• Maria Uhlig
  • Maria Uhlig

Baltikum & Skandinavien

Diesmal nur mit etwas Plan...und dann,dahin wohin die Nase mich führt.
Mit Zug und Bus durchs Baltikum
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  • Die „Geburtstagstorte Stalins“

    17 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 14 °C

    Wer in Riga unterwegs ist, kann sie unmöglich verfehlen: Plötzlich steht sie da, die sogenannte „Geburtstagstorte Stalins“. Eigentlich verbirgt sich hinter der monumentalen Fassade das Gebäude der Lettischen Akademie der Wissenschaften, aber der Spitzname trifft den Nagel auf den Kopf. Das Hochhaus sieht aus, als hätte jemand tonnenweise Beton und Machtfantasien zusammengerührt und oben eine eckige Spitze draufgesetzt.

    ​Solche Kolosse wurden in den 1950er-Jahren nicht aus akutem Platzmangel hochgezogen. Die Architektur sollte eine unmissverständliche Botschaft senden: groß, streng, symmetrisch und absolut einschüchternd.
    ​Nicht umsonst nennt man diesen Baustil auch stalinistischen Zuckerbäckerstil (sozialistischen Klassizismus). Es ist das architektonische Äquivalent zu einem überladenen Prunkkuchen, der jedem Betrachter sofort klarmachen sollte, wer hier die Macht hat. Verwandte Beton-Geburtstagskuchen dieser Art stehen als „Sieben Schwestern“ in Moskau oder als Kulturpalast in Warschau.

    ​In Riga wirkt der Riese zwischen den Epochen extrem seltsam: Eben läuft man noch durch gemütliche Altstadtgassen, bewundert filigranen Jugendstil oder schlendert über den quirligen Zentralmarkt – und plötzlich blickt man hoch zu diesem grauen Sowjet-Turm.
    ​Schön im klassischen Sinne? Definitiv nicht. Aber weggucken geht auch nicht. Genau deshalb passt das Gebäude perfekt hierher: Riga ist keine sterile Puppenstube, sondern trägt seine historischen Narben stolz und unübersehbar nach außen.
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  • Riga Marathon

    17 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 14 °C

    Kaum in Riga angekommen, steht die Stadt auch schon komplett kopf: Es ist Riga-Marathon-Wochenende! Gefühlt die halbe Stadt ist auf den Beinen – entweder im Laufschuh oder zum Anfeuern am Streckenrand. Direkt am Daugava-Ufer starten die unterschiedlichsten Distanzen vom 5-km-Lauf bis zur vollen Marathon-Distanz. 🏃‍♂️
    ​Eigentlich war mein Plan maximal entspannt: ein bisschen Altstadt angucken und gemütlich Kaffee trinken. Riga hatte andere Pläne: Überall Absperrungen, Horden von Läufern, laute Musik und diese ganz typische, absolut ansteckende Marathon-Stimmung!
    ​Das Event ist das größte Sportereignis im Baltikum und zieht ein riesiges, internationales Publikum an. Für mich hieß es heute: Reine Zuschauer-Perspektive! Und ganz ehrlich? Das ist eine verdammt gute Art, Riga kennenzulernen – nicht nur über steife Sehenswürdigkeiten, sondern mitten im prallen, sportlichen Leben!
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  • Zentralmarkt Riga

    17 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 14 °C

    Direkt hinter dem Bahnhof liegt der Zentralmarkt von Riga. Also eigentlich kann man ihn kaum übersehen — diese riesigen Hallen stehen da einfach mitten in der Stadt und wirken erstmal eher praktisch als hübsch.

    Die Hallen wurden in den 1920er-Jahren gebaut und Teile davon stammen wohl aus ehemaligen Zeppelin-Hangars. Was auch wieder typisch Riga ist: Geschichte steht hier nicht fein sortiert im Museum, sondern einfach mitten im Alltag herum.

    Drinnen gibt es dann alles. Fisch, Fleisch, Käse, Brot, Gemüse, Blumen, Honig, eingelegte Sachen — und natürlich Räucherfisch. Viel Räucherfisch. Es ist laut, ein bisschen chaotisch und nicht besonders Instagram-glattgebügelt. Aber dafür echt. Menschen kaufen hier wirklich ein, Händler räumen Kisten hin und her, irgendwo wird diskutiert, irgendwo riecht es sehr intensiv nach Fisch. Naja, Markt eben.
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  • Christi-Geburt-Kathedrale Riga

    17 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 15 °C

    Dann steht man plötzlich vor der Christi-Geburt-Kathedrale — und sie sieht schon sehr nach „hier kommt jetzt orthodoxe Pracht“ aus. Goldene Kuppeln, helle Fassade, viel Rundung, viel Glanz. Nach all dem Jugendstil, den breiten Straßen und den eher grauen Ecken Rigas wirkt sie fast ein bisschen wie aus einer anderen Welt.

    Die Kathedrale wurde im 19. Jahrhundert gebaut, als Riga zum Russischen Reich gehörte. Und das sieht man ihr natürlich auch an. Sie ist eine russisch-orthodoxe Kirche, also wieder eine dieser historischen Schichten, die Riga überall mit sich herumträgt.

    Spannend ist auch, was in der Sowjetzeit mit ihr passiert ist. Da wurde sie nicht mehr als Kirche genutzt, sondern zeitweise als Planetarium und Café. Also aus einer Kathedrale wurde einfach mal ein Ort für Sterne, Wissenschaft und Kaffee. Irgendwie absurd, aber auch naja besser als Zerstörung.

    Heute ist die Kathedrale wieder ein Gotteshaus. Innen ist sie ziemlich eindrucksvoll — viel Gold, Ikonen, Kerzen, dieser typische orthodoxe Kirchenraum.
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  • Streifzug durch Riga

    18 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 15 °C

    Riga fuhr heute wettertechnisch das Vollprogramm auf: Von strahlendem Sonnenschein bis zu Weltuntergangs-Starkregen war im stündlichen Wechsel alles dabei. Mein treuer Begleiter? Der ständige Wechsel von Sonnenbrille und Kapuze. 🕶️🌧️
    ​Um das heutige Riga zu verstehen, muss man wissen, dass die Stadt ab ihrer Gründung 1201 durch den deutschen Bischof Albert von Buxthoeven ein echter Schmelztiegel war. Strategisch genial an der Daugava-Mündung platziert, wurde Riga als Hansemitglied durch den Handel mit Pelzen, Wachs und Holz steinreich. Über Jahrhunderte prägte eine elitäre, deutschsprachige Oberschicht aus Kaufleuten in mächtigen Gilden das Stadtbild.

    ​Genau so einer Gilde verdanken wir eine der skurrilsten Storys der Stadt: das berühmte Katzenhaus (Kaķu nams). Schaut man an der gelben Fassade hoch, sieht man auf den Turmspitzen zwei schwarze Metallkatzen, die einen wütenden Buckel machen.
    ​Dahinter steckt feinster historischer Beef: Ein reicher lettischer Kaufmann wurde von der elitären „Großen Gilde“ abgelehnt. Aus Protest baute er direkt gegenüber dieses Haus und montierte die Katzen so, dass sie ihr Hinterteil samt hochgestrecktem Schwanz exakt in Richtung der Fenster des Gilde-Chefs streckten! Nach einem fetten Rechtsstreit wurde er schließlich aufgenommen und die Katzen gnädigerweise umgedreht. Reiches-Leute-Trolling im frühen 20. Jahrhundert – ich liebe es! 🐈‍⬛ Up-and-Downs der Geschichte: Später wurde Riga unter den Schweden sogar zur größten Stadt des schwedischen Reiches (weit vor Stockholm!), bevor sich Zar Peter der Große das Baltikum schnappte.

    ​Mitten im Zentrum ragt eine elegante Dame stolz über all diese historischen Schichten: Milda, das offizielle Freiheitsdenkmal. Ganz oben auf der 43 Meter hohen Säule reckt sie drei goldene Sterne in den Himmel, die für die historischen Kulturregionen Lettlands stehen: Kurland, Livland und Lettgallen.
    ​Eingeweiht 1935 während der ersten Unabhängigkeit, überstand das Denkmal die spätere Sowjetzeit nur durch eine dreiste Umdeutung: Die Besatzer deklarierten die drei Sterne kurzerhand als Symbol für die baltischen Sowjetrepubliken, um es nicht sprengen zu müssen. Als ich heute davor stand, riss der Himmel kurz auf und die Sterne blitzten in der Sonne auf. Ein unheimlich mächtiges Symbol für den lettischen Freiheitswillen!
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  • Domplatz und Stadtmusikanten

    18 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 16 °C

    Als der nächste fiese Schauer runterkam, flüchtete ich unter die Arkaden des riesigen Domplatzes. Der gigantische Backsteindom, gegründet 1211, ist der größte Kirchenbau des Baltikums. Das absolute Highlight versteckt sich drinnen: eine der größten mechanischen Orgeln der Welt mit über 6.700 Pfeifen! 🎹

    ​Nach dem Regen ging es vorbei am alten Pulverturm – dem einzigen erhaltenen Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung, in dem früher das Schießpulver lagerte.
    ​Direkt hinter der St. Petri-Kirche steht dann ein Denkmal, bei dem man sich erst mal die Augen reibt: Die Bremer Stadtmusikanten! Esel, Hund, Katze und Hahn – originalgetreu aufeinandergestapelt.
    ​Was machen die Jungs ausgerechnet in Lettland? Bremen ist seit den 1980er-Jahren Rigas Partnerstadt. Doch das Denkmal, das 1990 mitten in der Unabhängigkeitsbewegung aufgestellt wurde, hat eine tiefere politische Ebene: Die Tiere schauen hier durch einen eisernen Spalt in einer Mauer hindurch – eine Parodie auf den Eisernen Vorhang und der mutige Blick in die Freiheit.
    ​Touristenglaube: Wer die Nase des Esels berührt, hat einen Wunsch frei. Da sie glänzt wie eine Speckschwarte, haben das vor mir schon Millionen versucht. Ich habe zur Sicherheit auch mal drübergewischt!
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  • Schwarzhäupterhaus und Weihnachtsbaum

    18 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 16 °C

    Wer auf dem Rathausplatz steht, braucht erst mal eine Sonnenbrille, um diesen absoluten Farbflash zu verdauen: das Schwarzhäupterhaus (Melngalvju nams). Mit seiner knallroten, reich verzierten Prachtfassade gehört es zu den absoluten Highlights des Baltikums.

    ​Doch wer waren die Schwarzhäupter? Im 14. Jahrhundert schlossen sich in Riga unverheiratete, ausländische Kaufleute zu dieser Bruderschaft zusammen – kurz: junge, reiche Junggesellen auf Karriere- und Geldjagd. Ihr Schutzpatron war der heilige Mauritius, ein mauretanischer Märtyrer mit dunkler Hautfarbe. Daher der Name Schwarzhäupter, dessen Kopf bis heute das Wappen ziert.
    ​Das Haus war ab dem 15. Jahrhundert ihr Hauptquartier. Neben Geschäften wurde hier vor allem exzessiv gefeiert, getrunken und getanzt. Sogar die russischen Zaren Peter der Große und Katharina die Große feierten hier mit den Jungs die Nächte durch.

    ​Dass das Gebäude heute so makellos dasteht, grenzt an ein Wunder: 1941 wurde das Original aus dem Jahr 1334 durch deutsche Bomben zerstört. 1948 sprengten die Sowjets die Ruinen komplett weg. Erst zum 800-jährigen Stadtjubiläum Rigas (1996–1999) wurde das Haus anhand alter Pläne originalgetreu wieder aufgebaut. An der Fassade prangt seither stolz der historische Spruch: „Sollte ich jemals einstürzen, so erbaut mich von Neuem!“

    ​Direkt auf dem Pflaster vor dem Haus erinnert eine unscheinbare Steinplatte an meinen absoluten Lieblings-Fact: „Der erste Weihnachtsbaum in Riga im Jahre 1510.“ Die Legende besagt, dass die Schwarzhäupter im Winter 1510 eine Tanne auf den Markt schleppten, sie mit Papierblumen und Früchten schmückten, darum tanzten und sie am Ende verbrannten – die Geburtsstunde des geschmückten Weihnachtsbaums!
    ​Der ewige Beef: Die estnische Nachbarstadt Tallinn behauptet steif und fest, sie hätten schon 1441 einen Baum aufgestellt. Riga kontert trocken: „Ja, aber eurer stand drinnen in der Gilde, unserer war der erste geschmückte Baum für ALLE draußen auf dem Markt!“ Ein herrlich schräger Streit, der jedes Jahr im Dezember neu entflammt.
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  • Von Riga nach Tallinn

    19 Mayıs, Letonya ⋅ ☁️ 17 °C

    Der Tag beginnt mit einem Labrīt (Guten Morgen) in Riga, gefolgt von einem echten Schienen-Marathon: Knappe sieben Stunden Zugfahrt stehen an, um von Lettland nach Estland zu reisen. Nach Tagen des Pflastertretens tut es aber verdammt gut, einfach stundenlang aus dem Fenster zu schauen.

    ​Die Route führt von Riga gemütlich Richtung Nordosten über Sigulda (das Wintersport-Tor zum Gauja-Nationalpark), Cēsis und Valmiera direkt auf die estnische Grenze zu. Draußen zieht die klassische baltische Kulisse vorbei: unendliche Wälder, weite Felder und ganz viel unberührte Gegend. Unterwegs teile ich mir das Abteil mit einem sympathischen Ehepaar aus Australien. Bei sieben Stunden Fahrt hat man genug Zeit zum Quatschen – vor allem über das Reisen und die Tatsache, dass man in Australien wegen der gigantischen Distanzen dann doch eher das Flugzeug nimmt.

    ​In Cēsis wird die Idylle plötzlich unterbrochen: Ein längerer Halt von 50 Minuten zwingt alle Passagiere aus dem Zug. Fast zeitgleich schrumpfen die Pupillen, als auf den Smartphones lautstark die staatlichen Warnmeldungen losgehen. Ob Drohnenalarm, Militärübung oder irgendetwas dazwischen – so richtig weiß im Zug niemand Bescheid. Eine lettische Mitreisende meint nur trocken: „Der Ort ist verflucht, hier ist irgendwie immer was.“ Immerhin: Dank der lettischen Warn-App der Einheimischen wird sofort übersichtlich angezeigt, wo sich die nächsten Bunker befinden und wie man sich bei einem Raketenangriff verhalten soll. Das schöne, alte Bahnhofsgebäude hätte im Ernstfall wohl ohnehin nur bedingt Schutz geboten. Man merkt an solchen Momenten eben doch sehr direkt, wie nah man hier der geopolitischen Bruchlinie und der Grenze zu Russland ist. Lettland nimmt seine Verteidigung und den Zivilschutz – inklusive moderner Raketenabwehrsysteme – verständlicherweise extrem ernst.
    ​Am Ende geht alles gut aus, der Zug rollt weiter und der Puls beruhigt sich wieder. Nächster Halt: Estland!
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  • Etappe 2 Riga - Tallinn

    19 Mayıs, Estonya ⋅ ⛅ 25 °C

    Weiter geht es bis Valga – oder Valka, je nachdem, auf welcher Seite der Grenze man steht. Die Stadt ist eine echte Kuriosität: Eine Hälfte gehört zu Lettland, die andere zu Estland. Früher gab es mitten im Ort Grenzkontrollen, heute läuft man einfach unbemerkt von einem Land ins andere.
    ​Für mich heißt es hier: Umsteigen! Durch die Verspätung wird es kurz etwas wirr (Bus? Doch Zug?). Am Ende steht er aber da: der estnische Elron-Zug – orange, schnittig und als Extra-Ersatz für uns eingerollt, weil der Anschluss natürlich nicht warten konnte. Während des Wartens habe ich die Sonne genossen und mir prompt den nächsten Sonnenbrand abgeholt.

    ​In Valga zeigt sich wieder: Auch wenn das Baltikum auf der Karte eine Einheit ist, kocht beim Bahnverkehr jedes Land sein eigenes Süppchen. Es ist der gleiche Spurwechsel-Zauber wie in Litauen, inklusive Betreiber- und Zugwechsel: Raus aus dem lettischen Zug, einmal über den Bahnsteig, rein in den estnischen.
    ​Ab hier läuft die zweite Runde des Schienen-Roadtrips Richtung Norden. Wir rollen vorbei an Tartu, der alten Universitätsstadt und Kulturhauptstadt Estlands, wo meine australischen Reisebegleiter aussteigen. Für mich geht es immer weiter durch die estnische Landschaft, bis der Zug am Abend schließlich im Zielbahnhof einläuft: Tallinn!
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  • 🚢🇪🇪 Tere, Tallinn!

    19–22 May, Estonya ⋅ ⛅ 18 °C

    Nach Litauen und Lettland hat mich meine Reise nun in das nördlichste Land des Baltikums katapultiert: Estland! Und eins merkt man sofort: Hier ticken die Uhren anders. Estland blickt stolz Richtung Skandinavien – Finnland ist schließlich nur eine kurze Fährfahrt entfernt. Das Land ist weltbekannt für seine radikale Digitalisierung (hier wurde Skype erfunden) und begeistert mit einer Mischung aus Mooren, unberührter Natur und hypermodernem Lifestyle.

    ​Die Hauptstadt Tallinn setzt dem Ganzen die Krone auf. Für die kommenden Tage stehen hier ein paar absolute Highlights auf meinem Blog-Plan:
    ​Die mittelalterliche Altstadt (Vanalinn): Ein perfekt erhaltenes UNESCO-Weltkulturerbe, das an Ritter und Burgfräulein erinnert.
    ​Das Trendviertel Telliskivi: Eine alte sowjetische Fabrikstadt, die heute als kreatives Herz Tallinns voller Street-Art, Bars und Design-Shops steckt.
    Das Barockschloss Katharinental (Kadriorg): Ein wunderschöner Palast samt Park, den einst Zar Peter der Große errichten ließ.

    ​Nach dem Einchecken hieß es für mich erst mal: Beine vertreten und Seeluft schnuppern an der neuen Hafenpromenade. Hier wird sofort klar, dass Tallinn das Tor zur Ostsee ist. Am Pier ragten gigantische Kreuzfahrtschiffe wie schwimmende Kleinstädte empor.
    ​Während die Wellen leise gegen die Steine klatschten und die großen Fähren Richtung Helsinki aufbrachen, breitete sich am Horizont ein absolut epischer Sonnenuntergang aus. Der Himmel brannte in tiefem Rosa und Orange und spiegelte sich perfekt im weiten Meer.
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  • Tallinns Altstadt

    20 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 11 °C

    Nach dem epischen Sonnenuntergang gestern ging es heute direkt hinein ins Herz von Tallinn (allerdings bei anfänglich trüben Wetter): in die mittelalterliche Altstadt (Vanalinn). Wer hier durch die Tore tritt, landet ohne Übertreibung mitten im 15. Jahrhundert. Tallinn besitzt eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Befestigungsanlagen Europas – inklusive meterdicker Stadtmauern und über 20 klobigen Wehrtürmen, die aussehen wie frisch aus einer Ritter-Doku. 🏰⚔️

    ​Die Geschichte von Tallinn ist im Grunde eine Story über zwei Welten, die sich jahrhundertelang absolut nicht riechen konnten:
    ​Der Domberg (Toompea): Hier oben thronte die adlige, deutsch-baltische Oberschicht. Streng, glanzvoll und mit bestem Blick nach unten.
    ​Die Unterstadt: Unten in den Gassen regierten die fleißigen Kaufleute der Hanse. Sie scheffelten mit Pelzen, Salz und Salzheringen unendlich viel Kohle und machten Tallinn zu einem der wichtigsten Handelslager der Ostsee.
    ​Das Ganze ging so weit, dass man die Verbindungstreppen zwischen Ober- und Unterstadt nachts durch schwere Tore verriegelte, damit das „einfache Volk“ den Adligen nicht die Silberlöffel klaute. Heute ist der Domberg zum Glück für alle offen – und bietet von Aussichtsplattformen wie Kohtuotsa den absolut besten Postkartenblick über die roten Dächer der Stadt.

    ​Ein absolutes Must-See am historischen Rathausplatz ist die Ratsapotheke (Raeapteek). Sie wurde 1422 das erste Mal urkundlich erwähnt und ist damit die älteste durchgehend geöffnete Apotheke Europas!
    ​Früher konnte man hier ziemlich schräge Medizin kaufen: pulverisierte Fledermausflügel, getrocknete Krötenhaut oder frisches Hirschgeweih gegen Liebeskummer. Und jetzt kommt mein Lieblings-Fact, bei dem Tallinn schon wieder im Dauerclinch liegt (nach dem Weihnachtsbaum-Beef mit Riga!): Die Esten behaupten steif und fest, dass genau hier in dieser Apotheke das Marzipan erfunden wurde – und zwar ursprünglich als Heilmittel gegen chronischen Herzschmerz und schlechte Laune. Die Deutschen aus Lübeck sehen das natürlich anders, aber ganz ehrlich: das Marzipan schmeckt in beiden Städten gut.
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  • Alexander-Nevsky-Kathedrale

    20 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 12 °C

    ​Wenn man den Domberg (Toompea) hinaufschlendert, läuft man direkt auf einen architektonischen Giganten zu, der so gar nicht in das restliche, eher skandinavisch-mittelalterliche Bild von Tallinn passen will: die Alexander-Nevsky-Kathedrale.
    ​Mit ihren wuchtigen, tiefschwarzen Zwiebeltürmen, den strahlend weißen Mauern und den opulenten Mosaiken ist sie ein absolutes Meisterwerk des historisierenden russisch-orthodoxen Stils. Aber so wunderschön die Kathedrale auch fotogen im Licht glänzt – das Verhältnis der Esten zu diesem Prachtbau ist, gelinde gesagt, extrem kompliziert. 😬

    ​Eingeweiht wurde die Kathedrale im Jahr 1900. Zu dieser Zeit gehörte Estland zum Russischen Kaiserreich, und Zar Alexander III. drückte im Zuge einer radikalen Russifizierungspolitik ordentlich aufs Gas. Das Gebäude wurde ganz bewusst prominent auf dem Domberg platziert – und das direkt gegenüber dem estnischen Schloss (wo heute das Parlament sitzt).
    ​Für die Esten war die Kirche von Tag eins an kein reines Gotteshaus, sondern ein unübersehbares, architektonisches Machtstatement aus St. Petersburg. Sie sollte unmissverständlich klarmachen, wer hier das Sagen hat.

    ​Nachdem Estland 1918 das erste Mal unabhängig wurde, war der Frust über das „Symbol der Unterdrückung“ so groß, dass das Parlament 1924 tatsächlich den kompletten Abriss der Kathedrale beschloss! Die Sprengung war quasi schon geplant, scheiterte am Ende aber glücklicherweise an den immensen Kosten und logistischen Problemen.
    ​Auch die spätere Sowjetzeit überstand die Kirche nur knapp – zwischenzeitlich dachten die Funktionäre darüber nach, das Gebäude in ein Planetarium umzuwandeln.

    ​Heute ist die Kathedrale tipptopp restauriert und aus keinem Tallinn-Reiseführer mehr wegzudenken. Die Touristen lieben das Gebäude für seine Fotogenität und den wunderschönen Chorgesang im Inneren (ich muss sagen, mit Kirche hat es nix mehr zu tun... so viele Touristengruppen wie da rein und raus rennen).
    ​Und die Esten? Sie haben sich zähneknirschend mit dem Riesen arrangiert. Sie sehen sie heute als historischen Teil des „Blätterteigs“ ihrer Stadtgeschichte, auch wenn die Kathedrale – gerade mit Blick auf die aktuelle Geopolitik – für viele immer noch ein etwas unbequemes Symbol russischer Dominanz bleibt.
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  • Das angespannte Verhältnis zu Russland

    20 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 12 °C

    ​Wer durch die Altstadt schlendert, läuft in der Pikk-Straße unweigerlich gegen eine Wand aus Protest: Direkt vor der russischen Botschaft wurde der Absperrzaun in ein emotionales Mahnmal aus Ukraine-Flaggen, Antikriegs-Plakaten und Plüschbären verwandelt. Ein einziger Blick reicht, um das tief zerrüttete Verhältnis zum großen Nachbarn zu begreifen.
    ​Für die Esten ist die Bedrohung im Osten keine abstrakte Nachricht, sondern Familiengeschichte. Fast fünf Jahrzehnte sowjetischer Besatzung und Deportationen haben tiefe Wunden hinterlassen. Seit dem Ukraine-Krieg sitzt der Schock tief: Die Angst vor einem russischen Zugriff aufs Baltikum fährt im Alltag permanent im Hinterkopf mit (wie wir ja gestern selber erlebt haben).
    ​Estlands Reaktion ist kompromisslos: Massiver Ausbau der Verteidigung im NATO-Bündnis, die Verbannung sowjetischer Denkmäler und eine radikale Umstellung des Schulsystems auf rein Estnisch. Gleichzeitig ist das Ganze ein sensibler Balanceakt, denn knapp ein Viertel der Bevölkerung im Land ist russischsprachig.
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  • Telliskivi

    20 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 13 °C

    ​Nach dem ganzen Mittelalter-Prunk ging in ein Viertel, das den krassen, modernen Kontrast Tallinns perfekt auf den Punkt bringt: Telliskivi (übersetzt: „Backstein“).
    ​Wo zu Sowjetzeiten in riesigen, grauen Hallen noch Transformatoren und Eisenbahnteile zusammengeschraubt wurden, pulsiert heute das kreative Herz der Stadt. Die alten Fabrikruinen wurden komplett auf links gedreht und in eine „Creative City“ voller Start-ups, Ateliers, Design-Shops und Street-Art verwandelt. 🎨💻

    ​Das absolute Flaggschiff des Viertels ist das Fotografiska – der Ableger des berühmten schwedischen Fotomuseums. Da musste ich natürlich rein! Die Ausstellungen sind absolute Weltklasse und die Atmosphäre in dem rohen Industrie-Ambiente ist einfach genial. Wer Fotografie liebt, kommt an diesem Ort in Tallinn unmöglich vorbei.

    ​Auch abseits der Fotos ist das Viertel ein Traum: In den Hallen verkaufen junge estnische Designer minimalistische Mode und Upcycling-Schmuck.
    ​Direkt nebenan liegt der Balti Jaam Turg (Bahnhofsmarkt) – eine hypermoderne Markthalle, in der hippe Street-Food-Buden auf urige Omas-Gemüsestände treffen. Mein kulinarisches Highlight zum Tagesabschluss: Ein lokales Craft-Beer im Restaurant Peatus, das original in zwei ausrangierten Sowjet-Eisenbahnwaggons direkt auf den Schienen zwischen den Hallen untergebracht ist.
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  • Wasserflugzeuge und Co

    20 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 13 °C

    Mein Weg führte mich später an die Küste zum Lennusadam (dem Wasserflugzeughafen), einem Teil des Estnischen Meeresmuseums. Schon von Weitem sticht der Backsteinschornstein mit der Aufschrift Merekindlus (Meeresfestung) ins Auge. Das Museum selbst befindet sich in einem architektonischen Meilenstein: einem gigantischen, säulenlosen Hangar für Wasserflugzeuge aus dem Jahr 1916. ⚓️🏗️

    ​Der Hangar ist spektakulär inszeniert – man läuft auf Stegen durch eine schummrige Unterwasserwelt, während über einem echte Flugzeuge an der Decke hängen. Man lernt hier viel, beispielsweise etwas über Estlands maritime Seele: Das Museum zeigt extrem interaktiv, wie intensiv die estnische Geschichte mit der Ostsee verwoben ist – von alten Handelsrouten bis zur modernen Schifffahrt.
    Ebenso wandelt man auf Militärische Spuren: Der Komplex war ursprünglich Teil von Zar Peters des Großen Seefestung. Man begreift schnell, wie umkämpft dieser strategische Ostsee-Posten über die Jahrhunderte war.

    ​Das absolute Prachtstück mitten in der Halle ist die Lembit – ein britisches U-Boot aus den 1930er-Jahren, das für die estnische Marine gebaut wurde. Das Geniale: Man kann durch die originale, klaustrophobisch enge Luke hineinklettern! Drinnen bekommt man sofort ein Gefühl dafür, wie extrem der Alltag der Crew auf engstem Raum zwischen Torpedos und Motoren gewesen sein muss.
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  • VR-Steampunk und Saunadorf

    20 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 13 °C

    ​Gleich nebenan im hippen Noblessner-Viertel – einer alten U-Boot-Werft direkt am Meer – warten zwei absolute Kontrastprogramme. Erst ging es ins PROTO-Entdeckerzentrum, das in einer riesigen, alten Gießereihalle untergebracht ist. Der Ort ist ein genialer Steampunk-Spielplatz, der historische Erfindungen aus der Ära von Jules Verne mit hypermoderner Virtual Reality mixt. Du setzt einfach die VR-Brille auf und fliegst plötzlich im Heißluftballon durch die Wolken oder tauchst in einem nostalgischen U-Boot ab. Das macht selbst als Erwachsener unendlich viel Spaß (man muss sich nur erstmal an diese VR Dinger gewöhnen) und zeigt spielerisch, wie die Wissenschaftler vor über hundert Jahren die Zukunft sahen. 🕶️✨
    ​Danach ging es direkt weiter in den stylischen Iglupark. Das ist ein kleines Saunadorf aus komplett mit Holzschindeln verkleideten Hütten, die wie futuristische Iglus direkt am Meer stehen. In Estland ist die Sauna ja ein absolut heiliges Kulturgut. Das Prinzip hier ist so einfach wie genial: Erst schwitzt du gemütlich bei bestem Ausblick durch das Panoramafenster auf die Wellen, und danach springst du zur Abkühlung direkt vom Holzsteg aus in die eiskalte Ostsee.
    Wer will kann auch in den Iglus arbeiten.
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  • Linnahall: Sowjet-Monster mit Meerblick

    20 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 12 °C

    ​Direkt an der Küste, unweit der Altstadt, stolpert man über ein absolut monumentales Stück Betongeschichte: die Linnahall (ursprünglich Wladimir-Iljitsch-Lenin-Palast für Kultur und Sport). Das riesige, flache Bauwerk wirkt wie eine Mischung aus einer aztekischen Stufenpyramide und einem gigantischen, bunkerartigen Raumschiff, das jemand direkt am Meer geparkt hat. 🏗️🛸

    ​Gebaut wurde dieser massive Betonkoloss im brutalistischen Stil für ein ganz bestimmtes Event: die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Da das landumschlossene Moskau schlecht Segelwettbewerbe austragen konnte, wurde Tallinn kurzerhand zum offiziellen Olympia-Austragungsort für die Regatten ernannt.
    ​Die Sowjets wollten der Welt zeigen, was sie architektonisch draufhaben. Die Linnahall wurde so konstruiert, dass sie flach bleibt, um den historischen Blick von der Ostsee auf die Kirchtürme der Altstadt nicht zu verdecken. Drinnen gab es eine riesige Eishalle und einen Konzertsaal für über 4.000 Menschen.

    ​Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam der schleichende Verfall. Die Instandhaltung des riesigen Komplexes war schlicht unbezahlbar. Heute steht die Linnahall seit Jahren leer und verottet still vor sich hin – zumindest im Inneren.
    ​Von außen haben sich die Tallinner das Gebäude nämlich längst zurückgeholt. Die riesige Betonkonstruktion ist heute eine gigantische Open-Air-Leinwand für Graffiti-Künstler und ein absolut beliebter Treffpunkt. Man kann die breiten Betonstufen bis ganz nach oben auf das Dach spazieren. Von dort hat man einen grandiosen, unverbauten Blick auf die einlaufenden Helsinki-Fähren und das offene Meer.
    ​Schön im klassischen Sinne ist dieses rohe, besprühte Betonmonster definitiv nicht. Aber als historisches Denkmal des Brutalismus hat der Ort eine unglaublich faszinierende, melancholische Atmosphäre.
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  • Barock-Prunk, Ostseestrand und schützender Engel

    21 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 12 °C

    Der heutige Tag startete herrschaftlich: Zuerst ging es zum wunderschönen Schloss Katharinental (Kadriorg). Zar Peter der Große ließ diesen prachtvollen barocken Palast samt riesiger Parkanlage im frühen 18. Jahrhundert für seine Ehefrau Katharina I. errichten. Heute flaniert man hier zwischen perfekt getrimmten Hecken, plätschernden Brunnen und Blumenbeeten.

    Nach so viel royalem Prunk brauchte ich erst mal eine Brise Seeluft. Nur ein kurzer Spaziergang durch den Park, und schon stand ich direkt am Strand von Pirita. Der feine Sandstrand ist im Sommer der absolute Hotspot der Tallinner. Heute hieß es einfach: Schuhe aus, die Zehen ins erfrischende Ostseewasser stecken, den einlaufenden Fähren hinterhergucken und durchatmen. Achja...und Möwen beobachten...

    Direkt an der Promenade stößt man auf die monumentale Bronzestatue: einen wunderschönen, sanft blickenden Engel, der ein goldenes Kreuz Richtung Meer emporstreckt. Das Russalka-Denkmal ist einer der emotionalsten Orte der Stadt und erzählt eine tragische Geschichte. ⚓️💔

    Die traurige Legende: Das Monument wurde 1902 vom estnischen Bildhauer Amandus Adamson geschaffen. Es erinnert an den Untergang des russischen Kriegsschiffs Russalka (was übersetzt „Meerjungfrau“ bedeutet). Das Panzerschiff sank 1893 während eines heftigen Herbststurms auf dem Weg von Tallinn nach Helsinki. Alle 177 Besatzungsmitglieder verloren in den eisigen Fluten der Ostsee ihr Leben.

    Der Engel steht exakt so ausgerichtet, dass sein Blick und das goldene Kreuz auf die Stelle im Meer zeigen, an der das Wrack damals vermutet wurde. Für die Einheimischen ist der Ort bis heute ein wichtiges Symbol: Frisch verheiratete Paare bringen hier traditionell Blumen für viel Glück im Ehehafen vorbei.
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  • Getrocknete Kröten und Marzipan: die Ratsapotheke

    21 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 14 °C

    Gestern hab ich es schon kurz erwähnt, heute war ich direkt drin: mich zog es direkt wieder zurück auf den Rathausplatz und hinein in die Ratsapotheke (Raeapteek). Gestern hatte ich ja schon kurz die skurrilen Heilmittel angerissen – aber wenn man sich in dem kleinen, kostenlosen Museum im hinteren Raum der Apotheke umschaut, staunt man doch sehr. Hier taucht man ungefiltert in die schaurig-schöne Welt der mittelalterlichen Medizin ein. 🧪👀

    In den alten Vitrinen und Schubladen liegt das pure Grauen für jeden modernen Arzt. Im Mittelalter glaubte man fest an die „Signaturlehre“ – also dass Dinge, die eklig oder stark sind, auch starke Krankheiten bekämpfen können (naja, schon als Kind habe ich oft gehört: "Medizin die schmeckt, hilft nicht"). Was man in der Ausstellung alles bestaunen kann:

    Getrocknete Kröten und Igel: Beliebte Zutaten, um böse Geister oder das Fieber aus dem Körper zu treiben.

    Wolfsorgane und Hirschpenisse: Galten als absolute Power-Medizin für Kraft und Männlichkeit.

    Pulverisierte Schalen von Schlangeneiern: Wurden fleißig gegen die Pest gemischt. 🐍

    Echter Rindergallen-Wein: Ein absoluter Allrounder für Magenbeschwerden (schmeckt vermutlich noch schlimmer, als es klingt).

    Besonders skurril ist das sogenannte Klarett – ein mit brennenden Gewürzen versetzter, süßer Wein, den die Ratsherren damals literweise direkt in der Apotheke kippten. Eigentlich als Magenbitter gedacht, wurde die Apotheke so am Wochenende schnell mal zum inoffiziellen Party-Hotspot des Stadtparlaments.

    Und dann steht man vor den historischen Holzformen für das berühmte Marzipan. Die Ausstellung erzählt die wunderbare Anekdote, wie der Lehrling Jaan die süße Mandel-Zucker-Masse erfand, weil der kranke Ratsherr eine Medizin verlangte, die „nicht so bitter schmeckt“.
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  • Kiek in de Kök & die Bastionsgänge

    21 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 14 °C

    Nach den schrägen Pillen der Ratsapotheke ging es heute direkt zum nächsten geschichtsträchtigen Giganten der Altstadt: dem Kiek in de Kök. Der Name ist plattdeutsch und bedeutet so viel wie „Guck in die Küche“ – weil die Soldaten von dem fetten, 38 Meter hohen Kanonenturm früher sprichwörtlich durch die Schornsteine direkt in die Töpfe der Bürgerhäuser schauen konnten. 👁️🍳

    Heute versteckt sich hinter den meterdicken Mauern Erlebnismuseum. In den oberen Stockwerken steht man mitten in einer imposanten Waffenschau: Riesige Kanonen, zentnerschwere Steinkugeln und Rüstungen zeigen hautnah, wie Tallinn sich über die Jahrhunderte verteidigt hat. Der Aufstieg über die steilen Wendeltreppen lohnt sich aber allein schon für den grandiosen Rundumblick aus den Schießscharten über die gesamte Altstadt.

    Das eigentliche Highlight und absolut sehenswert wartete jedoch tief unter der Erde: die mysteriösen Bastionsgänge (Bastionikäigud). Dieses unterirdische Tunnelsystem wurde im 17. Jahrhundert von den Schweden gebaut, um Soldaten und Munition im Falle eines Angriffs unbemerkt zu verlagern. Man schnappt sich eine Jacke (denn hier unten herrschen konstant frische 7 bis 10 Grad! aber draußen regnet es eh schon wieder - also hab ich auch ne Jacke mit) und steigt hinab in eine völlig andere Welt. Die Gänge wurden über die Jahrhunderte immer wieder neu genutzt:

    Während des Zweiten Weltkriegs und im Kalten Krieg wurden die alten Gänge zu modernen Luftschutzbunkern umgebaut. Man läuft vorbei an originalen dicken Stahltüren, alten Funkstationen, Gasmasken-Vitrinen und Belüftungsanlagen. Es ist extrem beklemmend zu sehen, wie sich die Stadt hier unten auf einen atomaren Ernstfall vorbereitet hat (Achso der Bunker war natürlich nicht für die normale Bevölkerung).

    Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1980er- und 90er-Jahren holte sich die Tallinner Jugend die verlassenen Tunnel zurück. Die Gänge wurden zur geheimen Party-Location und zum Zufluchtsort für die lokale Punk- und Underground-Szene.
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  • Die Dicke Margarethe: Tallinns wehrhafter Brocken

    21 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 13 °C

    Direkt am nördlichen Eingang zur Altstadt steht ein weiteres, absolut unübersehbares Monument der Stadtbefestigung: die Dicke Margarethe (Paks Margareeta). Wenn man vor diesem gewaltigen, runden Turm steht, versteht man sofort, woher er seinen charmanten Spitznamen hat. Mit gut 25 Metern Durchmesser und meterdicken Mauern ist der fette Brocken das perfekte Gegenstück zum hohen, schlanken Kiek in de Kök.

    Erbaut wurde der Turm im frühen 16. Jahrhundert direkt neben dem Großen Strandtor. Die Lage war strategisch extrem wichtig: Die Dicke Margarethe sollte nicht nur die Stadt vor Angreifern schützen, sondern vor allem Eindruck auf die Seefahrer machen, die im Hafen anlegten. Sie war das stolze, wehrhafte Aushängeschild der reichen Hansestadt Tallinn.

    Woher der Name „Margarethe“ genau kommt, ist übrigens bis heute ein kleines Geheimnis der Stadtgeschichte. Die wohl populärste Anekdote besagt, dass der Turm nach einer besonders resoluten, kräftigen Köchin benannt wurde, die hier einst die Soldaten bekochte. Eine andere Theorie meint, es lag schlicht an den riesigen, fetten Kanonen, die aus den Schießscharten ragten.

    Im Laufe der Jahrhunderte diente der Koloss übrigens für so ziemlich alles: Er war Waffenlager, Kaserne und im 19. Jahrhundert sogar ein berüchtigtes Gefängnis.

    Heute beherbergt die Dicke Margarethe einen weiteren Teil des Estnischen Meeresmuseums – und der Besuch lohnt sich absolut! Während man sich über Treppen durch die runden Stockwerke des Turms nach oben arbeitet, reist man chronologisch durch die maritime Geschichte des Landes.

    Das unbestrittene Herzstück der Ausstellung ist das Wrack einer mittelalterlichen Hanse-Kogge. Das sensationell gut erhaltene Holzschiff wurde erst vor wenigen Jahren bei Bauarbeiten im Tallinner Stadtteil Kadriorg im Boden entdeckt und mühsam restauriert. Wenn man vor diesem gigantischen Holzskelett steht, bekommt man eine Gänsehaut und begreift sofort, wie die Kaufleute damals die stürmische Ostsee erobert haben. Daneben gibt es jede Menge interaktive Modelle, alte Logbücher und Fundstücke aus dem Meer zu bestaunen.

    Ganz oben auf dem Dach der Dicken Margarethe gibt es eine wunderschöne Dachterrasse samt Café.
    Nach dem Aufstieg kann man sich hier oben perfekt einen Kaffee schnappen und den genialen Rundumblick genießen (oder auch ohne Kaffee). Auf der einen Seite schaut man über das rote Dächermeer der Altstadt, auf der anderen Seite direkt auf den modernen Hafen und die ein- und auslaufenden Riesenfähren.
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  • Das Estnische Gesundheitsmuseum

    21 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 14 °C

    Nur ein paar Gassen weiter in der Altstadt wartet das nächste historische Museum: Das Estnische Gesundheitsmuseum (Tervisemuuseum), untergebracht in zwei wunderschönen, alten mittelalterlichen Bürgerhäusern. 🏥

    Das Museum zeigt auf super interaktive und moderne Weise alles rund um die Anatomie des Menschen, aber das eigentliche Highlight für Geschichts-Fans ist der historische Teil. Hier erfährt man hautnah, wie man im Baltikum früher Krankheiten bekämpft hat – und das war oft ein ziemlich gruseliges Handwerk:

    Die dunkle Ära der Medizin: Die Ausstellung zeigt originale Instrumente aus vergangenen Jahrhunderten. Da schaudert es einen beim Anblick von historischen Zahnarzt-Bohren, Amputations-Sägen und Berichten über den Einsatz von lebenden Blutegeln und Aderlass bei fast jedem Wehwehchen. 🩸

    Spannend ist auch die Geschichte darüber, wie Tallinn im Mittelalter mit Seuchen umging. Man erfährt, wie die Stadt versucht hat, sich durch strikte Isolation in den Siechenhäusern vor den Toren der Stadt vor dem „Schwarzen Tod“ zu schützen.

    Dank moderner Touchscreens und Virtual-Reality-Stationen wird das Ganze aber nie trocken, sondern bleibt extrem spannend verpackt.
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  • Vom Freiheitsplatz zu den Geheimnissen der Hanse

    21 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 14 °C

    An meinem letzten Tag in Tallinn hieß es einfach noch mal: Treiben lassen. Ohne festen Zeitplan bin ich nach den Museumsstops kreuz und quer durch die kopfsteingepflasterten Gassen geschlendert, um die ganz besonderen Ecken und Geschichten dieser Stadt aufzusaugen, bevor die Reise weitergeht.

    Mein Spaziergang startete auf dem monumentalen Freiheitsplatz (Vabaduse väljak). Er ist weit mehr als nur ein großer Pflasterplatz – er ist das Symbol für Estlands unbedingten Willen zur Unabhängigkeit. Dominiert wird der Platz von einer riesigen, unübersehbaren Glassäule: dem Freiheitskriegs-Denkmal.

    Ein kleiner Blick in die Geschichte: Die gläserne Säule erinnert an den estnischen Befestigungskampf von 1918 bis 1920, als sich das kleine Land direkt nach dem Ersten Weltkrieg erfolgreich gegen die sowjetische Rote Armee und deutsche Truppen durchsetzte, um die allererste estnische Republik zu gründen. Während der sowjetischen Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Platz prompt in „Siegesplatz“ umbenannt und für Militärparaden genutzt. Als die Esten 1989 in der „Singenden Revolution“ friedlich für ihre Freiheit demonstrierten, wurde der Platz wieder zum Epizentrum des Protests.

    Weiter ging es vorbei an einem der absolut schönsten Gebäude der gesamten Altstadt: dem Schwarzhäupterhaus (Mustpeade maja). Die markante Fassade mit den detailreichen Steinreliefs und vor allem die weltberühmte, knallig grün-rot-goldene Holztür.

    Die Bruderschaft der Schwarzhäupter war ein ziemlich exklusiver Club im Mittelalter (die Gesxchichte kennen wir ja schon aus Riga): Eine Vereinigung von jungen, unverheirateten ausländischen Kaufleuten, die in Tallinn lebten, aber noch kein volles Bürgerrecht besaßen. Sie waren bekannt dafür, im Ernstfall die Stadt wehrhaft zu verteidigen – aber noch bekannter dafür, die absolut wildesten und luxuriösesten Partys der Hansezeit zu schmeißen. Sobald ein Kaufmann heiratete, musste er den Club übrigens verlassen und durfte zur Großen Gilde wechseln.

    Gleich um die Ecke stößt man auf der Straße auf eine charmante kleine Bronzestatue: einen fröhlich grinsenden Schornsteinfeger. In Estland gilt die Begegnung mit einem Schornsteinfeger traditionell als absoluter Glücksbringer. Die Tallinner (und Touristen) haben die Nase und die Knöpfe seiner Uniform über die Jahre so oft berührt, dass sie mittlerweile golden in der Sonne glänzen.
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  • Tallinn, die Digitalschmiede

    21 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 11 °C

    ...Wenn Mittelalter auf die Zukunft trifft

    Einen letzten Eintrag zu Tallinn gibt es heute dann doch noch, denn ​wer an Tallinn denkt, hat meistens sofort die kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt, dicke Stadtmauern und deftiges Essen im Kopf. Aber Tallinn hat eine zweite, extrem faszinierende Seite: Die Stadt ist das unumstrittene Silicon Valley Europas und der absolute Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Hier wird die Zukunft nicht nur geplant, sondern längst gelebt.

    ​In Tallinn ist Zettelwirtschaft ein Fremdwort. Die Esten haben ihren kompletten Staat digitalisiert. Fast 99 % aller Behördengänge erledigen die Tallinner gemütlich vom Sofa aus – ob Steuererklärung (dauert hier drei Minuten), Firmengründung (Rekord liegt bei unter 16 Minuten) oder die digitale Stimmabgabe bei Wahlen. Sogar Rezepte vom Arzt landen direkt auf der ID-Karte (was bei uns noch ein Problem ist, ist hier easy).
    ​Für Einheimische ist das völlig normaler Alltag, für Besucher aus dem restlichen Europa wirkt es wie Science-Fiction. Das Einzige, was man hier noch physisch vor Ort regeln muss? Heiraten und sich scheiden lassen. Ein bisschen Romantik und Drama wollen die Esten dann wohl doch nicht dem Server überlassen. 😉

    ​Wer durch die moderneren Viertel flaniert, muss sich nicht wundern, wenn ihm auf dem Gehweg ein kleiner, weißer Kasten auf sechs Rädern entgegenrollt. Die autonomen Lieferroboter der Firma Starship (die hier in Tallinn entwickelt wurden) gehören fest zum Stadtbild. Sie warten brav an der Ampel, weichen Fußgängern elegant aus und bringen Pizza oder den Wocheneinkauf direkt vor die Haustür.
    ​Dazu passt perfekt, dass in Tallinn fast an jeder Ecke – selbst im tiefsten Park – blitzschnelles, kostenloses WLAN funkt. Die Stadt ist ein absolutes Mekka für digitale Nomaden und Tech-Start-ups. Kein Wunder, dass weltbekannte Einhörner wie Skype oder Bolt genau hier das Licht der Welt erblickt haben.

    Industrie-Chic der Extraklasse
    ​Dieses hypermoderne Lebensgefühl spiegelt sich auch in der Architektur wider. Tallinn reißt seine alten Sowjet-Altlasten oder historischen Industriehallen nicht einfach ab, sondern verwandelt sie in urbane Design-Viertel:
    ​Direkt im Zentrum wurde ein altes Fabrikgelände aus dem 19. Jahrhundert in ein preisgekröntes Architektur-Areal verwandelt. Hier wurden futuristische Glas- und Stahlkonstruktionen direkt auf die alten Backsteinmauern gesetzt. Heute findet man dort hippe Concept Stores, Sterne-Restaurants und stylische Co-Working-Spaces.
    ​Auch die ehemalige Werft für zaristische U-Boote ist heute das modernste Hafenquartier der Stadt. Wo früher geschweißt wurde, trinkt man heute handgebrautes Craft-Beer, schaut auf die Yachten und genießt den skandinavisch-cleanen Lifestyle.
    ​Tallinn schafft also das Kunststück, seine reiche Geschichte perfekt mit einer radikalen, mutigen Vision von morgen zu verknüpfen.
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  • Abschied vom Baltikum und Kurs auf Skandinavien

    22 Mayıs, Estonya ⋅ ☁️ 10 °C

    ​Es ist so weit: Heute heißt es Abschied nehmen von Tallinn und damit auch vom wunderschönen, extrem kontrastreichen Baltikum. Was für eine geniale Zeit das hier war! Aber das nächste Abenteuer wartet schon, und dafür ging es heute zeitig an den Hafen. Ich wechsel das Land, die Kultur und quasi auch die Region – ab nach Skandinavien!
    Ein Katzensprung über die Ostsee
    ​Das Ziel für heute liegt auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens: Helsinki. Die finnische Hauptstadt ist Luftlinie gerade einmal ca. 80 Kilometer von Tallinn entfernt – also wirklich nur ein absoluter Katzensprung.
    ​Die Fährverbindung ist quasi die Autobahn der Ostsee und super entspannt. Ein paar lockere Fakten zum Grenzhüpfen:
    ​Schneller als jeder Regionalzug: Die großen Autofähren (wie von Tallink Silja oder Viking Line) brauchen für die Strecke gerade einmal 2 Stunden. Man trink also gemütlich einen Kaffee, schaust aufs Meer und schwupps – ist man in Finnland.
    Die Verbindung ist so absurd nah, dass viele Esten und Finnen die Strecke fast täglich zum Arbeiten oder für Wochenendtrips nutzen (so auch heute... Pfingsten naht). Früher fuhren die Finnen vor allem rüber nach Tallinn, um günstig einzukaufen (v a.Alkohol), heute ist es ein absolut entspanntes, beidseitiges Pendeln auf Augenhöhe.

    Nur beim Hallo-Sagen muss man sich kurz umgewöhnen: Aus dem estnischen Tere wird ab heute ein finnisches Moi!
    ​Während die Skyline von Tallinn mit ihren markanten Kirchtürmen und dem dicken Kiek in de Kök langsam im Kielwasser verschwindet, kommen vorne am Horizont schon die Schäreninseln von Helsinki in Sicht.
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