite Hochplateaus, karge Hügel und Gegenwind begleiten uns bis Yerevan. Bei der Stadteinfahrt scheinen wir wieder Zeitzonen zu durchqueren: Am Rand das graue Vermächtnis der Russen, im Zentrum kolossale Rundbogenbauten aus Vulkangestein und synchrongesteuerte Wasserlightshows auf dem Republic Square. Es ist nicht nur das Internet, das die Welt verändert hat. Die Welt ändert sich überall. Jeden Tag. Schon immer.Baca lagi
Iran Tagebuch
1 Januari 2014, Iran ⋅ ☁️ 3 °C
18.11.13 Bald ist es Tag. In einem neuen Land ankommen, erste Schritte gehen. Eine Steinsilhouette in der Morgendämmerung erinnert an eine verschleierte Frau. Frühstück suchen und für den Tag einkaufen. Ein verstohlener Griff an den Kopf, sitzt das Kopftuch noch richtig? Schmunzeln über imitierte Produkte: Tack tack für KitKat, Katrin für Knobbers, Pitbull für Redbull. Wir hören leise den Muezzin rufen. Es ist lange her, seit wir ihn gehört haben. Annäherung an den Iran.
19.11.13 Regen. Wir bleiben in Jolfa, 5-Dollar Unterkunft. Das Zimmer ist eine Zelle, kaum Platz für zwei Betten, einen Tisch, einen Gasofen. Auf dem Stockwerk riecht es nach Urin, draussen hört man den Zimmernachbarn rotzen, eine halbe Stunde lang. An den Wänden Graffitis auf Farsi. Wir können jetzt nichts mehr lesen, finden Unterkünfte oder Internetkaffees nur noch mit Hilfe, auch wenn wir direkt davor stehen. 20.11.13 Stopp an der Tankstelle nach Marand, es ist kalt. Werden sofort zum Tee und Essen eingeladen, ein Bezahlen wird vehement abgelehnt. Jemand ruft einen Freund an, Akbar Naghd, er kommt mit dem Motorrad aus der Stadt, um uns seine Fotosammlung zu zeigen. 275 Radler, die hier in den letzten neunzig Monaten durchgefahren sind. Ein Knotenpunkt zwischen Europa und Asien. In den Fotobüchern von Akbar sind sie alle vereint. Türken mit Faltvelo, Rennrad und Rucksack, das Pärchen, welches in Kambodscha einen tödlichen Unfall hatte, der Japaner, der in zehn Jahren um die Welt gefahren ist. 275 Geschichten und Schicksale in vier verschiedenen Fotoalben. Auch wir werden fotografiert und landen im Album.
21.11.13 Wir finden keinen Übernachtungsplatz, es bleiben noch 30km bis Tabriz. Nachtfahrt: Eingeschränkte Sinne, das Brausen der Lastwagen auf der vierspurigen Autobahn. Die Welt ist reduziert auf einen Lichtkegel, rote Diodenreklamen, Autoscheinwerfer, Lärm. Von rechts eine weitere Strasse, ein Lichtschlauch. Auch wir radeln in einem solchen Lichtschlauch. Zwei Lichtsignale in einem Glasfaserkabel. Und dann haben wir einen Platten. Es ist jetzt acht Uhr. Wir sind noch vier Kilometer vom Zentrum entfernt. Auf einer Verkehrsinsel packen wir das Fahrrad ab, ein Zehnernagel steckt im Pneu. Noch während dem Flicken taucht Ervan auf und bringt uns heissen Tee. Er arbeitet in einer Kebabbude um die Ecke und lässt nicht locker bis wir seiner Einladung nach Hause folgen. 22.11.13 Frühstück um Zehn. Wir schauen fern: Englischer Kanal. Es wird berichtet, dass bei einer Umfrage in den USA 56% für eine Lockerung der Iransanktionen seien. Der Iran wird als Bombe dargestellt. In der Bombe hat es Prozentwerte. Jemand malt mit rotem Filzstift ganz oben einen Strich hin. Ervan findet die Amerikaner „stupid“. Er schaltet den Fernseher aus und lädt uns ein, bei ihm zu bleiben. Auf seine Kosten, so lange wir wollen.
28.11.13 Gegenwind, ein unerbittlicher Gegner, reisst an uns, rauscht in den Ohren. Eine Kreuzung streckt ihre Arme in alle Himmelsrichtungen. Mehrmals halten Autos an: Woher, wohin, wie gefällt euch der Iran? Und immer wieder „I'm so happy to see you here! Welcome to Iran, welcome to my country!“ Am Abend werden wir von der Strasse weg eingeladen. Wir landen bei einer Lehrerfamilie mit viel Power, es ist laut und es herrscht eine unkomplizierte Stimmung. Drei Generationen, zwölf Personen. An der Wand hängt ein Bild der religiösen Führer des Landes. Sie haben auch nach der Präsidentenneuwahl von diesem Sommer uneingeschränkte Macht. An den meisten Dorfeingängen gibt es grosse Plakate von ihnen. Kein Blickkontakt. Der eine schielt weg, den anderen sieht man im Profil. Sie wollen gesehen werden, zweifellos, aber selber wollen sie niemanden sehen. Wahrscheinlich ist ihnen das Wegschauen zur Gewohnheit geworden. Die Familie beteuert, sie würden sie lieben, ihre Führer. Stolz in den Augen. Überzeugung.
30.11.13 Wir werden von der Polizei aufgegriffen. Passkontrolle, danach ab auf den Posten. Widerstand zwecklos. Auf dem Büro werden unsere Daten in den Computer eingetragen. Der Typ hinter dem Tisch strahlt Negativität aus, herablassend, wichtigtuerisch, machtbesessen. Ein einfacher Soldat übersetzt belanglose Fragen auf Englisch. Danach passiert nichts mehr. Eine Stunde lang behandelt der Tischtyp wichtige Sachen, während wir mit dem Soldaten plaudern. Er ist interessiert, denkt, dass viele ein falsches Bild von den Iranern hätten. Er fragt uns nach einem Statement über sein Land. Brigitte sagt ihm, dass die Iraner die gastfreundlichsten Menschen der Welt seien. Der Soldat übersetzt in den Raum. Die Gesichter hellen sich auf, anerkennende Blicke, tuscheln, ein selbstgefälliges Grinsen des Tischtypen. Ja, sie hören sie gern, die Iraner, Komplimente über ihr Land. Nach eineinhalb Stunden werden wir entlassen. Es ist nichts weiteres geschehen. Beim Herausgehen sagt uns der Soldat, dass er die Polizisten hasse, dass alle hier gegen Amerika seien, er aber anders denke. Die Informationen fliessen rasch, zwischen dem Türrahmen. Zum Abschied flüstert er uns seinen Namen zu. Eine Regelüberschreitung. Ein kleiner Akt der Rebellion. Sein Militärdienst dauert zwei Jahre.
1.12.13 Eine Frau spricht Brigitte auf der Strasse an, organisiert ihre Schwester als Übersetzerin. Wenig später sitzen wir in einem eleganten Wohnzimmer und knabbern an Süssigkeiten. Pflichtgemäss tragen alle Frauen ihr Kopftuch, aber immer öfter blitzt darunter Übermut hervor. Während ich bei etwas verkrampften Männern sitzen bleibe, begleitet Brigitte die Frauen in den Beautysalon, der der Schwägerin von Mehri, der Gastgeberin gehört. Sobald die Frauen unter sich sind, verschwinden die Kopftücher, zerrissene Jeans und knappe Shirts kommen zum Vorschein. Es wird gelacht, über die neusten Makeupfarben und Modestile diskutiert, nebenbei Haare geschnitten und Augenbrauen gezupft. Und am Schluss heisst es „...no, no money, you are family“, während die schwarzen Kopftücher wieder über den Kopf gezogen werden und sich die Frauen in pflichtbewusste Iranerinnen zurück verwandeln.
3.12.13 Wir fahren auf einer alten Karawanenstrasse. Man merkt es an den Landmarken, die sie immer wieder ansteuert, an den Wadis, denen sie folgt. Eine alte Karawanserei, halb zerfallen, von Graffitis übersprühte Mauern, russgeschwärzt. Stille um uns, nur der Wind, der durch die Steine streicht. Man kann sie spüren, die Leute, die hier vor Jahrhunderten Rast gemacht haben, die Dromedare schreien beim Beladen, Hektik, der Duft von gegrilltem Kebab wabert durch die Luft, Männer trinken Tee im Schatten der Arkaden... Nichts ist geblieben ausser Ruinen. Der Smog in den Städten frisst die letzten Bauwerke aus einer grossen Zeit.
7.12.13 Vor der Imam Moschee in Esfahan treffen wir einen Mann. Er spricht Deutsch, ist Uhrmacher, hat drei Jahre in Freiburg gearbeitet. Ah, Schweiz, gute Uhren dort. Er hätte in seinem Leben zu viel geschuftet, 18 Stunden am Tag, jetzt habe er Arthrose in den Händen und Rückenschmerzen. Hätte halt ein schönes Haus gewollt, ein schnelles Auto... Aber er habe einen Fehler gemacht. Durch die Sanktionen der USA und der EU habe er alles verloren. 80% Wertverlust des Geldes in den letzten drei Jahren. Dafür werde nun das Benzin subventioniert, billiger als Wasser. Es seien nicht die Ausländer, das habe die Kulturrevolution gemacht. Die Iraner seien selber schuld. Alles Scheisse, Iran Scheisse. Enttäuschung in den Augen. Resignation. 12.12.13 Zagros Berge, endlich wieder frische Luft und abwechslungsreiche Tage. Es schneit. Nomaden treiben Ziegenherden die Berghänge hoch, Frauen in bunten Röcken sammeln Nüsse. Schon vier Tage sind wir nun seit Esfahan unterwegs. Schlafen in einer kleinen Moschee, nachdem uns ein paar halbwüchsige Jungs hierher geführt und sich mit einem knusprigen Brot als Geschenk von uns verabschiedet haben. In der Nacht Knieschmerzen von der Belastung und Muskelkrämpfe. Zeit für eine Pause. 13.12.13 Ein letzter Pass und dann sausen wir hinab nach Shiraz. Ein grosses Schild: Welcome to the healthcare city. Kurz danach beginnt die Smogglocke. 30km bis ins Stadtzentrum, stechende Lungen, wie eine Flipperkastenkugel hüpfen wir umher auf der Suche nach einem Hotel. Wir finden das Paradies. Das Frühstücksbuffet, wie eine Fata Morgana in der Wüste.
21.12.13 Ein Tag, als müssten die ganzen Luftmassen über dem Iran ausgetauscht werden. Grauer Staub hängt in der Luft, die Landschaft ein Sepiabild. Steinwüste. Die letzten zwei Tage haben wir unter Brücken geschlafen. Ohne Zelt, es war warm. Heute suchen wir Schutz bei einer roten Halbmondstation. Wir haben Glück, uns öffnet ein junger Englischstudent die Tür, der hier für zwei Tage Geld verdient. Wir machen zusammen Englisch Lessons. Die Aufgaben sind viel zu schwierig. Meist muss er die Antworten erraten, Erklärungen gibt es in dem Lehrmittel keine. Er zeigt Brigitte Fotos von seiner Freundin. Ohne Kopftuch, mit Mini und Strümpfen. Es sei das Nachbarsmädchen, das sei toll, denn immer wenn die Eltern weg seien, komme sie zu ihm rüber... Wir lachen viel.
25.12.13 Kein Schiff aus Bandar Lengeh nach Dubai an Weihnachten. Zu viel Wind. Immer zu viel Wind die letzten Tage, das haben auch wir gemerkt. Heute versuchen wir es in Bandar Abbas. Wir müssen unsere Tickets ändern. Nach langem Suchen finden wir Mr. Zenjah in seinem Büro. Doppelkinn, Schnäuzchen, schon etwas älter. Trinkt hinter seinem Tisch Tee mit Leuten, die kommen und gehen. Ich sitze auf einem Stuhl. Nach fünfzehn Minuten hat er meinen Namen abgetippt. Neue Kollegen kommen. Ich beginne ihn anzustarren. Er nimmt mich wieder wahr, macht ein Telefon nach Teheran, um die Umbuchung zu bestätigen. Die Kollegen gehen, der Tee ist leer. Mein Nachname steht jetzt auch schon auf dem Papier. Neuer Tee wird serviert, das Starren nützt nichts mehr. Es wird geraucht. Mein Fingertrommeln löst ein zweites Telefonat nach Teheran aus. Ich bete, dass Mr. Zenjah irgendwann den Printknopf findet. Die Fähre fährt um neun. Dort wird Mr. Zenjah das Hauptkommando für die Passabfertigung haben... Letzte Stunden im Iran. Draussen ruft der Muezzin, gedämpft durch die Fensterscheiben. Ein Land verlassen, letzte Schritte gehen. Bald ist es Nacht.Baca lagi
Auszeit
2 Januari 2014, Emiriah Arab Bersatu ⋅ ☀️ 24 °C
Die Welt ist furchtbar komplex. Pro Tag treffen wir etwa 20'000 Entscheidungen, hat der Hirnforscher Ernst Pöppel mal ausgerechnet. Zugegeben, die meisten davon sind reine Routine. Genauer gesagt etwa 90 Prozent davon. Würden wir bei jeder Entscheidung erst einmal Argumente sammeln, gegeneinander abwägen, die Folgen abschätzen und bis zur letzten Konsequenz durchdenken, wären wir mit der Entscheidung des Kaufs einer Zahnpasta ein paar Tage beschäftigt. Und das geht natürlich nicht.
Beim Reisen ist das anders. Dort gerät nämlich die Routine aus den Fugen. Die Zahnpasta, für die man sich zu Hause normalerweise „entscheidet“, gibt es gar nicht. Zusammen mit einer einsamen Fahrradstrecke kann es dann schon mal vorkommen, dass man sich damit ein paar Tage aufhält. Nicht auszudenken, wie es dann mit den Nicht- Routineentscheiden aussieht. Der Entscheidung zum Beispiel, wie unsere Reise nach Dubai weitergehen soll. Der nahe Osten ist für Radler zur Zeit eine Sackgasse. Früher oder später müssen wir in einen Flieger steigen. Und damit haben wir praktisch eine unerschöpfliche Auswahl. Die mehrwöchige Superentscheidung sozusagen. Laut weiteren Studien, müssten wir nun sofort auf eine erfolgsversprechende Dreipunkte-Strategie umsteigen, denn zu langes Grübeln macht unglücklich. Dabei gibt es drei Möglichkeiten, um sich schnell zu entscheiden: 1. ein Zeitlimit setzen, 2. die Entscheidung delegieren, 3. eine Auszeit von der Entscheidung nehmen. Ha, so leicht geht das! Eine Auszeit nehmen. Das tönt doch gut.
Eine Woche lang treiben wir uns in den Shopping Malls von Dubai herum, schauen uns Filme in 3D an, staunen über die Indoor Skianlage in der Wüste und feiern mit Millionen von Menschen beim grössten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa unter einem Megafeuerwerk das neue Jahr. Eine erstaunliche Welt! Fast hätten wir mit unserer Auszeit Erfolg gehabt, und wir hätten unsere Entscheidung, wie es weiter gehen soll, für immer vergessen. Aber dann machen uns die hohen Lebenskosten der Emirate doch einen Strich durch die Rechnung. Nach einer Woche bleibt uns nur, Punkt eins in Angriff zu nehmen (das Delegieren ist zu zweit so ne Sache), und der ganzen Entscheidungsfrage in Kürze ein Ende zu bereiten. Frei nach dem Motto eines Radlerpaares, welches zehn Jahre um die Welt geradelt ist und am Ende gesagt hat „ach wisst ihr, es kommt gar nicht so drauf an, wo man fährt“, entscheiden wir uns für Sibirien. Ein Russlandvisa kriegt man nur im Heimatland. Und obwohl wir unsere Pässe per DHL Dokumentenpost problemlos nach Hause schicken und dann das Visa durch eine Visaagentur organisieren lassen könnten, rät uns der Schweizer Botschafter in Dubai davon ab, diese in den Emiraten aus der Hand zu geben. Wir hätten unsere Entscheidung schon fast über Bord geworfen, uns eine weitere Auszeit im Oman gegönnt und damit gegen eine der grundlegendsten Erkenntnisse in der Entscheidungsforschung verstossen (wer Gelegenheit hat seine Entscheidungen zu überwerfen, braucht 50 Prozent länger, um sich zu entscheiden), als eine erfreuliche Nachricht des Schweizer Konsuls aus Kathmandu in unseren Maileingang flattert: Es sei durchaus denkbar, sich in Nepal für eine gewisse Zeit ohne Pass aufzuhalten. Natürlich erst nach der Einreise und auf unser eigenes Risiko. Aber eben „durchaus denkbar...“. Und so sitzen wir zwölf Stunden später im Flieger der Air Arabia mit Ziel Kathmandu. Wer kann da noch an der Durchschlagskraft der Dreipunkte-Strategie zweifeln.
Von Kathmandu aus spedieren wir unsere Pässe nach Hause und lassen uns einen Teil unserer Winterausrüstung zuschicken. Ohne zu zögern haben wir der Paketliste noch zwei Tuben Elmex Zahnpasta hinzugefügt, denn wer quält sich schon gerne unnötig mit Routineentscheidungen. Punkt zwei der Dreipunkte-Strategie hilft uns dann auch umgehend herauszufinden, was wir machen sollen, während wir auf unsere Sachen aus der Schweiz warten. Zwei Freunde von uns haben nämlich vor kurzem Nepal mit ihren Fahrrädern bereist und so können wir die Entscheidung, was man hier am besten unternimmt getrost delegieren.
Die beiden schwärmen begeistert von der Annapurna Runde. Darum füllen wir zwei Rucksäcke und schnappen uns unsere Velos, um es ihnen gleichzutun. Wir erleben zwanzig Tage in einer umwerfenden Bergwelt: Kaum Touristen um diese Jahreszeit, gute Fernsicht, ein Hauch Winterzauber in den Tälern und der gefrorene Tilicho See, der uns so richtig auf das kommende Sibirienabenteuer einstimmt. Doch am Ende sind wir fix und fertig. Und so fällt es uns auch nicht weiter schwer, unser Vertrauen noch einmal in Punkt drei der Dreipunkte-Strategie zu setzen, als die nächsten Entscheidungen auf uns einstürzen. Diesmal dauert die Auszeit zwei Wochen.
Leider verschiebt sich bei der Vorbereitung einer Winterfahrradtour durch Sibirien das Verhältnis von 90 Prozent Routineentscheidungen und 10 Prozent wichtigen Entscheidungen zu Ungunsten der Routineentscheidungen und wir verbringen trotz Dreipunkte-Strategie ein paar Tage mit Grübeln. Zum Glück finden wir aber im Päckchen, welches aus der Schweiz bei uns angekommen ist, nicht nur unsere halbe Winterausrüstung und zwei Tuben Elmex Zahnpasta, sondern auch Weihnachtsplätzchen, Lebkuchen, batteriebetriebene Rechaudkerzen und ein Kilo Schokolade, was dem Unglücklichsein aus dem Entscheidungsmissverhältnis zu unserem Erstaunen letztendlich den Garaus macht. Und so müssen wir uns eingestehen, dass wir wohl in Zukunft nicht ausschliesslich auf den Erfolg der Dreipunkte-Strategie zählen dürfen, sondern dass bei der Entscheidungsfindung auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen können. Ach, die Welt ist furchtbar komplex.Baca lagi
Baikal
3 Mac 2014, Rusia ⋅ ☁️ -9 °C
Eine Welle rollt Richtung Ufer, unterirdisch. Das Wasser schwabbt an die dicke Eisdecke, löst ein dumpfes Grollen aus. Scharfe Knalle, die sich netzartig ausbreiten. Plötzlich beginnt die grosse Spalte wenige Meter neben uns zu leben. Ein Knirschen, wie zwei Stahlbleche, die aneinander reiben. In Zeitlupentempo schiebt sich eine dicke Eisplatte über die andere, türmt sich mehr als einen Meter hoch auf. Fasziniert, mit einem flauen Gefühl im Magen schauen wir zu. Dann ist es wieder still.
Als wir am Abend Wladimir, dem alten Holzfäller davon erzählen, nickt er bloss. „Äto Baikal“, meint er, „das ist „ER“. Für die Einheimischen ist der Baikal mehr als ein See. Er bringt Leben und nimmt Leben. Wenn sie von ihm sprechen, dann oft in der dritten Person. Auch wir merken in den nächsten Tagen, in denen wir den gefrorenen Baikal von Süden nach Norden hoch radeln, dass wir uns seiner Magie nicht verschliessen können. Wenn wir zum Überqueren einer schwierigen Presseiszone laut vor uns hin fluchen, entschuldigen wir uns innerlich unverzüglich dafür: „Verzeih, es war nicht so gemeint.“ Auf der Olkhon Insel sind wir mit Igor verabredet, einem erfahrenen Eisjeepfahrer. Er markiert uns die aktuellen grossen Spalten auf der Karte, gibt uns Tipps, wo und wie wir diese überqueren können. Beim Pokoyniki Cape hält sein Finger sekundenlang auf der Karte inne. „Hier solltet ihr nicht anhalten“, meint er knapp. Später hören wir Geschichten über Visionen, über seltsame Stimmen in der Luft. Eine Legende von ungeklärten Todesfällen in einem nahen buriatischen Dorf wird erzählt. Der Baikal ist der älteste See der Erde. Er hütet viele Geheimnisse.
Wir haben das Wummern des Eises noch im Ohr, als wir in einem Liegewagen auf der Baikal-Amur Magistrale mehr als tausend Kilometer Richtung Nordosten fahren, zum Startpunkt des legendären Kolyma Highways, der einzigen Piste durch den äussersten Zipfel Sibiriens. Wir fahren „Platzkart“, teilen uns den Wagen mit raubeinigen Strassen- und Minenarbeitern, die auf dem Weg zu ihrem neunmonatigen Arbeitseinsatz sind. Teilweise mehr als fünftausend Kilometer von zu Hause entfernt, drei Viertel des Jahres weg von Frau und Kindern. Oleg aus Weissrussland, der im unteren Bett schläft, zeigt uns am nächsten Morgen Fotos von seiner Familie, eine hübsche Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Arm und einem blonden Mädchen im Schulalter an der Hand. Der Waggon ist völlig überheizt, es stinkt nach Instantnudeln, nach Schweiss und nach über den Abschied hinweg tröstendem Wodka. Und trotzdem sind wir dankbar dafür, nicht so unterwegs sein zu müssen, wie die Strafgefangenen siebzig Jahre vor uns. Der Kolyma-Highway trägt einen Übernamen – the road of bones, die Strasse der Knochen. Millionen wurden während Stalins Säuberungen in die Gulags von Jakutien und Magadan deportiert, Hunderttausende sind beim Bau der Strasse in den Sümpfen und Wäldern Ostsibiriens gestorben. „Nur wenige waren schuldig, die meisten zu Unrecht verbannt“ steht auf einer Gedenktafel am Strassenrand.Baca lagi
Kolyma Highway
9 April 2014, Rusia
Die russische Republik Sacha ist knapp so gross wie Indien. Ihre Hauptstadt, an den Ufern der Lena gelegen, ist die kälteste Stadt der Welt. Im Dezember und Januar steigt das Thermometer tagsüber kaum über -45 Grad. Die grossen sowjetischen Plattenbauten stehen auf massiven Betonstelzen, um den Permafrostboden nicht aufzutauen. Jetzt Anfangs März ist es bloss noch minus fünfzehn. Am Abend laden uns Andrei und Gavriel, zwei russische Ärzte im Hotel zu einem Vanilleeis ein, und als wir am nächsten Nachmittag über den Leninplatz schlendern, sehen wir Teenager, die im Sweatshirt die warmen Sonnenstrahlen geniessen. Es könnte irgendwo in Asien sein, in Korea oder der Mongolei. Die Sacha sind ein Volk mit Turkwurzeln. Sie haben helle Haut, dunkle Haare, feine Gesichtszüge mit schräggestellten Augen und flachen Nasen. Sie sprechen eine kehlige Sprache voller Üs und Ös. Auch ihre Traditionen haben wenig mit Russland zu tun. Zäune mit windzerzausten Stoffbändern an den Rayongrenzen, grosse geschnitzte Holzpfähle, das Pferd als heiliges Symbol. Erbe der alten Naturreligion.
Auf dem Schild am Dorfeingang von Üchügei steht neben dem Pferd ein Rentier. Ewenen, die Rentiernomaden, machen mit 3% nur noch einen kleinen Teil der Bevölkerung aus. Sie sind der Grund, weshalb wir einen Abstecher von der Hauptstrasse in das Gebiet rund um Omjakon machen. Mit dem Schneemobil fährt uns Kyrril hinaus zu seinem Vater Fiodr. Der Sechzigjährige ist Ewene, lebt noch wie früher das ganze Jahr in einem Zelt in der Wildnis. Er folgt den Wanderbewegungen seiner Herde, schützt die Rentiere vor hungrigen Wölfen, lebt von und mit ihnen. Im Wachstuchzelt liegen Rentierfelle am Boden, ein kleiner Eisenofen bollert neben dem Eingang vor Hitze. Es riecht nach Harz und Fichtennadeln. Fiodr schenkt Tee in Blechtassen aus und widmet sich dann wieder seinem Kreuzworträtsel. Ab und zu schaut er auf, dreht ein paar Knöpfe an seinem Radio, wirft ein neues Holzscheit in die Glut, während von draussen das Getrampel von mehreren Hundert Rentieren hereindringt.
Am zweiten Nachmittag fangen die beiden mit dem Lasso Rentiere ein und spannen sie vor einen Birkenholzschlitten. Die Rückreise erfolgt traditionell... Die Schlittenrennen, die wir eine Woche später am alljährlichen Fest miterleben, haben dann nur noch wenig mit gemütlichem Jingle Bells zu tun. Voller Stolz zeigen die Ewenen ihr Können im Lassowurf, Rentierreiten und Schlittenfahren. Der Schnee stiebt, die Zungen der Rentiere hängen fast bis auf den Boden und mehr als ein Fahrer wird in der Kurve vom Schlitten gefegt. Doch es lohnt sich: Den Gewinner erwartet ein brandneuer Quad.
In der Republik Sacha schlummern Bodenschätze in Milliardenhöhe. Seit Stalins Gulagzeit wird hier Gold geschürft. Zuerst von den Strafgefangenen, mit nichts anderem als „einer Brechstange, einer Spitzhake, einer Schaufel und einem Löffel“. Damit wurden Sprenglöcher in den Permafrostboden getrieben, den man danach bis in eine Tiefe von drei Metern wegsprengte. Im Frühjahr schossen dann die Gebirgsbäche voller Schmelzwasser mitten durch die so blossgelegten Goldfelder. Die Arbeit der Goldwäscher begann. Auch heute verlässt das Gebiet jährlich um die dreissig Tonnen Gold. Auf dem Weltmarkt des Diamantenabbaus ist Sacha führend. Russland ist Europas grösster Öl- und Gaslieferant. Die ergiebigsten Vorkommen lagern hier in Ostsibirien. All diese Bodenschätze liegen eigentlich auf Ewenenland, doch die Urbevölkerung profitiert davon nichts. Das Gegenteil ist der Fall, ihre natürlichen Weidegründe werden immer mehr eingeschränkt und gehen durch die Umweltverschmutzung kaputt. Kilometerweit radeln wir durch Flusstäler, welche aussehen, als wären sie von einer Kolonie Riesenmaulwürfe umgepflügt worden. Vor unseren Augen spielt sich das bekannte Drama im Kampf um Rohstoffe ab. Tradition und Fortschritt, Umwelt gegen Wirtschaft, Macht und Ohnmacht.
Juri, der Meterologe in der Meteostanzia von Deliankur zögert, als wir ihn nach Leuten in Ozernoe fragen: „...njet, liudi njeto“ meint er, obwohl, ein bewohntes Haus habe es schon noch, er wisse aber nicht, ob wir dort übernachten können. Da es erst vier Uhr ist und die Sonne jetzt im April bis neun scheint, beschliessen wir, die dreissig Kilometer noch zu fahren. Ozernoe stellt sich als einer der vielen unheimlichen Geisterorte heraus, die wir auf dem Kolyma-Highway immer wieder durchradeln. Zwangsansiedlungen aus der Sowjetzeit, die nach dem Zusammenbruch aufgegeben wurden, Minenstädte, die nach der Ausbeutung ihre Daseinsberechtigung verloren haben. Doch da hören wir einen Hund bellen. Am Fluss unten, versteckt hinter ein paar Bäumen, finden wir eine kleine Hütte mit rauchendem Schornstein. Breite Holzskis mit Lederschlaufen, ein rostiges Schneemobil samt Schlitten stehen davor. Ein älterer Mann mit ewenischen Gesichtszügen öffnet uns die Tür zu einer Räuberhöhle.
Die Decke und Wände sind vom Rauch geschwärzt, die Fensterscheiben fast blind. Vier weitere Männer in unterschiedlichem Alter tauchen aus dem Nebenraum auf. Wir trinken Tee, fragen nach Rentieren, da wir uns nur diese als Lebensgrundlage vorstellen können. Nein, Rentiere gäbe es hier seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine mehr. Wie verheerend das Ende der UdSSR für diese Aussenposten gewesen sein muss. Von einem Tag auf den anderen haben die Leute ihre Arbeit in den Sowchosen, den staatlichen Landwirtschaftsbetrieben verloren. Die Menschen waren wieder zur Selbstversorgung gezwungen, etwas das ihnen in den Jahrzehnten davor vollkommen ausgetrieben wurde. Wir finden nicht heraus, wovon die Männer heute leben. Goldwaschen? Jagen? Spät fährt ein alter Lada vor. Ein weiterer Mann kommt hinzu. Er hat Zucker aus dem hundert Kilometer weit entfernten Laden mitgebracht. Natürlich hat auch er noch Platz. In der Kälte wird hier niemand stehen gelassen, das wissen wir inzwischen. Auch wir wurden in den letzten Wochen immer wieder eingeladen, erhielten Essen und Unterkunft, ohne dass man unser Geld annahm. Heute wird's allerdings wirklich eng. Wir schlafen in der quadratmetergrossen Küche auf dem lehmgestampften Boden. Um Mitternacht bringt uns der Hund einen Knochen.Baca lagi
Magadan
25 April 2014, Rusia ⋅ ⛅ -1 °C
Es taut. Der Eispanzer der Strasse bricht auf, hinterlässt Matsch, Dreck und Wasser, das nicht versickern kann. Noch 500 km bis Magadan. Wir beginnen zu zählen, Kilometerschilder werden zu Jahreszahlen. Wir versuchen sie mit Russlands Vergangenheit zu verbinden, mit dem Resultat, dass wir nun auch noch gedanklich im Schlamm wühlen. Erstaunlich, aber wir haben keinen Schimmer, was da vor 500 Jahren im grössten Land der Welt so vor sich ging. Erst als 100km vor Magadan der Asphalt beginnt, kommt die Sache langsam ins Rollen und wir können mit ein paar unrühmlichen Daten aufwarten – Sturz des Zaren 1917(km) – Stalin 1927(km) – Tschernobyl 1986(km)...alles negative Ereignisse. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto hartnäckiger tauchen sie auf. Plötzlich scheinen wir ganz viel über dieses Land zu wissen. Dunkle Vergangenheit, eine gescheiterte Weltmacht, unberechenbar...
Der 2000km Pfosten saust vorbei. Ihm entsteigt das Schreckgespenst Putin. Die Angst vor seinem Energie- Imperium und vor dessen Abhängigkeit geistert durch die westlichen Medien. 2011(km), Russland blockiert die Sanktionen gegen Syrien. 2012(km), Pussy Riot wird eingelocht. 2013(km), Putin gründet eine neue staatliche Nachrichtenagentur mit Zielpublikum Ausland, setzt ihr den Scharfmacher Dmitri Kisseljow an die Spitze und von nun basteln die Medien im Westen und Osten hemmungslos an der weltpolitischen Meinungsfratze. 2014(km), in der Ukraine knallts, Russland wird von der Welt verachtet – und wir radeln durch Sibirien. Unsere Erinnerungen sind voll mit herzlichen Begegnungen. Menschen, die in einem der härtesten Landstriche der Welt leben, haben ihr Zuhause und ihre Geschichten mit uns geteilt. Zweieinhalbtausend Kilometer sind wir durch Wildnis geradelt, deren unvorstellbare Grösse und raue Schönheit uns jeden Tag aufs neue überwältigt hat. Wieder einmal sind wir erstaunt, wie anders ein Land sein kann, von dem man zu wissen glaubt, wie es ist. 2025km, der Kolyma-Highway mündet in die Ochotsk See.
Heute sind wir von Magadans Zentrum auf den Hügel hochgefahren, auf dem die Maske der Trauer steht. Ein Denkmal an die sibirischen Sträflinge. Ein steinernes Gesicht, das aus dem linken Auge Menschenköpfe weint. Es schaut zum Meer. Erste Plusgrade haben das Eis in der Bucht zum Schmelzen gebracht. Nur am Ostrand hält es sich noch hartnäckig. Weit draussen glitzern Wellenkämme. Möwen schreien. Dann ist es wieder still.Baca lagi
Farbenspiel in Asien
20 Jun 2014, Korea Selatan ⋅ ⛅ 28 °C
Grün. Zartes frisch erwachtes Grün. Kleine Blättchen an einem Zweig, die Knospen hätten gestern aufgesprungen sein können. Der Baum steht vor einer orthodoxen Kapelle, ein paar hundert Meter neben unserem Hostel in Vladivostok. Ein Flug über die Packeisfelder des ochotischen Meeres liegt hinter uns, ein Jahreszeitensprung. Die Welt ist wieder bunt, die Farben intensiv nach den blassen Wintermonaten. Wir radeln durch die Stadt an den Hafen, warten dort auf die Abfahrt der Fähre nach Japan. Es ist warm, wir sitzen auf einer Bank und picknicken. In zwei Tagen werden wir in Japan sein. Gutes Essen, Radeltage, während denen wir uns weder Gedanken um einen warmen Übernachtungsplatz noch um Kilometer und Tagesetappen machen müssen. In den Tag hineinleben, das Zelt aufstellen, wenn wir müde sind. Einen Supermarkt an jeder Kreuzung. Wahrscheinlich werden wir bald genug davon haben. Doch jetzt freuen wir uns darauf.
Wir haben vergessen, wie grün die Welt sein kann. Nun ist es ein saftiges, sommerliches Dunkelgrün. Jetzt duftet es. Nach frisch gemähtem Gras, nach Sommer. Seit wir Sibirien verlassen haben vor drei Tagen, ist die Temperatur um dreissig Grad gestiegen. Damit tun wir uns schwer. Wir sind es nicht mehr gewohnt zu schwitzen. Von Norden nach Süden durchradeln wir die Insel Honshu. Es ist ein anderes Japan, als wir es vor vier Jahren erlebt haben. Ländlicher, ruhiger. Die Bauern pflanzen Reis auf den Feldern. Maschinell, mit kleinen, hochtechnologischen Pflanzmaschinen. Dann fahren wir durch die Berge, auf schmalen Strassen, weit weg von allem Verkehr. Buddhistische Schreine, halb vergessen unter mächtigen Bäumen. Gepflegte Gärten. Es sind anspruchslose Tage, die wir in Japan durchleben. Aber genau das haben wir nach dem harten sibirischen Winter gesucht.
Wir übernachten am Strand bei einer Autoraststätte. Um die Ecke haben wir uns zwei Mikrowellenmenus gekauft und nun schauen wir mit einer Horde Japaner dem Sonnenuntergang zu. So orange, so kitschig. Jemand hat an der Wassergrenze eine Skulptur hingestellt, mit einem Loch im oberen Teil. Irgendwann scheint die Sonne durchs Loch, bevor sie im Meer versinkt. Alle warten darauf. Jemand spielt Mundharmonika. Neben uns zeltet ein japanischer Radler. Er heisst Hiroshi und macht eine Fahrradtour über die Insel. Wenn wir Lust hätten, meint er, können wir ihn besuchen. Er wohne in Fukuoka. Dort wollen wir in zwei Wochen Japan mit dem Schnellboot Richtung Südkorea verlassen. Wir schreiben seine Adresse auf. Als die Sonne weg ist, beginnt eine Regenbogenlampe auf die Skulptur am Strand zu leuchten. Ein paar Jugendliche machen Luftsprünge davor und knipsen Bilder mit dem Smartphone.
Die Wolken hängen tief in Fukuoka, es ist grau. Langsam sucht sich wohl der Monsun seinen Weg Richtung Norden. Doch wir können uns nicht beklagen. Es sind die einzigen zwei Regentage während unserem Japanaufenthalt. Wir treffen Hiroshi, verbringen einen gemütlichen Abend zusammen. Er hat als Lehrer gearbeitet, bis er die Arbeitsbedingungen nicht mehr ausgehalten hat. Betreuung der Klasse von morgens um acht bis abends um sechs. Danach jeweils noch den Unterricht vorbereiten. Am Wochenende fanden obligatorische Sportwettkämpfe statt. Wenn die Jugendlichen die Schule schwänzten, musste er persönlich bei ihnen vorbei, um sie wieder für den Unterricht zu motivieren. Ihm selber blieb keine Zeit. Den Job in Japan an den Nagel zu hängen, ist ein riesiger Imageverlust. Über Burnout wird nicht gesprochen. In ein paar Wochen will er nach Europa fliegen. Mit seinem Fahrrad rumtouren. Aki, seine Freundin, kocht uns ein leckeres Abendessen. Sie ist Haarstylistin und am nächsten Tag verpasst sie Brigitte in ihrem charaktervollen Salon einen japanischen Haarschnitt.
Ein wachsgelber Himmel. Smog aus Korea und China, der in den Sommermonaten die Küstenstädte Japans erreicht. Wir besteigen das Schnellboot nach Busan. Millionenstädte erwarten uns.
Ein bisschen schriller als Japan, aber nicht so laut wie China. Der Verkehr ist etwas rücksichtsloser, die Menschen etwas lebhafter und draufgängerischer, die Stadtbilder weniger gepflegt. Einen Schuss roten Chili über alles. Korea eben, mit ganz eigenem Stil. Vieles ist eher funktionell als ästhetisch und jeder weiss, wo die Schweiz liegt. „It's my dreamland“, vertraut uns der Familienvater an, dem wir beim Zeltaufstellen helfen. „Oh, Switzerland, I've been there last February“, meint der Tankwart, während er sein Smartphone zückt und uns ein Filmchen von der Höhematte im Schnee abspielt. „Zurich, Luzern, Interlaken, next time I go back for hiking. It's a wonderful country!“ Wir reiten auf einer Welle der Sympathie. Die blosse Erwähnung der Schweiz zaubert ein Lächeln auf das Gesicht unseres Gegenübers, ein wissendes Nicken und weitere Vorzüge unseres Heimatlandes werden aufgezählt. Sogar die Abfalleimer seien dort schön. „Sometimes it's almost to much you know...“
600 Kilometer legen wir in Korea fast ausschliesslich auf Fahrradwegen zurück. An Flüssen entlang und durch Nationalparks werden wir am Verkehr vorbei gelotst. Um Seoul sind die Radwege dann vierspurig ausgebaut, mit Fressbuden, öffentlichen Toiletten und Wasserstellen, am Wochenende von den Einheimischen zum Bersten genutzt. Wir finden es spassig, weil man so schön Koreaner gucken kann und so campieren wir dann auch an unserem letzten Tag in Korea zusammen mit hundert Wochenendausflüglern auf dem knappen Grünstreifen zwischen Autobahn und Veloweg. Oh yeah, Korea rocks! Sibirien – das ist lange her...
Rostbraun und heruntergekommen ist die Fähre, welche in Incheon Richtung China ablegt. Die beige Dreckspur auf der Landkarte im Eingangsbereich zeigt deutlich unsere Route durchs gelbe Meer. Von tausenden Passagieren nachgezeichnet spricht sie eine deutliche Sprache über den Zustand des Schiffes. Wir haben uns in die Musiklounge verkrochen, in der Hoffnung, wenigstens einen guten Schiffspianisten anzutreffen, wo doch alles an den Novecento Dampfer in seinen letzten Tagen erinnert. Doch dort plärrt am Fernseher nur ein heillos überdrehter Tom & Jerry und wird dann in den späten Abendstunden von einem noch lauteren und grässlich falschen Karaokesänger abgelöst. Den Schiffsopa lässt's kalt und er tuckert unbekümmert durch die Nacht ohne abzusaufen.
Weiss und blau. Federwolken am Horizont. Langsam wird die Landschaft weiter, die Luft klarer. Eine Woche mit starkem Gegenwind und langen Radeltagen durch eine völlig übernutzte Landwirtschaftszone liegt hinter uns. Wir haben Städte durchquert, die aussahen, als hätten Frachtflugzeuge ein paar Hochhäuser abgeworfen, die nun darauf warten, besiedelt zu werden. Der alte Königspalast in Shenyang, ein einsamer Zeitzeuge, umgeben von einer Explosion aus Beton. Hier wächst das China von morgen. Die Innere Mongolei verzeichnete in den letzten Jahren das stärkste Wirtschaftswachstum von ganz China. Treibende Kraft ist der Kohleabbau. Der Preis: Zerstörtes Weideland, Wasserverknappung und soziale Spannungen. Schwarz.
Gleissendes Scheinwerferlicht, dahinter ein pflaumenfarbener Abendhimmel. Auf dem grossen Platz im Zentrum von Ulan Hot erwacht das Leben. Es wird getanzt. Jeder kann sich anschliessen, jeder macht mit. Gruppentänze, festgelegte Schritte, Nacht für Nacht, tausendfach wiederholt. Ältere Pärchen im Walzerschritt, dazwischen ein einzelner Mann, mit grossen Bewegungen, träumerisch, ein einsamer Doug aus Strictly Ballroom. Chinesische Mongolen spielen auf elektrisch verstärkten Pferdehaargeigen, Strassenmaler zeichnen mit Schaumstoffpinseln und Wasser Schriftzeichen auf die Bodenplatten. Vergänglich und wunderschön. Sie bringen Glück. Wir lieben den Platz. Ein leuchtdiodenbestückter Propeller sirrt in den Himmel. Er blinkt in allen Farben.Baca lagi
Aoluguya
25 Julai 2014, China
Gu Genju sieht ihn vor sich, den Film. „Aoluguya – die letzten Rentierjäger...“. Vier Millionen Euro Budget. Da sollte schon was drin sein. Das Dorf ist schon lange fertig. „Scandinavian style“, so wollten es die Macher. Etwas Aussergewöhnliches für aussergewöhnliche Leute. Sein Auftritt: Leichte Rücklage, tapsige Schritte, abgewinkelte Hände. Den Jack Sparrow Schritt hat er drauf, da kann nichts mehr schief gehen. Die halblangen Haare sind stramm zurückgekämmt, Bärenkralle und Wildlederjacke, Indianerblick. Er war noch nie in Skandinavien, aber die asymmetrischen Giebeldächer gefallen ihm.
Kurz nachdem die Häuser fertig waren, wurden die Rentiere hergeschafft, zweihundert Stück. Doch sie starben alle, schon einige Monate nach ihrer Ankunft. Das Klima und die Umgebung hatten wohl nicht gepasst. Rentiere kann man nicht in Käfigen halten. Anstelle der Rentiere warten nun im Wald ausserhalb des Dorfes ein Dutzend Rehe auf ihren Einsatz. Die meisten würden es eh nicht merken – und wenn schon. Vor einem der Häuser zündet eine der „Natives“ ein Rauchfeuer an. Rentierfleisch baumelt von einem Holzgestell. Sie setzt sich daneben, beginnt mit dem Walken eines Fells. Gu Genju registriert ein leises Zischen. Es muss vom Eingang her kommen, von der Schranke, dort wo die dramatische Rentierskulptur steht, gleich neben dem Wegweiser „to the primitive tribe“. Das Zischen eines Airbrushs. Die Skulptur erhält ihren letzten Schliff. Immer geschieht alles auf den letzten Drücker. Wenigstens er ist bereit. Leichte Rückenlage, tapsige Schritte, perfektes Outfit. So was kommt an. Eine Gruppe Chinesen wuselt vorbei. Eine Kamera wird auf ein Stativ gehisst. Und dann – Action! Ein 4x4 Jeep rauscht mitten durchs Bild, bleibt stehen, spuckt eine weitere Ladung chinesischer Touristen aus. Gu Genju stolpert, doch die Kameras halten drauf. Heute ist nicht sein Tag, er wird wohl lieber nach Hause gehen und noch ein Bier zischen. Die Chinesen wuseln zu den Informationstafeln rüber. Dort ist alles aufgeschrieben. Alles über sein Leben. Sein Leben, wie es vorher war. Das Züchten der Rentiere, das Jagen der Bären in den Wäldern des Hinggan Gebirges. Elf Jahre ist es nun her, dass er sein Gewehr der chinesischen Regierung abgeben musste. Im Zuge der Umsiedlung. Es war ein symbolischer Akt. Das Ende einer Ära.
Das erste Mal haben wir Gu Genju gestern getroffen. Es war Mittag, die Sonne brannte den Staub in die kahlen Strassen von Aoluguya, einer Reihenhaussiedlung ausserhalb von Genhe, im äussersten Nordosten Chinas. Wir hatten nichts als einen Namen. Und die Bilder. Schlitten im stiebenden Schnee, das Wachstuchzelt mit dem verrauchten Kaminrohr, die Rentiere in der verschneiten Taiga. Bilder der evenischen Rentiernomaden, denen wir im Winter in Sibirien begegnet sind und die uns nun helfen sollen, auch hier in China mit den verbleibenden Rentierzüchtern in Kontakt zu kommen. Wir wussten, dass das schwierig wird. Die Sprachbarriere, die Tatsache, dass die sechzig Evenki Familien aus dem Hinggan Gebirge zusammen mit 700'000 anderen Nomaden in China in den letzten elf Jahren zwangsangesiedelt wurden und es eigentlich faktisch keine nomadisierenden chinesischen Evenki mehr gibt. Doch wir haben gelesen, dass einige nach dem Umsiedlungsdesaster zurück in den Wald gezogen sind, zusammen mit den verbleibenden Rentieren. Vier nomadisierende Camps soll es im chinesisch- russischen Grenzland wieder geben. Diese wollen wir finden.
Unsere erste Anlaufstelle war Aoluguya. Das Retortendorf, welches die chinesische Regierung „zum Schutz des Waldes, zur Modernisierung und der Entwicklungshilfe“ zweihundert Kilometer südlich des angestammten Lebensraumes aus dem Boden gestampft hatte. Für vier Millionen Euro. Gu Genju war der erste, welcher uns über den Weg torkelte, schon etwas angeheitert, was seinem Filmstar Auftritt aber keinen Abbruch tat. Als er hierher kam, war er zuständig für die Pflege der Rentiere im Touristenpark. Das ist dann auch das erste, was er uns zeigt, doch viel ist nicht mehr davon übrig. Ein paar Rehe dümpeln in einem Gitterkäfig dahin, ein einzelnes Rentier liegt in einem Verschlag, ein angebundenes Kamel. Das Konzept der Rentierumsiedlung ist nach hinten losgegangen. Und das der Umsiedlung der Menschen? Die Antwort liegt wohl im Blickpunkt. Für die chinesische Regierung sollte die Rechnung aufgegangen sein.
Die Evenki sind nun kontrollierbar. Ihr Leben strahlt Moderne aus, die meisten sind in der Gesellschaft assimiliert. Gu Genju äussert sich nur vage dazu: „Jagen ist unser wahres Leben“, meint er, „wir konnten frei jagen und mit der Zucht der Rentiere Geld verdienen. Heute haben wir Waschmaschinen und Fernseher, aber kein Gewehr. Wir können nicht mehr jagen, haben keine Rentiere mehr. Das Leben ist komplizierter geworden.“ Wir zeigen Gu Genju unsere Fotos von Russland, fragen nach Malya, der Matriarchin einer Evenkenfamilie, welche in einem Artikel auf dem Internet erwähnt wurde. Gu Genju führt uns zu einem Haus. Dort wohnt der Sohn von Malya, He Xie. Er zeigt uns seine alten Familienalben. Er als Kind im Rentierlager, dann zusammen mit seiner Mutter vor einem Zelt. Da er uns nur Bilder von ihr zeigt, nehmen wir an, dass Malya nicht mehr lebt. Später werden Bierdosen rumgereicht, es wird getrunken. He Xie spielt auf seiner Mundharmonika, herzzerreissend, sehnsüchtig. Am nächsten Morgen wird er zusammen mit einem Tierarzt und einem Freund 150 Kilometer in den Norden fahren. Zu seinen Rentieren. Er hat uns versprochen, dass wir mitdürfen.
He Xies Freund hat einen rassigen Fahrstil. Mit 120 Sachen brettern wir auf der schmalen Asphaltstrasse Richtung Norden. Bremsenschwärme krachen gegen das Auto, hinterlassen schmierige Schlieren auf der Windschutzscheibe. He Xies Freund putzt sie gleichgültig mit den Scheibenwischern weg. Er ist einer derjenigen, die den Sprung zwischen dem Leben im Wald und Aoluguya geschafft haben. Seine Frau führt einen Souvenirladen, in dem sie geschnitzte Rentier Anhänger, Felle aus Pelzfarmen und getrocknete Hornchips verkauft. Die Evenken im Hinggan Gebirge haben seit jeher nicht das Fleisch der Rentiere genutzt. Anders als die Rentierzüchter in Skandinavien, Alaska oder Kanada haben sie kleine Herden gehalten, sahen sich in erster Linie als Jäger und benutzten die Rens als Packtiere. Dazu haben sie die Stuten gemolken und Handel mit Geweihprodukten getrieben.
Wenn sich die Geweihe im Frühsommer noch in der Wachstumsphase befinden, weich und mit Bast überzogen sind, werden sie abgesägt. Das natürliche Abwerfen wird also quasi vorgezogen. Die Geweihe werden dann zu getrockneten Chips verarbeitet, ein traditionelles chinesisches Potenzmittel. Mit den Einnahmen aus dem Laden konnte sich die Familie von He Xies Freund über die Jahre ein Auto finanzieren. Erste Bedingung, um den Spagat zwischen der nördlich gelegenen Taiga, in der die Rentiere genügend Flechten zum Weiden finden, und der Aoluguya Ansiedlung zu schaffen. Doch das alleine reicht nicht, um das Umsiedlungstrauma erfolgreich zu bewältigen. Für viele in Aoluguya ist Alkohol der einzige Ausweg.
Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir das erste Camp. Zwei Zelte mit Solarpannel und eine Rentierherde mit schätzungsweise achtzig Tieren. Diese werden von zwei Männern gepflegt, welche das ganze Jahr hier leben. Die Tiere sind um rauchende Feuer versammelt, suchen Schutz vor Bremsen und Mücken. Zuerst wird den jungen Rentieren Blut und Speichel abgenommen. „DNA Proben“, erklärt uns der Tierarzt, der etwas Englisch spricht. „Inzucht ist ein grosses Problem geworden in den immer kleineren Herden. Wir untersuchen die DNA um zu schauen, wie weit diese bereits fortgeschritten ist. Der Austausch von Zuchttieren muss vorangetrieben werden.“ Nachdem die Proben genommen wurden, streift He Xie einen Arbeitskittel über. Nun beginnt seine eigentliche Arbeit als Evenki – und die ist um diese Jahreszeit blutig. Ein Rentier wird gefangen, zwischen zwei Baumstämme getrieben, und dann geht alles ruckzuck. Zwei Sägezüge und das Geweih ist weg. He Xie ist ein Profi. Schnell bindet er die Arterien am Geweihstumpf ab. Das Rentier trottet zurück zur Herde, als sei nichts passiert, zurück bleiben die noch warmen, pelzigen Geweihe.
Wir haben die Szene gespannt mitverfolgt. Nun erklärt uns der Tierarzt: „He Xie schneidet die Geweihe einmal im Jahr. Dann bringt er sie zurück nach Aoluguya und dort holt sie dann jemand ab, um sie in der Fabrik zu verarbeiten. Die verpackten, getrockneten Chips kommen dann zurück ins Dorf, wo die Leute versuchen, sie in den Souvenirshops zu verkaufen. Leider behält auch der Staat eine Portion der Produkte für sich, um sie dann professionell in Beijing oder übers Internet zu vermarkten. Und jeder in Aoluguya bestimmt seinen eigenen Preis. Das macht den Verkauf schwierig.“ Mittlerweile hat auch He Xies Freund ein Rentier in der Zange. Er geht sauberer vor, bindet den Geweihbast ab, bevor er die Säge ansetzt. Vielleicht ist He Xie einfach noch mehr mit den Traditionen der Evenki aufgewachsen, denn auch dem Blut aus den wachsenden Rentiergeweihen wurde eine luststeigernde Wirkung zugeschrieben. Und so zapft er denn einem der Tiere auch einen halben Liter Blut ab, vermischt ihn mit Hochprozentigem und überreicht ihn stolz dem Tierarzt. Prost!
Später am Nachmittag werden zwei Rentiere auf einen Pickup geladen, um sie ins Camp von He Xies Freund zu bringen. Das Inzuchtproblem wird aktiv angegangen. Zwei Rentiere zu verladen ist Schwerstarbeit, denn Rentiere kann man nie vollständig zähmen. Trotz regelmässigem Kontakt zu den Menschen bleiben sie halbwild, und so kommt es nicht von ungefähr, dass sich die zwei auch halbwild benehmen. Eine geschlagene Stunde geht der Kampf, He Xie landet mehrmals auf dem Hintern und ist schon bald mit blauen Flecken übersät. Zum Glück hat er den beiden vorher die Geweihe abgesägt.
Das zweite Camp ist kleiner. Anstelle von Zelten gibt es hier eine feste Hütte. Überbleibsel der ersten chinesischen Ansiedlungsversuche. Vor der Hütte ist ein Hund angebunden. Er hat die Ausmasse eines Bären, zottig, riesig und scharf. Ein weiterer Beweis, wie souverän He Xies Freund den chinesischen Einschränkungen begegnet. Zur Verteidigung eines Bärenangriffs auf die Herde wird dieser Hund mindestens so wirksam sein, wie ein Gewehr. Das Camp von He Xies Freund betreut ein junger, taubstummer Evenke. Er hat einen guten Draht zu den Tieren, uns gefällt, wie er mit ihnen umgeht. Die zwei wilden Teufel vom Pickup folgen ihm wie Lämmchen. Bei ihm scheint die Beziehung, welche die Evenken zu ihren Tieren pflegten noch zu funktionieren.
Die Evenki haben sich nie als Besitzer der Rentiere angeschaut, sondern als deren Hüter. Sie haben ihnen Salz gegeben, haben sie vor den sibirischen Insektenplagen und ihren natürlichen Feinden beschützt und sind mit ihnen an Orte gezogen, wo sie genügend Flechten fanden. Im Gegenzug haben die Rens die Nähe zu den Menschen gesucht. Die Evenken, welche vor 300 Jahren aus dem Gebiet der Lena im heutigen Russland ins Hinggan Gebirge gezogen sind, haben nicht nur geografisch im Grenzland gelebt, sondern auch in der Beziehung zu ihren Tieren. Im Grenzland zwischen Domestikation und Wildheit, zwischen Natur und Zivilisation und immer mehr auch zwischen Tradition und Moderne. Mit der Umsiedlung ist diese Gratwanderung gestört worden, die Grenze auseinandergerissen - für die meisten unüberwindbar.
Es wird eine lange Rückfahrt nach Aoluguya. Das Zischen von He Xies Bierdosen vermischt sich mit dem Rauschen des Jeeps. Sein Freund fährt still und konzentriert. Draussen steigt Nebel aus den Sümpfen, eine schmale Mondsichel hängt über der Taiga. Sie ist zunehmend. Vielleicht schaffen auch andere Evenki den Sprung noch. Wenn kreative Jugendliche sich aus der Lethargie des Umsiedlungsschocks reissen und sich auf Identitätssuche mit den Rentierzüchtern in Russland, Europa und Nordamerika vernetzen würden. Doch es bleibt wenig Hoffnung, denn Unterstützung werden sie im prosperierenden China wohl keine finden. China hat andere Ziele.
Von Genhe aus radeln wir weiter Richtung Russland, dem chinesischen Grenzzaun entlang. Noch einzelne Tannen, dann haben wir die Taiga hinter uns gelassen und offenes Weideland erstreckt sich bis zum Horizont. Unsere Reise scheint sich immer mehr dem alten Motto zu nähern. Anstelle einer Fahrt „rundum“ sind wir nach einem Jahr Unterwegssein erneut in eine Odyssee durch Grenzland abgedriftet, mit Rissen und Sprüngen im Streckenverlauf, immer öfter den Rändern unserer Landkarten folgend, den politischen Linien, in denen sich faszinierende Kulturgeschichten abspielen und dramatische Landschaftswechsel vollziehen. Wir verlassen China bei Manzhouli. 500 Meter hochbefestigte Grenzführung trennen die moderne chinesische Stadt von einem kleinen sibirischen Weiler in Russland.
Von einer Stunde auf die andere haben wir Asien verlassen. Die Gesichter sind wieder europäisch, wir können uns mit den Leuten unterhalten, verstehen ihre Körpersprache, wissen, dass im Glas mit der Aufschrift „Tomatensauce“ auch wirklich Tomatensauce drin ist und nicht vielleicht Chilipaste. Und dann, drei Tage später, stehen wir wieder vor dem Stacheldrahtzaun. Die Asphaltstrasse endet auf einen Schlag, geht in einen typischen mongolischen Feldweg über. Anstelle von heller Haut, Kugelaugen und langer Nase hat unser Gegenüber wieder hohe Wangenknochen, Schlitzaugen und Plattnase. So krass haben wir einen Kulturwechsel auf dem Fahrrad noch selten erlebt. Es ist, als hätten wir das Flugzeug genommen.Baca lagi
Sound Souvenirs
7 Ogos 2014, Mongolia ⋅ ⛅ 25 °C
„Erinnerungen. Sie waren für ihn nicht nur ein unermesslich kostbares, sondern auch ein äusserst fragiles Gut. Es war kein Verlass auf sie. Erinnerungen täuschten. Erinnerungen verblassten. Erinnerungen verflüchtigten sich. Neue Eindrücke, neue Gesichter, Gerüche, Geräusche legten sich über die alten, die nach und nach an Intensität verloren, bis sie in Vergessenheit gerieten. Er wollte unter allen Umständen verhindern, dass sich das Getöse der Welt auf seine Erinnerungen legte.“ (Das Flüstern der Schatten, Jan-Philipp Sendker)
Das Sirren tausender Mücken. Der Osten der Mongolei ist das Herzstück der gewaltigen Steppe. Riesige frei umherziehende Pferdeherden, einige wenige Nomaden, die der Weite trotzen. Doch nie war die Rede davon, dass er auch Brutkasten der gesamten Mückenpopulation der Mongolei ist. Nun, wir merken es schnell. Die Sommermonate mit den meisten Niederschlägen verwandeln das Tiefland in eine riesige Sumpflandschaft und die kaum befahrene Piste von Ereentsav an der russisch- mongolischen Grenze in die Distrikthauptstadt Choibalsan führt mitten hindurch. Kein Wunder stürzen sich die ausgehungerten Mücken auf die zwei hilflosen Radler, die sich Richtung Süden abmühen. Zu allem Elend geht uns auch noch das Antimückenmittel aus, ein gefundenes Fressen für die blutsaugenden Biester. Bald wählen wir unsere Rastplätze nur noch nach Antimückenkriterien. Ein grosser Haufen Pferdemist, eine halbvergammelte Schuhsohle, ein Fetzen Plastik – und schon sitzen wir mitten im stinkenden Antimückenrauch und gönnen uns eine Pause. Was nicht ganz leicht fällt mit dem Sirren tausender Mücken im Ohr.
Mongolische Worte. Den ganzen Tag schon fahren wir auf einer tollen Erdpiste ein Flusstal hoch. An den Hängen grasen Ziegen und Schafe, unten beim Fluss stehen die Jurten der Nomaden. Auf der gegenüberliegenden Talseite treibt ein vielleicht sechsjähriger Junge auf seinem Pferd alleine eine Herde zusammen. In einem Land ohne Wegweiser und hunderten von Erdpisten ist nebst dem GPS auch die mündliche Auskunft der Leute unabdingbar, um sich nicht zu verirren. So machen wir immer wieder Halt, um uns nach dem richtigen Weg zu erkundigen. Anders als in anderen Ländern besteht unser Wortschatz deshalb bald nicht nur aus den Begrüssungs- und Dankesfloskeln, sondern auch aus geografischen Begriffen. Fluss, See, Wasser, Berg, Pass und immer wieder taucht auch der „John“ in den Gesprächen auf. Leider treffen wir ihn bis ans Ende nie persönlich an. Nur einmal schlafen wir mit seinem Heulen im einen und dem lustigen mongolischen Wort für „Wolf“ im anderen Ohr ein.
Donner. Die Temperaturen klettern tagsüber weit über die dreissig Grad. Wir schwitzen Sturzbäche, doch jetzt gegen Abend kühlt es rasch ab. Wir beeilen uns mit Zähneputzen, kontrollieren noch einmal die Abspannleinen und schon geht das Spektakel los. Der Himmel leuchtet grell, die Blitze folgen im Sekundentakt, breiten sich senkrecht über das bleigraue Firmament aus. Weltuntergangsstimmung. Wir verkriechen uns ins Zelt. Das Wetterleuchten nimmt noch an Intensität zu. Ein bisschen wie Strobo in der Disko. Dann erreichen uns die ersten Windböen, reissen am Zelt und bald verstehen wir unsere eigenen Worte nicht mehr. „Gmüetlech, gäll?“ schreien wir uns Grimassen schneidend zu, während die ersten Regentropfen aufs Zelt klatschen. Fünf lange Minuten stehen wir im Zentrum des Sturms, dann ist der Spuk vorbei. Das Zelt steht noch. Erleichtert schlafen wir ein, das Grollen des sich rasch entfernenden Gewitters im Ohr.
Pfeifende Murmeltiere. Der Weg zum Otgon Tenger ist steinig. Beidseitig der Piste leuchten die Bergwiesen silbern und blau. Edelweisse und Enziane, und dazwischen immer wieder ein vorwitziges Murmeltier, das die Sippenmitglieder mit einem schrillen Pfiff vor der herankommenden Gefahr warnt. Murmeltiere werden in der Mongolei als besonderer Leckerbissen gejagt. Vor allem jetzt, da sie schön fett sind vor dem Winterschlaf. Vor uns taucht die weisse Schneekappe des Viertausenders auf. Der Otgon Tenger ist der heiligste Berg der Mongolei, Ursprung zahlreicher Flüsse, die das ganze umliegende Gebiet mit Wasser versorgen. Auf einer Karte haben wir eine „seasonal road“ gefunden, die entlang des Berges führen soll. Doch jetzt verneint der Nationalparkwächter vor uns resolut, zeichnet den grossen Umweg der Hauptstrasse Richtung Süden in die Luft. Wir insistieren, er zuckt schliesslich mit den Schultern und lässt uns passieren. Der Weg endet dann tatsächlich nach ein paar Kilometern am Fuss des Berges, keine Spur von einer „seasonal road“. Macht nichts, der Zeltplatz ist unschlagbar und wir schauen direkt aus dem Schlafsack zu, wie sich die Schneekappe langsam rosa färbt, ein letztes abendliches Pfeifen unseres Zeltnachbars im Ohr.
Der Puls. Fast senkrecht geht die Piste zum Pass hoch, wir schieben, verschnaufen, schieben erneut. Auf der Passhöhe können wir bereits das Ovoo erkennen. Ein grosser Steinhaufen, geschmückt mit blauen Bändern, ein paar weissgebleichten Pferdeschädeln und Opfergaben in Käse- und Geldform. Hinter dem Pass soll der Khar Nuur liegen, der schwarze See, eingebettet in die Sanddünen der Mongol Els. Schieben, verschnaufen, schieben. Ganz weit vorne sehen wir ein türkisblaues Band vor goldfarbenem Sand auftauchen. Bis jetzt waren wir nicht ganz sicher, ob wir richtig sind, denn wir konnten im Vorfeld nur spärlich Informationen zu dieser Gegend finden. Und die nächsten Tage werden dann auch zu einer eindrücklichen Fahrt durch eine der abgelegensten Regionen der Mongolei. Stille, nur das Pochen des Pulses im Ohr.
Motorradgeknatter. Seit gestern Nachmittag haben wir keine Menschenseele mehr gesehen. Die Strecke durch das zentrale mongolische Bassin ist im Sommer kaum besiedelt, da das Wasser und das Futter für die Tiere fehlt. Wie immer am Mittag spannen wir den Seidenschlafsack als Schattensegel zwischen die beiden Velos und machen es uns darunter gemütlich. Und genau jetzt nähert sich ein Motorrad aus Westen. Klar hält es an und schon bald sitzen wir mit einer mongolischen Familie zu sechst unter unserem Schattendach, teilen unseren Proviant und beantworten Fragen nach dem Woher und Wohin. Dann wird das Motorrad wieder beladen, der kleine Junge auf den Tank, dann der Vater, das kleine Mädchen klammert sich an seinen Rücken und ganz zuhinterst quetscht sich die Mutter auf den Sitz, beidseitig je noch einen grossen Mehlsack haltend. Auf mongolischen Motorrädern wird der Platz ausgenutzt. Wir winken zum Abschied, am Ende bleibt nur das Knattern des Motors im Ohr.
Ein rauschender Fluss. Wasser ist im Westen der Mongolei oft Mangelware. In den letzten Wochen war die Frage, wo wir auf der Strecke Wasser finden können, ein Dauerthema. Umso besonders ist es nun, dem Bulgan Gol auf seinem Weg aus dem Altaigebirge in die Wüste Gobi zu folgen. Das Flusstal wird vor allem von Kasachen bewohnt, wir erkennen ihre Jurten am steileren Dach und dem filigraneren Dachring, aber auch ihr Verhalten verrät sie. Sie sind viel zurückhaltender als die Mongolen, die Familienstrukturen wirken hierarchischer und männerdominierter. Die Frauen tragen oft ein farbiges Kopftuch und sie sind es auch, die die Hauptarbeit verrichten. Am Morgen melken sie die Kamele, stellen daraus den typisch getrockneten Quark her, sammeln den ganzen Nachmittag trockenen Dung, den sie bei ihren gemauerten Winterhütten zu grossen Haufen aufschichten. Brennstoff für den kommenden harten Winter. Dann, wenn das Rauschen des Flusses eine blosse Erinnerung sein wird.
Karaoke Bar. In jedem kleinen Dorf gibt es sie. Gut möglich, dass das Dorf nur aus zwei Häusern und einer Handvoll Jurten besteht. Aber bestimmt gibt es da auch eine Karaoke Bar. Vielleicht sogar mit VIP Raum. Die Mongolen sind ein Nomadenvolk, haben früher ihre Träume und Erwartungen, ihre Geschichten und Lebensweisheiten durch Erzählungen und Lieder weitergegeben. Und obwohl das heute nicht mehr so ist, auch die Mongolen Nachrichten per Handy verschicken, Ziegen mit dem Motorrad zusammentreiben, Fernseher in den Jurten stehen und die traditionellen Gesänge nun mit 120Watt verstärkt werden, so sind viele Mongolen doch Wanderhirten geblieben. Mit einer einfachen Jurte als zu Hause, einer Herde, die den Tagesablauf bestimmt und der Liebe zum Singen. Lieder, die nach Weite tönen, nach dem Umherziehen und dem Leben in der Steppe. Ihre Melodien hängen noch lange in unserem Ohr.
Das wütende Heulen des Windes. Die letzten 42km in der Mongolei liegen vor uns. Nach zwei Monaten in diesem Land, fast ausschliesslich auf ruppigen Sand- und Erdpisten haben wir gestern die von den Chinesen geteerte Grenzstrasse bei Bulgan erreicht. Ein Pappenstiel, haben wir gewitzelt, das machen wir in zwei Stunden. Doch nun macht das Land der zornigen Winde seinem Namen nochmals alle Ehre. Stürmischer Gegenwind aus Westen, als wollte er uns am Verlassen der Mongolei hindern. Eigentlich müssten wir nicht lange überzeugt werden, wir würden gerne länger bleiben. Aber unsere sechzig Tage sind um. Zwischen zwei Windstössen hören wir den Abschiedsgruss des mongolischen Grenzbeamten: Bayarti – auf Wiedersehen. Ja, ganz bestimmt.Baca lagi
Daumen hoch!
20 Oktober 2014, China
Zasch! Mit einem lauten Knall schlagen die Nudeln auf der Tischfläche auf, werden in die Länge gezogen, blitzschnell umeinander gedreht und landen mit einem erneuten Zasch auf der Tischplatte. Der uigurische Koch wirft uns ein breites Grinsen zu, während er sie in den dampfenden Wassertopf gleiten lässt. Dann dreht er sich um und giesst reichlich Oel in den Wok. Eine Stichflamme schiesst über dem offenen Herd auf. Rasch wirft er zwei Handvoll kleingeschnittenes Gemüse hinzu, schüttelt es während des Anbratens hin und her, während er gleichzeitig nach der Chilidose greift. „Bù là!“ rufen wir, einer der ganz wenigen chinesischen Ausdrücke, den wir nun endlich nach zweimonatiger Übungszeit meistens richtig auf die Reihe kriegen. „Nicht scharf!“ Ein weiteres Grinsen, dann fischt er die Nudeln mit dem Sieb aus dem Wasser, richtet sie gemeinsam mit dem Gemüse auf zwei Tellern an und bringt uns diese zusammen mit Essstäbchen strahlend an den Tisch. Ein uigurisches Laghman – wie oft haben wir davon in der Mongolei geträumt. Einen langen Moment hört man nur andächtiges Kauen am Tisch. So verbringen wir die ersten Tage zurück in China dann auch fast ausschliesslich mit Essen. Wan Tan, gefüllte Ravioli im Dämpfkörbchen, süsssaure Auberginen, gebratener Tofu und immer wieder frische Nudeln in allen Längen und Dicken. Und erst das frischgebackene, knusprige Brot, das es an jeder zweiten Ecke zu kaufen gibt. Wir sind im Radlerhimmel.
Doch nicht jedes Glück währt ewig. Nach zwei Tagen stehen wir am Eingang eines engen Bergtales vor einer Barriere. „Border zone“ steht auf einem grossen blauen Schild für einmal sogar auf Englisch zu lesen, gut 200km vor der eigentlichen Grenze zur Mongolei. Bald sind wir von vier Grenzpolizisten umringt. Ohne spezielle Grenzbewilligung dürften wir nicht passieren, lässt uns der eine, etwas englisch sprechende Beamte wissen und das Papier könne uns nur das Public Security Bureau in der nächstgrösseren Stadt ausstellen. Wir diskutieren hin und her. Schlussendlich organisieren sie uns nach unserer Weigerung, die Strecke selbst zurück zu fahren, am späten Abend zwei Mitfahrgelegenheiten in einem Lastwagenkonvoi. Ein Fehler, wie sich bereits am nächsten Polizeicheckpoint herausstellt. Unser Lastwagen hat statt zwanzig vierzig Tonnen Granit geladen, der Schlagbaum bleibt deswegen unten und uns bleibt nichts anderes übrig, als kurz vor Mitternacht neben der Strassensperre unser Zelt aufzustellen. Am nächsten Morgen schaffen wir es mit einem Pickup doch noch in die Stadt und werden beim PSB Büro vorstellig. Am Anfang geht alles ganz flott, obwohl niemand englisch spricht und wir nur den handgeschriebenen Zettel des Grenzbeamten vorweisen können. Doch als wir am Nachmittag die beiden Papierfetzen abholen wollen, haben wir es erneut mit Granit zu tun. „Thele ale a lot of mountains thele, it's too dangelous fol you“, erklärt uns die Dolmetscherin am Telefon ganz ernsthaft. Zu viele Berge?! Zu gefährlich?! Erneut argumentieren wir, das Telefon wird hin und her gereicht, doch Fazit ist und bleibt: Wir dürfen nur die Hauptstrassen benutzen, alles andere ist „too dangelous“. So fahren wir die nächsten Tage auf der G216 Richtung Norden. Einer Hauptverkehrsachse, oft ohne Seitenstreifen, mit viel Lastwagenverkehr und rasenden Autofahrern. Aber es hat keine Berge hier, nur öde Wüste und ist deshalb nicht halb so gefährlich wie die Schotterpiste durch das chinesische Altaigebirge. Unsere Motivation erreicht den Tiefpunkt.
Bei Burqin biegen wir auf eine Nebenstrasse Richtung Norden ab, allerdings erst nach einer genauen Nachfrage auf dem dortigen PSB Büro, denn immerhin hat es im Grenzland von Kasachstan, Russland, der Mongolei und China noch viel mehr „dangelous mountains“. Die Beamten sind wiederum sehr höflich und dieses Mal hören wir ein „yes of course you can“. Unsere Mundwinkel wandern langsam wieder etwas höher. „The only area in China with Swiss scenery“ wird das Gebiet rund um den Kanas See beworben. Und wirklich, wir fühlen uns fast ein bisschen wie zu Hause als wir eine Rundtour über Hemu fahren.
Tiefe Täler mit schnell fliessenden Gebirgsbächen, die Hänge dicht bestanden mit Birken- und Lärchenwäldern, die sich nun Mitte September bereits golden zu färben beginnen. Dazwischen liegen immer wieder weite Hochebenen, auf denen kasachische Nomaden die letzten Tage des Sommers verbringen. Der Alpabzug ist bereits in vollem Gange. Jeden Tag begegnen wir Hirten, die ihre riesigen Herden talabwärts treiben. Es sind Männer mit wetterzerfurchten Gesichtern, die uns unter den typisch russischen Fellmützen hervor anschauen, und Frauen, denen man die Härte des Berglebens unter ihren bunten Kopftüchern ansieht. Ihr gesamtes Hab und Gut tragen oft ein paar Kamele, denn motorisierte Nomaden sucht man hier noch vergebens.
Nebst den Kasachen begegnen wir aber auch vielen chinesischen Touristen. In kleinen und grösseren Gruppen kommen sie uns auf der schmalen Piste entgegen, ausstaffiert mit brandneuen Outdoorkleidern, manche bereits etwas fusslahm, andere als möchten sie einen Marathon gewinnen, während die dritten stoisch vor sich hin trotten, als wäre es eine unliebsame, vom Chef übertragene Aufgabe an einem gewöhnlichen Arbeitstag. Es ist das erste Mal in China, dass wir so etwas wie Individualtouristen sehen, denn der chinesische Tourismus läuft normalerweise in Massen ab. Die Sehenswürdigkeiten im Reich der Mitte sind nach A's klassifiziert, je mehr A's ein Ort vorweisen kann, desto teurer ist der Eintritt und desto mehr Besucher hat es. Der Kanas See ist ein AAAAA, also ein super Highlight und auf dem Hinweg über die Hauptstrasse haben uns vollgestopfte Cars im Minutentakt überholt, die die Menschenmassen schön kanalisiert zum See hoch- und nach dem Erinnerungsfoto wieder zurück karren. Doch diese Chinesen hier laufen ein dreitägiges Trekking und heissen uns mit einer Begeisterung willkommen, die ansteckt. Daumen hoch – uns geht's wieder gut und so werden die 800km bis an die kasachische Grenze zum Kinderspiel.
Es ist zehn Uhr abends und wir sind bettfertig. Da klopft es an der Tür. Nicht unerwartet, denn eine Übernachtung in einem billigen Hotel ist in China immer Glückssache und von einigen Faktoren abhängig. 1. Der Besitzer darf die Vorschriften nicht kennen/zu ernst nehmen oder er muss gute Beziehungen zur Polizei haben, denn Ausländer dürfen eigentlich nur in teureren Hotels mit Scanner für die Registrierung übernachten, 2. Niemand verpfeift den Besitzer oder die Ausländer, 3. Die Polizei ist zu faul, um sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern. Wie es scheint, haben wir wieder einmal Pech. Zwei Zivilpersonen mit rotem Armband stehen vor der Tür und deuten uns unmissverständlich, dass wir ihnen folgen sollen. Da die beiden weder Ausweis noch Uniform tragen, knallen wir die Tür zu und setzen uns zur Recherche an den Computer. Rotes Armband – was zur Hölle soll denn das? Schon bald werden wir fündig. Da steht schwarz auf weiss: „...Arbeiter und Rentner wurden mobilisiert, um Ordnung und Sicherheit zu garantieren. Sie tragen ein rotes Armband mit den Charakteren „Sicherheits Patrouille“. Soweit so gut. Kein Problem. Bei uns gibt's auch Securitas. Doch in China wurden schon einmal rote Armbänder ausgehändigt. Während der Kulturrevolution von Mao wurden Millionen von Menschen durch diese „roten Garden“ öffentlich gefoltert oder auf Nimmerwiedersehen abgeholt. Leute, die diese Zeit erlebt haben, leben noch heute in China, erinnern sich als Opfer daran oder waren vielleicht selbst bei den roten Garden und arbeiten jetzt wieder als freiwillige Sicherheitspolizisten ...uhhhhh...das wäre, wie Securitas mit Hakenkreuzbinden. Bald klopft es natürlich erneut an unserer Tür. Wir reagieren nicht. Hotel wechseln werden wir um elf Uhr Abends ganz bestimmt nicht mehr. Das Klopfen geht eine halbe Stunde lang weiter, wir haben die Schnauze voll, hämmern zurück und schreien auf English: „Fahrt zur Hölle, wir schlafen jetzt, kommt morgen wieder.“ Arroganz hilft bei den Chinesen oft, das haben wir in der Vergangenheit gelernt. Eine Zeit lang wird noch laut vor unserer Türe diskutiert, dann wird es still.
Am übernächsten Morgen stehen wir an der chinesisch-kasachischen Grenze. Doch sie ist geschlossen. Geschlossen für die nächsten drei Tage. Und unser Chinavisa läuft heute aus. „No problem“, meint der Grenzbeamte, „come back Sunday“. Also eine erneute Hotelsuche. In jedem billigeren Hotel hören wir „mejo“, das chinesische Wort für „hat es nicht, geht nicht, wollen wir nicht, keine Lust“, welches wir leider viel zu oft hören. Wir machen uns auf den Weg zum Polizeiposten. Sollen die uns helfen, eine Unterkunft für 80 Yuan zu finden. Erstaunlicherweise hat das schon früher geklappt und es geht auch dieses Mal. Wir folgen dem Streifenwagen zu einem Hotel und checken ein. Die Besitzerin winkt bloss ab, als wir ihr den Pass zur Registrierung überlassen wollen. Na denn – auf drei weitere Tage in China. Eigentlich hatten wir damit bereits abgeschlossen und keine Lust mehr, uns länger darauf einzulassen. Und als würde unser Gemütszustand das Unglück anziehen, erleben wir noch einmal seine korrupteste und ungerechteste Seite. Am nächsten Abend verlangt die Besitzerin nämlich plötzlich den doppelten Preis fürs Zimmer und droht uns mit dem Rauswurf. Leider haben wir Kaution zahlen müssen und das Geld wäre damit weg. Wir gehen schnurstracks zur Polizei und bitten um Hilfe. Das massive Polizeiaufgebot, das uns begleitet, beeindruckt die Frau allerdings kein bisschen. Ungewöhnlich, denn sonst haben die Chinesen vor der Polizei oft Angst. Erst als wir den Schlafsack vor der Rezeption ausrollen und uns für die Nacht einzurichten beginnen, kommt die Sache ins Rollen. Die Sicherheitspolizei betritt das Parkett und endlich haben wir einen englisch sprechenden Beamten vor uns und können unsere Sache auch ohne google.translate vertreten. Um Mitternacht, nach etwa drei Stunden massiver verbaler Attacken, ist es uns erlaubt, das Zimmer wieder zu beziehen. Unsere fehlende Registrierung wird trotz mehrmaligem Hinweis unter den Tisch gewischt. Diese Frau muss mächtige Freunde haben.
Vier Tage später erreichen wir zusammen mit dem ersten Schnee Almaty. Hier ist ein grösserer Veloservice und vor allem das Einholen der Visa für Usbekistan, Turkmenistan und den Iran fällig. Obwohl wir Zentralasien schon von früheren Reisen kennen, möchten wir doch über den Landweg zurück nach Dubai radeln. Als wir aber auf der iranischen Botschaft vorsprechen, stellt sich heraus, dass wir trotz gegenteiliger Information auf dem Internet eine Referenznummer brauchen, die wir allerdings erst nach zehn Tagen erhalten würden. Zwei weitere Wochen würde es dauern, die restlichen Visa einzuholen. Als wir die Botschaft verlassen, kippt ein Schalter. Fast ein Jahr haben wir im asiatischen Raum verbracht. Kaum ein Kontinent ist landschaftlich und kulturell so vielfältig. Wir haben es genossen, doch jetzt scheint es Zeit für einen Wechsel zu sein. Kurzerhand verschreiben wir uns selbst ein „Daumen hoch“, werfen alle Pläne über den Haufen, buchen einen Flug und setzen uns ab nach... Wir freuen uns darauf!Baca lagi
Arabische Nächte
15 November 2014, Oman
Wir stehen an der Omanischen Grenze, überrascht von der Dunkelheit. Eine lange Lastwagenkolonne wartet vor dem Checkpoint, Scheinwerfer fluten das Gelände, vibrierende Motoren, Staub. Kein geeigneter Ort zum Zelten. Vom Militärgelände werden wir höflich, aber bestimmt weggeschickt, die angestellten Pakistani beim Imbissstand drucksen auf unsere Frage, ob wir unser Zelt hinter der Bude aufstellen können herum. Sie sind nur Angestellte in einem Land mit krasser Zweiklassengesellschaft und dürfen nichts entscheiden. Zum Glück hat es auch noch eine kleine Strassenmoschee und nachdem uns ein junger Omani versichert hat, dass es kein Problem sei, hier zu übernachten, stellen wir unser Zelt in der Ecke zwischen dem Waschbereich und der Toilette auf. Der Muezzin ruft zum Abendgebet. Für einmal ohne scheppernden Lautsprecher, sondern leise, direkt aus dem Innern der halboffenen Moschee.
In der Nacht reisst der Verkehr am Checkpoint nicht ab. Die Strassenbeleuchtung und die Hitze rauben uns den Schlaf. Obwohl wir nur das Innenzelt aufgestellt haben, läuft uns der Schweiss herunter. Es dauert eine ganze Woche, bis sich unsere Körper an die Hitze gewöhnt haben. Zu Füssen der Hajar Berge, denen wir seit einigen Tagen folgen, wird die Sonne von den dunklen Felsen reflektiert. Obwohl bereits Ende Oktober, messen wir am Mittag 45 Grad. Genau ab Mitternacht kühlt es zum Glück etwas ab, ein paar Stunden, in denen wir uns erholen können. Wir gewöhnen uns an, am Abend zum Duschen zwei Wasserflaschen mehr als üblich zu füllen. Gewaschen können wir viel besser schlafen. Oft zelten wir jetzt ungestört, etwas abseits der Strasse in der Steinwüste und das Duschen in der Dunkelheit ist kein Problem. Es sind magische Nächte, wenn sich der Wind nach dem Sonnenuntergang gelegt hat, hört man kein Geräusch mehr. Jeden Abend wird das Licht des zunehmenden Mondes etwas stärker. Die Landschaft leuchtet matt und über uns erstreckt sich der endlose, funkelnde Sternenhimmel.
Eine steile Piste bringt uns über einen Pass ins Wadi Nakhar, ein trockenes Flusstal, von dem immer wieder tief eingeschnittene Schluchten abzweigen. Wir radeln nun auf einer der bekannten Sightseeingrouten im Oman. Schon bald brausen Jeepkonvois mit abgedunkelten Scheiben an uns vorbei, sie spucken Touristengruppen aus, die wie wir auf das perfekte Abendlicht auf dem Lehmhüttendorf Gul warten, das malerisch am gegenüberliegenden Ufer klebt. Wie wir sind sie den Klischeebildern Omans verfallen, die aber schon lange nicht mehr das eigentliche Leben des Landes widerspiegeln. Der alte Ort Gul ist längst verlassen, die Hütten zerfallen und schwenkt man die Kamera nur ein paar Zentimeter nach rechts, schieben sich die Betonhäuser des neuen Gul in den Sucher. Keineswegs idyllisch, aber realistisch, denn auch die Omanis wollen heute nicht mehr in Lehmhäusern hausen. Ihr Leben hat sich in den letzten vierzig Jahren unter der planerischen Hand von Sultan Qaboos drastisch verändert. Wie zu seinem Amtsantritt versprochen, hat er das Land innert Kürze aus dem Mittelalter in die Moderne geführt. Dabei hat er nicht vergessen, den Tourismus zu fördern.
Die Werbebilder eines märchenhaften Landes aus 1001 Nacht haben sich auch bei uns eingeprägt. Allerdings haben wir dabei übersehen, dass die Zielgruppe der omanischen Tourismusförderung kaufkräftige Touristen sind, die eine Mischung aus Erholung mit westlichem Luxus und einem Touch arabischer Exotik suchen. Und spätestens als wir jetzt neben den Gruppen gutbetuchter Touristen stehen, die hübschen, aber leblosen Lehmhäuser von Gul vor unseren Augen, merken wir, dass wir eigentlich nicht hierher gehören. Seit zwei Wochen haben wir auf der Strasse gelebt, mit der Petflasche geduscht und unsere Kleider stinken. Wir sind müde von der Hitze, es wäre Zeit für eine Pause. Doch wir scheuen die Hotelpreise.
Zum Sonnenuntergang schlendern wir durch den alten Souq der Oasenstadt al Hamra. Auch hier sind die Lehmhäuser nicht mehr bewohnt und zerfallen, der Oasengarten wird aber noch genutzt, üppig grün, mit sorgfältig angelegten Feldern unter den schattenspendenden Dattelpalmen und einem Falaj, einem Kanalsystem für die Bewässerung. Eigentlich wollten wir hier im Garten zelten, doch es hat zu viele Mücken und so landen wir auf dem Spielplatz am Stadteingang. Wir liegen schon im Zelt, als noch ein Vater mit einem Kind vorfährt. Schon denken wir, dass wir nun das Feld räumen müssen, aber der Mann schaut kein einziges Mal in unsere Richtung. Er muss uns sehr wohl gesehen haben, spielt aber mit seinem Sohn weiter und lässt uns in Ruhe. Später kommen Jugendliche vorbei, rollen bei der Rutschbahn einen Teppich aus und wollen hier eine kleine Party starten. Als sie unser Zelt bemerken, packen sie aber umgehend zusammen und verschwinden. Wir verbringen eine ruhige Nacht auf dem Platz und fühlen uns von nun an im Oman so sicher wie in Japan.
In Nizwa leisten wir uns dann doch ein Hotel. Am nächsten Morgen ist in der Stadt Tiermarkt und den wollen wir uns nicht entgehen lassen. Wir geniessen die Klimaanlage, das weiche Bett, die saubere Bettwäsche. An der Leine quer durchs Zimmer hängen unsere frisch gewaschenen Sachen. Wir schlafen tief und erholsam. In der Nacht regnet es.
Die Sonne ist kaum über dem Horizont, die Strassen noch nass und die Luft kühl, als wir uns gespannt zum Tiermarkt aufmachen. Auf einmal ist er da, der Oman, auf den wir gewartet haben. Triefend vor Klischeebildern, aber dennoch echt und lebendig. In einem Rondell werden die Tiere herumgeführt, es wird lautstark verhandelt. Wettergegerbte Gesichter, fliegende Hände, dampfende Achselhöhlen und bockige Ziegen. Eine tolle Stimmung. Leider währt sie nicht lange, denn um neun Uhr fallen die ersten grossen Touristengruppen ein. Bald hat es mehr Touristen als Einheimische. Zeit, sich zu verdrücken.
Ein heisser Tag mit viel Gegenwind bringt uns an den Rand der Wahiba Sands. Wir wollen am Ende eines kleinen Oasendorfes zelten, dort wo die Teerstrasse aufhört und die Dünen beginnen. Wieder einmal wird es viel zu schnell Nacht. Im Dunkeln finden wir einen Platz hinter einer grossen Fuhre Heuballen. Der Mond ist nun halb voll und so haben wir genug Licht, um unser Nachtessen zu kochen. Als der Muezzin ruft, laufen bärtige Männer an unserem Zelt vorbei, auf dem Weg zu Moschee. Ein leises „as-salamu ʿalaikum“ in unsere Richtung, ein kurzer neugieriger Blick, aber niemand stört uns.
Wie in einer Bleistiftskizze zeichnet das Mondlicht feine Umrisse von Ziegen- und Kamelställen, den nahen Häusern und Dünen in die Umgebung. Der Wind weht frisch, streut uns eine Prise Sand über unsere Pasta. Nicht weit weg röhrt ein Kamel. Um Mitternacht hält ein Jeep direkt neben den Heuballen. Als er nicht wieder wegfährt, freunden wir uns mit dem Gedanken an, dass auch der Fahrer wahrscheinlich hier schlafen wird. Am Morgen liegt Tau auf unserem Zelt. Früh steigen wir auf die Sanddünen, erwarten den Sonnenaufgang. Geniessen den Blick auf das endlose Sandmeer, den Beginn des Rub al Chali, des „leeren Viertels“ das sich von hier bis fast ans Rote Meer erstreckt.
Und dann geht es auf in die Berge. Einen Tag lang haben wir unsere bepackten Fahrräder über eine brutal steigende Piste auf 2000 Meter hochgeschoben. Kurz vor der Abenddämmerung radeln wir durch zwei Bergdörfer, in denen uns schreiende Kinder entgegenrennen, die aber sofort Reissaus nehmen, als wir näher kommen. Die Leute hier sind dunkler, die Frauen tragen bunte Tücher statt des schwarzen Tschadors und anstelle des Niqabs nur ein Kopftuch. Sie treten selbstbewusster auf als die omanischen Frauen im Flachland, doch als wir nach einem Zeltplatz fragen, werden wir fortgeschickt.
Wir wissen, dass es bald dunkel wird, aber wir finden keinen geeigneten Zeltplatz. Der Vollmond geht auf und weist uns den Weg. Auf einem kleinen Pass schieben wir unsere Fahrräder gemeinsam über ein paar Felsplatten zu zerfallenen Steingräbern hoch. Es ist hell und wir können weit über die Berge blicken. Aus der Ferne bellt ein Fuchs.
Auf der Ostseite der Hajar Berge tauchen wir in eine dicke Nebelsuppe. Seit ein paar Stunden pedalen wir auf dem Seitenstreifen der Autobahn dem Meer entlang. Der verlassen Sportplatz am Dorfrand von Tiwi kommt uns als Übernachtungsplatz wie gerufen. Der Rasen ist hoch aufgeschüttet und dahinter haben wir perfekten Sichtschutz zur Autobahn. Kurze Zeit diskutieren wir noch, ob da nicht plötzlich noch ein abendliches Fussballtraining stattfindet, aber der Platz liegt so weit ausserhalb des Dorfes und die Sanitäranlagen sind ohne Wasser, dass wir uns zum Bleiben entschliessen. Doch seit wir in Sibirien einmal auf einer abgelegenen Baggerpiste im Schnee gezeltet haben, weit und breit keine Menschenseele und dann mitten in der Nacht prompt so ein Bulldozer aus dem Nichts gefahren kam und uns fast über den Haufen gekarrt hat, sollten wir es eigentlich besser wissen. Klar: Als wir um acht Uhr Abends bettfertig sind, macht es zack, die acht Flutlichtscheinwerfer gehen an, die Umgebung wird im Umkreis von einem Kilometer ausgeleuchtet und bald darauf joggt sich ein rotes und ein blaues Fussballteam auf dem Kunstrasen warm. Wir packen zusammen und als wir unsere Räder in Richtung Autobahn schieben, ruft uns ein Roter lachend nach: „Survival?“ Vielleicht war das der Anfang von unserem Unglück.
Zwei Tage später erreichen wir die Hauptstadt Muscat. Lange finden wir keine Unterkunft unter sechzig Franken, viele Hotels sind ausgebucht. Es beginnt erneut einzudunkeln. An der Hafenpromenade stellen wir unsere Fahrräder bei einem Internetcafe ab, um online weiterzusuchen. Als wir eine Stunde später ins Hotel einchecken, merken wir, dass einer unserer Dokumentenbeutel in der Kameratasche fehlt. Darin waren unsere Pässe und zwei Kreditkarten. Es ist wahrscheinlich, dass er uns soeben in der Touristenmeile vor dem Internetcafe geklaut wurde, aber genau so gut kann er schon seit Tagen weg sein, denn wir haben die Pässe nicht gebraucht. Wir sind fahrlässig geworden, weil wir uns im Oman so sicher fühlten. Der Verlust der Pässe ist der Alptraum aller Reisenden. Im Oman haben wir (zur Zeit noch) keine Schweizer Botschaft, nur ein Konsulat, besetzt von einem kranken, betagten Honorarkonsul, der in zwei Tagen Herrn Ogi empfangen muss. Der falsche Zeitpunkt für unser Anliegen. Eine Woche lang wird es dauern, um provisorische Pässe aus der Hauptbotschaft in Saudi Arabien kommen zu lassen, eine Sache, die auf einer regulären Schweizer Botschaft in einer Stunde erledigt werden könnte. Weil Skype im Oman geblockt wird, warten wir tagelang auf Mailantworten des EDA und der Schweizer Botschaft in Kairo, wo wir uns dann die regulären neuen Pässe besorgen wollen. Der lange Hotelaufenthalt frisst sich unaufhaltsam ein Loch in unser Reisebudget. Doch wir fühlen uns nicht in der Lage, in dieser Situation zu Couchsurfing Hosts zu ziehen. Wir wollen allein sein, verbringen schlaflose Nächte und können uns nur langsam wieder aufrappeln. Zum Glück helfen uns unsere Eltern und Kontaktpersonen in der Schweiz und langsam verzeichnen wir Fortschritte. Wir sehen ein, dass wir in den letzten fünfzehn Jahren auf all unseren Reisen immer Glück gehabt haben, dass das Warten mühsam und teuer ist, aber es irgendwann auch wieder weiter geht. Und schon bald sehnen wir uns dem Aufbruch entgegen. Tagen und Nächten voller Überraschungen. Mit einem neuen Ziel vor Augen: Der Strecke Cairo – Cape Town. It's African time!Baca lagi
Was wäre wenn…
30 November 2014, Mesir
Was wäre wenn die Zeit plötzlich nicht mehr in Stunden, Minuten und Sekunden gemessen würde, sondern in der Distanz, die man zurücklegt, am Weg, den man jeden Tag geht? Manche würden sofort in einen Zug einsteigen und zum nächsten Wochenende fahren. Dort würden sie sich dann möglichst nicht mehr bewegen, damit es nie Montag würde. Und manche würden ihren Job künden, denn Fernfahrer, Stewardessen und Kuriere hätten wohl kaum Lust, für andere vorschnell zu altern. Wir würden weiter mit dem Fahrrad um die Welt fahren und die Veränderung kaum bemerken. Schon lange sind wir in unserer eigenen Zeitzone unterwegs, zählen nicht mehr Tage und Nächte, wissen kaum, welcher Wochentag oder welches Datum gerade ansteht. Vielmehr ist es das stetige Vorwärtskommen, der Wechsel von Landschaften und Begegnungen, der Rhythmus von Fahrradetappen und Pausentagen, an denen wir nun unsere Zeit ablesen.
Von Cairo fahren wir hinaus in die westlichen Saharasenken Ägyptens, die schwarze und die weisse Wüste, welche dieses Jahr erstmals seit langem nicht mehr unter den Reisewarnungen des EDA gelistet werden. Auch die Schweizer Vertretung in Cairo hat uns bestätigt, dass wir auf der Hauptstrasse über die Oasendörfer Farafra, Dakhla und Khargas zur Zeit ohne Sicherheitsbedenken unterwegs sein können. Falls uns das Militär denn nicht aufhält. Doch anders als im Niltal, in dem eine dauernde Polizeieskorte für Touristen immer noch Pflicht ist, werden wir an den Checkpoints freundlich durchgewunken.
Anfangs übernachten wir bei Sanitätsposten, die es auf dieser Strecke alle fünfzig bis sechzig Kilometer hat, doch bald fühlen wir uns so sicher, dass wir auch wieder in der Wüste zelten. Wieder erleben wir mondhelle Nächte, stellen mit Erstaunen fest, dass seit dem Oman bereits ein weiterer Monat vergangen ist. Die Wüste hier ist faszinierend, Sandfelder werden von versteinerten Muschelbänken durchzogen, Kalksteinfelsen ragen wie Korallenriffs aus dem Dünenmeer. Mehrmals halten Autofahrer an, beschenken uns mit Brot und Wasser, heissen uns willkommen und zeigen ihre Freude, uns als Touristen in ihrem Land zu sehen. Was wäre, wenn der arabische Frühling in Ägypten nie stattgefunden hätte? Präsident Mubarak wäre wohl noch immer an der Macht. Manche fänden sich gerade jetzt zu Demonstrationen auf dem Tahrir Platz zusammen, eine brodelnde Menge, die für eine bessere Zukunft kämpft. Und manche würden hoffen, dass alles beim Alten bliebe, weil sie wüssten, dass mit der Revolution auch der Tourismus einbräche. Wir würden durch das Land reisen, glückliche und unglückliche Gesichter sehen, aber sicher nicht diese Hoffnungslosigkeit, welche Ägypten nun durchzieht.
In Luxor kommen wir im Nil Valley Hotel unter. Es gehört Hamada, einem Ägypter, der lange Zeit in der Schweiz gearbeitet hat und der uns in der Touristenflaute einen Freundschaftspreis anbietet. Zusammen mit seiner holländischen Frau hat er hier an der Westbank des Nils ein kleines Paradies aufgebaut. Drei Jahre lang war sein Hotel in der Hauptsaison jeweils bis zum letzten Bett ausgebucht, nun steht es leer. Wie alle ist er das Opfer der politischen Unruhen und der Berichterstattung darüber geworden. „Ich verstehe das nicht“, meint Hamada bei einem Nachtessen auf der Dachterrasse, von der man weit über den Nil blicken kann, „dabei gibt es Direktflüge von der Schweiz nach Luxor, niemand braucht einen Fuss nach Cairo zu setzen. In Luxor war es immer ruhig, von Reisen hierher wurde das letzte Mal vor siebzehn Jahren gewarnt, als es den Anschlag auf den Tempel gab.“ Doch die Bilder des Umsturzes sitzen feuerfest in den Köpfen der westlichen Welt. Fünfzig Hotelschiffe verrotten nun langsam auf dem Nil, Kutscher, Fremdenführer und Bootsbesitzer sind arbeitslos. Hamada schaut uns an: „Ich habe immer noch Geld, ich esse an einem grossen Tisch, mit meinen Brüdern und Schwestern und deren Familien zusammen. Doch vielen geht es nun wirklich schlecht.“
Am Abend darauf steigen wir zum Fähranleger hinunter. Wir wollen ans Ostufer und dort dann mit dem Zug nach Cairo, um unsere neuen Pässe abzuholen. Langsam füllt sich das Boot mit Passagieren. Einige Meter entfernt steht ein Reiher auf der Reling eines Motorkutters, wartet auf einen Fisch. Es ist klar, dass er leer ausgehen wird, denn er müsste sich wie ein Eisvogel auf seine Beute stürzen, sobald sie auftaucht. Doch das wird ihm niemals gelingen, denn Reiher fischen für gewöhnlich im flachen Wasser stehend, ohne Sturzflüge.
Während wir gespannt auf das Missgeschick warten und den Vogel im Stillen für seine Dummheit verspotten, setzt sich ein Ägypter neben uns auf die Bank. Er will wissen, woher wir kommen, ob uns das Land gefällt. Wir unterhalten uns eine Weile, erfahren, dass er am Westufer des Nils wohnt und eine sechsköpfige Familie hat. Nun will er wie wir ans Ostufer rüber, einkaufen gehen, und ja, er werde dort auch auf Touristen warten, die vielleicht mit dem Abendzug ankommen. Taxichauffeur sei er, und er warte jeden Abend am Bahnhof, obwohl meistens keine Touristen aus dem Zug aussteigen würden. Wir wollen wissen, wie viel er denn für eine Fahrt mit uns ins Tal der Könige verlangen würde. Er nennt uns seinen Preis, zu viel für unser Budget. Das Gespräch versiegt. Die Fähre ist voll und die Taue werden losgemacht. Wir schauen uns nach dem Reiher um. Aufgeregt läuft er plötzlich auf dem Bootsrand hin- und her und stürzt sich dann kopfüber in den Nil. Seine Flügel kommen vor dem Schnabel auf dem Wasser auf, die perfekte Bruchlandung. Der Fisch ist weg. Doch anstatt fortzufliegen, sehen wir nun mit Erstaunen, wie der Vogel zielstrebig wieder auf seinem Platz landet, bereit für einen weiteren, aussichtslosen Fangversuch. Es herrscht Trockenzeit, kein flaches Wasser zum Fischen weit und breit. Tuckernd überquert die Fähre den Nil. Zusammen mit dem Taxichauffeur laufen wir zum Bahnhof. Dort hat er geparkt. Und während wir aufs Perron gehen, steigt er in seinen Wagen und beginnt zu warten. Wie jeden Abend. Was wäre, wenn die Reisehungrigen in der Welt wüssten, dass nach dem blutigen Militärputsch vom letzten Jahr Ägypten zumindest vorläufig etwas zur Ruhe gekommen ist? Manche würden in den nächsten Ferien ihre Koffer packen und wieder ans Rote Meer oder zu den Pyramiden fliegen. Und manche würden trotzdem zu Hause bleiben, weil sie Angst hätten, dass es jederzeit wieder zu Gewaltwellen kommen könnte. Wir hätten die Pharaonengräber mit vielen anderen Schaulustigen teilen müssen, mehr für unser Hotel bezahlt und weniger Ruhe gehabt. Aber dennoch wünschen wir den Menschen hier, dass wieder bessere Zeiten für sie anbrächen.
Von Luxor nach Assuan radeln wir nun ein kurzes Stück durchs Niltal. Wir haben uns für die Nebenstrasse auf der Westseite entschieden. Wohl eine schlechte Wahl. Es hat weniger Polizeipräsenz und die Siedlungen wirken ärmer. Kaum dreissig Kilometer sind wir gefahren, als zwei jugendliche Tuck Tuck Fahrer Brigitte an den Strassenrand drücken. Und dann ist da plötzlich ein Messer und die Forderung nach „money and mobile phone“. Wir haben Glück, dass die Jungs und auch wir nicht so recht wissen, wie sowas richtig geht und ehe Schlimmeres passiert, eilt uns auch schon ein Dorfbewohner mit einer Eisenstange zu Hilfe und schlägt das Überfallkommando in die Flucht. Der Schreck sitzt uns in den Knochen und bis wir wieder auf die Ostseite des Nils wechseln können, fahren wir unter Polizeischutz. Als wir dort ankommen, haben sich unsere Nerven wieder beruhigt. Uns ist nichts passiert und im Nachhinein müssen wir uns eingestehen, dass wir auch am Bahnhof in Bern jeden Tag in eine solche Situation geraten könnten. Nur dass uns dort wohl kein Passant mit einer Eisenstange zu Hilfe käme.
In Assuan besteigen wir ein Schiff, das uns in den nächsten achtzehn Stunden über den Nasser Stausee in den Sudan bringt. Obwohl es mittlerweile eine Strasse zwischen Ägypten und dem Sudan gibt, ist die Bootsfahrt immer noch der sicherste Weg für Velofahrer, um hier die Grenze zu überqueren. Wir fahren zweite Klasse, richten uns auf dem Deck mit Kocher und Campingmatte für die Nacht ein, zusammen mit einer Gruppe libyscher Flüchtlinge und sudanesischer Händler, die Waschmaschinen und andere Waren in den unter Sanktionen stehenden Sudan bringen. Die Leute sind höflich, begegnen uns mit Zurückhaltung, sind aber auch interessiert an unserer Geschichte und fragen nach dem Woher und Wohin. Gross und rot badet die Sonne im weiten Wasser des Nasser. Wie ein Meer scheint nun der uferlose See und vom Bootsmast schallt der Ruf des Muezzins übers Deck. Die Männer versammeln sich an der östlichen Reling zum Gebet. Nach einem leisen „Allahhu akbar“ knien sie dicht an dicht nieder und zusammen mit der Dämmerung legt sich eine berührende Ruhe über das Schiff. Langsam tuckern wir in die Nacht und in ein neues Land.
Was wäre, wenn wir vermehrt unsere Türen für Durchreisende öffnen würden? Manche würden sich rasch in ihren vier Wänden bedroht fühlen, hätten mehr Angst, etwas zu verlieren, als durch die Begegnung mit dem Fremden etwas zu gewinnen. Und manche würden sich über den Besuch freuen, sie würden sich weniger einsam fühlen und gespannt den Geschichten zuhören, welche sie nun nicht mehr am Fernseher, sondern in ihrer Stube erzählt bekämen. Wir wären stolz auf eine solche Welt.
Vom Sudan an radeln wir zu dritt weiter, zusammen mit Russell, einem Engländer, den wir auf dem Schiff kennengelernt haben. Von Norden nach Süden bläst ein konstanter Rückenwind und wir kommen rasch vorwärts. Die Strecke ist gut versorgt mit Cafeterias und dort finden wir auch Wasser, das direkt aus dem Nil geschöpft in grossen Tonkrügen kühl gehalten wird. Über Nacht campieren wir nochmals abseits der Strasse, in den Dünen. Es sind die letzten Campingnächte in der Einsamkeit für lange Zeit, denn nach der Hauptstadt Khartoum geht es für uns durchs Niltal und da ist es mit der Ruhe vorbei. Es hat überall Leute, und wir suchen uns jeweils einen sicheren Platz bei Polizeiposten oder Schulen. Einmal werden wir in einem Dorf von einer Familie in ihr Haus eingeladen: „This night you are our guests“. So oft ist uns dies nun in der islamischen Welt schon passiert. Wir sind Fremde, gehören nicht derselben Religion an, stammen aus Ländern, die ihren Glauben, ihre Politik und oft auch ihre Kultur negativ bewerten und verurteilen. Trotzdem werden wir weiter als Freunde behandelt, wird uns vorbehaltlos ein Bett angeboten oder geholfen. Obwohl Ansichten und Regeln des Korans das Denken und Handeln hier bestimmen, ist doch der Alltag der meisten Menschen weit entfernt von den extremistischen Ansichten, über die unsere Nachrichten so gerne und so häufig berichten. Zwei Wochen nachdem wir in den Sudan eingereist sind, haben wir das Land bereits durchquert. Die Landschaft ist hügeliger geworden, knochentrockenes Buschland hat die Wüste und das grüne Niltal abgelöst. Menschen tauchen nun scheinbar aus dem Nichts auf und fragen nach Wasser. Die Hitze, welche wir in Ägypten für kurze Zeit hinter uns gelassen hatten, ist zurückgekehrt und zehrt von Tag zu Tag mehr an unseren Kräften.
Kurz vor der Sudanesisch- Äthiopischen Grenze suchen wir an einem Mittag Schutz im Schatten eines Truckstopps, kippen kühle Softdrinks hinunter und essen unser letztes Fuul, das typisch sudanesische Bohnenmus mit Brot. Ein Mann schaut uns zu, er will wissen, woher wir kommen und dann: „How is Sudan?“ Wir erzählen ihm, wie respektvoll uns die Menschen begegnet sind, wie still und klar die Nächte in der Wüste waren und wie wir uns sicher und willkommen fühlten. Er strahlt übers ganze Gesicht. Uns kommt eine Reportage von Michael Obert über das Land in den Sinn. Auch er hatte eine ähnliche Begegnung und sein Gegenüber verabschiedete sich mit den Worten: „Please tell all your friends, that Sudanese people are not terrorists.“
Was wäre, wenn man das strahlende Gesicht des Mannes zusammen mit diesem Zitat an den Anfang der Tagesschau stellen würde? Manche brächen in Panik aus, würden sofort an einen terroristischen Anschlag auf unser Nachrichtensystem denken, die Helpline von SRF mit Fragen bestürmen oder einen Gegenangriff planen. Und manche würden sich wundern, was das nun soll, würden auf weitere Erklärungen in den Nachrichten warten, die nicht kämen. Wir würden uns darüber freuen, denn wir täten es, wenn wir könnten.Baca lagi
Zeitlos
6 Januari 2015, Sudan
Und plötzlich ist das Unterwegssein mit einer anderen Zeitmessung nicht weiter ein Gedankenspiel, kein „was wäre, wenn...“ mehr, sondern Realität. Mit dem Überqueren der äthiopischen Grenze werden wir auf einen Schlag acht Jahre jünger. Im Land gilt der koptische Kalender mit dreizehn Monaten pro Jahr und somit betreten wir das Land statt am 1. Januar 2015 am 23. Tahsas 2007. Doch die ersten Tage im äthiopischen Hochland zeigen uns eine Welt, die weit mehr als nur acht Jahre in der Vergangenheit zu liegen scheint...
Goldgelbe Felder erstrecken sich über die hügeligen Höhenzüge. Kleine Siedlungen aus braunen, lehmverputzten Rundhäusern kauern sich in die Talmulden. Die halben Amphoren auf den Dächern werden ihrer Aufgabe als Feuerabzug nicht ganz gerecht. Rauch drückt durchs Stroh, der als grauer Schleier über die Strasse zieht und die Umgebung in ein kontrastarmes Licht taucht. Könnte man die Zeit hier wirklich anhalten, ergäben sich verblichene Standbilder, bereit, als Erinnerungsfotos an ein vergangenes Zeitalter über den Kaminsims gehängt zu werden. Aber da ist der unverkennbar süsslich beissende Geruch von verbranntem Kuhdung, die rhythmischen Bewegungen der Tagelöhner, die in Reihen auf dem Boden knien und mit der Sichel die riesigen Felder abarbeiten und die Szenen beleben. Ochsen laufen im Kreis, dreschen die Ähren zu Stroh. Ein goldener Schleier fliegt hoch in die Luft, der Wind bläst das unnütze Spreu nach Westen. Zurück bleibt ein Häufchen kleiner, brauner Körner. Tef, eine endemische Getreideart und Grundlage für das Nationalgericht Injera, ein saures, weiches Fladenbrot. Acht Jahre in der Zeit zurück? Nein, wohl eher achthundert. Als wäre ein Geschichtsbuch zum Leben erwacht, Kapitelüberschrift: Ackerbau im Mittelalter.
Doch unvermittelt wird das Buch zugeklappt, mit einem einzigen Wort. Eine leise hohe Kinderstimme, verzerrt und fordernd schreit sie über die Felder: „Mooooonnnneeeeeyyyy!“ Wie ein Echo pflanzt sie sich fort, von einem Dutzend anderer Kinder aufgenommen und sich uns rasch nähernd: „You, you, you...money, money, money.“ Dazwischen gibt es auch weniger gängige Einwürfe. Faranji (Ausländer), Abba (Vater), Heiland, und ab und zu ein verlorenes Welcome, gefolgt von einem überflüssigen Fuck you! Durchs ganze Land verfolgen uns die Stimmen, vom kleinen Kacker, der es ja nicht besser wissen kann, bis zum Erwachsenen, der es eigentlich besser wissen sollte. In den Steigungen grabschen sie nach unseren Sachen, ab und zu fliegt auch ein Stein. Wir haben es gewusst. Fahrradfahrer haben fast nur Schlechtes über das Land zu berichten. Doch zur Zeit ist es für Reisende der einzige Weg, der relativ sicher nach Süden führt. Wir müssen da durch.
Am Abend stoppen wir in einem kleinen Ort. Innerhalb von Sekunden versammeln sich mindestens fünfzig Neugierige um uns. Eigentlich wie immer, wenn wir irgendwo kurz anhalten. Hundert starrende Augen, mindestens die Hälfte davon von diesen unverschämten Knirpsen. Wir sind müde und möchten eigentlich nur noch möglichst rasch einen sicheren Übernachtungsplatz finden. Während sich Ivo auf die Suche nach dem Lehrer macht, halten Russell und ich die Stellung.
Einer der Männer beginnt ein Gespräch. Wie es uns in Äthiopien gefalle, will er wissen. Ein kurzer Moment betretener Stille. Nach einem Tag Hetze und Anmache fällt es nicht gerade leicht, über das Land zu schwärmen. Schliesslich rühmen wir die schöne Landschaft und den herrlichen Kaffee. Ja, der Kaffee ist wirklich nicht zu toppen! Jeden Morgen starten wir mit zwei Tassen davon. In jedem noch so kleinen Ort wird er frisch zubereitet. Ein einfacher Unterstand, in der Mitte steht ein niedriger Tisch, der mit frischem Gras bedeckt ist und auf dem die weissen Kaffeeschalen ordentlich in Reih und Glied stehen. Eine Frau sitzt dahinter und fächelt mit einem Kartonstück die Glut in ihrem kleinen Blechofen an. In einer Pfanne mit langem Stiel beginnt sie die, aus dem äthiopischen Hochland stammenden Kaffeebohnen zu rösten. Würzig verteilt sich der Duft und wird über die Strasse davongetragen, als sie die Pfanne schüttelt und durch die Luft schwenkt. Danach zerstösst sie die Bohnen in einem Mörser zu Pulver und brüht dieses in einem Tonkrug auf. Ein Klümpchen Weihrauch wird verbrannt, zwei grosszügige Löffel Zucker in die Tasse gegeben und der Kaffee von hoch aus der Luft eingegossen. Ein brauner, schaumiger Strahl. Der Himmel auf Erden...
Doch davon ist gerade nichts zu merken. Wir schmoren immer noch in der Hölle. Die Schlafplatzsuche zieht sich hin, die Menschenmenge rückt uns auf die Pelle. Ellbogen drücken in den Rücken, der Schweissgeruch nimmt zu. Auch unser Gesprächspartner hat jetzt genug. Er zieht einen Stock und geht auf die am nächsten Stehenden los. Die Menge flieht. Wir sind völlig perplex. Auf der einen Seite sehen wir jeden Tag, wie sich Erwachsene höflich und zuvorkommend begrüssen - ein respektvolles Händeschütteln, eine leichte Berührung mit der rechten Schulter - und dann wiederum gehen Erwachsene und Kinder mit Steinen und Stöcken aufeinander los.
Nicht nur der Zeit scheinen wir hier fremd, sondern auch dem Umgang untereinander. Nachdem es um uns lichter geworden ist, setzt unser Gegenüber das Gespräch fort, als hätte es die Attacke nie gegeben. Erwartungsvoll fragt er, was wir noch über seine Heimat wissen. Nun, den weltbesten Kaffee haben wir bereits erwähnt. Die weltbesten Sprinter kommen als nächstes an die Reihe. Und da ist so vieles, was Äthiopien von den anderen Ländern Afrikas unterscheidet. Äthiopien hat nicht nur eine eigene Zeitrechnung, sondern auch eine eigene Schrift, es ist der Geburtsort der Rastafari Anhänger und das einzige Land Afrikas, das nie kolonialisiert wurde. Geblieben ist eine faszinierende kulturelle Vielfalt. Darauf sind die Menschen stolz.Baca lagi
Bale Mountains
3 Februari 2015, Ethiopia
Während des zweiten Weltkriegs hatten die faschistischen Italiener das Land zwar für kurze Zeit erobert, wurden aber zum Ende des Krieges wieder vertrieben. „Wir sind das einzige Volk Afrikas, das die weissen Besatzer selbst aus dem Land verjagen konnte!“ betont der junge Äthiopier nun. „...Mit Hilfe der Briten“, wagt Russell eine kleine Korrektur. Doch das findet bei den Umstehenden keine weitere Beachtung. Mit der Vertreibung der Italiener erlangte Äthiopien zwar seine Freiheit wieder, doch seinen Meeranschluss verlor es für immer an Eritrea. Die Quelle allen Reichtums, der Seehandel mit dem Weihrauchland Jemen versiegte. Eine knapp zwanzig jährige sozialistische Militärdiktatur zog auf und das Land versank in bitterer Armut. Ist es dieser Hintergrund, der immer noch die Verachtung aller Fremden im Land nährt und die fliegenden Steine erklärt? Bei unserem fröhlichen Small Talk wird eine weitere Runde mit dem Stock fällig. Ivo kommt von der Nachtplatzsuche zurück. Er hält die Daumen hoch. Wir können im Garten eines Hauses übernachten. Der Besitzer ist Polizist und hat ein AK-47.
Am nächsten Tag geht es in steilen Serpentinen über 1500 Höhenmeter in die Nilschlucht hinunter. Auf dem Grund überspannt eine elegante Hängebrücke den Fluss, gebaut und finanziert von den Japanern. Im vergangenen Jahrzehnt hat Äthiopien im Schnitt drei Billionen Dollar pro Jahr an Entwicklungshilfe erhalten.
Und das Land braucht sie zweifellos, denn seine Probleme sind vielfältig: Chronische Nahrungsmittelknappheit wegen der fehlenden Landwirtschaftsreform und regelmässigen Dürreperioden, eine Analphabetenrate von über 64% und damit eine ungenügende technische Bildung der Erwachsenen, kein Zugang zu sauberem Trinkwasser, AIDS, eine der schlechtesten Gesundheitsversorgungen der Welt. Dazu schrecken Korruption und ein willkürliches Rechtssystem ausländische Investoren ab. Doch je länger wir hier unterwegs sind, desto mehr bekommen wir den Eindruck, dass absolut nichts koordiniert wird. Jede Organisation macht, was ihr gerade in den Sinn kommt, Geld wird ohne Gegenleistung mit vollen Händen verteilt. Und so reimen wir uns dann den zweiten Teil der äthiopischen Unfreundlichkeit zusammen. Das dauernde „give me, give me, give me...“, die überteuerten Faranjipreise, das Selbstverständnis mit dem der Geldfluss aus den „developed countries“ in Empfang genommen wird. Doch zum Glück gibt es auch Organisationen, die sich über Nachhaltigkeit Gedanken machen. Helvetas bringt zum Beispiel in Hilfsprojekten ausgebildete Hängebrückenbauer von Nepal hierher, um das Know How weiterzugeben.
Nach drei Wochen Spiessrutenlauf versuchen wir dem Land nochmals eine Chance zu geben. Wir stellen unsere Fahrräder ein und machen uns auf zu einem fünftägigen Trekking durch die Bale Mountains, dem letzten Rückzugsort der vom Aussterben bedrohten äthiopischen Wölfe. Und der UNESCO Nationalpark wird auch für uns zu einem Rückzugsort.
Bis auf viertausend Meter hinauf führt uns der Weg, in eine einsame Landschaft aus kargen Hochebenen, klaren Bächen und kleinen Seen, die ans schwedische Fjäll erinnert. Wir durchqueren weite Lobelienwälder, streifen durch Wacholdergebüsch und an silbrig glänzenden Steinbrechpolstern vorüber. Am Abend sammeln wir wilden Oregano, um die Pasta zu verfeinern und geniessen den funkelnden Sternenhimmel, bevor uns die Kälte ins Zelt treibt. Die Ruhe in der Natur tut uns gut und so gelingt es uns, die letzten fünfhundert Kilometer im Land mit frischer Kraft anzugehen.
Im Omo Tal scheint die Zeit weiter angestaut und zur Ruhe gekommen zu sein. Frauen in gegerbter Lederkleidung und Tierfellen wandern auf der Strasse, mit blossen Brüsten und Hälsen, die unter schweren Muschelketten verschwinden. Wir begegnen Männern mit kunstvollen Frisuren, Zierringen und Schmucknarben. Doch auch hier klafft ein Riss im Zeitsprung.
Die Region ist längst vom Tourismus entdeckt worden. Es grassiert eine Menschensafari in ihrer hässlichsten Form. Raus aus dem Jeep, Geld fliegt, die Kamera rattert und schon geht es ab ins nächste Dorf. Da machen wir nicht mit. Unsere Bilder haben wir uns noch nie erkauft. Ohne Erlaubnis und mit einer Zoomlinse auf dem Kasten machen wir keine Porträts. Nur ein einziges Foto wird uns geschenkt. Doch es reicht, um unsere Hoffnung zu wecken. Die alten Nomadenstämme hier leben verstreut im Grenzland. Vielleicht warten auf unserem weiteren Weg noch Begegnungen mit diesen Menschen auf uns, hinter denen wir stehen können. Dem Turkana See entlang verlassen wir Äthiopien. Eine einsame Staub- und Sandwüste liegt vor uns, heisse und anstrengende Tage, ein kleines Stück Kenia und dann – Uganda...In Omorate erhalten wir den Ausreisestempel. Auf dem Papier werden wir wieder acht Jahre älter, doch gerade jetzt fühlen wir uns um Jahrzehnte gealtert. Äthiopien hat uns erschöpft. Wir freuen uns, wieder in einer anderen Welt unterwegs zu sein, wo wir Menschen freundschaftlich gegenübertreten können, wo wir darauf zählen können, dass uns geholfen wird, wenn es nötig ist. Äthiopien hat uns gelehrt, solche Momente auch in Zukunft nie als selbstverständlich hinzunehmen.Baca lagi
Karamojong
20 Februari 2015, Uganda
Klimawechsel in Stunden: Tausend Meter geht es hinab nach Uganda, es wird grün und tropisch. Hohe Luftfeuchtigkeit, Hitze, Schweiss, Sonnencreme und Strassendreck – nur bloss nicht zelten am Abend, sondern irgendwo eine kalte Dusche suchen. In Kampala entscheiden wir uns für eine Velopause, leisten uns einen Jeep mit Fahrer und gehen auf Safari. Zuerst hoch in den Nordosten des Landes, nochmals raus aus den Tropen ins Dreiländereck Kenya, Südsudan und Uganda. Es wird wieder staubtrocken, eine von der Sonne verbrannte Landschaft, die jetzt vor der Regenzeit nach Wasser lechzt. Der Kidepo Valley Nationalpark war bis vor wenigen Jahren nur per Charter Flug erreichbar, das Land drumherum Kriegsgebiet. Zwanzig Jahre lang dauerte der Bürgerkrieg, in dem die Lord's Resistance Army den Norden Ugandas terrorisiert hat. Nun ist es wieder möglich, auf dem Landweg dorthin zu reisen. Der Park wird trotzdem weiterhin wenig besucht. Gut für uns, denn so haben wir, was wir suchen. Keine Minivans oder Safari Jeeps, kein Kamera-Geklicke; nur wir und die Tierwelt Afrikas.
Riesige Büffelherden ziehen mit den ersten Sonnenstrahlen über die Hügel ans Wasserloch herunter, massige, schlammverkrustete Tiere, mit ihren schwungvoll gebogenen Hörnern, herabhängenden Ohren und feuchten Nasen. Lange schauen wir einer Herde Giraffen zu, Elefantenfamilien ziehen an unserem Camp vorbei. Löwen liegen am Mittag unter einem Baum, hecheln erschöpft in der Hitze, daneben ein frisch gerissener Wasserbock. Wir staunen, hingerissen von unseren ersten Begegnungen mit den „Grossen“ dieses Kontinents, in einer Bilderbuchlandschaft aus wogendem Steppengras und blassblauen Gebirgszügen am Horizont.
Dieses Grenzland ist auch Heimat der Karamojong. Ein altes Hirtenvolk aus Äthiopien, verbrüdert mit den Massai Kriegern in Kenia und den Stämmen am Turkana See. Überbevölkerung hat die Halbnomaden vor Generationen aus dem abbessinischen Hochland in den Süden getrieben.
Auf der Suche nach genügend Wasser und Weideplätzen zersplitterten sie sich in unzählige Volksgruppen. Familien wuchsen, passten ihr Leben den veränderten Umständen an, bildeten neue Stämme. Doch eines blieb ihnen gemeinsam: Sie lebten und starben für ihr Vieh. Freunde wurden zu Feinden im Kampf um die spärlichen Ressourcen. Der Bürgerkrieg brachte Waffen in die Region, brutale und blutige Kämpfe um Wasser- und Weiderechte entbrannten. Ebenso brutal und blutig wurde dann die Region nach Ende des Bürgerkrieges durch die ugandische Regierung entwaffnet. Heute stehen die Karamojong an einem Wendepunkt ihrer Geschichte. Die modernen Krieger in Karamoja kämpfen nicht mehr mit der Waffe in der Hand gegen ihre Nachbarn, sondern gegen die gesichts- und grenzenlosen Feinde der heutigen Zeit, die sie nach jahrelanger Instabilität und Isolation nun einzuholen und zu überrollen scheinen: Klimawandel, Hunger, mangelnde medizinische Versorgung und Bildung. Junge Karamojongs beginnen sich in Hilfsorganisationen zu engagieren, helfen Brunnen und Schulen zu bauen, versuchen aufzuklären und zu vermitteln. Einem solchen Karamojong begegnen auch wir. Elijah ist in einem Dorf in der Umgebung von Kotido aufgewachsen, in der „gun time“ hat er selber eine Kalaschnikov getragen. Hohe Wangenknochen, breite abgeflachte Nase, ebenholz-schwarzer Teint, offener Blick. Gut können wir ihn uns als Hirten und furchtlosen Krieger vorstellen. Doch das ist er nicht mehr. Nun ist er freiwilliger Rotkreuz Mitarbeiter und engagiert sich unter dessen Patronat als Kulturvermittler. Den offenen Blick hat er behalten. Auch den festen Händedruck zur Begrüssung, eine Geste, die den Karamojong wichtig ist, ein Zeichen von Respekt und Vertrauen.
Das Konzept des Roten Kreuzes ist simpel und nachhaltig. Für eine Spende von 100 Dollar ans Regionalbüro in Kotido begleitet Elijah uns zwei Tage. Bargeld zwischen den Karamojong und uns als Besuchern fliesst so keines. Das Rote Kreuz ist mit seinen Gesundheitsprojekten seit Jahren gut verankert, Elijah wird von den Dorfältesten respektiert.
Er bringt uns in sein „Manyatta“, eine mit meterdickem Astgeflecht ummauerte Siedlung aus runden Lehmhütten. Das Herz des Dorfes, erneut von breiten Schutzzäunen umgeben, bildet das Viehgehege. Still und leer ist es, als wir nun darin stehen. Viele der Männer sind mit den Herden in wasserreichere Regionen gezogen. Sie werden mit der Regenzeit hier zurück in ihr Manyatta kommen. Der Dorfälteste begrüsst uns, stellt seine Familie vor. Gesichter von Frauen, Männern und Kindern, oft geschmückt mit Ohrringen, Ziernarben und Halsketten. Früher Zeichen des gesellschaftlichen Rangs, Auszeichnungen für Mut, Kraft und Tapferkeit, Beweise, dass das Clanmitglied ins Erwachsenenleben eingetreten ist. Heute, wie uns Elijah erklärt, immer weniger mit Initationsriten oder speziellen Taten verbunden. Heute könnten Jugendliche oft selber entscheiden, ob sie sich die feinen Schnitttätowierungen noch machen lassen wollen, und welchen Schmuck sie tragen. Es wird Abend. Eine Gruppe Jugendlicher tanzt. Sie üben mehrmals pro Woche zusammen, träumen davon ausserhalb von Karamoja bekannt zu werden. Auch sie auf dem Weg, die Vergangenheit als Krieger hinter sich zu lassen, sich neu zu orientieren und trotzdem nicht ihre kulturelle Identität aufzugeben. Schellenkränze an den Füssen, farbige Ketten um die Taillen. Rhythmisches Stampfen, hohe Sprünge, dumpfe Hornstösse, Lieder, die vom Frieden erzählen. Ein Aufbruch? Elijah übersetzt unsere Dankesworte. Er ist es auch, der uns am nächsten Morgen zum Viehmarkt etwas ausserhalb von Kotido begleitet. Er ist das Bindeglied zwischen den Leuten, die hier wöchentlich zusammenkommen und uns, die wir ohne ihn fehl am Platz und fremd wären. Denn kein touristisches Ereignis ist es, dem wir hier beiwohnen.
Unsere Anwesenheit bedarf der Erklärung, damit sie verstanden und akzeptiert wird. Elijah schüttelt Hände, wechselt Worte. Der Respekt zwischen ihm und seinen Leuten überträgt sich auf uns. Kräftiger Händedruck, freundliches Lachen. Da wird gefeilscht, geprüft und verhandelt, geschwatzt und Neuigkeiten ausgetauscht. Bald ist die Situation so entspannt, dass wir auch mit Fotografieren beginnen können. Elijah übersetzt unsere Bitten und nie ist da auch nur die Andeutung einer Frage nach Geld. So wird der Markttag bei Kotido zu der Begegnung mit ursprünglicher afrikanischer Kultur, die wir seit der Durchquerung des Omo Tals gesucht haben.Baca lagi
Murchison Falls
3 Mac 2015, Uganda
In Uganda entspringt der längste Fluss der Welt, der Nil. In Ägypten sind wir ihm das erste Mal begegnet, haben im Sudan sein Wasser aus den kühlen Tonkrügen im Schatten der Lokandas getrunken, in Äthiopien dann die Quelle des blauen Nils hinter uns gelassen. Nun schaukeln wir auf einem kleinen Motorboot in den jungen Wassern des weissen Nils. Eine lange Reise steht ihm bevor. Wir kennen sie. Nilpferde baden im Schaum, den der Wasserfall weiter oben geschlagen hat, Elefanten verpassen sich eine Morgendusche.
Kreischende Vogelschwärme, Seeadler und sogar der seltene Shoebill Storch nisten hier im Delta des Murchison Falls Nationalparks, einer weiteren Station auf unserer Velopause. Wir erleben einen magischen Morgen, als die Sonne langsam am Ende des silbrigen Wasserbandes emporsteigt und zwei Kraniche vom Ufer hinaus auf den Lake Albert fliegen. Wann haben wir das letzte Mal Kraniche gesehen? In der Mongolei muss es gewesen sein, letzten Sommer. Doch diese hier sind grösser, mit feinen Federbüscheln auf dem Kopf, das Wahrzeichen Ugandas.
Noch verbringen wir einen Tag mit den Schimpansen im Budongo Forest. Sie haben einen festen Tagesablauf: Essen, ausruhen, essen, schlafen. Dazwischen gibt es mal Action und das Alpha Männchen rennt los, um astbrechend und bodytrommelnd einen vermeintlichen Eindringling aus seinem Paradies zu vertreiben. Dann ist er der King und lässt sich von einem Weibchen lausen. Wie menschlich. So könnten wir uns unser Leben auch vorstellen. Doch für uns heisst es nach zehn Tagen Velopause wieder „fertig Flohnerleben“. Wir sind um ein paar Afrika Bilderbucherlebnisse reicher, doch auch um ein geschätztes doppeltes Monatsreisebudget ärmer. Wenn man das Afrika der TV Dokus und Hochglanzbildbände erleben will, dann braucht es ein dickes Portmonee. Und dass wir das haben, können wir unmöglich länger vorbluffen. Schnell sind wir zurück im afrikanischen Alltag, weit weg von allen Luxuslodges und den schönen Safariparks. Hier wird wieder geschwitzt und geschuftet. Die Afrikaner fürs Überleben und wir um vorwärts zu kommen.Baca lagi
Regenzeit
20 Mac 2015, Burundi
Der letzte schöne Tag. Wir überqueren den Äquator. Sonnenschein und klare Sicht auf die Rwenzori Berge. Hoch erheben sie sich zu unserer Rechten, Gebirgskämme, in der Ferne ein Gletscher. Über Nacht ziehen Wolken auf und die Regenzeit beginnt. Jeden Tag gibt es nun starke ein- oder zweistündige Gewitter. Auf der Erdpiste am Lake Buyoni entlang erwischen wir zum Glück eine trockene Phase und so bleiben wir nicht im Schlamm stecken. Wie ein blaues Auge umgeben von Lachfalten, liegt der See eingebettet zwischen kleinen Feldern, die sich die steilen Hänge hochziehen. Es ist der Anfang der Hügellandschaft, die uns auf unserem weiteren Weg durch Ruanda und Burundi begleitet. Trotz den knackigen Steigungen, die nun folgen, sind wir schnell unterwegs. Wir haben ein Boot zu erreichen, das uns über den Tanganika See in Tanzania bringt, und das legt in sechs Tagen ab. Es fährt nur alle zwei Wochen. 590km und 10'200 Höhenmeter – harte Arbeit in so kurzer Zeit, doch es lohnt sich, möglichst rasch Boden gut zu machen, um der Regenzeit zu entkommen.
Die MV Liemba. Ein Schiff aus Deutschland, das seit dem ersten Weltkrieg den Tanganika See befährt. Zweimal lag es bereits auf dem Seegrund, wurde wieder geborgen, restauriert und fährt nun weiter auf seiner endlosen Fahrt, bringt und holt Güter von den isolierten Dörfern am Seeufer, transportiert Passagiere von Tanzania nach Zambia. Wir legen ab, der See weitet sich zum uferlosen Meer. Scheinbar zischend und dampfend versinkt die Sonne im Wasser, Wolkentürme hinterlassend, die sich am Horizont auftürmen. Wogend und brodelnd füllen sie rasch den Himmel aus, schicken eine Lightshow aus Blitzen und trocken berstendem Donner über die Bühne. Das Finale wird vornweggenommen, Ende des ersten Aktes. Der Regenvorhang fällt.
In der Nacht halten wir das erste Mal. Die Wolkenwände haben sich verzogen, ein klarer Sternenhimmel, ein heller Mond. Das Schiffshorn dröhnt, Rufe antworten ihm übers Wasser. Bald entern uns grosse Holzboote, fliegende Händler bringen Trinkwasser, fritierten Fisch, gekochte Bananen. Die Rufe und Menschen schwabben an Bord, Scheinwerferlicht flutet über das Deck, die perfekte Open Air Bühne. Auftakt zum zweiten Akt. Wir haben Logeplätze am Geländer der ersten Klasse und verfolgen gespannt das Getümmel. Der Ladekran hievt Kisten von Bord, in einer Ecke kommt es zum Handgemenge. Die Schiffsglocke läutet, das Horn dröhnt übers Wasser, eilig klettern die Händler in ihre Boote, gleiten aus dem Lichtkegel zurück ins Dunkle.Baca lagi
How are you
20 Mac 2015, Zambia ⋅ ⛅ 26 °C
Die Rollen sind vertauscht, wir erneut zu den Akteuren und die Menschen um uns zu Zuschauern geworden. Vom Bühnenrand rufen sie uns ihr „How are you“ zu, Zambias Begrüssung. Wir hören sie gern nach dem einfältigen „Muzungu, Muzungu give me...“ der letzten Länder. Die Kulisse eine gerade Strasse, gesäumt von saftiggrünem, mannshohem Elefantengras, darüber ein grauer, triefender Himmel. Die täglichen Regengüsse sind nun ausgiebig, die Sonne bricht fast kaum mehr durch. Unsere Rolle im Stück ist einfach: Treten so weit wir kommen, Tag für Tag, quer durchs Land. Die Distanzen in Zambia sind gross. Tausend Kilometer bringen uns auf der Great North Road in die Hauptstadt Lusaka. Fünfhundert Kilometer geht es von hier weiter an die Grenze bei den Victoriafällen. Langsam wird das Gras wieder brauner, die Regenstunden weniger und kurz bevor wir Livingstone erreichen, ist da der erste sonnige Tag: Die Wolken fortgeblasen von einem frischen Südwind, ein klarer blauer Himmel, geschärfte Farben. Es bleibt vierundzwanzig Stunden trocken. Abgang der Regenzeit. Standing Ovations.Baca lagi
Countdown: 3000km bis Cape Town
6 April 2015, Namibia
Eine Zugabe der Regenzeit, die Victoriafälle. Zwei Schritte vor und wir werden durchgespült. Zwei Schritte zurück und die Sonne scheint. So einfach sollte es immer sein. Ja, sie sind beeindruckend, diese Wassermassen, welche hier auf einer Breite von fast zwei Kilometern in die Tiefe donnern, auf den Felsen hundert Meter unter uns zerschmettern, hochwirbeln, sich zu Wolken zusammenballen und auf uns niederprasseln. Zwei Schritte vor und wir können ihn sehen, den feinen Regenbogen. Glitzernde Sonnenstrahlen in Abertausenden feinen Tröpfchen. Wir streichen uns die nassen Haare aus den Augen. Zwei Schritte zurück. So, jetzt aber genug vom Regen!
Im Caprivizipfel treffen wir Dan. Der Brite führt hier am Kwando ein einfaches Ecocamp und bietet Bootstouren auf dem Fluss an, der etwas weiter südlich ins riesige Okavangodelta fliesst. Wir fahren durch Schilfgürtel, weisse und rosa Seerosen auf ihren dicken Stängeln spiegeln sich im dunklen Wasser, Eisvögel flitzen durch die Luft. Ein kleines Krokodil sonnt sich am Ufer und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. In der Nacht hören wir die Hippos direkt neben unserem Zelt prusten und schnaufen. Grössere Tiere sehen wir jedoch nicht. Nun am Ende der Regenzeit ist Wasser im Überfluss vorhanden. Die grossen Herden haben sich weit über das Gebiet verteilt. Das Grenzland zwischen Angola, Namibia, Zambia, Zimbabwe und Botswana ist einer der weitläufigsten Wildtierkorridore Afrikas.Baca lagi
Countdown: 2000km bis Cape Town
27 April 2015, Namibia ⋅ ⛅ 27 °C
In Windhoek treffen wir auf Aschi. Gerade hat er seine Reisegruppe am Flughafen verabschiedet und zu unserem Glück kommen ihm die Feiertage über Auffahrt in die Quere. Er lädt uns ein, mit ihm vier Tage in den Etosha Nationalpark zu fahren. Wir haben den Lottosechser gezogen. Aschi kennt den Park wie seine Hosentasche, wir sind immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Jetzt im Frühjahr haben viele Tiere Junge, und so entdecken wir auf unseren Gamedrives nicht nur riesige Herden von Gnus, Zebras, Kudus, Oryx' und Springböcken mit ihrem Nachwuchs, sondern auch Löwenbabies, die geduldig im Schatten auf die Rückkehr ihrer Mütter warten. Die Camps zum Übernachten liegen alle an beleuchteten Wasserlöchern und wir sitzen dort bis spät in die Nacht, um den Nashörnern, Warzenschweinen, Elefanten und Hyänen zuzuschauen, wie sie ihren Durst stillen.Baca lagi
Countdown: 1500km bis Capetown
6 Mei 2015, Namibia
Wir haben die Hauptstrasse verlassen und radeln nun auf Pisten durch den südlichen Teil der Namibwüste. Die Packtaschen sind voll, der Wasserkanister schwer. Die Tage sind markant kürzer geworden, die Temperaturen fallen nachts auf null Grad. Wir besteigen die Dünen von Sossusvlei und später radeln wir durch die unwirkliche Landschaft der Tirasberge. Orange, ocker, rot, braun, die warmen Farben der Felsen und des Sandes leuchten aus dem gelben Steppengras hervor, während ein sanft blassblauer Himmer sich über die Weite spannt. Das Grün des Oranje Flusstales schafft einen spannenden Gegensatz dazu. Die Gegend ist einsam, nur hin und wieder kommen wir an einfachen Farmen vorbei. Wahrscheinlich Nachfahren der Vortrekker, der burischen Siedler, die während der Kolonialzeit vor dem britischen Regime nach Norden ausgewichen sind.Baca lagi
Countdown: 500km bis Cape Town
20 Mei 2015, Afrika Selatan
Wir reisen nach Südafrika ein. Das trockene Wüstenklima liegt hinter uns. Das Wetter ist unfreundlich, kalt und nass. Eine Fahrt wie durch die schottischen Highlands im Herbst. Wir hoffen auf besseres Wetter und hören Ipod. Das „Echo der Zeit“ mit Beiträgen zu den Geschehnissen in Burundi. Ein Bürgerkrieg scheint immer unausweichlicher zu werden. Erst vor knapp zwei Monaten waren wir dort unterwegs. Betroffenheit - und auch Wut, dass ein einzelner Mensch, ein Präsident, ein ganzes Land in den Abgrund reissen kann.
Auf den Regen folgen vier glasklare Herbsttage. Wir entschliessen uns zu einer Schlaufe auf Schotterpisten durch die Zedernberge, der Heimat des Rooibos Tees. Eine mediterrane Berglandschaft, fantastische Ausblicke auf dem Uitkykpass, und dann eine tausend Höhenmeter Abfahrt hinunter ans Meer.Baca lagi
Am Ende Afrikas
7 Jun 2015, Afrika Selatan
Wir durchqueren Weingüter, ein letzter Höhenzug und schon radeln wir durch die ersten Vororte von Kapstadt. Townships aus Wellblechhütten, überragt von Flutlichtscheinwerfern, dann eine hohe Mauer, Elektrozäune und Stacheldraht, die Villen der Luxusviertel. Noch nie haben wir einen so krassen Gegensatz zwischen Arm und Reich erlebt wie in Südafrika. Ein Nährboden für soziale Spannungen und Gewalt. Für uns ein Spiegel was passiert, wenn die, die alles haben sich gegen die, die nichts haben abschotten.
Ein Abschnitt unserer Reise geht zu Ende. Noch zehn Tage bleiben uns, bevor wir für einen Monat nach Madagaskar fliegen. Dort werden wir unsere Gruppenreise an die Westküste leiten. Wir freuen uns darauf! Madagaskar bleibt auch nach der Durchquerung des ganzen schwarzen Kontinents unser bevorzugtes afrikanisches Land. Und so radeln wir mit dieser Vorfreude im Bauch der Küste entlang zum Kap Aghulas, der südlichsten Spitze Afrikas. Es ist eine gemütliche Fahrt mit viel Pausen, um das schlechte Winterwetter auszusitzen. Zwischendurch gibt es aber auch sonnige Tage. Wir hören den Wellen zu, schauen wie sich die Pinguine ins Meer stürzen und wie die Fischer ihren Fang einbringen, geniessen es, angekommen zu sein - und schmieden natürlich auch fleissig Pläne, wie unsere Reise weitergehen soll.Baca lagi







































































































































































































































