#22 - Große Krise
2024年6月15日, イタリア ⋅ ⛅ 29 °C
So wie es dir/euch mit dem Lesen geht, so geht es mir mit dem Blog: Ich schreibe ihn gerne, aber in der Regelmäßigkeit wie am Anfang schaffe ich das auf Dauer nicht. Daher versuche ich jetzt ca. einmal wöchentlich einen Beitrag zu schreiben, der dafür etwas länger sein wird. Ich hoffe, es bleibt trotzdem unterhaltsam und nicht zäh wie Kaugummi ;-)
15. Juni
Heute gehe ich mit Danilo auf ein Open-Air Konzert mit vier Metal-/Rockbands, Headliner ist Tool. Es ist recht warm und ich laufe barfuß, genieße das angenehme Gras und hüpfe durch die Gegend, wenn ich auf dem heißen Asphalt laufen muss.
Am Eingang werden alle Taschen auf waffenartige Gegenstände geprüft – und meine Trinkflasche, die ich mir extra für die Reise mit viel Recherche und für teuer Geld gekauft habe, gerät ins Visier. Da hätte ich eigentlich drauf kommen können… - ich hab irgendwie nicht damit gerechnet, dass hier auch so streng kontrolliert wird. Die Dame sagt „Willst du reingehen? Oder raus? Wenn du reinwillst, muss die Flasche hierbleiben.“ Ich frage, ob ich sie später denn wieder bekäme und dass sie sehr teuer war. Danilo greift zum Glück ein und bittet die Frau darum, die Flasche zu ein paar anderen Flaschen hinter ein großes Schild am Rand zu legen – da kann ich sie dann später abholen. Vorausgesetzt niemand sonst findet die Flasche so toll wie ich. Ohje! Und ich ärgere mich, dass mir die Frau das nicht direkt angeboten hat und es erst auf Danilos Bitte hin in Erwägung gezogen wurde. Ganz schön scheiße von ihr!
Aber ich akzeptiere die Situation jetzt erstmal wie sie ist. Die Veranstaltung fühlt sich eher wie ein Festival an, allerdings gibt es hier keine Zelte. Ich mag die Atmosphäre, Metalfestivals haben mir bisher immer sehr gefallen. Und es ist seeehr warm heute! Die Sonne ballert nur so – wir sind aber zum Glück erst gegen 17h dort, sodass es langsam kühler und angenehmer wird.
Es amüsiert mich, das alles auf Italienisch zu erleben (Werbepausen, Ansagen, Antworten/Reaktionen aus dem Publikum).
Gegen 18 Uhr verhält sich Danilo etwas seltsam und ich frage mich, ob es eine gute Idee war, mit ihm auf das Konzert zu gehen. Wir sprechen kurz darüber und es ist erstmal geklärt. Um für Tool etwas weiter vorne zu stehen, schieben wir uns durch die Menge. Als wir mitten drin stehen, habe ich einen heftigen Disput mit Danilo. Ich überlege kurz, rauszugehen. Beschließe dann aber, mir davon nicht die Laune verderben zu lassen und versuche das Konzert zu genießen – was mir leider nur so halb gelingt.
Nach dem Konzert rennen wir direkt zu dem Schild, um meine Flasche zu finden. Und ich hab Glück: Sie liegt tatsächlich noch da !!
Wir laufen zurück in die Stadt zu meinem Fahrrad und Danilo erzählt mir davon, dass er die App Ridemovi nutzt, um Fahrräder zu mieten und dass das mit dem Premiumpaket relativ günstig ist. Irgendwie klingt das ganz cool. Als wir an meinem Fahrrad ankommen... ist es nicht mehr da. Wir suchen für einige Minuten. Aber es wurde offensichtlich geklaut. Ich bin im Schock, akzeptiere die Situation erstmal relativ emotionslos und installiere mir die Ridemovi-App, um mir heute auch ein Gefährt nach Hause zu mieten – hilft ja nix. Kurz bevor wir uns verabschieden habe ich aufgrund einer Kleinigkeit einen mega Lachanfall; vermutlich weil ich so müde und kaputt bin von dem stressigen Tag.
Dann verabschieden wir uns und ich fahre mit einem E-Scooter für unverschämte 5€ (!) nach Hause (ca. 15-20min Fahrt). Ich rufe in Erinnerung: eine Zugfahrt von Prato nach Florenz kostet 2,80€ = 30min. Gefällt mir gar nicht! …aber immerhin bin ich erstmal sicher zu Hause und im Bett. Gute Nacht!
16. Juni
Heute bleibe ich den ganzen Tag zu Hause. Die emotionalen Schocks vom Fahrradklau und dem Streit sacken erst so langsam und ich brauche und nehme mir die Zeit zum Verdauen.
17. Juni
Heute ist Montag und ich bin emotional immer noch ziemlich platt vom Wochenende. Ohne Fahrrad fühle ich mich wie in einem Käfig, weil ich mich nicht frei bewegen kann. Und auf Reisen ist alles mindestens doppelt so intensiv - auch die negativen Seiten.
Immerhin arbeite ich heute trotzdem sehr konzentriert und beschäftige mich in den Pausen ausschließlich mit dem Thema Fahrrad: facebook marketplace, Vitamin B, Läden in der Stadt, überhaupt ein neues Rad kaufen? Als ich mir die App Ridemovi nochmal aufrufe, um zu schauen wieviel dieses Abo kostet, was Danilo erwähnt hat, kann ich diese Funktion nicht finden und überlege weiter. Ca. 1h später bekomme ich eine Push-Nachricht von Ridemovi: Sie schenken mir ein Premiumabo, für einen Probemonat (das wären 15€) - mega! Dann ist das jetzt wohl der way to go… und ich entscheide mich für meine verbleibende Zeit für Mietfahrräder.
18. Juni
Mietfahrräder nerven mega. Mein Schwabenherz weint, meine Beine auch (den krassen Berg ohne Gangschaltung bei 35 Grad ist ein tatsächliches Ding der Unmöglichkeit). Folglich beschließe ich, dass ich ab jetzt e-bikes statt normale, schwergängige Räder miete – auch wenn sie etwas teurer sind. Dementsprechend ist der Berg, den ich jeden Tag auf dem Weg nach Hause erklimmen muss, nicht mehr ganz so übel. (auch wenn ich den Berg trotz e-Antrieb nur im Stehtritt hochkomme!). Ich versuche, es positiv zu sehen!
Heute habe ich nach der Arbeit wieder eine Stunde meinen Italienischkurs, der wie immer sehr hilfreich ist. Ich würde gerne häufiger den Kurs haben und merke, dass ich die Sprache sehr vermisse – in Florenz spreche ich einfach mehr Englisch. Es ist sehr schön, sich schnell und komplexer austauschen zu können, weil hier so viele Leute Englisch sprechen. Aber ich bin auch etwas traurig und wenig im Italienisch drin.
Abends habe ich ein kurzes Gespräch mit Anna, meiner Gastgeberin. Ich merke mal wieder, dass wir uns in manchen Dingen ähnlich sind: Sie hat immer 100.000 Sachen im Kopf und ist deswegen super gestresst. Und sie sagt etwas, indem ich mich absolut wieder erkenne: „Ich bin gestresst wenn ich wegfahre und ich bin gestresst, wenn ich bleibe“ . Ich finde sie interessant, aber der Kontakt bleibt sehr lose, weil wir beide viel unterwegs sind (sie ist oft für mehrere Tage in anderen Städten) und uns quasi nicht sehen.
Reisen ist glaube ich deshalb so interessant (u.a.), weil man sich ohne sein gewohntes soziales Umfeld in neuen Gefilden bewegt. Durch viele neue Dinge und Aufgaben (Neuorientierung in neuen Städten, Begegnungen, Sehenswürdigkeiten, andere Kultur/Sprache etc.), ist man sehr häufig abgelenkt und wird von Adrenalin und Glücksgefühlen überschwemmt.
Wenn man/ich aber länger an einem neuen Ort bleibt und etwas Alltag einkehrt, wird es manchmal schwierig. Denn man hat Zeit und viele Momente, um zu realisieren, dass man hier fremd ist. Und es mehr als ein paar Wochen bräuchte, um hier anzukommen. Und wer lässt sich auf jemanden emotional ein, der in ein paar Wochen wieder weg ist? Verrückte - oder man hat Glück und findet eine gute Seele :-)
Dienstag scheint mein Down-Tag zu sein. Morgen hab ich was vor, Donnerstag auch, Freitag/Samstag wahrscheinlich auch. Der Wochenstart war aber definitiv hart ohne Fahrrad, wieder Neuorientierung/Organisation (wo bekomme ich ein Fahrrad her? Ergibt es für 2 Wochen überhaupt Sinn? Etc.).
Zusätzlich hat meine Zwischenmieterin mir letzte Woche eröffnet, dass sie 4 Wochen früher geht. D.h. ich muss mich um Betreuung für Nuri kümmern, früher nach Hause zurückkommen, mich um Pflanzenbetreuung kümmern,…
Außerdem muss/möchte ich langsam meine Reise für Kanada besser vorbereiten. Es fällt mir immer noch etwas schwer, mich darauf einzustellen. Immerhin habe ich letzte Woche die Entscheidung getroffen, in eine Mitgliedschaft bei Workaway zu investieren, um bei Menschen unterzukommen. Das fühlt sich gut an. Das bedeutet aber: individuelle Nachrichten schreiben, coole Spots suchen, die in etwa zu meiner Reisevorstellung passen, - kurz gesagt: viel Arbeit.
UFF!
19. Juni
Mittlerweile habe ich mich einigermaßen auf die Mieträder eingestellt und hab Spaß an dem E-Antrieb. Vielleicht gab es doch einen ganz versteckten Anteil in mir, der keine Lust mehr auf diesen Berg hatte und sich eine Lösung herbeigewünscht hat? Who knows…
Heute fahre ich nach Bologna und treffe Michael, einen guten Freund und Arbeitskollegen. Ich bin aufgeregt und freue mich wahnsinnig, ihn und seine Freundin zu treffen. Der Streit mit Danilo hängt mir immer noch ziemlich nach und kostet mich viel Energie. Daher ist ein vertrautes Gesicht besonders willkommen.
Bologna hat einen vollkommen anderen Vibe als Florenz, weniger stressig. Hier ist es auch sehr touristisch, aber anders. Außerdem ist Bologna eher eine Studentenstadt, als Florenz – vielleicht deswegen?
Es ist schön, Michael und seine Freundin zu sehen. Wir schlendern etwas herum, trinken Kaffee, essen Pasta – was man eben so tut, in Italien.
Nach ca. 3 Stunden müssen sie leider weiterfahren, da sie heute noch zu ihrem Übernachtungsort am Meer kommen müssen. Ich durchstreife Bologna noch ein bisschen alleine, stolpere unfreiwillig über und in diverse interessante Locations.
Nach weiteren drei Stunden wird es mir mal wieder zu viel – mein Wahrnehmungsapparat ist voll und muss vor weiteren Aufnahmen erst wieder geleert werden. Dementsprechend sinkt meine Laune. Und ich muss mit dem Bus zurückfahren, weil heute Schienenersatzverkehr ist. Mist. Zum Glück läuft alles wie am Schnürchen. Es gibt nur eine Station – das heißt, ich kann nicht falsch aussteigen – und ich habe zwei Sitzplätze nur für mich alleine. Das einzig Nervige: zwei erwachsene Italiener, ein Mann und eine Frau zwischen 50 und 60, haben über mehr als 30 Minuten eine sehr hitzige Diskussion. Ich frage sie, ob sie vielleicht etwas leiser sein könnten und sie entschuldigen sich zwar, aber diskutieren nach 10min weiter - für muntere 20 Minuten. Mir platzt der Kragen. Ich stehe auf und frage sie, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben, hier so lange und laut zu diskutieren. Ob sie wohl jugendlich seien oder warum sie sich nicht verhalten könnten, wie Erwachsene und ihre Diskussion auf später verschieben könnten. Sie entschuldigen sich demütig und sind endlich still. Ich frage mich wohl, warum andere sie nicht angesprochen haben – nicht nur ich habe wegen ihnen die Augen verdreht, aber gesagt hat keiner was.
20. Juni
Nur noch 10 Tage in Florenz!!
Donnerstag ist wieder mein eng getakteter Tag, wie letzte Woche: Einige Deadlines auf der Arbeit und viele Meetings, danach habe ich Yoga – auf der Dachterrasse, bei 37 Grad; das is mega anstrengend, aber tut mir trotzdem gut. Hier spreche ich das erstmal mit Sarah, sie ist mein erster Kontakt im space– nach geschlagenen 3 Wochen! Im Anschluss findet der Kochkurs statt. Die Lehrerin erzählt, dass sie immer traurig ist, wenn manche Schüler:innen nach einem Jahr gehen (vermutlich Austauschschüler). Wir essen einen tomatigen Gemüseeintopf (namens pappa al pomodoro), der typisch für die Toskana ist, und probieren frittierten Teig der sehr ähnlich wie ungarischer Langos schmeckt (Coccoli).
Heute findet im Hof des Coworking spaces ein public viewing statt, weil Italien gegen Spanien spielt. Ich sehe Sarah wieder und setze mich zu ihr und zwei ihrer Freundinnen. Wir stellen uns einander vor und ich unterhalte mich länger mit Laura, eine Berlinerin, die sich in Florenz verliebt hat und hier ihren zweiten Wohnsitz aufbauen will. Sarah erzählt mir außerdem, dass Florentiner eher verschlossen und engstirnig seien - bisher kann ich das nicht bestätigen, aber vielleicht habe ich deswegen bisher keine nennenswerten Kontakte geknüpft?
21. Juni
Heute ist Freitag, mein freier Tag. Ich bleibe zu Hause. Abends findet im space eine Veranstaltung statt, wo ich endlich mal Kontakte knüpfen könnte. Aber allein die Vorstellung, mich mit relativ unbekannten Leuten zu treffen, in einer großen Gruppe, wo sich viele bereits kennen, mit Alkohol, ohne Fahrrad– nope!
Heute ist es sehr warm, vor allem in meinem Zimmer, sodass ich 5x kalt dusche und mich nicht mal abtrockne, damit ich vielleicht endlich etwas abkühlen kann.
22. Juni
Auch heute passiert nicht viel. Ich muss einkaufen, laufe zum Supermarkt in der prallen Mittagshitze, denn in dem Bereich kann ich kein Mietfahrrad leihen – sie dürfen hier nicht gefahren werden.
Abends bin ich auf einem Geburtstag eingeladen: Der Mann meiner Nachbarin Reem feiert in einer sehr schönen Location direkt bei uns um die Ecke. Reem und Stefano sind super liebe Menschen und ich freue mich, sie wieder zu sehen.
Leider habe ich immer noch keine Energie für irgendwas, sodass meine Kontaktfreude sich extrem in Grenzen hält. Auf dem Geburtstag wird sehr viel Essen in mehreren Gängen serviert, es gibt Wein, Sekt, Bier und einen Nachtisch.
Nach dem Essem erzählt mir eine Italienerin, dass sie sich wahnsinnig voll fühle, aber leider ihre Tabletten vergessen habe. Ich frage sie, was für Tabletten das seien: „Tabletten, die dir beim Verdauen helfen!“ – ich bin erstaunt… aus Deutschland hab ich sowas noch nie gehört. Marta hatte das auch mal erwähnt, aber ich wusste da nicht, ob das ein persönliches Ding von ihr, ihrer Generation oder von Italienern allgemein ist. Anscheinend ist das hier ein allgemeines Ding – die Italiener essen wohl noch lieber, als ich dachte :-D
Obwohl mich der Abend viel Kraft kostet, war es trotzdem sehr schön. Es waren auch einige italienische Kinder da, die mein Herz jedes Mal wahnsinnig schmelzen lassen – besonders, wenn sie sprechen. Das ist das absolut Süßeste: ein kleines Menschlein spricht diese ausdrucksstarke, große Sprache. So konträr und so süß!もっと詳しく
#23 - Die letzte italienische Woche
2024年6月23日, イタリア ⋅ ☁️ 21 °C
<< Everyday Life Nuggets
- Unterwegs is deutlich mehr Lärm als bei uns (weil Italiener mehr/lauter sprechen). Wenn ich dann in ruhige Gassen einbiege, merke ich wie laut es eigentlich war
- persone che non hanno diritto = Personen mit besonderen Bedürfnissen (Schwangere, Behinderte, Ältere) -> übersetzt: Personen, die keine Rechte haben - wtf :D
- wenn Italiener:innen ans Telefon gehen, sagen sie "Pronto?" (= fertig)
- im Süden Italiens gibt es viele Kriegsdenkmäler vom 1. Weltkrieg
- ich habe noch nie eine Person "on the go" essen sehen. Bisher habe ich zwei Mal schnell was im Zug gegessen und hatte irgendwie den Eindruck, dass das ungewohnt oder unverständlich für andere ist
- es gibt in fast jeder Stadt ein Denkmal von Garibaldi, einem Nationalhelden. Warum ausgerechnet er so exorbitant häufig vertreten ist, hab ich noch nicht verstanden
- Es gibt einen Rettungswagen für Tiere
23. Juni
(1) Jeder findet auf Reisen etwas anderes. Meistens ist es etwas, wonach man gesucht hat, glaube ich.
(2) Egal wie weit und wie lange man reist, man begegnet sich immer selbst.
Ich bleibe auch heute erstmal Zuhause. Nico wollte sich vielleicht melden, aber ich bin mir bei meinen Bekanntschaften hier nie sicher (-> Kultur), ob das dann zustande kommt.
Ich habe ein hilfreiches online-Gespräch mit einem Freund, der mich etwas aus meinem Loch holt, leider hält es nicht lange. Denn ich stehe immer noch ziemlich neben mir wegen letztem Samstag + gemischte Gefühle bzgl. meiner baldigen Abreise + Einstellen auf Kanada (es ist quasi nichts organisiert) + tiefe Nachdenklichkeit über diverse Lebensthemen aus der Metaperspektive.
Nico meldet sich tatsächlich und wir treffen uns in der Stadt für Apericena, also was trinken und ein bisschen was essen. Er wirkt etwas angespannt -vielleicht spiegelt er mich?- und unser Gespräch stockt immer wieder, aber es tut mir gut. Danach gehen wir noch ein Eis essen bei Strega nocciola (= Nusshexe), ich mag den Namen besonders und probiere dort ein Lavendeleis! Nico hat alles heute bezahlt und ich fühle mich gut umsorgt.
Wir verabschieden uns nach ca. 2h und mir geht es ENDLICH besser. Ich wurde und habe mich selbst eine Woche emotional durch einen Fleischwolf gedreht und bin jetzt endlich wieder geerdet. Persönliche Kontakte sind (leider) einfach was anderes. Und vielleicht ist es auch Nico, dem ich mehr vertraue als manch anderen in Italien.
Statt ein Fahrrad (kack Mietfahrräder!) zu nehmen, laufe ich nach Hause – heute einen anderen Weg als sonst. Ich glaube, man kann am besten neue Wege gehen, wenn man sich sonst sicher fühlt, wenn man Kapazitäten hat. Ansonsten geht man eher die gewohnten Wege, um nicht noch mehr „belastet“ zu sein/neue Dinge verarbeiten zu müssen. Neue Wege sind wichtig für Inspiration und Weiterentwicklung. Mein Fazit: Versuche nur soviel Belastung zuzulassen, dass du noch 5-20% für neue Wege übrig hast (je nach Lebenssituation und -prioritäten).
Als ich fast am AirBnB bin und mir die Gegend wieder vertraut vorkommt, kommt mir ein Gedanke, den ich schon oft hatte. Man sagt ja immer ganz romantisch „home is where your heart is“. Für mich ist es eher „Zuhause ist dort, wo man am öftesten zurückkommt“: Nach Ausflügen, Reisen oder auch manchmal im Alltag nach einem aufregenden Tag kommt man an einen Ort. Und je öfter man dahin zurückkommt, nach Zerstreuung, nach Verpflichtungen, nach Anstrengungen, desto mehr wird es zum Zuhause – so empfinde ich das.
24. Juni
Heute ist Feiertag in Italien, weswegen der coworking space etwas anders funktioniert. Er ist sehr leer, der normale space ist voll mit Müll weil dort gestern eine Party gefeiert wurde und es werden diverse Reparaturen am und im Haus gemacht. Wir sind ein paar coworker (ca. 20, sonst sind es ca. 100?) und werden in verschiedene Räumen hin- und hergeschoben, um bei den Bauarbeiten nicht im Weg zu sein. Aber das is nicht so schlimm, mir gefällt der Ausnahmezustand. Draußen schüttet es wie aus Kübeln, es ist relativ kalt, im space ist das Licht gedimmt und irgendwie fühle ich mich wie bei einer Übernachtungsparty :-D
Heute ist mal eine Frau meine Barista für den morgendlichen Kaffee. Wir quatschen nett und sie macht mir Komplimente für mein Italienisch – made my day!
Als ich abends nach Hause laufe, stelle ich fest, dass mir Florenz sogar wolkig und regnerisch gefällt. Ob das wohl an der Fremde im Allgemeinen liegt, die mir grundsätzlich etwas besser gefällt (Barney Stinson: Neu ist immer besser)?! Ist Neues immer spannend, auch wenn es genauso ungemütlich/kalt/grau ist wie Zuhause?
25. Juni
Hab ich schon erwähnt, dass Mietfahrräder mich nerven?! Heute hab ich 5 scheiß Sekunden zu lange gebraucht und deswegen 1,50€ mehr bezahlt (Die Räder kosten alle 15min 1,50€ und ich brauche meistens 17-18 Minuten zum space). Und es ist auf den Dingern sowieso mega stressig, weil ich immer gegen die Zeit fahre. Morgens. Im Berufsverkehr. In Italien. In Florenz. In der Hauptsaison. In den engen Straßen, wo man nicht überholen kann. Ich will mein Fahrrad zurüüüüück :-(
Florenz lässt heute mal wieder seinen Charme spielen und alle sind furchtbar nett. Ich grüße so viele Leute wie in den letzten drei Wochen nicht, weil irgendwie alle da sind und man sich mittlerweile mal kurz irgendwie unterhalten hat.
Und ich stelle mal wieder fest, wie interessant und falsch manche Vorurteile sind: „BOAH, die is ja mega arrogant!“ – im Gespräch stelle ich dann fest, dass sie mega lieb und z.B. einfach unsicher oder schüchtern ist. Hm. Ups. Denk‘ mal drüber nach, Lea!
26. Juni
…und heute rede ich wieder mit sehr vielen Leuten – mit mehr als in den letzten vier Wochen (an einem Tag). Es sind nur kurze Gespräche, aber es tut mir trotzdem gut. Nur schade, dass das jetzt erst passiert, kurz bevor ich gehe (noch 4 Tage!).
Abends treffe ich mich das letzte Mal mit Nico. Wir trinken einen Wein und hören selbstgeschriebene Live-Musik von zwei sehr charakteristischen Musikern auf einer winzigen Bühne, mitten im Grünen. Wieder bezahlt er den Wein. Über einen Kumpel in Deutschland habe ich erfahren, dass Italiener quasi alles bezahlen, weil ich ein Gast in ihrem Land bin und das normal für sie ist. Besuch ist ja dann ganz schön teuer! Finde ich trotzdem eine mega schöne Geste und es macht tatsächlich was bzgl. dem sich-willkommen-fühlen.
Reem, meine Nachbarin, hat mich heute zum gemeinsamen Kochen in ihrer Wohnung eingeladen. Wir machen Tacos mit Blumenkohl und es schmeckt mega lecker. Dazu trinken wir eine ganze Flasche Wein, quatschen auf dem Balkon, freuen uns über ihre zuckersüße Katze (ihr Charakter erinnert mich sehr an Nuri <3 ) und haben interessante Gespräche. Sie sieht mich auf eine Art, wie mich bisher noch niemand gesehen hat – vermutlich (auch), weil sie mich zu einem anderen Zeitpunkt kennengelernt hat. Und vielleicht wegen ihrem kulturellen Background? Wir sprechen auch ein bisschen über die arabische Kultur und dass es sie sehr nervt, dass viele Leute in Europa ganz fassungslos über manche Bräuche sind und diese nicht verstehen können. Reems Kulturschock bestünde hauptsächlich darin, den Kulturschock von Italienern mit ihrer Kultur zu verarbeiten. Das finde ich sehr interessant, die Sichtweise.
Gegen 1 Uhr gehe ich rüber zu meiner Gastwohnung, mit Vesper für morgen Mittag + Nachtisch (so lieb von Reem!) in der Taschr und schlafe extrem gut: das erste Mal nerven mich keine Mücken, sondern ich schlafe einfach durch. Ob es wohl am Wein lag?
Ich habe den Abend seeehr genossen und bin traurig, dass Reem und ich nicht näher beieinander wohnen. Aber wer weiß was noch kommt – und sie kennengelernt zu haben ist so oder so ein Gewinn :-)
27. Juni
Wie erwartet bin ich extrem müde: um 8.30h hab ich heute meinen ersten Termin – Killer! Aber ich übe heute Pünktlichkeit und stehe besonders früh auf, um entspannter in den Tag zu starten. Tatsächlich klappt es und ich bin sehr stolz auf mich.
Der Tag ist recht anstrengend: ich habe ein konfliktbeladenes Gespräch mit einer Kollegin, überlege hin und her, ob ich den Laptop doch mit nach Kanada nehmen möchte, habe Yoga- und Kochkurs.
Ich übersteh alles, lerne ein paar neue Italiener kennen, bekomme leckeres Essen von Valentina, der Köchin, und verabschiede mich von ihr. Sie ist wahnsinnig herzlich und nimmt mich in den Arm. Das habe ich dringend gebraucht!
Abends laufe ich wieder ein Stück, um weniger für mein Mietfahrrad zu bezahlen und versuche dabei immer, neue Wege zu gehen. Seltsamerweise lande ich aber bereits nach 2-3 neuen Straßen wieder auf denselben Wegen (…und es gibt sicher 100 Alternativen). Wie metaphorisch…
28. Juni
Heute packe ich meinen Koffer und versende ein paar Sachen damit nach Deutschland, damit ich in Kanada leichter reisen kann. Meinen Laptop behalte ich – notfalls könnte ich ihn am Montag noch versenden. Es klappt alles problemlos und ich hoffe, dass er gut ankommt. Fühlt sich sehr seltsam an, die ganzen Sachen einfach loszuschicken, ohne selbst mitzureisen.
Abends bin ich das erste Mal bei „Friday drinks“ im coworking space (coworker bekommen für eine Stunde kostenlose Drinks + ein DJ spielt im Innenhof). Vorher gehe ich noch etwas in den Pool, weil es heute sehr heiß ist. Dort treffe ich Sara und wir quatschen ein bisschen. Das tut gut, denn sie fragt mehr als andere und ich kann mich endlich mal in Person über die Sache mit Danilo austauschen – zumindest oberflächlich.
Nach den Friday drinks sitzen wir in einer größeren Runde noch im Hof. Außer mir ist noch ein deutsches Pärchen dabei, sonst sitzen nur Italiener und Italienerinnen am Tisch. Leider ist es schwer, sich zu integrieren und mitzureden, was mich mal wieder etwas traurig macht. Die meisten schauen mich nicht mal an, sondern reden mit den anderen. Als die Runde etwas kleiner wird, kann ich mich mehr einbringen und wir entscheiden uns dafür, gemeinsam was Essen zu gehen - der Prozess nimmt ungefähr 1,5 Stunden in Anspruch: Wer will mit? Wohin gehen wir? Ich muss noch kurz auf’s Klo. Wo ist Milo? Fährst du mit mir im Auto oder nimmst du deinen Roller? …Diskussionen über Diskussionen – aber endlich sitzen wir bei Sara im Auto und fahren zumindest mal in ein Viertel, auf das wir uns einigen konnten (Nein, auf ein Restaurant konnten wir uns nicht einigen). Im Auto ist es ziemlich lustig und ich bin froh, dass ich mitgekommen bin. Und Hunger hab ich natürlich sowieso (wie immer…).
Zu siebt quetschen wir uns in einen kleinen Imbiss, der eine Art Kebab verkauft, aber gefüllt mit italienischen Zutaten und aufgewärmtem Käse – super lecker! Ich gönne mir noch einen süßen „Kebab“ im Anschluss. Laura, eine Italienerin aus Florenz, erzählt, dass es normalerweise um die Zeit deutlich wärmer in Florenz sei – und im August kaum auszuhalten, weil es über 40 Grad seien. Ohwei!
Nach und nach verabschieden sich alle, ich quatsche noch kurz mit Sara und Cosimo, dann verabschieden wir uns - ohne Umarmung… die Florenzer sind wirklich vergleichsweise distanziert, finde ich.
Auf meinem Heimweg laufe ich endlich andere/neue Wege – durch die fremde Hilfe heute, die mich in ein neues Viertel gebracht hat, in dem icj vorher noch nicht war? …auch wieder metaphorisch sehr interessant.
Überall steht Polizei und räumt die Straßen frei, weil morgen die Tour de France in Florenz startet – das allererste Mal in der Geschicht der Tour de France, startet sie in Italien, ausgerechnet in Florenz! Mega cool. Die Polizei schleppt massenweise Roller vom Straßenrand ab, was total Sinn ergibt, aber: Was für ein Aufwand! Damit die Räder für 2 Sekunden durch diese Straße fahren können. Menschen sind manchmal schon sehr verrückt.
29. Juni
Heute startet die Tour de France – ausgerechnet in Florenz während ich da bin! Leider sehe ich wegen meiner Verpeiltheit nicht viel davon, bin aber froh, die Menschenmassen dadurch umgehen zu können.
Ich fahre wieder zum space und will heute das erste Mal richtig den Pool auf der Dachterrasse nutzen, den ich bisher noch gar nicht genutzt hab. Vorher setze ich mich kurz an den Flügel im Eingangsbereich und spiele – was theoretisch ein sehr großer Genuss wäre, aber ich werde durch vorbeilaufende Leute, Hintergrundmusik und Gespräche an der Rezeption stark abgelenkt. Das ist sehr schade, da der Flügel fantastisch klingt und wirklich toll zu spielen ist.
Dann hole ich mir kurz einen Cappuccino an der Bar und fahre rauf zum Pool. Sara und einige andere aus dem space sind auch wieder da und wir quatschen ein bisschen – was mir ganz gut tut. Außerdem ist es heute unfassbar warm (ca. 33 Grad), sodass ich SEHR froh über die Abkühlung bin. Perfekt!
Als der Pool schließt, fahre ich mit einem Mietfahrrad zu Decathlon. Denn ich habe beschlossen, dass ich endlich einen neuen Rucksack brauche. Vor allem, da der Laptop mit nach Kanada soll. Und der alte Rucksack ist nur noch unter Ächzen und Stöhnen in der Lage, etwas so Schweres wie einen Laptop zu transportieren. Einen Rucksack finde ich tatsächlich (nach 2 Jahren Suche!), aber ich brauche noch Zeit zum Überlegen. Mein alter Rucksack begleitet mich seit 14 Jahren, seit ich ausgezogen bin, über mein ganzes Studium und den Berufseinstieg hinweg und er hat mich treu während meiner letzten Reise begleitet. Ist also etwas emotional, das ganze Unterfangen. Morgen treffe ich eine Entscheidung!
Abends spielt Italien gegen die Schweiz und im Anschluss ans public viewing im space gehe ich mit Sara, Laura (eine Deutsche) und Cosimo noch was essen. Die Runde ist sehr nett und ich habe viel Spaß: Sara und Laura nehmen Cosimos Datingleben unter die Lupe, wir lachen viel und ich beobachte das Spiel zwischen den dreien (…die Psychologin in mir…). Auch ist das Essen sehr lecker und teilweise ungewöhnlich (kalte Pasta mit roter Beete und Passionsfrucht).
Danach fahren wir mit Saras Auto in eine Art Biergarten (aber schöner) am Arno. Dort sitzen einige andere Leute aus dem space. Es ist eine lustige Runde, coole Gesprächsthemen und ich mag die Interaktionen. Sara ermahnt die anderen immer wieder, dass sie auf Englisch sprechen sollen, damit ich es verstehen kann; aber meistens fallen sie dann doch wieder zurück (was ich verstehen kann). Ich höre ihnen sehr gerne zu, weil ich dann viel lernen kann, dafür bin ich aber immer etwas außen vor. Mittlerweile verstehe ich zwar deutlich mehr Details als am Anfang, aber noch lange nicht genug (und vor allem nicht schnell genug), um mit einzusteigen.
30. Juni
Heute ist der – letzte – allerletzte – letzte (ganze) Tag in Florenz !!
Gestern hatte ich das Gefühl, endlich etwas italienische Kultur zu schnuppern. Und ich denke darüber nach, dass es mega ist, wie connected die Welt mittlerweile ist. Allerdings verwässert das auch die einzelnen Kulturen stärker und es macht deren ganz eigenen Charakter weniger spürbar. Das find ich schade. Denn gerade die Unterschiede machen das Reisen so interessant und lehrreich. Dafür macht die Globalisierung das Ankommen und die Integration vermutlich leichter, weil der Unterschied nich so groß is und dementsprechend weniger Missverständnisse aufkommen.
Heute habe ich endlich eine Gesangsstunde mit Anna (meiner Gastgeberin)! Sie ist professionelle Opernsängerin und wir hatten das schon direkt bei meiner Ankunft ins Auge gefasst. Leider war sie zwischendurch 10 Tage weg, sodass wir es erst heute schaffen. Es ist eine tolle Stunde und ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte! Außerdem melde ich mich heute endgültig von der Arbeit ab (Abwesenheitsmails etc.) - für zwei Monate! Das ist verrückt.
Ich fahre heute wieder in den space zum Pool und denke viel nach. Eigentlich wollten einige Leute von gestern Abend heute zum Pool kommen, aber alle haben sich spontan umentschieden. Ich liege den ganzen Tag rum, denke viel nach und fang mir einen heftigen Sonnenbrand ein (Beine und Oberkörper), der mehrere Tage echt krass weh tut. Ups!!
Später kommen Laura und Caterina mich noch am Pool besuchen. Caterina besitzt einen Buchladen unten im space und kommt eigentlich aus Bologna. Sie erklärt mir, dass man sich auf Aussagen, die sich auf die Zukunft beziehen, bei Italienern nicht verlassen sollte – und ich deswegen nicht verwundert sein soll, dass heute keiner zum Pool gekommen ist. Mich verwundert es trotzdem etwas, weil mir das so bisher nicht begegnet ist und sich alle an die Abmachungen gehalten haben; aber trotzdem kann das ja eine häufigere Verhaltensweise sein und ich akzeptiere das so für künftige Gelegenheiten. Caterina lästert außerdem kräftig über Florenz ab: es gebe zu wenige Grünflächen, kein gutes Essen, keine richtige Kultur und die Florenzer seien so distanziert. Ansonsten war es sehr nett mit den beiden und wir verabschieden uns später herzlich – sogar mit Umarmung!
Gleich treffe ich mich mit Lorenzo zum Abendessen und Tschüss-Sagen.
Vorher kaufe ich den neuen Rucksack. Als ich den alten und den neuen nebeneinander stelle, sackt mir das Herz in die Hose. 14 Jahre lang hat mich der kleine Racker durch die Welt -im wahrsten Sinne- begleitet und jetzt wird er im Müll landen…
Lorenzo holt mich mit dem Auto ab und wir fahren in eine Art Bar am Arno, weiter abseits von der Innenstadt. Es ist extrem fancy hier und ich finde es schade, dass ich die Bar nicht schon vorher entdeckt hab. Wie so oft mit Lorenzo sprechen wir über Metathemen, wie die „Touristifizierung“ italienischer Städte. Venedig sei als erstes gefallen, als nächstes seien Florenz und Bologna dran, glaubt er. Er sehe den Trend an den extrem hohen Mietpreisen, die von Italienerinnen und Italienern nicht mehr bezahlt werden könnten. Auch in Venedig lebten quasi keine Italiener:innen mehr, denn das sei mittlerweile zu teuer. Sie leben in einem bestimmten Ort außerhalb von Venedig, fahren für die Arbeit in die Stadt und fahren abends wieder nach Hause. Wie in einem Themepark… Leider fallen mir keine wirklichen Lösungen ein, für dieses Phänomen. Außer bessere Arbeitsbedingungen (z.B. Arbeitsverträge !!), mehr Gehalt, politische Grenzsetzung bzgl. Tourismus/AirBnBs. Sehr schwierig! Vielleicht müssen wir uns in ein paar Jahren auf Städte bewerben, um sie touristisch besuchen zu können.
Immer wieder frage ich mich, warum es „auf einmal“ so heftig viele Touristen gibt? Steigt der Lebensstandard? Verführt Insta alle zum Reisen? Hat das was mit Corona zu tun? Sind wir einfach zu viele Menschen?
Danach fahren wir in ein sizilianisches Restaurant am Berg von Florenz mit schöner Terrasse und Blick auf Florenz. Das ist mal ein geeigneter Ort für meinen letzten Abend! Wir reden viel über’s Reisen. Er ist u.a. durch seine Forschungstätigkeiten viel in der Welt herumgekommen und findet langsam zur Ruhe. Es ist spannend, mit ihm darüber zu sprechen, weil wir uns ähnlich sind – nur, dass er einige Jahre weiter ist. Er sagt, dass er langsam satt ist vom Reisen, dass man sich an Vieles gewöhnt und das dann weniger spektakulär wird (eine Frage, die ich mir in Neuseeland gestellt hab und die jetzt -5 Jahre später- beantwortet wird, zumindest aus einer Perspektive). Und dass man die Aufregung des Reisens, die Abwechslung, auch an einem Ort finden kann – man muss sich nur darum kümmern. Wir sprechen auch über Freud und dessen Ansicht, dass man manche Dinge vergisst oder verlegt, weil sie einen an Gedanken / Gefühle erinnert, die schmerzhaft sind.
Nach dem Essen fahren wir noch ein Stück den Berg rauf und stellen uns an die Brüstung einer Kirchenterrasse – ebenfalls mit Blick auf Florenz. Und philosophieren weiter über das Leben. Es ist wahnsinnig inspirierend und dieser Abend wird mir lange in Erinnerung bleiben.
Lorenzo fährt mich nach Hause und verabschiedet sich mit den Worten: „Wir sehen uns!“ …langsam wird mir richtig klar, dass ich WIRKLICH gehe. Wirklich, wirklich.もっと詳しく
#24 Transit
2024年7月1日, イタリア ⋅ ☁️ 30 °C
#24 – Transit
Ich schreibe aus Kanada diesen Beitrag und es fällt mir schwer. Auch wenn Kanada mir immer besser gefällt und in manchen Hinsichten leichter ist, wird mein Herz schwer, wenn ich an Italien zurückdenke. Gerade fühlt es sich an, wie bei einer Trennung: bloß nicht darüber sprechen oder darüber nachdenken, sonst kommt der ganze Schmerz wieder hoch. Und mein Herz stockt oder freut sich, wenn ich plötzlich über ein italienisches Café oder die Sprache stolpere (was hier sehr selten vorkommt).
Auch deswegen schreibe ich in einen Transit-Bericht (statt dem Wochenbericht), damit Italien erstmal ruhen kann :-)
1. Juli
Ich hab wenig geschlafen, weil ich gestern erst gegen 1.30h zu Hause war und ich trotzdem gegen 7.30h wach werde (wieso passiert mir das nie, wenn ich zu Hause bin?!). Ich packe alles zusammen, verabschiede mich herzlich von Anna und schwinge mich dann mit Sack und Pack auf’s Mietsfahrrad – ein letztes Mal!
Im Zug nach Rom sitzen sehr viele Amerikaner und ich höre viel Englisch. Ich versuche mich darauf einzustellen, denn das werde ich die nächsten 6 Wochen hauptsächlich hören und sprechen. Und sie gestikulieren deuuutlich weniger -anscheinend gestikulieren Italiener doch mehr, als mir klar war- und es fühlt sich an, als wäre ich schwerhörig: mir fehlt ein Teil der Kommunikation. Und irgendwie macht mich das aggressiv: warum zur Hölle bewegt sich da nix?! Kann sie/er nicht richtig kommunizieren?
Als ich in Rom aussteige und Italienisch höre, freue ich mich mehr als ich gedacht hätte. Ich bin richtig erleichtert, es fühlt sich an wie nach Hause kommen. Ich bin sehr gespannt, wie ich das in Kanada aushalten soll!
Reisen macht mich immer nachdenklich. Ich glaube, ich hab weniger von der italienischen Kultur verstanden bzw. die Unterschiede unterschätzt. Andere Kulturen sind wirklich schwer zu verstehen. Dasselbe wurde mir klar, als ich in Holland gewohnt habe. Man denkt, dass sie so nah und auch in Europa sind und viele (grundsätzliche) Dinge sind auch sehr ähnlich. Aber die Nuancen -die v.a. für zwischenmenschliche Interaktionen wichtig sind- erscheinen mir anders. Sowohl in Holland, als auch in Italien.
Italien war wie ein Ofen. Es war sehr warm, ich wurde braun gebacken, alles war sehr intensiv und reichhaltig - im Guten und im Schlechten. Mal schauen, ob ich danach leckerer bin :-D
Rom gefällt mir erstaunlich gut. Ich bin heute sehr entspannt und dementsprechend ist meine Wahrnehmung sehr frei und aufnahmefähig.
Danke an alle, die mich gehen lassen!
2. Juli – Fluggedanken = Metagedanken
Heute geht mein Flieger. Ich habe gut, nur etwas kurz geschlafen - dank meiner tollen "Mitschläfer" im Dorm (da kann man ja manchmal echt Pech haben), die sehr leise waren.
Es fällt mir schwer, Italien hinter mir zu lassen.
Auch heute bin ich erstaunlich entspannt. Obwohl ich fliegen gar nicht mag, steige ich heute in den Flieger und habe kein bisschen Angst. Im Flieger wird mir bewusst, wie sehr ich mich auf Kanada freue. Als wir abheben, weine ich, weil Italien jetzt hinter mir liegt.
Die Sprache entspannt mich, aber jetzt ist Zeit für was anderes.
Stewardessen sprechen auf Französisch, was ich theoretisch verstehen würde, aber mein Hirn ist viel zu verwirrt.
Im Flieger schaue ich Barbie und ein Zitat rührt mich sehr "Wir Mütter stehen still, damit unsere Töchter sehen können, wie weit sie gekommen sind". Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll, aber vielleicht ist das eine Meinung/eine Verhaltensweise einer bestimmten Generation?
Ich schaue einen amerikanischen Film und verliere die Lust auf Kanada bzw. die Kultur. Hoffentlich is sie deutlich anders als die amerikanische. Es wirkt so steif und kalt und depressiv/oberflächlich. Mir fehlt die Wärme.
Montréal
Alle kommen mir so gestresst und unter Druck vor - das war in Italien gänzlich anders.
Es is alles so riiiiesig! Genau wie in amerikanischen Städten. Riesige Hochhäuser, unglaublich breite Straßen, viel zu große und sehr viele sehr teure Autos. Manche "alte" Häuser sehen aus wie in Italien, aber in 1,5-facher Größe.
Viele sprechen Französisch und mein Gehirn is jetzt vollends durcheinander und versucht die ganze Zeit italienische Satzkonstruktionen zu bilden.
Und btw: diese amerikanischen Touris gehen mir so auf den Sack. Eine meinte "why would I wanna learn such a disgusting language as French?!" - wtf!? Und: "amaaazing! Oh yeeah! That sounds SO nice, wow!" Kriegt euch mal wieder ein. Grrrrr!
Schlafmangel? Kulturschock? Es wird interessant!
Heute mache ich quasi nix: fliegen, einchecken, sortieren, essen, schlafen. Basta!
Morgen stehen einige To dos an, also erstmal low key heute. Gute Nacht!もっと詳しく
#25 - Kampf und Setup
2024年7月3日, カナダ ⋅ ☀️ 28 °C
3. Juli
Ich habe starkes Heimweh nach Italien. Mir kommt alles kalt, leblos und viel zu groß vor. Es wirkt so zerstreut, ohne Verbindung und anonymer. Und ich versuche erneut mein Glück bzgl. Kaffee und bekomme einen grauenvollen, viel zu großen Cappuccino. Das macht das Heimweh nicht gerade besser – wenn nicht mal mein täglicher Bedarf an gutem Kaffee annähernd gedeckt wird!
Immerhin verstehen die meisten hier sehr gut Englisch, sodass ich endlich mal wieder etwas Persönlichkeit in die Konversationen einfließen lassen kann. Vorher war es ja eher beschränkt auf: ich heiße, ich arbeite, ich möchte, bitte, danke.
Und ich kann hier endlich wieder selbst kochen !!! Nach mehr als fünf Wochen… Das ist definitiv was wert!
Auf den Straßen fällt mir auf, dass Obdachlose sehr gepflegt und höflich sind. Manche erkenne ich gar nicht richtig als Obdachlose. Offensichtlich, scheint es hier ein gutes Unterstützungssystem für sie zu geben.
Manchmal vergesse ich, dass ich in Kanada bin und denke, dass ich irgendwo in Frankreich gelandet bin. Etwas außerhalb der Innenstadt gibt es kleinere Häuser, mehr Parks – sodass auch mehr Französisch gesprochen wird und es eher kleine Läden gibt, die deutlich mehr nach authentischer Kultur aussehen, als in meinem Viertel, wo das Hostel steht (ist mitten im Touriviertel, in der Altstadt von Montréal).
Es wird schwierig, mich auf Kanada einzulassen. Aber Geduld. Wuuusaaaa!
Ich glaub ich weiß jetzt, warum es mich ankotzt, mich vorher über Städte und deren Sehenswürdigkeiten zu informieren:
1) es ist ein Abarbeiten von Todos und das hab ich im Alltag schon genug
2) weniger Platz für Spontaneität, oft viel Platz für Stress (weil man will es ja alles erledigen)
3) es fühlt sich an, wie zur Schule gehen: sich zu informieren ist hilfreich und interessant, aber ich will lieber meiner eigenen Neugier folgen. Das ist für mich ein deutlich größerer Genuss
Und so verlief mein erster richtiger Tag in Kanada:
Der Plan: kanadische Simkarte (erst informieren, dann kaufen) – weniger touristisches Viertel besuchen – Lebensmittel einkaufen – Mails checken – Blog schreiben
Die Realität: hab direkt einen sehr guten Deal für die SIM-Karte gefunden und dazu eine sehr nette Konversation – hab zufällig WLAN in der Stadt gefunden und konnte so in Ruhe mit einer Freundin telefonieren, um etwas runterzukommen – bin zufällig in einem schönen Park gelandet, der mich geerdet hat – hab drei Bücher und neue Lieblingsohrringe gefunden – bin zufällig an einem guten Lebensmittelladen vorbeigekommen – habe live elektronische Musik in einem Park gefunden – habe viel Street Art gefunden (u.a. im Studentenviertel, weit abseits der Innenstadt) – und hab etwas gefunden, was ich dringend brauchte! alles Notwendige erledigt, ohne Plan, mit Bauchgefühl. Heute Abend geht es mir ein kleines Bisschen besser!
4. Juli
Heute sitze ich vier Stunden lang am Laptop und erledige Orgakram (und damit war es noch nicht getan). U.a. informiere ich mich über Workaways und fühle mich auch hier verloren: es gibt zu viele Optionen, zu lose, zu weit verstreut. Außerdem muss ich mich um Nurisitting kümmern, weil meine Zwischenmieterin Ende Juli schon die Wohnung verlässt. Das belastet mich.
Außerdem sind gerade so viele Umstellungen: Ich bin im Hostel ( keine Privatsphäre, wenig Platz für den eigenen Kram, leider recht dreckig und viele Sachen sind kaputt), ich hab jetzt Urlaub (keine Struktur mehr), bin in einer anderen Kultur und ich hab so viele Eindrücke in Italien gesammelt, ohne Zeit für Verarbeitung zu haben. Stattdesssen muss ich mich hier direkt neu orientieren und viele Entscheidungen treffen – sonst fühlt sich die Zeit verschwendet an.
Durch den Leerlauf um mich herum, denke ich viel nach: Letztendlich kommt es beim Reisen nicht darauf an, was man sieht, sondern darauf, was es in einem auslöst
Abends wird im Hostel Poutine serviert (Pommes mit Bratensoße und sowas wie Mozzarella) - kostenfrei für eine gute Bewertung des Hostels. Ein bisschen wie Bestechung...
Immerhin bekomme ich heute kostenloses Essen im sonst ziemlich teuren Kanada/Montréal und komme mit ein paar Franzosen ins Gespräch. Sie sprechen ganz ok Englisch, aber wieder bin ich die Außenseiterin - denn untereinander verstehen sie sich super und sprechen wegen mir Englisch, fallen öfter ins Französische zurück. Außerdem verstehen sie viele Nuancen nicht, dh es kommt zu Missverständnissen. Oh man ! Das nervt langsam. Sie sind trotzdem nett und ich bin froh, nicht alleine essen zu müssen. Learnings:
1) Franzosen lernen zwar ab ca. 12 Jahren Englisch, aber sie meinen, dass man damit nicht wirklich sprechen lernt. Das Niveau des Unterrichts sei zu schlecht, weswegen auch von der jüngeren Generation nur ca 20% einigermaßen gutes Englisch sprechen würden.
2) Die Kanadier sprechen wohl Französisch, aber mit einem sehr starken Akzent, sagt mir der eine. Und sie nutzen Wörter, die seine Ururgroßmutter genutzt hat. Witzig!
Die beiden Franzosen und ich beschließen, uns das Feuerwerk am Hafen anzuschauen. Wir treffen noch zwei Freunde von dem einen (…die sich auch erst seit ein paar Tagen kennen, aber so ist das ja beim Reisen) und schlendern dann gemeinsam zum Feuerwerk.
Jede Woche präsentieren verschiedene Länder ein eigens zusammengestelltes Feuerwerk und nehmen so an einem Wettbewerb für das tollste Feuerwerk teil. Heute ist Japan dran. …und es pilgert gefühlt die halbe Stadt an den Hafen, als gäbe es hier ein fettes kostenloses Konzert.
Danach trinken wir einen französischen Schnaps namens Pastis mit Mandelsirup und Wasser. Man schmeckt den Alkohol quasi nicht, weil es so süß und verdünnt ist. Die Mischung schmeckt sehr ähnlich wie Sambuca.
5. Juli
Heute habe ich etwas mehr Energie und beschließe, endlich eine Entscheidung für meine workaway-Pläne zu treffen. Was brauche ich dafür? Einen Ort, an dem ich mich wohlfühle und einen guten Kaffee! Schnell habe ich ein sehr gemütliches, alternatives Café um die Ecke gefunden und sitze einige Stunden dort. Und sogar der Kaffee ist sehr gut!! Finallyyyyy! Die meisten Cafés, die ich bisher in Montréal gefunden hab, sind irgendwie sehr ungemütlich aus. So groß und clean, mit Plastikstühlen und minimalistischer Deko in viel zu großen Räumen. Und ich kann den ekelhaften Starbucks-Kaffee aus 100m riechen (denn genau so riechen diese Cafés, auch wenn sie nicht zur Kette gehören). Und jetzt -endlich- habe ich richtig angefangen, meine workaways zu organisieren.
Heute wechsle ich das Hostel, weil in meinem Hostel die female dorms ausgebucht waren. Ich bin nicht begeistert von dem Hostel, aber es ist etwas sauberer, als das andere. Für eine Nacht wird es passen: Ein workaway hat schnell geantwortet und ich kann morgen schon zu ihnen fahren! Wie aufregeeend!
Einkaufen: sämtliche meiner Werte werden hier NICHT umgesetzt. Ein Haufen Fertiggerichte (ca. 50% der Waren), haufenweise Nahrungsergänzungsmittel (ungefähr 10 Regale voll), Gemüse in Plastik verpackt, sodass man einzelne, frische Sachen nur selten kaufen kann (was als Backpacker echt scheiße is, weil ich keine Lust hab 400g Karotten durch die Gegend zu schleppen), sowas wie reine Haferflocken habe ich bisher nicht gefunden (alles ist mit Früchten, Honig und irgendwelchen Zusätzen versetzt...). UFF! Vermutlich muss ich mich hier erst orientieren und die richtigen Produkte finden, aber es kostet mich viel Energie.
Ich denke, man muss erst lernen, ein neues Land zu lieben. Beim Heimatland hat man seine Inseln schon gefunden. Es hilft, wenn man sich vorher schon fernverliebt hat. Das is bei mir und Kanada eher nicht so. Ich wollte schon immer nach Kanada, aus Neugierde, aber es war kein leidenschaftlicher Wunsch, sondern eher eine Ahnung, dass es interessant sein könnte.
Vieles erinnert mich an die USA, u.a. die heftigen Klimaanlagen. Es ist sehr warm in Montréal, ca. 27-30°C) und die Klimaanlagen sind so stark eingestellt, dass einem kalt wird und draußen ist es zu warm. Diese Scheiße werde ich nie verstehen - erst recht nicht seitdem der Klimawandel immer präsenter wird. Diese Vollidioten, wirklich!
Man sollte nicht tun was eigentlich richtig wäre, sondern das, was sich tatsächlich richtig anfühlt.
Abends gegen 17 Uhr, mit einem Haferkaffee (endlich wieder!) und einem Buch auf einer Bank im Park finde ich endlich etwas zu mir. Städte quetschen alle Energie aus mir und die Flucht in die Gedankenwelt hilft mir, mich zu grounden.
Immerhin falle ich hier nicht so auf: viele Kanadier laufen mit Turnschuhen und Trekking-/ funktionalen Rucksäcken rum. In Italien wurde ich eher abfällig angeschaut, weil ich so verratzt rumlaufe. Kanadier scheinen mich fast schon mit einem besonderen Respekt zu behandeln, weil sie die Reisende und nicht die abgeratzte, geschmacklos gekleidete Frau sehen. Auch das: ein großer Unterschied und (deshalb) sehr interessant!
Im Hostel quatsche ich noch ein bisschen mit einem lieben Belgier. Wir haben uns gestern Abend kennen gelernt und er spricht zum Glück sehr gutes Englisch. Wir regen uns über die Klimaanlagen und die steuerlosen Preise auf – das tut gut! Dann gehe ich etwas aufgeregt schlafen, weil es morgen weiter geht (mit dem Bus…. !!) und dort mein erstes Workaway startet.
Zu den steuerlosen Preisen: Preise werden hier grundsätzlich ohne Steuern angegeben, d.h. es is immer eine Überraschung wieviel man tatsächlich bezahlt. Die einzige Ausnahme: Lebensmittel. Da sind die Steuern schon inbegriffen, in den angegebenen Preisen. Keine Ahnung, wer auf diese komische Idee gekommen ist.
6. Juli
Heute fahre ich mit dem Bus nach Québec City zu meiner ersten workaway: eine kleine Familie, bestehend aus einem Kanadier, einer Italienerin (juhuu!) und ihrem kleinen Sohn. Ich bin sehr nervös und aufgeregt und freue mich auch!
Bevor ich in den Bus steige, hole ich mir noch einen Haferkaffee und gerate super spontan in ein Gespräch mit einem 24-jährigen Kanadier, der mich auf mein Backpack anspricht. Er erzählt mir, dass er heute für zwei Monate nach Europa reist, mit Interrail. Coole Sache! Er wirkt seltsam distanziert und gleichzeitig sehr offen, was mich etwas irritiert. Aber er ist sehr nett und versucht, mir ein paar Tipps für Kanada zu geben (die sich im Nachhinein als nutzlos herausstellen :-D ). Wir wünschen einander eine gute Reise – und los geht’s zum Busbahnhof!
Es geht alles glatt, ich bin pünktlich zum Bus und die Fahrt ist problemlos und kurzweilig. Keine Ahnung, was da lost ist, dass Busfahren gut funktioniert :-D Aber sei’s drum – ich freu mich drüber!
Während der Busfahrt plane ich die nächsten Workaways und verstehe endlich: Kanada kann man nicht vollständig bereisen, dafür ist es viiiel zu groß – erst recht nicht in 6 Wochen. Man sollte sich auf ein oder zwei states konzentrieren, sonst würde es stressig werden, bestünde hauptsächlich aus rumfahren und der Genuss ginge flöten. Also: fomo (fear of missing out) regulieren und ausgewählte Orte genießen, ist jetzt mein Motto!
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Québec City
Ich steige aus dem Bus aus, laufe durch den Bahnhof und spüre direkt: Hier ist es deutlich entspannter, als in Montréal! Aaaaaah! Endlich bessere Energie, mehr Zeit zum Atmen, mehr Raum.
Die Häuser und die Straßen sind kleiner, älter und schöner. Ich laufe direkt zum Laden meiner Gastfamilie. Jess, die Mutter, hat einen Massageladen und eine ihrer Mitarbeiterinnen nimmt mich in Empfang. Jess ist gegen 18 Uhr fertig, dann fahren wir zu ihrem Haus, was ca. 45min nördlich von Québec City (der state heißt auch Québec, deshalb sagt man immer das „City“ dazu) ist.
Bis dahin lasse ich meinen großen Rucksack im Laden und erkunde ein bisschen Québec City. Die Mitarbeiterin schickt mich interessanterweise nicht in die Tourigegend, sondern zur Fressmeile (kommt mir ganz gelegen). Dort kaufe ich noch ein Gastgeschenk für den kleinen Ash, trinke einen Kaffee, lese etwas und esse ein Banh Mi (eigentlich ein vietnamesisches Baguette, was hier auch sehr lecker gemacht wurde). Da das Wetter nur so mittelmäßig ist und meine Batterien noch leergesaugt von Montréal sind, bleibe ich bis 17 Uhr dort. Mache dann einen kleinen Schlenker zu einem Restaurant, das „Hobbit“ heißt und lande witzigerweise in einer anderen Fressmeilen-Straße. So mag ich das!
Dann schreibt mir Jess, dass sie jetzt fertig sei und ich zum Laden kommen könne, damit wir losfahren könnten. Ich will pünktlich sein und mache mich etwas gestresst auf den Weg. Der erste Eindruck soll gut sein!
…Fortsetzung folgt: Workaways werde ich jeweils in einem Beitrag zusammenfassen, daher folgt der Rest im nächsten Beitrag.もっと詳しく
26 - mein erstes Workaway
2024年7月6日, カナダ ⋅ ☁️ 22 °C
6. Juli
Jess und ich sehen und umarmen uns direkt herzlich, als wir uns gegen 18h das erste Mal sehen. Eine der ersten Dinge, die sie sagt ist: „Du bist meine erste workaway experience!“ „Du auch meine!“ „Ich glaube, das wird schwer zu toppen…“ – in den nächsten Tagen denke ich genau das ganz oft.
Jess ist Mitte 30, halb Britin, halb Italienerin und in Modena aufgewachsen. Sie ist extrem viel gereist, schon mit 16 Jahren. Yan, ihr Mann, ist Ende 30, Kanadier, Physiker, auf einer Farm aufgewachsen und auch schon sehr viel gereist. Ash, 1,5 Jahre alt, ist ihr Sohn und (allermeistens) wahnsinnig süß. Wie bei den meisten Kindern geht mir das Herz auf, als ich ihn sehe. Er strahlt ebenfalls: ein Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen.
Jess, Yan und Ash haben ein Haus gekauft und renovieren / erweitern es eigenhändig. Gleichzeitig haben sie beide Jobs, die teilweise vom Home Office aus möglich sind, was uns allen zeitlich relativ viel Flexibilität gibt. Jess ist viel in Québec City, um im Massageladen zu arbeiten, weshalb ich viel Zeit mit der Betreuung von Ash und mit Yan verbringe. Das Haus von ihnen ist ca. 45 Autominuten nördlich von Québec City, ca. 12km vom nächsten Dorf entfernt – was mir unglaublich gut tut: so viel Ruhe und Natur! Es fühlt sich zu meiner Überraschung erstaunlich sicher an.
Funfact am Rande: Das Haus in dem sie wohnen ist voll funktionsfähig, aber eine Baustelle. Mir macht das nichts, aber ich bin erstaunt darüber, dass davon in der Beschreibung kein Wort stand.
7. Juli
Nachdem Yan einiges für die Arbeit erledigt hat, sagt er „Wir fahren jetzt wohin, damit du was siehst. Ich sag dir aber nicht, was es ist. Du wirst lachen, wenn du es siehst!“ – ich bin gespannt! Mit Ash hinten im Jeep, eiern wir los und kommen nach ca. 30-45 Minuten Fahrt an einer überdachten Brücke mitten im Nirgendwo an. „Ich weiß, es sieht nich so spektakulär aus, aber überdachte Brücken gibt es selten!“ – ich muss etwas schmunzeln und versuche über die relativ langweilige Brücke zu staunen. Trotzdem sehr lieb, dass er versucht, mir die Gegend zu zeigen!
8. Juli
Heute machen wir was Cooleres: Yan, Ash und ich fahren an einen nahegelegenen Fluss mit einem kleinen Wasserfall. Dort bekomme ich meine kanadische Taufe im kühlen Wasser – fast: denn den Kopf halte ich nicht drunter, sonst wird mir zu kalt. Heute hat es gerade mal 25°C und wir sind im Schatten!
Mir tut die Natur wahnsinnig gut und ich schnaufe tief durch. So viel Kraft! Yan merkt, dass es mir gefällt und fragt, ob ich noch etwas bleiben möchte. Der Weg zurück zum Haus sei nicht weit und ich könne auch zu Fuß nach Hause laufen. Ich willige ein und genieße diese Zeit unfassbar. Magisch, ganz magisch!
Der Weg zurück stellt sich als 5km-Marsch heraus. Von wegen nicht weit. Aber das sind wohl kanadische Maßstäbe/Wahrnehmungen. Das Tolle: Ich laufe barfuß ein Stück mitten durch den Wald und sehe das kanadische Moos zum ersten Mal: Es ist grün -wie bei uns- und weiß -ähnlich wie Flechten- und man fühlt sich, als würde man auf Wolken laufen. Als mir aber die Fliegen so heftig und zahlreich um den Kopf schwirren, dass sie mir in die Augen, Ohren und Haare fliegen krieg ich zu viel und will endlich im Haus sein!
Es ist immer schön, zum Bekannten zurückzukehren, um sich nach einem Abenteuer zu beruhigen. Was das Bekannte ist, ist dabei ganz egal: es kann ein Buch sein, ein Lied, Meditation, ein Ort, eine Person. Wichtig ist nur, dass das Bekannte wirklich etwas ist, dass dich beruhigt und nicht nur von unangenehmen Emotionen ablenkt!
9. Juli
Heute fahre ich mit Yan nach Québec City. Er hat eine Motorradstunde für seinen Führerschein und lässt mich für vier Stunden durch die Stadt tingeln. Ich erkunde das touristische Québec, was sehr schön aber natürlich total vollgestopft mit Touristen und bescheuerten Attraktionen ist. Darunter auch eine amerikanische Akrobatin, die eine Straßenshow veranstaltet und klingt wie ein überdrehtes lachendes Kaninchen. Schnell weg hier!
10. Juli
Heute hat Jess endlich frei (zumindest vom Massieren, nicht aber vom Managen des Ladens), sodass wir einen gemeinsamen Ausflug planen. Die beiden lassen mich -mal wieder- im Ungewissen, was wir genau machen werden. Insgeheim hoffe ich auf wale watching, da gerade „Walsaison“ ist. Wir fahren zwar auf ein Schiff, allerdings nur, um auf eine nahegelegene Insel zu kommen. Dort holen wir uns Lachspie (Lachskuchen) und eine Wildbeerenpie zum Lunch „Wegen der Bäckerei fahren ganz viele Leute extra auf diese Insel! Viel mehr gibt es hier auch nicht!“ . Die Pie schmeckt ganz lecker und wir essen sie mit Ketchup. Naja :-D
Später erkunden Jess und ich noch eine Wassermühle und eine Windmühle. Anscheinend der einzige Platz auf der Welt, wo beides so nah beieinander steht. Mehr oder weniger ausversehen bezahlen wir keinen Eintritt und sneaken uns durch die kleine Attraktion. Da das Wetter heute nicht so toll ist (sehr bewölkt, kalt und es regnet oft), sind wir nicht besonders motiviert uns draußen großartig aufzuhalten. Daher machen wir uns danach recht schnell auf den Heimweg.
Wir machen einen kurzen Zwischenhalt und Jess und ich laufen ein paar Meter alleine. Wir haben ein sehr tiefgründiges Gespräch über unsere aktuellen Herausforderungen im Leben und welche Lösungen wir dafür bisher gefunden haben oder welche uns noch fehlen.
11. Juli
Die Betreuung von Ash macht mir großen Spaß – es ist zwar insofern stressig, als dass ich zu nichts anderem komme, aber irgendwie tut das auch gut: Ich habe nur Zeit für die ALLERwichtigsten Dinge – alles andere fällt hinten runter. Also ziehe ich mich aus dem digitalen space zurück, um vollständig in dieses Universum eintauchen zu können. Jess und Yan sind sehr gastfreundlich und ich fühle mich sehr willkommen. Bereits nach dem ersten Tag fühlte es sich an, als würde ich die beiden seit Ewigkeiten kennen. Jess und Yan erwähnen dasselbe.
Dennoch will ich ja mehr von Kanada sehen und schreibe mehrere workaways an. Irgendwie überzeugt mich aber nichts bisher. Dann meldet sich eine Familie und will mit mir telefonieren. Sie haben ein Pflegekind, arbeiten künstlerisch und bieten Gartenarbeit an – coole Mischung! Ich telefoniere eine Stunde mit der Mutter. Und merke danach, wie schlecht mein Bauchgefühl bzgl. dieser Familie ist.
12. Juli
Vor dem Frühstück gehe ich im nahegelegenen Wald (keine Minute entfernt) spazieren und finde wilde Blaubeeren. So cool und lecker! Nomnomnom.
Als ich zurück komme, sage ich Jess, Yan und Ash, dass ich der neuen Familie abgesagt hab. Jess sagt, dass sie auch kein gutes Gefühl hatte und sie sich sehr darüber freuen, wenn ich länger bleibe. So schön!!!
Ash und ich haben schon eigene Spiele, die wir gerne zusammen spielen. Er nennt mich Mama (seit dem 2. Tag), was etwas seltsam ist, aber wenn ich ihm meinen Namen sage, verknüpft er es trotzdem nicht mit mir. Yan macht Jess manchmal Vorwürfe, dass sie so viel arbeitet und nennt die Tatsache, dass Ash mich „Mama“ nennt als Beweis. Es ist schwierig, das auszuhalten.
13. Juli
Heute bekomme ich eine Massage von Jess. Da sie keine 0815-Massage macht, sondern eine therapeutische Massage, die Heilungsprozesse in Gang bringen soll, habe ich mir eine Massage von ihr gewünscht – die ich natürlich bezahle (Kostet ca. 100€). Wir fahren nach Québec City und ich bekomme die Massage im Massageladen; da dort alle entsprechenden Utensilien sind.
Die Massage ist unglaublich gut und unterscheidet sich in einigen Hinsichten von normalen Massagen. Als wir nach 1,5 Stunden fertig sind, nimmt Jess mich in den Arm und sagt mir, dass das ein Geschenk von ihr und Yan an mich sei. Ich bin sehr gerührt und verdrücke ein paar Tränen.
Draußen bedanke ich mich auch bei Yan, der bei der Umarmung etwas irritiert wirkt. Es ist manchmal wirklich schwer zu sagen, welche zwischenmenschlichen Interaktionen kulturell bedingt unangemessen sind und was einfach in der Person oder Situation anders angelegt ist.
Danach fahren wir zu einer ehemaligen Angestellten des Massagesalons nach Hause, um ein paar vertragliche Dinge zu regeln. Ich finde es amüsant, dass wir zu ihnen nach Hause fahren, Kuchen essen und alles recht locker gehalten ist. Leider sprechen sie hauptsächlich Französisch (und es geht ja um Geschäftliches), sodass ich eher außen vor bin und die beiden Kiddies beobachte: Ash und das Kind des französischen Pärchens namens Wesley (sie sind tatsächlich aus Frankreich nach Kanada gezogen, weil es hier besser sei, sagen sie mir). Wesley ist genau so, wie man sich einen Wesley vorstellt: Kräftig/stämmig, energetisch, sehr aktiv bis hin zu aggressiv und laut. Und er hat das lustigste Lachen, was ich seit Langem gehört habe: sehr laut und kräftig – sodass es überhaupt nicht zu einem 2-Jährigen passt.
Als alle geschäftlichen Dinge geregelt sind, werden die beiden Kiddies -weil sie die ganze Zeit fasziniert damit gespielt haben, vor allem Ash- in ein elektrisches Spielzeugauto gepackt. Was eigentlich nur für ein Kind gedacht ist und es sieht unfassbar lustig aus. Das Spielzeugauto sieht sehr realistisch nach einem schwarzen Mercedes aus, lässt sich elektrisch steuern und hat sogar einen echten Radio. Es schießen sich also fünf Erwachsene weg vor Lachen, als wir die beiden über den Rasen flitzen sehen. Ich weiß immer noch nicht warum, aber das war das Lustigste, was ich seit Langem gesehen habe!
Yan hatte mir angeboten, eine alte Straße entlang zu fahren, wo man eher ältere und schönere Häuser / Farmen sehen kann. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er immer wieder Ausschau nach Dingen hält, die er mir zeigen kann. Genau sowas habe ich mir durch ein workaway gewünscht! Spontan halten wir sogar noch an einem Fluss, um zu einem Wasserfall zu waten. Das macht riesen Spaß. Und einmal fallen wir sogar beide fast hin, weil die Steine so glitschig sind. Der Wasserfall ist ungewöhnlich breit und hat sehr viele Stufen durch die zerstückelten Felsen. Ich bin sehr fasziniert und freue mich über den kleinen Umweg!
To be continued!もっと詳しく
26.1 - Fotos und Kulturelles aus Québec
2024年7月13日, カナダ ⋅ ☁️ 18 °C
- Céline Dion und Cirque du Soleil kommen aus der Québec-Region
- Es gibt hier eine sehr große und poetische Musikszene. Die Texte haben oft viel Tiefgang. Jess vermutet, dass Kanadier ihre emotionale Distanziertheit über die Musik kompensieren können
- Es gibt in Kanada ein Tier, das "Wolverine" heißt und extrem aggressiv ist. Zum Glück gibt es das nur selten und es ist in etwa so groß wie ein Hund, aber gruselig und faszinierend finde ich das trotzdem!
- Es gibt hier viele Pelzgeschäfte und Kunstgalerien
- In den Supermärkten ist alles nur in Maxipackungen erhältlich (z.B. Milch und Saft ab 1,75l!)
- Die Fußgängerampeln haben eine rote Hand (= rot) oder ein weißes Männchen (= grün). Wenn die Ampel grün ist, geht irgendwann ein Timer an, wie lange die Ampel noch grün bleibt (das kann variieren von 30 Sekunden bis 6 Sekunden). Anfangs bin ich verwirrt, weil es Italien genau anders herum war: der Timer hat angezeigt, wann die Ampel grün wird.
- Sirenen klingen hier wirklich schlimm. Die Feuerwehr klingt wie ein schreiendes Baby und die Polizei wie ein überdrehtes Kinderspielzeug. Das macht das Stadtleben noch unangenehmer, weil hier ca. jede Stunde Sirenen gehen.
- Ich bemerke weniger kulturelle Unterschiede. Vermutlich liegt das an meinen Vorurteilen, weil mir Kanadier kulturell ähnlicher zu Deutschen erscheinen. Bei Italienern habe ich mehr auf Unterschiede geachtet, glaube ich.
- Wohnmobile sind teilweise gigantisch groß und fast so lang wie ein Reisebus
- Trucks sehen aus wie in Amerika, mit spitzer Schnauze
- Autos sind teilweise wie bei uns und teilweise total überdimensioniert: die Motorhaube ist so groß wie ichもっと詳しく
#27 - Wellen
2024年7月14日, カナダ ⋅ ☀️ 29 °C
14. Juli
Auch heute fahren wir wieder alle nach Québec City. Jess muss morgens etwas arbeiten, aber sobald sie fertig ist, fahren wir alle an einen der Strände von Québec City. Ich genehmige mir etwas me-time, schlendere barfuß am Strand entlang und treffe die drei dann wieder zum Eis essen. Leider kein leckeres Gelato, sondern komisch-cremige „amerikanische“ Eiscreme, die in Schokolade getunkt wird. Es schmeckt besser, als ich erwartet habe, aber nicht so gut wie ich es mir gewünscht hätte. Naja – immerhin hab ich das jetzt auch probiert :-D
Obwohl wir alle einen sehr langen Tag hinter uns haben, erinnert Yan daran, dass heute beim Musikfestival in Québec City Mötley Crüe auftritt. Die beiden hatten mir gesagt, dass ich ihnen sagen soll, falls ich eine der Bands des 10-tägigen Musikfestivals anschauen möchte, da sehr große Bands wie z.B. Aerosmith, Jack Johnson oder Metallica dort schon aufgetreten sind und es nur sehr wenig Geld kostet.
Nach einigem Hin und Her kaufen wir über facebook drei Tickets für gerade mal 75 kanadische Dollar (ca. 50€), holen uns noch fix was zu essen im Supermarkt und schlendern dann zum Festival. Mega cool! Sogar Ash darf mit und ist total begeistert von den vielen Leuten und der Musik. Der kleine Flirter läuft überall rum und lächelt die Menschen an, die absolut entzückt von dem kleinen charmanten Racker sind.
Des Festivalgelände ist vollgepackt mit Menschen und ich höre gute Musik: eine südafrikanische Post-Grunge Band namens Seether spielt gerade – die ich schon kannte und sehr mag! Ich freue mich über die Überraschung und bin sehr gespannt auf Mötley Crüe. Leider sind die eher enttäuschend, da der Sänger so gar kein Charisma (mehr) hat. Lediglich eine kurze Interaktion von Tommy Lee, dem Drummer, mit dem Publikum ist spaßig. Der Rest gefällt mir nicht. Wir gehen etwas früher, da wir alle müde sind und Ash dringend schlafen muss nach dem langen Tag.
15. Juli, Montag
Heute erzähle ich Jess, dass ich am Freitag abfahre. Wir fahren mit getrennten Autos zurück und Yan hält bei einem Supermarkt. Jess meint: „Ich glaub, er hat was vor… Ich sehe es an seinem Gesicht!“
Als wir alle zu Hause ankommen, verkündet Yan, dass er den leckersten Kuchen seiner Mutter heute nachbacken möchte – das erste Mal. Damit ich länger bleibe. Ich darf nicht in die Küche, weil er verhindern möchte, dass ich sehe, was da genau von Statten geht. Und ich bin wahnsinnig gerührt davon!
Der Kuchen ist aus einer Art Mürbteig, für den Boden und den „Deckel“, und als Füllung kommt irgendwas mit (fast purem) Ahornsirup rein. Es ist ein original quebecoises Rezept und der Ahornsirup kommt aus der Produktion von Yans Eltern. Der Kuchen ist übertrieben süß und wir essen ihn mit geschlagener Sahne. Schmeckt aber nicht schlecht – erst recht nicht mit dem Hintergrund :-)
16. Juli
Heute muss Jess wieder arbeiten. Yan bringt mich zu einem der größten Wasserfälle in der Gegend, damit ich dort etwas wandern kann. Ich hatte Jess vor einigen Tagen erzählt, dass ich gerne alleine wandern gehen und mit ihnen zusammen Kanu fahren möchte. Und ich bin sehr gerührt, dass das einfach berücksichtigt wird – ohne, dass ich es mehrfach gesagt oder danach gefragt hätte. Unfassbar lieb!
Der Wasserfall wird für ein Wasserkraftwerk verwendet. Yan setzt mich am alten Wasserwerk ab, damit ich zum neuen laufen kann. Ich laufe also für ca. 2km an riesigen, eisernen Rohren entlang, wo früher das Wasser durchgepumpt wurde. Da das Wasser manchmal Wellen schlägt und die Rohre sprengen würde, gibt es zwischendurch einen Turm, wo das Wasser bei „Wellengang“ emporschießen konnte. Ich finde das sehr faszinierend!
Nachdem ich mir das verlassene „Dorf“ vom alten Wasserwerk angesehen hab, was aus einem riesig großen Geräteschuppen, einem großen Haus für Kindercamps und dem Chef des Wasserwerks besteht/bestand, laufe ich noch ganz zum Fuß des Wasserfalls. Dort kühle ich mich etwas ab, denn es ist heute extrem schwül und knapp 30°C.
Der Weg zurück ist extrem steil. Ich hab versucht, die Steilheit zu fotografieren, aber es sieht komplett flach aus. Wenn jemand Tipps hat, wie man sowas gut fotografieren kann, bitte her damit!
Abends machen wir ein typisch kanadisches Essen, was Chinese Pie genannt wird. Es ist ein sehr günstiges Essen und besteht aus Kartoffelbrei, Mais, Hackfleisch (sie haben extra Biohackfleisch gekauft, damit ich mich etwas wohler damit fühle) und Käse. Es heißt Chinese Pie, weil wohl chinesische Arbeiter „importiert" wurden, um die Zugstrecke durch Kanada von West nach Ost, zu bauen. Es ist zu wenig gewürzt, schmeckt aber sonst ganz gut.
17. Juli
Heute machen wir meine gewünschte Kanutour – alle zusammen. Da wir dort keinen Empfang haben werden, geben Yan und Jess sogar ihren Telefonservice an eine Angestellte ab. Normalerweise klingelt ständig das Telefon, was alle aktuellen Aktivitäten oder Gespräche instant unterbricht. Was schon an vielen Stellen sehr schade war. Und ich habe das Gefühl, dass diese ständige Erreichbarkeit die beiden enorm stresst.
Wir stehen alle früh auf. Jess ist immer früh wach (ca. 6.30h) und arbeitet morgens. Yan, Ash und ich wachen dann 2-3 Stunden später auf. Heute sind wir also alle früh wach, gegen 8.30h verlassen wir das Haus und fahren 90 Minuten zu einem Nationalpark nördlich vom Haus.
Auf dem Parkplatz entflammt leider ein heftiger Streit zwischen Yan und Jess, sodass ich alleine zum Kanustand fahre. Mit einem alten „amerikanischen“ Schulbus (die gelben) fährt man vom Parkplatz zum Kanuverleih. Dummerweise habe ich heute ausnahmsweise nur Bargeld dabei, weil ich nicht riskieren wollte, dass meine Kreditkarte nass wird. Ich kann hier zwar mit Bargeld überall bezahlen, aber sie haben kein Wechselgeld und ich hab sehr wenig Geld dabei. Es fühlt sich doof an, die Kanutour alleine zu machen. Ich war ewig nicht auf dem Wasser im Kanu, das mit dem Bargeld verunsichert mich und alleine auf dem Wasser zu sein beunruhigt mich irgendwie. Als ich bezahlen will und 5 Dollar wegen fehlendem Wechselgeld verloren hätte, tauchen Jess und Yan hinter mir auf: „Wir bezahlen das!“ – ich bin super froh sie zu sehen! …und behalte ein gemischtes Gefühl, ob der urplötzlichen Harmonie zwischen ihnen.
Ash, Yan und Jess nehmen ein 3er-Kanu, weil Jess darauf bestanden hatte. Und ich nehme ein Kanu alleine. Eigentlich dachte ich, dass wir zusammen fahren würden – aber die drei schießen nach vorne, ich komme nicht hinterher und fühle mich zurück- und alleingelassen. Yan fragt mich irgendwann was mir durch den Kopf gehe, aber meine Laune ist absolut im Keller. Jess und Yan bemerken das und lassen mich alleine; für die nächsten vier Stunden.
Auf dem Hinweg paddele ich gegen die Strömung, die zum Glück nicht so stark ist. Da ich nicht richtig weiß, wie das Kanu und Paddeln funktionieren, kostet es mich mehr Kraft als nötig. Ich werde besser, aber meine Laune ist absolut im Keller. Vielleicht meine Hormone? Ich denke viel darüber nach, was passiert ist, um herauszufinden, was eigentlich los ist. Nach drei Stunden paddeln gegen die Strömung drehe ich um. Das Kanu ist nur für vier Stunden gemietet und ich hoffe, dass ich es mithilfe der Strömung in einer Stunde zurückschaffe. Meine Kräfte lassen nach, ich bin ultra genervt von der Situation, vom Kanufahren, das einfach nicht flowt und diesen scheiß Fliegen, die massenweise um mich herumschwirren und dummerweise stechen – auch durch Klamotten.
Die Strömung ist leider so gut wie nicht vorhanden und ich habe Gegenwind, gegen den ich nicht ankomme. Irgendwann laufe ich auf eine Sandbank, sodass ich aussteigen und schieben muss. Meine Schuhe und Socken sind also pitschnass und meine Laune sinkt immer weiter. Mir wird klar, dass ich die vier Stunden nicht einhalten kann und ich bete, dass sie nicht demnächst schließen oder mir mehr berechnen. Immerhin habe ich langsam den Dreh raus mit der Steuerung und dem Paddeln! Und ich schieße eins der schönsten Fotos, was ich in Kanada gemacht habe – vielleicht ein neues Wandbild :-)
Als ich am Ufer ankomme, bin ich ziemlich durch. Körperlich und psychisch. Yan bemerkt meine Laune und fragt nach. Ich bin ihm sehr dankbar und sage, dass ich noch etwas Zeit brauche, bis ich darüber sprechen kann. Im Auto auf der Rückfahrt, nachdem ich endlich was gegessen habe, spreche ich an, dass ich mich alleine gelassen gefühlt habe. Jess und Yan sind beide überrascht und reagieren sehr fürsorglich. Sie beschreiben ihre Perspektive der Situation, entschuldigen sich und es ist geklärt. Das macht den Tag zwar nicht besser, aber man wächst ja mit jeder Herausforderung!
Auf dem Heimweg machen wir noch kurz Halt an einem Ausguck und sie erzählen mir viel über die Umgebung. Unter anderem von einem Pub, in dem während der Prohibition Alkohol verkauft wurde. Und um die Behörden im wahrsten Sinn in die Irre zu locken, ist das Innere des Pubs ein Labyrinth, das den Zugang zum Pub deutlich erschwert. Leider reicht die Zeit nicht mehr, damit ich diesen Pub sehen kann, aber mich amüsiert die Vorstellung sehr.
Zuhause setzen wir uns nochmal zusammen, als Ash im Bett ist und schläft. Mit einer Taschenlampe -denn sie haben noch keine kleine Lampe im Wohnzimmer, sondern nur eine sehr helle- setzen wir uns nah zusammen und spielen ein Frage-Antwort-Spiel mit Karten. Es fühlt sich an wie bei einer Übernachtungsparty, unter anderem weil wir flüstern, um Ash nicht zu wecken. Für etwa drei Stunden tauschen wir seelisch-intime Eigenheiten, Erlebnisse und Gedanken aus, was ich als sehr bereichernd und interessant empfinde. Die beiden sind wie ein wandelndes Lexikon für mich, weil das Zuhören und der Austausch mit ihnen mir ständig neue Erkenntnisse liefert.
Jess geht gegen 1.15h schlafen, da sie morgens um 8 Uhr einen Kundentermin hat. Yan und ich setzen uns noch in die Küche und essen ein Stück Kuchen, den er gebacken hat. Dann gehen wir nach einer Umarmung ins Bett.
18. Juli
Ich habe beschlossen, dass es besser ist, endlich weiterzuziehen. Kanada hat mehr zu bieten als Québec und eine workaway-Familie und irgendwann muss ich gehen. Es fällt mir schwer, aber die Entscheidung fühlt sich gut an.
Als ich morgens in der Küche stehe, sage ich zu Yan „Ich habe den Bus nach Ottawa gebucht und fahre morgen“. Er reagiert relativ neutral und fragt, wann ich den Bus nehmen werde.
Jess schickt mich kurze Zeit später zum Salatholen bei den Nachbarn, ich soll Ash mitnehmen. Das habe ich schon oft gemacht, ist also kein Problem. Ich fühle mich nur immer etwas seltsam, weil die lieben Nachbarn nur Französisch sprechen und mein Hirn nicht auf den Wechsel klarkommt: mit Ash spreche ich fast nur Italienisch, weil er das am besten versteht. Und immer, wenn ich Französisch sprechen möchte, kommt mir Italienisch in die Quere und es kommt ein ganz komischer Salat raus.
Der Nachbar spricht mich zwar an, aber ich versuche ihm zu sagen, dass ich nicht so gut Französisch spreche- daher bleibt die Konversation glücklicherweise auf dem Minimum und durch Ash ist klar, wozu ich gehöre sodass es okay ist, dass ich einfach deren Salat rupfe.
Als ich zurückkomme, bittet Jess mich, den Salat anzurichten mit diversen Zutaten. Sie, Yan und Ash wollen einen Spaziergang machen. Ich ahne etwas, denn das haben sie seit meiner Ankunft nie gemacht. Ich nutze aber die Zeit, singe etwas – was ich seit Wochen nicht machen konnte- und richte den Salat an.
Ungefähr eine Stunde später kommen sie zurück und es ist klar, dass ein riesen Streit ausgebrochen ist. Yan gibt mir einen kurzen Hinweis, worum es sich drehte und mir ist klar, dass es sehr ernst ist. Nach kurzer Überlegung biete ich den beiden an, bereits heute abzureisen, da ich morgen sowieso weiterziehe und ich diese Spannung nicht weiter ertrage. Jess willigt sofort ein und ich packe meine Sachen.
Wieder eine Stunde später verabschiede ich mich tränenreich von Ash. Ich fühle mich wie in einem emotionalen Wirbelsturm: Es geht jetzt alles so schnell und ich werde aus der behüteten, liebevollen Umgebung gerissen, ohne alles noch ein letztes Mal bewusst genießen zu können.
Ash sagt das erste Mal in seinem Leben „Byebye“ statt „Ciao Ciao“. Yan hat Tränen in den Augen und wir verabschieden uns mit einer kurzen Umarmung. Dann fahren Jess und ich nach Québec City. Wir schweigen viel und reden nur bruchstückhaft. Dann buche ich ein Hostel und sie fährt mich dort hin.
Wir umarmen uns lange beim Abschied, ich fange an zu weinen und lasse sie dann los. Als sie wegfährt bin ich auch froh. Die Spannung zwischen ihr und Yan war eine größere Belastung, v.a. über die letzten Tage hinweg, als mir klar war. Und dazwischen zu stehen, wenn sie sich streiten und wieder vertragen, zwischen all den Verpflichtungen und auch der Zuneigung die ich zu den beiden empfinde – war das sehr viel Stress.
Yan und ich haben noch ein langes Telefonat, was mir sehr gut tut. Dann hole ich mir was zu essen und gehe schlafen. Morgen nehme ich den Bus nach Ottawa und es geht endlich weiter!もっと詳しく
#28 - Meine Gefängniserfahrung
2024年7月19日, カナダ ⋅ ☀️ 26 °C
19. Juli
Heute betrachte ich Kanada das erste Mal mit etwas mehr Zuneigung. Kriegen wir noch die Kurve? Ich bin gespannt, ob das distanzierte und manchmal tiefgründige Kanada und ich noch warm werden.
Ich fahre mit dem Bus von Québec City nach Ottawa. Die Fahrt dauert ungefähr sechs Stunden und ist unkompliziert. Mit einer Stunde Pause in Montréal -wo ich aus dem Bus heraus schon das Kotzen kriege, weil ich die Stadt einfach nicht mag- und dann weiter nach Ottawa.
Im Bus hab‘ ich mal wieder einige Reisegedanken: Reisen ist für mich eine tiefe Meditation mit dem eigenen Ich. Als ich ein Lied aus Neuseeland höre, fühle ich das Ich von damals deutlich und die Reise von damals. Schade, dass ich solche Reisen nicht schon früher gemacht habe- ich glaube, das wäre sehr spannend, diese intensiven Reiseerfahrungen als Erinnerungen an das jeweilige Ich zu haben.
Dort komme ich 3km außerhalb an einer Zugstation an und fahre dann mit der Bahn in die Stadt rein. Ottawa hat so viele verschiedene Ethnien, wie ich es nirgendwo sonst gesehen hab. Obwohl hier alle Englisch sprechen, merke ich, dass ich mich noch an die Kommunikation und Kultur gewöhnen muss: enorm freundlich aber distanziert. Da muss ich meinen Platz erst noch finden. Immerhin ist Ottawa deutlich entspannter als Montréal und aufgrund der Sprache fühle ich mich wie in Amerika. Seltsam, dass ich direkt alles mit dem Nachbarland verknüpfe.
Das Hostel ist ca. 500m von der Innenstadt und in einem alten Gefängnis. Ich bin also nicht wegen einem Vergehen im Knast, sondern in einem umgebauten Gefängnis untergebracht, das seit den 1970er Jahren als Hostel umgebaut wurde.
Aufgrund der Aufregung der letzten Tage bin ich extrem müde und liege ab 18 Uhr im Bett in meinem Dorm und entspanne. Morgen habe ich Zeit, Ottawa zu erkunden.
20. Juli
Heute habe ich etwas mehr Energie und freue mich darauf, eine neue Stadt zu sehen. Abends bekomme ich eine Führung durch das Hostel und wie es früher als Gefängnis genutzt wurde – darauf freue ich mich schon.
Ich lasse mich durch die Stadt treiben; mal wieder ohne Plan, was man in Ottawa so sehen kann. Eine schöne Kirche finde ich, einen gemütlichen Park und ich stolpere sogar über das Regierungsparlament (Ottawa ist die Hauptstadt von Kanada), ohne gewusst zu haben, dass es sich hier befindet. Aah, ich mag diese Zufälle und dass es einfach läuft!
Im Park lese ich etwas, beantworte Nachrichten, gehe danach einkaufen, um mir was kochen zu können, und bereite mich innerlich auf den nächsten Tag vor: die nächste Busfahrt zum nächsten workaway steht an.
Um 19 Uhr ist die Gefängnisführung und es ist sehr interessant. Das Gefängnis wurde ca. 1863 errichtet und am Anfang waren die Bedingungen (Hygiene, Heizung im kanadischen Winter, etc.) extrem schlecht, sodass sogar einige Insassen gestorben sind. Interessant fand ich auch die seltsamen „Vergehen“, für die man inhaftiert wurde: psychische Krankheit, Verrat, Arbeitsverweigerung. Angeblich wurden nur drei Personen hingerichtet, am Galgen, den man heute noch besichtigen kann! Im Garten wurden aber nach Schließung des Gefängnisses mehr als 100 Menschenleichen gefunden… Entweder die sind durch die unmenschlichen Inhaftierungs-Bedingungen gestorben oder doch insgeheim hingerichtet worden…
Früher hatte Ottawa ca. 15.000 Einwohner. Davon sind ca. 3000 Personen bei jeder Wetterlage -und die kann in Ottawa sehr heftig werden- zu den Hinrichtungen gepilgert, um sich das anzuschauen. Menschen mochten wohl schon immer dramatische Dinge: heute gibt es dafür Serien, wo reihenweise Menschen abgeschlachtet werden oder Menschen sich gegeneinander ausspielen und intrigieren.
Die Zimmer sind teilweise in die alten Zellen gebaut (2-5m2) und werden mit Gittern verschlossen. Mein Dorm ist ein normales Zimmer mit sogar eigenem Bad – was für ein Luxus! Das Einzige was hier an Gefängnis erinnert sind die Gitterstäbe. Da ich noch viel verarbeite, habe ich keine Lust auf Kontakt und halte mich von den anderen größtenteils fern.
Abends höre ich elektronische Musik direkt nebenan in einer Art Hof. Für 20$ (ca. 13€) zahle ich Eintritt zum tanzen – eine der besten Investitionen seit langem. Einfach mal alles abzappeln, die ganzen Gedanken, den Stress, die Gefühle. Und ich habe das tiefe Gefühl der Dankbarkeit, weil die Welt gut für mich sorgt. Die Musik tut sehr gut. In einer Tanzpause schaue ich mir noch das Innere des Gebäudes an, wo einige Personen lokale „Handwerkskunst“ zeigen und verkaufen. Die Handwerkskunst ist allerdings größtenteils Kram, der eher aussieht, als hätte ihn ein Kind zusammengebastelt. Trotzdem sehr cool, dass es so eine Plattform und auch die Mischung aus Musik und lokalem Verkauf gibt.
21. Juli
Entspannt und gut vorbereitet trete ich heute die Weiterreise an. Nach einer Zitterpartie wegen Öffis (die Straßenbahn auf dem Hinweg wurde wegen Baustellen durch einen Bus ersetzt und irgendwie sagt jede:r was anderes, welche Linie und Richtung ich nehmen muss… Online gibt es keine eindeutigen Hinweise) komme ich an der Busstation an, checke ein und bin für die nächsten fünf Stunden im Bus.
Eine Stunde Pause habe ich in North Bay und möchte mir dort einen Kaffee holen. Die Busstation mitten im Nirgendwo mit großem Gebäude hat leider kein Café, aber eine Mall in 2 Minuten Fußweg. Leider wird meine Hoffnung enttäuscht und es gibt nur einen Tim Hortons, wo man nur Filterkaffee kaufen kann. Tim Hortons ist sowas wie das kanadische Starbucks. Ansonsten gibt es KEIN einziges Café in dieser rieseigen Mall mit bestimmt 30 Läden und mindestens sieben Fast Food Läden. Ich kotze gleich!
…also laufe ich zurück und steige in meinen Anschlussbus nach Bracebridge (18.000 Einwohner-Stadt) in Muskoka (die Gegend) ein. Wir sind nur ca. 10 Leute auf 80 Plätze und ich werde sehr nachdenklich
1) Es wird immer unerfüllte Wünsche oder Bedürfnisse geben, egal in welcher Situation man sich befindet. Wie schafft man es, diesen Wünschen dennoch Platz zu geben, ohne unglücklich zu werden? Wie schafft man es, sich Wünsche zu erfüllen oder zu akzeptieren, dass sie (derzeit) nicht erfüllbar sind?
2) Das Leben ist wie ein Prisma. Auf alles gibt es viele Perspektiven, die alle existieren und dementsprechend wahr sind. Du entscheidest deinen Standpunkt und deine Sichtweise auf das Prisma.
Mike, mein neuer Host und Arbeitgeber, holt mich in Bracebridge ab. Wir essen zuerst zusammen ein Pita, die er bezahlt und die echt lecker ist, dann fragt er mich, ob ich einen Kaffee möchte. Obwohl es mittlerweile 19.30h ist, willige ich freudestrahlend ein: finally! Wir holen einen Cappuccino bei McDonald’s (… was anderes gibt’s hier nicht…) und er nimmt einen Eiskaffee (0,5l) und eine zuckerfreie Cola (1l), da er „heute noch nicht genug getrunken“ hat. Andere Kultur!! Er bezahlt alles, aber in getrennten Rechnungen, da alles unter 4$ mit nur 5% besteuert wird und ab 4$ mit 15%. Dann gehen wir einkaufen -mit den Getränken in der Hand- und er bedeutet mir, ich solle alles was ich brauche in den Wagen werfen. Kanadier kommunizieren extrem zwischen den Zeilen und ich verstehe, dass er es bezahlen wird. „Es ist immer interessant, was die workawayer so einkaufen!“
Mike ist erstaunt, als ich Milch mit 3% Fett kaufe. Und ich bin tierisch genervt, dass in fast allen Produkten irgendwelche komischen Zusätze beigemischt sind - egal, wie normal sie aussehen (geröstete Erdnüsse zum Beispiel sind mit irgendwelchen Zusätzen versetzt; oder in Milch wird B12 zugegeben !!!???)
Ich weiß immer noch nicht so richtig, was mich bei dem workaway erwartet, bzgl. meinen Aufgaben und der Unterkunft. Langsam kann ich erahnen, dass mich sowas wie camping erwartet, also sehr basic!
Wir fahren 20min mit dem Auto zum Dorf (350 Einwohner), holen noch Trinkwasser für mich und fahren dann 15 Minuten mit dem Boot zu meiner Hütte. Sie hat eine Küche (inkl fettem Grill !?!) und ein extra Maisonette-Häuschen mit Sofa und Bett. Ich liebe es! Es ist so ruhig und jetzt genau das Richtige für mich.
Morgen werden wir es ruhig angehen lassen, da Mike in seinem normalen Job arbeiten muss (9-17h). Das heißt ich kann erstmal in Ruhe ankommen und entspannen. Und ausschlafen! Gute Nacht, aus dem stillen und beruhigenden Wald mitten im Nirgendwo!もっと詳しく
#29 - Cabin in the Woods
2024年7月22日〜28日, カナダ ⋅ ☀️ 26 °C
Hier steht meine cabin: https://maps.app.goo.gl/fHmiCg6Rxy6ptm5S9
22. Juli
Heute mache ich mich erstmal vertraut mit meiner neuen Umgebung. Ich hole Wasser am Fluss (für putzen, spülen, etc.) in einem Kanister, putze erstmal die Bude, da alles voller Sand ist (mit einem sehr dreckigen Wischmob) und mache mir dann mein Frühstück. Auf dem Sofa im Erdgeschoss schaue ich aus meinem 2x1,5m großen Fenster auf die Bäume. Wie wunderschön! Die pure Entspannung :-)
Das einzig Nervige: extrem viele Moskitos! Sie fliegen einem ins Gesicht, in die Ohren, und umschwirren einen ständig. Für mich gerade eine echte Zerreißprobe, weil mein Nervenkostüm sehr dünn ist.
Mike holt mich gegen Mittag ab und stellt mich Leander und Ben vor. Sie sehen beide richtig deutsch aus: strohblond, blauäugig, kräftig, hart arbeitend und sehr nett. Mike zeigt mir an der Baustelle, was ich machen soll und führt uns alle vier etwas auf dem Grundstück herum (insgesamt gehören ihm ganez 150 Hektar Land mit 2km Fluss) – mit Quads. Wir fahren auf einem ganz neuen Trail/Pfad, den er gemacht hat und der noch extrem holprig ist, sodass ich mir hinten auf seinem Quad vorkomme wie auf einem von diesen elektrischen Bullen (wo man versuchen muss, nicht herunterzufallen).
Nachmittags treffen wir uns am Strand, wo ich die deutschen Nachbarn Jürgen und Christine kennenlerne. Sie sind vor 37 Jahren aus Süddeutschland nach Kanada ausgewandert, weil Jürgen ein Burnout hatte. Er ist Elektriker und hat sich dann hier selbständig gemacht. Mittlerweile ist er quasi in Rente, gestaltet sein riesiges Grundstück und baut sich z.B. seit dem Sommer ein Haus.
Es ist alles super, nur diese übertrieben viele Moskitos sind übel. Sonst würde ich es hier lieben, aber das ist für mich ne echte Belastung und ich bin gespannt, wie lange ich es hier aushalte. Moskitos sind hier den ganzen Tag über aktiv, stechen einen auch gerne in die Ohren oder ins Gesicht und sobald man irgendwo länger als 30 Sekunden steht, surren mindestens 10 Moskitos um einen herum. Und Mike sagte: Im Mai und Juni ist es viel schlimmer, ab Juli wird es besser! …was zur Hölle.
23. Juli
Heute ist mein erster Arbeitstag und ich hab schlecht geschlafen, weil ich Angst habe. Mike hat mir erklärt, dass von meinem Haus erst sehr weit entfernt wieder andere Menschen sind. Das south camp (wo Leander und Ben schlafen) ist Luftlinie 1km entfernt (dauert aber länger, weil der trail nicht geradeaus verläuft), direkt neben mir ist zwar ein Steg mit Boot, aber ich hab keine Ahnung wie man das fährt und eine Straße könnte ich erst nach Flussüberquerung erreichen – dann wären es 3km zum Dorf. Außerdem hatte Jürgen erzählt, dass er nachts ab und zu jagen geht, mit einem Gewehr und anderen Waffen. UND ich habe nur fremde Männer mit mir auf dem Grundstück, ohne Flucht- oder Verteidigungsmöglichkeit. Sie scheinen mir zwar nett zu sein, aber ganz sicher fühle ich mich trotzdem nicht.
In der Situation freue ich mich sehr auf Zuhause, wo ich in vertrauter Umgebung bin und keine Angst vor/in solchen Situationen haben muss, weil ich unabhängiger bin und mehr vertraute Menschen da sind.
Nach meinem Frühstück starte ich entspannt gegen 10.30h in den Arbeitstag. Ben und Leander arbeiten schon fleißig an dem Haus, was sie für den evaporator bauen. Der evaporator ist sozusagen ein Kamin mit sehr ausgefeiltem, großem Topf mit dem Ahornsirup hergestellt wird. Damit der evaporator geschützt ist, bauen Ben und Leander ein Haus aus Holz. Meine Aufgabe ist es, den armen evaporator wieder auf Vordermann zu bringen, da er seit zwei Jahren bei Wind und Wetter draußen stand und dreckig und verrostet ist. Mike hatte mir erklärt, was er gemacht haben möchte und wollte dann eine Materialliste von mir, damit er mir alles bereitstellen kann. Ich hab zwar noch nie eine solche Oberfläche geputzt, den Rost abgeschliffen und alles mit Farbe besprüht – aber ich mach‘ einfach mal und dann schauen wir!
Leider ist das Bugspray (= Moskitospray) quasi leer. Da man ohne Bugspray nicht arbeiten kann und die Jungs nicht drin arbeiten können, bleibe ich in einem Haus, das aktuell als Geräteschuppen auf der Baustelle genutzt wird und putze dort schonmal die Einzelteile des evaporators. Was gar nicht so einfach ist, weil Mike mir Mikrofastertücher als Lappen gegeben hat und alle kratzigen, schwammartigen „Lappen“ das Material massiv zerkratzen.
Abends esse ich mit den Jungs zusammen in ihrem camp und wir führen ein paar tiefgründige Gespräche. Vor allem Ben stellt immer sehr interessante Fragen – Leander hält sich meistens raus, aus den tiefgründigen Gesprächen.
24. Juli
Heute wäre eigentlich mein zweiter Arbeitstag, aber es regnet heute Morgen. Was extrem gemütlich ist… mitten im Wald, in meiner sicheren Hütte, mit diesem riesigen Fenster! Mega <3
Gegen 13 Uhr holt Mike mich ab, damit ich in der Stadt meine Wäsche waschen kann. Kurz bietet er mir an, meine Wäsche bei seinen Eltern waschen zu lassen und lenkt dann aber um auf einen Waschsalon. Keine Ahnung, welche Abbiegungen da in seinem Kopf vorgegangen sind :-D
Wir gehen einkaufen, erledigen meine Wäsche, machen kurzes 10-minütiges Sightseeing in einer Kleinstadt. Ich bin immer noch erstaunt, wie groß hier alles ist: die Distanzen, die Autos, beim Einkaufen,… Mike erzählt mir, dass er drei Autos hat! Einen Honda für längere Strecken, einen Jeep für längere Strecken und mit mehr Lademöglichkeit und einen krassen Jeep, der ziemlich viel Wumms hat: er kann einen Anhänger + 8t Gewicht ziehen. Da Mike hauptberuflich Gartenlandschaftsbauer ist und teilweise seine Bagger, Sand oder Steine transportieren muss, ergibt das tatsächlich Sinn. Und er erklärt mir, dass viele Autos so hoch sind (die Schnauze ist ca. so hoch wie ich groß bin, sodass ich keine Chance hätte, den Fahrer zu sehen), um im Winter auch durch höheren Schnee fahren zu können. Aha! Das ergibt Sinn!
25. Juli
Da ich gestern nicht gearbeitet habe, mache ich heute länger. Pro Tag soll ich drei Stunden arbeiten, um sozusagen meine Unterkunft und mein Essen zu bezahlen. Ich arbeite meine sechs Stunden ab, verkrieche mich dann in meine Hütte und esse abends mit Leander und Ben zu Abend.
Leider gibt es hier keine Dusche. Weshalb ich im Fluss duschen muss. Zum Glück hab ich Shampoo dabei, das keinen Schaden in der Natur anrichtet, sodass das zumindest mal kein Problem ist. Ich suche nach einer geeigneten Stelle am Fluss, die etwas sichtgeschützt ist. Obwohl ich im Bikini duschen werde, will ich trotzdem meine Ruhe dafür haben. Dummerweise hat Mike heute Kunden da, die über den Fluss schippern (er bietet kleinere Touren auf seinem Fluss an) und natürlich genau dann vorbeikommen, als ich da im Bikini stehe. Man! Ich will meine Ruhe! Verpisst euch!
Mike kommt angerauscht, um die Kunden zu fragen, ob sie eine gute Zeit haben. …und kommt dann noch zu mir, um zu sagen, dass es blöd ist, beim Duschen gestört zu werden. In der Tat. Vor allem, wenn man hier seit 10 Minuten steht und jede Sekunde ein Moskito versucht, einem das Blut aus dem Leib zu saugen!
Endlich sind alle weg und ich beeile mich ultra, um endlich aus dieser scheiß Moskito-Hölle rauszukommen. Ehrlich! So macht duschen KEINEN SPASS!
26. Juli
Heute fahren wir alle vier zum Sommerhaus einer bekannten kanadischen Sängerin namens Serena Ryder. Mike gestaltet den Garten ihres Grundstücks, baut Treppen, erledigt einige Gartenarbeiten und gestaltet einen kleinen Strand am See (direkt am Haus!!).
Es macht Spaß, was anderes zu machen. Ich muss ein bisschen Unkraut rupfen und den Sand verteilen. Der Sand ist übrigens 5x (oder so) gewaschen und wird in Olympia verwendet. Deshalb ist er mega toll. Erzählt Mike ungefähr 20 Mal; dass so toller Sand ja wirklich sein Geld wert ist. Weil, schau! Wenn der durch die Hände rieselt, bleibt kein Dreck zurück! Wow… :D Da ist jemand wirklich begeistert von seinem Fach.
Danach machen wir zu viert einen "Pub crawl" im Dorf: Zuerst besuchen wir die lokale Brauerei, dann den lokalen Pub. Das fühlt sich so riiiichtig kanadisch an! In diesem Pub abzuhängen, Alkohol zu trinken und Poutine und Onion Rings zu essen. Die Bardame ist mega nett und macht mir einen speziellen Cocktail, da ich ja kein Bier mag: „spiced rum“ mit ginger beer. Sehr lecker! Letzte Station des „pub crawls“ ist dann der liquor shop, wo sich die Jungs nach einigen trockenen Tagen endlich etwas Bier kaufen. Eine Flasche Bier kostet hier im pub übrigens 10 Dollar! (ca. 6-7€)
Im liqor shop fällt mir noch etwas auf: bei einer geschlossenen Kasse steht ein Schild mit der Aufschrift “Another cashier would be pleased to serve you“ – und die Deuschen so: "Diese Kasse ist geschlossen“. Irgendwie repräsentativ für die Kultur, finde ich :-D
Bepackt mit Bier und alle gut drauf, verbringen wir noch etwas Zeit am Lagerfeuer bei Jürgen. Wir sitzen direkt am Fluss -durch das Feuer zum Glück weitgehend ohne Moskitos- und in der Nähe von seinem neuen Hausprojekt: Planung war Ende April, bauen seit Anfang Juli und alle Außenwände, Fenster, Keller, Türen, Terrasse, etc. steht alles. Heftig! Seine Tochter mit ihrer Tochter sind auch da und ich bin ganz froh, dass noch ein paar Frauen da sind…
Die Männer unterhalten sich heute über Waffen, Armbrüste und Bögen und diverse Jagdstrategien. In Deutschland fände ich das vielleicht spannend, hier macht es mir echt Angst, dass sie sich über sowas austauschen. Irgendwann holt Jürgen sogar eine seiner Waffen, eine Pistola Kaliber schießmichtot (haha) und wir dürfen sie alle mal in der Hand halten. Leander und Ben sind ganz erpicht daruf, mal damit schießen zu dürfen – heute zum Glück nicht!
Was ich noch ganz interessant finde ist, dass Ben gerne angelt. Er erstellt seine eigenen Köder und meint, dass er es unglaublich spannend findet, diese Köder zu optimieren und dann zu testen, ob die Fische besser darauf anspringen als beim letzten Köder. Im Fluss hatte er auch schon einige Fische gefangen, die wir essen wollten. Leider waren sie alle voll mit Würmern und Maden, sodass er alle drei wegschmeißen musste. Wie übel! Die armen Fische
…was es irgendwie noch ekliger macht, im Fluss baden zu gehen, wenn sogar die Fische „verseucht“ sind.
27. Juli
Beim Frühstück in meiner Hütte sehe ich viele Chipmunks/Streifenhörnchen herumflitzen. Die sind soo schnell! Schau dir mal ein Video auf Youtube von ihnen an, mega witzig.
Heute fahren Ben und Leander nach Barrie, eine größere Stadt die ca. eine Autostunde entfernt ist. Ich will jede Gelegenheit nutzen, um einkaufen zu gehen und mal Freizeit von den Moskitos zu haben!
Ich frage Mike, ob ich mit den Jungs nach Barrie fahren kann. Dafür würde ich meinen Einkauf heute selbst bezahlen. Er stimmt zu unter der Bedingung, dass ich eine neue Schleifmaschine für den evaporator kaufe. Heute gemütlich, einkaufen mit den Jungs.
Zum Glück hat Ben ein eigenes Auto, sodass wir ganz unabhängig von Mike einfach losziehen und Dinge auf eigene Faust erledigen können. Das fühlt sich nach echtem Luxus an, weil wir nicht von unserem Boss abhängig sind!
Im Dorf ist sehr viel los, weil einer der in Kanada weit verbreiteten Handwerkermärkte ist. Dort verkaufen alle möglichen Leute teilweise selbstgemacht, teilweise gekaufte Sachen. Wir schlendern einmal drüber, ich kaufen zwei Hippiehosen und wir fahren los. In Barrie machen die beiden ihre Wäsche, nutzen WLAN in einem Tim Horton, wir erledigen Lebensmitteleinkäufe, Ben kauft sich magic mushrooms und Gras -alles legal hier!- und gönnen uns zum Schluss einen Starbucks-Kaffee. Was anderes gibt’s hier leider nicht Zufällig stoßen wir auf einen Automarkt auf einem Parkplatz, wo viele Oldtimer oder fetter Rennschlitten verkauft werden. Es war soooo schön, einen Tag ohne Moskitos verbringen zu können!
Wir sind erst gegen 22.40h zurück am Grundstück. Mike schreibt mir eine Nachricht „Where are you guys?“ – vermutlich wollte er mit uns Abendessen, weil er heute im Zelt auf dem Grundstück schläft – mit einem Date! Es ist aber schon dunkel und wir wollen nur ins Bett. Vorher müssen wir all unsere Einkäufe ins Boot packen, rüberschippern und dann dort mit dem Quad die Einkäufe zum Camp bringen. Dauer: mindestens 30 Minuten. Normalerweise -in der Zivilisation- maximal 10 Minuten vom Parkplatz bis zum Haus. Ai! (mein neues Wort für Ohje)
Dummerweise fällt der Motor vom Boot aus. Mit zwei Handytaschenlampen mime ich die Scheinwerfer und die Jungs rudern. In dem Moment bin ich sowas von ULTRA froh, mit zwei starken Männern unterwegs zu sein. Irgendwie würde ich es auch alleine hinbekommen, aber es fühlt sich gut an, dass sie da sind. Die Sichtweise mag veraltet erscheinen (und sexistisch), aber hier draußen in der Natur hat Körperkraft einen ganz, ganz anderen Stellenwert.
Grundsätzlich fahren wir mit Quads auf breiten Trampelpfaden auf dem Grundstück herum – wobei ich leider kein eigenes Quad habe. Mike hat uns einen neuen Trampelpfad gezeigt (nach ca. 15-20h Arbeit, wo erstmal alle Bäume und kleine Felsen aus dem Weg geräumt wurden): mit den leistungsstarken Quads braucht man für 1km Strecke ungefärh 20min!!)
Der Tag in der Stadt mit den Jungs war wirklich cool! Schade, dass wir nicht mehr Freizeit und Gelegenheit zum Rumfahren haben. Ben und Leander arbeiten hier für tatsächliche Bezahlung, da sie für mindestens ein Jahr in Kanada bleiben wollen. Ben ist gelernter Schreiner, 28 Jahre alt, kommt aus Münster bzw. Borken und hat Holzdesign in Österreich studiert. Leander ist 23 Jahre alt, hat einen Zwillingsbruder, wohnt in Dortmund und gelernter Industriekaufmann. Die Zeit in Kanada möchte er u.a. nutzen, um zu entscheiden, was er studieren möchte. Wie krass anders unsere Lebensphasen sind!
Beide haben eine Freundin zu Hause, die sie mehrere Wochen bzw. Monate nicht sehen werden. Finde ich krass, vor allem mit 23!
28. Juli
Heute ist Sonntag und ich bin nicht sicher, ob ich arbeiten muss. Die Jungs arbeiten nicht, weil sie immer nur 5 Tage pro Woche arbeiten. Ich schlafe aus, Mike hatte mir schon geschrieben, ob wir zusammen frühstücken – hat dann aber nicht geklappt, weil er mir das gegen 8 geschrieben hat und ich da noch geschlafen hab.
Leander will heute zur Bibliothek, weil da WLAN ist. Ich will mit, um ein Problem mit meinem Handyanbieter zu lösen und mein nächstes Workaway zu organisieren. Mike kommt zwei Mal zu meiner Hütte gefahren, ohne mich zu grüßen oder mir vorher Bescheid zu sagen, was ich ziemlich scheiße finde. Meine Hütte hat so große Fenster, dass man sich nicht „verstecken“ kann oder Privatsphäre hat, sobald jemand anderes da ist.
Als Leander mir schreibt, dass er jetzt losfährt und nach 20 Minuten immer noch nicht da ist, bekomme ich Angst. Denn Fakt ist: Ich bin alleine im Wald mit drei fremden Männern, Mike hatte mal erwähnt, dass er eine Waffe besitzt, ich kann ihn noch nicht gut einschätzen und er verhält sich heute sehr seltsam. Leander und Ben vertraue ich; ich hab schon viel Zeit mit ihnen verbracht, sie sind aus meiner Kultur und wir sprechen dieselbe Sprache. Bei Mike ist das was anderes. Ich habe -die vermutlich seltsam klingende- Angst, dass Mike Leander und Ben was angetan hat und ich nun alleine mit ihm bin. Das letzte was Leander mir geschrieben hatte war „Ich komme jetzt, Mike war eben noch hier“. Und dann passiert 30 Minuten lang nichts.
Mike sitzt also in meiner Küche/Wohnzimmer mit dem Rücken zu mir und Leander kommt nicht mit dem Quad angefahren… normalerweise dauert das nur 10 Minuten – wenn überhaupt. Am liebsten würde ich das Haus abschließen und mich irgendwo verstecken, aber er würde alles hören, weil es im Wald so leise ist. Also hole ich mir leise ein Messer und stehe einfach nur im Haus, mit gespitzten Ohren lauschend, ob das Motorengeräusch des Quads endlich kommt. Mein Herz klopft mir bis zum Hals.
Nach endlos weiteren fünf Minuten kommt Leander endlich. Und ich bin unglaublich erleichtert. Mike ist gar nicht amused, als er erfährt, dass ich mit Leander zur Bib fahren möchte. Da Kanadier nie direkt sagen, was sie meinen, sondern man extrem zwischen den Zeilen lesen muss sagt er: „Ich kann die Hütte hier für 140$ pro Nacht vermieten“ „Ich hätte gerne, dass der evaporator morgen fertig ist, weil ich möchte, dass du noch andere Projekte machst!“
Ich frage ihn, ob er möchte, dass ich 5 Tage pro Woche arbeite oder sieben. Er sagt „Ja, eigentlich 5“ und ich frage mich innerlich, was gerade sein scheiß Problem ist. Es ist Sonntag heute, die Jungs arbeiten nicht und meine Aufgabe wird in einem Tag fertig sein. Pro Tag muss ich nur 3h arbeiten, sodass ich morgen einfach 6 Stunden arbeiten kann – ohne Probleme.
Als „Friedensangebot“, frage ich ihn, was er heute so macht und ob er später mit uns zu Abend essen möchte. Schauen wir mal…
Ich sitze den ganzen Tag mit Leander im Schatten auf einer Bank. Wir müssen 45 Minuten laufen und fünf Minuten mit dem Kanu fahren, um zum Dorf zu kommen. Ich bin noch ziemlich aufgewühlt wegen Mikes komischem Verhalten und auch ziemlich abgefuckt. Leander und ich sprechen darüber und vermuten, dass Mike sich evtl. ausgeschlossen fühlt und wir ihn deshalb zum gemeinsamen Abendessen im camp einladen. Er antwortet: „Yes, I’d love to. Family dinner on Sunday!“
Als Leander und ich zurück zum camp zu Ben kommen ist der auch ganz schön angefressen. Mike kam 2 Minuten vorbei, hat seinen Hund in meine Hütte gescheucht und ist jetzt seit sieben Stunden nicht mehr aufgetaucht! Geht gar nicht… Ben hatte heute einen freien Tag und musste ohne Info dass und wie lange er den Hund sitten soll, im Camp bleiben. Er wollte eigentlich angeln gehen, aber Mikes Hund ist so dermaßen hyperaktiv, dass sie keine Minute (wirklich!) still sitzen kann. Obendrein ist sie schlecht erzogen und hört nicht.
Ben und ich kotzen uns über Mikes komisches Verhalten aus und wir beschließen, das heute beim Abendessen anzusprechen. Mike kommt, wir sprechen es beim Essen an, es wird von ihm registriert, aber nur eine kurze Floskel dazu geantwortet. Ok… Kultur?!
Ich bin immer noch mega sauer wegen dem ganzen Bohei und dem, was er zu mir gesagt hat. Wir spielen Badminton, wo ich mich endlich etwas abreagieren kann und ein bisschen bessere Laune bekomme. Aber erledigt ist hier noch gar nichts, erst recht nicht, weil wir nicht mal richtig darüber gesprochen haben. Mike scheint zwar erleichtert, dass ich was dazu gesagt habe, aber das war’s auch.
Wir sitzen trotzdem noch bis 0 Uhr zusammen am Lagerfeuer, zeigen Mike wie man Stockbrot macht und schauen auf den Fluss, der direkt am camp vorbeirauscht. Ben und Leander kiffen sich die Birne zu und ich quatsche länger aber sehr distanziert mit Mike.
…wenn sich das nicht irgendwie auflöst, fahre ich!もっと詳しく

Interessant wie doch relativ ähnliche Kulturen, Irritationen und Mißverständnisse hervorrufen können. --- Die Szene im Wald allein, wo du zum Messer greifst, kann ich nachvollziehen. Das war nicht nur Kopfkino, das hat sich (ist noch) in unserer DNA verankert, infolge unserer Erfahrung als Frauen über viele Generationen, wo unsere Würde und Eigenständigkeit nicht in dem Maße respektiert wurde, wie heute. Zumindest hat sich da in unserem Kulturkreis viel zum Positiven verändert! Aber leider nicht weltweit. [HelgaMama]
#30 - diggin' in the dirt
2024年7月29日〜8月2日, カナダ ⋅ ☀️ 31 °C
29. Juli
Heute ist Montag und wie die meisten muss ich heute: arbeiten. Mike nutzt jetzt "meine" Küche mit, weil er in einem Zelt im Wald schläft. Vor allem nach dem gestrigen Tag mag ich das gar nicht – und ich kann meine morgendliche Routine nicht in aller Ruhe erledigen. Wider Erwarten kriegen wir aber heute den Dreh: mit ein paar wenigen Worten und Gesten, in denen er irgendwie das Richtige macht, ist für mich der Drops gelutscht und alles ist wieder gut zwischen uns.
Beim Arbeiten bin ich motiviert, arbeite lange und gönne mir gegen 13 Uhr eine entspannte Dusche am Fluss. Und ich habe Glück: ich hab die richtige Uhrzeit erwischt, einen Sonnenplatz und KEINEN EINZIGEN Moskito beim duschen! Danach wärme ich mich noch etwas in der Sonne auf und gehe dann zurück zur Arbeit.
Durch die erste, furchtbare Dusche hab ich es sechs Tage vermieden. Und mit dem ganzen Dreck auf der Baustelle, allgemein durch das Leben im Wald und meinen Schweiß (sehr schwül und warm hier!) hab ich mich echt eklig gefühlt. Aaaaber jetzt isses endlich wieder gut. Wie unglaublich gut sich eine Dusche anfühlen kann… der Wahnsinn!
Als ich zurückomme, machen wir einen kurzen Lunch im camp der Jungs, schauen auf den Fluss und trinken „Premium“ Instantkaffee mit Hafermilch und Ahornsirup. Quasi richtige Kanadier sind wir geworden! Denn die tun überall Ahornsirup dazu – ob Kaffee, Pfannkuchen, Braten, Gemüse oder Müsli!
Unsere Stimmung ist gut und ich genieße den Tag.
30. Juli
Heute Nacht habe ich erst gegen 3 Uhr geschlafen und ich glaube der kanadische Geist ist in mich gefahren. Auf einmal merke ich die Verbindung und liebe die unendliche Freiheit dieses Landes. Ich fürchte einen erneuten Kulturschock und schaue mich nach tiny Häusern um. Aber jetzt erstmal genießen!
Morgens bin ich sehr gut drauf, aber im Lauf des Tages kippt meine Stimmung; keine Ahnung wieso – möglicherweise, weil ich immer alleine arbeite und es nicht soo zufriedenstellend ist, die Maschine zu putzen (mit Mikrofasertüchern!). Außerdem ist es etwas langweilig hier, mittlerweile. Und die Abhängigkeit nervt mich: ich kann weder alleine einkaufen, noch ins Dorf fahren, geschweige denn in eine andere Stadt. Das setzt mich unter Daueranspannung, weil ich auf das Wohlwollen der anderen angewiesen bin. Und meine Milch ist schlecht geworden- dh. einer meiner wenigen Luxusartikel, mit dem ich mir was gönnen kann, fällt weg! Zum KOTZEN.
Immerhin krieg ich heute einen großen Batzen abgearbeitet.
Gegen 14h fängt es mega an zu regnen, sodass wir alle erstmal in unsere camps fahren. Gegen 18.30h lässt es soweit nach, dass die Jungs zu mir rüberkommen können.
Ich quatsche mit Ben darüber, dass ich im Wald Angst hab. Er stimmt zu, aber er habe vor Tieren Angst. Ich sage: „Die Tiere machen mir weniger Sorgen, eher Menschen. Er denkt kurz drüber nach und sagt "Ich mach mir grundsätzlich keine Gedanken darüber, dass mich jemand angreifen könnte" - krass!! Männer haben es so gut, in der Hinsicht! Ich hab diesen Gedanken ständig im Kopf, scanne regelmäßig meine Umwelt, ob jemand Verdächtiges da ist. Das passiert fast automatisch. Aber es schränkt v.a. beim Reisen auch stark ein: bestimmte Gelegenheiten lasse ich ziehen, bestimmte Gegenden besuche ich nicht alleine und ich stelle immer sicher -soweit möglich-, dass ich schnell aus der Situation fliehen könnte.
Wir essen zusammen, hören Seeed und quatschen über allen möglichen Unsinn. Und ich schlafe das erste Mal einfach durch :-)
31. Juli
Morgens finde ich Mäusekacke in meiner Küche - ultra widerlich. Sie ist überall rumgelaufen und sogar in die Spüle geklettert. Ihgitt! Und ich hab hier keinerlei Ersatzlappen, womit ich das ordentlich saubermachen könnte. Also versuche ich es mit Essig und gekochtem Wasser. Trotzdem ekelhaft!
Vor der Arbeit schreibe ich einige workaways an, denn am 2. August will ich weiterziehen oder mit Ben, Leander und Mike auf einen camping trip fahren. Bezüglich der workaways fühle ich mich mal wieder etwas lost: es gibt so viele Möglichkeiten und ich habe irgendwie Angst, eine falsche Wahl zu treffen.
Einen workaway-host hab ich seit gestern schon an der Angel, aber er hat eine seltsame Art zu kommunizieren, sodass ich nicht so überzeugt bin. Dann antwortet mir ein anderer host und auf einmal habe ich gute Laune. Auch sie kommuniziert etwas seltsam (sehr effizient im Vergleich zu vielen Kanadiern), aber irgendwie ist mein Bauchgefühl super. Sie erwähnt, dass sie ein Fahrrad hat und ich bin Feuer und Flamme.
Dann fahre ich zur Arbeit, putze und poliere die letzten Teile des evaporators und höre mir währendessen einen Podcast über das SIlmarillion von Tolkien an.
Wie immer habe ich recht früh Feierabend, singe bis meine Stimme weh tut (ups). Kurze Zeit später kommt Mike vorbei und zeigt mir Brombeerbüsche auf dem höchsten Punkt seines Grundstücks - super lieb! Außerdem besprechen wir, wo und wann er mich für das nächste workaway absetzen kann. Der camping trip is nich mehr drin -obwohl das übertrieben genial mit ihnen wäre-, aber ich hab SOWAS von die Schnauze voll von camping. Ich will eine Dusche. Und eine Toilette. Und fließend Wasser. Und trinkbaren Kaffee. Und saubere Lappen und Handtücher... keine Moskitos. Jap – ‘ne Menge, auf die ich mich freue!
1. August
Heute ist der letzte richtige Tag im Wald. Ich liebe den Wald, die Ruhe, die Einsamkeit.
Ich putze noch den evaporator, dann stellen die Jungs bzw. Männer ihn mit Hilfe des Baggers in das halbfertige Haus. Obwohl es eigentlich keinen Sinn ergibt, ihn da jetzt schon reinzustellen – aber Mike will das unbedingt. Ich glaube, teilweise, damit ich einen Abschluss für meine Arbeit habe. Mega lieb!
Mike, Ben und Leander packen heute Mikes Jeep für die Fahrt morgen. Sie werden mit zwei Kanus weiter nördlich zu einem See fahren und dort eine 2-tägige Kanutour machen. Ich fahre nach Süden zu meinem nächsten workaway.
Da sie ins Dorf fahren, kann ich mitkommen und in Mikes Wohnung duschen. WOOOOOW! …leider ist seine Wohnung nicht die sauberste – aber immerhin kann ich mich das erste Mal so richtig in Ruhe und ausgiebig waschen. Hammer!
Gegen 20 Uhr fahren Leander, Ben und ich mit zwei Quads zurück zu ihrem Camp, um dort zusammen Abend zu essen. Wir hören in der Nähe ein großes Tier und Ben und Leander haben Angst. Ich seltsamerweise nicht – vielleicht, weil sie da sind? Sie erzählen mir, dass sie am Vortag einen kleinen Bären in ihrem camp gesehen haben! Am hellichten Tag. Super krass.
Heute muss ich alleine mit dem Quad durch den Wald fahren. Ich hab ein bisschen Angst davor, vor allem, weil hier offensichtlich ein größeres Tier unterwegs ist. Aber als ich auf dem Quad sitze und mit hellem Licht, extrem lautem Motor und mit ein bisschen Spaß durch den nächtlichen Wald rausche, ist alles gut.
Auch als ich zurück an meinem camp bin, habe ich das allererste Mal seit meiner Ankunft keine Angst. Ich bewege mich frei in der Dunkelheit, putze angstfrei meine Zähne, packe in Ruhe meine Sachen und bin sehr entspannt. Vielleicht weil das Quad da ist und ich jederzeit fliehen könnte?
Ich singe ein letztes Mal lautstark -denn hier hört mich kein Schwein- und genieße danach die tolle Ruhe im Wäldchen. Morgen muss ich um 6.30h aufstehen!
2. August
Heute arbeiten wir wieder zu viert beim Sommerhaus der kanadischen Sängerin. Serena wird auch da sein und ich bin aufgeregt, weil sie ein kleiner Star in Kanada ist und mir ihre Musik gefällt. Und ich mache ihren Garten :-D
Ich finde den Gedanken interessant, dass wir uns gegenseitig Dinge ermöglichen: sie singt und verdient damit Geld, will einen schönen Garten, gibt Geld an Mike, der damit sein Land und Leben finanziert, der damit workawayers bezahlen kann, die damit wiederum ihre Reise bezahlen können.
Serena ist sehr nett und super cool drauf. Und ihr Haus ist von innen unglaublich gemütlich und schön - am liebsten würde ich direkt einziehen. Und ich hätte sehr gerne Fotos gemacht, aber das wäre unhöflich gewesen.
Wir arbeiten 4h recht hart und ich bin richtig froh, dass ich studiert hab und nicht auf einen handwerklichen Job angewiesen bin. Spaß macht es trotzdem (meistens) und ich mag körperliche Arbeit; das gleicht so schön aus.
Nach der Arbeit packen wir die restlichen Sachen noch in den Reisejeep. Mit zwei Kanus auf dem Dach und einem zum Bersten vollgepackten Auto fahren wir nach Parry Sound (1,5h Fahrt) zu meinem Bus. Im McDonald's (Alternativen für Kaffee wären Starbucks oder Tim Horton - es gibt nicht EIN kleines Café hier!!!!!!) bestellen wir uns alle den ersten Kaffee des Tages und ich bin irgendwie richtig stolz, mit drei so coolen Typen unterwegs zu sein. Im Wald interessiert das ja keinen, aber hier schon :-D Ich sehe dazwischen wahrscheinlich lustig aus, weil sie alle drei sehr kräftig und groß sind (1,80-1,95m).
Sie bringen mich zur Bushaltestelle und ich verabschiede ich mich von allen mit einer Umarmung. Ben sagt noch „Meld‘ dich, wenn du dich einsam fühlst!“ – super lieb! Ich hab ihm erzählt, dass ich Sorgen habe, das nächste workaway könnte etwas langweilig oder einsam werden.
Zum Schluss noch ein Zitat von Mike: "Mach dein Hobby zum Beruf. Dann kannst du alles was mit deinem Hobby zu tun hat, steuerlich absetzen." - der alte Sparfuchs. Aber hat ja noch viele andere Vorteile.
Ich fahre also mit dem Bus nach Guelph, eine Hippie-Stadt, und werde bei einer älteren Frau wohnen (ca. 60?!).
Irgendwie sind Buse für mich wie ein mental retreat - ich kann gut nachdenken und sortieren. Ich träume viel über meine Zukunft und komme dann gegen 22h endlich in Guelph an.
…to be continued!もっと詳しく

Schön, wie du schlußendlich den Dreh gefunden hast, die letzten Tage mit den ' 3 so coolen Typen' und dem ganzen anderen Rest, zu genießen! Und wenn das Essen in Kanada eher "bescheiden" ;-) ist, so kann das Gefühl von mehr Freiheit/Freiraum (was das Land wohl ausstrahlt und gibt) eine gute, andere Art von Nahrung sein! [HelgaMama]
#31 - This is a Woman's World
2024年8月2日〜8日, カナダ ⋅ ☁️ 26 °C
2. August
Heather, mein neuer Host für die nächsten 10 Tage, wird nicht zu Hause sein, wenn ich an ihrem Haus ankomme. Krasses Vertrauen, was sich da in mich setzt. Ich fühle mich geehrt und bin sprachlos darüber. Sie und eine Freundin werden ungefähr zwei Stunden nach meiner Ankunft ankommen. Ich könne mir Essen aus dem Kühlschrank nehmen. Außerdem sei der Hund ihres Sohnes zu Hause; ich solle ihr ein Leckerli geben, ihren Namen sagen und sie nach ihrem Spielzeug schicken. Ohjeeee – auf einen halb-aggressiven Hund hab ich nach dem ganzen Abenteuer so gar keine Lust!
Schon als ich in Guelph aussteige, mag ich das Städtchen. Ich muss über den Uni-Campus laufen, es ist dunkel, aber ich fühle mich sicher. Die Zielstraße ist eine entspannte und schöne Wohngegend mit vielen Einfamilienhäusern. Am Haus angekommen, muss ich einen Code eingeben und kann eintreten. Ich mache mich auf alles gefasst, was die tierische Begrüßung angeht.
Und da steht der braune große Labrador, schwanzwedelnd, mit ihrem Spielzeug in der Schnauze und freut sich enorm, mich zu sehen. Ich verliebe mich sofort in sie und freue mich mega über die schöne Begrüßung :-) …dann fällt mein Blick auf das Klavier, dass man direkt vom Eingang aus im Wohnzimmer sieht. Oh-mein-Gott! Ein Fahrrad, ein lieber Hund, ein schönes Haus UND ein Klavier. Beste Entscheidung, hierher zu kommen!
Es fühlt sich surreal an, in diesem schönen, aufgeräumten und sicheren Haus zu sein – nach all der Aufregung und dem Dreck im Wald! Stell dir vor du wärst den ganzen Tag draußen Holz hacken gewesen, im Winter und es hätte geschneit. Du hast alles aufeinander gestapelt und über deine Grenzen hinaus geschuftet. Ein wahnsinnig anstrengender Tag. Dann kommst du nach Hause und dein:e Partner:in nimmt dich liebevoll in Empfang, gibt dir eine heiße Schokolade in die Hand und du wickelst dich vor dem Kamin in eine warme Decke. Während du dort sitzt und dich endlich aufwärmst, riechst du das leckere Abendessen, dass sie oder er gerade zubereitet. So fühlte es sich an. Ruhig und warm und wundervoll!
Gegen 0 Uhr kommen Heather und ihre Freundin Jan (gesprochen „Tschän“) vom Theater. Heather ist eine 1,60m große Frau Mitte 60, mit roten langen Haaren und mit sehr, sehr viel Energie! Ich quatsche noch kurz mit Jan, die mit einem deutschen Mann verheiratet war, und falle dann tot und zufrieden in mein weiches Queen Size Bett. Jan wohnt in Calgary (Westkanada) und ist für ein paar Tage zu Besuch bei Heather.
3. August
Heather und Jan fahren heute zu Heathers cottage, ungefähr drei Stunden weiter nördlich an einen schönen See. Heather besitzt dort ein cottage (Sommerhaus) und sie verbringen dort ein paar entspannte Tage. Heather erklärt mir in Windeseile alle Aufgaben, zeigt mir wo alles ist, wie ich mit Bailey Gassi gehen kann - und dann sind die beiden auch schon weg.
Die nächsten drei Tage werde ich das Haus für mich haben. Und es fühlt sich an wie der Himmel: in Sicherheit, bei einer Frau, Privatsphäre, eine Toilette direkt um die Ecke (und nicht draußen im Dunkeln im Wald)! Wahnsinn!
Ich gehe eine Stunde mit Bailey in die Stadt spazieren, um die Gegend etwas zu erkunden. Anfangs führt sie mich Gassi, aber irgendwann hab ich den Dreh raus. Und Bailey ist ein unglaublich toller Hund! Sie hört super und ist total entspannt. Ein lässiger Kanadier ruft mir zu "nice pup!" - "Thanks! Not mine though..." - "You should steal her" - wäre cool! :-D ...was Nuri wohl dazu sagen würde?!
Dann fahre ich nach Hause, mit dem Rad wieder in die Stadt zum Einkaufen und Cappuccino trinken. Und zwar nicht von McDonald's, sondern von einer lokalen Rösterei! Ich sag nur: Himmel!
Dann gehe ich im Reformhaus einkaufen (wo man dieselben Produkte wie im normalen Laden kaufen kann -wirklich dieselben!- nur teurer… kein Kommentar). Abends holt Heathers Sohn Bailey ab. Zum Abendessen esse ich Apfelpfannkuchen mit Ahornsirup und genieße mein Leben.
4. August
Heute ist der erste ganze Tag alleine! Ich fühle mich, als wäre ich zu Hause. Ich koche, habe Sachen zu tun, kann Klavier spielen - fehlt nicht viel! Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich gerade in Kanada bin!
Ich erledige einige ihrer aufgetragenen Aufgaben, denn das ist der Deal bei workaways: Arbeiten für Kost und Logi. Heute räume ich Schränke auf. Abends mache ich mir Kartoffeln mit Sauce hollandaise (die Eier sind hier allerdings ganz komisch wässrig) und Pilzen. Nebenbei erledige ich Haushaltskram.
5. August
Heute zupfe ich Unkraut für vier oder fünf Stunden und höre dabei wieder den Podcast zum Silmarillion. Sowas von entspannend!
Und mir fällt auf, dass Mülltüten parfümiert sind. Im Laufe meines Aufenthalts in Kanada habe ich von vielen Leuten mit einer Parfümallergie gehört. Gibt es da einen Zusammenhang!? Manche Dinge hier finde ich extrem unpraktisch, seltsam oder unlogisch. Parfümierte Mülltüten, die Mechanismen wie man Fenster öffnet oder dass man bei Waschmaschinen nur auswählen kann zwischen kalt, warm, sehr warm und heiß (ohne Temperaturangaben). Ich frage mich, wie andere Kulturen Deutschland sehen, was sowas angeht.
Als ich hochentspannt auf der Couch sitze, einen Film schaue und esse, geht auf einmal ein Alarm für eine vermisste Person lost – auf mein Handy und den TV. Ich dachte, es fliegt gleich was in die Luft, so alarmierend war das! Interessant.
Abends plane ich den Rest der Reise in Europa und schaue u.a. nach Zügen nach Aachen. Die Vorstellung, wieder lange an einem Ort zu sein, fühlt sich an wie ein Gefängnis. Auf der Veranda beschließe ich, die letzten 3 Wochen noch besonders zu genießen. Alles Endliche hat ein großes Genusspotential inne.
Bei der letzten Reise konnte ich es gar nicht erwarten endlich anzukommen - jetzt kann ich den Gedanken nicht ertragen, zurückzukommen.
6. August
Heather und ihre Freundin kommen heute zurück. Ich verbringe einige Stunden in der Guelpher Innenstadt in einem Café, denn es ist sehr regnerisch heute. Abends essen wir bestelltes indisches Essen und quatschen ein bisschen. Dann gehen wir alle ins Bett.
7. August
Jan ist heute zurückgeflogen, sodass Heather und ich jetzt zu zweit sind. Sie bittet mich, kurz etwas im Baumarkt zu kaufen. „Du kannst das Auto oder das Fahrrad nehmen!” “Ok, ich nehm das Fahrrad, sind ja nur 10 Minuten” . Ungefähr zehn Minuten später ist der Handwerker da und wir brauchen die Sachen dringend vom Baumarkt und sie ruft mir nur zu „I’m glad you’re taking the car!“ – die Kommunikation hier ist so anders. In Deutschland hätte sie mir das erklärt und sowas gesagt wie „Der Handwerker is da und wir brauchen die Sachen dringend. Mir wäre es lieber, wenn du schnell das Auto nimmst.“
Sau cool – ich darf ihren Jeep fahren. Einen Jeep will ich seit Jahren mal fahren.
Ansonsten passiert nicht viel. Heather ist eine extrem gesprächige Frau, mit sehr vielen Geschichten. Will heißen: sie redet sehr viel, hört manchmal gut zu, aber meistens redet sie. Vor 10 Jahren ist ihre 30-jährige Ehe in die Brüche gegangen. Sie haben drei erwachsene Kinder und ein paar Enkelkinder. Nach der Scheidung hat Heather angefangen, zu reisen. Sie hat workaways gemacht, in Italien und Thailand Englisch unterrichtet und ein Schweigegelübde in einem Tempel für 10 Tage abgelegt. Und sie ist aktiv im Dating-Business unterwegs und hat exakt dieselben Themen, Gedanken und Probleme, die alle datenden Menschen haben.
Abends stelle ich fest, dass ich meine Brille verloren habe und bin extrem traurig. Heather hilft mir suchen, wir stellen alles auf den Kopf, aber sie ist nicht auffindbar. „Ruf morgen mal in den Cafés an, wo du gestern warst!“ Ich bin extrem geknickt und morgen fahren wir zusammen zum cottage.
8. August
Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen, weil ich sogar im Traum überlegt habe wo meine Brille ist. Alles ist so viel intensiver auf Reisen!
Heute fahren wir zum Cottage und ich hab extrem schlechte Laune. Heather redet so viel und ich frage mich, wie ich das die nächsten fünf Tage noch aushalten soll.
Bevor wir Guelph verlassen, holen wir mir noch einen Kaffee in meinem Lieblingscafé damit ich etwas bessere Laune kriege. Es hilft ein bisschen und ich finde es sehr lieb von ihr.
Abends koche ich italienische Pasta und deutsche Apfelpfannkuchen während Heather das Lagerfeuer anzündet. Das Essen gelingt gut, wir trinken ein bisschen Wein und haben ein langes Gespräch am Feuer über Partnerschaften, Abenteuer, Reisen und das Leben. Und dieses Mal rede ich auch etwas mehr. Außerdem verbrenne ich die Namen von ein paar Leuten, die in Italien aufgeschrieben – und jetzt ist der richtige Moment dafür.
Das war ein sehr schöner Abend. Vielleicht wird es mit ihr doch besser als gedacht :-) So weit weg von zu Hause fühle ich mich sehr zu Hause. Und das cottage ist ABSOLUT traumhaft! Wir sind weit außerhalb, ungefähr 20 Minuten Autofahrt vom nächsten Städtchen, mit ungefähr 20 Nachbarn und DIREKT an einem See mit glasklarem Wasser. Gegenüber ist ein Indianderreservat, was mich traurig stimmt. Die reichen Leute klauen das Land, bauen sich fette Sommerhäuser auf das Land und die ursprünglichen Bewohner hausen in Reservaten, wo sie „zivilisiert“ werden. Uff!
Schön finde ich allerdings, dass wir uns im Hope Bay befinden und das Wasser als heilend angesehen wurden. Viele alte und kranke Menschen der First Nations (so heißen die Indianer von Kanada) kamen hier hin, um wieder gesund zu werden.
Um 19.30h fahren wir 15 Minuten zu einem Park, um ein kostenfreies Symphoniekonzert unter freiem Himmel zu hören. Es ist ein kleines Orchester, aber wunderschön. Alle sitzen auf ihren Campingstühlen. Neben dem Publikum sind ein paar Teleskope aufgestellt, damit man sich nach Belieben vor oder nach dem Konzert die Sterne und den Mond anschauen kann. Mega schön!もっと詳しく
#32 - inhale, relax, exhale
2024年8月9日〜13日, カナダ ⋅ ☀️ 23 °C
9. August
Nicht mal eine Woche bis ich in Europa bin! Absolut seltsam, ich fühle mich hier immer besser und vertrauter (bis auf das Essen: nicht-bio, viel Fertigkram und ungesund).
Im Sommerhaus erledigen wir heute die Aufgabe, die Heather seit einiger Zeit auf den Schultern lastet und weswegen sie mich als workaway geholt hat: Wir schleifen, baizen und lackieren ca. die Hälfte der Fensterrahmen. Für das schleifen und baizen brauchen wir ungefähr vier Stunden, also voll im Rahmen. Sie kümmert sich zwischendurch um den kaputten Jetski und kommt auf einmal ins Haus gestürmt: „Hör sofort auf, mit allem was du gerade tust! Es is was Schlimmes passiert!“ Ich lege alles hin und bin alarmiert! „Was ist los?“ – „Ich weiß jetzt, was mit dem Jetski passiert ist! Ich habe ausversehen Benzin in den Öltank gekippt! Oh neeeein! Er ist jetzt bestimmt kaputt!“ Ich versuche sie zu beruhigen und helfe ihr, den Jetski mit einem Nachbarn auf den Anhänger zu hieven. Innerlich hab ich mega Mitleid mit ihr, weil sie sie schlimme Vorwürfe macht und gleichzeitig muss ich so schmunzeln, weil mir genau sowas auch passieren könnte. Zum Glück ist nicht tatsächlich was Schlimmes passiert!
Nachdem der Jetski erstmal beim Mechaniker-Doktor ist, entspannen wir ein bisschen am hauseigenen Strand in den Liegestühlen und ich fühle mich total elitär. Und das Wasser ist wahnsinnig schön, diese Klarheit! Heather ist fast konstant am Handy. Sie kennt das alles hier schon und ist eine tolle Netzwerkerin – ständig im Kontakt mit zig Leuten und deshalb mit dem Kopf überall Ich sage ihr, dass vielleicht deswegen das mit dem Jetski passiert ist.
Abends spielt eine Band im nahegelegenen Örtchen namens Lion’s Head (20 Minuten Fahrt). Heather will etwas runterfahren (hat sie meinen Rat angenommen?), weswegen ich mit einer ihrer Nachbarn und Freundinnen namens Elaine nach Lion’s Head fahre. Elaine ist 79 und wohnt alleine in einem Häuschen direkt am Wasser. Krass!
Der Musikabend in Lion’s Head ist sehr schön: alle sitzen wieder in ihren Campingstühlen, wir schauen auf die kleine Bühne, im Hintergrund ist durch die Bäume leicht der Yachthafen zu sehen. Die Gegend hier nutzen viele Leute aus Toronto, um sich vom aufregenden Stadtleben zu beruhigen. Es spielen drei lokale Bands, fast alle Songs sind im Country-Stil und sie haben alle einen absolut großartigen Humor. Je weiter die Sonne untergeht, desto kälter wird es und ich friere richtig – aber da kommt die kanadische Wärme ins Spiel: meine vollkommen unbekannte Nebensitzerin gibt mir ihre Jacke. Mega lieb!
Elaine fährt mich nach dem Konzert noch zum Leuchtturm von Lion’s Head, wo ich wunderschöne Fotos mache. Dann setzt sie mich bei Heather ab. Ich freue mich, wieder bei Heather zu sein. Ich mag sie so gerne und fühle mich sehr wohl bei ihr.
10. August
Heute finalisieren wir die Fensterrahmen und Heather ist super happy. Währenddessen erzählt sie mir viel von ihrer Herkunft: sie kommt aus Cape Breton (Neufundland, Ostkanada) aus einem kleinen Dörfchen. Ihr Vater war Kohlearbeiter, ihre Mutter weiß ich leider nicht und beide Eltern sind gestorben bevor sie 20 bzw. 30 Jahre alt war. Ihre Schwester und ihr Bruder wohnen mittlerweile in Neufundland und sie besucht sie alle paar Monate.
Abends treffen wir uns mit vier Nachbarinnen bei Elaine zum Essen: ich bin mit Abstand die Jüngste. Mit von der Partie sind Lyn und Heather (Mitte 60), Elaine (79) und Ula (57), eine deutsche Psychotherapeutin aus Stuttgart, die seit 26 Jahren in Kanada wohnt. Anfangs spricht Ula immer wieder Deutsch mit mir, was ich extrem unangenehm finde, weil die anderen es nicht verstehen und dadurch direkt ausgeschlossen werden. Lyn versteht und spricht zwar sehr gutes Deutsch, weil ihre Eltern Deutsche waren, aber die anderen verstehen es nicht.
Es ist schön, von diesen reifen Frauen umgeben zu sein. Alle sind single, stemmen ihren Alltag alleine, besitzen Häuser und sind teilweise berufstätig oder anderweitig viel beschäftigt. Tolle Vorbilder! Ich sauge die weibliche Energie ein und fühle mich pudelwohl.
Während der Rückfahrt fällt mir auf, dass meine Nägel endlich wieder richtig sauber sind. Nach über 7 Tagen nach meiner Wald-Zeit (das letzte workaway) bin ich endlich wieder komplett sauber. Wahnsinn!
11. August
Morgens stehe ich extra früh auf (gegen 7.30h), weil ich noch im klaren Heilwasser schwimmen will. Heute fahren wir zurück, daher bleibt nicht viel Zeit. Heather ist wie immer sehr früh wach (gegen 5.30h) und wirbelt schonmal im Haus herum.
Auf der Rückfahrt sehen wir ein paar Amish an der Straße entlanglaufen, in ihren altertümlichen Gewändern. Heather erzählt mir, dass hier in der Gegend viele von ihnen leben. Ich finde die ursprüngliche Lebensweise sehr spannend, aber das was die Amish daraus machen sehr seltsam.
Außerdem sehen wir einige Städtenamen wie Hanover, Carlsruhe, Florence, Rome, Neustadt – können sie sich keine eigenen Ortsnamen ausdenken? Schon klar, europäische Auswanderer haben die wahrscheinlich so benannt, aber ich find das irgendwie lächerlich.
Zurück in Guelph beim Abendessen erzählt mir Heather von einer guten Freundin und einer Nachbarin, die vor 12 Jahren gestorben ist: Irene. Irenes Mann starb, als sie 70 war und sie startete eine Weltreise. Mit 70! Irene fragte den Angestellten vom Reisebüro, ab wann man keine Tickets mehr für ihre Reise buchen könnte. Erst dann erzählte sie ihren Freunden davon – damit ja keiner auf die Idee käme, sie zu begleiten! Wow… wie mutig und inspirierend!
12. August
Heute ist mein letzter Tag bei Heather! Für mich eine komische Transition und ich habe etwas Angst vor dem Abschied – und davor, ob wieder eine komische Überraschung oder ein Drama passieren könnte, wie beim ersten workaway.
Ab 11 Uhr wird Heathers kleiner Enkel James mit dem Hund Bailey vorbeigebracht. Wir sollen den 9-Monate alten James babysitten während die Eltern im Spa entspannen. Ich freue mich über die junge Ablenkung und auch, den lieben Hund Bailey nochmal zu sehen.
Die Eltern Jim und Meghan kommen gegen 16 Uhr vorbei und wir unterhalten uns ein bisschen auf der Terrasse. Sie sind sehr nett und ich freue mich, zumindest ein Kind von Heather kennen gelernt zu haben.
Abends essen Heather und ich selbstgemachte Pizza und jeder zwei Maiskolben. Yummy! Danach schauen wir einen sehr dramatischen, brutalen aber gut gemachten Film über zwei starke Frauen. Heather hat den Film ausgesucht und steht bei den brutalen Szenen auf, läuft im Raum umher und ächzt über die Gräuel. Und sie fragt mich, wann es vorbei ist. Ich spähe durch meine Finger, um es auch nicht sehen zu müssen. Ich muss furchtbar lachen, weil zwei erwachsene Frauen so aufgebracht über die Szenen sind und jede ihre eigenen Copingmechanismen hat. Und es so lustig ist, wie sie damit umgeht. Hihi. Zum Glück kann ich später trotzdem gut schlafen.
13. August
Zum Glück ist kein Drama passiert und Heather und ich haben uns herzlich verabschiedet. Mega! Als ich am Bahnhof auf den Zug warte, denke ich: Ich glaube ich habe Kanada jetzt (einigermaßen) verstanden und greifen können. Ich habe die Schönheit und die Nachteile des Landes gesehen und ich bin sehr gespannt, wie Kanada sich entwickeln wird!
Dann steige ich in den Zug nach Toronto. Gerade mal vier Waggons warden gezogen und der Zug ist rappelvoll – ich frage mich, warum nicht mehr Waggons angehängt werden. Und es gibt eine Art Stewardess, fühlt sich fast wie im Flieger an!
Auf der Fahrt denke ich mal wieder nach und mir kommt der folgende Gedanke: Being a visitor makes you more aware of the differences between your and the other culture. Hosting someone from another culture, makes you more aware of the similarities.
Dann: Toronto!もっと詳しく

Bei den vielen verschiedenen workaway-Aufgaben kann man ja so einiges lernen und an Erfahrungen sammeln _----------_-------_-------Und mit Heather scheint es ein schöner und stimmiger Abschluss von Kanada gewesen zu sein ! [HelgaMama]
#33 - Toronto
2024年8月13日〜15日, カナダ ⋅ ☀️ 26 °C
13. August
Die Zugfahrt vergeht schnell und ich stapfe durch die Hitze in Toronto mit meinem riesigen Backpack durch die Stadt zu meiner Unterkunft. Irgendwann wird's mir zu doof und ich nehme doch den Bus (...die Reise hat mich wohl verändert).
Im Hostel werde ich von einem Algerier begrüßt, der sehr gutes Englisch spricht. Wir verstehen uns auf Anhieb. Leider ist das Zimmer, bzw. vielmehr die Badsituation, echt mies. Ich bin in einem 6er Dorm, wo nur eine andere Frau schläft. Das Bad ist Dusche und Toilette in einem, mit einer durchsichtigen Trennwand + Vorhang. Und es stinkt furchtbar nach Urin. Ihgitt!
Aber was soll's - ich bin ja nicht zum Rumgammeln hier!
Erste Amtstat: Essen suchen. Und zwar was Leckeres. Also wird's ne kleine Pizzeria, die KEINE Kette ist!
Nach 1km laufen, komme ich an. Ich glaube, es sind "echte" Italiener, die den Laden betreiben. Es riecht sehr lecker und ich bestelle eine Pizza. "Bist du dir sicher, dass du die mittelgroße haben möchtest? Sie ist sehr groß!" -"Ja, ich hab viel Hunger!" - und schwupps, ist die Pizza bis auf zwei Stücke leer. War wirklich viel, aber jetzt bin ich wenigstens satt.
Mit mir in der Pizzeria sitzt ein älterer Herr, der -vermute ich- etwas verwirrt ist. Wir haben eine kurze Konversation, in der er mir erklärt, dass er seit den 70ern in Toronto ist und ursprünglich aus Amerika kommt. Eine Mitarbeiterin sagt ihm immer wieder, dass seine Pizza gleich fertig sei. Obwohl er deutlich vor mir da war, ist meine Pizza früher fertig. Er quatscht immer wieder mit dem Pizzabäcker, der ihm geduldig zuhört und auf eine fürsorgliche Art antwortet, als würden sie sich schon lange kennen. Ich vermute, dass der Herr öfter herkommt, Pizza bestellt und die Besitzer ihm keine machen - warum auch immer. Als würden sie ihn vor/in seiner Verwirrtheit schützen. Irgendwann wird der alte Herr abgeholt - tatsächlich ohne Pizza bekommen zu haben. Mich rührt die ganze Situation sehr. Ich finde es auf Reisen immer besonders schön, in Gesellschaft -und sei es nur als Beisitzerin in einem Imbiss- von lieben Menschen zu sein. Das erschafft eine Wärme, die in der Unsicherheit des Alleinreisens sehr wertvoll ist.
In vielerlei Hinsicht gesättigt, mache ich mich auf den Weg zu meinem obligatorischen Stadtkaffee, mache kurz Halt in einem Park und begegne einem tollen Musiker, dessen CD ich kaufe. Seine Musik hat mich sehr berührt und der Kauf der CD fühlt sich an wie eine der besten Investitionen der Reise.
Als ich im Café sitze, kommen und gehen alle möglichen Menschen der unterschiedlichsten Ethnien. In Deutschland wären 80% weiß/kaukasisch - hier sind es eher 80% andere Ethnien und sehr viele offensichtlich queere Menschen. Die Schönheit von allen Kulturen und Orientierungen ist hier sicht- und spürbar. Wie eine frische Brise - die Atmosphäre fühlt sich sehr bereichernd an und ich genieße die "Show".
Abends im Bett gehen ständig die Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Die ganze Nacht. Ich hatte vergessen, wie laut Städte sind.
14. August
Heute will ich zu einem Laden, der Sachen von Leuten der First Nations verkauft. Ich möchte unbedingt Mokkasins kaufen, aber das scheint in Toronto sehr schwierig zu sein. Online habe ich eine Stunde suchen müssen, um diesen Shop zu finden.
Ich hab heute schlechte Laune: es ist mir deutlich zu viel Stadt, zu wenige bekannte/vertraute Menschen (nämlich: gar keine) und es ist alles soooo weit voneinander entfernt! Und irgendwie gehen ständig Sachen schief, die mir noch mehr die Laune vermiesen. Ist echt erstaunlich, wie wunderbar sich das immer potenziert, wenn man einmal schlecht drauf ist...
Abends treffe ich Mike, einen Kanadier, den ich online getroffen habe. Ich bin etwas aufgeregt, ihn persönlich zu treffen - wer weiß, ob er nett ist oder meine Situation als Alleinreisende ausnutzt?
Tatsächlich ist Mike sehr nett, zeigt mir einige Straßen und Gegenden von Toronto. Unter anderem einen Laden, wo magic mushrooms verkauft werden: diese Läden sind eigentlich illegal, aber die lokale Polizei tolerieren die Läden. Nachdem ich ihn besser kennen gelernt hab, stimme ich zu, dass wir mit seinem Auto in die Hafengegend fahren - vorher war mir das zu gefährlich. Aber Mike ist wirklich nett und erzählt mir viel von seiner ehemaligen Heimat. Er staunt ständig, weil Toronto in den letzten 6-12 Monaten extrem viele Neubauten aufgebaut oder begonnen hat und viele alte Gebäude abgerissen wurden, um dafür Platz zu machen.
Gegen 1 Uhr bringt er mich zum Hotel, weil ich mittlerweile extrem müde bin. So viele Eindrücke und so viel Fußweg! ...und morgen fliege ich schon nach Europa...
Wir verabschieden uns und ich bin froh, so kurz vor take-off noch jemand Netten in Toronto kennengelernt zu haben. Es tat gut, in dieser großen Stadt wenigstens eine menschliche Verbindung aufzubauen.
15. August
Morgens fängt der Tag nicht so toll an: Ich habe einen meiner Lieblingsohrringe aus Neuseeland verloren. Es trifft mich heftig. Aber ich beschließe, nach ihnen zu suchen und meine Laune heute nicht einbrechen zu lassen!
Ich finde ein tolles Café, miete mir dann ein Fahrrad, um die Mokkasins im First-Nation-Laden zu kaufen (ca. 5km entfernt) und dann zu Fuß zurückzulaufen, um den Ohrring zu suchen. Ich freue mich wahnsinnig über die sonnengelben Mokkasins - aber den Ohrring finde ich leider nicht.
In einem thailändischen Restaurant mit einer tollen Atmosphäre, gutem Essen und einer süßen Liebesgeschichte genehmige ich mir mein letztes "kanadisches" Meal. Als ich auf die Bar schaue, den Barista sehe und country-Musik höre, erkenne ich die Schönheit Kanadas. Vielleicht wird der nächste Besuch leichter!
Auf dem Weg zum Flughafen erlebe ich noch ein fantastisches Desaster was die Öffis angeht, schwitze mir einen ab in der Hitze und mit meinem ganzen Gepäck - aber werde durch eine schöne Frau namens Timna gerettet.
Dann geht alles ganz schnell und eh ich mich versehen kann, sitze ich im Flieger nach Europa. Um 22.35 ist take-off!
Danke, Kanada! It was a hell of a ride, aber so lehrreich wie kein anderes Land. Ohne Plan, ohne Route, als leeres Blatt bin ich gekommen und als vollgeschriebenes Buch gehe ich.
Vielleicht auf bald!
(PS: Ich bin froh, dass ich dieses Essen nicht mehr ertragen muss!)もっと詳しく
#34 - Wärme
2024年8月16日〜18日, スペイン ⋅ ⛅ 28 °C
16. August
Nach 7,5 Stunden mit sehr vielen Turbulenzen landet der Flieger in Barcelona. Ich habe deswegen kein Auge zugetan. Nachdem wir gelandet sind bin ich schlagartig erleichtert:
- Turbulenzen überstanden
- in nächster Zeit steht kein Flug mehr an!!
- und ich bin super froh. Ich bin wieder in Europa!!!
Als ich im Shuttle in die Innenstadt von Barcelona tuckere, finde ich es krass, wie alt alles aussieht!
Ich realisiere gar nicht richtig, dass ich noch im fremdsprachigen Ausland bin. Es zählt irgendwie nicht. Weil alles so vertraut aussieht, im Vergleich zu Kanada, dass ich mich absolut Zuhause fühle. Und alle sind sehr freundlich. Vielleicht ist es meine fröhliche Ausstrahlung oder Barcelona?
Den Rest des Tages schlendere ich etwas durch die Gegend und falle gegen 22h absolut tot ins Bett. Ich war über 30 Stunden wach und dieser Tag war SO lang! (Toronto erkunden, fliegen, in Barcelona orientieren, erkunden)
17. August
Heute ist ein sehr wuseliger und trubeliger Tag. Es ist extrem warm und schwül. Ich habe mir ein Fahrrad vom Hostel gemietet, um mehr Viertel im riesigen Barcelona erkunden zu können. Und ich schwitze mir einen ab!
Ich sehe...
- ein Straßenfest und bekomme noch bessere Laune
- den Rand des Parks Güell - leider muss man mehrere Tage im Voraus buchen, sodass ich nicht reinkomme
- den Strand von Barcelona
- Paella im Hostel
Nach der Paella im Hostel, ist Party angesagt. Wir pilgern gemeinsam (ca. 15 Leute) zu einem anderen Hostel und trinken dort Sangria auf dem Dach. Ich lerne viele Leute kennen - und darunter nur eine Deutsche! Hammer.
Über die zwei Stunden formiert sich eine Gruppe aus einem strohblonden Ungarn, zwei Tunesierinnen die in Paris wohnen und einer Mexikanerin. Wir haben alle einiges gemeinsam und verstehen uns blendend.
Nachdem ungefähr 10x angekündigt wurde, dass wir in 5 Minuten weiterziehen werden, geht es dann endlich weiter in Richtung Straßenfest. Und die Straßen sind PICKEPACKE voll mit Menschen! Wir laufen zu einem DJ-Zelt und tanzen ein bisschen. Es hat immer noch 30 Grad - um 0.30h! Aber es macht wahnsinnig viel Spaß und ich genieße den tollen Vibe im nächtlichen Barcelona. Ich mag ja Nachtleben, aber alleine in einer fremden Stadt genehmige ich mir diesen Genuss nicht. In einer Gruppe ist es toll!
Gegen 3.30h sind wir alle wieder im Hostel, machen noch ein Selfie und gehen dann ins Bett. Morgen fahr ich schon wieder weiter!
17. August
Weil ich es nicht lange in Städten aushalte, habe ich schon die nächste Fahrt nach Frankreich gebucht. In Barcelona hätte ich es -wider Erwarten- deutlich länger ausgehalten. Ich komme definitiv wieder!
Ein Italiener vom Paella-Abend nimmt mich mit dem Auto mit in ein anderes Viertel. Dort erkunde ich noch etwas die Gegend und flitze dann mit einem Mietfahrrad durch die Hitze zurück. Oh man, ist das warm!
Es wird knapp mit dem Bus, weil ich die Entfernung falsch eingeschätzt habe. Aber es klappt zum Glück alles.
Kann ich nicht immer reisen? Denke ich, während ich im Bus Chips esse, zum Fenster rausschaue und mir vorkomme, als würde ich gespannt meinen Lieblingsfilm schauen. Ich liebe Bewegung!
Ich fahre nach Bordeaux, um meine Gedanken zur Reise zu sortieren und Schlüsse für meinen Alltag zu ziehen.
Den Rest der Reise werde ich nicht mehr schriftlich teilen, ggf. aber Bilder hochladen. Jetzt ist Zeit für Innenraum :-)
Vielen Dank, liebe:r Leser:in für's Mitfiebern, Mitlesen, Mitfühlen. Es war mir eine Ehre und auf bald in Person! <3もっと詳しく

































































































































































