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- Sunday, July 6, 2025
- ☀️ 15 °C
- Altitude: 10 m
NorwayGryllefjorden69°21’46” N 17°1’52” E
Was bisher geschah…

Es war Anfang Oktober des letzten Jahres, als ich nach Lannavaara kam, um für vielleicht ein paar Wochen dort zu arbeiten. Tatsächlich sind daraus sieben Monate geworden, also fast der gesamte Winter. Eine erlebnisreiche Zeit bei einer wunderbaren Familie im Hotel ÁILU (ailu.se). In der ich Land und Leute und natürlich die traumhafte Umgebung kennen und schätzen lernen durfte. In dieser Gegend natürlich auch einige Sami, sogar bei der Rentierscheide waren wir zusammen eingeladen mit anzupacken. Ach, da war ja auch Winter, diese ach so düstere und depressive Zeit. Merkwürdigerweise habe ich alles andere erlebt als das. Natürlich ist es nicht sehr lange hell am Tag, gerade in der Zeit der Polarnächte, aber gerade dann sind die Farben während der Helligkeit so außergewöhnlich schön, dass es schwer zu beschreiben ist. Die Polarlichter ab dem späten Nachmittag tun ihr übriges, insbesondere weil es hier vergleichsweise wenig Bewölkung hat. Und Temperaturen bis -35° hatte ich bisher nie, gleichwohl dieser Winter ein aussergewöhnlich milder war. Die nahen Seen und noch mehr der Fluss Lainio unten beim Dorf haben es mir ziemlich angetan. Regelmäßig konnte ich über die gefrorenen Eisflächen laufen und ständig Veränderungen wahrnehmen. Mal zelten bei -25° oder ein Versuch der Besteigung des Kuormakka im Winter, was nicht so alles geht. Oder ein Versuch bleibt. Ich bin begeistert vom Leben und der Stille und diesem ganz besonderen Ort Lannavaara mit seinen gerade mal siebzig Einwohnern und ÁILU, dem kleinen Hotel und seiner außergewöhnlich tollen Lage oben auf dem Hügel und so liebenswerten Gastgebern. Im Laufe der Monate bin ich zwei Mal in Deutschland gewesen, im Januar und Februar auch für einige Wochen. Den Frühlingswinter im März und April mit seinen hellen Tagen und nicht mehr so arg tiefen Temperaturen habe ich dann auch teilweise schon für erste Ausfahrten mit dem Fahrrad genutzt, sogar meine Mutter hat mich für eine Woche hier besucht. Im Laufe des Winters haben wir eine Umzugsfuhre von Deutschland in den Norden gefahren, auf die ich mein Fahrrad mit oben drauf werfen konnte. Mein Plan, circa Ende Mai Richtung Lofoten zu fahren und von dort aus nach einer gemeinsamen Radtour mit Verena Richtung Nordkap zu starten, ist dann aber doch geändert worden, da ich ihr kurzfristig im Mai für ein paar Wochen beim Ausbau ihres Campers geholfen habe und mir dabei in Deutschland dank einer Zecke eine Borreliose eingefangen hab. Die hat sich auf unserem gemeinsamen Weg Richtung Norden bemerkbar gemacht, so dass ich für ein paar Tage im letzten echten Krankenhaus in Gällivare vorgesprochen habe und entsprechend unsere Lofoten-Tour eher eine Lofoten-Kur für mich war. Von der Schönheit dieser Inseln mit ihren steilen Bergen und der rauhen Küste könnte ich grad schon wieder schwärmen. Nachdem ich mich nun wieder fit genug fühle und es mich so sehr raus zieht, ist der Entschluss gefasst, am Montag, dem 7. Juli loszumachen.Read more
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- Day 1
- Monday, July 7, 2025 at 7:53 PM
- ☁️ 10 °C
- Altitude: 79 m
NorwaySenja69°28’16” N 17°43’13” E
Los geht’s am 7. Juli

Nun denn. Ich bin bereit, wieder aufzubrechen und vom malerischen Gryllefjord auf der Insel Senja aus dieser schönen, bergigen und rauhen Küste zunächst bis zum Nordkap zu folgen. Nachdem wir gemeinsam gefrühstückt haben und ich die letzten Sachen vorbereitet habe, warte ich noch, bis die Fähre aus Andenes durch ist, damit der Tross an Autos und Wohnmobilen nicht gleich im nächsten Tunnel an mir vorbei muss. Gegen elf starte ich dann und kaum aus dem Dorf raus überquere ich die Brücke über den Gryllefjord und der E1, korrekter gesagt EV1 (EuroVelo1) mündet in den ersten Tunnel. Etwas über 1 km mit einer konstanten Steigung, aber gut machbar. Das schöne nach den Steigungen sind ja dann immer die Schussfahrten bergab. Ich will es langsam angehen lassen und mache nach einer Stunde die erste Pause. Auf der Atlantic-Coast-Route hier sind Mengen an Radlern unterwegs, die meisten zum oder vom Nordkap. Gegen 12:30 Uhr biegt die Straße Richtung Nordfjorden über einen Pass ab, auf den ich mich bei 8% Steigung eine gute Dreiviertelstunde hoch arbeite. Belohnung am höchsten Punkt ist ein klarer Bergsee und gleich anschließend ein Tunnel und eine rasante Abfahrt, die ich lediglich am Aussichtspunkt über den Bergsbotn kurz unterbreche. Um kurz nach zwei mache ich genau an dem Fjord an einem klitzekleinen Strand meine Mittagspause über gut 2 Stunden. Ein Paar Rotschenkel sind allerdings von meiner Anwesenheit wenig angetan und lassen es mich auch über die gesamte Zeit lautstark wissen. Kurz darauf geht der nächste Anstieg wieder in einen Tunnel, dieses Mal eher in der rustikalen Art und teils unbeleuchtet. An seinem Eingang steht eine Finnin mit ihrem Rennrad und stellt gerade fest, dass das Durchfahren mit Sonnenbrille nicht die beste Idee ist, zumal sie keinerlei Beleuchtung hat und sich mir deshalb für die Durchfahrt anschließt. Sie ist wohl auf dem Weg zum Strand, wie sie sagt; und was für einer! Schon die paar Kilometer hin zum Ersfjord sind von einer dramatisch schönen Felswand geprägt und der Strand selbst lädt mich direkt ein, zumindest einmal bis zu den Knien ins Wasser zu gehen. Nach dem nächsten Tunnel komme ich zum Mefjord und überlege, in dem kleinen Fischerdorf zu übernachten, da es noch einmal einen Pass hochgeht und ich es heute bis zur nächsten Fähre eh nicht mehr machen will. Nachdem ich schon von weitem Richtung Dorf sehe, dass es winzig klein ist und mindestens zehn Wohnmobile dort rumstehen, beschließe ich, doch auch diesen Pass noch hochzusteigen und nach einer weiteren guten Stunde habe ich auf einer Hochebene einen guten Platz gefunden, um mein Zelt aufzuschlagen und einen guten halben Kilometer entfernt von einem Wasserfall frisches Wasser zu besorgen. Der erste Tag war am Ende doch weiter als geplant, ich fühle mich tiptop und freue mich über einen windigen Platz in den Bergen, an dem ich mich ab um acht dem Essen widmen kann.Read more
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- Day 2
- Tuesday, July 8, 2025 at 10:24 PM
- ☁️ 9 °C
- Altitude: 53 m
NorwayTromsø69°41’8” N 18°56’16” E
8. Juli

Es ist trüb und immer noch einigermaßen windig, dafür ist aber das Zelt auch trocken. Zum ersten Mal wieder Morgenprogramm ab um sieben. Rechtzeitig um Dreiviertel neun bin ich bereit zum Abfahren. Ich bin so früh unterwegs, weil ich eine Stunde später in 12 km Entfernung die Fähre in Botnhamn bekommen möchte. Ich verlasse heute die Insel Senja und setze eine gute Dreiviertelstunde über nach Kvaløya. Nächstes größeres Ziel ist Tromsø, eine der „Metropolen“ hier im Norden von Norwegen. Die Fahrt geht erst mal auf dem Plateau an zwei großen Seen entlang, dann geht es eine gute Weile steil ab wieder runter auf Meereshöhe. Ich erreiche kurz mal 60 km/h, das ist mir aber ehrlich gesagt recht unheimlich mit dem schwer beladenen Hobel. Lass da mal eine Speiche brechen… Hui. Aber ich habe ja immer Licht an, was soll da schon passieren? Den Einkauf im Supermarkt in Botnhamn schaffe ich nicht mehr ganz, da die Fähre schon ankommt, aber auf der anderen Seite gibt es wieder einen. Die Fährüberfahrt ist wie immer geprägt von ein paar Gesprächen mit anderen Radlern, mir ist es allerdings recht müßig, immer die gesamte Story dazu erzählen beziehungsweise erklären zu müssen. Der Himmel ist bewölkt oder blau, je nachdem, wie rum ich mich drehe. Also bestes Wetter zum Radeln. Am Kattfjorden muss ich doch erst mal kurz Halt machen, weil dieses Fischerboot zur Wartung an Land ist und diese Farben einfach locken. Außerdem ist es umgeben von herrlich blühenden Wiesen mit Klee und Blumen in wunderschönen Farben. Es zieht sich weiter in leichtem Auf und Ab kurvig an der Küste von Fjord zu Fjord. In Moen kehre ich doch direkt noch mal kurz um, weil das Dörfchen samt Leuchtturm liebevoll in Miniatur am Straßenrand aufgebaut ist. Da schlägt mein Modellbauherz gleich etwas schneller. Und die Bank lässt mich dann gegen halb eins auch gleich die erste Pause machen. Eine halbe Stunde später auf der anderen Seite des selben Fjords zwingt mich ein alter Unimog dazu, den Anker zu werfen. So ein schönes altes Schätzchen, was scheinbar von Zeit zu Zeit auch noch in Gebrauch ist. Jetzt steht mal wieder ein Aufstieg hoch auf einen Pass an, der mir erst mal ziemlich Bange macht. Die ersten gut hundert Meter schiebe ich, als es ab da aber etwas flacher weitergeht und danach die Steigung gar nicht mehr so steil ist, fahre ich den Rest wieder und erreiche gegen zwei den See Kattfjordvattnet, an dem ich mich umgeben von circa tausend Meter hohen Berggipfeln zur Pause niederlasse. Es geht doch nichts über ein Käsebrot am Nachmittag. Da es ab hier bis Tromsø nur noch abwärts oder flach weitergeht und ich auch merkwürdig gut vorangekommen bin, will ich es bis dahin heute auch noch schaffen. Kurz nach vier bin ich auf der anderen Seite des Nordbotn und blicke rüber nach Tromsø. Eine Tankstelle kommt mir gerade ganz gelegen, um ein wenig den Luftdruck zu erhöhen. Da ich französische Ventile an den Reifen hab, brauche ich immer einen kleinen Adapter, um an der Tanke pumpen zu können. Genau dieser frickelig-hakelige Adapter dreht mir aber anschließend den gesamten Ventileinsatz heraus, so dass mein Fahrrad platt dasteht. Und wie ich merke, sind die beiden Teile jetzt wohl unzertrennlich miteinander verbunden, zumindest brauche ich Werkzeug. Meins, was ich dabei habe, tut es nicht und während ich noch etwas ratlos rumstehe, kommt auch schon ein Mitarbeiter der Tankstelle zu mir und fragt, ob er helfen kann. 1 Minute später habe ich einige Zangen von ihm zur Hand und kann diesen kleinen Fauxpas beheben. Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich diese französischen Ventile hasse? Jetzt wieder flott bin ich wenige Minuten später auf dem Scheitelpunkt der Sandnessund-Brücke, die mich rüber auf die Insel Tromsøya und nach Tromsø bringt. Dort steht ein Mann mit seinem Rennrad und versucht zu erkennen, was gerade kaputt ist. Sein Kettenspanner hatte während der Fahrt kurz in die Speichen gegriffen und fünf davon durchgerissen. Ein paar andere sind verbogen, grossflächiger Flurschaden am Antrieb. Ich versuche ihm zu helfen, soweit es geht, wir müssen aber feststellen, dass er es nur noch unter den Arm klemmen kann und heimtragen muss. Ich stelle mir vor, wie ich da stehen würde, wenn ich mein fahrendes Tiny-Haus tragend nur bis von der Brücke runterschaffen müsste. Auf der anderen Seite der Brücke bin ich direkt am Flughafen, den ich natürlich ausgiebig erst mal unter die Lupe nehme, unweit von hier will ich übernachten. Immerhin ist es inzwischen sechs geworden und nachdem ich noch eine Zeit lang die Flieger beobachtet habe, finde ich aber keinen geeigneten Platz in der Nähe. Kaufe jetzt noch etwas ein und finde an einer Skiloipe auf einem Hügel einen Platz, an dem ich das Zelt aufstellen kann und von dem aus ich ab um neun einen guten Blick runter auf den Airport habe. Es sind gute 600m Luftlinie von hier bis zur Rollbahn. Dass dort die gesamte Nacht durch in der flugfreien Zeit eine große Baustelle betrieben wird, macht das Schlafen nicht sonderlich angenehm.Read more

TravelerMensch Fabian, wie schön von dir zu lesen. Erst gestern musste ich an dich denken und fragte mich, wann du wohl weiterziehst. Nun ist es soweit und ich freue mich auf deine Zeilen und Erlebnisse. Als du im Oktober aufhörtest, habe ich gemerkt wie mir deine Zeilen und die schönen Fotos gefehlt haben. Sie sind zu einem täglichen Begleiter geworden....Ich freue mich jedenfalls sehr und schicke dir liebe Grüße aus Lübeck, nicht ohne dir Hals- und Beinbruch zu wünschen. Henning

TravelerHallo Fabian schön wieder was von Dir zu hören. Da hast du die verkehrten Ventile eingekauft. In Tromsö am Flughafenhotel habe ich auch bereits eine Nacht verbracht. Weiterhin viel Glück und gutes Wetter auf deinem Weg zum Nordkap.
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- Day 3
- Wednesday, July 9, 2025 at 8:39 PM
- ☁️ 13 °C
- Altitude: 5 m
NorwayTromsø69°37’59” N 18°54’21” E
9. Juli

Nun bin ich also in Tromsø. Da ich schon zwei flotte Tage gemacht habe und hier nicht einfach durchmarschieren will, entscheide ich mich, heute hier zu bleiben. Mit viel Zeit kümmere ich mich ums Tagebuch und komme auf dem Weg Richtung Stadt schon an einem Museum vorbei. Es sind einige der ältesten Häuser der Region, die hier wieder aufgebaut wurden. In der Telegrafbukta sitze ich am Strand und genieße das Wetter samt Aussicht über den Fjord hin zur Insel Håkøya, vor der das deutsche Kriegsschiff „Tirpitz“, das größte jemals in Europa gebaute, seit dem zweiten Weltkrieg kielüber im Wasser liegt. In einiger Entfernung in den Bergen sieht es immer wieder aus, als wenn Regen heranzieht, tatsächlich bleibt es aber bei Bewölkung mit immer wieder blauem Himmel dazwischen. Es wird fast zwei, bis ich mich dann tatsächlich aufmache, auf dem schönen Wander- und Radweg am Fjord entlang bis zum Hafen zu fahren. Ich bin von der Stadt Tromsø mit der Architektur recht angetan, es ist viel modernes in toller Art und Weise mit altem gemischt. Ein Hurtigruten-Schiff und noch ein deutlich größerer Kreuzfahrer liegen gerade im Hafen und dank der fantastisch ausgebauten Wege cruise ich zwischen Unmengen von Touristen durch die Stadt. Hier noch mal ein Foto, da noch mal etwas angucken und so wird es fünf, bis ich tatsächlich das Polarmuseum erreiche, das jetzt leider nur noch eine Stunde lang geöffnet hat. Die sich aber für mich trotzdem lohnt, da es hier viele tolle Berichte, Bilder und Ausstellungsstücke zum Thema polares Leben, Expeditionen, Forschung und Tiere gibt. Entsprechend sind viele Infos über all die bekannten Größen wie Roald Amundsen, Helmer Hanssen, Fridtjof Nansen oder Umberto Nobile zusammengetragen. Im Anschluss kreuze und quere ich noch ein wenig durch die Stadt, um mich nach einer Stärkung im Restaurant gegen acht wieder in der Telegrafbukta einzufinden. Als alten Fernmelder zieht’s mich da wieder hin. Die ist wie ein kleiner Park und bei den Locals beliebt, es gibt ein paar sehr schöne Plätze, einen davon nutze ich für mein Zelt. Kurz vor Mitternacht komme ich noch mit einem schwedischen Paar ins Gespräch, dunkel wird es ja schließlich nicht. Sie sind gerade auch hier zu Besuch, sie ist auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Familie. Gegen halb eins lege ich mich dann ab nach einem wundervollen Ruhetag in dieser bemerkenswert schönen Stadt.Read more

TravelerMorjen Fabian, wie ich zu meiner Freude lese, wieder „on the way“. Danke für die sehr lesenswerten Berichte und natürlich die tollen „Lichtbilder“. Rad ist ja gut gepackt und ja, franz. Ventile sind Mist. Wir sind Ende Sept. in den Nord Pyrenäen. Ich pack mal alles für dich ein. Also, Thüringer, Rostbrätl, Bier usw. Gehe stark davon aus, dass du im Sept. bereits locker Nordspanien erreicht hast und wir den Grill anwerfen? BESTE GRÜSSE, Karin, Mic und natürlich Einauge Cleo

WildeHildeStrampel dich den ganzen Tag ab und die Augen finden den Klappmechanismus ganz von alleine. 🤓 Außerdem finde ich, dass man sich doch daran gewöhnt. Kann ich für mich zumindest sagen.
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- Day 4
- Thursday, July 10, 2025 at 9:53 PM
- ☁️ 12 °C
- Altitude: 55 m
NorwayKåfjord69°38’43” N 20°27’54” E
10. Juli

Am Morgen circa um acht marschiert eine Gruppe von 10-15 Leuten in neon-grünen Anzügen vorbei, angeführt scheinbar von einem Guide, der was erklärt. Ich wundere mich bei alldem Gesabbel, dass die Touristen, die normalerweise für irgendwelche Safaris auf Schnellbooten rausgefahren werden, jetzt tatsächlich hier zu Fuß umherlaufen. Tun Sie natürlich nicht, wie ich gute 10 Minuten später feststellen darf. Es ist die grüne Abteilung des Bauhofs, die mit allem, was in irgendeiner Form Krach machen kann und dem Grasschnitt dient, hier angerückt ist. Gut, dass ich gleich aufgestanden bin und begonnen habe, mein Zeug zusammen zu packen. Auf einer der Bänke möchte ich frühstücken, aber es ist so ein lautes Geknatter und Getöse, dass ich mich doch mit dem Fahrrad noch ein Stück weiter auf eine recht windige Bank verziehe. Das Wetter hat sich toll gehalten, es ist zwar bewölkt, aber trocken, also ideales Reisewetter. Bevor ich die Telegrafbukta endgültig gegen halb elf verlasse, gibt es noch eine umfangreiche Wäsche in dem tollen Sanitärgebäude. Naja, so endgültig verlassen geht dann doch nicht so schnell, denn wenige Meter von hier entfernt treffe ich beim Losfahren auf das Umberto Nobile-Denkmal. Ich bin ganz fasziniert, habe ich doch vor gut drei Wochen gerade den Film „Das rote Zelt“ gesehen, in dem die von ihm geführte und auf dem Rückweg verunglückte Nordpol-Expedition im Luftschiff „Italia“ sowie die folgende Rettungsaktion erzählt wird. Natürlich war das auch gestern eins der Themen im Museum. Heute mache ich beim Fahren mal das Licht aus und werde dafür die Powerbank am usb-Outlet anschließen. Will doch mal sehen, wieviel vom Nabendynamo so rumkommt, denn langsam gehen meine Akkureserven dem Ende entgegen. Es geht noch einmal durch die Stadt am Hafen entlang und dann über die große Tromsøbrua runter von der Insel. Die Straße steuert hier genau auf die Eismeerkathedrale zu, die ich mir ohnehin zumindest von außen mal ansehen will. Als ich den kleinen Berg hochgeradelt komm spricht mich Carl Henrik an. Er ist von meinem Fahrrad etwas begeistert, da er selbst oft in dieser Art unterwegs ist. Ein Deutscher, der hier in Tromsø lebt und mir direkt Dusche oder Unterkunft anbietet, wenn ich mal wieder hier bin. Dann muss er sich aber auch schon direkt wieder um seine asiatische Reisegruppe kümmern, er hat einen ganzen Bus voll zu dirigieren. Das ist schlimmer als einen Sack voll Flöhe zu hüten. Nach der Kathedrale ein letzter Blick nochmal rüber zur Stadt und dann geht es ländlich raus am Balsfjorden entlang. Es sind hier immer mal wieder kleinere landwirtschaftliche Anwesen oder Gehöfte mit diesen schönen alten Scheunen dabei. Gegen eins habe ich mich vom Fjord entfernt und auf einen kleineren Pass hochgearbeitet, ein guter Zeitpunkt für die erste Pause. Nach der geht es dann auf der E8 weiter, eine Fernstraße mit entsprechend viel Verkehr. Eine große Freude ist das nicht und ich hoffe einfach mal, dass es nicht allzu lange so läuft. Meine Abzweigung am Ende des Fjords verpasse ich, wohl weil ich so sehr nach der Brückenbaustelle geguckt habe und merke es erst sechs Kilometer später, werde aber belohnt mit Unmengen von Lupinen am Straßenrand. Eine andere Bikerin, die mir auf meinem Rückweg zum EV1 entgegenkommt, hat scheinbar die selbe Sehstärke in ihrer Filzbrille. Ich stoppe sie und mache sie auf ihren kleinen Fehler aufmerksam. Wieder zurück am Weg geht es weg vom Fjord rüber zur Sandbukta durch ein langgezogenes Hochtal, das zu beiden Seiten von Bergen gesäumt ist. Scheinbar war gerade zur Eiszeit die Stunde zu Ende, sonst wäre es mit ein bisschen gutem Willen auch ein etwas tieferes Tal geworden, das heute ein Fjord wäre. Es fährt sich wunderbar ohne große Steigung und auf einmal sehe ich da was für ein Schild am Straßenrand? Zur EISCAT Station links ab. Wow, da muss ich natürlich sofort hin und arbeite mich über einen staubigen Feldweg bis zu dieser gigantischen Anlage. Die Warnung vor „Radiation Hazard“ ist da schnell überlesen. EISCAT ist nicht etwa ein Anbieter von leckerem Softeis, sondern eine Forschungsvereinigung, die hier hoch im Norden bis hin nach Spitzbergen einige Radarstationen zur Erforschung der Ionosphäre und Magnetosphäre betreibt. Schon in Kiruna habe ich davon gelesen und dass sie Forschungen im All, unter anderem zu Polarlichtern betreiben. Während ich stehe und alles inspiziere, fällt eine Schar Moskitos über mich her, so dass ich in kürzester Zeit lange Jacke und Hose überziehe. Grundsätzlich ist es ja hier an der Küste entlang ziemlich gut mit Mücken, lediglich die Knots sind abends oftmals nervig. Noch ein Stück weiter auf dem Feldweg sehe ich vom Berg herunter einen brachialen Wasserfall, den ich gern für ein Bad nutzen würde, leider endet der Weg noch in so großer Entfernung, dass es mir nicht wert ist, dorthin zu laufen. Zurück auf der Straße, die auch deutlich entspannter ist als die E8 vorhin zieht es sich weiter sehr elegant sanft auf und ab und je weiter die Uhr Richtung vier schreitet, desto stärker sehe ich spitze schroffe Berge im Voraus, das muss der Ullsfjorden sein, wo ich hin will. Da stehen sie spitz an spitz wie zur Parade und empfangen mich, die Einladung wird noch unterstrichen durch eine lange Abfahrt runter auf Seehöhe. Am Fährkai in Breivikeidet sehe ich, dass noch fast eine Stunde Zeit ist, bis die nächste abfährt und so ist es jetzt um kurz nach vier allerbeste, aber auch allerhöchste Zeit zur Mittagspause. Am Molenkopf sitzt es sich wunderbar mit dem Blick über den Fjord und die von drüben kommende Elektrofähre. Die 20 Minuten Übersetzen nach Svensby sind schnell getan, von hier sind es noch 22 km bis zur nächsten Fähre. Bis dahin geht es auch relativ simpel zu fahren immer zwischen rechts und links aufragenden Bergen hindurch. Die wirken hier dank ihrer Schroffheit irgendwie höher als in den letzten Tagen. Nach Lyngseidet rollt es sich wieder rasant ab Richtung Fjord, hier suche ich erst mal den Supermarkt auf. Denk gerade noch darüber nach, ob ich die Fähre hier heut noch nehme oder mich doch zur Ruhe bette. Immerhin ist es schon halb acht, aber die Fähre liegt schon am Kai und wird erst in 20 Minuten abfahren, so dass ich meinen Einkauf noch in Ruhe zu Ende bringen kann. Gedacht, getan, lege ich um zehn vor acht mit ab, um in gut 40 Minuten nach Dálusvággi rüberzumachen. Was der Bengel aber vergessen hat, ist das Wasser. Da ich jetzt irgendwie zum Ende kommen möchte, brauche ich noch Frischwasser und beginne, in diesem kleinen Örtchen zu suchen. Es gibt eine Schule und ein Rathaus, aber nirgends ist ein externer Wasseranschluss und Leute sind ebenfalls nicht zu sehen. Also radel ich etwas weiter und so werden es noch einige Kilometer, bis ich an einem Bach, der von den Bergen runterkommt, frisches Wasser zapfen kann. Kurz danach, obwohl nicht weit von der Straße entfernt, ist zwischen den Bäumen eine Stelle, an der ein paar Wohnmobile und auch schon zwei andere Radler ihren Platz gefunden haben. Wunderschön auf einem Felsen, auf einer Anhöhe über dem Fjord, parke ich mein Zelt. Ich erwarte keinen Sturm, von daher muss als Absicherung ein dicker Stein und meine Packtaschen ausreichen. Nachdem ich mich mit einem Litauer noch etwas unterhalten habe, bereite ich etwas zum Essen zu und verziehe mich angesichts der kleinen Plagegeister, also ich meine die ganz kleinen, ins Zelt, was ich aber die ganze Nacht bis auf das Netz offen lassen kann. Was für eine herrliche Aussicht die ganze Nacht hindurch. Es wird gegen zwei am Morgen sogar noch deutlich klarer, als ich zwischendurch mal wach bin.Read more
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- Day 5
- Friday, July 11, 2025 at 6:41 PM
- ☁️ 16 °C
- Altitude: 8 m
NorwayOksfjordhamn - Aksuvuononhamina69°53’55” N 21°17’24” E
11. Juli

Die Routinen kommen langsam wieder rein, ich stehe um acht bei ziemlich bewölktem Himmel auf. Dieses Wetter ist hier ziemlich normal, schließlich steigen Unmengen von Wasserdampf an der Küste durch den Golfstrom auf. Durch die weite Sicht wirkt der Himmel aber nicht einfach grau in grau, sondern viel schöner. Wie ich seit Anfang der Woche sehe und auch schon während der Lofoten-Tour gemerkt habe, heißt das eben nicht unbedingt, dass es wirklich immer regnet. Als ich mit dem Frühstück fertig bin, fängt es aber mal leicht an zu tröpfeln. Ich bereite mich weiter vor und ziehe mir um kurz vor zehn beim Abfahren zumindest eine leichte Regenjacke über. Nach 10 Minuten werfe ich all das aber wieder ab, weil die wenigen Tropfen, die hier fallen, es nicht wert sind. Es zieht sich weiter auf der E6 entlang am Lyngenfjord, nächstes größeres Ziel ist die Stadt Alta, die ich in den nächsten Tagen erreichen werde. Da es nicht wirklich regnet, schnalle ich heute mein Solar-Panel hinten aufs Rad, da das Laden gestern per Fahrrad-Dynamo über den gesamten Tag nur unerheblich etwas eingebracht hat. Das hatte ich bisher nie wirklich getestet. Bei dem bedeckten Himmel wird wohl auch per Solar nicht so viel reinkommen, aber ich rechne doch mit mehr als gestern. Der Weg verlässt für einige Kilometer mal die E6 und hier und da sind mal kleine Bauernhöfe, eine ganze Reihe Rinder stehen daneben auf einer Kuhweide. Sehr schön anzusehen und ich frage mich, wie wohl eine Augenweide aussehen würde. Ein Phänomen, das mir heute auffällt, sind die Fliegen und auch teilweise Mücken während der Fahrt. Ich hätte nicht erwartet, dass die geflügelten Nervensägen bis 20 KMH mithalten können, dann natürlich auch schamlos meinen Windschatten ausnutzen. Gegen zwölf lass ich mich direkt am Fjord neben einem kleinen Bootshäuschen zur Pause nieder und genieße die Unruhe nicht weit von der E6 am Rotsundet. Der Platz auf einigen großen Steinen ist nur temporär verfügbar, da gerade Ebbe ist, für ein Päuschen wird es aber reichen. Und während ich so vor mich hinsitze, sehe ich gespiegelt im klaren Türkis unten ein himmlisches Blau von oben, das sich hinter mir auftut. Na da sag noch einer was. Auf dem Weg stoppe ich heute immer mal wieder, weil die kleinen Scheunen und Bootshäuschen, oder für was auch immer sie genutzt werden, so reizvoll und hübsch anzusehen sind. Viele ziemlich verfallen, aber gerade die wirken umso romantischer und einladender. Dazu noch hier und da Gestelle, auf denen der Stockfisch getrocknet wird, davon allerdings nicht mehr so sehr viele wie auf den Lofoten zu sehen waren. Habe ich beim Wandern oftmals auf dem Weg oder am Wegesrand klitzekleine Details wahrnehmen können wie die Käfer, so versuche ich jetzt eher, denen das Leben zu lassen und sie nicht zu überrollen. Trotzdem gibt es aber dann und wann Sachen am Weg zu entdecken wie zum Beispiel eben gerade. Da sehe ich oben von der Straße her den rostigen Rest von einem Fahrzeug im Fjord. Es ist auch nur jetzt während der Ebbe zu sehen und so muss ich darunter steigen und es mir genauer betrachten. Ja, tatsächlich ist es ein kompletter Motor mit Getriebe samt Rädern, die im Kies zwischen den Seealgen liegen und tagein, tagaus vor sich hinrosten. Ob es etwas modernes oder vielleicht auch noch aus dem Krieg ist, kann ich mit meinem Halbwissen aber nicht gut beurteilen. Aber ich denke, mit etwas WD40 dran ist der schnell wieder flott. Kurz darauf wendet sich die Straße weg vom Fjord und es geht einen längeren Anstieg hinauf auf einen Tunnel zu. Der ist mit viereinhalb Kilometern Länge angegeben und ich sehe schon von weitem, dass die Durchfahrt für Radfahrer nicht gestattet ist. Es gibt also einen Weg über den Pass außenherum, der stattdessen sieben Kilometer lang ist. Aber in der Regel ist ja nur die eine Hälfte Aufstieg und die andere dafür Schussfahrt. Ausserdem, was würde ich alles verpassen, führe ich jetzt durch diese schwarze Röhre? Die wunderbare Aussicht, die gar nicht so steile Straße mit ihren Serpentinen, der Blick rüber auf die Berge und den Fjord… Und noch bevor ich es erwarte, habe ich nach einer guten halben Stunde die Spitze erreicht. Als Belohnung wartet wieder einmal ein klarer Bergsee, an dem sogar ausdrücklich ein Schild angebracht ist, dass es Trinkwasser ist. Der gereicht mir einerseits für ein kühles Bad, aber als ich gerade aus dem Wasser steigen will auch für eine Slapstickeinlage: Ich trage den ganzen Tag Crocks, mit denen ich auch schwimmen gehe, um im Wasser sicher zu stehen. Der Untergrund ist beim Aussteigen allerdings an einigen Stellen so pampig und sumpfig, dass einer der Schuhe stecken bleibt und nicht wieder hochkommt. Der ganze Untergrund ist aufgewühlt, ich sehe keinen Zentimeter tief in das Wasser rein und steh jetzt hier umringt von 1 Million Fliegen und Pferdebremsen. Da bleibt mir nichts, als zu warten und als das Wasser sich wieder aufgeklärt hat, sehe ich wieder durch bis auf den Grund und habe in Kürze auch den Schuh gefunden, stecke aber just in dem Moment mit dem anderen für kurze Zeit fest. Dieses Mal lass ich mir den aber nicht ausziehen. Es ist um zwei rum und nach so einem Bad beste Zeit, bei arktischen 29° in der Sonne die Mittagspause zu halten. Neben mir eine junge Norwegerin mit ihrem Großvater. Sie bauen einen kleinen Dreibeingrill auf, den sie scheinbar eben erst gekauft haben und wir unterhalten uns ein bisschen. Als ich gerade losfahren will, kommen von der anderen Seite gerade zwei radelnde Kanadier den Pass hoch. Sie sind auf dem Weg nach Sizilien, sehr angenehme Leute. Jetzt aber los, gut 4 km rasant abwärts zum Nordkjosen. Bei der Einfahrt in Sørkjosen blicke ich über den kleinen Hafen und sehe direkt dahinter, wie an einem Schiff beladen wird. Das sehe ich mir erst mal aus der Nähe an. Es scheint, als würde hier Futter für die vielen vielen Fischzuchtanlagen im Meer verladen. Ein Teleskoplader schafft immer gleichzeitig vier auf der großen Fläche aufstellte BigPacks bis ans Schiff, ein obendrauf montierter Bagger nimmt sie hoch und lässt den Inhalt in den Bauch des Schiffes rieseln. Wenige Minuten später komme ich nach Storslett und überquere den Reisaelva, der hier ins Meer mündet. Oh, da klingelt bei mir was: ich bin am Ende des Reisadalen, nur 60 km von hier bin ich letztes Jahr am 21. September so aufwändig durch die Schlucht runter ins Tal zum Fluss abgestiegen und ihm dann stromaufwärts für eine Zeit gefolgt. Der Ort hier ist schon etwas größer, es sind eine Reihe von Läden. In einem davon steige ich für eine Pause und ein Eis ab. Gegen vier lasse ich Storslett hinter mir und ziehe auf der E6 weiter. Es rollt einfach toll und da ich um fünf rum hinter mir in den Bergen sehe, dass sich da scheinbar wettermäßig was zusammenbraut, frage ich eine halbe Stunde später an einem Haus nahe der Straße nach Trinkwasser, weil ich demnächst den Tag beenden möchte und das Zelt möglichst aufgebaut ist, wenn der Regen hier ist. Sehr freundlich bekomme ich nicht nur das Wasser, sondern auch angeboten, mich auf dem Grundstück zu platzieren, was ich auch nach einem längeren Plausch auf der Terrasse beginne. Es zieht sich jetzt auch hier rum mehr mehr zu und so stelle ich gegen sechs die Wohnung neben der Scheune bereit, der Muli ist in der selben untergestellt. Während ich mir draußen das Essen zubereite, beginnt es tatsächlich zu tröpfeln und nachdem ich alles unters Zelt geschafft habe, war es das auch mit dem Regen. Diese Art der kleinen Prüfungen ist mir inzwischen wohl bekannt. Innerhalb recht kurzer Zeit sehe ich schon in der Entfernung in den Bergen, wie es aufklart und ein dramatisches Panorama mit der durchscheinenden Sonne ergibt. Das lässt mich nach dem Essen noch mal schnell runterhasten bis an den Fjord, weil ich von dort aus einen freien Blick auf dieses Schauspiel habe. Ein schöner Tag klingt aus mit einem schönen Abend.Read more
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- Day 6
- Saturday, July 12, 2025 at 9:32 PM
- ☁️ 14 °C
- Altitude: 3 m
NorwayAlta70°3’21” N 22°23’45” E
12. Juli

Der Tag beginnt um Mitternacht. Das geht den Menschen wie den Leuten, allerdings macht die Helligkeit und eine gewisse Geräuschkulisse doch irgendwas anders heute. In dieser Nacht, in der ich gute 2 km vom Ende des Oksfjorden entfernt liege, platscht es immer wieder aufeinanderfolgend laut und ich denke so bei mir: „Es war kein Boot zu hören und irgendwie ist auch nicht die Zeit für ins Wasser zu springen.“ Denn genau nach Arschbomben vom Dreier hört sich das an, was ich höre. Vielleicht 8-10 mal recht schnell hintereinander, dann ist wieder Ruhe. Nach einer guten Viertelstunde höre ich es wieder und raffe mich aus dem Zelt raus, um nachzusehen. Und da sehe ich einen recht großen Fisch, der immer wieder in Vorwärts-Richtung springt. Dass Fische nach Mücken schnappend aus dem Wasser springen ist mir nicht so neu, aber in der Größe habe ich es noch nie gesehen und immer wieder hintereinander. Das Schauspiel ist auch schon wieder vorbei und ich lege mich doch mit ein bis zwei Fragezeichen auf der Denkerstirn wieder hin. Eine Viertelstunde später beginnt es wieder, diesmal bin ich etwas schneller draußen und was müssen meine müden Augen da sehen? Es sind Delfine, die da immer wieder springen. Sie waren bis zum Ende des Fjords und sind jetzt wieder umgekehrt. Ich stehe noch eine Weile und sehe ihnen nach, weil auch ohne die Sprünge immer mal wieder der Rücken aus dem Wasser taucht und aus der Schlaftrunkenheit ist totale Verzückung geworden. Husch, jetzt aber wieder ab in die Koje. Am Morgen stehe ich erst gegen neun auf, frühstücke draußen und dusche drinnen. Am Ende halte ich mit Wenche und Oddbjörn noch einen Schwatz, so wird es fast halb zwölf, bis ich loskomme. Die lieben Leutchen hatten sich angeboten, mich mit dem Auto auf den Pass hochzubringen, waren sich ziemlich sicher, ich würde Stunden für den Aufstieg brauchen. Vielen Dank Euch beiden für die Gastfreundschaft. Tatsächlich ist der eigentliche Aufstieg, der sich sogar recht moderat anfühlt, in genau einer Stunde getan. So sitze ich um Dreiviertel eins am Kvænangsfjellet auf 401 Metern Höhe, freue mich, dass die beiden Tunnel durch die Berge für Radler gesperrt sind und nachdem ich Wasserfälle, hohe Schneezäune und Schneefelder passiert habe, eine Aussicht kilometerweit über den Kvænangen-Fjord und rundum in die Berge habe. Gerade eben noch ist ein ganzer Convoy von mindestens zehn Trucks von Hugo‘s Tivoli entgegengekommen, das ist das größte Wanderkirmesunternehmen hier im hohen Norden. Also auf zur Kirmes! Die doch etwas längere Pause ganz hier oben ist natürlich obligatorisch, schließlich brauche ich Zeit, um all diese Schönheit rundherum wirklich zu sehen. Das ganze bei teils bewölktem, teils blauem Himmel ist natürlich traumhaft. Ich komme auf der Höhe noch an einem Gasthaus vorbei, das allerdings geschlossen ist und ab dann startet die längste Abfahrt, die ich bisher hatte. Glücklicherweise die Windjacke vorher noch übergezogen, denn es zieht sich von hier an nun gute 10 km bei 40-50 KMH runter zum Badderfjorden. In Sørstraumen gehe ich kurz in den Supermarkt und bediene mich an der Gruschkiste zweier Bananen, so wie ich sie liebe im reifen Braunkohle-Look, und einem gerade abgelaufenen Quark, beides zum halben Preis. Wer die Preise in Norwegen kennt, versteht das. Das ganze gleich draußen auf der Holzbank vertilgt lässt mich wieder etwas aufgezuckert weiterreiten. Kaum 1 km weiter komme ich über die Sørstraumen bru, die den 300 Meter breiten Sund in den dahinter liegenden Sørfjorden überspannt. Hier ist gerade dank der Flut ein Naturschauspiel zu beobachten, dass ich schon nahe Bodø am Saltstraumen in Vollendung sehen konnte. Der enge Durchlass macht durch die Unmengen von Wasser, die Ebbe & Flut hin und her spülen, eine heftige Strömung wie in einem Fluss, die von starken Strudeln begleitet ist. Hier nicht so stark ausgeprägt, aber trotzdem sehenswert. Gegen vier, es zieht sich gerade wieder über eine Anhöhe rüber zum Burfjord komme ich zum wievielten Male an einem alten Zetor vorbei. Treckerfreunde aufgemerkt! Das ist das Modell aus Brno in der früheren ČSSR, das auch bei uns in der heutigen DDR weit verbreitet war. Ich sehe diese Traktoren in recht gutem Zustand gefühlt auf jedem dritten Hof hier. Und dachte immer, dass es die nur im Ostblock gab. Den deutlichen immer wiederkehrenden Hinweisschildern auf Rentiere und Elche tun dieselben heute tatsächlich mal Genüge. Nachdem ich vorhin ein Rentier direkt auf der Straße hatte, sehe ich nach der Abfahrt vom letzten kleineren Pass in einem weitflächigen Sumpfland vier total entspannte Elche. Es ist in einiger Entfernung zur Straße, genau das lässt sie wohl so ruhig dastehen. Gegen halb sechs bin ich gerade in Burfjord aus dem Supermarkt raus, um für morgen etwas Futter nachzulegen, da treffe ich auf Linus. Ein junger Schwarzwälder, dem ich gestern schon dreimal begegnet bin und der mit seinem selbstgebauten Rad ebenso auf dem Weg zum Nordkap ist wie ich. Wir unterhalten uns eine gute Stunde, dann breche ich noch mal auf, unwissend, wie weit ich überhaupt noch fahren will. Was ich bis dahin noch nicht weiß, ich habe noch einen längeren Anstieg rüber zum Langfjorden vor mir, der zwar in der Höhe gar nicht so gewaltig ist, sich aber für mich ewig zieht und viel schwieriger anfühlt als der morgendliche Pass. Wird wohl sicher der fortgeschrittenen Zeit geschuldet sein. Von oben her wirkt es seit dem späten Nachmittag, als wolle es nun doch gleich regnen, aber die paar Tropfen, die ich abkriege, sind wohl nur Petrus’ens Schweiß. Auch an diesem Fjord zieht es sich für mich noch ziemlich lange hin, gescheite Plätze sind rar, da neben der Straße meistens nur ein paar Meter bis zum Wasser sind. Zu steil, zu steinig, Privatgelände oder was auch immer dagegen spricht. Aber um neun, da habe ich genau an einem kleinen Leuchtturm den Platz gefunden. Oben an der Straße 2 Wohnmobile und nach einer kleinen steilen Böschung ein flacher Platz direkt unten am Wasser, den vor mir wohl auch schon viele andere zum Zelten genutzt haben. Perfekt, hier bleibe ich und werde wahrscheinlich auch morgen den Ruhetag halten.Read more

TravelerEs liest sich wie ein schönes Buch. 😌 Ich dachte du fängst den Fisch noch?! 😜 Wieder richtig schöne Bilder. Bei deinem Gepäck am Fahrrad würde ich allerdings jedesmal fluchen. Ganz liebe Grüße von der Kirmes aus Geisleden….gerade bei Kaffee und Kuchen bei Mama und Papa. 🍀🙌

WildeHildeNa klar. Handgefangener Delfin abends im Pfännchen. Wer träumt da nicht von. 😅
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- Day 7
- Sunday, July 13, 2025 at 9:44 PM
- ☁️ 12 °C
- Altitude: 3 m
NorwayAlta70°3’21” N 22°23’43” E
13. Juli

Sonntag, der dreizehnte. Da bleibt man doch besser gleich liegen. Oder verwechsle ich da wieder was? Egal, ich bleibe liegen, weil heute Ruhetag ist. Auch wenn die Sonne die ganze Zeit nicht untergeht, ist sie doch am Morgen deutlich wärmer als in den Nachtstunden. Das merke ich in meinem Wasserschloss hier recht deutlich und so bin ich um neun dann doch aus den Federn und genieße draußen bei heftig starkem, aber gefühlt spanisch heißem Wind, das Frühstück. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und schiebt Unmengen von feinsten Wolkenmustern durch zur stillen Betrachtung. Zur Messe kann ich heute nicht gehen, die Kirche ist anderthalb Kilometer gegenüber auf der anderen Fjordseite. Aber in den Windschatten des kleinen Leuchtturms setz ich mich und danke dem Universum für dieses ganze Glück. Gestern abend habe ich ja schon vorschriftsmäßig die Sturmleinen gesetzt, auch wenn es da nicht notwendig war. Heute ist es das definitiv. Richtung Mittag nimmt der Wind immer noch mehr zu und ich binde sogar mein Fahrrad an, dass es nicht umeinander fliegt. Die kleine Trutzburg aber steht da, als gehörte sie zum Atlantikwall. Den Tag verbringe ich heute mit kleineren Wartungen, Frickeleien und Verbesserungen rund um den rollenden Sherpa. Ein paar Meter am Kiesstrand entlang zu wandern lässt mich so viele kleine neue Dinge entdecken. Da sind zum Beispiel die Quallen, die nicht so typisch flach, sondern eher wie eine Aubergine aussehen, obendrein sogar auch leicht lila. Oder der Stein mit den roten Feuerwehrspinnen. Wie sonst sollen die heißen, wenn sie so aussehen und rumrennen? Oder der Schnee-Enzian, der gerade so kräftig blau blüht. Da kann man einen ganzen Tag sehr schön mit rumkriegen. Einzig die Blüten der Sal-Weiden, die hier überall stehen, sind mir schon die ganzen Tage, heute aber besonders, wie ein Dorn im Auge. Manchmal denke ich, es schneit, so viel von dem Zeug fliegt rum und landet dementsprechend in den Augen. Da wird auf Dauer dann auch eine Filzbrille draus. Gegen vier entsinne ich mich auf eine alte Bauernregel: Nach dem stetig Wasserlassen sollst wieder du auch Wasser fassen. Ich schnalle alles, was ich an Behältern habe, ans Rad, das sonst ja grad ohne jegliche Gewichte ist und radele einen guten Kilometer bis zum Wasserfall. So blank fühlt sich das Fahren für mich nur zappelig und wackelig an. Ich will meine Packtaschen wiederhaben! Gegen halb sieben gibt es eine kräftige Mahlzeit, die ich mir noch draußen zubereite. Da der Wind aber seit um sechs recht schlagartig aufgehört hat, das Blutspendekommando wie auf Befehl wieder ausgerückt ist, verzieh‘ ich mich dann langsam ins Zelt und betrachte diese schöne Welt etwas kleinkariert.Read more
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- Day 8
- Monday, July 14, 2025 at 11:24 PM
- ⛅ 13 °C
- Altitude: 6 m
NorwayAlta69°58’51” N 23°27’36” E
14. Juli

Der Tag beginnt von ganz allein, mein Zutun braucht es nicht. Klärchen wärmt mich ab halb acht so sehr, dass ich erst etwas unwillig, aber dank eines strahlend blauen Himmels dann doch recht flott aufstehe. Schöner kann es nicht beginnen. Der Wind hat komplett gedreht, kommt heute leicht aus Richtung Ost Und nachdem ich Sack und Pack zusammen und einzeln den kleinen Hügel hoch zum Leuchtturm geschleppt habe, halte ich dort auch Frühstück und reise gegen halb zehn los. Die Sonne brennt geradezu. Ich mache mich frei, soweit es irgend geht und erfreue mich am Azur, den immer weiter ausladenden Fjorden und den so hell leuchtenden Bergen. Hier ein Päuschen, da noch mal das Solarpanel etwas besser montiert und schon ist es elf und ich durchfahre den ersten Tunnel, viereinhalb Kilometer lang und Gott sei Dank nur auf den ersten paar 100 m leicht ansteigend. Dann kann ich diese kalte und extrem laute Umgebung mit gut 25 KMH durchsausen. Die Pausen zwischendurch machen natürlich, dass man den einen oder anderen Radler immer mal wieder trifft und sich gegenseitig überholt. Üblicherweise mit freundlichen Gesten zum Gruße. Eine Dame im gesetzteren Alter, mir vorhin schon einmal durch einen recht griesgrämigen Blick und keinerlei Gruß aufgefallen, ist jetzt gerade direkt vor mir an einem Hügel, an dem ich sie gleich zum zweiten Mal überholen möchte. Sie springt von ihrem Rad ab und faucht mich an: „Na das kann ich ja mal leiden. Fahr ma‘ weiter!“ Okeeeeeee. Das hatte ich eh vor. Was halt jeder so für Leidenschaften hat... Gegen halb eins habe ich das Dörfchen Talvik gerade passiert und komme kurz danach unweit des Fjords an einen Fluss, der dort rein strömt. Hier muss ich unbedingt anhalten und diese schöne Kombination aus süß und salzig für eine gute halbe Stunde genießen. Es sind nur noch 40 km bis Alta und Zeit habe ich ja eh bis zur Dunkelheit. Durch einen Tunnel erreiche ich den Altafjord, an dem es sich wunderbar entlang zieht bis zum Kåfjord. Ich kann in einiger Entfernung auf der anderen Seite schon Alta sehen. Die große Brücke, die diesen Fjord überspannt, ist imposant, aber für Radler gesperrt. Und so geht der Weg über den Ort Kåfjord, in dem es, wie ich jetzt erst sehe, ein Tirpitz-Museum gibt. Gute anderthalb Stunden sehe ich mir diese Ausstellung über die „Einsame Königin“ an, die umfangreich und höchst interessant ist. Hintergrund für das Museum hier ist die Tatsache, dass das Kriegsschiff den größten Teil seiner relativ kurzen Lebenszeit hier gelegen hat. Nach einer recht späten Mittagspause im Anschluss treffe ich Kurt, einen reisenden Österreicher, der sich für mein Fahrrad interessiert. Wir unterhalten uns eine Weile, ein sehr angenehmer Kontakt. Die Straße zieht sich ziemlich bis um das Ende des Kåfjord herum und ist auch noch mal mit einigen ordentlichen Steigungen gespickt, dafür natürlich auch mit wunderschönen Aussichten. So wird es sechs, bis ich Alta erreiche, wo ich mich gute 2 Stunden aufhalte und unter anderem die Nordlicht-Kathedrale ansehe, aber auch noch zwei Supermärkte abklappere. In einem davon gibt es für einen wirklich guten Preis Dorschfilet. Da ich ihn nicht kühlen kann und es der bisher heißeste Tag auf dieser Tour war, sehe ich zu, dass ich am Flughafen entlang aus der Stadt herauskomme. Als Ziel habe ich mir den Lathari-Beach ausgedruckt, hier ist es wunderschön, es geht einigermaßen Wind und nachdem ich gegen halb zehn gegessen und mit ein paar Locals gequatscht habe, bin ich dann fast um Mitternacht soweit, mich hinzulegen.Read more
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- Day 9
- Tuesday, July 15, 2025 at 6:38 PM
- ☀️ 13 °C
- Altitude: 115 m
NorwayHammerfest70°22’33” N 24°24’27” E
15. Juli

Der kräftige Wind, der sich in der Nacht gelegt hatte, ist heute am Morgen wieder da, begleitet von dunklen Wolken, die mich recht spät um halb neun beim Aufstehen doch die lange Hose anziehen lassen. Die Zeit beim Frühstück auf einer der hier rumstehenden Holzbänke reicht aber schon aus, all das nochmal klarzustellen im Sinne von strahlende Sonne, blauer Himmel, null Wolken. Schließlich ist jetzt ab Alta der EV1 auch gleichzeitig der EV7, the Sun route. Da kann‘s ja nur schön sein. Gegen halb elf ist Abfahrt, mir steht heute ein etwas anderer Tag bevor. Die E6 zieht sich weg vom Meer Richtung Inland über die Berge, d.h. über eine recht lange Strecke, wohl 20-30 km, wird es nur bergauf gehen. Und so habe ich nach einer guten Dreiviertelstunde das Ende des Altafjords in seichtem Gelände erreicht, und es heißt von nun an klettern. Just an dem Punkt, wo die Steigung beginnt, treffe ich auf einen Norweger, der auch gerade hochmachen will und mir von seiner nicht wirklich optimalen Schaltung am Fahrrad erzählt, die gerade für die Steigungen keine niedrigen Gänge hat. Er ist nicht der erste, von dem ich das höre, umso mehr lob ich mir mein Rohloff-Getriebe, in dem ich 14 echte Gänge habe und mit dem verbauten Kettenrad und Ritzel eine super Abstimmung auch für dieses Gelände. Bei schnellen Abfahrten ist natürlich dann irgendwann Schluss, aber ich habe ja ausdrücklich auch kein Rennrad, sondern einen Lastesel. Der übrigens in 2017 in Österreich bei der Firma Simplon aus Aluminium als Reiserad gebaut wurde, als es auch noch unelektrische Fahrräder gab. Mit diversen Modifizierungen habe ich meinen Muli heute in diesem Status, wo er sicher nicht der leichteste ist, aber das hatten wir ja schon. Gegen zwölf habe ich den Bergsee Nippivannet auf 250 moh erreicht, leider kann ich hier nicht wie gewünscht baden, da der Grund zu pampig ist. Ich erhoffe mir später eine bessere Gelegenheit. Nicht sehr weit danach stürzt sich ein wunderschöner Bach tollkühn ins Tal, er ist mehr oder weniger nah an der Straße entlang, oder sie an ihm. Für einige Kilometer geht die Straße jetzt relativ steil abwärts, es wären durchaus 40 KMH drin, wäre nicht dieser kräftige Gegenwind, sodass ich nachhelfen muss, um überhaupt mit 20 den Berg runterzukommen. Lohn für diese Mühe ist dann aber der Leirbotnvannet, in den der Gebirgsbach fließt. Hier gibt es auch sogleich eine schöne Stelle, an der ich alles von mir werfe und erst mal bade. Nach einer Pause auf dem schwimmenden Holzsteg ziehe ich um eins weiter am See entlang und dann geht es auch wieder aufwärts. Schon ganz ordentlich, aber immer noch so, dass ich nicht schieben muss oder es mir irgendwie zu viel wird. Das Ganze ist wohl auch etwas durch den Rückenwind begünstigt, den ich jetzt habe. Ich arbeite mich Stück für Stück hoch, an Rentierzäunen und Sami-Siedlungen entlang habe ich nach gut anderthalb Stunden das Hochplateau auf 385 moh erreicht. Was mich jetzt erwartet, ist ein absolutes Novum, das ich niemals bisher so erlebt habe. Die Straße zieht sich in diesem Hochtal kilometerweit ziemlich eben mit kleinen Steigungen oder Gefällen entlang. Der Blick durch diese Landschaft ist immens weit und was mich völlig in Ekstase bringt, ist der Wind. Teils mit über 40 KMH in der ebenen Fläche fliege ich über‘s Land und kann gar nicht fassen, was da passiert. Nachdem noch einmal ein Anstieg kommt, der aber dank dieser vortrefflichen Nachhilfe ein Klacks ist, treffe ich auf dem höchsten Punkt zwei junge Holländer, ebenso wie ich auf dem Rad unterwegs. Wir schnacken ein wenig und während sie weiterfliegen, in der Angst, der Wind könnte drehen, lasse ich mich an einer der Sami-Hütten nieder. Das muss gefeiert werden! Dem Gefühl nach müsste es jetzt Geflügel geben, ich habe von gestern aber noch sechs Pfannkuchen in der Tasche, die es eh nicht ewig lange aushalten in dieser Hitze und so mache ich den Brenner bereit, freue mich darauf, sie mit Erdbeermarmelade und Honig zu naschen. Der Wind ist so heftig, dass ich sie kaum wirklich warm bekomme, weil die jeweils von der Pfanne abwendete Seite wieder kalt ist, ehe die andere heiß. Spielt aber hier überhaupt keine Rolle, weil mich jetzt gerade eh nichts ärgern kann. Das Fest ist um halb vier aus, der Wind hat bis dahin noch nicht gedreht und ich sattel wieder auf. Ziehe weiter auf diesem unendlich langen Hochplateau. Die nächste Viertelstunde wird weiter so rasant, wie es vorhin aufgehört hat. Ich bin kaum mal unter 40, an einem ganz leichten Gefälle pusht es mich sogar auf über 60 KMH. Das ist soo unglaublich toll. Aber irgendwann ist es vorbei, sonst wäre es ja nichts besonderes, wenn es ewig so ginge. Damit es nicht langweilig wird, spielen wir einfach ein neues Spiel, das da heißt: Seitenwind. Auch das ist in der heftigen Art neu für mich und so hänge ich recht schräg mit dem ganzen Fahrrad über dem Asphalt, den Motorradfahrern geht es ziemlich ähnlich. Immer wenn größere Fahrzeuge an mir vorbeifahren, egal in welcher Richtung, unterbrechen sie kurz den Seitenwind, so dass ich ganz ordentliche Ausfallschritte, hier heißt es ja eher Schlenker hinlege. Das trübt die Freude aber in keinster Weise. Es ist ein Himmel, so blau und ohne Wolken, es sind die Berge, in denen ich mich immer so heimisch fühle, es ist einfach großes Glück. Und wie gut, dass ich mich von all den Weissagungen wie Wetterberichten und unnötiger Kartenstudien frei gemacht habe, denn das ewig lange und schwere, dass ich für heute erwartet hatte, liegt schon lange hinter mir und war alles andere als extrem. Stattdessen empfängt mich gegen halb fünf, nachdem ich inzwischen über 50 km hinter mir habe, der Fluss Repparfjordelva, der so breit und sanft in der Sonne glitzert. Am liebsten würde ich sofort hier beenden und mich niederlassen, es ist mir doch aber zu nah am Highway, so dass ich es bei einer Pause mit den Füßen im Wasser belasse und einem Fliegenfischer bei seiner Passion zusehe. Habe ich gestern noch gedacht, dieser Tag wird sicher wenig aufregend, da ich mich von der Küste entferne und nur durch das Inland fahre, so ist der umso schöner, da er mich so sehr mitnimmt. Fjäll, Flüsse, Seen, Sonne, Azur. Schön, dass wirklich jeder Tag ein neues Leben ist. Eine Dreiviertelstunde später raste ich zum nächsten Mal am Fluss ein. Eine Stelle mit besonders schönen Felsformationen, um die sich der Fluss windet, hat mein Interesse geweckt. Das Fahrrad lasse ich auf einem kleinen Schotterplatz bei der Straße stehen und laufe ein Stück durchs Gelände, dann durch den Fluss, solange es die Strömung zulässt. Bin schon ganz wild entschlossen, hier zu übernachten, aber das würde bedeuten, sämtliches Gepäck händisch umher schleppen zu müssen. So bleibt es bei dem kleinen Ausflug und ich rolle noch bis gegen sechs weiter, um dann an einem kleinen abzweigenden Feldweg meine nächste Chance zu suchen. Und ja, ich komme an ein paar Häuser, treffe einen der Bewohner und er empfiehlt mir zwei Stellen nur ein paar Meter entfernt neben ein paar Fischerhäuschen, wo ich es versuchen soll. Recht schnell finde ich meinen Platz und muss hier das Gepäck lediglich einige Meter den Hang runter tragen, wo ich mit dem Rad nicht hinkomme. Hier am Fluss stehen auch wieder Fliegenfischer, die es auf die Lachse abgesehen haben, die vom Fjord hier hochkommen. Und so habe ich am Ende meinen Willen bekommen, heute direkt an diesem rauschenden Fluss ins nächste Leben zu schlafen.Read more
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- Day 10
- Wednesday, July 16, 2025 at 10:22 PM
- ☀️ 10 °C
- Altitude: 15 m
NorwayHammerfest70°36’0” N 23°37’15” E
16. Juli

Ich war die ganze Nacht im Rausch dieses magischen Flusses, an dem ich gegen halb neun erwache und mich vor der Anglerhütte zum Frühstück ausbreite. Während ich das recht lange genieße, träume ich in den Wellen durch das Wasser, dass da so ewig rastlos hastet. Immer weiter und durch nichts aufzuhalten, bis es bald etwas Ruhe findet im Fjord in völlig neuer Umgebung. Salzig und tief und nur der Mond und der Wind bewegen es noch. Gegen zehn schaffe ich meinen Klump wieder die paar Stufen hoch zum Weg und starte kurz danach. Es ist heute wieder Sonnenschein mit blauem Himmel und einigermaßen windig. Für gut 20 km geht es jetzt noch weiter am Fluss entlang, also abwärts Richtung Repparfjorden. Aber was sich so elegant anhört, braucht dann doch deutlich mehr Kraft als gedacht. Der Wind hat sein Spiel von gestern noch nicht ausgespielt und wir drehen die Windrose heute auf Gegenwind. Besonders ab Skaidi, wo ich nach links weg Richtung Westen von der E6 auf die 94 abbiege. Es bläst so kräftig direkt von vorn, dass ich in die niedrigsten Gänge runter muss und teils kaum schneller als ein Fußgänger bin. Der Weg führt mich heute nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt. Die liegt zwar nicht auf der EV-Route, aber ich habe mir am Wochenende überlegt, diese Zeit zu investieren und die gut 60 km pro Richtung zu absolvieren. Kostet mich also je einen Tag hin, einen bleiben und wieder einen zurück bis nach Skaidi. Gegen halb zwölf mache ich eine Pause direkt am Fluss, wo er schon sehr weit wie ein Delta ausgebreitet kurz davor ist, sich gleich in der Klubbucht mit dem Fjord zu treffen. Und da er angesichts der Breite nicht so tief ist, lässt es mir keine Ruhe: Ich muss doch mal da durch. Mit Crocs und der kurzen Hose, die ich eh trage, gehe ich bis zur Mitte eines der Arme, um doch festzustellen, dass die Strömung immens ist. Aber immerhin, wir waren noch mal in direktem Kontakt. Und bleiben in Form von Brackwasser jetzt noch eine Zeit miteinander verbunden, da die Straße sich am Repparfjord entlangzieht. Hier ist deutlich weniger Verkehr, da die Massen doch eher Richtung Nordkap strömen. Was den Wind betrifft, habe ich schnell verstanden, dass er wohl doch den längeren Atem hat und von daher aufgehört, richtig reinzutreten. Ich mache halt langsamer vor mich hin, selbst wenn ich das Tagesziel heute nicht erreiche. Die kleinen Dörfchen mit schmucken Häusern, den vielen Hütten und Bootshäusern auf den kunterbunten Wiesen sind viel zu schön, gerade in diesen hellen Licht, als dass mich irgendetwas stören könnte. An einer dieser schon gut verfallenen Hütten sind ein paar runde Baumscheiben im Gras, auf denen ich gegen halb drei zur Pause sitze. Einziger Wermutstropfen bei aller Fahrerei ist das styroporische Quietschen meiner gefederten Sattelstütze. Schon seit Tagen macht sie bei jeder Pedalumdrehung ein deutlich nerviges Ih-Ih, das insbesondere bei steilen Steigungen durch das schnellere Rotieren durchaus das Potenzial einer Nervensäge hat. Aber irgendwie war ich doch noch nie bereit, mal jemanden nach Kriechöl zu fragen. Zweimal habe ich es mit meinem Kettenöl versucht, das hat mir maximal 2 Stunden Ruhe verschafft. Nichtsdestotrotz geht es quietschvergnügt weiter und gegen drei komme ich an den Kvalsund und die einzige Brücke, die mich sehr windig rüber auf die Insel Kvaløya führt. Den gleich folgenden Tunnel umfahre ich außenrum wunderbar am Meer entlang auf einer einsamen, alten Rappelstraße. Die Sonne sengt, die Hitze steht in der Luft und je weiter ich raus Richtung offenes Meer komme, desto mehr Dunst sehe ich über den gigantisch großen Wasserflächen. Gegen halb vier mache ich noch mal eine längere Pause, versuche mich einerseits der Sonne zu entziehen, andererseits ist dann der Wind im Schatten doch gleich wieder kühl. Ein gutes Stündchen später sitze ich wieder auf dem Bock und beiße mich durch den Wind, teils durch Baustellen, an Pferdekoppeln entlang und immer mal auch mit ein paar Rentieren auf der Straße. Es ist inzwischen gegen sechs, ich nur noch gute 10 km von Hammerfest entfernt und unschlüssig, wohin jetzt. In die Stadt rein habe ich keine Lustvund dieses Fjäll am Meer, das mich hier auf der Insel so unglaublich fasziniert, ruft mich heute irgendwie auf den Berg. Kurzerhand links abgebogen komme ich nach gut 2 km nach Klokkerøy, ein Dörfchen mit wenigen Häusern, einem kleinen Hafen samt Fähre und kleinen, sanften Bergen, die so schön rund und grün sind. Noch während ich dort stehe und vom Hafen ein Foto mache, höre ich auf einmal den Blas von Walen. Und tatsächlich, obwohl hier im Hafen gerade ein neuer Fährkai gebaut wird, tauchen sie mehrere Male auf. Es sind vier Orcas auf Futtersuche. Hundert Meter weiter nach der Baustelle ist ein Anwohner gerade am Rasenmähen, ihn frage ich nach Trinkwasser und wie es aussieht, vorne am Wasser auf den Hügeln das Zelt aufzustellen. Es ist zwar Privatgrund, es spricht aber nichts dagegen und er macht sich auch gleich auf den Weg, meine Flaschen aufzufüllen. Ich lasse die Gelegenheit nicht ungenutzt, ihn auch nach Kriechöl zu fragen und wie selbstverständlich bringt er WD40 mit, so dass ich die Gelenke alle mal ölen kann. Wie erfolgreich das ist, werde ich morgen beim Weiterfahren hören. Habe ich es gestern noch pauschal ausgeschlagen, mein Gepäck zu Fuß irgendwo hinzutragen, ist es heute überhaupt keine Frage, ich raffe alles zusammen und ziehe die gut zwei bis dreihundert Meter auf circa 30 m Höhe. Der Wind ist kräftig, aber das Licht auf die kleine Insel nebenan und der Rundumblick sind einfach fantastisch. Allein Plätze fürs Zelt sind dort, wo ich gern sein möchte, nicht vorhanden. Auf blankem Fels kriege ich es nicht fixiert und weiter zurückversetzt möchte ich nicht liegen. Da das Wetter so toll ist, entscheide ich mich, heute Nacht ganz ohne Überdachung zu schlafen. Die Stelle ist schnell ausgemacht und während ich beginne, gegen acht gerade das Essen vorzubereiten, schaue ich dabei schon immer wieder über den Strømmen südwestlich rüber auf die Insel Seiland. Und wie ich mich allein schon über diesen Platz hier oben so vor mich hin freue, zieht doch tatsächlich die vierköpfige schwarz-weiße Familie draußen Richtung Norden an mir vorbei. Ich kann sie lange beobachten, wie sie zum Atmen immer wieder auftauchen und auch, wie schnell sie doch unterwegs sind. Dafür lasse ich natürlich alles stehen und liegen. Dieser Platz ist so ein Geschenk, schon jetzt ist der Umweg hier raus jeden Meter wert gewesen, selbst wenn ich Hammerfest noch gar nicht erreicht habe. Irgendwann gegen elf lege ich mich dann tatsächlich hin, ziehe alles recht dicht zu, da der Wind seit circa um zehn massiv nachgelassen hat und sich daher doch die eine oder andere Mücke hierher verirrt. Ein wunderbarer Liegeplatz, wie wir Matrosen sagen. Vom Gefühl her einer der schönsten Plätze, an denen ich bisher überhaupt übernachtet habe. Und so habe ich geradezu Angst, einzuschlafen. Angst, etwas zu verpassen und so reiße ich immer wieder die Augen auf, wenn sie mir doch kurz zufallen, weil hier eine Möwe schreit, da noch ein Schiff vorbeifährt oder sonst irgendetwas mich anspricht. Nicht zuletzt ist auch das Licht von hier oben aus ganz intensiv und so wird es ungefähr zwei in der Frühe, bis ich tatsächlich schlafe.Read more
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- Day 11
- Thursday, July 17, 2025 at 11:55 PM
- ☀️ 14 °C
- Altitude: 145 m
NorwayHammerfest70°40’45” N 23°39’12” E
17. Juli

Nach dieser wunderbaren, gleichzeitig aber auch kurzen Nacht stehe ich gegen acht auf, als der Wind wieder deutlich zugenommen hat. Beim Zusammenpacken und auch beim Kaffeetrinken muss ich auf jedes Kleinteil achten, dass es mir nicht auf Nimmerwiedersehen fort fliegt. Trotzdem ist es ein großer Genuss hier oben , bei dem ich auch noch von ein paar Rentieren Besuch bekomme. Eine Kuh mit ihrem Kalb, dass sich unweit von mir direkt ablegt und schläft. Um zehn schaffe ich meine Taschen wieder vom Berg runter und bestücke das Rad, jetzt heißt es doch nach Hammerfest aufzubrechen. Die Rentiere sind hier überall: Auf den Straßen, in den Orten, gerade kommen mir ein paar in der Baustelle entgegen. Der Ort, den ich jetzt vor mir sehe und den ich schon für das Ziel halte, ist es aber nicht. Es ist Rypefjord, eher ein Vorort, der aber einen recht eindrucksvollen Hafen hat. Es ist jetzt gut elf und linkerhand neben der Tankstelle ist eine Autowerkstatt, in der ich gleich mal nach Kriechöl frage, da die Aktion von gestern ohne irgendeinen Änderung geblieben ist. Ein junger Mechaniker sucht eine ganze Weile und gibt mir dann eine Flasche, mit der ich die Gelenke noch einmal schmiere. Und siehe da, ab jetzt ist Ruhe. Hoffentlich hält das recht lange an. Nicht sehr weit danach nehme ich wahr, dass ich den Berg Tyven mit dem Fernsehturm drauf schon passiert habe. Da ich auf den hochsteigen will, parke ich bei einer Firma, die Schneemobil und ATVs vertreibt, mein Rad, packe in meinen Stoffbeutel etwas Wasser und Proviant und schnüre die Wanderschuhe für den Aufstieg. Für den Herrn, der gerade hier rumläuft, ist es überhaupt kein Problem, dass ich das Fahrrad so lange parke. Gegen halb zwölf breche ich auf, die gut 4-5 km da hoch auf 418 moh zu steigen. Es gibt wohl, wie mir der Herr gestern Abend erzählt hat, Treppen an den steilsten Stellen, die aus großen Steinen gebaut ist, die nepalesische Sherpa dort hoch gebracht haben. Es gibt wohl 90 Projekte in Norwegen, bei denen nach diesem Prinzip steile Bergaufstiege für Touristen besser begehbar gemacht wurden. Ich halte von sowas nicht viel, es ist ein Berg und soll auch einer bleiben. Da fehlt nur noch der Krückstockverleih an seinem Fuße. Noch lange bevor ich in die Nähe dieser Treppen komme, biege ich eh nach rechts weg und nehme einfach den direkten steilen Weg Richtung Fernsehturm. Durch große Felsen und Geröll steige ich in gut einer Stunde bis auf die Spitze mit dem untersetzten Betonturm. Von hier aus habe ich einen wunderbaren Ausblick rundherum übers Meer, die umliegenden Inseln, die Stadt Hammerfest und auch das bergige Hinterland. Gut anderthalb Stunden sitze ich in dem wabenförmigen Holzgebäude mit der riesengroßen Panoramascheibe geschützt vor dem heftigen Wind und genieße die Aussicht. Hier oben steht übrigens der nördlichste von 265 geodätischen Punkten des Struve-Bogens, die zur besseren Vermessung der Erdgröße und -oberfläche in den Jahren 1816-1855 vom Schwarzen Meer bis hierher errichtet wurden. Um drei mache ich mich auf den Weg zurück. Hierbei habe ich dann auch ein kurzes Stück auf den Treppenstufen zu absolvieren und es ändert sich nicht: Ich mag sie nicht. Unten angekommen fahre ich nur ein paar Meter weiter an einen kleinen See, in dem es eine schwimmende Holzplattform gibt. Angesichts der Hitze will ich da sofort reinspringen und ein Bad nehmen, der straffe Wind dazu hält mich aber am Ende doch ab und so sitze ich recht lange in einem schattigen Shelter, bevor ich noch ein paar Meter weiter durch den Supermarkt gehe. Alles in allem ist es inzwischen sechs geworden und ich nähere mich jetzt weiter langsam der Stadt. Gegen sieben habe ich den Hafen und damit den Kern der nördlichsten Stadt der Welt erreicht. Es ist Musik und eine Menge Fressbuden stehen umher. Hier und an verschiedenen Stellen sehe ich, wie Bühnen aufgebaut werden. Ich befrage einen der Ordner und der erzählt mir, dass diese Woche Festwoche ist, weil die Stadt, die 1789 das Stadtrecht erhielt, so wie jedes Jahr Geburtstag feiert. Der Tag ist für mich fast rum, Eintritt für eine Musikveranstaltung zu zahlen habe ich keine Lust und einen Platz. Für die Nacht habe ich auch noch nicht. Also genehmige ich mir einen Rider-Burger, ziemlich der leckerste, seit langer Zeit, unterhalte mich eine Zeit lang mit einem Österreicher, der auch radelnd zum Kap will und schleich mich dann vom Acker, während ich mir die Stadt noch etwas ansehen. Richtung Flughafen raus ist es noch mal ein ganz ordentlicher Anstieg, mein Ziel ist der Berg oberhalb des Airports, von dem aus ich eine tolle Sicht über die Stadt, das Flugfeld und auch die Insel Melkøya habe, auf der eine riesige LNG-Produktionsstätte ist. Hier wird über eine 143 km lange Pipeline aus der Barentsee aus Unterwasserbohrinseln Gas hertransportiert, gereinigt, aufbereitet und per Schiff weitertransportiert. Das extrahierte CO2 wird ebenso über eine Pipeline wieder zurück in das Snøhvit-Feld gepumpt und dort unterirdisch wieder eingebracht. Der Weg bis hierher war jetzt schon ziemlich aufwändig, erst auf der Schotterstraße recht steil hoch, dann ein ganzes Stück wirklich über Wanderwege, die für das Fahrrad insbesondere mit diesem Gepäck nicht gemacht sind. Aber schon wieder tragen war dieses Mal keine Option. Da denke ich doch so oft an den Spruch zurück, den ich in meiner Kindheit recht häufig gehört habe: Wer sein Fahrzeug ehrt, der fährt. Wer sein Fahrzeug liebt, der schiebt. Das tue ich dann auch ein ganzes Stück. Da es bei meiner Ankunft hier oben gegen acht ziemlich bewölkt ist, stelle ich zur Vorsicht das Zelt auf, um das nicht eventuell später im Regen machen zu müssen. Nach einer guten Stunde sehe ich, dass das vollkommen überflüssig war, alle Wolken sind verzogen und ich bin mir ganz sicher, dass ich heute Nacht wieder auf der Matte draußen schlafen werde. Und so kann ich von hier oben aus mit einer Dose Bier und Knabbereien noch ein wenig der Feierlichkeit frönen. Wie auch schon gestern Abend ist gegen halb zehn der straffe Wind wie abgestellt und nachdem ich gegen halb elf dem letzten Flieger von hier aus zugesehen habe, ist dann Ende im Gelände.Read more
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- Day 12
- Friday, July 18, 2025 at 8:03 PM
- ☀️ 17 °C
- Altitude: 23 m
NorwayLeaibevuotna - Olderfjord - Leipovuono70°28’55” N 25°4’36” E
18. Juli

Das soll sich mal einer überlegen: Ich bin am 70. Breitengrad, das ist nördlicher als Alaska und Sibirien, schlafe nachts draußen auf der Matte und die Sonne weckt mich um halb fünf mit ihren warmen Strahlen. Es ist mir jetzt doch inzwischen zu warm und obwohl ich noch gar nicht so viele Stunden geschlafen habe, entscheide ich aufzustehen, zusammenzupacken und unten nach der Stadt den kleinen See von gestern aufzusuchen. Gesagt, getan. Ziemlich steil geht es hinab wieder ins zivile Umfeld, nicht ohne noch einen kurzen Stop einzulegen am Meridian-Monument, der Struve-Säule. Schon dabei kommt auf dem Schulhof, über den ich dahin fahre, ein Ren zur Treppe hochgestolpert. Und im Hafen kann ich das große Postschiff gerade noch beim Ablegen aus der Nähe sehen, bevor ich am Frischwasseranschluss des Supermarkts alle meine Flaschen auffülle. Gegen viertel sieben bin ich am See und erfrische mich nicht nur in Form einer Schwimmrunde, sondern wasche mich auch mal wieder lang und breit. Danach geht es gemächlich ans Frühstück in dem Shelter, wo ich schattig sitze, denn die Sonne brennt schon jetzt ohne Erbarmen. Alle tagsüber unbedeckten Stellen meines Körpers bitten ergiebigst um Schonung vor der gelben Glut. Der erste Fußgänger, der mit seinem Hund hier vorbeikommt, spricht mich an, er ist, was auch sonst, ein Deutscher, der seit zwei Jahren hier bei Hammerfest lebt und mit seinem Leben so sehr zufrieden ist. Am Ende sind doch anderthalb Stunden rum, bis er weiterzieht, und ich genehmige mir auch ausreichend Zeit fürs Tagebuch und genieße einfach. Gegen halb elf ist dann, deutlich später, als ich es noch so sehr früh am Morgen gedacht hatte, Aufbruch in den wohl heißesten Tag bisher. Und es ist wohl auch scheinbar Tag des Rentiers. Nicht, dass ich heute zum ersten Mal diese Paarhufer sehe, aber sie sind gerade einfach überall. An der Meridian-Säule, in der Stadt, auf Straßen, Gehwegen und auf den Baustellen, es wirkt wie eine Kundgebung. Für oder gegen was werde ich vielleicht im Laufe des Tages noch herausfinden. Die Strecke heute geht bis Skaidi wieder zurück, wie ich sie auch hergefahren bin, allerdings ist der Wind deutlich schwächer, freundlicherweise aber mit mir. Auf dem Asphalt ist es unglaublich heiß, da ist mir jede Abwechslung recht. Wie zum Beispiel ein paar Wale, die neben mir im Fjord dahinziehen, oder gegen Dreiviertel eins, als ich von der Straße aus abseits auf einem Hügel einen Hubschrauber stehen sehe. Da frage ich natürlich nicht lange, sondern parke den drahtigen Esel in einer Einfahrt und klettere hoch auf den Hügel. Dort sitzt Elias, der Lademeister und auf Nachfrage erklärt er mir, dass er und der Pilot gerade auf weitere Instruktionen warten, um Teile an die neue Hochspannungs-Trasse zu fliegen. Also die Gittermasten werden in Einzelteilen hochgeflogen und direkt verschraubt, ebenso sämtliches weiteres Material. Dass ich nicht mitfliegen kann, erklärt sich von selbst, aber zusehen, wie ein weiteres Teil und später ein Materialcontainer weggeflogen wird, ist alle Mal drin. Angeblich braucht es wohl für die Raffinerie auf Melkøya mehr Strom, als sie selbst erzeugen kann und so ist mir diese Trasse herwärts schon aufgefallen durch Protestschilder von Anwohnern gegen die 420kV-Leitung. Also auch hier nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Ganz ähnlich ist es mit den unzähligen Lachsfarmen, die hier in den Fjorden entstanden sind. Dort werden Unmengen von Geld verdient, gleichzeitig ist es eine völlig unnatürliche Art, die Fische aufzuziehen. In so einem Fisch ist am Ende keinerlei Omega3 enthalten und wie es bei Massentierhaltung nicht unüblich ist, verbreiten sich von hier aus auch massiv Krankheiten. Ich umfahre wieder den Tunnel, der zur Kvalsundbrücke führt, komme wirklich gut vorwärts und suche inzwischen nach einem schattigen Platz, aber recht erfolglos. Lediglich vor der Brücke finde ich eine Bushaltestelle, die leider statt zum Sund zur Straße hinzeigt, aber immerhin ist dort Schatten. Ich mache eine Pause und als ich gerade das Tragwerk befahre, nehme ich schon wahr, dass LKWs und Autos auf selbigem stehen statt fahren. Ach ja, wieder eine Kundgebung. Sie können aber auch störrisch sein wie die Esel. Nach der Brücke genehmige ich mir ein Eis im kleinen Supermarkt und bin gegen zwei jetzt wieder am Repparfjord unterwegs. Sehr auffällig, dass seit der Brücke der Wind so viel kälter ist, so dass ich mir die Jacke überziehen möchte. Sonst hat sich nichts geändert, die Sonne brennt schonungslos und es dauert noch eine gute halbe Stunde am Fjord entlang, bis sich diese so kalt gefühlte Temperatur wieder wärmer anfühlt. Die Strecke an sich ist mir natürlich schon bekannt, aber wie bei einem Suchbild sind ein paar Unterschiede eingebaut. Ich komme zum Beispiel wieder an dem Hof vorbei, der so nostalgisch wirkte, aber heute haben sie das Sahnehäubchen auf die fette Torte noch draufgesetzt: Ein 190er Daimler, Baujahr um 1960, steht an der Straße, als würden sie jeden Tag damit zur Arbeit fahren. Wie heißt es so schön? Ich bremse auch für Alte… Da muss ich ein wenig drumrum schleichen und bestaunen. Gegen vier komme ich wieder am Sami-Zeltplatz vorbei, die Tippis und die typische Flagge in den Farben Blau, Rot und Gelb ist schon von weitem gut erkennbar. Eine gute Stunde und mehrere Stopps später bin ich wieder am Klub, wo der Repparälv noch ein Fluss ist und mich wieder in seinen Strom lockt. Nach einer Pause fülle ich meine Flasche wieder mit seinem frischen Wasser auf und lasse es mir heute nicht nehmen, nachdem ich mein Handy ordnungsgemäß beim Fahrrad gelassen hab, doch einmal komplett durchzuwaten. So ohne Stöcke ist es tatsächlich grenzwertig, einmal zieht es mir die Füße schon soweit weg, dass ich fast drin liege. Aber genau darum bin ich ja auch hier. Unweit von hier, aber schon wieder pedalierend, ich habe gerade fünf oder sechs Autos hinter mir, sehe ich irgendetwas kleines auf die Straße bis fast zur Mitte laufen und dort sitzen. Ich reiße wie der Anführer der Kavallerie den Arm hoch, damit alles stoppt und auch ja niemand mehr überholt. Stelle das Fahrrad mitten auf die Straße und erkenne dann erst, dass es ein klitzekleiner Hase ist, nicht mal so groß wie meine Handfläche. Als angehender Schülerlotse helfe ich dem jungschen wieder zurück, das ist der Unterschied zu alten Leuten, denen hilft man ja eher rüber, und dränge ihn noch ein ganzes Stück von der Straße entfernt bis ins Gebüsch. Hoffentlich hat er es verstanden, es geht hier ums kleine Ganze. Gegen sechs bin ich dann in Skaidi, ein Spanier bittet mich draußen mit an seinen schattigen Tisch. Er ist jetzt gerade in der vierten Etappe auf dem Weg von Barcelona zum Kap, wie er mir erzählt. Eine halbe Stunde später brechen wir gemeinsam auf, ich folge jetzt wieder dem E1 und E7, er ist nach wenigen Minuten aus meinem Blickfeld, schließlich macht er am Tag gute 150 km. Für mich ist das Ziel des heutigen Tages völlig ungewiss, von hier aus geht es noch einmal ein gutes steiles Stück auf eine Hochebene, nach der ich in gut zwanzig Kilometern den Olderfjord erreichen werde. Das ist ein kleiner Ausleger am Porsangerfjorden, der sich über 100 km vom Nordkap Richtung Süden ins Inland zieht. Vielleicht finde ich auf dem Plateau noch einen See, an dem ich übernachte, schließlich mag ich ja das Leben in den Bergen so. Tatsächlich gibt es dann zwar auch Seen hier oben, sie sind aber soweit ab der Straße und unzugänglich, dass ich weiterfahre und dadurch auch den vielen aggressiven Mücken entkomme. Und so ist auch dieses Hochland irgendwann durchfahren und es geht für einige Kilometer gut abwärts zum Fjord. Schon bei der Abfahrt wird es kühler, das ist mir nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber wohl, dass es hier unten in Olderfjord gefühlt richtig kalt ist, obwohl der Himmel weiterhin größtenteils blau ist und auch kein besonderer Wind geht. Ich zieh mir die Jacke über und mein Thermometer bestätigt mir sowas wie 12°, am Tage standen da auch mal 31°. Das kann ich irgendwie kaum fassen. In dem Dörfchen gibt es einen Campingplatz und gleich gegenüber einen Souvenir-Shop sowie davor einen Käsewagen mit italienischem Käse. Die Souvenirs für all die Touris verstehe ich mit meinem Kleingeist wohl, was aber ein italienischer Käsewagen hier tut, erschließt sich mir nicht wirklich. Vermutlich wird er aber wohl besser laufen, als ich es mir ausmalen kann. Ein kurzer Blick in den Souvenirshop lässt mich ihn sehr schnell auch wieder verlassen, wirklich viel teurer Klump und Gedöns inklusive einem gewissen China-Flavor. Bei der Gelegenheit fülle ich mir hier grad noch die Wasserflaschen auf, fahre dann nur noch gut ein bis zwei Kilometer aus dem Dorf raus und finde nicht weit von der Straße entfernt einen wunderbaren Platz, an dem ich das Zelt aufstellen kann. Ganz nahe gibt es fußläufig erst noch die alte Ruine eines Fischhauses samt hölzerner verfallener Steganlage zu betrachten, bevor es dann fast um zehn Essen gibt und mir danach schlagartig die Augen zufallen…Read more
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- Saturday, July 19, 2025 at 9:20 PM
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NorwayNordkapp70°50’15” N 25°48’25” E
19. Juli

Kaum geht unser aller Herbergsmutter Klärchen mal am Morgen eigene Wege, schon macht jeder, was er will. Wer weiß, was sie hinter dem grauen Schleier zu tun und darüber das Wecken vergessen hat. Ich aber lasse mir nix im Halse kratzen und schlafe bis um halb zehn. Trotz der Wolkendecke fühlt es sich nicht kalt an, laut meinem kleinen Tachothermometer sind es wohl 18°. Da muss ich schon großes Vertrauen haben, wenn ich das alles glauben soll, gleichzeitig frage ich mich aber auch, was das gestern Abend für eine Nummer hier war. Denn es ist wirklich deutlich wärmer gegenüber meiner Ankunft gestern. Was auch immer die Zeit sagt, hetzen lasse ich mich nicht, sondern frühstücke mit Svalbardbrød, Marmelade und Honig. Während ich dann einpacke, fallen mir wieder überall hier herum Teile von Königskrabben auf. Ich ordne die mal nicht unordentlichen Campern vor mir zu, sondern eher den Möwen, die sie ähnlich wie die Seeigel aus der Höhe fallen lassen und wissen, dass sie dabei auseinanderbrechen. Dann gibt’s nämlich was zu holen. Um elf mache ich los, es sind nur noch 125 Kilometer, also zwei entspannte Tage. Es ist kurz vor zwölf am Smørfjorden der nächste Souvenirstand, auf den diverse Schilder hinweisen. Er ist aber schöner hergerichtet und wird von echten Küsten-Sami betrieben. Sie haben ein kleines Museum, viele selbst gemalte Bilder und Fotografien von regionalen Künstlern, Felle von Rentier und Robbe sowie viele kleine handgefertigte Sachen. Unter anderem zeigen sie auch Handarbeiten wie das Herstellen der Netze um die Glasposen, die seit über 150 und bis vor vielen Jahren die Fischnetze an der Oberfläche hielten. Und wieder, wie schon gestern am letzten Souvenirstand der italienische Käsewagen. Außer Umberto Nobile mit seiner „Italia“ verbinde ich nichts zwischen den Luigis und Arktis. Vielleicht fehlt mir da aber auch einfach ein Puzzleteil vom Ganzen. Mit der Zeit bemerke ich, dass es irgendwie doch mehr ist, als nur Souvenirs. An diesem Wochenende ist hier das Fest der Küstensamen, also derer, die von Fischfang und Jagd gelebt haben. Sie stellen hier alles mögliche aus, zeigen verschiedene Handarbeiten. Die Glaskugeln selbst wurden seinerzeit übrigens per Schiff von irgendwoher gebracht und meistens gegen Rentierfelle gehandelt. Bis um eins halte ich mich hier auf, der Himmel ist inzwischen zumindest in weiten Teilen aufgebläut. Wenn es sowas wie Anschwärzen gibt, muss es auch Aufbläuen geben. Weiter auf der Reise sehe ich schon von weitem einen Radler, den ich an der Farbkombi sofort erkenne. Es ist Linus, den ich schon am letzten Samstag auch in meiner Richtung getroffen habe. Er kommt schon vom Nordkap zurück und will jetzt auf dem Landweg weitermachen bis Kirkenes, dann Richtung Süden. Und als käme er aus einer anderen Welt klingen seine Worte vom Sturm vor zwei oder drei Tagen so unglaublich, dass es meinen Horizont irgendwie übersteigt. Der Wind war so heftig, dass es Wohnwagen umgeworfen und er sich in einem Shelter versteckt hat, weil Radfahren völlig unmöglich war, es Fische und Quallen an Land geworfen hat… War der Bengel an dem selben Nordkap, dass nur noch 100 km vor mir liegt? Seit Wochen ist hier oben im Norden ein außergewöhnlich warmes und konstant sonniges Wetter, völlig untypisch. Ich habe wohl schon eine blühende Fantasie, diese Bilder bekomme ich aber gerade nicht da reingepuzzelt. Es ist so gegen zwei, als ich von der Straße aus weit unten am Wasser jemanden in einer großen Wathose stehen sehe, der augenscheinlich Fisch filetiert. Für einen Nichtangler wie mich, der aber sehr gerne Fisch isst und sich auch gerne mit den Leuten hier unterhält, ein guter Grund, den zwei Seitenständern vorn und hinten am Rad die Verantwortung zu übergeben und übers grüne Land zu ihm runterzulaufen. Es ist Jörg, keine Frage ein Landsmann, der seit 25 Jahren hier lebt und sich ausdrücklich nicht als Auswanderer sieht. Das war nie so geplant und klingt, als wenn er sich Jahr für Jahr selbst eine Verlängerung gibt. Eine gute Dreiviertelstunde lang erzählt mir viele interessante Details über das Leben hier, über den Winter, über die Stürme und je mehr ich von ihm und auch von den anderen Bewohnern höre, desto mehr wächst der Wunsch in mir, den nächsten Winter hier zu verbringen. Die Straße zieht sich hier konstant dicht am bis zu zwanzig Kilometer breiten Porsangerfjorden entlang, mal ziemlich auf Meereshöhe, aber immer mal auch 20 oder 30 Meter höher, so dass der Blick über das türkise glasklare Wasser oft abseits der Straße ist. Die sich aber auch gar nicht mehr so unendlich voll anfühlt. Gegen halb vier gibt es mal wieder einen Tunnel, der auch für Radler durchfahrbar ist. Der Skarvbergtunnel ist viereinhalb Kilometer lang mit abgetrennter Spur für Fußgänger und Radfahrer. Auffällig ist hierdrin, wie leise und auch merklich wärmer er gegenüber all den anderen ist, die ich bisher durchfahren habe. Der Himmel ist inzwischen wieder komplett blau bis auf ein paar Schönwetterwolken, hier und da ein paar Rentiere auf der Straße und gegen vier habe ich sage und schreibe gut 20 km geschafft, was mir aber völlig egal ist, da es eh nur noch 100 bis zum Kap sind . Und wenn ich noch drei Tage bräuchte, dann wäre es halt so. Die Gesteinsformationen hier entlang, die Schichtungen und die Art, wie sie sich zerlegen, zerfallen und zerbröseln ist höchst interessant und ich halte wie oft an, muss das aus der Nähe sehen, es mit der Hand begreifen um zu merken, in ein Foto passt das nicht rein. Ich habe nichts studiert, insbesondere nicht Architektur, Kunst oder Geologie, aber diese Steine haben irgendwas von allem. Um fünf halte ich schon wieder, dieses Mal an der Bucht Indre Sortvik und mache dort eine längere Pause. Dass der Weg und insbesondere die Pausen an ihm das Ziel sind, ist an kaum einem Tag für mich deutlicher spürbar als heute. Kaum bin ich von der Pause weitergefahren, scanne ich mit den Augen die ganze Zeit die Küstenlinie nach einem geeigneten Platz, an dem ich den Leib mal dem Wasser übergeben kann. Die Stelle, die dann so frei von Algen und augenscheinlich gut zugänglich ist, entpuppt sich doch als schwerlich zu erreichen. Vielleicht macht das aber ihren Reiz aus, so dass ich von der Straße aus steil über sehr brüchiges Gestein hinunterklettern muss, dann aber eine wohlverdiente Abkühlung in diesem glasklaren Wasser genießen kann. Mein Blick ist auch immer rundum nach Quallen, da unter anderem Linus mir davon erzählt hat, dass er nach einem solchen Bad Schmerzen hatte wie nie zuvor in seinem ganzen Leben. Bestimmte Quallenarten hier sind tatsächlich recht giftig und hinterlassen im einfachsten Fall starken Schmerz, können aber je nach Verfassung des Schwimmers auch durchaus ernstere Folgen haben. Es ist inzwischen Abend geworden, als ich an einem blauen Schild entlang komme, auf dem ich lange brauch, bis ich mindestens das Wort Nordkapp entziffern kann. Bin ich schon da? Ach nee, es ist die Grenze zur Nordkapp-Kommune. Jeder, der einen Uffditscher dabei hat, klebt den hier an, so dass das einst blaue ernst gemeinte Schild nur noch Touri- und Spaßcharakter hat. Es mag sich doch sowieso jeder wähnen, wo er will. Es hätte genauso gut auch ‚Paradies‘ darauf stehen können, für mich zumindest. Denn wie ich weiter vergnügt vor mich hinradle, sehe ich doch schon wieder ein paar Wale. Und da ich an dieser Stelle nicht anhalten kann, die Straße ist dafür zu schmal, stoppe ich an einer kleinen Ausbuchtung direkt hinter einem deutschen Camper. Mit dem Paar aus Stuttgart komme ich ins Gespräch, während wir fasziniert da unten die Wale und über uns einen Adler unter feuerzüngelnden Wolkenbildern beobachten. Weil wir gerade beim Thema Walfisch sind, erzähle ich auch von dem Kabeljau, der in Meerwasser eingelegt in meiner Tasche heute ganz ohne Kühlung mitfährt. Auf die Frage, ob ich mir den denn nachher dann schön mit Butter anbrate, entsage ich der Butter, da ich die schlicht und ergreifend nicht habe. Kurzerhand holt mir die junge Frau ein Stück Butter und so ist auf die dicke Torte mal wieder das Sahnehäubchen aufgesetzt. Besten Dank dafür euch zweien. Kaum bin ich von dieser Stelle wieder ein paar 100 m los, fährt ein Auto neben mir mit runtergelassener Scheibe und der Fahrer gibt mir zu verstehen, dass er total begeistert ist. Der war nicht genug, stoppe ich an der nächsten Möglichkeit und ich komme mit Jan und seinen Söhnen ins Gespräch. Sie sind aus China und für fünf Wochen in Europa, in Deutschland ebenso wohl länger mit Fahrrädern unterwegs gewesen und haben den ganzen Kofferraum voll mit Packtaschen. Jetzt machen sie im Mietwagen die Tour zum Nordkap und nachdem er Fotos von meinem Muli gemacht und mir von sich auch einige gezeigt hat, schenken sie mir eine große Tafel Schokolade und verabschieden sich mit 1000 guten Wünschen. Als hätte zu der fetten Torte noch das Dessert gefehlt… Gut, dass das Fahrrad keine Kupplung hat, die wäre nämlich heute durch das tausendfache Anfahren schon runtergeschliffen. Zum wievielten Male starte ich durch und beginne nun langsam darüber nachzudenken, wo ich denn wohl die Nacht zubringen will. Nachdem ich an einem Bach aus den Bergen all meine Wasservorräte aufgefüllt habe, finde ich gegen neun einen Platz weit abseits der Straße auf ein paar Hügeln über dem Meer. Das Wetter lädt wieder zum Übernachten auf der Matratze, aber erst mal geht es jetzt an das große Mahl. Meine Box hat, wie ich sehen muss, nicht so dicht gehalten und so muss ich aus der Packtasche alles zum Trocknen raushängen, aber das ist eine kleine Unwichtigkeit an so einem Tag voller Wunder. Da es nicht sehr windig ist, sind die Moskitos physikalisch zwar in ausreichender Menge um und an mir, aber solange ich jetzt den Dorsch zubereite und genieße, gefolgt vom Meersalz-Schokoladen-Dessert bin ich in einer Blase, die sie nicht durchdringen können. Wohl aber danach, denn so die ganze Nacht über werde ich nicht klarkommen. Also stelle ich am Ende noch schnell das Zelt dazu,um außer dem Mückennetz rundherum alles zu öffnen, was da nur geht. Gute Nacht zu später Stunde in diese schöne Welt.Read more
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- Sunday, July 20, 2025 at 10:28 PM
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NorwayNordkapp71°10’12” N 25°46’50” E
20. Juli - Teil I

Sehr schön war sie wieder einmal, die helle Nacht. Und so schaffen die warmen Strahlen der Sonne es um halb neun, mich rauszulocken und jetzt ganz ohne quälendes Geflügel um mich herum zu frühstücken. So entspannt, dass es doch zwölf wird, bis ich aufbreche. Dabei wundere ich mich schon auch selbst, wie lange ich doch Zeit habe beziehungsweise mir nehme. Schließlich hab ich ja was vor und will im besten Falle heute noch das Nordkap erreichen. Schon nach wenigen Metern, als ich das schwere Rad noch von dem Hügel durch die Prärie in Richtung des Feldweges schiebe, sitzt dort ein polnisches Paar, das an ihrem Camper frühstückt und auch irgendwo draußen übernachtet hat. Wir unterhalten uns eine ganze Weile, sehr angenehme Leute. Jetzt heißt es aufbrechen zur möglicherweise letzten Etappe auf dem Kurs Nord, wer weiß, wie weit ich heute tatsächlich komme. Entlang der Straße an einer der nur noch spärlich verstreuten Siedlungen frage ich mich wieder mal, wie das Leben hier wohl sein wird. So kurz vor dem offenen Meer mit diesem Wetter und all seinen Herausforderungen. Schließlich stehen hier immer mal wieder Schilder, insbesondere an den Pässen oder höher gelegenen Straßen, die im Winter das Fahren nur zu bestimmten Zeiten in der Kolonne zulassen. Und nachdem ich die eine oder andere Steigung erklommen habe, kann ich in der Entfernung schon übers Meer die Insel Magerøya sehen. Ein Feldweg, der von der Straße abseits weit raus bis ans Meer führt, wird dann auch erst mal meiner, da mich der Blick rüber auf die Insel doch schon reizt. Also Spoilern, wie man früher gesagt hat. Die Landschaft hier ist doch viel schöner, als ich es selbst immer gedacht habe, insbesondere als ich letztes Jahr in Kautokeino meinen Wanderweg beendet habe. Die Hügel und auch Berge sind nicht sehr schroff, sondern ziemlich rundgeformt, sie sind grün bewachsen, sehr idyllisch und es gibt hier, was mir auch gestern schon aufgefallen ist, sehr viele gar nicht so große Bergseen. Ich denke, einer davon wird heute auch noch meiner werden. Aber ich bin umso mehr froh darum, diese Landschaft genau jetzt in diesem prallen Grün und bei dieser natürlichen Beleuchtung zu erleben statt in dem Einheitsgrau zu Beginn der Winterzeit. Da sind also alle Gönner schon wieder auf meiner Seite. Dann geht es abwärts an den Kåfjord, ich bin wieder einmal bei diesem Prachtwetter so unendlich begeistert und kann mich nicht sattsehen an dem Grün und Blau an Land, Meer und Himmel. Da sehe ich auch schon den ersten Wanderer, schließlich kommt neben dem EV1 hier auch der E1 an, also der Wanderweg, dem ich letztes Jahr hauptsächlich gefolgt bin. Denn alle, die zum Kap wollen, müssen jetzt durch das Nadelöhr schlechthin, den Nordkapp-Tunnel. Von vielen Wanderern als auch Radlern verschrien wie ein Tor zur Hölle, schließlich man hat hier über fast 7 km den Bogen anders rum gespannt als meistens sonst. Nicht über das Meer, sondern unten durch und zwar auf einer Tiefe von 212 muh. Schilder vor der Einfahrt warnen vor Nebel im Tunnel und natürlich auch vor bis zu 9 % Gefälle und ab der Hälfte dann natürlich als Steigung. Es gibt Tore an den beiden Eingängen, die im Winter automatisch schließen, um innen Vereisung zu verhindern, im Sommer dagegen die Ren-ovierung. Kleiner Ulk auf Kosten der eh schon gehörnten, die hier nach Abkühlung suchen. Warum es gerade vor diesem Tunnel keine der großen Überfahrgitter gegen die Tiere gibt, verstehe ich nicht. Und so halte ich noch eine kurze Pause mit ein paar Snacks, um gut gerüstet gleich um halb drei in dieses kalte Loch zu entschwinden. Gut, dass ich mir die papierdünne Windjacke noch drübergetan habe, denn es geht auf einer von der Decke her nassgetropften Straße über 3 km für mich mit konstant 52 KMH abwärts. Das ganze bei exakt 10°. Macht schon auch etwas Gänsehaut. Die Sohle zieht sich über einen guten Kilometer gerade unten durch und dann beginnt der Aufstieg, den ich anfangs noch bei 7-8, aber später dann mit exakt 6 KMH im kleinsten Gang durchleiere. Und nach einer guten halben Stunde erblicke ich heute zum zweiten Mal das Licht der Welt. Außerhalb ist ein größerer Parkplatz, auf dem ich erst mal bis um fünf ein ausgedehntes Päuschen und ein Fresschen halte. Nun bin ich also auf der Insel. Auch hier gibt es Rentiere, die Berge sind teils doch steiler und schroffer, aber teilweise auch wunderschön grün bewachsen. In dieser so rauhen Natur, die sich mir aber seit Wochen völlig sanft und sonnig präsentiert, als hätte es außer Idylle nie etwas anderes gegeben. Die malerischen, fast kitschig schön anmutenden Orte, Wiesen und Landschaften durchfahre ich genüsslich, der nächste gut viereinhalb Kilometer lange Honningsvåg-Tunnel ist sehr einfach zu durchfliegen. Und so erreiche ich gegen sechs den gleichnamigen und auf dem Eiland größten Ort, der auf der anderen Seite der Storbukta in den schillerndsten Farben mit Häusern und Booten glänzt. Gegen halb sieben bin ich am Supermarkt, der auch am Sonntag geöffnet ist. Natürlich ist es ein Spot, an dem sich alles trifft: Radler Motorradfahrer, Wanderer. Richtung Kap wird es nichts mehr geben und so versorgt sich jeder mit dem, was er für die nächsten ein,zwei oder drei Tage braucht. Entsprechend ist es ein Kommen und Gehen und ich treffe unter anderem Jelle, einen jungen Holländer, der sein Rad schon mit Packtaschen zum Bersten gefüllt, aber zusätzlich noch einen Trailer angehängt hat, auf dem er sein MiniPiano und eine Reihe von Ersatzteilen transportiert. Er kann zwar kaum spielen, erzählt er mir, aber abends sitzt er gerne da und klimpert was vor sich hin, um Mitternacht hat er sogar im Nordkaptunnel tief unter dem Meer in einer der Notfallbuchten gesessen und gespielt. So hat halt jeder seine Macke. Auch ich habe in einigen Tunnels zuletzt lauthals gesungen, es schallt aber auch wie in der Elbphilharmonie zurück. Oder die zwei Flensburger Jungs, die auf Simsons samt Anhänger daher kommen, eine etwas andere Art des Reisens, wenn der Motor immer nur auf einem Topp läuft. Ob ich heute noch zum Kap will, diese Frage bekomme auch ich immer wieder gerade von anderen Radfahrern gestellt, kann sie aber nicht so klar beantworten. Natürlich will ich dahin, aber ob ich das heute noch schaffe, steht in den Sternen, die ich schon seit wirklich langer Zeit nicht mehr gesehen habe. Die meisten wollen auf irgendeinem der jetzt noch kommenden Campingplätze übernachten, weil sie doch schon zu sehr durch den Wind sind. Ich mache mich gegen sieben auf den Weg, habe heute erst gute 40 km gemacht und bis zur stählernen Kugel sind es nur noch 32 km von hier. Natürlich wieder einmal ohne Ahnung davon, wie der Weg genau aussieht, aber das sollte machbar sein. Schließlich ist mir die Ankunftszeit ausdrücklich egal. Gerade, wenn es spät oder Mitternacht ist, glaube ich, habe ich nicht gar so viele Klicki- und Tatschi-Touris um mich rum, was mir durchaus zusagen würde. Aus den Erzählungen habe ich mitbekommen, dass es wohl noch zwei relevante Anstiege auf dem Weg gibt und ja, die werden es tatsächlich. Wieder vorbei an einsamen einzelnen Häusern auf kleinen Inseln oder auch größeren zusammenhängenden Gehöften beginnt der erste Aufstieg gegen halb neun. Hossa, ordentlich steile Serpentinen, die sich an wunderschönen Seen hochziehen, die teilweise ausdrücklich als Trinkwasser-Reservoir ausgewiesen sind, also Bade Nixe. Wie ich gerade vielleicht die Hälfte dieses Anstiegs passiere, kracht es plötzlich völlig unerwartet über mir. Erst denke ich, ob ein Auto in irgendeiner Form was überfahren hat, tatsächlich ist es aber ein Gewitter. Der Himmel ist je nach Richtung, in die ich schaue, von blau bis etwas grau, direkt über mir sieht es aber schon nach Gewitter aus. Ich hab dieses Donnern noch ein paar wenige Male, mache mir aber keine ernsthaften Gedanken. Eine gute Stunde nach Antritt habe ich die Anhöhe erreicht. Während ich hier an vielen kleineren und größeren Seen entlang komme und in der Entfernung sogar den Felsen schon erahnen kann, der mein Ziel ist, sind insbesondere die Wolkenformationen über mir absolut traumhaft. Immer mal wieder, wenn ich stoppe, komme ich mit Leuten ins Gespräch, seien es Wohnmobilisten oder Motorradfahrer, die ebenso wie ich stehen und staunen. Da ist aber auch alles dabei, was das Wetter herzugeben hat, von wolkenlos und blauer Himmel über Sonnenuntergangs-Stimmung bis hin zu grauen, in sich verschrobenen Formationen, die ziemlich unheilvoll aussehen. Regenschlieren in gar nicht so großer Entfernung, die aber an mir immer wieder vorbeiziehen. Um kurz vor zehn habe ich linkerhand den lang gezogenen Tufjorden, er ist der letzte für mich vor dem Ziel. Es ist wie eine große Inszenierung, ein Lichtspiel, das kaum schöner sein kann. Die Sonne scheint durch die Wolken hindurch und macht ein bemerkenswertes Licht. 20 Minuten später habe ich dann die letzte Steigung erreicht, die sich wirklich sehr lange und kräftezehrend hinzieht. Vielleicht empfinde ich das aber auch, weil der Tag ja inzwischen fast wieder zu Ende ist. Die Ausfahrt aus dem Nordkaptunnel fühlte sich gegenüber dieser Auffahrt vergleichsweise einfach an. Und ganz nebenbei überholt mich gefühlt ein Reisebus nach dem anderen, scheinbar wird das wohl mit der großen Ruhe nichts werden. Wieder eine gute Stunde später ist sie aber bezwungen und es geht mit diversen, aber nicht so großen Höhenunterschieden auf und ab, die letzten Kilometer vor Augen, gleichzeitig aber auch das Wetter und die Wolken im Blick. Da ist die Straße auf einmal klatschnass, es muss hier soeben recht stark geregnet haben. Um halb elf ist es dann soweit, ich habe das Nordkapp erreicht. Den Punkt auf der Landkarte, wo die Welt am großen Wasser endet und der ursprünglich auch mal das Ende meiner Reise sein sollte. Mehr und mehr aber für mich nur noch zu einem Orientierungspunkt für die geographische Richtung geworden ist, denn die Reise wird wohl nie wirklich zu Ende sein. Wie ich mich noch auf dem Parkplatz orientiere, gibt es für vielleicht 5 Minuten einen kurzen Schauer, das Überziehen der Jacke hat sich also kaum gelohnt. Dann war das wohl eher der Segen nach den langen Wegen. Um den Gebäudekomplex herum finde ich den Weg bis vor zur Kugel, nicht ohne nebenbei an der einen oder anderen Stelle schon steil an den Klippen hinab sehen zu können. Etwas mehr als dreihundert Meter über dem Meer kann ich durch eine dichte Wolkendecke an einer Stelle gerade noch das Wasser erkennen. Und nun stehe ich hier an der Eisenkugel, die mir selbst in diesem Moment genau genommen nicht viel gibt. Und der Moment selbst ist auch nicht so außergewöhnlich, wie es wohl für manch anderen an dieser Stelle ist. Was mich wohl aber schon seit mehreren Stunden immer mehr gefesselt hat, sind die besonderen, für mich noch nie da gewesenen Bedingungen rundherum. Ich versuche mich, soweit es geht, von der Kugel und den Massen fernzuhalten und zu verstehen, was hier für ein Schauspiel um mich herum passiert. Es ist wie Magie, alle Arten von Wetter auf einmal zu erleben auf einer Bühne aus zwei Wolkendecken. Einmal die unten über dem Meer aus dicker Watte und dann die oben schwebenden, die zusammen mit der Sonne so unglaublich viele Facetten von Licht in den merkwürdigsten Konstellationen ergeben. Und so sitze ich weiterhin schön abseits, esse ganz in Ruhe, beobachte die Massen, laufe immer wieder herum und versuche, die sich ständig neu formierenden Gebilde und Gestalten zu verstehen. Ganz nebenbei habe ich mir jetzt auch selbst das Zertifikat unterschrieben, das mir vollständige Genesung attestiert, sonst wäre ich sicher nicht so problemlos bis hierher gekommen. Mit der Zeit trifft auch noch der eine oder andere ein, den ich unterwegs schon mal gesprochen habe und ich komme auch mit ein paar Leuten ins Gespräch, die ich hier zum ersten Mal antreffe. Da werden noch gegenseitig etliche Fotos gemacht, Selfies sind hier kaum nötig. Die Zeit vergeht für mich völlig unmerklich, obwohl ich durchaus Grund hätte, müde zu sein. Um eins am Morgen schließt das Besucherzentrum und etwa auch um diese Zeit verlassen die Reisebusse im Tross den Ort, schaffen die Leute wieder zurück zu den Kreuzfahrtschiffen oder wer weiß, wohin. Nun kommt dieser Platz zumindest ein wenig mehr zur Ruhe. Der Nebel, der ziemlich genau bis hier hoch an die Kante der Steilküste steht, schwappt manchmal etwas über und hüllt für wenige Minuten alles ein, begleitet von einem merkwürdigen Geruch, der wahrscheinlich vom Meer beziehungsweise speziell der Küste mit hochsteigt. Diese ganze Szenerie, die sich wie ein Riesen-Menü darstellt, durch das ich mich genüsslich durchfresse, verändert sich ständig und ist im wahrsten Sinne des Wortes unbegreiflich. Es ist irgendwann am Morgen schon mindestens um drei, als verschiedene Motorradfahrer, die ich vor einigen Stunden hier schon mal gesehen habe, extra vom Campingplatz noch einmal zum Posieren hier hochgekommen sind, um ihre Bikes direkt bis an die Kugel zu fahren. Eigentlich nicht erlaubt, aber um diese Zeit ist eh niemand da, den es stört oder der es in irgendeiner Form ahnden würde. Und so sind nach ihrem Auftritt auf dem Riesenareal vielleicht noch 5-10 Leute auf den Beinen, die die Ruhe und mystische Stimmung genießen. Selbst die Wellen kann ich jetzt manchmal hören, wenn sie in die Felsen schlagen. Eine der wachen ist Henrike, eine Studentin aus Frankfurt, die mit dem Camper ihrer Eltern alleine unterwegs ist und mit der ich ins Gespräch komme. Gerade weil es jetzt so schön ruhig ist, macht sie noch ein paar Fotos von mir mit dem Fahrrad und wir laufen zusammen noch ein paar Stunden lang bis in den frühen Morgen umher, beobachten zuckende Blitze in den Wolken und unterhalten uns, als würden wir uns doch schon länger kennen. So ist es sage und schreibe sechs Uhr, die Sonne scheint schon wieder mit größerer Kraft durch die oberen Wolken auf die weiße unten liegende Schicht, als wir dann doch beide der Müdigkeit nachgeben. Ich platziere mich gute hundert Meter von diesem speziellen Ort entfernt in der recht kleinteiligen Steinwüste und lege mich einfach mit der Isomatte ins flache Land, damit nachher möglichst niemand auf mich drauftritt, wenn es hier wieder heißt Klicki und Tatschi. Verstanden habe ich von all dem Spektakulum hier kaum was. Es war wohl auch nichts zum Verstehen da, nur zum Dasein, Genießen und Geschehenlassen. Jeder Tag ist ein neues Leben.Read more

TravelerGlückwunsch zum Kap. „Tiefer LI“…..ob das alle verstanden haben? Mich erinnert es an Dalarna😀

TravelerMoin, das ist Super !!! Alles Gute zur "Kapbesteigung". Herzlichen Glückwunsch ...

TravelerHi Fabian, ich bin stolz auf Dich😉. Vielen Dank, dass ich auf diesem an der Reise teilhaben kann. Bleib schön gesund und hab eine gute Zeit!
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- Sunday, July 20, 2025 at 11:59 PM
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NorwayNordkapp71°10’14” N 25°47’1” E
20. Juli - Teil II

Bilder wie aus tausend Mal Tag und Nacht.

TravelerWas für unglaublich tolle Bilder und ein ebenso bemerkenswerter Bericht. Ich kann dieses Gefühl, an dieser stählernen Kugel angekommen zu sein und nicht das zu empfinden, was man mal gedacht hat, vielleicht zu empfinden, gut nachvollziehen. Aber, tolle Leistung, diesen Teil hast du geschafft. Mal schauen, was jetzt kommt. Ich bin gespannt. Für mich geht es am Nachmittag wieder nordwärts. Ich werde meine Reise vom letzten Jahr hoffentlich beenden. Mal schauen wie es mir geht, wenn ich meine Hand in Trerikröset auf den gelben Grenzstein lege. Du hast es schon getan…🖖

WildeHildeIch habe es eben nicht getan, Christiane. Du hast mich schon letztes Jahr darauf hingewiesen, dass das Handauflegen ein Muss für jeden Gröna Bandet-Wanderer ist. Umso mehr hoffe ich es für dich, dass du für diese Reise genau das tun kannst mit ebenso vielen bunten Bildern vor Augen und im ewigen Gedächtnis, wie ich sie hatte. God tur!

TravelerHerzlichen Glückwunsch am Ziel angekommen zu sein. Es hat sehr viel Spaß gemacht Dir zu folgen. Wünsche Dir weiterhin alles Gute.
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- Day 15
- Monday, July 21, 2025 at 9:14 PM
- ☁️ 10 °C
- Altitude: 8 m
NorwayKamøyvær71°3’0” N 25°54’20” E
21. Juli

Na, wie gehts’n weiter jetzt? Nordkap erreicht, Ende im Gelände? Neee. Dass ich nicht an dieser Stelle überwintere, ist ganz offensichtlich. Vom Westen aus bin ich nun hierher gekommen, Richtung Norden ist nur noch das Eismeer, also halte ich mich gen Ost. Weiter geht es also wohl, nur weiß ich in diesem Moment mit mir selbst noch nicht so recht, wohin. Gegen zehn lässt mich die Sonne nicht mehr in Ruhe und ich rappele mich wieder auf. Frühstücke und laufe noch einmal über den jetzt inzwischen wieder belebten Rummelplatz. Noch ein paar Meter nach da und nach da, den einen oder anderen gestern schon mal angetroffenen Cyklisten gesprochen, vergeht die Zeit hier oben doch recht schnell. War es am Morgen für eine ganze Zeit recht neblig, also das typische „Ich kann die Kugel kaum auf dem Foto erkennen“-Szenario, hat es sich doch aufgelichtet und der Himmel ist blau. Natürlich ist es unten auf Seehöhe komplett wolkig. Darum und auch weil ich Angst habe, die großen Steigungen wieder hinunter zu fahren und dann doch noch mal zurückzuwollen, hadere ich irgendwie mit dem Losfahren. Dieser Ort hält mich ziemlich fest. Ich hatte jetzt gute 5 Stunden Zeit, mir irgendwas auszudenken. Entlang der Straße hierher waren eine Reihe von Seen, einen davon will ich ansteuern, baden und meine Wäsche waschen. Also heißt es um drei Abfahrt und schon an den ersten, den ich mir in der Karte ausgeguckt hatte, komme ich nicht ran. Es gibt hier oben einen Militärstützpunkt und schon der Weg dorthin ist für mich gesperrt, der See liegt ziemlich dicht neben diesen Gebäuden. Der nächste See nahe der Straße ist so flach, dass es eher eine Schlammpackung denn Baden wäre, also weiter und dann auch schon die erste steile Abfahrt hinunter. Hier gibt es einen wirklich großen See, aber hier ist alles in kalten, feuchten Nebel gehüllt. Das fällt definitiv aus. Muss ich also weiterfahren und erhoffe mir irgendeinen der anderen. Dieses Spiel zieht sich immer weiter, selbst nachdem ich für ein Stück einen Wanderweg abseits der Straße mit dem Fahrrad befahren habe. Keiner passt mir in den Kram oder ist irgendwie besonnt. Auf einem der höchsten Punkte der Strecke ist entgegen meiner Erwartung auch alles nebelig, es sind also nur kleinere Stücken zwischendrin so schön warm und nach oben offen. Auf einem Schneefeld passiere ich ein paar Rentiere, die sich hierher geflüchtet haben, um etwas Abkühlung zu finden. Das Fahren durch diese Suppe, speziell die Serpentinenstrecke herunter, ist sogar nur mit Regensachen machbar, das Wasser tropft mir vom Helm und den Klamotten, ohne dass es einen Tropfen regnet dabei. Ich habe ein Einsehen, dass ich das Badenixenkostüm heute im Koffer lassen kann, bin inzwischen wieder auf Meereshöhe und sehe eine Straße abzweigen. Scheinbar unweit von hier ist ein Dorf, das ich ansteuere. Erstaunlich, wie klar die Luft hier am Fjord unterhalb der Wolkendecke ist, die bei circa 70-80 m Höhe endet. Wenn ich alles erwartet hätte, aber nicht das. Und so ist meine etwas eingetrübte Laune schlagartig wieder oben, als ich erkenne, wie schön es doch in der Unterwelt ist. Ich komme nach circa 3 km schon nach Kamøyvær, ein wunderschönes buntes kleines Fischerdörfchen. Die Runde da durch ist recht schnell gedreht und schon habe ich auch fast das Ende erreicht. Im kleinen Hafen liegen so schön kontrastreich aufgereiht die Fischerboote, während an den Bergen trotz der tief hängenden Wolken das Grün richtig satt leuchtet. Ich beschließe relativ schnell, hier zu bleiben. Als ich im Hafen auf dem Steg entlangfahre, sehe ich ein paar Männer in einer Art Garage Fische schlachten. Ich spreche sie an, ob ich einen Blick werfen kann, schließlich haben sie kistenweise recht großes Material dort zu verarbeiten. Dem Slang nach sind es Österreicher, die gerade ihren Fang filetieren und einschweißen. Vermutlich setzt bei mir bei dem Anblick automatisch ein Hundeblick ein, denn gerade als ich abfahren will, drückt mir einer der Männer ein verschweißtes Paket in die Hand, kurz darauf wohlwollend noch ein zweites. Und ein anderer springt hinzu und legt noch ein drittes obendrauf. Es wirkt ein wenig wie bei den Marktschreiern, wo auch immer noch eins und noch eins obendrauf kommt. Ich bin total überrascht, aus dem Hundeblick ist ein großer Smiley geworden und ich werde wohl morgen zum Frühstück noch davon essen müssen. Unweit von hier um die Ecke nach dem letzten Haus auf einem Hügel finde ich schnell einen Platz fürs Zelt, von hier aus habe ich neben bunten Blumen wie zum Beispiel wilden Orchideen einen wunderbaren Rundumblick in alle Richtungen. Diesen schönen Platz hier samt der Mitgift der Fischer gefunden zu haben ist wohl eine universelle Wiedergutmachung für das entgangene Sonnenbad oben im See. Nachdem ich mich eingerichtet habe, höre ich aus einer Richtung einen Wal blasen und so schnell war ich noch nie auf dem Fahrrad, das unten am Fuße des Hügels steht, um wieder vor Richtung Hafen zu strampeln. Aber dieser Kamerad hat wohl einen recht langen Atem, denn ich sehe ihn erst nach einiger Zeit wieder auftauchen, als er schon ein ganzes Stück entfernt ist. Glücklich wieder auf dem Hügel sitzend, staunend und Adler beobachtend, nehme ich rundherum eine Reihe von Leuten wahr, die hier ebenso auf Erkundung sind. Ein Reisebus hat all die Landsleute für eine Stunde ausgekippt, die gerade auf Nordkap-Tour sind. Wir unterhalten uns ein wenig, als sie bei mir entlang kommen. Ich drehe dann selbst auch noch eine Runde, entlang eines zweiten kleinen Hafens und des Friedhofs, in dessen Nähe wieder einmal ein Denkmal steht. Es ist sechs Seemännern hier aus dem Dorf gewidmet, die 1959, also lange nach dem Krieg, mit ihrem Boot nicht wieder heimgekehrt sind, nachdem sie wahrscheinlich auf eine Seemine gefahren sind, die es ja hier in den Fjorden in Unmengen gab. Späte Kriegsopfer also, von denen selbst niemals Überreste, sondern nur von ihrem Fischerboot, der MS Meteor gefunden. Der Nebelvorhang hat sich inzwischen langsam auch bis zu mir heruntergezogen, so dass ich die Fischerboote, die jetzt gegen neun immer noch rein- und rauswärts fahren, nur dunstig erkennen kann, während in meinem Pfännchen eine nicht unerhebliche Menge von Kabeljau brutzelt.Read more
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- Day 17–18
- July 23, 2025 at 9:49 PM - July 24, 2025
- 1 night
- ☁️ 7 °C
- Altitude: Sea level
NorwayHamningberg70°32’46” N 30°37’20” E
22. & 23. Juli

Dieser Tag wird ein entspannter. Für heute steht nämlich der große Dampfer auf meinem Programm. Mein Wunsch, recht weit nach Osten zu kommen, deckt sich nicht ganz mit ein paar zeitlichen Limitierungen, die ich habe. Außerdem ist der Weg Richtung Kirkenes fast ausschließlich eine Überlandfahrt statt der zerklüfteten Küste zu folgen. Deshalb habe ich schon vor einigen Wochen für mich beschlossen, vom Kap, also konkret von Honningsvåg aus mit dem Postschiff der Hurtigruten auf dem Seeweg nach Vardø überzusetzen und dann von dort selbst weiterzufahren. Um zehn nach zwei geht es los, ich habe lediglich 12 km zu fahren, schließlich habe ich ja gestern schon gut in den Rückweg investiert. Gegen elf nach dem Frühstück lege ich bei blauem Himmel und bestem Wetter in Kamøyvær ab. Nur eine Steigung aus dem Dorf raus am Fjord entlang, dann bin ich unterwegs entlang des Flughafens, an dem ich mit einem Italiener einen kurzen Schwatz halte, um dann am Supermarkt noch ein paar Sachen einzukaufen und nach den nächsten Unterhaltungen zum Hafen weiterzufahren. Dort sehe ich zu meiner großen Freude einen Laden, in dem ich Gas nachkaufen kann, denn just gestern Abend bei der letzten Pfanne ist mir die Buddel ziemlich unerwartet verreckt und ich musste kurzzeitig aufs Ersatzteil umsteigen. Die Verbindungen der Postschiffe funktionieren Tag für Tag auf die Minute wie ein Uhrwerk, lediglich extreme Wetterbedingungen auf See können hier und da mal ein paar Verspätungen einbringen. Meine Mitfahrt auf der Nordlys (Nordlicht) habe ich noch in der letzten Nacht gebucht, aber das Fahrrad, das ja über die Auto- und Warenrampe verladen wird, mache ich erst auf dem Schiff an der Rezeption klar und so legen wir pünktlich nach Plan ab. Das Stück bis nach Vardø würde mich auf der Straße über 500 km kosten und damit eine gute Woche, ich mache das ganze jetzt in der flinken Variante bis morgen früh um halb vier. Auf der Fähre kann ich auf Nachfrage nach einer Dusche die selbe samt einer Sauna finden. Da das Schiff nicht so sehr groß ist, habe ich alle Decks nach kurzer Zeit gesehen. Irgendwann am Abend lerne ich Matthias kennen, ein Radler, der den selben Abschnitt wie ich fährt. Wir haben uns lange und viel zu erzählen, sei es in einer der Lounges oder später noch mal in der Sauna. Das Wetter ist einigermaßen bedeckt, so dass die Sicht draußenrum recht überschaubar ist, während ich mein Tagebuch schreibe. Im Laufe der nicht mal 14 Stunden fahren wir noch vier Häfen an, der Aufenthalt ist jeweils kaum mehr als 20 Minuten. Zeit für mich zum Schlafen bleibt irgendwie aber auch nicht über, es ist nur eine gute halbe Stunde, die ich dann mal nicke. Ab circa um drei ist Vardø mit seinen weithin sichtbaren großen Golfbällen erkennbar, über die über den kalten Krieg hinaus gehorcht und gelauscht wird. Immerhin passieren wir auch jetzt um zehn nach drei kurz vor der Ankunft die unbewohnte Insel Hornøya, die Norwegens östlichsten Punkt markiert. Beim Anlegen verlassen lediglich drei Fahrräder und per Gabelstapler ein paar Kisten das Schiff, dann sehe ich der Nordlys noch einige Minuten hinterher. Übermüdet und mit all meinen Sachen noch nicht wieder an Ort und Stelle stehe ich einsam hier in dem kleinen Hafen. Es ist einigermaßen kalt und nebelig diesig. In einer Halle, deren Tor weit offen steht, suche ich erst mal Unterschlupf, ziehe mich der Witterung entsprechend an und rüste all mein Hab und Gut wieder von Fähr- auf Normalbetrieb um. Nach einer guten halben Stunde breche ich auf, irre ein wenig durch diese uhrzeitbedingt menschenleere Kleinstadt, in der an verschiedenen Stellen das Pomoren-Festival beworben wird. Der Weg aus der Stadt heraus führt direkt in einen Tunnel, der mal wieder unterwässrig die Verbindung zum Festland herstellt. Darauf bin ich doch noch gar nicht vorbereitet, denn es geht schon wieder immerhin 88 m unter Tage. Auf der anderen Seite wieder heraus, biege ich nach kurzer Zeit rechts ab und verlasse die Hauptstraße. Mein Ziel ist heute Hamningberg, ein kleiner und weitgehend verlassener Ort, in dem nach gut 40 km in nordwestlicher Richtung auf der Varanger-Halbinsel die Küstenstraße endet. Ich mache mich auf in diese Sackgasse, weil verschiedene Leute unterwegs empfohlen hatten, doch unbedingt diese Mondlandschaft dort anzusehen. Und was mich noch mehr triggert, ist die Tatsache, dass mein Bruder Tobias, der gerade seinen Urlaub gestartet hat, dort seit gestern Abend auf mich wartet. Die Landschaft zieht sich gemäßigt auf und ab und ist grün mit einem Schleier aus Dunst und feinem Niesel. Das ist nicht sonderlich ansehnlich, aber es stört auch nicht wirklich. Was wohl in meinem Vorankommen hindert, ist der massive Gegenwind. Ich bin fast die ganze Zeit mit 12,2 KMH unterwegs, da ändert sich nur unwesentlich was dran, wenn es mal auf oder abwärts geht. Hatte ich mich doch zum Frühstück vielleicht gegen acht gewähnt, sehe ich meine Felle jetzt sehr langsam auf dem Tacho davonschwimmen. Und da es landschaftlich auch nicht sonderlich reizvoll ist, denke ich in Form einer WhatsApp-Mitteilung darüber nach, Tobias doch einfach in meine Richtung zu bestellen, um nicht diesen ganzen Schleif für umsonst zu fahren. Glücklicherweise ist dort, wo er steht, aber kein Empfang und so liest er es erst viel später. Denn ab um sechs, ich habe gerade ein Schild passiert, dass ab hier auf eine recht schmale Straße hinweist, wird alles anders. Es ist ab jetzt trocken und heller, die Landschaft nimmt tatsächlich merkwürdige Formen an, für die der Begriff Mondlandschaft durchaus untertrieben ist. Die faszinierende Besonderheit besteht darin, dass das Felsengestein vom Meeresboden an bis hoch auf mehrere hundert Meter in den Bergen schräg stehende Plattenformationen sind, die nach oben als schroff spitze Kanten heraus stehen. Teils am Boden nur wenige Zentimeter hoch, teils über etliche Meter hoch, wo sich die Straße hindurchschlängelt, bis hin zu wohnblockhohen Formaten, zwischen denen die wenigen Sommerhäuser entlang der Straße kaum zu sehen sind. Jetzt umzukehren oder diese Straße nicht bis zum Ende zu fahren ist keine Option mehr. Dass es dabei zehn wird, spielt nicht wirklich eine Rolle, schließlich sind wir ja beide im Urlaub. Was für ein außergewöhnlicher Ort, sich nach etlichen Wochen wiederzusehen. Nachdem wir gemeinsam ausgiebig gefrühstückt und die Angelaussichten an diesem Platz als mäßig bis saumäßig eingeschätzt haben, fahren wir gemeinsam die paar noch fehlenden Kilometer bis zum Ende der Straße ins Dorf. Dort gibt es eine kleine Vogelbeobachtungsstation, deutlich interessanter ist für uns aber die ehemalige Küstenbatterie der Wehrmacht oben auf dem Hügel. Also eine Anlage aus Bunkern, Flak-Stellungen und unterirdischen Gängen, die als Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg noch in erstaunlich gutem Zustand sind. Ebenso eine Menge metallischer Gegenstände von kompletten Stacheldrahtrollen über die Fischbüchse bis hin zu großen Eisengestellen und verzinkten halbrunden Wellblechelementen. Das alles in der Landschaft verteilt, genau so, wie es auf dem hastigen Rückzug einfach hinterlassen wurde. Wir sind beide von dem, was wir hier sehen, ziemlich beeindruckt. Das sind wir aber ebenso von den Felsen beim kleinen Leuchtturm unten an der Küste, die wir von hier oben aus sehen können. Dort zu angeln erscheint uns vielversprechender und so gehen wir gegen sieben noch einmal zurück zum Parkplatz, holen sämtliche nötige Ausrüstung inklusive der Zelte und was zur Übernachtung benötigt wird. Das alles wieder über den Berg und unten durch die Steinwüste geschleppt kann Tobi gegen zehn den Petrijünger geben, während ich später die Zelte aufbaue und wir irgendwann gegen Mitternacht essen. Nur leider keinen Fisch, aber gegen ein paar Stücken Wurst aus der Heimat habe ich jetzt auch gar nichts einzuwenden.Read more
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- Day 18
- Thursday, July 24, 2025 at 9:11 PM
- ☁️ 11 °C
- Altitude: 4 m
NorwayVardø70°25’47” N 30°43’40” E
24. Juli

Hier kann man’s aushalten. Da schläft es sich gut und lange, so dass sich auch unser Frühstück fast bis zum Mittag zieht. In den Felsen platziert haben wir bei diesem wunderbaren Wetter eine tolle Aussicht und können den Seevögeln und Fischern zusehen. Mir stechen heute Morgen hier ganz besonders die Hjortronpflanzen mit ihren noch knallig roten unreifen Früchten ins Auge. Ich freue mich schon sehr, wenn sie in wenigen Wochen wieder so schön orange und reif sind. Gegen halb zwölf ist alles wieder verstaut und wir machen uns auf den Weg zurück, wieder über den Berg mit der Bunkeranlage, von dem aus wir neben einer tollen Weitsicht auch ganz nah etliche Rentiere sehen. Die hier im Ort haben alle auffällig große Geweihe, oder liegt das etwa an der Zeit jetzt gerade? Für uns ist es an der Zeit, umzusetzen. Mein Fahrrad steht hinten in Tobis Camper, ich sitze daneben und halte das ganze fest, so dass ich nicht unnötig Zeit beim Selberfahren verschwenden muss. Auf dem Weg hierher ist mir gestern ein Sandstrand ganz besonders aufgefallen, an dem ich mich definitiv niederlassen wollte. Und so fahren wir einige Kilometer zurück und bauen in dieser grandiosen Umgebung unsere Zelte ganz nah am Strand auf, wo gerade noch so viel Vegetation im Sand ist, dass die Heringe zumindest etwas Halt haben. Es ist schon eine Umstellung für mich, jetzt Sachen vom Fahrrad und teilweise aus dem Auto zu kombinieren und von A nach B zu schaffen. In diesem Fall kann ich aber das Fahrrad über diese dicht krautigen Wiesen gerade so noch schieben, um all die benötigten Sachen zum Strand zu schaffen, den wir uns übrigens mit etlichen Schafen teilen. Für uns heißt es jetzt natürlich erst mal einzutauchen ins Eismeer. Wirklich warm ist das Wasser nicht, aber trotzdem reicht es für eine Runde zu schwimmen und nachdem wir wieder raus sind, zieht es uns nach kurzer Zeit sogar nochmal rein. Dabei betrachten wir schon die ganze Zeit auch die tolle bunte Felskonstellation, die den Strand auf der rechten Seite begrenzt. Es sind die merkwürdig schräg aufragenden Steinplatten, die wir überall hier haben, aber bei diesen ist jede Schicht in einer anderen Farbe, so dass von gelben über braune und Grüntöne eine unglaublich tolle Kombination entstanden ist. Gegen vier, als wir uns gerade vorbereiten, auf den hinter uns liegenden Berg zu steigen, kommt Linus dahergefahren. Es ist jetzt das dritte Mal, dass ich ihn antreffe und dieses Mal eine gute Gelegenheit, zusammen ein Bier zu zischen, während wir uns unterhalten. Der anschließende Aufstieg dauert nicht allzu lange, man hat von hier oben einen wunderbaren Blick über die Straße, den Strand und weit in die Landschaft. Ab einer bestimmten Höhe ist es hier auf dem Berg nur noch eine Geröllwüste, so dass es auch nicht lohnenswert ist, noch weiter hoch zu steigen. Stattdessen machen wir eine Pause und haben mehr und mehr unsere Freude daran, Steine verschiedener Größen von oben den Berg herunterzustoßen und dabei zu beobachten, wie sie immer mehr Fahrt aufnehmen, um irgendwann unten in einem anderen Geröllfeld zum Liegen zu kommen. Das ist Kindertag für Große und ich habe schon lange nicht mehr so laut und herzhaft gelacht. Wie sie zwischendurch in heftiger Rotation springen oder manchmal auch beim Auftreffen auf andere Steine in tausend Stücken zerbersten und dann immer wieder dieser merkwürdig intensive Geruch von zermahlenem Gestein. Wir brauchen etliche Anläufe, bis wir uns endlich beruhigt haben und den Weg nach unten antreten. Gegen acht zaubert Tobi wieder was tolles zum Essen und anderthalb Stunden später machen uns noch einmal auf, diese bunten Felsvariationen neben unserem Strand aus der Nähe zu erkunden. Es ist gerade Ebbe, da kommen uns die gut 3 Meter Höhenunterschied des Wassers zugute, sodass wir das Gestein an den tiefsten Stellen bewundern und auch begreifen können, wo es vom Wasser noch glatt wie Marmor geschliffen ist. Dort, wo es aus dem Wasser immer herausragt, beginnt es recht schnell, brüchig zu werden und die einzelnen Plattenschichten zerlegen sich Stück für Stück im Wetter. Das ganze ist mit tollen Wolken- und Lichtspielen weit draußen über dem Meer garniert, so dass an Mitternacht wieder nicht viel fehlt, bis wir zurück sind und schlafen gehen.Read more
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- Day 19
- Friday, July 25, 2025 at 10:32 PM
- ☁️ 13 °C
- Altitude: 16 m
NorwayEkkerøya - Ekrea70°4’19” N 30°6’22” E
25. Juli

In den Morgenstunden hat es geregnet und wir beginnen den Tag mit der Prozedur „Abwischen und gleich wieder draufregnen lassen“. Bei Tobi klappt das noch nicht so gut, er kann tatsächlich trocken einpacken und ist fertig, während ich das altbekannte Spiel ja schon seit langer Zeit beherrsche. Ich lasse die Behausung einfach am Strand zurück und wir gehen zum Auto an der Straße zum gemeinsamen Frühstück. Am Ende packe ich mein Zelt heute nass ein und gegen elf verabschieden wir uns nach zwei tollen gemeinsamen Tagen, jeder fährt ab jetzt wieder seiner Wege. Tobi wird sich Richtung Nordkap orientieren, während ich Vadsø ansteuere. Ich fahre natürlich die gleiche Strecke zurück, die ich ab Vardø herkam, sie fährt sich allerdings heute deutlich angenehmer, da es nur leichten Gegenwind hat. Gegen eins habe ich die Kreuzung bei Vardø erreicht, ab hier beginnt wieder ein Tag mit unendlich vielen Stopps, weil es doch immer wieder was zu sehen gibt. Da liegt in einem kleinen Bachbett nahe der Küste ein riesengroßes hölzernes Schiffsruder, ich frage mich, wie groß wohl das ebenso hölzerne Schiff dazu gewesen sein mag. Nur eine Viertelstunde später nahe eines kleinen Fischerhafens stehen einige Boote an Land, die es hinter sich haben. Sie haben irgendwann mal am Grund gelegen, entsprechend gespenstisch sehen Sie aus. Von hier aus zieht sich die Straße jetzt einen Berg hoch, auf dessen Spitze große Antennenanlagen stehen und wie ich in einiger Entfernung erkennen kann, ist dort wohl eine Weltkugel platziert, die ich als Infopoint mit irgendwelchen Details und Beschreibungen aus der Gegend hier wähne. Das Fahrrad in den Graben geparkt steige ich den guten Kilometer durchs Kraut die Bergflanke hinauf. Als ich näherkomme, muss ich erkennen, dass es wohl doch nichts für den Touristen Fabian ist. Es ist eine Radaranlage vom Militär, die wie meistens im überdimensionalen Fußball-Format, hier aber zusätzlich Camouflage überzogen ist. Schilder rundherum warnen wegen der hohen Strahlung vor einem Mindestabstand von 50 Metern zum Objekt. So kann man sich täuschen, nichtsdestotrotz ist die Aussicht, die ich von hier aus habe, sehr gut und der Weg war nicht umsonst. Wieder zurück auf der Straße zieht es sich weiter aufwärts und ich komme an einen Punkt, von wo aus ein Feldweg oben auf dem Kamm in Richtung der Antennenanlagen geht. Da hätte ich mir den separaten Aufstieg ja sogar ersparen können. Da ich schon aus einiger Entfernung in dieser hohen Lage eine Weltkriegsstellung ausmache, mache ich noch einmal einen Abstecher und halte in einem Ausguck gleich eine windgeschützte Pause, nachdem ich die Überreste inspiziert habe. Nur einen guten Kilometer weiter wartet schon die nächste Unterbrechung am Weg, es ist ein Ausguck noch immer auf diesem Höhenzug, der wohl sicher in den Bereich Kunst einzuordnen ist. Ein windgeschützter Platz, der mit rosaroten Glasscheiben ausgestattet ist. Aber auch der Blick durch diese rosarote Brille auf die Welt lässt mich nicht wirklich schneller vorankommen und ich merke, dass die gut 90 km, die ich heute angedacht habe, wohl ziemlich lang werden. Da ist der inzwischen recht stark gewordene Gegenwind auch nicht wirklich zuträglich. Gegen halb vier erreiche ich den kleinen Küstenort Kiberg, ein Schild an der Hauptstraße deutet auf ein Museum hin, das ich direkt ansteuere. Es ist das Partisan-Museum, in dem über die lokale Geschichte der Widerständler, das Agententum und russischer Zusammenarbeit im zweiten Weltkrieg berichtet und ausgestellt ist. Zumal auch in Kiberg eine besonders große Küstenbatterie der Deutschen installiert war. Ich halte mich über den eigentlichen Informationsbesuch hinaus lange auf, fühle mich müde und schlapp und sitze in einem Raum abseits und nicke ein bisschen. Dabei wird es sogar sieben, schließlich treibt mich aus diesem unbemannten Museum niemand heraus. Von jetzt an ist es aber ganz was anderes. Ich bin wieder frisch, mein Herz frei und froh und die Gischt schäumt mir nicht mehr so stark um den Bug. Wie beflügelt tragen mich meine zwei 26“-Schwalben zwar nicht über den Eriesee, aber mit großer Freude entlang der Barentsee über diese ewig langen Küstenstraßen am Varangerfjord. Schließlich hören sie auf den klangvollen Namen Marathon Mondial, fliegen also weltweit.
»Ich schau nach vorn, schau in die Rund, sechs Meilen bis Vadsø, drei bis vier Stund‘. Am Bugspriet hier vorn bleibt es hell noch im Licht, die Mitternachtssonne es mir verspricht. Im Herzen bin ich froh, das Herze ist frei, von Süd nur zieht langsam Regen herbei. Der Kapitän in der Karte späht, kaum noch‘ne Meile, noch nichts zu spät. Wie halb eine Insel, wo Klippen und Stein, jag ich den Muli nach Ekkerøy rein.«
Der Himmel ist bedeckt, es ist frisch, aber ein ganz anderes Fahren als vor dem Museum. Gegen halb zehn sehe ich vom Süden her in den Bergen Regen heranziehen und da es bis Vadsø noch 20 km sind, suche ich in der Karte, wo ich in Kürze beenden kann. Da ist in 5 km das Dörfchen Ekkerøy auf einer Art Halbinsel. Ich biege ab und an einem der ersten Häuser frage ich nach Trinkwasser, möchte noch vor dem eintreffenden Regen einen Platz gefunden und das Dach aufgespannt haben. So einfach funktioniert es natürlich nicht, schließlich bitten mich Hiltrud und Terje, ein freundliches Rentnerpaar, auf einen Kaffee herein. Ein anderes Paar, das gerade noch zu Gast war, begrüße und verabschiede ich zugleich und sitze eine gute halbe Stunde auf dem Sofa, unterhalte mich hauptsächlich mit Terje, der aus seiner Schulzeit noch ein Deutsch beherrscht, das mich wirklich staunen lässt. Wenn ich da im Vergleich an meine verbliebenen Russischkenntnisse denke, obwohl ich diese Sprache seinerzeit so geliebt habe, werde ich doch kleinlaut. Der Kurzbesuch war wohl eine Art Ablenkungsmanöver, wie ich beim Raustreten aus der Haustür sehe: Es hat geregnet, ist jetzt aber trocken und wirkt auch nicht so, als wäre da was akutes zu erwarten. Also verabschiede ich mich und fahre noch gute 2 km weiter bis an den Hügel, der direkt über dem Fjord thront. Schon aus einiger Entfernung sehe ich vier oder fünf große Eingänge in den Berg und mir ist klar, auch hier hat es eine Stellung gegeben, von der aus der Fjord im Krieg überwacht wurde. Auf dem kleinen Wanderpfad schiebe ich mein Fahrrad recht steil bis dahin, sehe mich schon in einer dieser Höhlen übernachten statt im Zelt. Dass es von den Decken her tropft und auch der Boden sehr steinig ist, lässt mich von diesem Gedanken abrücken und so ziehe ich noch ein Stück weiter, bis ich die Hochfläche auf dem Hügel erreicht habe. Dort begegne ich schon bei dem ersten Bunkereingang einem Paar, Hanne und Thomas. Sie wohnen hier im Dorf und machen gerade eine Abendrunde, wir unterhalten uns sehr gut und während sie den Rückweg antreten, ich gerade auf eine kleine Mauer hochsteige, um nach einem geeigneten Platz Ausschau zu halten, ruft Thomas mir zu: „Wir laden dich ein, du kannst bei uns im Haus übernachten“. Kurze Gedenksekunde, Einladung angenommen. Sie erklären mir kurz das Haus, an dem wir uns dann gleich treffen und so bin ich wenige Minuten später wieder zurück im Dorf, kann in einem leer stehenden Nachbarhaus mein Zelt zum Trocknen aufspannen und nach einer kurzen Dusche ein delikates Nachtmahl genießen, das Thomas für mich zubereitet hat. Dass es hier Fisch auf dem Teller gibt, ist wie bei mir zu Hause das obligatorische Pfund Eichsfelder Gehacktes. Die Stunde hat jetzt schon wieder Mitternacht geschlagen, wir sitzen noch eine Weile, unterhalten uns und die Frage, wann ich denn aufbrechen will, kann ich wieder mal nicht wirklich beantworten. Denn es steht für mich zur Wahl, von Vadsø nach Kirkenes noch einmal das Schiff zu nehmen und in 2 Stunden über den Fjord überzusetzen oder das selbe um den Fjord herum in zwei Tagen aus eigener Kraft zu tun. Da das Schiff nur einmal morgens um sieben fährt und ich ja auch noch eine gewisse Anfahrt habe, willige ich ein, morgen noch hier zu bleiben und den Tag mit ihnen zu verbringen.Read more
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- Day 20
- Saturday, July 26, 2025 at 5:16 PM
- ☁️ 13 °C
- Altitude: 6 m
NorwayEkkerøya - Ekrea70°4’14” N 30°5’50” E
26. Juli

An die Vereinbarung, ordentlich lange auszuschlafen, halte ich mich und wir sitzen irgendwann nach um zehn zusammen und frühstücken. Die zwei sind in ihrer Art sehr herzliche angenehme Leute und da sie auch so alt sind wie ich, haben wir viel zu erzählen. Vom Leben hier oben im Norden, aber auch weiter im Süden Norwegens, wo Thomas herstammt. Sie sind beide gerade hier in Hannes Heimatdorf auf Urlaub, wo ihre Geschwister leben und arbeiten und das sie natürlich bis ins Detail kennt. Faszinierend sind für mich die vielen kleinen Details und Geschichten, die ich für mich mitnehmen kann. Zum Beispiel von der kleinen Insel Lille Ekkerøy unweit des Dorfs, wo 1952 mal ein Eisbär auf einer Eisscholle angelandet ist. Angesichts der für ihn widrigen Umstände bis hierher war er am Verhungern und man hat ihm dann auch relativ schnell den Garaus gemacht. Gegen zwölf brechen wir bei recht tristem Wetter auf nach Vardø, hier ist ja gerade das Pomoren-Festival, das wir besuchen wollen. War das Wetter beim Aufbruch noch trüb und auf der Strecke sogar etwas regnerisch, ist es beim Festival wieder klar und sonnig. So bin ich doch wieder zurück an diesem Ort, an dem ich noch gestern Morgen kaum etwas wahrgenommen habe, insbesondere nicht die vielen Street Arts an den Häusern. Wir drehen extra eine Runde durch den Ort, um hier und da eins dieser Kunstobjekte auszumachen. Eins ist besonders interessant, hier hat der Künstler auf einer Giebelwand in einem einfachen Rauhputz, der weiß überstrichen ist, die Farbe so aufgekratzt, dass es ganz ohne weitere Farbe ein tolles Gemälde mit einer gewissen Räumlichkeit ergibt. Und heute treffe ich auch die Leute wieder, die ich gestern Abend nur so kurz beim Kaffeetrinken kennengelernt habe, es sind nämlich Hannes Eltern. Die Welt ist in so einem Dorf ja doch recht klein. Die Pomoren übrigens sind eine Volksgruppe nahe Archangelsk im hohen Norden Russlands am Weißen Meer, die über lange Zeit mit den Menschen in der Finnmark Handel betrieben haben. Sie segelten zu den Dörfern in Nord-Norwegen, um dort Holz, Leder und Mehl zu verkaufen. Im Gegenzug erwarben sie Fisch und Pelze. Diesen Handel gibt es heutzutage nicht mehr, aber es gibt eine Verbundenheit, umso trauriger, dass angesichts des aktuellen Verhältnisses zu Russland niemand aus dieser Gegend als Gast anwesend ist. Wir schlendern über den kleinen Marktplatz, besuchen das Pomoren-Museum und ich probiere mal eine Wintermütze, die aus Robbenfell und vom Fjällräven gemacht ist. Etwas Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen und die beiden zeigen mir noch einige Sachen in der kleinen Stadt. Da ist die Festung Vardøhus aus circa 1300, was mich jedoch am meisten beeindruckt, ist das Denkmal für die Opfer der Hexenverbrennung. Mir war bis dahin nicht klar, dass es ebenso Männer wie Frauen getroffen hat und hier wurden im 17. Jahrhundert 135 Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, da sie der Hexerei beschuldigt waren. Zu jedem von ihnen gibt es hier eine Niederschrift, die den Namen und die jeweilige Geschichte der Unglückseligen wiedergibt. Gegen fünf am Nachmittag sind wir wieder zurück und haben noch Großes vor. Die beiden haben draußen im Fjord einen Käfig in gut 100 m Tiefe platziert, in dem sie die hier invasiven Königskrabben fangen wollen. Wir fahren gemeinsam raus, nachdem wir in dem kleinen Hafenrestaurant, das Hannes Bruder betreibt, noch einmal Terje und Hiltrud antreffen. Draußen heißt es dann natürlich anpacken, ich hätte nicht geahnt, wie viel Kraft es kostet, einen solchen Korb 100 m im Wasser emporzuziehen. Wir wechseln uns mehrere Male ab, um am Ende doch nur an Erfahrungen reicher zu sein. Aber alleine die Tatsache, hier draußen zu sein und von dem ganzen eine Vorstellung zu kriegen und auch mitzuhelfen ist es alle Male wert. Wir versuchen uns danach noch eine ganze Zeit lang an verschiedenen Stellen beim Angeln, fahren aber schlussendlich doch ohne die erhoffte Beute zurück. Als Trostpreis hatte ich immerhin in gut 60 m Tiefe mit meinem Haken eine recht große Seealge samt einem Stein unten dran erwischt und die ganz enthusiastisch nach oben gezogen. Das Ziehen und Zerren an der Leine hätte ebenso gut ein Dorsch sein können. Trotzdem gibt es bei den beiden am Abend keine Pilzsuppe, sondern nach frischen Schrimps als Vorspeise Flunder mit Kartoffeln und flüssiger Butter als Hauptgericht. Ein einfaches Essen, wie ich es mir als Dorfkind nicht besser wünschen könnte. Dass das alles frisch hier aus dem Fjord ist, erklärt sich von selbst. Wieder sitzen wir lange bis Mitternacht und erzählen, jeder hat irgendetwas inspirierendes beizutragen. Da ich diesen zusätzlichen Tag hier verbracht habe, will ich morgen ganz früh aufbrechen und das Schiff rüber nach Kirkenes nehmen, um dann von da weiter Richtung Osten zu machen.Read more
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- Day 21
- Sunday, July 27, 2025 at 7:12 PM
- ☁️ 16 °C
- Altitude: 2 m
NorwaySouth Varanki69°47’22” N 30°47’35” E
27. Juli

So, nun heißt es mal wieder etwas nach einem Plan in den Tag zu starten. Da das Schiff nur einmal täglich fährt, will ich sicher sein, es nicht zu verpassen. Habe mir also den Wecker auf um vier gestellt, frühstücke und schnüre mir mit dem von Hannes Mutter selbst gebackenem Brot ein kleines Proviantpaket. Noch schnell geduscht muss ich unbedingt noch einmal den Fußweg hoch auf den Hügel machen, wo ich die Bunkeranlage ja vorgestern nicht bis zum Ende erkundet habe. Das tue ich jetzt in recht schnellem Schritt, da die Zeit limitiert ist und ich am Horizont schon das Schiff der Reederei Havila kommen sehe. Um zwanzig vor sechs verlasse ich das Dorf, bin um diese Zeit am Sonntag ziemlich allein, treffe lediglich Schafe und einen Käfer auf dem Weg nach Vadsø an. Der Wind ist still, das Wetter gut und so muss ich nicht wirklich hasten, auch wenn ich das Postschiff immer in meinem Nacken wähne. Ich habe genug Zeit, doch noch hier und da anzuhalten und diese Stimmung am frühen Morgen zu genießen. Sei es die Sonne, die an bestimmten Stellen auf die Berge hinter dem Fjord scheint oder das Licht, aus dem vom Norden her das Schiff gefahren kommt. Die einzelnen Häuser oder kleinen Dörfchen an der Straße, einige wenige dieser Häuser sind noch wirklich alt und seinerzeit nicht der Taktik der verbrannten Erde zum Opfer gefallen. Da bleibt auch kurz vor Vadsø circa 1 Stunde vor der geplanten Abfahrt noch Zeit, dem Spiel oder Kampf zwischen einer Möwe und einem Seeadler zuzusehen. Im Städtchen selbst ist natürlich alles ruhig, ich fahre einmal durch den Hafen, wo die Fischerboote sich kunterbunt im Wasser spiegeln und auf der vorgelagerten Insel Vadsøya, die über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist, kann ich den 1926 errichteten Ankermast besichtigen. Von hier aus sind die Luftschiffe von Roald Amundsen und Umberto Nobile zu den Nordpolexpeditionen gestartet. Wie schön, dass ich auch diesen Geschichten durch den Norden hier oben so konkret folgen kann. Von hier aus fahre ich über die Brücke wieder zurück in den kleinen Hafen, um dann dort am Steg festzustellen, dass ich exakt auf der falschen Seite bin. Die Havila Polaris läuft schon in den Hafen ein und so heißt es jetzt sehr flinke Füße, wieder durch die Stadt über die Brücke auf die andere Hafenseite zu gelangen. Wie schnell man doch wach ist und unheimliche Kräfte entwickeln kann, wenn es denn mal drauf ankommt. Das Einchecken ist schnell gemacht, der Lademeister nimmt mir draußen mein Fahrrad ab, es ist hier die vorletzte Station der elftägigen Reise Richtung Norden, die das Postschiff anläuft. Die zweistündige Überfahrt kostet mich alles in allem 40€, angesichts des Preises von gut zehn Euro für einen einzelreisenden Passagier ist der Aufpreis für das Fahrrad schon horrend. Die Zeit verbringe ich komplett auf dem hinteren Deck, sitze in der warmen Sonne und genieße mein Frühstück mit Tee. Die Sonne strahlt auf Kirkenes, als wir gegen neun einlaufen. Hier ist etwas mehr Trubel beim Aussteigen, da für viele die Reise hier endet und sie Richtung Süden zurückfliegen. Ich übernehme draußen neben der großen Laderampe mein Fahrrad, komme mit ein paar weiteren Radlern ins Gespräch und nachdem ich eine Extra-Orientierungslos-Runde durch die Stadt gedreht habe, lande ich bei dem selben einzig offenen Laden wie auch die anderen Biker schon vor mir, wo wir uns Kaffee und ein paar süße Teilchen gönnen. Es ist immer ganz angenehm, ein paar Geschichten von anderen, wie in diesem Fall von Vera aus Vorarlberg zu hören. Nicht nur, von wo nach wo sie gerade radelt, sondern viel mehr, was sonst in ihrem Leben passiert oder sie bewegt. Gegen elf ist dann Aufbruchstimmung, ich will zwar hier in Kirkenes einen ganzen Tag zubringen und auch Museen besuchen, da es aber Sonntag ist und das Wetter toll, werde ich heute an den nordöstlichst zugänglichen Punkt des Landes, nämlich nach Grense Jakobselv direkt an der russischen Grenze fahren. Das sind gute 60 km, die es teils am Fjord entlang, teils aber auch durch die Berge geht. An einer Tankstelle erhöhe ich noch mal meinen Reifendruck, da es sich doch leichter rollt. Gute 15 km aus der Stadt heraus komme ich, nachdem ich noch einen Tunnel umfahren habe, an den Grenzübergang Storskog, übrigens derjenige welche, den man als letzten von allen europäischen im Zuge des aktuellen Krieges geschlossen hat. Zu sehen gibt es da natürlich nicht sehr viel, die Straßenschilder weisen auf Murmansk hin und nachdem ich ein Foto gemacht habe, bleibe ich an einem kleinen, sehr einfachen Souvenirshop direkt vor der Grenze hängen. Der Betreiber schraubt draußen in der Sonne an alten Klapprädern, er scheint etwas mürrisch, als ich ihn anspreche. Im Shop gibt er mir zu verstehen, dass er bei diesem Wetter unbedingt raus muss, da sie das hier nicht so häufig haben und ich mich doch melden soll, wenn ich was von ihm will. Nach einem kleinen Blick durch die Regale wäre da schon mal die Frage nach der Bezahlung, denn Karte akzeptiert er augenscheinlich nicht. Korrekt, wie er mir bestätigt, er akzeptiert nur Cash oder das hier geläufige Vipps. Tja, woher jetzt nehmen, wenn nicht stehlen? Da mich doch zwei oder drei kleine Teile interessieren, krame ich erst in meinem Gedächtnis, dann in meiner Tasche mit den wichtigen Sachen, um ein paar schwedische Kronen aus dem letzten Jahr hervorzuholen. Das ist Cash und das ist für ihn okay. Kurz darauf sitze ich draußen auf ein paar Holzplanken neben ihm und wir unterhalten uns über das Hier und Jetzt. Natürlich interessiert mich das Thema Russland und Russen, die Grenze hier, zu gern würde ich direkt weiter bis nach Murmansk fahren. Er fragt mich nach meinen Vorstellungen, interessanterweise entsteht daraus ein Gespräch, in dem aus dem mürrischen Männchen ein redseliger Gesprächspartner wird. Der mich als totalen Träumer sieht, der von dem Leben und der Art in Russland keine Ahnung hat. Keinerlei Geheimnis daraus macht, dass er sie nicht mag und ablehnt. Er schildert mir Situationen, die er über die Jahre erlebt hat und auch jetzt immer mal wieder erlebt. Über die Art, wie diese Menschen sich aufführen, über die Gleichgültigkeit gegenüber anderen und die Art von Anarchie, die dort drüben herrscht. All die Sicherheiten, in denen wir uns hier wiegen und auf die wir uns auch verlassen können, zählen dort nichts und mehrere Male erwähnt er, während er ein Steinchen auf den Schotterplatz wirft, dass ich bei denen nur ein völlig bedeutungsloser „Brick“ in ihrem Leben sei. Während er erzählt, lacht er zwischendrin immer wieder schallend laut, als wolle er das gesagte damit noch deutlich unterstreichen. Nach einer guten halben Stunde kommen ein paar Touristen daher, dann ist er abgelenkt und das Gespräch verläuft sich. Ich sitze noch einen Moment und denke: „Genau darum bin ich hier“. Menschen, ihre Geschichten und Meinungen zu hören. Es erinnert mich an die Situation im letzten Jahr, als ich nördlich von Hannover abends mein Zelt im Wald aufgestellt hatte und kurz darauf mit dem örtlichen Jäger in Kontakt kam, der mir, wie viele Bewohner in den folgenden Tagen auch, ein völlig anderes Bild vom Wolf in meinen Kopf gezeichnet haben. Ich habe jetzt keine Angst vor alldem, betrachte es aber aus noch mehr Perspektiven als bisher. Gegen eins breche ich auf, noch gute 45 km zu machen. Es zieht sich ganz unterschiedlich mal an den Fjord, mal wieder höher in die Berge und ich passiere immer wieder einzelne Häuser, beeindrucken tun mich am meisten wieder die, die noch von ganz früher stehen geblieben sind und seitdem Stück für Stück verfallen. Verwundert bin ich über die Menge an Häusern, die entlang dieser im Winter komplett gesperrten Straße doch immer etwas abseits stehen. Es sind also Sommerhäuser, hier und da sehe ich auch Autos oder ein paar Leute. Eine Sache ist ganz nebenbei auch irgendwie merkwürdig, aber nicht schlimm: Seit Tagen liegt mir „Katjuscha“ in den Ohren. Im Partisan-Museum lief im Hintergrund russische Musik, unter anderem dieser schöne Titel, der mich jetzt auf dem Weg nach Russland begleitet. In den Bergen weist ein Schild auf das älteste Fjäll Norwegens hin, das in dem grellen Licht der brennenden Sonne wunderschön wirkt. Gegen halb vier habe ich auf gut 200 m Höhe das Jarfjordfjellet erreicht, wo ich mich zu einer Pause niederlasse. Die ich allerdings so kurz wie möglich halte und auch nicht in großer Ruhe, die Mücken herum sind doch ziemlich penetrant. Auf der ziemlich rappeligen Straße rächt sich jetzt ziemlich der hohe Luftdruck, den ich heute Morgen verabreicht habe, denn sie ist wirklich schlecht. Immerhin ist sie aber geteert und ich gut gefedert. Um vier passiere ich das Ortsschild Grense Jakobselv, allerdings ist der Begriff Ort ziemlich irreführend. Entlang der nächsten gut 10 km Schotterpiste stehen weiterhin vereinzelt Häuser, ich passiere noch ein altes Schulgebäude. 10 Minuten nach dem Ortsschild kommt die Straße dann direkt an das Flüsschen Jakobselv. Da bin ich nun also an der russischen Grenze, die in der Flussmitte durch die tiefste Stelle repräsentiert wird. Diesseits stehen die gelben Grenzpfosten der Norweger, jeweils gegenüber die grün und rot lackierten der Russen. Es stehen genau hier an diesem Punkt einige Schilder, die deutlich darauf hinweisen, wie man sich zu verhalten hat. Dass das Überqueren des Flusses, das Provozieren oder Fotografieren speziell von Militärpatrouillen auf der anderen Seite verboten ist ebenso wie das Werfen von Steinen in oder über den Fluss. Eben all das, was der gesunde Menschenverstand als Provokation ansehen würde. Ich sehe an ein paar wenigen Stellen Leute auf der anderen Seite, die gerade angeln, einer von ihnen ist in soldatischer Kleidung. Auf ein freundliches Hej bekomme keine Antwort. Später lese ich noch auf einem anderen Schild, dass selbst die Kontaktaufnahme und Gespräche über die Grenze ausnahmslos jedem auf beiden Seiten per Gesetz untersagt ist. Warum erinnert mich das so stark an die ehemalige Grenze der DDR zum Westen? Und rolle weiter entlang dieses mystischen Flusses, während auf der anderen Seite die Berge genauso schön sind wie diese hier und immer mehr denke ich bei mir: „Ja, warum sollte da auch irgendetwas anders sein?“ Es ist nur eine von Menschen gemachte und erdachte Linie und einfach zu schade, dass ich nicht auf einen ihrer Berge steigen kann. Hoch oben diesseits auf dem Berg haben die Norweger einen Stützpunkt, von dem aus sie mit moderner Technik das Areal überwachen, die Russen tun selbiges auf einem nicht so hohen Berg ihrerseits. Gegen fünf erreiche ich ziemlich das Ende der Straße, hier verläuft sich der Fluss etwas breiter gleich ins Meer und ich besuche noch die an diesem speziellen Ort in 1869 errichtete König-Oskar-II.-Kapelle. Sie wurde wegen wiederholter Grenzstreitigkeiten als Grenzzeichen erbaut und nach seinem Besuch in 1873 nach dem König benannt. Gleich auf der anderen Seite der Piste sind die Überreste einer weiteren Bunkeranlage aus dem zweiten Weltkrieg zu sehen, die ich noch kurz aufsuche. Es ist schon irgendwie skurril, da sind die Reste dieser letzten übermächtigen Aggression noch nicht weggeräumt, da stehen schon die nächsten an, um es ihren Vorgängern ziemlich gleich zu tun. Von hier aus ist es jetzt noch ein halber Kilometer und ich habe das Ende der Straße erreicht. Auf einem sandigen Parkplatz stehen 10-15 Wohnmobile, es gibt einen Shelter und ein Toilettenhaus. Vor dem Shelter stehen zwei junge Militärs, die bewusst hier mit den Touristen Kontakt aufnehmen während ihrer Patrouillen, um aufzuklären und dem, was eh auf den Schildern geschrieben steht, noch einmal Nachdruck zu verleihen. Denn wie sie mir erzählen, gibt es immer mal wieder besonders schlaue, die auf der anderen Seite des Flusses Fotos machen, um sich dann in den sozialen Medien damit zu rühmen. Es ist sehr interessant und angenehm, sich mit diesen ungefähr 20-jährigen Wehrdienstleistenden zu unterhalten, die nach einer besonderen Ausbildung seit Januar hier eine besondere Art von Dienst machen, der gleichzeitig aber auch sehr an Urlaub erinnert. Kurz darauf finde ich über der Düne gleich neben dem breiten weißen Sandstrand ein wunderbares Plätzchen, an dem ich mein Zelt einrichte. Aufgrund der Schönheit dieses Fleckchens bin ich direkt so angetan, dass ich das ursprünglich schon für morgen geplante Zurückfahren nach Kirkenes streiche. Das Wetter ist so wunderbar mit dem warmen Wind von Süden und der Sonne dazu. Aus den Bergen hinter mir kommt ein kleiner Bach heruntergelaufen, an dem ich mich auch morgen mit Frischwasser versorgen kann und so fühlt es sich wieder einmal an, als wäre ich in ein neues Paradies gestolpert.
Спасибо, здесь очень приятно.Read more

TravelerJa, wenn man den Dachschaden als Lichtquelle zu schätzen lernt, die alten Fenstergläser zerstört und herein lässt, was man von innen schon lange ersehnt, beim Herausschauen den Bauplatz im Pardies erblicken, hören, riechen und fühlen kann... dann kommt auch in dem alten gestreiften Kleid, dessen Farben der Fluß des Lebens in ein warmes, unbeabsichtigt kunstvolles Batikmuster verwundert hat, eine Schönheit zu Tage, die uns, die wir uns so gern und leicht vom Zauber des immer Neuen (ver)-leiten lassen, still stehen und ahnen lässt, dass im Haus wohl ein Künstler leben muss, ein alter Meister, der aufgegeben hat, den Pinsel zu führen, sich stattdessen durch Licht und Farben der Zeit gehen lässt und mit seinen eigenen Füssen das Bild seines Lebens malt....was darauf ist, wird sich zeigen ...in jedem Fall ein Selbstporträt..
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- Day 22
- Monday, July 28, 2025
- ☀️ 22 °C
- Altitude: Sea level
NorwaySouth Varanki69°47’20” N 30°47’30” E
28. & 29. Juli

Diesen Tag widme ich mir selbst als Ruhetag und vor allem meinem Tagebuch. Seit über einer Woche habe ich nicht mehr geschrieben und das beginnt, innerlich zu nagen. Da ich für den Nachmittag Regen und Gewitter herausgehört habe, starte ich recht früh gegen sieben in den Tag und nach dem Frühstück schwimme ich erst mal eine Runde. Das Wasser fühlt sich hier noch wärmer an als vor ein paar Tagen, es ist die bisher längste Runde, die ich schwimme. Gleich darauf raffe ich ein paar Sachen zusammen, um gleich neben dem Strand auf den Berg zu steigen und von da aus weiter ins Hinterland auf den nächsten und wieder nächsthöheren. Die Aussicht von hier oben ist wunderbar, von diesem Punkt aus sehe ich das Gebäude der Militärs, zu dem eine ewig lange Treppe den Berg hoch führt. Von dem bis hierher erklommenen Berg steige ich in einen kleinen Canyon herunter, in dem der Bach angelaufen kommt und komme dort direkt mittendrin zu der Treppe, die unten am Fuß des Berges startet und bis ganz hoch führt. Die Aussicht dort oben dürfte aufgrund der Höhe noch viel weiter sein, also stapfe ich Stufe um Stufe hier hoch, bis ich gegen zehn angekommen bin. Während ich mich von hier aus in alle Richtungen umsehe, kommt einer der jungen Soldaten heraus und fragt mich höflich, was ich denn hier zu tun hätte. Dass es streng verboten sei, hier hoch zu kommen und auch zu fotografieren. Ich erkläre ihm, dass ich über die Berge statt unten vom Fuß der Treppe herkam und dementsprechend die von ihm erwähnten Schilder nicht wahrnehmen konnte. Er bittet mich, hier zu warten und kommt kurz darauf wieder, weil er diesen Fall in irgendeiner Form nach den vorgegebenen Regularien dokumentieren muss. Den Ausweis habe ich natürlich nicht dabei, er gibt sich aber mit einem Foto auf meinem Handy zufrieden und studiert mit mir gemeinsam die relevanten Bilder, die ich aufgenommen habe und natürlich direkt löschen muss. Nach einer weiteren kurzen Nachfrage im Haus erhalte ich von einem seiner Kameraden die Erlaubnis, die Treppe wieder bis ganz runter zu gehen und so schleiche ich mich, nicht ohne vorher noch ein paar freundliche Worte miteinander gewechselt zu haben. Ich komme nahe der Kapelle wieder auf die kleine Straße, es hat inzwischen angefangen zu regnen und da ich es trocken eh nicht bis zum Zelt zurück schaffe, gehe ich wieder direkt an der Bunkeranlage entlang bis zu dem Punkt, wo der Fluss ins Meer läuft. Von hier aus folge ich dem Strand und als ich wieder zurück zum Platz komme, treffe ich erneut auf die zwei camouflagierten Kameraden von gestern. Wir unterhalten uns noch eine Weile, dann verziehe ich mich wieder Richtung Zelt, gehe noch einmal schwimmen und vertreibe mir den Tag, während ich nebenbei Tagebuch führe. Gegen zwei am Nachmittag zieht es sich deutlich zu, das Donnern ist weithin zu hören und da ich den Heringen in diesem Sandboden bei solchen Wetterlagen nicht abschließend vertraue, schleppe ich zur Absicherung noch einige große Steine heran. Wer weiß, wie es nachher mit dem Wind sein wird. Gegen drei gibt es dann die erste Kostprobe aus der Himmelsbrauerei. Ich habe mich pro forma zum Shelter aufgemacht, weil ich dort auch bei strömenden Regen das Gewitter sehr gut beobachten kann. Hier treffe ich auf zwei der jungen Soldaten, die heute Morgen oben auf dem Berg waren und da sie noch gute 2 Stunden hier sind und auch das folgende Gewitter im Shelter abwarten, haben wir lang und breit Zeit, uns wirklich toll zu unterhalten. Dabei beobachten wir die Blitze, wie sie ganz in der Nähe in die Berge und ins Meer einschlagen und die ganze Umgebung mit lautem Krachen erbeben lassen. Pünktlich gegen sechs ist das gröbste vorbei, die zwei müssen jetzt wieder hoch auf ihre Festung, ich hoffe inständig, auch meine Sandburg in einem Stück vorzufinden, denn es wird im Laufe des ganzen Abends immer wieder stark regnen und winden. Den folgenden Dienstag hänge ich auch noch dran und bleibe an diesem schönen Platz. Ein Bad im Meer und einfach ohne Hast den Tag sein lassen. Mehr ist es nicht und mehr braucht es nicht. Es regnet immer mal wieder und im Laufe des Nachmittags ändert sich das Wetter einmal komplett. Der Wind hat jetzt gedreht und kommt von Nord. Der Himmel ist komplett bedeckt und wenn es nicht konkret Regen ist, liegt zumindest ein feiner Niesel in der Luft. Dass die Temperaturen sich dementsprechend ziemlich reduzieren, ergibt sich aus dem Kontext. Es ist jetzt echt Arctic Summer. Am späten Nachmittag gehe ich noch mal vor zum Shelter und treffe dort Mantas, einen Litauer, der gerade mit dem Fahrrad angekommen ist und hier natürlich ein anderes Paradies vorfindet, als ich es hatte. Er will sich von hier auf den Weg nach Portugal machen und ist deswegen nicht so sehr mit Ruhe gesegnet. Und merkt gerade jetzt beim Zubereiten seiner ersten Mahlzeit auf dieser Reise, dass ihm ausgerechnet ein Feuerzeug fehlt. Da freue ich mich doch besonders, ihm eins von meinen zu überlassen. Als Schwergewichtler habe ich tatsächlich drei an Bord, zwei davon natürlich noch nie gebraucht, ihnen nur die Welt gezeigt. Also wahrlich entbehrlich. Wir unterhalten uns sehr gut, trinken zusammen einen Kaffee und ich sehe, wie unruhig er ist und doch jetzt gleich wieder aufbrechen will, um die 60 km zurück nach Kirkenes am besten noch heute zu schaffen. So hat jeder seine Art zu reisen und nachdem wir unsere Kontakte ausgetauscht haben, verabschieden wir uns. Ich freue mich, ihn vielleicht bald mal in Vilnius besuchen zu können.Read more
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- Day 25
- Thursday, July 31, 2025 at 9:16 AM
- ☁️ 15 °C
- Altitude: 91 m
NorwayKirkenes69°43’2” N 30°3’22” E
30. Juli

Zeit zum Aufbrechen. Irgendwann muss ich ja doch von hier zurück und das deutlich abgekühlte Wetter ist dabei vielleicht ganz hilfreich. Die Berge hängen in den Wolken und es liegt ein gewisser Dunst überall in der Luft. Trotzdem schaffe ich es, mein Zelt nach einmal abwischen schon wegzupacken. Zum Frühstück schaffe ich all mein Zeug in den Shelter und nachdem ich hier noch ein paar Leute gesprochen habe, breche ich gegen zehn auf. Entlang des Jakobselv fährt es sich heute wie geschmiert, auch wenn bei dem trüben Wetter die Sicht natürlich nicht so brillant ist. Nach einer guten halben Stunde treffe ich am Wegesrand zwei Frauen, eine macht irgendwas im Graben, die andere schreibt etwas auf. Als ich sie interessierterweise befrage, erklären Sie mir, dass der Wasserdurchlauf hier für die Lachse nicht gut geeignet ist und sie dementsprechend vermessen, wie man ihn umbauen kann, um ihre Wanderung flussaufwärts zu vereinfachen. Nach ein paar netten Minuten Plauderei verabschiede mich und wieder kurz später wird es mir in meinen langen Klamotten schon so warm, dass ich auf kurz umbaue. Wir haben Temperaturen zwischen zehn und zwölf Grad und gegen Dreiviertel elf trennen sich die Wege des Flusses und der Straße, folglich auch die Väterchen Russlands und der meinen. Es geht jetzt wieder höher in die Berge und fängt Stück für Stück an zu regnen. Während ich anfangs noch spekuliere, es einfach ohne Regensachen über mich ergehen zu lassen, ziehe ich doch immerhin die Regenjacke über. Kurze Hose, blankes Schienbein und Crocs sind auch bei dem Wetter völlig in Ordnung. Der Regen wird stärker und stärker und insbesondere, als ich wieder die Asphaltstraße erreicht habe, habe ich helle Freude daran, dem großen Schmutzfänger an meinem Vorderrad bei der Arbeit zuzusehen, wenn das Wasser massenweise daran herunter läuft, statt mir um die Füße zu spritzen. Bei einer der Pausen nehme ich aber wohl auch wahr, dass mein Licht schon wieder nicht funktioniert. Für mich der Beweis, dass es eindeutig mit der Nässe zu tun hat und ich mich darum wohl doch irgendwann mal kümmern muss. Bis dahin hoffe ich immer auf schönes Wetter. Ebenso wie um die hintere Bremse, die von Zeit zu Zeit auffällig hörbare Geräusche macht. Da werden wohl ein paar neue Bremsklötze fällig sein. Trotz des strömenden Regens komme ich sehr gut vorwärts und es fällt mir auch recht leicht. So erreiche ich gegen zwei den Grenzübergang Storskog und mache 1 km später an einem, wie es scheint geschlossenen Restaurant, eine Pause. Es sind jetzt nur noch 12 km bis Kirkenes und der Tag ist noch jung. Gegen halb vier erreiche ich den Rand der Stadt, wo ich erst mal im Supermarkt meine Vorräte inklusive ein paar Burger-Paddies zum Ablauf-Preis wieder auffrische. Und dann ist hier auch schon das für mich interessante Sør-Varanger-Museum. Hier ist eine Ausstellung über den zweiten Weltkrieg, ebenso über die Region insgesamt mit Zeichnungen und Bildern aus dem Leben der Sami und das allgemeine. Ein großer Teil ist der oberirdischen Eisenerz-Mine in Bjørnevatn gewidmet. Dass ich nur anderthalb Stunden habe, bis sie schließen, ist nicht dramatisch, die Zeit wird wohl reichen. Nebenbei kann ich meine Sachen trocknen lassen und auch das WLAN hier nutzen, da mein Datenvolumen in diesem Monat schon recht weit runter ist. Da ich den morgigen Tag auch der Stadt hier gewidmet habe, fahre ich hinein, vielleicht kann ich in der Nähe des Hafens einen Platz zum Übernachten finden. Da es weiterhin heftig regnet, lasse ich keinen Shelter oder Ähnliches aus, die Schlafmöglichkeiten zu checken, aber alle Optionen, selbst im Hafenbereich, sind nicht wirklich tauglich. Auf dem Weg durch die überschaubare Innenstadt fallen mir in vielen Straßen Marktstände und Foodtrucks auf, es wird also ab morgen hier eine Art Stadtfest geben. Das ist für meinen geplanten Besuch natürlich gut zu wissen. So mache ich mich wieder auf den Weg zurück aus der Stadt raus hoch an den Punkt zum Museum, von dem aus es noch etwas höher auf die Hügel geht, auf denen Bunkeranlagen sind und von denen aus ich auch einen Blick über einen Teil der Stadt und aufs Meer habe. Nachdem ich nun doch recht lange mit alldem zugebracht habe, schiebe ich schlussendlich das Rad über die weiten rundlichen Felsen und Wanderpfade, bis ich gegen acht hier oben einen kleinen See entdecke, an dem es auch einen Badesteg gibt. Das ist genau der Platz, den ich wollte. Der Regen hört um diese Zeit sogar auf und so kann ich draußen sitzen und auf einer Bank brutzeln. Ein junges Paar, das vorbeikommt und auch mal kurz die Wassertemperatur fühlt, erzählt mir, dass der Platz hier oben sehr beliebt ist zum Baden für die Leute aus der Stadt. Das werde ich morgen früh auf jeden Fall auch tun.Read more
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- Day 25
- Thursday, July 31, 2025 at 10:26 PM
- 🌫 14 °C
- Altitude: 14 m
NorwaySandnes - Goađak - Kotajoki69°40’3” N 29°55’24” E
31. Juli

Was für ein schöner Morgen. Hier oben auf der Höhe ist alles im Nebel, ich kann weder die Stadt noch sonstwas in der Entfernung sehen. Aus den beiläufigen Erwähnungen von gestern Abend weiß ich, dass es heute heiß werden soll und so zeichnet sich der gelbe Feuerball schon nach kurzer Zeit hinter den Nebelschwaden ab und arbeitet schwer an seiner Selbstinszenierung. Für mich ist der erste Weg natürlich heute am Morgen in den See. Es ist unglaublich warm und ich glaube, an 20° fehlt diesem Wasser hier nicht viel. Also tatsächlich etwas zum unbeschwert drinbleiben, rumschwimmen und genießen. Das ganze in einer außerordentlich stillen, wirklich ruhigen Atmosphäre, obwohl ich hier auf diesem Hügel ja direkt über der Stadt bin. Vielleicht ist es der Nebel, der alles Getöse schluckt. Und als wäre es meinem Wunsch nach erlebter Geschichte geschuldet, wird diese Ruhe beim gepflegten Frühstück auf dem Hügel ganz nahe der Bunkeranlagen um Punkt neun jäh unterbrochen, als das Horn des Postschiffes drei Mal laut wie an jedem Tag seine Einfahrt vom Fjord her ankündigt. Kurz darauf ist es dumpfes schweres Maschinengewehrfeuer vom Westen her, die Salven vom Übungsplatz dröhnen über eine Stunde lang immer wieder. Und wie als Paukenschlag zum Schluss gibt es ganz in der Nähe eine heftige Explosion. Eine Frau, die mit ihrem Hund gerade hier vorbei läuft, erzählt mir, dass wenige 100 m entfernt ein Haus gebaut wird und der Felsen darunter entsprechend mit Dynamit in die passende Form gebracht wird. Sie ist deshalb extra mit ihrem Hund hier rausgegangen, da am Morgen die Männer an den Häusern geklingelt und ihr Vorhaben angekündigt haben. Das lässt sich ja an wie eine wahre Geschichtsstunde. Ich habe just für heute um 12:30 Uhr den Besuch der Andersgrotta gebucht, des größten Luftschutzbunkers, den die Deutschen für die Zivilbevölkerung unter Anleitung des Minen-Ingenieurs Anders Elvebakk auf circa 300 m Länge und bis zu 70 m unter die Oberfläche in den Fels haben treiben lassen. Und so fühlt es sich ein bisschen an wie vor über 80 Jahren, als tatsächlich Explosionen und schweres Feuer, die Stadt erschütterten und die Menschen sich in dieser einzigen Zuflucht versteckten. Es ist trotz der sommerlich warmen Temperaturen außerhalb innen nur 4° über Null, im Winter war es herinnen vereist bei deutlich unter 10° Minus, wie der Guide erklärt. Es gab seinerzeit keine Elektrizität, Toiletten oder Ventilation hier drin, so dass die Menschen tatsächlich nur bei Fliegeralarm drinnen ausgeharrt haben. Das Ganze aber so oft wie nirgends sonst im zweiten Weltkrieg. Denn die Nähe zur russischen Grenze und nach Murmansk, was ja in wenigen Tagen erreicht werden sollte, war den Alliierten Anlass genug, diesen strategisch so enorm wichtigen Standort samt der ganzen Varanger-Region mit allen Mitteln zu beknien, schlussendlich ja mit Erfolg. Und er erklärt weiter, dass die schweren Eingangstüren immer offen standen, damit bei den über 1000 Fliegeralarmen und 800 Bombardierungen der Russen keine Sekunde verloren ging. Bis zu 3000 Menschen fanden hier drin Schutz und als die Deutschen das Feld geräumt hatten, war es für viele noch für längere Zeit eine Unterkunft. Was noch nicht zerbombt war, hat die „Taktik der verbrannten Erde“ zunichte gemacht. Es gab also faktisch nichts mehr, was hier gestanden hat und als Haus oder Wohnung nutzbar war. Entsprechend haben viele in irgendwelchen Höhlen oder auch im Bergwerk gelebt, bis Stück für Stück wieder Häuser und Hütten entstanden waren. Wirklich beeindruckt von alldem komme ich nach einer guten Dreiviertelstunde wieder raus in die brennend heiße Sonne und nehme wahr, dass ich ja hier in Wirklichkeit ein anderes Leben führe. Mich jetzt daran machen kann, ein paar neue Bremssättel als Leckerli für den Muli zu besorgen und danach zum Stadtfest zu gehen und mit wildfremden Menschen zu feiern. Da ich inzwischen zum x-ten Mal hier durch die Stadt und aus der Stadt heraus fahre, grüßen mich manche Autofahrer schon, weil wir uns zum wiederholten Male begegnen. Im ersten Laden gibt es nicht das erwünschte, aber wenn sie etwas sind, dann ist es hilfsbereit und empfehlen mir noch zwei weitere Läden, die überhaupt infrage kommen. Einer ist in der Stadt und den steuere ich auch erst mal an, aber auch hier ist das, was ich brauche, nicht verfügbar. Wenn ich schon mal da bin, schlendere ich entlang der Foodtrucks und Marktstände und tatsächlich ist es mir heute eine Freude, hier umherzuschleichen und mit verschiedensten Leuten ins Gespräch zu kommen. Da ist der Eiswagen, der mir in den letzten Wochen irgendwo in der Landschaft schon mehrmals aufgefallen ist, von dem ich immer angenommen habe, jemand nutzt ihn als Wohnmobil. Schräge Typen gibt es ja genug. Aber nein, es ist ein Pole, der den Stadtfesten und Festivals hier oben in einer Art Gruppe mit anderem fahrenden Volk hinterherzieht. Dann finde ich einen Käsestand, mal nicht aus Holland oder Italien, sondern tatsächlich von hier aus dem Pasviktal, dass ab morgen ohnehin auf meiner Liste als Destination steht. Ich unterhalte mich mit dem Betreiber, der also hier aus der Nähe stammt und eine Farm mit Kühen betreibt, sämtlichen Käse selbst herstellt. Die junge Frau, die mit ihm zusammen bedient, gibt sich als eine vor einem Jahr ausgewanderte Brandenburgerin zu erkennen, entsprechend locker und flockig ist das weitere Gespräch und die Preisverhandlungen mit dem Chef laufen dann auch auf Festivalniveau. Schließlich sitze ich auf dem recht vollen Marktplatz, habe heute doch einen Wal-Eintopf verdrückt und treffe auf Anja, eine Norwegerin und ihre russische Freundin Ira aus Murmansk. Es ist ein längeres Gespräch über das Warum, Wie, Wann und Ob, irgendwann sind wir natürlich auch beim Thema zweiter Weltkrieg, wo ich doch auch immer mehr feststelle, dass es den Bewohnern hier durchaus auch zu viel ist. Jeder fremde kommt hierher und fragt genau nach diesem Thema, obwohl all die Hügel und die Landschaft schon lange vor und auch lange nach der kurzen Besatzungszeit existiert haben und für sie deutlich mehr sind. Nichtsdestotrotz schickt mir Anja einen Link, wo es draußen in den Bergen ein Wrack eines deutschen Flugzeugs gibt, was im Großen und Ganzen so dort rumliegt, wie es während des Kriegs abgestürzt ist. Da das mehr oder weniger an meinem Weg liegt, wird das natürlich mein nächstes Ziel sein. Dazu sei gesagt, das Pasvikdalen zieht sich von Kirkenes aus gute 120 km Richtung Süden entlang der russischen Grenze bis hin zum Dreiländereck mit Finnland. Die Straße endet dort und ich werde das ganze Stück auch wieder zurückkommen müssen, wahrscheinlich auf dem Wege den Käsemann auf seiner Farm besuchen und mich hier in Kirkenes mit Ira im Terminal B, einer Kunstausstellung, noch mal treffen. Sie hat Kaffee und Waffeln versprochen. Jetzt heißt es für mich aber gegen halb fünf aufzubrechen, um außerhalb der Stadt im Intersport-Laden hoffentlich doch noch ein paar neue Bremsklötze zu ergattern. Mithilfe der freundlichen Verkäuferin ist das auch rechtzeitig noch vor um sechs getan und so breche ich jetzt auf in Richtung Pasvik auf, um in Sandnes abzubiegen und bis zu dem Punkt zu fahren, von wo aus ich wohl gute 7 km zu Fuß bis zu der Absturzstelle laufen werde. Es ist inzwischen gegen sieben, aber wie ich zu meiner Freude sehen kann, ist der Weg in die Berge, doch noch circa 3-4 km mit dem Rad befahrbar, so dass der Fußweg entsprechend kürzer wird. Gegen halb acht komme ich an einen Damm, der einen Fluss aufstaut, hier packe ich etwas Proviant zusammen und mache mich auf den Fußweg durch die Berge. Wie ich das genieße, bedarf keinerlei Erklärung, es ist das Fjäll und ich bin wieder da. Entlang an Seen und Flüssen durch Birkenwald ist der Weg gesäumt von hohen Granitfelsen und es spielt am Ende gar keine Rolle, ob ich jetzt 4, 7 oder 10 km laufen müsste. Gegen halb neun erreiche ich die Stelle, an der ich laut der norwegischen Beschreibung den Platz vermute, finde aber gar nichts vor. 100 m in jeder Richtung abgesucht bin ich etwas ratlos. Studiere noch einmal das gelesene und werde aber mit jedem Mal lesen unsicherer, ob ich es missverstehe oder wo jetzt genau der Haken ist. Ich bin schon ein aufmerksamer Wanderer und so folge ich dem Weg von hier aus noch weitere 2 km weiter bis zu einem See, mehr oder weniger aus Verzweiflung, nicht wirklich in der Erwartung, hier fündig zu werden. Dort angekommen, überquere ich den Fluss und folge ihm auf der anderen Seite wieder zurück bis zu dem ursprünglich vermuteten Punkt. War ich doch herwärts zu unaufmerksam? Man kommt an der Stelle entlang, war doch dort geschrieben. Und so wird aus dem reinen Wandern jetzt eher ein akribisches Scannen des Geländes zu beiden Seiten, während ich den Rückweg antrete. Hier geht noch mal ein Pfad ab, dem ich für 1 km folge, aber doch nur ein Rentierpfad. Da noch mal eine Stelle, die verheißungsvoll wirkt, aber nichts. Ich nehme es als gegeben hin, dass da wohl doch zu viel Filz auf der Brille gewachsen ist und während die Abendsonne schon nach um halb zehn die großen Felsen so schön orange beleuchtet, an denen ich herkam, erspähe ich doch auf einmal das scheinbar Unauffindbare, nur 50 m abseits des Weges in den Birken. Und erkenne jetzt auch, warum ich es nicht wahrgenommen habe: Es ist genau der riesengroße Fels auf der gegenüberliegenden Seite des Weges, der mich vorhin schon so fasziniert hat und dem meine Aufmerksamkeit galt. Nun aber gilt sie vollständig dieser Stelle, die für mich eine Art von Faszination, aber auch Ehrfurcht hervorruft. Auf einer Fläche von vielleicht 30 × 30 m liegen Rumpfteile, die zerfetzten Motoren, das Fahrwerk verstreut umher und soweit ich sehen kann, überall kleine, zerrissene Aluminium-Bleche. Welche Wucht muss es sein, diese Metallteile so sehr zu zerreißen? Es ist für mich wie eine Art Untersuchung, die ich hier anstelle, um möglichst viel von dem zu verstehen, was ich da sehe. Von Norden her scheint der Flieger gekommen zu sein, denn in dieser Richtung finde ich noch in mehr als 150 m Entfernung kleine Teile, aber auch ein paar größere wie ein Kühlaggregat. Ein paar wenige Aufschriften zeigen, dass es ein deutsches Flugzeug war, welcher Typ oder irgendwelche weiteren Details bleiben mir als Laien aber verwehrt. Und eine Frage beantwortet sich mir nicht, nämlich wo ein großer Teil dieses Flugzeugrumpfes ist. Da sind keine Tragflächen und auch vom eigentlichen Chassis sehe ich nicht allzu viel. Ich kann mir kaum vorstellen, dass damals jemand hier etwas beräumt hat, ich verstehe es nicht. Sehr zufrieden über den Fund dieser außergewöhnlichen Stelle trete ich den Rückweg an. Während hinter den Bergen wunderschöne orange und lilane Wolkentürme aufgebaut werden, zieht in meiner Richtung Nebel über die Berge herein. Bei alldem hoffe ich die ganze Zeit, einen Bären zu sehen, denn die gibt es hier im Pasvikdalen auffällig viele. Nun bin ich ein wahrlich Glücklicher unter dieser Sonne und was soll ich sagen, tatsächlich zum ersten Mal in diesem Jahr auf dieser Reise kann ich ein paar Beeren ausmachen. Was schert mich da die Rechtschreibung? Es sind nämlich Heidelbeeren, sie waren bei mir geradezu in Vergessenheit geraten und ich freue mir einen Ast, als ich hier in dieser wunderschönen Umgebung etwas ernten kann. Zurück an meinem Fahrrad überlege ich, hier irgendwo niederzukommen, aber der Kraftwerks-Generator dieses kleinen Staudamms ist mir doch zu brummig für die ganze Nacht und so mache ich mich auf den Rückweg Richtung Sandnes, was ich fast um Mitternacht erreiche und wo ich mich weit außerhalb ziemlich genau um Mitternacht am Langfjorden in die Nacht verabschiede, während es gar nicht weit entfernt im Nebel immer wieder donnert. Eine Wetterkonstellation, an die ich mich nicht erinnern kann, sie jemals zuvor erlebt zu haben.Read more

WildeHildeIch danke dir. Genau über diesen Link bin ich auf den Herrn aufmerksam geworden, den ich gestern aufsuchen wollte. 😀
TravelerWie schön endlich mal wieder was von dir zu hören! Wir drei von der Norwegen Camperfrauen Tour haben uns schon Sorgen gemacht 🤗
TravelerSchön zu lesen, dass es Dir wieder besser geht! Borreliose kenne ich leider aus eigener Erfahrung.
TravelerEndlich! So lange habe ich gewartet, ob die Reise weitergeht. Ich bin erfreut,von dir zu lesen und dass es weitergeht,weniger schön ist natürlich die Erkrankung. Alles Gute für dich auf deinen Wegen und herzliche Grüße von Steffi,zur Zeit in Nordnorwegen unterwegs