Norway
Hattfjelldal

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Travelers at this place
    • Day 6

      Unser Hochzeitstag

      July 3 in Norway ⋅ ☁️ 9 °C

      Manchmal geht es schneller als man denkt und manchmal kommt alles anders.
      Vormittags haben wir Pläne geschmiedet und die Fotolocation mit dem Fotografen ausgekundschaftet. Nils ist mit dem Packraft über den Fluss und hat schonmal Probe gestanden, mögliche Fotografen Standorte wurden mit Steinen markiert. Laut Wetterbericht sollte es gegen 17 Ihr perfekt sein... Soweit die Theorie. Nachmittags Regen....

      Als dann plötzlich der Himmel aufriss haben wir nicht lange gefackelt: Mit dem Packraft auf die andere Seite, umgezogen und dann... Ja dann hatten wir diesen besonderen Moment, wegen dem wir hergekommen waren. Hier oben im Fjell, neben uns tosende Wasser, Sonne und uns - für den Rest des Weges gemeinsam mit dem Lieblingsmenschen, Seelenverwandten, Zwilling... Perfekter hätte es einfach nicht sein können und danach gab es Mumm Sekt aus Blechbechern und ziemlich ramponierten Schokokuchen mit Kerze 😍 und anschließend Fjellpizza mit Schokocrepes zum Abendessen...
      Danke Thomas und Anja, dass ihr mitgekommen seid und wahnsinnig schöne Erinnerungsfotos entstanden sind, wir freuen uns jetzt schon auf die fertig bearbeiteten Bilder aus deiner Kamera.
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    • Day 9

      Camplife

      July 6 in Norway ⋅ ☁️ 10 °C

      Unser letzter Tag im Fjell ist angebrochen. Die Sonne verwöhnt uns, der Wind ist gerade richtig um die Mücken in Schach zu halten - es ist einfach "lagom" = genau richtig.
      Wir frühstücken feudal mit Eier-Schinken-Toast-Tubenkäse Pfanne, ich zeichne unseren Lieblingsschmetterling (ein Hochalpenwidderchen) der uns hier oben tagtäglich erfreut, Nils versucht sein Angelglück und fängt noch zwei schöne Bachforellen (die Filets werden wir morgen raustragen.... 🤪) und nachmittags wandern wir noch ein letztes Mal in die verblockten Berghänge um im Windschatten die Schneeammern zu beobachten.
      Danach gibt es leckere Forelle (mit verrückt rotem Fleisch)-gestern gefangen und zum Nachtisch nochmal Schoko-Rollen vom Trangia.
      Ein perfekter letzter Fjelltag 🫶
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    • Day 67

      Grannes - Krutvatnet

      August 5, 2023 in Norway ⋅ ⛅ 11 °C

      Mit dem Schlafen bleibt es wie gehabt. Auch meine Beine spüre ich wieder deutlich. Richtig regeneriert fühlt sich anders an. Als ich die ersten Schritte aus dem Zelt mache, schmerzen die Füße richtig und ich gehe mehr als unrund. Nach ein paar Dehnübungen ist es dann aber überraschend besser. Ich packe alles zusammen und gehe zum Bus der drei Jungs. Dort treffe ich den Slowenen aus der Runde. Er kommt aus dem Socatal aus der Nähe von Kobarid, wo wir oft zum Fliegen hinfahren. Ihm gebe ich eine meiner Gaskartuschen. Mit dem Gas könnte ich sicher noch drei oder vier Tage hinkommen. Aber mit meinen anderen beiden Kartuschen komme ich nun sicher bis Sulitjelma, meiner nächsten Möglichkeit, Gas zu kaufen. So spare ich mir das Gewicht und den Platz einer Kartusche. Das macht ordentlich was aus und der Rucksack ist wieder spürbar leichter. Dann mache ich mich um kurz nach neun auf den Weg.

      Die erste Aufgabe heute ist es, wieder raus aus dem Tal zu kommen. Wieder geht es steil durch sumpfigen Birkenwald einige hundert Höhenmeter nach oben. Ich bin kein Fan von Tälern. Täler hier in Norwegen verbinde ich immer mit Sumpf, Wald, Mücken und meist nur einem kurzen Aufenthalt, für den man extra absteigt, um dann auf der anderen Seite wieder aufzusteigen. Nach anderthalb Stunden bin ich endlich oben. Während morgens noch die Sonne schien, ist es jetzt hauptsächlich grau und der Wind pfeift ordentlich. Meine erste Pause mache ich nach sechs Kilometern. Der Aufstieg war anstrengend und ich brauche die Pause, obwohl ich bei den Bedingungen eigentlich keine Lust habe. Es wird schnell kalt, also gehe ich weiter.

      Bei Kilometer 13 soll laut Karte eine bediente Hütte sein. Hier möchte ich die nächste Pause machen. Mein Weg führt allmählich immer weiter bergab in ein weiteres Tal. Mücken, Sumpf, Birkenwald. Kurz bevor ich unten bin, kommen mir drei Wanderer mit ihrem Hund entgegen. Es könnte ein Vater mit seinen jungen erwachsenen Kindern sein. Der Vater spricht mich an und wir kommen ins Gespräch. Ich berichte von meinem Vorhaben und erzähle nicht ganz ohne Stolz, dass ich heute die 1500 Kilometer geknackt habe. Die drei sind zum Vögel zählen hier, erklärt mir der Vater. Eine bestimmte Hühnerart, oder sowas ähnliches. Auf jeden Fall weiß ich, von welchem Vogel er spricht, da ich schon einige von ihnen aufgescheucht habe und mich häufig richtig erschreckt habe. Diese Vögel werden in Norwegen gerne gejagt. Wie viele gejagt werden dürfen, wird aufgrund der Zählungen der Tiere entschieden. Dann frage ich noch nach der Hütte, eine bediente Hütte gäb es aber nicht. Schade! Ich hatte gehofft, dass ich hier meine Snackvorräte auffüllen kann oder wenigstens ein Mittagessen abgreifen kann.

      Mittlerweile ist es deutlich aufgelockert und die Sonne scheint. Ich gehe weiter und erreiche nach einiger Zeit einen Forstweg, dem ich bis zu einer Schotterstraße folge. Einige Wiesen hier sind frisch gemäht. Auch die Landwirte gehen also von gutem Wetter aus. Ich gehe an einigen Häusern vorbei bis zu einem Hof. Hier soll die bediente Hütte sein. Die beiden bewohnten Häuser sehen aber nicht aus wie eine Hütte und ich möchte nicht einfach anklingeln und fragen. Also geh ich weiter, obwohl ich mittlerweile eine Pause gut gebrauchen kann. Von nun an geht es wieder aus dem Tal heraus. Zum Glück sind es nicht so viele Höhenmeter wie heute Morgen. Dennoch zieht sich das ganze Stück durch Birkenwald, Sumpf und Mücken. Als ich die Baumgrenze erreiche, mache ich die längst überfällige Pause. Ein Bach ist wenige Meter weiter. Ich koche mir ein Trekkinggericht und trinke noch einen Kaffee. Dabei denke ich über die kommenden Tage nach. Das Essen kann schon fünf Tage halten. Aber ich werde nicht jeden kleinen Hunger befriedigen können. Ich überlege, ob ich die Strecke nicht auch in einem Tag weniger schaffen würde. Nicht ganz 30 km müsste ich jeden Tag gehen. Wenn nicht zu viele Höhenmeter dabei sind, ist das durchaus machbar. Aber es ist auch nicht so entspannt wie mein ursprünglicher Plan, der teilweise deutlich weniger als 25 Tageskilometer auf dem Programm hatte. Dennoch nehme ich mir vor, den neuen Plan umzusetzen. Dann mache ich mich wieder auf den Weg und frage mich während die ersten Meter, ob ich die 30 km täglich wirklich schaffen werde. Denn die ersten Schritte sind wieder unrund und schmerzen leicht. Es dauert aber nicht lange, dann bin ich eingelaufen und komme gut voran.

      Der neue Plan fühlt sich gut an. Hier oben im Fjell geht es nur wenig rauf und runter. Der Pfad ist ideal zu gehen. Ich habe Lust auf Musik. Im den vergangenen Jahren habe ich immer wieder angefangen, Playlists zu erstellen. Aber anstatt eine richtig auszuarbeiten, habe ich immer wieder neue angefangen. Dabei sind viele kleine Playlists entstanden, mit vielen schönen Liedern, die ich aber oft viel zu schnell satt gehört habe. Alle diese Playlists habe ich vor ein paar Tagen zu einer großen zusammengefügt. Diese Liste lasse ich jetzt einfach nur durchlaufen. Ohne zu skippen. So höre ich viele Lieder seit langem mal wieder ganz, die ich zuletzt immer weitergedrückt habe, weil ich sie irgendwann mal satt hatte. Mit der Musik wird es sofort kurzweiliger. Es ist nicht der gleiche Effekt, wie vor einigen Wochen in der Hardangervidda, wo ich eine Art Hikers High erleben durfte. Aber auch jetzt entwickelt sich ein richtiger Flow. Ich bin nicht wirklich emotional, ich bin einfach nur zufrieden und genieße das leichte und zügige Vorankommen und die faszinierende Weite um mich herum. Die grünen, rundlichen Berge, einige Felsformationen und immer wieder große und kleine Seen. Und im Umkreis von Kilometern scheine ich der einzige hier zu sein. Auch Eddie Vedders „Society“ hat es in die Liste geschafft. Das Lied kenne ich vom Soundtrack „Into the wild“. Auch Simon, der 2013 ein Buch über Norge på Langs geschrieben hat, erzählt darin, dass ihn dieses Lied begleitet hat. Es könnte auch der Titelsong jeder Weitwanderung sein. Am Ende ist es doch auch eine Art Flucht aus der Gesellschaft und Konsum, auch wenn ich einige Konsumgüter mittlerweile hier sehr zu schätzen gelernt habe. Aber das eben genau, weil ich hier auf so vieles verzichte.

      „Oh, it's a mystery to me
      We have a greed, with which we have agreed And you think you have to want more than you need
      Until you have it all you won't be free“

      Bei Tageskilometer 20 ist es mal wieder Zeit für eine Pause. Den linken Fuß merke ich nun wieder deutlicher. Ich ziehe die Schuhe aus, die mittlerweile komplett durchnässt sind, und dehne und massiere den linken Fuß. Nach 20 Minuten gehe ich weiter und freue mich, dass die Pause meinen Füßen gut getan hat. Ich umrunde einen großen See und gehe einige hundert Meter leicht bergauf bis zu einer Hütte, die auf keiner meiner Karten verzeichnet ist. Die Hütte ist offen. Darin sind vier Betten, ein kleiner Tisch mit einer Kerze drauf und ein Ofen in der Ecke. Allerdings sieht alles schon ziemlich angeranzt aus. Aber ich möchte ja eh nicht hierbleiben.

      Ich folge dem gut markierten, leicht ansteigenden Weg durch dieses wunderschöne Hochtal, bis ich irgendwann den höchsten Punkt meiner Etappe erreicht habe. Hier tun sich neue wunderschöne Aussichten auf. Von nun an geht es wieder bergab. So langsam spüre ich, dass meine Beine müde werden und das weitere Vorankommen gestaltet sich träge. Bei Kilometer 28 gibt es eine schöne Stelle, wo ich mein Zelt aufstellen könnte. Aber ich will nicht an Tag 1 meiner 30km-Challenge gleich in die Miesen gehen. Wenn ich noch weitere 6 km gehe, erreiche ich die Krutvasshytta, in der ich übernachten könnte. Außerdem hätte ich gleich einige Kilometer gut gemacht. Also lasse ich die schöne Stelle links liegen und gehe weiter. Die Beine werden aber immer müder. Als ich einen Fluss über eine Hängebrücke überquere, sehe ich zur Linken eine Stelle, wo ich mein Zelt aufstellen könnte. Mittlerweile befinde ich mich zwar wieder im Birkenwald und viele Stellen hier sind sumpfig, hier aber sieht es ganz anständig aus. Ich kontrolliere meine App und stelle fest, dass ich ziemlich genau 30 km geschafft habe heute. Außerdem wird mir bewusst, dass ich gar nicht so große Lust habe, in einer Hütte zu schlafen, also bleibe ich hier und baue mein Zelt auf. Dann geht es zum Fluss zum Waschen. Der Fluss ist ganz schön laut. Ich bin gespannt, ob mich das später nervt oder ob es mir hilft, gut einzuschlafen.
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    • Day 64

      Børgefjell querfeldein

      August 2, 2023 in Norway ⋅ 🌧 11 °C

      Die Nacht war mal wieder wie die meisten der letzten Zeltnächte. Schlaftechnisch viel Luft nach oben, aber keine Besuche von Wölfen oder Bären. In Summe also ok! Tatsächlich hab ich mich beim nächtlichen Pinkeln deutlich mehr umgesehen als normalerweise. Die Nacht war recht windig. Auch am Morgen rüttelt der Wind ordentlich am Zelt. Noch vor sieben Uhr mache ich mein Frühstück. Beim ersten Kaffee fängt es an zu regnen, hört zum Glück aber wenige Minuten später wieder auf. Heute bin ich echt früh dran. Um halb neun bin ich abmarschbereit und auch die Sonne zeigt sich jetzt immer wieder. Was ist das hier für eine wunderschöne Kulisse, wenn die Sonne scheint!

      Etwas weiter oberhalb meines Zeltplatzes lade ich noch den Footprint vom Vortrag hoch und mache ein paar Fotos mit meinem kleinen Stativ. Dann mache ich mich auf den Weg. Selten bin ich pfadlos so gut vorangekommen wie hier. Der Untergrund ist ein Traum, es gibt fast keinen Sumpf und die Orientierung in diesem Tal ist einfach. In der Ferne sehe ich einige Rentiere, die sich aber schnell aus dem Staub machen, lange, bevor ich in ihre Nähe komme. Ich folge dem Tal weiter aufwärts. Am Ende des Tals sind dunkle, felsige Berge, deren Gipfel in eine Wolke gefüllt sind. Auch einige Schneefelder sieht man hier. Nicht ganz 1.400m ist einer der Berge hoch. Das sind echt andere Verhältnisse hier als bei uns in den Alpen.

      Ich gehe weiter. Es ist ohne Frage richtig schön hier. Aber irgendwie habe ich mich auch dran gewöhnt. Es gab zwar einige emotionale Momente in den letzten Tagen. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mittlerweile viel ausgeglichener bin. Bis zu meinem Tiefpunkt, wo ich kurz vor dem Abbruch stand, und die Tage danach war vieles intensiver. Mehr Höhen, mehr Tiefen. Und beides deutlich ausgeprägter als in letzter Zeit. Ich denke darüber nach, woran das liegt und ob ich das gut oder schlecht finde. Entscheiden kann ich mich nicht. Beides hat seine Vorteile. Dennoch ist es seltsam, etwas euphorielos durch diese tolle Landschaft zu laufen. Wobei euphorielos nicht unzufrieden bedeutet. Vielleicht ist es auch mal gut, eine gewisse Eintönigkeit oder Langeweile zu durchleben. Und das lieber in schöner Umgebung in Bewegung als zu Hause auf der Couch. Im Zelt hänge ich schon viel am Handy. Beim Wandern höre ich nur selten Musik und Podcasts wirklich nur, wenn es richtig anstrengend wird. Das hatte ich erst drei oder vier mal. Heute gehe ich einfach nur vor mich hin.

      Ich überlege, was mich am Anfang so beschäftigt hat und muss an meine Mutter denken. Mit einem Schlag ist Schluss mit Emotionslosigkeit. Mir schließen die Tränen in die Augen. Das ist immer noch ein Thema, mit welchem ich bislang nicht so richtig einen Umgang gefunden habe. Die Woche im Ruhrgebiet, bevor ich mich auf den Weg nach Norwegen gemacht habe, wollte ich sie noch einmal im Heim besuchen. Kurz davor habe ich mich beinahe vor dem Besuch gedrückt. Sie würde es ja eh nicht wissen oder mitbekommen. Aber ich war mir auch sicher, dass ich es bereue, wenn ich sie nicht besuche. Es ist meine eigene Mutter und ich habe Angst, sie zu besuchen. Weil ich nicht weiß, wie ich mit ihr umgehen soll. Es findet nur wenig Interaktion bei einem Besuch statt. Manchmal bringe ich sie zum Lachen. Dann wird ihr Wesen von früher sichtbar. Aber die viele Zeit dazwischen schaut sie ins Leere und es fällt mir schwer, das auszuhalten. Sie ist noch da und ist es gleichzeitig auch nicht mehr. Ich glaube, das, womit ich nicht klar komme ist, dass ich mich nie von meiner Mutter, wie sie einmal war, verabschieden konnte. So viel hätte ich gerne noch mit ihr geteilt. Dass ich es geschafft habe, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, selbstbestimmt lebe, an den Bergen, wo ich mich zu Hause fühle. Wie gerne hätte ich ihr von meinen Plänen von Norge på langs berichtet. Oder jetzt von hier aus mal mit ihr telefoniert. Sie war immer sehr naturverbunden und ich bin sicher, dass sie hier am meisten mitgefiebert hätte. Aber sie hätte sich auch die meisten Sorgen gemacht. Sie fehlt mir. Das wird mir hier wieder einmal bewusst. Ich muss eine kurze Pause machen und mich daran erinnern, mehrmals tief durchzuatmen.

      Passend zur Stimmung ziehen von Osten her dunkle Wolken herein und die Sonne verschwindet. Je höher ich komme, desto grauer wird die Umgebung, die jetzt vorwiegend von Felsen und Steinen geprägt ist. Hier ist der höchste Punkt des Tages erreicht. Auf der anderen Seite geht es über ein breites Schneefeld wieder bergab. Der Wind hat hier oben deutlich zugelegt aber ich freue mich, dass es nicht regnet. In den Regenradar kann ich nicht schauen, da ich schon lange keinen Empfang mehr habe. Ich gehe weiter herunter und überrasche eine größere Gruppe Rentiere, die sich direkt aus dem Staub macht. Nach 15 Kilometern mache ich eine Pause. Ich bin sehr gut in der Zeit, vor allem dafür, dass ich die ganze Zeit querfeldein gehe. Das es immer noch nicht regnet, mache ich eine richtige Mittagspause. Ich koche mir ein Trekkinggericht und einen Kaffee. Angelehnt an einen Stein, strecke ich die Beine aus und entlaste die Füße. Das tut richtig gut. Die Bergschuhe sind an einigen Stellen richtig praktisch, vor allem an den felsigen Passagen. Aber ich merke auch, dass der linke Fuß nicht so weich gelagert ist wie in den Laufschuhen. Hier werde ich in den kommenden Tagen etwas hin und her wechseln müssen. Ich freue mich aber, dass ich immernoch trockene Füße habe!

      Kurz nachdem ich weitergehe, fängt es an leicht zu regnen. Ich hoffe wieder, dass der Wind die Hose schneller trocknet und der Regen bald wieder aufhört. Diesmal hab ich mich aber verzockt. Die Hose wird nasser und nasser und der Regen hört einfach nicht auf. Ich komme an einen Fluss und suche erfolglos nach einer Stelle, wo ich ohne zu furten queren kann. Es regnet und ich habe absolut keine Lust, jetzt den Rucksack abzusetzen, die Schuhe auszuziehen und dann mit den Laufschuhen durch das kalte Wasser zu furten. Aber es hilft alles nichts. Da muss ich jetzt durch. Auch einige Mücken sind nun aktiv, was die ganze Situation noch ungemütlicher macht. Schnell bin ich auf der anderen Seite, nur das Schuhe wechseln zieht sich wieder. Ab hier ziehe ich doch meine Regenhose an. Mittlerweile haben sowohl der Regen als auch die Mücken einen Zahn zugelegt. Es scheint sich jetzt richtig einzuregnen.

      Von nun an geht es auf und ab, teils durch Sumpf über viele kleine Bäche. Eine große Rentierherde ist parallel zu mir in die gleiche Richtung unterwegs. Es sind sicher 70 Tiere oder mehr rund 200m entfernt zu meiner rechten. Erst als ich eine größere Steigung angehe, biegen die Tiere rechts ab. Dann bin ich mitten in der Wolke. Das Navigieren wird schwieriger. Zum einen spinnt Komoot und zeigt mir die Karte nicht mehr an, obwohl diese offline gespeichert ist, zum anderen zeigt der Pfeil auf meiner Garminkarte keine Richtung mehr an. Das Hauptproblem ist jedoch, dass ich das nasse Display fast nicht bedienen kann.

      Wie es aussieht, habe ich hier die Tageskilometer geschafft. Seit drei Stunden regnet es jetzt durchgehend. Als ich eine halbwegs ebene Fläche finde, entscheide ich mich, hier mein Lager aufzuschlagen. Dummerweise ist mein Zelt ganz unten. So wird einiges nass, als ich das Zelt herauskrame. Erst jetzt stelle ich fest, wie kalt und unbeweglich meine Finger sind. Ich baue das Zelt so schnell wie möglich auf und verstaute dann alles im Vorzelt. Es ist gar nicht so leicht, in dem kleinen Vorzelt Regenjacke und Regenhose auszuziehen, ohne alles komplett nass zu machen. Das nasse Zeug lasse ich gleich im Vorzelt liegen. Das wird keinen Spaß machen, das nasse Zeug morgen wieder anzuziehen. Dann lege ich mich in den Schlafsack. Mir ist arschkalt und es dauert lange, bis mir merklich wärmer wird.

      Erst um 20.00 Uhr, nach sechs Stunden teils kräftigem Regen, gibt es eine Regenpause, die ich nutze, um mich am Bach zu Waschen. Danach mache ich was zu essen und schreibe dann mein Tagebuch. Der Absatz mit meiner Mutter nimmt mich auch jetzt wieder richtig mit. Es ist zum ersten Mal, dass ich mich hier draußen richtig alleine fühle. Es dauert eine Zeit, dann habe ich mich wieder gefangen. Und ich kann jetzt schon anteasern, die folgende Nacht wird gar nicht mal so schlecht gewesen sein. :-)
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    • Day 63

      Limingen Gjestegård - Einst. Børgefjell

      August 1, 2023 in Norway ⋅ ☁️ 14 °C

      Das war mit Abstand die beste Nacht seit Wochen. Ich bin in der Nacht zwar ein oder zweimal wach geworden, aber immer wieder sofort wieder eingeschlafen. Und ich habe tief und gut geschlafen. Ich dusche ein letztes Mal für die nächsten Tage, ich glaube, in vier Tagen übernachte ich noch einmal auf einem Campingplatz. Dann gehe ich nach oben zum Frühstück. Richtig guter Kaffee und vermutlich selbst gemachtes Brot sind eine echte Wohltat. Mein Handy erinnert mich daran, dass ich gestern nicht den Bewegungsring der iPhone Gesundheits-App geschlossen hätte. Samma Siri, bekommst du eigentlich mit, watt ich hier mache? Geh mir mit Deinem Bewegungsring nicht auf die Eier!

      Kurz nach mir kommt auch Markus zum Frühstück. Das gemeinsame Essen mit Unterhaltung tut gut. Auch gestern Abend haben wir beim Essen zusammen gesessen. Heute werden wir getrennte Wege gehen, denn heute erreichen wir den Namsvatnet. Ich habe bislang nur von wenigen gehört, die versucht haben, den See zu Fuß zu umrunden. Die meisten nehmen hier das Boot, um 15 Kilometer über den See zu fahren und dort in das Børgefjell einzusteigen. Markus möchte querfeldein gehen und einen Weg um den See herum suchen. Er wiederum hat schon von einigen Norwegern mitbekommen, dass diese sich einige Kilometer vor dem See querfeldein in die Berge begeben und von dort aus den See umrunden. Ich habe auch kurz überlegt, als Markus mir das erzählt hat. Immerhin fühlt es sich ehrlicher an, am Ende alles zu Fuß gegangen zu sein. Aber in meiner Planung habe ich von Beginn an zwei Boote eingeplant, da diese wohl von einem Großteil der NPLer genutzt werden. So bleibe ich auch jetzt dabei, mir das Leben nicht schwerer zu machen als notwendig. Somit habe ich zum zweiten Mal einen Zeitpunkt, zu dem ich an einem bestimmten Ort sein muss. Das letzte Mal musste ich den Zug in Størlien erreichen. Heute habe ich um 15:00 Uhr das Boot gebucht. Das kann man online machen und es empfiehlt sich einen Zeitslot zu wählen, wo bereits jemand anders gebucht hat. Lieber wäre ich bereits um 13:00 Uhr gefahren, hätte das Boot aber dann alleine bezahlen müssen. Die Bootsfahrt kostet pro Person 400 Kronen. Bei drei Leuten oder weniger wird der Mindestpreis von 1300 Kronen durch die Anzahl der Passagiere geteilt.

      Nach dem Frühstück gehe ich in mein Zimmer und fange an zu packen. Da hab ich heute nicht so richtig Lust drauf. Vermutlich habe ich den schwersten Rucksack seit einigen Wochen. Ich muss Gas für 20 Tage transportieren und Lebensmittel für rund neun Tage bis zu meinem nächsten Depot in Umbukta. Außerdem habe ich wieder unzählige Packungen Trekkingnahrung, rund ein Kilogramm Nüsse und Nussmix, ein Kilogramm Schokolade und nun auch wieder meine Trekkingschuhe, die sicher etwas schwerer als meine Laufschuhe sind. Irgendwie schaffe ich es tatsächlich, alles im Rucksack unterzubringen. Mehr geht aber wirklich nicht. Als ich den Rucksack aufsetze, merke ich einen deutlichen Unterschied. Aber ich weiß auch, dass es in 3 bis 4 Tagen schon deutlich leichter wird. Ich bin eh noch unsicher, wie diszipliniert ich die Schokolade auf die kommenden Tage aufteilen kann. Es würde mich nicht wundern, wenn diese nach drei Tagen bereits aufgebraucht ist.

      Dann verabschiede ich mich von Markus, der sein Zimmer gleich nebenan hat. Er ist noch mit Packen beschäftigt. Wir wünschen uns eine gute Tour und wollen über Instagram in Kontakt bleiben. Dann gehe ich hoch zur Rezeption, um bei Hilde, der Inhaberin des Gjestegård, zu bezahlen. Umgerechnet 225 € für zwei Nächte inklusive Frühstück und Abendessen inklusive Getränk. Das ist deutlich weniger, als ich erwartet hätte. Dann mache ich mich auf den Weg.

      Draußen hängen teils richtig dunkle Wolken. Aber es regnet nicht. Ich folge der Landstraße für einige Kilometer vorbei an einigen Seen. Nach einiger Zeit fängt es doch an, leicht zu regnen. Ich montiere den Regenschutz an meinem Rucksack, ziehe selbst aber noch keine Regensachen an. Solange es nur ein leichter Sprühregen ist, trocknen die Sachen im Wind schneller, als dass sie nass werden. Außerdem gibt es immer wieder Regenpausen, bis es nach einiger Zeit sogar komplett aufhört zu regnen. Ich höre etwas Musik. Irgendwie hat mich das Verlassen des Limingen Gjestegård ein wenig emotional gemacht. Es ist das sprichwörtliche Verlassen seiner Komfortzone. Komfortzone Gjestegård Limingen. Mehrere Tage hatte ich mich auf den Aufenthalt hier gefreut, die Ruhe hier zu genießen, sich um nichts Gedanken machen zu müssen. Jetzt geht mein Weg weiter voran, zurück in die Ungewissheit, das Ungeplante. Bis zum See kenne ich meinen Weg und muss nur der Straße folgen. Danach erwartet mich wieder eine zweitägige Passage querfeldein.

      Die emotionale Stimmung ist aber bald wieder vorbei und ich freue mich einfach, dass nun wieder etwas vorangeht. Die meisten Autofahrer, die mir entgegenkommen, grüßen von sich aus. Eine Frau hält neben mir an und fragt, ob sie meinen Rucksack mit vor transportieren soll. Ich bin hin und hergerissen, entscheide mich aber, meinen Rucksack zu behalten. Nicht aus Misstrauen, einfach nur, weil es sich für mich ein wenig wie Schummeln anfühlt. Die Sinngaftigkeit kann man wieder diskutieren ohne Ende. Aber meine Tour, meine Regeln. Und wenn ich das nächste Mal so ein Angebot annehme, ist es für mich auch in Ordnung. Meinen linken Fuß merke ich heute wieder deutlich. Aber ich bin zuversichtlich, dass alles einfacher wird, wenn ich das Boot erreicht habe. Denn danach ist Schluss mit Asphalt. Immerhin habe ich in den letzten Tagen rund 90 Kilometer Straße zurückgelegt. Und wenn ich mich daran erinnere, wie groß vorher meine Befürchtungen waren, bin ich nun ziemlich zufrieden, alles insgesamt gut überstanden zu haben. Das Problem ist zwar deutlich spürbar, aber es hindert mich im Moment nicht daran weiter zu gehen.

      Ziemlich genau im 13 Uhr erreiche ich den kleinen Hafen. Ein Boot kommt gerade an und ein Mann schleppt einen Koffer zur Anlegestelle. Es ist das Shuttleboot, das einige Leute an Board hat, die hier aussteigen. Ich frage den Mann vom Boot, ob ich auch jetzt mitfahren könne. Da ja noch ein zweiter Passagier dabei ist, dürfte es ja der gleiche Preis sein wie um 15.00 Uhr. So ist es auch. Er erzählt mir, dass dieses Jahr viele deutsche Norge på langs laufen. Er bewundert das sehr, würde es aber selbst wohl nicht schaffen, meinte er. Erst vor ein paar Tagen hätte er ein neues Schild installiert. Der Namsvatnet sei der Mittelpunkt von Norge på langs. Würde man eine gerade Linie von Lindesnes zum Nordkap ziehen, würde die Mitte genau auf dem See liegen.

      Dann fahren wir los. Der Bootsfahrer ist vermutlich der Sohn. Laut Webseite ist das Shuttleboot ein kleines Familienunternehmen. Zu viert heizen wir einmal quer über den See. Ich schätze, dass wir eine gute viertel Stunde unterwegs sind. Dabei erzählt mir der Mann noch ein paar Fakten zum See. Mittlerweile ist es ein Stausee. Am Ufer sieht man einen alten Hof. Fünf seien es mal gewesen. Die anderen liegen aber nun unter der Wasseroberfläche. Dann fragt er mich noch einiges zu meiner Tour und gibt mir Tipps, wie ich ab der Anlegestelle am besten weitergehe. Dort angekommen reden wir noch ein wenig weiter. Im Stress ist hier keiner! Herrlich! Wir machen noch ein gemeinsames Foto und er sagt, ich solle mich gerne per Mail melden, wenn ich am Nordkap angekommen bin. Dann fahren sie wieder davon. Der andere Passagier wird an einer anderen Stelle rausgelassen. Dann kommt die Sonne raus und die blauen Anteile am Himmel werden immer mehr. Das Boot verschwindet in der Ferne und nun stehe ich hier alleine am See. Die Stimmung ist unfassbar schön. Das Grün der Berge um mich herum strahlt richtig in der Sonne. Ich spüre eine tiefe Zufriedenheit. Ein paar Meter vom Steg entfernt ist eine kleine Hütte, ähnlich einer Bushaltestelle. Hätte ich bis 15:00 Uhr auf das Boot warten müssen, hätte ich mir dort etwas zu essen gemacht. Das hole ich jetzt nach. Ich hole Wasser vom See und koche mir ein Trekkinggericht. Auf dieser Etappe habe ich Trekkingnahrung einer anderen Marke. Das bringt willkommene Abwechslung in Spiel: Marokkanischer Linseneintopf.

      Nach dem Essen mache ich mich auf den Weg. Die ersten 200 m folge ich einem Pfad bis zu einer Brücke. Hier mache ich ein paar Fotos, quere die Brücke aber nicht. Denn von hier aus geht es querfeldein. Zu Beginn finde ich sogar einen kleinen Trampelpfad, dem ich weiter Folge. Nach kurzer Zeit komme ich in offenes Gelände. Es gibt einige Sumpfpassagen, aber es ist sehr leicht, sich hier seinen Weg zu suchen. Einigen wenigen kleinen Wäldern weiche ich aus. Auch der in der Karte eingezeichnete Weitwanderweg E1 führt ungefähr hier lang. Nach eineinhalb Stunden mache ich eine Pause am Fluss. Das klare Wasser hat eine türkise Färbung, besonders wenn die Sonne hinein scheint. In das Børgefjell hab ich mich jetzt schon verliebt. Eine seltene Fuchsart soll es ihr geben. Außerdem auch Bären und Wölfe. Aber dass man diese zu Gesicht bekommt, sei ziemlich unwahrscheinlich. Nach wenigen Minuten fängt es an zu regnen. Der Rand eines Regenschauers scheint mich zu streifen. Der Wind frischt auf und es wird richtig ungemütlich. Aber schon 10 Minuten später kommt die Sonne wieder raus und der Wind beruhigt sich.

      Ich gehe weiter. 25 Wanderkilometer stehen heute auf meinem Programm. Rund fünf Kilometer sind es noch. Der Rucksack wird zunehmend schwerer und es geht stetig bergauf. Dafür wird das Gelände immer einfacher. Wenn ich das hier mit dem querfeldein gehen vor einigen Tagen vergleiche, ist das hier echt ein Spaziergang. Je höher ich komme, desto mehr legt auch der Wind zu. Und dann fängt es kräftig an zu regnen. Kalter Wind und Regen von der Seite. Das ist richtig ungemütlich. Ich ziehe meine komplette Regenmontur an und gehe weiter. Eigentlich habe ich mein Ziel erreicht. Aber bei diesen Bedingungen habe ich keine Lust, ein Zelt aufzubauen. Es dauert aber nicht lange, dann hört der Regen auf. Weiter unten am Fluss entdecke ich eine eben aussehende Stelle. Ich gehe runter, schaue mir das aus der Nähe an und entscheide mich, hier zu bleiben. Erst als ich gewaschen im Zelt liege, stelle ich fest, dass ich doch deutlich bergauf liege. Es ist deutlich, aber wiederum auch nicht so deutlich, dass ich mein Zelt noch einmal umstelle. Jetzt ist Feierabend. Ich mache Abendessen, um anschließend die erste Tafel Schokolade anzugreifen. Was für ein schöner Tag!
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    • Day 5

      Basecamp

      July 2 in Norway ⋅ ☁️ 8 °C

      Nach einem Flug mit traumhaften Ausblicken auf das Fjäll, Rentiere und schneebedeckte Berge hat der Pilot uns nach einem kurzen Umweg über den falschen See 😜 an der norwegischen Grenze abgesetzt.
      Nach kurzer Sondierung haben wir ein tolles Basecamp am Ausfluss des Saksenvattnets ausgemacht und uns eingerichtet. Nachmittags sind wir Thomas und Anja entgegen gelaufen, die vom Stekenjokk aus gestartet sind.
      Abends gab es Rentierstew und eine ersten schönen Abend im Fjell.
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    • Day 65

      Børgefjell - Daarnege (See)

      August 3, 2023 in Norway ⋅ ⛅ 15 °C

      Die Nacht war für das Zelt eine echte Bewährungsprobe. Es hat die ganze Nacht durchgeregnet und teilweise ganz schön gestürmt. Ich bin einmal wach geworden, weil der Wind richtig am Zelt gezerrt hat. Aber es hat stand gehalten, sowohl dem Wind als auch dem Regen. Vielleicht war es deswegen auch gemütlicher als sonst im Zelt. Tatsächlich habe gar nicht mal so schlecht geschlafen. Als ich morgens wach werde, regnet es immer noch. Dementsprechend ist auch meine Motivation. Im Vorzelt warten auf mich eine nasse Regenjacke, eine nasse Regenhose und ein durchfeuchteter Rucksack. Auch meine normale Hose, meine Socken und mein Sportshirt liegen klamm im Zelt. Ich habe also keine Eile, mich fertig zu machen und konzentriere mich erst mal aufs Frühstück. Währenddessen lässt der Regen tatsächlich nach. Nach nun stundenlangem Dauerregen traue ich dem Braten nicht so ganz, aber tatsächlich wird es weniger und hört schließlich auf. Das ist meine Chance, um aufs Klo zu gehen. Wenn es danach wieder weiter regnet, habe ich wenigstens eine Sache geschafft, die ohne Regen deutlich angenehmer ist. Dann trinke ich noch einen Kaffee und fange allmählich an, die Sachen im Zelt zusammen zu packen. Währenddessen setzt noch einmal leichter Sprühregen ein, der aber nicht von langer Dauer ist. Dennoch versuche ich, so viel wie möglich bereits im Zelt in den Rucksack zu packen. Als das geschafft ist, gehe ich raus, schütze den Rucksack mit der Regenhülle und fange an, das Zelt abzubauen. Es ist ganz schön windig, und obwohl es nicht wirklich regnet, sind doch immer wieder kleine Tröpfchen im Wind eingelagert. Regenjacke und Regenhose ziehe ich direkt an, allerdings weniger, um mich vor Regen zu schützen, sondern mehr, damit sie im Wind trocknen können. Als das nasse Zelt verstaut ist und ich abmarschbereit bin, ist es 9:15 Uhr. In diesem Moment entdecke ich einen schmalen Streifen blauen Himmel zwischen all den dunklen Wolken. Ich gehe davon aus, dass es nicht mehr als eine Momentaufnahme ist. Um mich herum sieht es deutlich nach Regenwetter aus.

      Ich mach mich auf den Weg und folge dem Tal weiter abwärts. Meine Navigationsapps spinnen immer noch. Vermutlich wird sich das erst legen, wenn sie einmal wieder mit dem Internet verbunden waren. Ich finde aber meinen Weg durch das Gelände, wenn auch nicht immer den einfachsten. Es dauert nicht lange, dann lässt sich die Sonne blicken. Es lockert immer mehr auf. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich hatte mich innerlich auf mehrere Stunden Regen vorbereitet, auf einen Tag, den es mehr oder weniger auszuhalten gilt. Dass jetzt die Sonne scheint, ist ein echtes Geschenk, das mich im Moment so unendlich zufrieden macht. Ich mache eine kurze Pause, um die Umgebung und den Sonnenschein zu genießen. Es ist immer noch etwas frisch mit dem Wind, dass ich nach einigen Minuten weitergehe.

      Ich orientiere mich an einem Fluss und arbeite mich weiter Richtung Tal. Immer wieder sehe ich Gruppen von Rentieren, bis ich sogar noch einmal auf eine ganze Herde stoße. Diesmal bin ich deutlich näher dran. Natürlich ist es nicht mehr so aufregend wie die Sichtung meiner ersten Rentiere, aber es ist trotzdem immer wieder etwas besonderes. Ich gehe weiter bergab. Mittlerweile habe ich Blick bis in das Tal, das es heute zu durchqueren gilt. Irgendwo dort unten soll eine Brücke über den Fluss gehen. Ab dort kann ich mich wieder auf Pfaden bewegen. Pfade, die auch in den norwegischen Wanderapps verzeichnet sind.

      Jetzt muss ich noch einmal eine steile Passage überwinden, finde aber schnell einen unkomplizierten Weg nach unten. Auch hier begegne ich noch einigen Gruppen von Rentieren. In jeder Herde waren einzelne weiße Tiere dabei, aber jetzt sehe ich zum ersten Mal ein weißes Rentier aus der Nähe. Laut der Infotafel, die an der Kjølihytta angebracht war, soll die Sichtung eines weißen Rentieres Glück bringen. Da diese also wohl seltener zu sehen sind, braucht es auf der anderen Seite auch schon Glück, eines zu sichten. Ich hoffe also, dass die Sichtung eines weißen Rentieres mehr Glück bringt, als es braucht, dieses zu sichten. Sonst bliebe ja kein Glück über, sondern ich hätte einfach nur ein weißes Rentier gesehen. Aber heute scheint die Sonne. Das ist Glück. Ist die Frage, wie viele weiße Rentiere man sehen muss, dass die Sonne einen Tag scheint. Ich sehe meinen Vater schon eine Gleichung mit Variablen aufstellen. X Weiße Rentiere = 1 Tag Sonnenschein / Y Glück. Naja, lassen wir das…

      Als ich das Tal unten erreiche muss ich mir noch einen Weg durch Sumpf und Birkenwald bahnen. Sumpf habe ich gar nicht vermisst. Aber immerhin sind meine La Sportiva Schuhe ausnahmsweise mal dicht und ich behalte trockene Füße. Dann habe ich es endlich geschafft und finde nach kurzer Suche eine Hängebrücke über den Fluss. Ein Mann kommt mir mit seinem Hund entgegen. Er hat sein Zelt am Fluss aufgebaut und macht sich jetzt auf den Weg zu einem See zum Fischen. Er bestätigt mir auch, dass ich von nun an auf Pfaden laufen kann. Er ist übrigens die erste Person, die ich sehe, seit ich das Boot verlasse habe. Ich quere die Hängebrücke und mache am felsigen Ufer auf der anderen Seite eine Pause. Ein wunderschöner Platz, insbesondere jetzt, wo die Sonne so schön scheint. Ich habe noch keine sieben Kilometer zurückgelegt, nehme mir jetzt aber Zeit. Als erstes gibt es eine Ganzkörperwäsche im Fluss. Mit dem Wind ist es nicht so warm, aber irgendwie ist mir jetzt danach. Während ich von Sonne und Wind getrocknet werde, krame ich mein Solarpanel aus dem Rucksack. Ich bin optimistisch, dass die Sonne heute noch länger scheinen wird. Bei der Gelegenheit hole ich auch das Zelt raus und hänge es zum Trocknen über einen Busch. Nicht ganz eine Stunde verbringe ich hier und genieße das Wetter und die Umgebung. Nach dem regnerischen Nachmittag gestern und der regnerischen Nacht ist das hier ein richtiger Reset.

      Dann mache ich mich wieder auf den Weg. Zu Beginn sind sumpfige Passagen mit Stegen ausgestattet. Herrlich. Überhaupt tut es gerade einfach gut, nicht überlegen zu müssen, wo es langgeht. So folge ich dem Pfad bis auf die andere Seite des Tals, wo er parallel zum Hang allmählich bergauf führt. Als ich an diesen Pfad gedacht hatte, habe ich an einen trockenen, festen Pfad gedacht. Denkste! Dieser Pfad führt mich durch mehr Sumpf, als ich in den vergangenen zwei Tagen querfeldein bewältigen musste. Ich bin leicht genervt, erinnere mich aber, dass ich froh um das schöne Wetter sein kann. Irgendwann habe ich den höchsten Punkt dieser Passage erreicht. Die Aussicht hier ist überwältigend und ich mache eine kurze Pause. Dann setze ich den Weg fort, wieder bergab in ein weiteres Tal. Auch dieser Weg wird später mühsam, weil er an vielen Stellen zu einem Bachbett geworden ist. Dann erreiche ich nach 17 Kilometer endlich die Schotterstraße, die durch das Tal führt. Ich fühle mich, als wäre ich schon 30 Kilometer gelaufen. Die Beine sind richtig schwer.

      Hier habe ich seit langem mal wieder Empfang und freue mich über einige Nachrichten. Die Empfangslosigkeit hat auch was, wenn man mal dazu gezwungen ist, sein Handy in der Zeltecke liegen zu lassen. Aber wenn man dann wieder Kontakt zur Außenwelt hat, ist es auch richtig schön. Außerdem kann ich meine Navigationsapps jetzt resetten. Ich schaue mir meinen weiteren Weg an. Fünf Kilometer muss ich der Schotterstraße folgen. Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Ich folge der Straße, die zu Beginn ordentlich ansteigt. Mir schmerzen die Füße und ich mache nach einigen hundert Metern eine Pause, um die Schuhe wechseln. Boah, bin ich platt. Mittlerweile ist der Himmel hauptsächlich grau. An den Bergen im Osten sehe ich sogar einige Schauer. Ich gehe weiter aber ich brauche gerade viel Disziplin. Vor allem muss ich auch wieder raus aus dem Tal. Mein Zelt werde ich hier nur schwer aufstellen können und überhaupt zelte ich lieber oberhalb der Baumgrenze. Da ist es mit den Stechviechern meist weniger schlimm. Ich überlege, einen Podcast zu hören, stelle aber fest, dass der Empfang schon wieder weg ist. Also höre ich etwas Musik und tatsächlich gelingt es mir, wieder etwas Schwung aufzunehmen.

      Dann endlich ist der Straßenteil geschafft. Ein Pfad biegt links von der Straße ab und ich setze mich auf den Boden, um die Schuhe noch einmal zu wechseln. Dabei werde ich von unzähligen Mücken belagert und ich beeile mich, um so schnell wie möglich weitergehen zu können. Aber auch beim Weitergehen folgen mir die Mücken. Ich folge dem Weg durch den sumpfigen Birkenwald immer weiter nach oben. Aber selbst als die Vegetation spärlicher wird, werden es nicht weniger. Im Gegenteil. Jetzt wird es richtig unangenehm. So viele Mücken hatte ich zum letzten Mal kurz vor meinem Tiefpunkt um mich. Es war eine richtige Plage. Ich hole mein Antimückenspray raus und sprühe mich damit ein. Es waren die letzten Sprühstöße. Ich muss mir dringend neues besorgen. Aber die Mücken lassen mich jetzt etwas mehr in Ruhe. Das heißt, sie versuchen weniger auf mir zu landen. Der ganze Mückenschwarm folgt mir aber. Meine Tageskilometer hätte ich für heute geschafft. Aber hier im Mückenland möchte ich mein Zelt nicht aufstellen. Außerdem ist hier kein Bach in der Nähe. Ich gehe noch einen guten Kilometer weiter. Hier ist ein Bach eingezeichnet. Allerdings führt der Weg wieder weiter runter, dass ich mich entschließe, einen Zeltplatz zu suchen und von dort aus Wasser zu holen. Etwas weiter oberhalb vom Weg habe ich schnell einen schönen Platz gefunden und auch zum Bach ist es von hier nicht weit. Allerdings sind nun zu den hunderten Mücken auch noch hunderte dieser kleinen Kriebelfliegen dazu gekommen, die ebenfalls unangenehm beißen. In solchen Situationen ist echt mentale Stärke gefragt. Zuerst baue ich mein Zelt auf, dann gehe ich zum Bach, um Wasser zu holen und mich zu waschen. Die Wolke aus Fliegen und Mücken um mich herum wird immer dichter. Jetzt ist Schnelligkeit gefragt. So schnell es geht, wasche ich Oberkörper, Hals und Gesicht. Dabei spüre ich schon die ersten Stiche. Schnell ziehe ich meinen Pulli wieder an. Das muss reichen für heute. Dann liege ich endlich im Zelt und genieße es, keine Stechviecher um mich herum zu haben. Nach dem Trekkinggericht verschlinge ich noch eine ganze Tafel Schokolade. Wie schon geahnt, 9 Tage wird die sich nicht halten…
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    • Day 5

      Tag 5

      May 28, 2023 in Norway ⋅ 🌧 3 °C

      Hüt isch en richtig gruusige Tag gsi. Scho am Morgefrüeh hets grägnet und isch bedeckt und chalt gsi. Bi 5.5°C bini losgfahre nach Trondheim. Dört hani trotz rege en Halt gmacht wo sich glohnt het. D Architektur vom Städtli isch traumhaft und typisch norwegisch. D Hüüser sind da nähmli fast alli uf Stelze baut und zum teil au ufem Wasser. Nacheme Kaffi und enere mini Fotosession, bini wieder wiiter richtig Norde unterwegs gsi. S Ziel vo hüt isch Svenningdal Ovre gsi wo doch no es Stuck gsi isch zum fahre. Durs ewig schlechte Wetter und die negativ Wetterprognose (es chunt vielicht nochli goge schneeie) isch mini Stimmig irgendwenn em Wetter ahpasst gsi. Doch churz bevori ah mim Schlafplätzli ahcho bi, hani doch tatsächlich no dörfe en einmalige Moment erlebe. Ich han eifach en wibliche Elch dörfe gseh. Mir hend eus zerst ganz lang nume ahgluegt und irgendwenn hani denn glich no d Kamera zückt. Das magische Motiv vom Elch mitem Regeboge het mini Stimmig grad wieder usegrisse und mir zeigt wie schön doch d Welt isch.Read more

    • Day 5

      Lunch

      June 21, 2023 in Norway ⋅ ☁️ 20 °C

      Best place to have lunch..

    • Day 12

      Sitzen macht müde

      September 26, 2017 in Norway ⋅ ☀️ 9 °C

      Heute war es anstrengend, glaubt ihr nicht?? Ist aber so. Auto fahren ist echt ermüdend. Vor allem wenn man die schönsten Plätze zum übernachten um 15 Uhr findet, sich aber denkt wir nehmen lieber den nächsten, ist ja noch früh und dann nichts mehr kommt. Richtig öde. Letztendlich landeten wir auf einem lauten viel zu teuren Campingplatz. Für den morgigen Tag lassen wir es auf jeden Fall ruhiger angehen.Read more

    You might also know this place by the following names:

    Hattfjelldal

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