Geh, bitte!
31 maj 2025, österrike ⋅ ☀️ 25 °C
Und schon sitze ich im Zug nach München. Draußen warmes Sommerwetter, der leer hereinfahrende Zug hat sich rasch gefüllt. Zurück wird gleich eine sehr schöne Stadt liegen, die erstaunlicherweise von Zürich vom ersten Platz an Lebensqualität verdrängt worden sein soll. Sie brachte viele neuen Entdeckungen trotz der vielen Reisen hierher. Man muss nur einmal links oder rechts gehen, schon gibt es neue Ausblicke, neue Fassaden aus der Hoch-zeit eines Imperiums von ungefähr 1860 bis 1918, dann wieder aus der Hoch-zeit der Sozialdemokratie in den 60er und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Dazu entschlossen wir uns kurzfristig zu einem Besuch im Burgtheater, das ich bisher nur aus sehnsuchtsvollen Erzählungen der Theaterbranche kannte. Von innen zwar früherer Reichtum, viele Aufgänge und Plüsch, aber doch angestaubt wirkend, fast wie das Kino International in Berlin mit seinem Blick auf die Karl-Marx-Allee. Nach weiteren verwirrenden Gängen im zweiten Rang des Theaters gelandet. Die ursprüngliche Vorstellung war abgesagt worden und kurzfristig DIE ZAUBERFLÖTE und doch nicht DIE ZAUBERFLÖTE ins Programm genommen worden. Zunächst dachte ich entsetzt, wie man diese Mozart-Oper so klamaukig aufführen könnte, dann wurde ich aber schon bald von der phantastischen Märchengeschichte mitgerissen, von Schlange, Papageno, Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Weise und ihre Helfer. Und hatte Mozart sie nicht genauso intensiver? Was würde er zu den musikalischen Einfällen sagen, zu Bohemian Rhapsody und Dirty Dancing? Angestaubtes wurde sofort benannt, etwa wenn die Vorherrschaft des Mannes in einem Text kommentiert wurde mit: Hat er das wirklich gesagt? Das kann er nicht gesagt haben, oder anderes mit einem klaren österreichischen Geh bitte!
Da ich nur für zwei Tage gebucht hatte, übernachtete ich den dritten bei Lorin, viele Treppen musste ich inmitten einer dicht von Bäumen bewachsenen Siedlung in Döbling oder am Rande, wie Lorin sagte, hochsteigen. Sechs verwinkelte Zimmer, zwei Bäder, eine Menge junger Leute, teilweise mit ihren Freunden und Freundinnen. Nach dem Blick über Wien vom Balkon machte ich Lasagne und lernte beim Essen fast alle Mitbewohnerinnen von Lorin kennen. Es war ein irgendwie lustiges Gespräch, wie es unter alten Leuten kaum mehr stattfindet. Hier geht es noch um Rankings, ist man offen für alles, plaudert einfach, tauscht natürlich das aus, was für diese Generation interessant ist - Taylor Swift, Mangafilme - dann auch wieder, wie die quirlige Jil einwarf, dass Salzletten völlig überbewertet wären. Ich war stummer Zuhörer und fühlte mich wohl.
Heute dann der Türkenschanzenpark, prall grün, hügelig, sogar mit einem Wasserfall, ich spielte mit Lorin Tischtennis und verlor in Sätzen 6:7 nach einer 6:4-Führung, drei Männer aus Stuttgart sahen zu. Wir besuchten die leere agrarwirtschaftliche Akademie, den Neubau hinter dem wuchtigen K.-und K.-Gebäude, auf Stahlträgern erbaut und in einem weiteren Anbau ganz in Holz errichtet.
Ansonsten Kurzfilme, die meisten leider eher sehr persönlich, als wären die Studenten schon bei der Einstellung an der Uni mit ihrer Geschichte und der Idee für den erden Film betraut worden. Selten darüber hinausgehend. Natürlich unsere Zukunft betrachtend, sie auch bezweifelnd, doch wird die Geschichte der Menschheit noch eine Weile weitergehen, werden die Katastrophen zwar häufiger geschehen, wie der Bergsturz vor ein paar Tagen in der Schweiz, aber werden wir nicht aufwachen. Dazu braucht es eine Bewegung in der Bevölkerung. Ich glaube immer noch an sie, so wie weltweit sich entwickelnd 1967 und 1968, ohne zu wissen, was sie auslösen wird. Ob sie uns zu einer besseren Welt führen wird? Meine Generation hat in der Gier nach Bequemlichkeit und Sicherheit so ziemlich alles mitgerissen, was da war. Natürlich kümmern die Verluste kaum jemanden, so lange es genug Leuten mehrheitlich gut geht. Wenn ich sage, dass es mir in dem 70ern schon recht gut ging und ich nicht mehr Waren benötigt hätte, vergesse ich das Elend der anderen zur damaligen Zeit. Viele haben ein besseres Leben inzwischen, aber mit dem Konzept der Ausbeutung der Erde und auch des Menschen, sprich des weiteren Gewinnes und Macht- und Besitzwachstums der damals schon herrschenden Klassen. So wird es nicht ewig bleiben.
Ein weiterer Sommer zieht an mit vorbei, Hügel, Dörfer, Wälder, Brachland, im Zug schaut jeder in seinen handgroßen Mini-pc, sieht Bilder, Filme, Informationen, das Herunterladen eines sinnlosen Stefan-Raab-Videos kostete riesige Mengen an Energie. So ist unsere Welt.Läs mer
Wie wir heute leben
7 juni 2025, Tyskland ⋅ ☁️ 18 °C
Heute in der Ausstellung CIVILIZATION WIE WIR HEUTE LEBEN in der Hypo-Kunsthalle gewesen, fast als wäre sie eine Begleitung zu den Themen, die das Fünf Seen Filmfestival dieses Jahr begleiten sollen. Wien liegt schon wieder eine Woche zurück, Fotographien von James Dran, Nixon oder Muhammad Ali. Heute fast eine Fortführung, ein Sprung über die Jahrtausendwende. Die Bilder sind bearbeitet, kunstvoll, beschäftigen sich mit dieser Welt, mit dem überbordenden "Bienenkorb" der Städte, mit dem engen Zusammenleben. Faszinierend die Aufnahmen von der Steinagglomeration Mexikos, ohne Himmel und ohne Horizont, oder die vier Panoramabilder eines Stadtviertels an einem Abhang nahe Mumbai. Kurz hintereinander aufgenommen zeigen sie die Bewegungen der Menschen zwischen den Häusern, unter den Dächern, auf den Treppen. In New York, Ecke 5th Avenue, wartet eine Gruppe Menschen scheinbar zufällig auf das Straßenüberqueren. Ich glaube, dass das Foto gestellt oder montiert ist. Die Bewegungen der einzelnen wirken zufällig, ob mit dunklem oder weißem Gesicht, ob wartend, schauend, herausfordernd blicken, aber so viel Zufall kann meiner Meinung nach nicht sein. Die Bilder zeigen unseren Weg ins Künstliche. Die Welt ist zerstört. Es ist keine Frage mehr. Diese gab es noch in meiner Generation, die kommende kennt nicht mehr die Natur, nur noch die Künstlichkeit, die Malls, die Badeanstalten, die Eisberge zum Fotographieren. Dorthin bewegt sie sich und wird dort weiter existieren. Der Mensch ist ein Chamäleon. Er wird sich anpassen, mit wachsenden Spannungen. Ausgang ungewiss.Läs mer
Paradiese müssen nicht weit sein
9 juni 2025, österrike ⋅ ☀️ 19 °C
Am Morgen hatte ich noch gelesen, dass der ehemalige bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer Bayern als den Vorhof des Paradieses empfindet. Ohne Hintergedanken darüber war das Ziel der Weißensee bei Biberwier, natürlich mit Erinnerungen an die sagenumwobene Tour allein mit allen Kindern, Neffe und Nichten vor mehr als 30 Jahren, und als ich ankam, an eine eigene Wahnsinnstour über den Seebensee, die Coburger Hütte, die große Tajaspitze zur Ehrwalder Alm, ich weiß nicht wann, erinnerte mich nur meiner Erschöpfung, aber auch Wildheit und Sturheit.
Diesesmal gemächlich. Pfingstmontag. Mountainbiker unterwegs, später dann nur noch Wald, kaum Geräusche, blühende Natur, blauer Himmel, Berge, wie im Yosemite Park, vielleicht etwas weniger spektakulär, aber dann unterhalb des Fernpasses doch genauso von Touristen überlaufene Terrasse wegen Blick auf die Zug- und Sonnenspitze mit dem Blindsee, wiederum in fast karibischen Blautönen funkelnd.
Busse kamen, Touristen ergossen sich über die Terrasse, Fotos wurden wieder und wieder in allen Zusammenstellungen gemacht. Ein sehr alter Mann, ein paar in blauem und orangenem Radldress. Die Kellnerin war freundlich, direkt, vollbusig, das Essen aus der Tiefkühltruhe oder zu fettig, die Abräumer meist alte Männer. Die Spezies Mensch, tja, in allen Variationen.
Später tauchte ich in das kalte Nass des Blindsees, was so erfrischend war, auch wenn es erst Überwindung kostete. Die Frische des Wassers blieb auf dem weiteren Weg, entlang der Steine, manchmal gesichert. Blick hinauf zu den Abhängen, Gedanken an den Felssturz von Blatten. Vor 6000 Jahren fand wohl hier ein solches Ereignis statt und staute den Blindsee auf. Nach einem Auf- und Abstieg der Mittersee, verträumten, fast schon im Abendlicht, ein wenig Wind über den Wellen, dass sie glitzernden. Ein Bootshaus und ein von Sonne beschriebenes Moosbett zwischen den Kiefern wie aus WILDE ERDBEEREN. Am Ende des Films sieht Borg ein, dass er zu lange in Arbeit und Selbstsucht gelebt hat.
Das Grün der nassen Wiesen am Fuße der Berge im schrägen Abendsonnenlicht ist nahe dem Paradies, von uns nur ein paar Kilometer und am Ende 12000 Schritte entfernt.Läs mer
Der 20-Dollar-Schein
27 augusti 2025, Italien ⋅ ☁️ 25 °C
Am Ende sagt Julia Roberts alias Alma Imhoff 'Check please', bekommt die Rechnung, legt einen 20 Dollar Schein auf den Tisch und geht. Sie hat sich mit der jungen dunkelhäutigen Studentin getroffen, die letztendlich ihre Entlassung aus dem Universitätsbereich gepaart mit ihren eigenen strukturellen Defiziten bewirkt hat. Auf dem Geldschein ist der siebte Präsident der USA, Andrew Jackson, abgebildet. Seit bald zehn Jahren debattiert man aber darüber, ob man die AktivistIn gegen die Sklaverei Hariett Tubman in Zukunft darauf abdrucken sollte. Im Prinzip geht der ganze Film über diese Diskussion. Oder anders gesagt über den Abgesang einer Zeit, die versucht ihre Privilegien und Machtstrukturen noch ein wenig zu erhalten. Allein für diese Szene und die Darstellung der Julia Roberts ist dieser manchmal zu überklug daherkommende Film, wobei es bewusst eingesetzt ist, sehenswert.
Man merkt, ich bin in Venedig und pendle in meinem Kopf zwischen Zeit- und Raumebenen einher. Die eigenen Gedanken und Erinnerungen, die Welt meines Geschäfts, die Besucherzahlen, die Menschen dahinter, die sich die von mir ausgewählten Filme anschauen, die Organisation und Buchhaltung, die dahinter immer noch bei mir liegt, die Anfragen von Veronika über das Festival, das in zehn Tagen beginnt und geplant werden muss, die Zeit danach, das Kino, die Planungen, die Ideen, die Familie. Heute hat Katharina Geburtstag, Kinderlieder aus der Schweiz, die Sonne scheint durch das Fenster, Tiu wächst, Oki ist wild, ich kenne all diese Momente, sie liegen weit zurück, aus einer Welt, die vergeht, wie der Präsident auf dem 20-Dollar-Schein. Noch wird er aber abgebildet, herumgereicht, auf den Tisch als Zahlungsmittel, Wertobjekt angenommen.
Ich freue mich an den Bildern der Enkel denke auch darüber nach, wie meine Kinder ihr Leben meistern, im Vergleich zu meinem, in der Rückschau. Ich habe es so gut gemacht, wie es mir damals möglich schien. Erst im Alter sieht man mehr den wirklichen Anteil seiner Eigenheiten, der anderen Möglichkeiten, die man nicht genommen hat. Schade, dass ich es nicht mehr mit einer Partnerin, Ex-Partnerin teilen kann. Vielleicht habe ich dieser Möglichkeit zu wenig Raum gegeben, ohne mit bewusst zu sein. Da scheinen mir die Kinder zum Glück nachhaltiger an die Gestaltung des gemeinsamen Lebens heranzuziehen, vielleicht als Reaktion.
Draußen Sonne über der Via Garibaldi. Buongiorno, due cafe, un brioche, als Kind schon kam ich nach Venedig, damals von Bibione aus, seit bald 40 Jahren als Filmfestival- und Biennalebesucher. Faszinierend ist die Kreativität, die so viel frei gibt, Luft zum Schweben, Luft zur Beobachtung, Lust zur Wiedergabe.
Vom ersten Abend:
Da ist dieses Strahlen, Leuchten in den Augen, Lächeln um die Mundwinkel der jungen Frau. In den blauen Augen spiegelt sich einen Moment lang Freundlichkeit, Empathie und Lachen. Dabei ist es nur eine Bestellung, einem Kellner gegenüber geäußert. Ihr gegenüber sitzt ihr Partner. Er schaut in das Handy. Von hinten wirkt er wie Ben Affleck. Ich schaue auf seine Füße, hätte gedacht, dass sie dauernd auf und abschwingen, aber er bewegt sie nur leicht an den Fersen gegeneinander. Kurz zeigt er ihr ein Bild auf dem Handy. Sie nimmt es ohne Regung wahr. Ihr Gesicht hat jeden Ausdruck im Miteinander verloren, jede Farbe, jede Authentizität, jedes Lächeln. Es wirkt fahl, gewöhnlich, gelangweilt, fast leer. Irgendwann kommt die Rechnung. Die beiden stehen auf und gehen. Sie haben nichts mehr miteinander geredet.
Eine beiläufige Szene. Nichts Besonderes. Drei Tage später legt Julia Roberts zum Abschluss des Films einen 20-Dollar-Schein auf den Tisch. Viele werden ihn nicht beachten, andere ihn nur als Metapher für den Kapitalismus oder die Machtstrukturen sehen, wenige als noch mehr, als Geschichte, vor allem als passende Geschichte.Läs mer
MADE IN EU
31 augusti 2025, Italien ⋅ ☀️ 23 °C
Schon wieder auf der Heimfahrt. Der Zug war wegen Streik gestrichen, ich befinde mich im Bus durch das Etschtal. Wolken um den Monte Baldo.
Vergangen das Glitzern über der Lagune, die Wellen am Strand des Lido, die Sonne auf den Körpern, auch die bekannten Kinosäle, die Eröffnungsmusik, die Pizza hier, die Pizza da. Filme, die man anschauen kann, die nicht wirklich schlecht sind, aber auch nicht herausragend.
Der Arzt aus der Kleinstadt unterhält sich mit dem Untersucher der covid-Erkrankungen aus der Hauptstadt Sofia. Später wird er an der Krankheit selbst sterben und als letztes sagen, dass ein Arzt bis zum letzten Atemzug Hilfe leistet. Hier aber beim Gang durch den Park sagt er: Das, was sie uns über den Kommunismus gesagt haben, war eine Lüge. Das, was sie uns über den Kapitalismus gesagt haben, hat sich als wahr herausgestellt.
Plötzlich ist dann doch der Film da, der sich mit der politischen Gesamtsituation an Hand einer Näherin aus Bulgarien beschäftigt, neben all den großen Produktionen wie Frankenstein oder After the hunt, alle nicht schlecht, aber eben doch an den Realitäten vorbeigehend. Großes Kino eben, große Schauwerte, Schauspiel-, Kameraleistungen, und dann ein kleiner bulgarischer Film von Komandarev, der mich schon mit Blagas Lessons auf dem Filmfest in Haifa begeisterte.
Nach dem Film saß ich auf dem Platz vor dem roten Kubus des Sala Giardino, den ich so gerne in Starnberg kopiert hätte, für den ich aber niemanden begeistern konnte, und wartete auf Lorin. Es war schön, ihn dabei zu haben, sich auszutauschen.
Inzwischen so viele teilweise wirre Gedanken über daheim, über das Festival, das spürbar wie eine Welle auf mich zukommt. Jeder Gast wird plötzlich zu einem Menschen, der auch Fragen hat und den man berücksichtigen muss, so wie das Team. Alles ein Wunder, wie wir es schaffen, aber auch immer belastender. Bei der Diskussion mit Tom Blum gemerkt, dass wirklich die gesamte, auch finanzielle Verantwortung bei mir liegt. Ich habe sie getragen, als wäre sie nichts, aber sie ist eben schon da. Deswegen will sie ja keiner nehmen.
Regen über der Etsch und den Wein- und Obstanbauten.
Ich denke kurz an die Ausblicke gleich neben unserem Domizil. Il Mercante del Castello. Über den Türmen und Kirchen blauer Himmel, aber nicht mehr so prächtig sommerklar wie auf den millionenfach geposteten Urlaubsbildern, sondern mit von der Morgensonne zart gelblich und rosan angestubst, wie hingeworfen von einem Maler der Renaissance.
Nächstes Jahr 40 Jahre Breitwand, fast ebenso lang in Venedig gewesen. Immer werde ich mich an das Telefongespräch mit Herrn Sass von Tobis erinnern, an der Strandpromenade stehend, im drei Stunden langen Versuch ihn zu erreichen. Um eins hatte ich es dann geschafft.
Die Mittel der Kommunikation haben sich verändert, die Architekturbiennale stand unter der Entwicklung der künstlichen Intelligenz und ihren Möglichkeiten. Ungeheure Datenmengen werden angesammelt. Wer setzt sie kreativ um, welche Kreativität wird bleiben? Durch den massenhaften Missbrauch der KI werden ihre Leistungen sich erst einmal verschlechtern, so wie das Privatfernsehen, das Internet, man muss die Qualität suchen. Die jungen Leute haben die Mittel und das Wissen dazu. Mir fehlt bereits die Schnelligkeit und mehr und mehr das Wissen, wo ich das Gesuchte finde.
Ich finde die Lösungen nicht. Warum? An einem Tag sehe ich die Arbeit wie ein Geschenk, am anderen spüre ich das Herz, die wachsende Angst auch. Hoffentlich habe ich nur zuviel Filme gesehen. Ein Rotarier hat mir Bilder von Stavros geschickt. Ich lächle, als ich den Berg sehe und das Plakat von Sorbas, das sie da wohl aufgestellt haben. Man sagt, das Alter tötet das Feuer, sagt er, aber ein bisschen habe ich noch.Läs mer
Anfang
8 september 2025, Tyskland ⋅ ☁️ 17 °C
Am Anfang, so stellte ich es mir vor, ist die Verbindung, nicht Adam, nicht das Wort eines Allwissenden, schon gar nicht ein Mann, sondern ein Paar, etwas, was zueinander kommt und erst wird, indem es sich verbindet. Ich sah einen schwarzen Raum, die Nacht, oft auch Ruinen, in dem sich zwei Hände fanden, einander griffen und mitzogen, zu einem Schimmer von Helligkeit, zu einem Himmel, der im Nichts einen Morgen spüren ließ. Er war oben. Der Blick musste hinaufgehen und die Bewegung musste über eine Treppe führen, zu einer Aussicht nach dem Tunnel.
Woher die Hände kamen, war mir nicht wichtig. Der Mensch muss sie setzen, so dachte ich, vielleicht wie einen Rahmen eine Senkrechte, eine Waagrechte eine Diagonale, die zusammen das Gute formten.
Das Gute? Je älter ich werde, desto mehr denke ich, das Leben. Und es sind keine mathematischen Linien, sondern Punkte in der Unschärfe, wie geworfen gegen eine Bildwand, die sie aufnimmt verschluckt, widerspiegelt, je nachdem, wo wir stehen und sie anschauen. Aus ihnen setzen wir Bilder zusammen und glauben an Verbindungen, bis sie zerfallen und wir wieder im Nichts stehen, in der Schwarze, in der sich erneut zwei Hände finden, Finger, und so weiter.
Am Ende des 19. Fünf Seen Filmfestivals wurde ich gefragt, wie es weiterging und aus vielen vorher schon herumgewälzten, eher schweren Gedanken ergab sich die Idee, einen Katalog zu schreiben, der nicht nur die nächste Ausgabe umfassen sollte, sondern die vergangenen 19 Jahre. Ich hatte den Rahmen gefunden, den ich gesucht hatte, den Sinn vielleicht.
Deswegen werde ich auf den nächsten Seiten Bilder, Filme, Geschichten und Gedanken aus den jeweiligen Jahren zusammenbringen, aber auch den täglichen Fortlauf der Bilder, Geschichten und Gedanken dokumentieren, bis der Katalog erscheint. Der Prozess ist also unbekannt zu dieser Stunde in der Nacht, während es draußen regnet und die Tropfen gegen die alt gewordenen Blätter trommeln, damit sie fallen, fallen wie von weit...Läs mer
Vor-Bilder
27–28 sep. 2025, Tyskland ⋅ ☁️ 11 °C
Fallen wie von weit...- geschrieben am Anfang eines Projektes, das weiterhin nur ein Projekt ist, weiter nur im Stadium einer Idee ist, ist natürlich ein Zitat. Man müsste in der heutigen Zeit einfach einen Link zum Rilke-Gedicht machen. Oder es einfach hierher kopieren.
Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit. Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
Es ist für mich ein ikonisches Gedicht, obwohl von mir nie vorgetragen. Angeblich fiel es meiner Tante Anneliese ein, als mein Vater am 10. Oktober 1972 starb. Ich sehe das Krankenhaus, das Zimmer, in dem ich mit meiner Schwester Beate ein paar Tage vorher war, mich jawohl fühlte im Angesicht eines schwachen, gelbhäutigen Mannes der nicht mehr lächeln konnte und nur noch ein paar letzte Worte mit meiner Mutter reden wollte. Wir gingen in den Garten. Beate sagte mir, dass er bald sterben würde.
Momente meines Lebens, sofort fällt mir eine weitere ein, verbunden mit John Denvers Annies Song in den umbrischen Hügeln, aber ich wische sie weg, gehören erst einmal nicht hierher.
Während ich dies schreibe, höre ich, dass Claudia Cardinale gestorben ist, vernehme im Radio die alte, vom vielen Tabak brüchig gewordene Stimme, die Anekdoten erzählt, während ich ihr Gesicht in Großaufnahme aus dem Zug steigend sehe, der sie in die Nähe von Sweetwater gebracht hat, während Ennio Morricones Musik anschwillt und der Wagen mit ihr und dem Gepäck den Weg hinaus zu der Farm am Fuß der Berge des Monument Valleys nimmt, wo gerade die ganze Familie und damit Jills gesamte Hoffnung ausgelöscht wurde. Später liegt sie unter dem Bösewicht Frank, gespielt von Henry Fonda, der bis dahin nur als good guy, als Abraham Lincoln oder Geschworener Nr. 12 besetzt war. Oder ich sehe sie in der Badewanne sitzen, als Charles Bronson hereinstürmt, um seinen Widersacher und Mörder seines Vaters Frank zu beobachten. Am Ende wird er nicht bei ihr bleiben. Irgendwo wartet immer einer, heißt es in der deutschen Übersetzung. Wieso kann ich mich an diese Filme Szene an Szene erinnern und an die neuen schon kaum mehr nach der ersten Betrachtung.
Vorbilder, die sich festgesetzt haben, ohne dass ich den Grund kenne. Suchte ich den Vater, wie in einer langen Zeit meines Lebens, oder einfach nur die Ausrichtung? Was gefiel mir und was fand ich in den Bildern des Kinos? Warum das Kino? Weil es immer schon in den Gesprächen meiner Familie war oder weil darin die seltene, vielleicht einzige Innigkeit mit meinem Vater war? Es hieß, er wäre jede Woche ins Kino gegangen und hätte die Filme bewertet, in den 50er Jahren, wie ich in den 70ern und Lorin jetzt in den 10ern und 20ern. Er hat seinen Großvater nie kennengelernt.
Mit Elia, der in ein paar Tagen auszieht, schaue ich mir abends Filme an. Robert Redford ist eine Woche zuvor gestorben, noch einer der Helden der späten 60er und 70er Jahre.
Auf der roten Couch hüllen wir uns in Schlafsäcke, liegen nebeneinander und müssen nicht viel reden. Familie für mich in den letzten Jahren, immer wieder. unausgesprochene Einigkeit wie mit den großen Kindern an einem Fluss unter einem Schlauchboot, als es plötzlich an einem Sommertag auf dem Weg zum Wasserfall zu regnen begann. Oder eine lange, lange Zeit, mehr als 30 Jahre lang, in denen ich in der Früh die Haustür öffnete und die Kinder zum Schulweg aufbrechen sah. Ich hab euch lieb, sagte ich jedesmal. Sie antworteten natürlich nicht, aber ich wusste, dass sie es hörten. Passt auf euch auf.
Dazwischen das normale Arbeitsleben Kinoarbeit, die aus Personalbetreuung, Reparaturen und natürlich Filmen besteht. Sie verdrängen die Projekte und Stimmen, halten sie auf, auch wenn sie da bleiben.
Christian Petzold erzählte auf dem nun schon wieder lange vergangenen Fünf Seen Filmfestival, dass La stanza del mio figlio Vorbild zu seinem letzten Film war. Ich bestelle mir Nanni Morettis Film, dazu den Vorgänger Aprile. Wie geht man mit Politik und Zeitgeschehen um. Wie verändert sich alles durch die Geburt der Kinder. Hannah Arendt sprach von Natalität in der Philosophie, wie ich auch aus einem Film erfahre. Jedes Kind ist Hoffnung, ist Zukunft, gegen alle Widrigkeiten des Zeitgeschehens. Das übrigens immer schon schlimm war.
Ich tauche in die Filme der 70er Jahre an Hand der Redford-Retrospektive ein. Die Sorgen waren ähnliche in Bezug auf Übernahme der Verwaltung durch machtgierige, anklingend faschistische Potentaten. Damals hießen sie Nixon, Pol Pot oder Mao, heute sind es eben Trump, Putin oder XI. Damals gab es noch die Möglichkeit wie bei DER ELEKTRISCHE REITER, am Ende in den Westen zu reiten und alles Marktgeschrei hinter sich zu lassen. Heute haben sich fast alle Menschen bereits durch die digitalen Angebote verkauft, sind leicht manipulier- und lenkbar. Verkauft wird uns Bequemlichkeit und Sicherheit. Dies wird uns angeboten, Nebenwirkungen oder Spätfolgen werden nicht erwähnt und deswegen auch nicht debattiert. Das Leben geht weiter. Wie immer schon. Je älter man wird, desto mehr sieht man, wie Geschichte funktioniert, 1932, 1974, 2020 oder heute. Robert Redford suchte sich immer ähnliche Rollen aus, in seinem Lächeln war die Hoffnung und Sehnsucht nach einem wahren Leben, nach der Natur, nach Werten. Aber diese Generation kannte sie noch und konnte damit umgehen. Heute lernt man mit Apps und Chatbots, KI und Passwörtern umzugehen - ist ja auch die real existierende Umwelt.
Zwischendurch kommt Elia vorbei. Wir holen LEBEN von Zhang Yimou heraus. Wieder geht es um den einfachen Menschen im Lauf der Zeit, wieder darum, dass Kinder Hoffnung bedeuten. Meine Enkel werden die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts mit bestimmen. Sie werden die gleichen Probleme haben wie wir in einem anderen Gewand, aber dadurch, dass sie das Licht dieser Welt erblickt haben, tragen sie hoffentlich dazu bei, die Welt, das Zusammenleben besser zu machen, das menschliche Miteinander zu sehen, den Austausch, das Verstehen in einer immer näherrückenden und sich vermischenden Welt.
Das sind meine Vor-Bilder, aber sie könnten ganz anders sein, wenn man sich mit anderen Menschen umgibt, in einer anderen Umgebung aufwächst, anderes liest oder erfährt.
Ich lese in der SZ davon, dass sie in Flossenbürg eine Stimmen- und Bilderinstallation in Anbetracht dessen aufgebaut haben, dass die Zeitzeugen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wegsterben. Also fahre ich nach Flossenbürg in die Oberpfalz. Das Gelände in einem Talkessel überrascht vor allem durch die Einfamilienhaussiedlung, die man in den 50ern auf einem Teil des Geländes des Konzentrationslagers errichtet hat. Sie blickt auf einen bis auf zwei langgestreckte Häuser brachen Platz, der bis in die 70er und 80er einfach Parkplatz für LKW war. Auf einer Grasfläche die Grundmauern der Baracken. Fast abgebrochen hinter einer weißen Mauer das Haus der Folterungen und Ermordungen. In einem dahinter liegenden noch tiefer gelegenen Tal dann das Krematorium. Durch eine Rinne wurden die Toten dorthin auf kleinen Waggons gekarrt oder einfach heruntergeworfen. Baderäume, ein Steinbecken, Asche- und Restehaufen, darüber eine Kirche.
Eine Gesellschaft trug das mit, eine Gesellschaft wusste davon, eine Gesellschaft verrohte. Ich wuchs dankenswerterweise in einer Gesellschaft auf, die NIE WIEDER diese Entmenschlichung geschehen lassen wollte - bis auf ein paar wenige. Ich höre die Stimmen der Überlebenden an. Sie hallen von den Wänden, die mit Schemen bespielt werden, unklaren Bildern, wie aus einer Erinnerungstraumwelt. Es ist alles geschehen, schleichend, langsam, aber von einer Mehrheit getragen, die nur den nahen Aufstieg, die nahe Verbesserung sah, aber nicht die Folgen und Implikationen.
Können wir Stimmen erinnern? Wie mein Vater geredet hat, weiß ich nicht mehr. Andere Menschen, die leider schon verstorben sind, meine ich aber noch hören zu können.
Stumm fahren wir noch durch die Oberpfälzer, eine schöne Landschaft eine restaurierte Kleinstadt - Weiden. Später höre ich in Bayern 2 wilde 70er-Jahre-Geschichten aus diesem Ort, kenne solche auch aus Gilching, die Verlockungen der billigen Porno-Filme oder -Bars damals, bevor sie alle ins Privatfernsehen und noch später ins Internet weiterzogen.
Gedanken verlieren sich im Alltag oder schieben sich wie die Kontinentalplatten unter den Kontinent der ToDos. Ich fahre in kurzem Abständen nach Wien - verliere im Squash deutlich gegen Lorin, was aber Spaß macht, sehe neue Filme, debattiere darüber, wache in einer Appartmentsuite auf, die mir genauso wie das Hotelzimmer in Hamburg oder in Karlsruhe Anregungen dafür gibt, noch einmal das Haus umzubauen, dadurch noch einmal für mein Leben eine neue Richtung, eine neue Umgebung zu Formen - fahre also auch nach Hamburg - wo Bob Dylan ein zu vernachlässigendes Konzert gibt - oder Karlsruhe, wo es einen weiteren Kinoprogrammpreis gibt, dazu die Erinnerung an den damaligen Hauptgewinn, 2013, und die Erkenntnis im Gespräch mit den vielen anderen Kinobesitzern, dass man natürlich alles auch ganz anders hätte machen können.Läs mer
Fahrt ins Unbekannte
2 november 2025, Tyskland ⋅ ☁️ 12 °C
Aufstehen in der Dunkelheit. Noch ein kurzes Frühstück, Tee, Müsli, immer mit der Frage im Hintergrund, ob alles Entscheidende mitgenommen wurde, denn vor mir liegt Unbekanntes. Heute Flug nach Algier, dann aber Flug an die Grenze von Algerien, Niger und Mali. UNESCO Weltkulturerbe: Tassilli N'Ajjer- Nationalpark. 65 Jahre meines Lebens nichts davon gehört, nun ost es nurmehr 18 Stunden entfernt.
Ich schaue aus dem Zugfenster. Es regnet über deutschen Äckern, herbstfarbigen Wäldern, grauen Stadtlandschaften. Bin ich nervös, wurde ich gefragt. Nicht viel, vielleicht ein wenig unsicher über das, was mich erwartet. Es ist nicht San Francisco oder Hawaii, es ist was ganz anderes, schauen wir mal, wie Lorin seinen Blog genannt hat, schauen wir mal.Läs mer
Patio am Morgen
2 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 22 °C
tagesplan:
Am Nachmittag startet der Linienflug (ca. 3 h) mit Air Algérie von Frankfurt über Algier und am späten Abend der Weiterflug zur Wüstenstadt Djanet, der auf 1000 m Höhe liegende Hauptort des berühmten Tassili N‘Ajjer-Nationalparks. In der Nacht Begrüßung und Abholung durch unsere Tuareg-Mannschaft und kurze Fahrt ins 20 km entfernt liegende
Hotel in Djanet ...
Endlich um 3 Uhr nachts angekommen. Im Gepäckabholungsraum des kleinen Flughafens mehrere Reisegruppen, dazwischen Beamte und Tuareg in ihrer Kleidung, den herum gebundenen Turban, das sackähnliche Überbleibsel, manchmal blau, manchmal weiss, oft dunkel. Fahrt durch die Nacht, 30 km, nach Djanet. Beleuchtete Straßen, Neubaugebiete in der Nacht, Hügel, die mich an den Film 5G erinnern. Schließlich Grand Hotel des Ambassadeurs, ich falle ins Bett und erwache mit blauem Himmel, Blick nach Lybien über graugelbe Ziegelhäuser, eine Straße, einen Verkaufsstand unter Sonnenplane. Busse, ein paar Autos, zweimal Polizei, dann die aufsteigende Steingarten, gelber Sand davor, ein schrundiger, wie von Gletschern zerschrammter Berg zur linken. Es gibt ein reichhaltiges Frühstück in einem schattigen Patio. Leichter Windhauch un den grünen Bäumen, Steinformationen im Sand, aufgeschichtete Kalabassen, Vogelfutter in flachen, aufgehängt Strohtellern. Die Tour geht los, ungewohnt für mich, nicht eigenen Gedanken und Plänen zu folgen.Läs mer
Vollmond am Abend
3 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 17 °C
Bleiches Villmondlicht über der steinigen Sandfläche zwischen den Bergen. Hinter mir, wie auch ringsum Formationen wie vom Monument Valley, nur nicht so rötlich. Gelblich braun fällt das Geröll von dem jahrtauswndealten Plateau herunter, zermahlen von Wind und wohl auch früheren Flüssen. Die Esel stehen bereit, sechs Treiber, ein Koch stellt das Abendessen mit seinem Sohn zusammen, ein Feuer brennt, arabische Stimmen und die der Gruppe. Die Fahrt führte aus Djanet heraus an einer Müll Deponie, aber auch leider an vielen anderen wilden Müllstellen vorbei in die Einsamkeit. Ein paar Fahrstunden im Sand, Findlinge, in den Boden gerammt, als wären sie vom Himmel gefallen. Der Platz für die Übernachtung ist am Fuß eines dieser beeindruckenden Gebiegsformationen. Die Zelte werden aufgestellt, ein Mitglied der Gruppe, Krankenschwester aus Seefeld, versucht die Sträucher etwas vom Plastik zu befreien. Schnell hat sie eine Tüte voll. Nützt das etwas?
Ich gehe noch eine Stunde den Weg in die Berge. Irgendwann bleibe ich über einem kleinen Geviert sitzen, auf der rechten Wange die Abendsonne. Wind umspielt mich. Ich schaue in das Tal und auf die Berge. Kein anderes Geräusch. Kein Wort. Nur Natur. Ein Moment von Schönheit.Läs mer
Tamarit
4 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 14 °C
Tagesplan - 2.Tag:
Nach dem Frühstück werden die Sachen gepackt und auf die Begleitfahrzeuge verteilt. Während des Besuchs des kleinen, aber informativen Tassili-NP-Museums in der Palmenoase Djanet, werden die letzten Behörden-Gänge durch Ihre Tuareg-Begleitmannschaft erledigt und letzte Einkäufe getätigt. Anschließend erfolgt die Fahrt in die nahgelegenen Ausläufer des Tassi N´Ajjer ("Plateau der Flüsse") bis zum Nachtplatz am Fuße des Akba Tafaloulet, von wo aus am nächsten Morgen der Aufstieg erfolgt. Die Region des Nationalparks Tassili N‘Ajjer (Weltkultur- und Weltnaturerbe) ist weltweit bekannt.
Eine Hochebene mit unglaublichen Felsformationen. Nach einer Wanderung mit 600 Höhenmetern, also für Vincent in einer Stunde zu bewältigen, für mich in drei, für die Gruppe in vier, erreicht man das dritte Plateau in 1700 Metern, eine Mondlandschaft. Steine, Geröll, manchmal eine kleine Erhebung. Der meist sandige Weg führt durch dunkle Steine. Nach und nach aber wachsen aus der Ebene Felsformationen, bis man Tamarit erreicht, eine Landschaft, mit der man eine Zeitreise durch die Erdgeschichte unternimmt. Einstmals Gletscher, dann Meer, dann vom Flüssen durchzogen, dann versteckt, jetzt trocken. Wir sehen noch einen Steinbock, am Boden aber die Zeichnung eines Elephanten, später einer Qualle. Wie sieht unsere Welt in 8000 Jahren aus, dort, wo wir noch an Flüssen sitzen, oder wo wir am Strand ins Meer gehen. Die Felsen regen unsere Phantasie an, wir sehen Köpfe, Dromedare, Zinnen, den Schrei von Munch, Arkaden, Ungeheuer. Unsere Beine sind müde, 20 Kilometer sind bewältigt, da noch ein tiefer, steilst abfallenden Canyon, da noch eine Wasserstelle, da ein Tal voller 2000 Jahre alter Zypressen,in der die Esel ihr Futter suchen. 14 gibt es noch, zwei davon sind leider auch schon verdörrt, abgestorben. Müde erreichen wir unseren Nachtplatz. Die Sonne geht unter, der Vollmond besteht über der einmaligen Landschaft der sich in den Nachthimmel reckenden Zinnen, Köpfe, Obstschalen auf Berggraten. Es gibt warmen Ingwertee. Wir liegen auf drei Teppichdecken um den gedeckten Bodentisch, weit weg von daheim.Läs mer
Bilder sagen mehr als Worte
4 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 23 °C
Oder .... wie eine unendlich weite Ebene vor kambodschanischen Tempeln, nur vom Wind geformt. Jede Steinwüste führt dann doch zu neuen Ausblicken, Formen, erstaunlichen Gebilden. Wind und Wasser formen sie über Jahrtausende. Die Zeichnungen an den Höhlen zeigen von der Geschichte und der Urzeit. Kamele, Schafe, aber auch in der ersten Phase weissliche Fabelgestalten. Ein Kamel wird gebändigt, um es zu essen, eine Familie weist zu Mond un Sternen. Wüstenrot zwischen Sand, dann eine in sich verschlossene Wüstenrose, die Frauen bei einer schwierigen Entbindung helfen konnte, dann ein Steingrab eines Nomadenchefs. Er wurde neben seinem Freund begraben, dazwischen zwei Kinder. Welche Geschichte sich wohl dahinter verbirgt.Läs mer
Tagesrythmus
4 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 22 °C
Aufstehen um sechs Uhr, meistens im Schein des Vollmondes, sich einen irgendwie uneinsichtigen Platz für die Frühtoilette suchen, was oft gar nicht so einfach ist, Toilettenpapier verbrennen oder verscharren, zum Himmel schauen, zu den Bergen, die Weite, die Unwirtlichkeit, aber auch Ruhe wahrnehmen, Zelt einpacken, zum Treffpunkt bringen, samt des Gepäcks. Kurzer Tee, La vache qui rit-Käse, Nutella, Maemelade, dann Aufbruch mit den ersten Strahlen der Sonne. Steinwüste und Gesteinswelten aus der Urzeit. Ungefähr fünf Stunden gehen, dann Mittagessen, Salat, Reis oder Nudeln, eine Stunde Pause, dann erneuter Aufbruch. Tagespensum bei 25000 Schritten im Durchschnitt, später im der Woche nurmehr bei 15000. Nach der Rückkehr von der Nachmittagstour gibt es Tee oder Kaffee, Nüsse und ein paar Kekse, Gespräche über das Leben der Tuareg früher, warum Esel weiße Nasen haben, das Leben heute, über Butch, den englischsprachigen Begleiter, der seine Kinder unbedingt studieren lässt, und Baba, den Guide, der sich sicher und präzise in diesem Steinlabyrinth bewegt, natürlich viel Gruppendynamik, man liegt am Boden, es gibt vier Klapphocker. Dunkelheit fällt rasch um sechs Uhr ein, der Vollmond wirft sein helles Licht über die jeweilige Szenerie des Lagerplatzes, im Lauf der zwei Wochen wird er zum Halbmond und sogar Sichelmond, der am Ende erst nach Mitternacht aufgeht.
Alle Übernachtubgsplätze sind weiträumig, umgeben von Höhlen und haben immer wieder Ausblicke auf faszinierende Steinformationen, von einem Basebalhandschuh zu einem Dromedar mit Panzerüberwurf, von Bögen, Fratzen, Fenster und Türen. Später liegen sie in den Dünen, mal enger, mal weiter. Wenn ich jetzt aus dem Bogen meines Zelteingangs blicke, sehe ich die Lichter der einzelnen Stirnlampen zum Essplatz gehen, die Stirnlampe des Koches so aufblitzen, dass sich das Licht über die nach innen gekrümmte Höhle wirft, etwas entfernt Tuareg an ihrem Feuer sitzen und den Vollmond tief über ein paar Bergzinnen sein weissliches Licht werfen. Wir sind auf 1700 m Höhe, was man aber völlig vergisst, weil man seit bald zwei Tagen fast in einer Ebene läuft. Dies wird sich aber ändern, wir werden wieder absteigen, dann zwischen den Sanddünen kampieren.Läs mer
Noch weniger Worte
5 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 19 °C
Tagesplan - 3. Tag:
Verladung des Gepäcks auf die Esel (das Hauptgepäck verbleibt im Camp in Djanet) und Aufstieg über den Pass Col de Tafaloulet auf das zwischen 1600 und 1800 m hoch gelegene Hochplateau. Mittagspause und erste Wanderung zu den Felsbildern bei Tamrit u.a. mit der einzigartigen Darstellung von Antilopen. Wanderung in das Zypressental, ein
geschütztes, breites Tal mit weißem Sandboden. Die heute noch grünenden Zypressen mit einem vermuteten Alter bis zu 3000 Jahren gehören mit zu den ältesten Bäumen unserer Erde. Das geschützte Tal ist zudem Zufluchtsort einiger Vögel.
Die Tage laufen laufen ab. Sechs Uhr Aufwachen, Zelt zusammenpacken, Tee um besagtes Esscarée. Vier sitzen auf Stühlen, die beiden Sachsen habe noch welche mitgebracht, die anderen auf der Decke. Waschen geht nur Zähneputzen. Dann 15 Kilometer laufen, manchmal über Steinwüste, dann wieder zwischen Felstürmen. Immer wieder höre ich, wie es wohl gewesen ist, der Eisschild über dem Plateau, dann dann Abfrieren, das abfließende Wasser und wohl auch die Arbeit des Windes. Steppen, Wiesen, Bäche, Flüsse, die reissend gewesen sein müssen, aber auf welchem Niveau? Denn die Zeichnungen müssen ja alle schon erreichbar gewesen sein? Also vor 10000 Jahren, da aber kein Sand, sondern noch Wiesen und Bäche. Eine Zeichnung zeigt ein Boot, eine andere einen Schwimmer.
Nach den erfreulich 15 Kilometern Mittagessen, eine Stunde Ruhe, dann noch sechs Kilometer durch diese Steinwüste. Sie ist wirklich einmalig, hinter jeder Biegung. Unbeschreiblich.Läs mer
Malereien
5 november 2025, Algeriet ⋅ 🌙 21 °C
Tagesplan - 4. Tag:
Die heutige Wanderung bringt Sie zu den Malereien von Ouan Itinen mit einer Ansammlung unterschiedlicher Darstellungen aus der Rinderperiode. Weiter führt die Wanderung bis Tin Touhami, wo die Mittagspause eingelegt wird und gleichzeitig der heutige Nachtplatz sein wird. Am Nachmittag besichtigen Sie die Zeichnungen von Tin Tazarift.
Gehzeit: Vormittag ca. 4 h; Nachmittag ca. 2,5 h
6. November. Ilizi. Immer wieder in den von Wind und Wasser geformten Höhlen Zeichnungen aus den verschiedenen Jahrhunderten, wahrscheinlich von 8000 bis 2500 vor Christus, kulminierend in einer Wand von in weiß gemalten, betenden Frauen, vermutlich schwanger, die durch die Kraft einer Gottheit ihr Baby bekommen. Der Gott von Sefar hat ihnen geholfen. Andere Malereien in Kupfer- oder Ockertönen, viele Schafe, Pferde, manchmal eine Giraffe, manchmal ein Elefant, Jagdszenen, Familienfeste, Frauen in Masken und Kostümen, Liebesgrotten, einmal eine Einkerbung in den Stein, oben eine gehörende Frau. Was für Geschichten um Geschichten.Läs mer
Gruppe
7 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 14 °C
Tagesplan - 5. Tag:
Heute erwartet Sie ein anstrengender Tag: Sie wandern nach Sefar und beginnen mit der
Besichtigung des schwarzen Sefars. Der wahre Höhepunkt folgt anschließend im weißen Sefar und lässt Sie staunend vor einer großen Felsmalerei aus dem mystischen Bereich stehen: den großen Gott von Sefar. Die Sammlung von Felsbildern lässt teilweise keine klare Deutung zu, ob es sich um Menschen, Tiere oder Mischwesen handelt. Man spricht vom weißen und schwarzen Sefar je nach dem Malstil und der Farbgebung. Nach einer ausgiebigen Mittagspause geht es zurück in Richtung Abstieg mit einer letzten Übernachtung in Ouan Guffa.
Gehzeit: Vormittag ca. 5 h; Nachmittag: ca. 2,5
Freitag. Früher aufgewacht wegen dünner Unterlage, hartem Grund und ein wenig Schmerzen in den Knien. Träume in der Nacht mäandern von Erinnerungen zum Furtanger, zum Geschäft, Festival, Kino, bis sich im Osten, wohin ich schaue der Himmel langsam erhellt. Im Westen steht der Vollmond noch hoch am Himmel. Die ganze Nacht hat er die weite Fläche vor meinem Zelt erhellt. Sie dürfte zehn Minuten weit sein. Längenangaben nach der Zeit. Ein Tuareg schreitet sie durch, als ich das Zelt öffnete. Gestern sagte unser Führer Baba, dass das ganze Hochplateau 12 Tage messe, im Kamelschritt gemessen.
Heute früher aufgestanden, so dass ich mal eine Viertelstunde Ruhe habe vor Gruppenplanung und Gruppenzugehörigkeit. Die Wanderungen sind nicht still. Meistens ist die Krankenschwester aus Seefeld zu hören, die in breitem Bayrisch lautstark ihre Meinungen vertritt, über Tinitus, Ohrenärzte, das Bayrische, die Tradition, was sie gut findet und was nicht so gut. Zwei Paare aus Dresden sind dabei. Einer war Kieferchirurg, ist meist in schwarz leger gekleidet, hat am Anfang ausgiebig gefilmt und fotographiert, dass zudringlich, später nicht mehr, besticht durch sein weiches Timbre, was eine andere Frau, nicht seine, als sexiest voice Alice empfand. Er heißt Uwe, seine langen Dreadlocks sind unter einer Mütze zusammengebunden, aus der sie dann herausfallen. Seine Frau Heike ist eine Frohnatur, blond, groß, ausgleichend. Das andere sächsische Paar, Ralf und Maren, lebt wohl in einem Dresdner Vorort, sind sehr genau, er will gerne witzig sein, ist nicht mehr mit seiner Arbeit zufrieden, fühlt sich nicht wertgeschätzt, wartet und repariert medizinische Geräte in den Krankenhäusern, während sie wie so ein fester Berg neben ihm sitzt, ihre Gedankenwelt hat, sehr bedächtig ist, gestern zum Beispiel genau und einfach erklärt hat, warum der Mond täglich immer circa 50 Minuten später aufgeht, wirkt manchmal mit ihrem Mann etwas unzufrieden, korrigiert ihn, wenn er etwas falsch gesagt hat, ist aber dann doch wieder ganz innig mit ihm. In Djanet hat sie am ersten Tag einen wunderbar türkisenen Schesch gekauft, den ich meist vor mir sehe, wenn wir wandern. Neben Rosi, der Bayerin, gibt es noch zwei aus dem Umfeld von Landstetten oder Andechs: Conny und Franziska. Conny ist die Älteste, selbstbestimmt trotz Heirat, lässt sich deswegen nichts sagen, aber in einer sehr weisen Art. Ihre Zurückhaltung gibt sie erst auf, wenn es um Bayern und Landstetten geht. Franziska ist da unsicherer, kommt wohl aus Siebenbürgen ursprünglich, ist aber die Freundlichste der drei, oft heiter, mit einem Sinn für Zusammengehörigkeit oder Rücksicht. Die letzte der Gruppe ist die Schweizerin Deborah, auch die Jüngsten, die sich anfangs vorstellte, dass sie immer als die schwierigste bezeichnet worden während. Sie hat viele Sonderwünsche, ist etwas umständlich, stellt manchmal seltsame Fragen, ist von Schutzfaktor 50 immer ganz weiß in Gesicht und an den dünnen Armen.Läs mer
Geschichten
7 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 16 °C
Tagesplan - 6.Tag:
Sie starten früh mit dem Rückweg und halten nach ca. 2,5 Stunden noch für eine kurze Mittagspause an, bevor es über den Eselspfad bergab bis zum unteren Bereich des Plateaus geht. Dort wird das Nachtlager aufgebaut.
Abstieg: Vormittags ca. 2,5 - 3 h, Nachmittags ca. 2,5 - 3 h
9. November. Nach dem Abstieg zum ersten Treffpunkt stehen schon die Autos bereit, die uns nach Djanet bringen sollen. Es ist um neun Uhr früh so heiß, dass wir die Schatten der Autos suchen. Sonst gibt es keinen. Wir bedanken uns mit einem Trinkgeld bei den Eselführern, Baba, dem Guide in blauem und schwarzen Kaftan, der sein Gesicht mit einem weißen Schesch bedeckt hält. Bei der Übergabe des Geldes sehe ich, dass er einen Schnurrbart hat. Ich würde ihn nie erkennen, wenn er mir ohne seine Verhüllung begegnete. Seine Nase ist wohlgeformt, Knochen, um seinen Augen liegen in braundunkler Lach- und Sonnenfalten, wie ich sie nenne.
Zwei Tage später erfahre ich, dass er in einem unbeaufichtigten Moment nicht nur eine Frau belästigend attackiert hat. In der Gruppe wurde es nicht besprochen. Ich habe es erst auf der Heimfahrt erfahren.
Duschen und neu einkleiden in der Garage, dem Treffpunkt von Tuaregreisen, ein Flachbau mit Dusche Küche, Versammlungsraum im Schatten, Mäuerchen, vor dem Rosen blühen. Wir hängen Kleidung darüber und stellen die Powerbanks davor auf. In einer Reihe liegen die Errungenschaften unserer Zivilisation in schwarz mit orangener Umrundung am Boden. Vor zehn Jahren gab es sie noch nicht und wer weiß, was in 10 Jahren sein wird.
Fahrt aus Djanet heraus, an Militäranlagen in flachen Bauten, Zäunen und kleinen Wachtürmen vorbei in ein weites Land. Die Hügel braun und steinig, daran Sandflächen, manchmal ein Busch eine Schirmakazie, die Straße schwarz geleert, manchmal mit Sand überzogen, wie bei uns im Winter von Schnee. Keinerlei Verkehr.
Kontrollzentrum in den Park. Quergestellter riesiger Lastwagen. Papiere werden überprüft. Dann Weiterfahrt, bis der Toyota in den Sand abbiegen. Die Wege werden nun so wie wir sie aus Kreta, Rhodos, Zypern oder ich dieses Jahr aus Kawaii kenne. Ungenießbare Bitterkürbisse liegen am Boden, eine Kamelstute mit ihrem Fohlen läuft hastig davon, als die Autos heranbrausen, sie überholen und schließlich in ein Tal abbiegen, wo der Nachtplatz ist. Etwas mehr Zeit vor dem Fünf-Uhr-Tee und später dem Abendessen. Da ist es dann pechschwarz oder sternenklarschwarz. Keine andere Lichtquelle gibt es als ab und zu eine Stirnlampe oder das Feuer, das sich die Fahrer gemacht haben.
Geschichten werden erzählt. Manche wiederholen sich, bis man sie nicht mehr hören will, andere erzählen vom Leben der Gruppenmitglieder und noch andere formen sich, weil nichts weiter hier ablenkt, die Sterne in einer Vielfalt erscheinen, wie wir sie gar nicht sehen, aber sie sind da. Es geht um die Wendezeit 1989, die ich nachfrage bei den Sachsen, um Corona, das ich bei Rosi nachfragen, Franziskas schreckliches Erlebnis mit dem Krebstod ihres Sohnes, Deborahs Arbeit im Schweizer Amt, erst beim Zoll in Saarlouis, später wieder in Bern, Connys Lebensweg bis zur mit ihrem Mann aufgebauten Balllonflugfirma, Alpenüberquerung in bitterer Kälte oder ein paar Stunden im Oberland. Dazwischen immer Uwes Geschichten von seinen Reisen, sein wohlwollender Blick auf die Russen, seine Erzählungen von der Transsibirischen Eisenbahn dem Baikalsee, aber auch Brasilien und viele andere Länder. Über 70 Jahre alt, ehemaliger Kiefernchirurg mit bewegter Lebens- und auch Frauengeschichte, graue Dreadlocks, die gleich ein Gespräch leicht machen.Läs mer
Mouln ' aga
9 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 25 °C
Tagesplan - 7. Tag:
Nach einem letzten kurzen Abstieg verabschieden Sie sich von den Eseln und ihrer Begleitmannschaft. Das Gepäck wird in die Autos verladen und nach einem Mittagessen fahren Sie teils auf guten Asphaltstraßen, teils auf Pisten in Richtung Tadrart-Gebirge, südöstlich von Djanet gelegen. Die erste, wanderintensive, ereignisreiche Woche liegt hinter Ihnen. Das Nachtlager errichten Sie heute bei Oued El Berdj, ein ausgetrocknetes
Flußtal, umgeben von imposanten Felsen. Manche Düne ist wie von einem schwarzen
Sandfilm mit winzigen Eisenerz-Körnern überzogen. Im nächsten Tal ändert die Farbe auf gelb oder später auf rot. Die Veränderungen sind typisch im Tadrart und lassen immer wieder überraschen.
Sonntag. Wanderung durch ein Wüstental. Mein Gesprächspartner ist Uwe, der Sachse, es geht um die Ukraine, die Russen, das Miteinander-reden. In vielem scheinen wir einig zu sein, weniger bei der Migration, auch bei der Einschätzung Putins, auch wenn natürlich von uns beiden für russische Seite und die Geschichte gesehen wird. In Höhlen auch hier Felszeichnungen und Gemälde in den Fels geritzt, immer an wunderbaren Aussichts- oder Übersichtspunkten, heute mit Blick auf Sanddünen und Felsen, damals wahrscheinlich auf Wiesen und Weiden, auf Giraffen und Kuhhherden.
Die Dünen wachsen an den Bergen hinauf wie gelbe Skipisten. Nach einer ausgedehnten Mittagsruhe, in der ich weiter STILLER nachlas, der so entscheidend für mich war und ist, so nachvollziehbar, weil viele Geschichten auch mir bekannt sind und der vor allem in der Sibylle-Erzählung so prägnant die Sicht der Frau, meiner Meinung nach auch heute gültig, geschildert und nachvollzogen hat, brachen wir nach Mouln'aga, Kamellippe auf, Höhepunkt der Reise mit den Dünen, die 400 oder 500 Meter hoch sich an Berge angelehnt und dann überwuchert haben. Der Wind formten ihren Kamm. Wir steigen empor, ich barfuß, was keine gute Entscheidung war, da der Sand wirklich heiß ist und die Sohlen fast verbrennt. Schatten werfen berückende Formen auf den Boden, immer wieder bis zum Horizont oder zum blauen Himmel empor muschelförmige, sich windende Gratverläufe. Einmalig.
Und dann der Abstieg wie eine Skifahrt, wie die Sprünge im Epilog von KAOS.
Ein Sonntag, wie weiter kaum schöner sein kann. Die Nacht ist plötzlich, fast abrupt über unseren Platz gefallen. Jedes Licht ist verschwunden. Und am Himmel leuchten Myriaden von Sternen. Liegen unter der Milchstraße.Läs mer
Formen
10 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 18 °C
Tagesplan - 9. Tag:
Heute Vormittag werden Sie sich im Gebiet um El Berdj aufhalten und einige Gravuren und Malereien besichtigen. Nach dem Mittagessen geht es weiter bis zum Fuße der großen Düne vor Moul n’Aga. Hier unternehmen Sie am Nachmittag eine herrliche Dünenwanderung, die Fahrzeuge überwinden die Düne ohne uns. In dieser traumhaft schönen Landschaft schlagen Sie heute Nacht die Zelte auf und genießen den Sonnenuntergang in Moul N'Aga.
Vormittags: ca. 2 h, Nachmittags: ca. 2-3 h
Am Morgen sitzen die Touareg im Kreis, trinken ihren Tee, bereden die Geschehnisse des Tages und die Bewegungen der Dünen. Sie führten dazu dass der Weg zum Nachträge erst einmal versperrt schien. Unser Auto, das das erste der kleinen Karawane stets ist, blieb jedenfalls stecken. Während Ahmed es geschickt und klug wieder hinausmanövrierte, nahmen die anderen Wagen langen Anlauf, erhöhten das Tempo und versuchten so die Düne zu überwinden. Bis auf einen schafften sie es km ersten Versuch.
Ansonsten morgens Spaziergang zwischen Felsen und Dünen. Dann Wanderung darüber, über weichen und harten Sand, erneut zu Felszeichnungen oder -einkerbungen, erneut von Giraffen und Elefanten, dann vor Kriegern und von Fährten und Tieren wie von einem engagierten Lehrer. Dazwischen graue, von der Ferne aus fast neblig wirkende Flächen von einem früheren See oder jetzt Auffangflächen vom sehr seltenen Regen. Bögen, Schlangen, Linien, Wellen, Biegungen, Rundungen, Wogen und Grate, Wälle und Senken, vom Wind geformt, wandernd, sich bewegend, in Licht und Schatten getaucht, die Form verstärkend.Läs mer
Flügelschlag
10 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 28 °C
Tagesplan - 9. Tag:
Sie laufen direkt nach dem Frühstück los, folgen erst dem Tal bis zur Zeichnung der „Dame mit Spiegel“ und erklimmen dann die erste hohe Düne. Von hier aus geht es durch eine wunderschöne Landschaft mal bergauf, mal bergab bis Jean Claud (Tifalgag). Es gibt weitere Gravuren und Zeichnungen zu bewundern bevor Sie die verdiente Mittagspause
bei Ouan Zaoutan verbringen. Am frühen Nachmittag fahren Sie weiter durch die abwechslungsreiche Gegend bis nach In Tehak. Wer sich noch etwas sportlich betätigen möchte, kann die hohe Düne zum Sonnenuntergang erklimmen, um einen atemberaubenden Ausblick auf das Meer aus Dünen und den Sonnenuntergang zu genießen.
Vormittags: ca. 2,5 h, Nachmittags: ca. 2,5 h
Dünenwanderung. Die Füsse suchen den festgebackenen Sand, um Halt zu finden, im weichen müssen sie fast den gleichen Schritt wiederholen.
Die Winde hatten dies alles geformt, was mich umgab. Steine, Felsen, Täler, Wanderdünen. Winde, Stürme, Brisen, angefangen von Flügelschlägen der Schmetterlinge, der Schwalben und Fledermäuse. Ein Geier kreiste über dem Felsen, der aussah wie ein Bär, der sich an eine Wand anlehnte.
Den Tag über dachte ich über eine Geschichte nach, die ich FLÜGELSCHLAG nannte. Bei Interesse kann sie gerne nachgefragt werden.Läs mer
Westernlandschaft
11 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 27 °C
Tagesplan - 10. Tag:
Am Vormittag wandern Sie zu Fuß zu den weißen Dünen. Nach der Mittagspause besichtigen Sie den Doppelbogen von Bouhadian und den „Igel". Der heutige Übernachtungsplatz ist in der Nähe des „Amenokal“ und bietet eine traumhafte Kulisse.
Vormittags: ca. 2,5 h
Mittwoch. Aufwachen in Tatrat. Schlecht geschlafen, da das Zelt auf schiefem Untergrund stand. Über der leicht gesellten sandigen Fläche, wo alle ihr Nachträge fanden, eine Felsformation, die König und Königin genannt wird. Die Landschaft hatte trotz der aufkommenden Sonne, dem Sandstein oder dem blauen Himmel nichts Mediterranes mehr, nichts Griechisches, Süditalienisches, Kretisches oder Zypriotisches. Zwischen den Bergen gab es weite dürrr Sand- oder Geröllflächen, die Szenerie und der weite Himmel erinnerten an Western von John Ford. Das unterbelichtete Schwarz-Weiß suggerierte die Nacht im Vollmond.
Ich erinnerte mich an eine Geschichte über eine Nebenepisoee des Westerns. Viktor Ronen hatte sie irgendwo gehört und zum Besten gegeben. Nach dem zweiten Mal hatte ich es mir einigermaßen gemerkt. Er könnte sie natürlich viel besser erzählen.
THE MAN WHO MISSED THE FOCUS
Ein paar Spuren im Sand. 1937. John Ford drehte STAGECOACH zwischen den Bergriesen des Monument Valley. Die Postkutsche war bereits auf dem Weg, der dicke Kutscher und der Sheriff auf dem Bock. Dürre Akazien, grüne Büsche, tumbling weed und John Ford war so groß, dass seine Horizontlinie anders als die der anderen war.
Das Filmteam war in die Gegend des Monument Valley eingefallen, kampierte oft im Freien oder in einem Motel an einer Kreuzung in der Nähe. Dan Glass gehörte zur Kameramannschaft. Seit drei Jahren war er dabei, 23 Jahre jung, ein Freund hatte ihn in die Studios gebracht, ein Zufall zu dieser Produktion. John Ford hatte ihn so mit seinem einen Auge gemustert, dass er am liebsten gleich wieder zurückgefahren wäre und versucht hätte, in einer Studioproduktion unterzukommen. "You know the focus?" fragte er, und Dan zögerte einen Moment zu lange, so dass der Blick fordernder wurde, bis Dan "Sure" sagte.
Die Produktion arbeitete ihren Plan ab, die Sonne brannte vom Himmel, vor allem von Mittag bis 15 Uhr. Kein gutes Licht für draußen. Vieles konnte in der Wüste nicht genau geplant werden. Die ersten Aufnahmen in der aufgebauten Kulissenstadt waren gut gelungen, Ford war zufrieden, die bigotte puritanische Gesellschaft abgebildet. Sie verdammte den trinkenden Arzt genauso wie das 'leichte Mädchen', übersah dabei aber den korrupten Bankier. Alle fanden sich zusammen mit einem Spieler aus sehr gutem Hause und einer schwangeren Offiziersbraut, die zu ihrem Mann wollte. Dafür musste die ganze Gruppe, Abbild der amerikanischen Gesellschaft durch das Indianergebiet fahren. Und die Indianer wehrten sich mal wieder ob all der Ungerechtigkeiten. Geronimo.
Am nächsten Tag sollte die erste Szene mit John Wayne gedreht werden - John Wayne als Ringo, Revolverheld und Outlaw. Sie ist entscheidend, sagte John Ford, von ihr hängt alles ab - THE scene. Dan Glass hörte es von seinem Kameraschwenker. Man würde eine Schienenfahrt auf Wayne zu machen, schnell, hieß es, very fast, sagten sie und lachten herausfordernd. Think about it. Dans Herz pochte, dann lachten sie wieder und fragten, ob er ins Motel mitführe, morgen ginge es früh raus. Sie waren schon lange bei John Fords Team dabei.
Am Himmel stand der Halbmond über den Felszinnen. Die Schatten der Nacht formten Gesichter, Fratzen, die böse Hexe des Ostens, die Sphinx von Kairo, König und Königin, Elefant mit versteinertem Rüssel, Dromedar, Hase, Gazelle, die Milchstraße war für eine Stunde sichtbar, Cassiopeia, der Große Wagen noch nicht. Das Auto düste über eine weite grobkörnige Wüstenfläche, bis sie die Lichter des Motels, des Diners, der Bar und der Tankstelle sahen. Die Crew stieg aus, die Bergkette war nurmehr ein unterschiedlich aufragender Balken am Horizont - und ging in die Bar.
Dan Glass sah die Frau sofort. Sie hatte blonde Haare, blaue Augen, vielleicht eine etwas zu lange Nase in einem sonst ebenmäßigen Gesicht und war im Gespräch mit einem älteren Mann, ihrem Chef vielleicht. Kurz begegneten sich ihre Augen, aber Dan wusste nicht, ob sie ihn gesehen hatte. Das Team war laut und in der Bar bekannt. Man hatte was zu erzählen. Schnell sammelten sich die anderen Gäste des Motels um Tom, der am besten von den Schauspielern und allem erzählen konnte. Plötzlich stand die Blonde neben Dan. Er wusste sofort, dass das Parfum, das er roch, zu ihr gehörte.
"Er erzählt gut," sagte sie. Dan drehte sich um und war ihr einen Moment ganz nah. Ihr Lächeln war spöttisch.
"Tom? Ja, da ist er gut, aber es ist nicht alles wahr..."
"Ist es das denn je beim Film," fragte sie.
"Beim Drehen, ja, aber du darfst keinen Fehler machen."
"Was passiert dann?" fragte sie und schaute sich um, ob ihre Begleitung zurückkäme.
"Dann wird es wieder nicht wahr, für den Zuschauer, manchmal auch genial, vielleicht."
"Wie heißt du?" fragte sie wie nebenbei. Er sagte seinen Namen. Sie schien zufrieden zu sein, dass sie den älteren Mann noch nicht sah. Die Gesellschaft lachte über Toms Darstellung. Er war Stuntman. Seine Reitkünste waren legendär.
"Machst du Fehler?" fragte sie Dan. Er überlegte, wie alt sie wohl wäre. Vielleicht etwas älter als er, vielleicht auch nicht, auf alle Fälle erfahrener, glaubte er.
"Ich hoffe, nicht," sagte er. Der ältere Mann kam zurück.
"Das ist Dan, vom Film," stellte sie ihn vor. "Was machst du?"
"Focus," sagte Dan, während er in das breite, fleischige Gesicht schaute und sofort sah, wie Dans Beruf als völlig irrelevant für eine weitere Beachtung eingeordnet wurde. Er führte die junge Frau weg. Dan hatte nicht einmal ihren Namen erfahren. Er war müde - morgen war ein wichtiger Tag - und er ging schlafen. Das Zimmer war noch leer, Hank und Steve waren noch an der Bar beim Trinken.
Der nächste Tag begann mit Proben. Er sah John Wayne zu, wie er das Drehen des Gewehres wieder und wieder drehte, bis er es schießbereit hatte beziehungsweise, dass er es entsicherte und gegen die Schulter hielt. Die Schienen waren gelegt, die Fahrt wurde probiert, Dan fokussierte sich auf das Drehrad unter dem Objektiv, das die Schärfe einstellte. Es war eine schwierige Aufgabe für ihn, mit einem Griff die ganze Bewegung zu vollführen, die analog zur Geschwindigkeit des Kamerawagens die Schärfe des Objektes, hier des Gesichtes des Schauspielers aufrechterhielt. Let's roll it. Dan blickte auf das Präriegras, den Sand und den Felsen, auf die blanken Schienen, auf die Hand des Operateurs Clark, auf den Schauspieler. Hinter allen stand John Ford, groß, abwartend, bestimmend. Der Schuss wurde eingespielt, ein Zusammenklappen von zwei Hölzern, der Kamerawagen wurde angeschoben, John Wayne drehte das Gewehr und Dan bewegte den Fokus. Cut.
"I think, we were out of focus," sagte Clark. Er schaute Dan nicht an. Es war nicht zu ändern. Once again, zweiter Versuch, John Wayne wartete, die Hölzer klappten, der Wagen raste auf den Schauspieler zu und das Ergebnis war das Gleiche. Dan spürte eine Bewegung hinter sich. Der Schatten von John Ford fiel auf ihn. Er fragte den Operateur kurz etwas, was Dan nicht genau verstand.
"Dan," sagte John Ford schließlich und dehnte dabei den Vokal, "do You need glasses, Dan Glass?"
Es gab nichts darauf zu sagen. Dritter Versuch und Dan spürte hundert Augenpaare auf sich. Der Schuss, die Fahrt, die Schärfe, alles passte, doch diesesmal hatte John Wayne die Bewegung des Gewehrs nicht beendet. Once again. Das Team wurde allmählich nervös, John Ford fauchte sein Script an, der Kameramann fummelte am unterstützenden Licht herum. Vierter Versuch, Schuss, Fahrt, Gewehr, Gesicht, Satz - Schärfe?
"I think, we were out of focus," sagte Clark erneut. John Ford brüllte auf, ging durch das herumstehende Team auf den Operateur zu und schrie ihn an.
"Get'm out. Now!"
Dan erhob sich. Seine Gelenke waren etwas steif, er wusste eigentlich gar nicht, wohin er gehen sollte und fand doch seinen Weg an den hundert Augenpaaren vorbei, bis er vor sich nur das von Rädern durchspülte Sandland sah. Die Kulissenstadt, das falsche Lordsburg wurde bereits abgebaut. Die Sonne glühte vom Himmel und ergoss sich über die roten Berge im Hintergrund. Sie befanden sich auf einem Hochplateau und hatten es während der Arbeit fast vergessen. In den Nächten konnte es sehr kalt werden. Wasser und Winde hatten über Jahrmillionen das Land geformt, zerkrümelt und nivelliert, so dass der Mensch es in dieser einmaligen Schönheit zu dieser Zeit, 1937, sehen konnte. Es war nicht Dans Land, seine Vorfahren waren nicht nicht einmal vor 100 Jahren aus Deutschland gekommen, aus Verzweiflung nach einer gescheiterten Revolution, voller Mut, die Heimat zu verlassen. Dan war ein Versager. Er hatte eine Filmszene zerstört, er hatte viel Geldverluste wahrscheinlich verursacht, hatte Kollegen enttäuscht und würde wahrscheinlich nie mehr an einem Filmset arbeiten. Get him out! Dan drehte sich nicht um. Er ging immer weiter in Richtung des Motels. In der Ferne, auf der einzigen Straße, die das Monument Valley von Westen nach Osten durchquerte, fuhr ein wackliger, hölzerner Pickup lautlos vorbei. Es war noch weit bis zum Motel. Als Dan Autos vom Filmset zurückkommen hörte, versteckte er sich hinter einem Gebüsch. Es blühte saftig, fast lindgrün in der Abendsonne. Es würde rasch Nacht werden.
Ich hatte die Geschichte von Viktor Ronen, dem Regisseur das erste Mal gehört. Er machte hier immer eine Pause. Wir hatten zusammen studiert, dann hatten sich unsere Wege getrennt. Während ich zurückhaltend in eine größere Gruppe trat, vereinnahmte er sie sofort mit Gestus und Sprache. Er war der Tom aus seiner eigenen Erzählung. Seine Kraft war ansteckend, seine Begabung groß. Er spielte Klavier, er sang, er komponierte. Seine Ideen schienen nie auszugehen. Beim zweiten Mal, als ich die Geschichte hörte, musste Viktor die Namen erklären, John Wayne, The Duke, John Ford, der große Regisseur, der das Monument Valley entdeckt, ikonische Bilder geschaffen und vom rechtschaffenen Amerika von Lincoln über einen ehrlichen und ehrwürdigen Wyatt Earp zu einem fiktiven Ransom Stoddard geträumt hatte.
Wie geht's weiter? Erzähl schon.
Dan erreichte das Motel, als es dunkel war. Er war hungrig und durstig, doch er wollte nicht in die Bar und die anderen treffen, die lärmend die Geschehnisse des Tages besprachen, belachten und begossen. Dan war ein Versager, fühlte sich wie die um das Motel streunenden Hunde. Cassiopeia war am Himmel zu sehen, der Große Wagen genauso wenig wie der Halbmond. Dan ging in das Zimmer, das leer und unaufgeräumt war und packte seine Sachen. Hank kam herein, war erstaunt ihn anzutreffen, sagte, das wäre doch alles nicht so schlimm, er sollte bleiben, schlug ihm die Hand auf die Schulter. Dan entzog sich. Nicht noch einmal würde er sich den hundert Augenpaaren aussetzen. Er stopfte das letzte Hemd in die Tasche. Hank gab ihm die Hand zum Abschied. Der Bus würde bald abfahren, Richtung San Francisco, noch einmal zu den Eltern, nicht nach Los Angeles. Er setzte sich auf den Bordstein der Haltestelle. Licht flutete aus der Bar. Man hörte Toms Lachen. Eine Tür im Motel öffnete sich. Es waren Frauenschritte, die näherkamen. Als Dan aufschaute, erkannte er sie am Hauch des Parfüms. Die Scheinwerfer des Busses bogen um die Ecke.
"San Francisco?" fragte Dan.
"San Francisco," sagte sie.
Übrigens, fuhr Viktor Ronen hier nach einer gebührenden Pause, in der wir Dan und die Frau im Bus durch die Nacht fahren sahen, übrigens saß John Ford ein paar Wochen später am Schneidetisch und begutachtete die Szene, mit der er John Wayne erstmals in den Film einführte. In zwei takes gab es Unschärfen während der Fahrt und einen Moment, da die Schärfe endgültig justiert wurde, zwei neue takes waren durchwegs scharf. John Ford sah sie sich mehrmals an. Der Cutter wollte natürlich die gelungenen nehmen. Es gab nichts an ihnen auszusetzen. Hold it, sagte Foed und der Cutter wartete. Er schaute zu, wie John Ford erkannte, dass es genial war, einen Schauspieler mit der Unschärfe einzuführen und ihn dadurch besonders werden zu lassen. Er ahnte, dass er soeben einen Weltstar mit eben dieser Einstellung kreiert hatte. So blieb Dans Unschärfe während der Schienenfahrt für immer in diesem Film. Jeder konnte sie von nun an sehen, auch, Dan und Deborah, denn so hieß die junge Frau. Irgendwann entschlossen sie sich, ihn in einem Kino in San Francisco anzusehen. Als die Lichter im Kino ausgingen, war er nur froh, dass der Film fertig geworden war. Nach den ersten Szenen wurde er nervöser, seine Hände feucht und er suchte Deborahs Finger. Jetzt muss es bald kommen, flüsterte er ihr zu, als die Postkutsche die Stadt verließ. Ein Schuss fiel, die Postkutsche hielt und die Kamera sauste auf John Wayne zu, er drehte sein Gewehr und sein Gesicht wurde kurz unscharf, ehe es klar von der Leinwand strahlte. Dan war verblüfft, konnte den Film nicht anhalten, verstand die Welt nicht mehr und erlebte kaum, wie die Schwangere das Kind bekam, John Wayne sich verliebte, die Indianer angriffen, die Postkutsche von der Armee gerettet wurde, Ringo sich rächte, der Bankier überführt wurde und der trinkende Arzt sich mit dem Sheriff verbündeten, um Ringo und dem 'leichten Mädchen' eine Chance in Freiheit zu geben.
Deborah war hingerissen von dem Film und drückte Dans Arm ganz fest. Mach einer Weile und ein paar Blocks, die sie abgegangen waren, fragte sie ihn, ob er nicht doch zurück zum Film wollte. Dan schüttelte den Kopf. He was the man who missed the focus. Nur manchmal ist das auch genial.
Die Gespräche nach Viktors Erzählung fanden bald ein anderes Thema, man erinnerte sich an ein paar von den alten Western, kam auf andere Filme, dann bald auf die Weltlage und den richtigen Teebeutelgeschmack. Manchmal wollten die anderen noch wissen, wie Dans und Deborahs Geschichte weiterging, doch Viktor sagte, dass das nun wirklich eine andere Story wäre von einem anderen Film. Auf dem Heimweg sagte ich zu Viktor, wie gut erfunden die Geschichte wäre.
"Warum erfunden," fragte er zurück. "Dan ist mein Onkel."
"Das kann nicht sein," sagte ich, "Dan ist Amerikaner, 1916 geboren, wenn ich richtig gerechnet habe und du kommst aus Kastenried und Umgebung in Deutschland, bist 1963 geboren, wie soll das gehen?"
Wir werden sehen. Vielleicht gibt es dazu noch eine Geschichte.Läs mer
Tagrat
12 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 23 °C
Tagesplan - 11. Tag:
Heute wandern Sie den ganzen Vormittag, vorbei am sogenannten
„Fußballweltmeisterschaftspokal“, zum „Zirkus“ und zurück zum „Amenokal“. Nach der Mittagspause geht die Fahrt, immer wieder von kurzen Stopps unterbrochen, nach Tidounag, dem heutigen Nachtlager, wo Sie u.a. eine Höhle besichtigen.
Vormittags: ca. 4 h
Morgenrot über den Steinfelsen. Tagrat. Die Sonne fällt aus dem Osten in das Tal und die weite Sandfläche. Ein paar Schwalben zwitschern. Die anderen bauen ihre Zelte ab, rot, grün, schwarz, weiß. Gestern Nacht wurde eine Schlange unter einer Akazie erschlagen, nachdem sie Beate auf dem Weg vom Abendessen zum Zelt gesehen hatte. Ansonsten der gleiche manchmal ermüdende Ablauf wie beschrieben, dadurch wenig Ruhe. Mal ein Gespräch mit Beate auf der Sanddüne, mal ein paar Fetzchen von Biographie oder politischer Ansicht bei den anderen Gruppenmitgliedern. Hier wieder jenes peruanische Radfahrnetz, das wir angeblich unterstützt haben und was angeblich zeigt, wie wir sinnlos etwas ausgeben. Ich war erneut nicht vorbereitet und hatte die Fakten um diese Anfrage der AFD bereits wieder vergessen, weil es so unnötig war. Aber es ist weiter in den Köpfen, so wie auch die Geschichte um die Richterin und ihre Ansichten. Zweifellos sehne ich mich nach dem Leben daheim, leider auch mit dem Wissen, dass dort alles so weiterlaufen wie bisher.Läs mer
In Djeren
13 november 2025, Algeriet ⋅ ☁️ 18 °C
Tagesplan - 12. Tag:
Nach einem kleinen Morgenspaziergang werden Sie von den Fahrzeugen eingeholt. Sie besichtigen interessante Felsmalereien, bevor Sie zum Startpunkt der nächsten großen und ziemlich anstrengenden Wanderung kommen. Nach einem Mittagessen in der Nähe
des Ausgangspunktes, haben Sie drei Aufstiege und drei Abstiege zu bewältigen. Über eine Düne, zu einem sagenhaft schönen Aussichtsplateau hoch, über Felsen in die Schlucht
hinunter und über eine weitere Düne hinauf, von wo aus Sie einen wunderschönen Blick auf den Bogen von In Tehak haben. Nach einer Rast, die Sie zur kurzen Erholung und zum Fotos schießen nutzen, geht es ein letztes Mal eine Düne hinab. Nachtlager heute in den Dünen von In Djaren, wo Sie inmitten des Sandmeeres die Zelte aufzuschlagen.
Vormittags: ca. 1,5 h, Nachmittags: ca. 2,5 h
Eine Wüstenmaus knabbert vor meinem Zelt von den Keksresten, die ich aus meinem Tagesrucksack geleert habe. Im Hintergrund klappern die Töpfe des Kochs. Heute gibt es wieder Tagela, selbstgebackenes Brot in Gemüse. Zurück liegt nochmals eine Dünenwanderung, ein Grat, an dem mein Hut heruntergeweht wurde und Ibrahim, unser Tuaregführer so schnell, wie ich gar nicht denken konnte, die steile Düne herunterhastete und genauso schnell mit den Hut zurückbrachte, wo ich und die anderen nur auf allen Vieren weitergekommen waren. Belohnt wurden wir erneut mit berückenden Aussichten, einer Mondlandschaft ähnlich, einen Steinbogen, an dem Sergio Leone seine Freude gehabt hätte, und Wüstenfahrten mit dem Auto in ein Gebiet, das ohne Guide und Erlaubnis nicht zu erreichen ist.Läs mer
Schwarze Dünen
14 november 2025, Algeriet ⋅ ☁️ 10 °C
Tagesplan - 13. Tag:
Nach dem Frühstück wandern Sie auf Dünen und im Wadi In Djaren über den ausgetrockneten See von In Djaren bis zu einem Antennengrab und werden dann von den Geländewagen abgeholt. Weiter geht es zur nächsten, eindrücklichen Felsgravur: „Kuh mit Band am Hals“, welche von der Domestizierung der Tiere in der Wüste zeugt. Nach dem
Mittagessen fahren Sie bis zum Wadi Haouad. Unterwegs besichtigen Sie die „Kathedrale“, eine gigantische Felsformation, sowie die Felsgravuren von Ouan Akli, den Slot Canyon von Tin Abadine und die Felszeichnungen von Ouan Oksem in einer Höhle. Am Nachmittag
erreichen Sie das Nachtlager, wo Sie zwischen den großen Granitblöcken ein schönes Nachtplätzchen für die letzte Nacht unter dem Sternenhimmel weit ab von der nächsten Oase verbringen werden.
Der letzte Wandertag beginnt mit einem so überwältigenden Sonnensufgang, dass die Handykamera nicht die himbeerroten Töne aus dem Meer von Rot und Orange, das sich am Himmel entfaltet. Zwei Stunden vorher erfüllte die Luft ein Dröhnen. Kurz dachte ich an Tel Aviv, irgendeinen Angriff oder Entführer. Später beim Frühstück, diesesmal getoastetes Weißbrot, La vache qui rit-Käse und Marmelade, sowie italienische Limone von daheim, erzählte man, dass vielleicht eine Düne zusammengebrochen wäre und wir eine Sandlawine gehört hätten. Oder es war einfach ein Auto, das über den See fuhr. Eine Stunde später sind wir dort. Eine berückende Landschaft erneut, vor allem, wenn man sich vorstellt, dass vor 7000 Jahren hier alles grünte und blühte, Menschen Handel trieben, wahrscheinlich im Wasser badeten. Mehrere Insel lockten im grünen Wasser, das heute grauer festgebackener Sand in Morgennebelfarben ist. Wie sieht unser Land in 7000 Jahren aus?
Die Autos holten uns ab und fuhren uns zur Kathedrale, von der Ferne ein Felsblock mit riesigen gotischen Stützpfeilern, von der Nähe zwei unabhängige hintereinander gestaffelte, wahrlich monumentale Steinbögen. Ich umrunde sie im körnigen Wüstensand, wäre gerne an einem hochgestiegen, hätte es mit den Jungs wahrscheinlich gemacht, verzichte aber darauf. Im weiteren erneut Gravuren und Zeichnungen, Nashörner, auch mal Fische, Giraffen, Kuhhherden. Sie waren Anbetungspunkte im Lauf der Jahrtausende und im Wechsel der Trockenperiode. Eine dauerte mal 1000 Jahre. Was für ein Wort! 1000 Jahre, wieviel Generationen, darin Rückzug, Umsiedlung und so weiter. Wie wichtig wir uns nehmen.
Mittagessen wieder unter einem Überhang, Müdigkeit nach einer schlechten Nacht, Weiterfahrt durch Steintäler, an riesigen herangefallenen Quadern vorbei, die schwarz am Fuße der Sandsteinberge liegen. Das Eisenmangan, das oxidiert, ließ sie so über die Jahrtausende werden. Gebauso auch schlussendlich die schwarze Wüste. Dünenformationen in wie immer rötlichen Sand, überzogen von schwarzem Manganeisen, das am Magneten hängenbleiben würde.
Zweistündige Fahrt aus dem Nationalpark heraus, vorbei an einem Grenzbeamten, der mit einer Schachtel Zigaretten bestochen wird, über staubige, ausgewaschene Pisten bis zum letzten Abendplatz. Das Trinkgeld für Koch, Gehilfe und Fahrer wird noch ausgehandelt, dann ein letztes Mal ins Zelt gekrochen.Läs mer
Café Scanner
15 november 2025, Algeriet ⋅ ☀️ 12 °C
Tagesplan - 14. Tag:
Sie fahren zurück nach Djanet, wo Sie Gelegenheit haben zu duschen, Ihre Sachen zu ordnen und etwas durch die Oasenstadt zu bummeln. Es gibt ein paar kleine Geschäfte, wo Tuareg-Schmuck aus Silber und anderes Kunsthandwerk verkauft wird. Ihr Koch bereitet wie immer das Mittagessen vor. Nach der Mittagspause geht es wieder hinaus in die Wüste - zu einer Gravur, die wahrlich ein absolutes Meisterwerk und den krönenden Abschluss darstellt: die "Weinende Kuh". Ein Stück weiter, inmitten von kleinen Dünen und einzelnstehenden Felsen bereitet jeder den Abschiedsabend vor, ordnet evtl. noch mal das Gepäck für den Rückflug und erlebt den Sonnenuntergang vielleicht noch etwas bewusster als an den Vorabenden. Das Tourabschluss-Essen lässt die Reise noch einmal vor den Augen und in Gedanken Revue passieren. Bis zum Abflug gegen 1-2 Uhr morgens legen sich im Allgemeinen Mannschaft und Mitreisende noch einmal auf die Matten und
verbringen die letzten Stunden bis zum Abflug unter dem Sternenzelt der Sahara. Gegen 22:00 Uhr erfolgt der Aufbruch zum Flughafen (ca. 20 min Fahrt) – denn nun heißt es Abschied nehmen von den Fahrern und dem Koch
Letzter Tag, letzte Nacht im Zelt, wieder gegen fünf Uhr aufgewacht,. Um diese Zeit sieht man auch den Großen Wagen. Zusammengepackt, Frühstück, letzte Morgenwanderung zwischen Geröllhalden, ehe uns die Fahrer aufsammelten. Damit begannen die Gedanken an zuhause, mit dem Internet nach einer Woche.
Duschen, Umziehen und Mittagessen in der 'Garage'. Mails, Apps, die Unzufriedenheit wieder, vielleicht Ungelöstheit von allem.
Jetzt alleine, nach zwei Wochen Gruppe. Alleine in einem Café voller Männer. Fast alle am Handy, mit Schlappen, Trainingsanzüge, nur einer in Kaftan. Sie sprechen Temaschek, ich verstehe kein Wort. Vor dem Café zwei Busse, in einem Kinder, die warten, bis es losgeht. Polizei gegenüber, Nachmittagshitze, gemächliches Tempo.
Zum Abschluss ging es zur Gravur der weinenden Kuh, die das Zurückweichen der Vegetation und Beginn der Trockenheit symbolisieren will. In den weiten Sandfeldern immer wieder Solitär Felsformationen, von der einen Seite wie Cäsar ohne Gebiss, von der anderen wie ein Habicht, genauso wechselnd wie das Licht der Sonne. Tee im Abendrot, essen neben Lagerfeuer, Übergabe der Geschenke an die Equipe, Koch, Kochgehilfe und Fahrer. Inzwischen die Sterne über uns und die Nacht um uns. Nur noch zwei Stunden zum Treffpunkt am Flughafen, die meisten dösen, ich schreibe eine kleine Geschichte.Läs mer

































































































































































































































































































































































