Au revoir Grand-Est, bienvenue Bourgogne
1 april 2025, Frankrike ⋅ 🌬 11 °C
Tag 22
19 km
576 km gesamt
Howdy, Freunde des rauen Pfads.
Wer heute noch glaubt, der Jakobsweg sei bloß eine hübsche Wandertour mit Blümchen am Wegesrand und Pilgerstempel zum Frühstück, der hat den Schuss nicht gehört.
Dies hier ist kein Spaziergang. Dies ist der Chemin des Allemands – ein alter Pfad, der dich nicht fragt, ob du bereit bist. Er nimmt dich mit oder spuckt dich aus. Heute war ich wieder unterwegs. Kein Pferd unter dem Hintern, nur meine Stiefel im Staub. Zweiter Tag. Von Auberive nach Grancey-le-Château. 17 Kilometer, die es in sich hatten. Nicht wegen der Distanz – sondern wegen der Seele dieses Wegs.
Ein Trail, so ehrlich wie ein alter Colt.
Der Weg: Vom Frost in die Freiheit
Ich bin früh aufgewacht, eingehüllt in die Kälte wie in eine raulederne Decke. Die Unterkunft in Auberive – das Maison du Charbonnier – hatte keinen Ofen. Draußen war’s gefroren, drinnen auch. Frühstück? Zwei starke Kaffees, ein paar Brocken Brot, mehr brauchst du nicht, wenn du weißt, dass der Tag dich prüft.
Ich packte meine Sachen. Der Rucksack saß wie ein treuer Sattel auf dem Rücken. Raus aus dem Tal, rein in den Nationalpark Forêts. Und Junge, dieser Wald – der war was für Reiterseelen. Alte Bäume, still wie ein Indianer vor dem Angriff, der Boden weich und federnd. Das Val Clavin – ein Tal wie aus einer vergessenen Ballade. Still, kühl, ehrfürchtig. Die Sonne stand tief, der Himmel blau, doch ein eisiger Nordostwind peitschte durch die Baumwipfel. Als würde der Winter nochmal die Zähne zeigen, bevor er abzieht.
Nach ein paar Stunden stand ich in Vivey. Ein Weiler, kaum ein Dutzend Häuser. Aber da war dieser Rastplatz – Tisch, Bank, Brunnen mit kaltem Wasser. Ich ließ mich nieder. Trank. Kaute einen Müsliriegel, der sich wie ein Stück Zunder im Mund anfühlte. Aber das war egal. Ich war draußen. Ich war frei.
Die Straße nach Nirgendwo
Hinter Vivey kam ein Stück Asphalt, aber so einsam wie ein Saloon nach Sonnenuntergang. Kein einziges Auto kam mir entgegen. Nur ich, der Wind, und der Rhythmus meiner Stiefel auf dem Teer. Ein Mann auf der Straße – kein Ziel, nur Richtung.
Dann: Lamarguelle-du-Bois. Ein Geisterort. Keine Menschenseele zu sehen. Fensterläden geschlossen, Türen zu. Unter einer alten Linde fand ich Zuflucht. Setzte mich, lauschte dem Wind, dachte an nichts. Der Trail nimmt dir den Lärm im Kopf. Und lässt dich fühlen, was bleibt.
Dann kam der Anstieg. Rauf in den Wald, steil, schweißtreibend. Hier endet die Champagne. Und du trittst ein ins Burgund. Die Luft roch nach Erde, Moos und Vergangenheit. Ich überquerte die Grenze ohne Schild, ohne Pomp – nur ein Gefühl in der Brust, dass sich was verändert hat. Der Westen beginnt nicht mit einem Ort. Sondern mit einer Haltung.
Kurz darauf tauchte die Ferme de Borgirault auf. Ein Reiterhof, verwittert, lebendig. Pferde auf der Weide. Hühner im Hof. Ein alter Mann, Hut auf dem Kopf, grüßt mich mit einem knappen:
„Vous êtes pèlerin?“
Ich nicke.
„Alors, bon courage, cow-boy.“
Ich grinse. Genau mein Stil.
Ziel erreicht, Seele satt
Grancey-le-Château tauchte plötzlich auf. Der Weg führte hinab, die Beine brannten, der Wind biss. Ein kleines Schloss auf einem Hügel, eine Kirche, und stille Gassen. Mein Ziel. Ich schlenderte durch den Ort. Der Lebensmittelladen war dicht – seit Monaten. Kein Problem. Ich hatte Wasser, ein paar Nüsse – und eine Einladung.
Im alten Pfarrhaus, meiner Unterkunft, warteten meine Gastgeber schon. Eine einfache, warme Stube. Holzofen, dicke Decken. Und – ein Abendessen, das mich umhaute.
Boeuf Bourguignon, kräftig und tief wie der Boden unter meinen Füßen. Dazu ein Stück Brot, rotweingetränkt wie ein Gedicht. Wir redeten auf Französisch, lachten.
Die Straße macht dich hungrig – nach Essen, nach Begegnung, nach echten Momenten.
Gedanken am Feuer
Was mich heute bewegt hat?
Nicht die Kälte, nicht der Aufstieg, nicht die Leere in den Dörfern.
Es war dieser Moment am Rand des Waldes.
Als ich innehielt. Als der Wind durch die Bäume rauschte wie ein Chor alter Cowboys.
Da wusste ich: Ich bin nicht auf der Flucht. Ich bin auf der Suche. Nach dem, was bleibt, wenn alles andere schweigt.
Abgesattelt. Für heute.
Der Tag war kurz, aber kein bisschen leicht.
Der Chemin des Allemands zeigt dir nicht nur die Landschaft. Er zeigt dir dich selbst – ohne Filter, ohne Ausrede.
Wer hier läuft, läuft gegen den Wind. Und manchmal, ganz selten, läuft man mit ihm.
TrailSoulKev out.
Und denkt dran:
„Ein Mann, der den Wind im Gesicht spürt, braucht keinen Kompass. Er weiß, wo’s langgeht.“
Bis morgen, wenn’s wieder heißt: Staub fressen. Freiheit atmen. Weiterziehen.Läs mer
Vallée de la Tille
2 april 2025, Frankrike ⋅ ☁️ 16 °C
Tag 23
21 km
597 km gesamt
Morgen, ihr rauen Seelen da draußen.
Wenn ihr nach Blümchenpfaden und Selfie-Hotspots sucht, seid ihr hier falsch. Ich schreib nicht über Postkartenidylle – ich erzähl vom Staub unter den Sohlen, vom Schweiß in den Augen und vom Wind, der dir die Gedanken aus dem Kopf peitscht. Heute war wieder so ein Tag. Einer, an dem der Weg nicht nur Weg ist – sondern Gegner, Lehrmeister und Begleiter in einem. Willkommen am dritten Tag meines Ritts ohne Pferd – auf dem Chemin des Allemands. Wer hier unterwegs ist, trägt keinen Rucksack. Der trägt Geschichten. Alte, neue – und die, die sich zwischen zwei Schritten formen.
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Der Ritt beginnt: Grancey-le-Château – Cussey-les-Forges
Grancey-le-Château lag noch im Halbschlaf, als ich mich auf den Weg machte. Die Sonne hing flach über den Mauern, der Wind blies kühl aus dem Westen. Mein Gastgeber hatte mir ein Frühstück serviert, das man so schnell nicht vergisst – Kaffee stark wie Schmiedefeuer, Brot wie von der Großmutter und Konfitüre, die nach Sommer schmeckte. Dann: Rucksack schultern, Blick nach vorn – und los.
Es ging steil bergab, als würde der Weg selbst sagen: "Runter mit dir, Pilger. Noch ist’s einfach." Ich folgte einer alten Route über einen niedrigen Höhenzug. Der Boden war steinig, trocken – mein Lieblingsboden. Gibt Widerstand, aber keinen Ärger. Weiter unten dann das Tal der Tille. Die ersten Meter Wasser glitzerten mir entgegen wie flüssiges Blei unter der Sonne.
Cussey-les-Forges kam still daher. Alte Mauern, ein paar verlassene Scheunen, ein Hund, der mich erst anknurrte, dann begleitete. Die Schmieden und Mühlen sind stumm geworden, aber man spürt noch, was hier mal gehämmert und geschuftet wurde. Der Geruch von Metall liegt noch in der Luft, wie das Echo eines rauen Lebens.
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Dem Fluss entlang: Tille bis Marey-sur-Tille
Der Weg folgt dem Fluss, mal dicht dran, mal mit Abstand. Ich hörte das Wasser rauschen, während der Schotter unter meinen Stiefeln knirschte. Es gab keine anderen Pilger heute. Kein Reden, kein Grüßen – nur ich, der Wind, und der Ruf eines Bussards über mir.
In Marey-sur-Tille mache ich Rast an einem alten Waschhaus. Moos zwischen den Steinen, das Dach halb eingestürzt. Ich sitze auf dem Rand des Brunnens, schließe die Augen. In der Ferne ruft ein Hahn. Ich esse Brot und Käse vom Vortag. Kein Festmahl, aber genau richtig. Der Körper fragt nicht nach Luxus – er fragt nach Kraft. Und die steckt oft in einfachen Dingen.
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Der harte Ritt: Über den Rücken nach Is-sur-Tille
Hinter Marey kommt die Prüfung. Eine Flussschleife wird abgekürzt – doch der Weg fragt dafür nach Schweiß. Ein Schotterweg, steil wie der Aufstieg zu einer alten Mine. Die Sonne brennt, der Atem geht schwer. Die Stiefel graben sich in den Boden wie Hufe in den Sand. Und du gehst. Immer weiter.
Oben auf dem Rücken dann ein Wald, endlos scheinend. Die Stille ist drückend, der Boden federnd. Es ist dieser Teil des Trails, der dich still macht. Der, wo du keine Gedanken mehr brauchst, nur Schritte. Wie ein Reiter, der seinem Pferd vertraut und schweigend reitet, weil alles gesagt ist.
Am Nachmittag führt der Pfad bergab, vorbei an kleinen Lichtungen, in denen sich Rehe verkriechen. Schließlich taucht Is-sur-Tille auf, verschlafen, aber freundlich. Kein Ort für Legenden, aber ein sicherer Hafen nach einem langen Tag.
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Ein Abend wie aus der Feldflasche
Ich kauf mir mein Etappenbier im Supermarkt. Kein Zapfhahn in Sicht, keine offene Bar – nur ein kühles Dosenbier, das auf dem Bordstein neben dem Hotel seine Wirkung entfaltet. Ich sitze dort, Staub in den Falten, die Stiefel längst durch. Der Blick leer, aber zufrieden.
Das Hotel am Bahnhof ist einfach. Ein Zimmer, das viel will – und nicht viel gibt. Die Dusche spült den Tag ab, aber nicht das, was er hinterlässt. Abends geht’s in die Pizzeria nebenan. Eine "Quatre Fromages", warm und schwer, dazu ein Glas Rotwein. Nicht die Prärie, aber gut genug für einen Cowboy auf Wanderschaft.
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Reflexion unterm Abendlicht
Was mich heute bewegt hat? Die Frage, warum ich das mache. Warum ich jeden Morgen aufstehe und den Rucksack schultere. Die Antwort kam irgendwo zwischen Wald und Waschhaus: Es geht nicht ums Ziel. Es geht ums Ziehen. Ums Leben auf dem Trail. Die Straße unter den Füßen, der Himmel über dir, und das einfache, ehrliche Dazwischen.
Der Weg ist keine Flucht – er ist Heimkehr. Nicht zu einem Ort, sondern zu mir selbst. Wenn du jeden Tag ein Stück mehr loslässt, merkst du, wie leicht du eigentlich bist.
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Abschied mit Staub auf der Zunge
Der dritte Tag ist Geschichte. Ein langer Ritt, mit viel Staub, etwas Schmerz – und diesem stillen Triumph, den nur kennt, wer den ganzen Weg geht.
„Wenn der Tag vorbei ist, zählt nicht, wie weit du kamst – sondern ob du angekommen bist bei dir.“Läs mer
Prairie de Bourgogne
3 april 2025, Frankrike ⋅ ⛅ 18 °C
Tag 24
18 km
615 km gesamt
Howdy aus dem Staub, Freunde des rauen Pfads.
Heute war wieder einer dieser Tage, an denen du früh merkst: Das wird kein Spaziergang. Kein Selfcare-Walk mit Chia-Riegeln und Vogelgezwitscher. Sondern ein echter Trail – ehrlich, staubig, knochentrocken. Is-sur-Tille liegt jetzt hinter mir. Und ich sag’s direkt: Ich trauere dem Ort nicht nach. Ein bisschen wie eine alte Zapfsäule – steht noch da, aber der Sprit ist raus.
Ich schnapp mir in aller Frühe ein paar Vorräte aus’m Supermarkt, Brötchen aus der Bäckerei nebenan – knusprig, wie’s sich gehört – und setz mich in die Bar daneben. Kaffee schwarz wie Asphalt, dazu die ersten Sonnenstrahlen über den Häuserkanten. Der Tag kann kommen. Und wie er kam.
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Der Trail – wo Schotter auf Seele trifft
Der Weg windet sich aus dem Tille-Tal, als hätte er’s eilig, die Stadt zu vergessen. Erst noch Waldrand, dann ein langgezogener Aufstieg. Die Sonne drückt, der Schweiß läuft – aber genau das ist es, wofür ich hier bin. Kurz darauf passiere ich eine riesige Moto- und Autocross-Strecke. Ein einziges Crosscar knattert einsam über die Piste – ein rußiger Gruß aus der Maschinenwelt. Ich bleib stehen, lausche dem Klang. Klingt nach Freiheit. Nach Dreck unter den Fingernägeln.
Dann wird’s ruhig. Die Dörfer Chaignay, Épagny und Savigny-le-Sec ducken sich am Wegrand wie schlafende Kojoten. Ich stapfe durch, ohne viel Aufhebens – ich bin nicht hier, um zu trödeln. Ich bin hier, um zu gehen. Um zu spüren. Um der Stille einen Namen zu geben.
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Mittagsrast – mit Blick in die Weite
Mittags such ich mir ein Fleckchen abseits des Wegs, ein bisschen Schatten, ein bisschen Staub, ein bisschen Frieden. Aus dem Nichts taucht eine Mauereidechse auf – neugierig, vorsichtig, fast wie ein kleiner Trailbruder. Wir schauen uns an. Zwei Wesen, jedes auf seiner Route.
Neben einem Strommast wächst Königskerze – stur, stattlich, unbeirrbar. Und ich denk mir: Genauso will ich unterwegs sein. Tief verwurzelt. Breitblättrig. Und immer ein bisschen störrisch.
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Die Farben des Wegs
Manchmal braucht’s kein Panorama, sondern nur einen klaren Hinweis: Blau und Gelb – in den Boden eingelassen. Kein Schild, keine Erklärungen. Nur zwei Farben und ein Gefühl: Geh weiter. Du bist noch nicht am Ende.
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Country-Rider in Savigny-le-Sec
Kurz vor Messigny-et-Vantoux: Ich find ein Straßenschild, das zu mir spricht wie ein alter Cowboy aus 'nem verstaubten Saloon. Rue de la Mare. Und direkt daneben: Country. Ich stell mich drunter. Grinsend. Müde. Aber verdammt stolz.
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Ankommen – Messigny-et-Vantoux
Später dann das B&B – freundlich, ruhig, mit einem Bett, das sich anfühlt wie ein Sattel nach einem langen Ritt. Die Wirtin fragt, ob ich müde sei. Ich nicke. „Mais libre,“ sag ich. Sie lächelt. Vielleicht weiß sie, was ich meine.
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Was mich heute bewegt hat
Heute war kein Tag der Sensationen. Aber einer der Erkenntnisse. Manchmal liegt das Abenteuer nicht im Spektakulären, sondern im Weitermachen. In der Stille. In der Wärme des Steins, auf dem du sitzt. Oder in einem kleinen Echsenblick, der dir sagt: Du bist nicht allein hier draußen. Der Weg lebt. Er beobachtet dich.
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Futter für den müden Reiter
Zum Abend gibt’s was Deftiges – Omelette mit frischen Kräutern, ein Kanten Käse, ein Glas Wein, das nach Südhang schmeckt. Keine große Show, aber das ehrlichste Mahl des Tages. Essen für Männer mit Staub an den Stiefeln.
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Fazit des Tages
Der vierte Tag war wie ein abgewetzter Cowboy-Stiefel: nicht hübsch, aber verdammt verlässlich. Kein Ziel in Sicht, aber dafür ein klarer Kurs – geradeaus durch’s Flachland der Gedanken. Und morgen? Morgen reit ich weiter. Weil der Weg mich ruft. Weil ich’s brauche.
> „Der Trail fragt nicht, ob du willst – er fragt, ob du’s kannst.“Läs mer
Dijon
4 april 2025, Frankrike ⋅ ☀️ 18 °C
Tag 25
13 km
628 km gesamt
Howdy, Freunde der weiten Wege,
hier spricht TrailSoulKev – aus staubigen Stiefeln, mit müden Beinen und einem Herzen, das noch immer irgendwo zwischen Baumrinde und Windhauch auf dem Trail steckt. Heute war mein letzter Tag auf dem Chemin des Allemands – diesem alten Grenzweg zwischen Heimat und Aufbruch, zwischen Zivilisation und Wildnis. Wer hier geht, reitet ohne Pferd, aber mit derselben Zähigkeit, wie sie die Kerle damals brauchten, die mit nichts als einem Hut und einem Colt in der Hüfte das Land durchquerten.
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Der Weg – rau und ehrlich wie ein unbehandelter Holzbalken
Der Tag begann in Messigny-et-Vantoux. Ein Nest, das sich noch dem Rhythmus der Natur beugt – keine Hektik, kein Großstadtpuls, nur das Krächzen der Raben und ein kühler Wind, der mir durchs Hemd zog. Die ersten Meter gingen sanft bergan, der Boden weich und federnd vom Regen der letzten Tage, bedeckt mit Laub, das unter meinen Stiefeln raschelte wie trockenes Heu in einer verfallenen Scheune.
Ich stapfte hinein in ein stilles Waldstück – der letzte richtige Abschnitt Wildnis vor dem Einreiten in die Stadt. Die Luft roch nach Moos und Frühling, nach Holz und Freiheit. Links und rechts tauchten Mauerreste auf, die vom Vergangenen flüsterten. Ein paar Steine, vom Leben gezeichnet, genau wie ich. Vogelgezwitscher begleitete mich – keine sanfte Melodie, eher das kratzige Banjo eines alten Westlers, der den Takt für den letzten Marsch vorgibt.
Der Trail schraubte sich durch den Wald, nie zu steil, aber auch nicht nachgiebig. Kein Weg für Weicheier, sondern für die, die wissen, dass jeder Schritt zählt. Irgendwann lichtete sich das Grün, und vor mir lag Ahuy – ein Vorort mit dem Charme einer müden Grenzstadt, die nicht mehr weiß, ob sie Wildnis oder Zivilisation ist.
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Vom Trail in die Stadt – per Droschke
Ich hätt’ zu Fuß durchmarschieren können, Asphalt fressen und mir den Staub der Vorstadt auf die Zunge legen. Aber ehrlich? Ich bin Trail-Rider, kein Straßenläufer. Also stieg ich in den Bus – eine moderne Kutsche ohne Pferde – und ließ mich ins Herz von Dijon bringen. Kein Trick, kein Feiglingstour – nur eine Entscheidung, wie sie jeder Cowboy mal trifft, wenn der Horizont nicht mehr in der Steppe liegt, sondern zwischen Häuserschluchten.
In Dijon angekommen, zog es mich schnurstracks zur Kathedrale. Hoch und würdevoll steht sie da, als wollte sie den Himmel festhalten. Ich saß eine Weile drin – schweigend, staunend, als wär’s mein letzter Ritt vorm Sonnenuntergang. Kein Gebet, kein Rosenkranz – nur ein stiller Dank. Für den Weg, für den Wind, für die Schmerzen in den Waden, die mir sagten: Du hast’s durchgezogen, Cowboy.
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Begegnungen & Gedanken – zwischen Staub und Seele
Im Wald traf ich einen alten Franzosen mit Hund. "Vous êtes pèlerin?" fragte er. Ich nickte.
"Le chemin, il vous change, n'est-ce pas?"
"Oui, il te casse d'abord… puis il te montre qui tu es."
Er grinste. Ich auch. Dann gingen wir weiter – jeder auf seinem Trail.
Der Weg hat mich geschliffen wie Wasser den Stein. Ich bin keiner, der viel redet, schon gar nicht über Gefühlskram. Aber heute, am letzten Tag, da spürte ich es deutlich: Diese Reise war mehr als Kilometerfressen. Es war ein Ritt nach innen. Jeder Tritt ein Takt meines Herzschlags. Jeder Hügel eine Erinnerung an das, was ich hinter mir lasse – und das, was noch kommen darf.
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Abendessen & Abgesang
Jetzt sitz ich in einem kleinen Bistro nahe der Altstadt. Ich hab mir ein Bœuf Bourguignon bestellt – schwer, ehrlich, tief wie die Wälder des Weges. Dazu ein Glas vom roten Stoff, der hier aus jedem Zapfhahn fließt wie Lebenselixier. Und zum Nachtisch eine Käseplatte, die zerfließt wie geschmolzenes Gold.
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Resümee eines Reiters ohne Pferd
Der Chemin des Allemands endet hier – aber der Trail, der geht weiter. Nicht auf Karten, nicht in Reiseführern, sondern in mir. Ich bin kein Tourist. Ich bin ein Trail-Rider. Einer, der weiß:
„Wenn du auf dem Weg bist, bist du lebendig. Wenn du ankommst, beginnt das Vermissen.“
Und morgen? Da geht’s heimwärts, mit der Bahn, zurück in den Alltag. Aber dieser letzte Tag, dieser staubige Ritt durch den Morgenwald, das Gespräch mit dem alten Mann, das Mahl in der Stadt – das alles bleibt.
Der Weg hat mir nichts geschenkt. Aber alles gegeben.
Bis zum nächsten Trail –
euer TrailSoulKev
„Der Weg ist rau. Sei härter.“Läs mer

ResenärDer Weg nimmt dir alles und gibt dir 1000fach zurück, lieben Dank fürs Mitnehmen auf diesem deinem Weg

ResenärHowdy, Freund! Ich möchte einen Moment innehalten und meine Dankbarkeit für die wunderbare Pilgerreise ausdrücken, die wir gemeinsam unternommen haben. Wie die Cowboys, die durch die endlosen Prärien reiten, haben wir uns auf eine Reise begeben, die uns nicht nur durch die Weiten der Natur, sondern auch durch die Tiefen unserer Seelen geführt hat. Jeder Schritt, den wir gemacht haben, war wie das Knirschen von Stiefeln auf dem staubigen Boden des Wilden Westens, und jede Begegnung war ein wertvoller Schatz, den wir in unseren Herzen tragen. Möge der Wind stets in unseren Rücken wehen und die Sonne uns auf unseren weiteren Wegen begleiten. Auf dass wir die Lektionen und Erinnerungen dieser Reise nie vergessen und sie wie ein gutes Lagerfeuer in unseren Herzen weitertragen. (Und bitte keine Krümel auf dem Teppich!)
360° Grand Cru
8 oktober 2025, Frankrike ⋅ ☁️ 17 °C
Tag 1 – Von Dijon nach Nuits-Saint-Georges
Aufbruch im Nebel
Tag 25
22 km
650 km gesamt
Morgen, ihr staubgeborenen Seelen.
Hier ist TrailSoulKev – zurück auf dem Sattel, die Stiefel im Staub und den Blick nach vorn. Der erste Tag auf dem Jakobsweg liegt hinter mir – und der hatte alles, was ein richtiger Trail braucht: Nebel, Staub, Sonne, Müdigkeit, Reben, Wind. Und irgendwo dazwischen – dieses leise Gefühl, dass der Weg mehr mit dir macht, als du mit ihm.
Der Tag begann, wie solche Tage beginnen müssen – mit einem Ritt durch die Nacht. Ich steige abends in Aachen in den Zug, rolle bis Essen, wo ich noch was Warmes zwischen die Zähne kriege, bevor ich in denselben Flixbus steige, der zwei Stunden später erst in Bonn losgefahren wäre. Ein alter Cowboy-Trick: lieber satt und wach, als hungrig und müde.
Im Bus – erwartungsgemäß kein Zuckerschlecken. Rücken durch, Beine eingeklemmt, Kopf gegen die Scheibe. Schlaf ist hier kein Zustand, sondern ein Kampf. Aber irgendwann siegt die Müdigkeit, und als ich die Augen öffne, ist Frankreich schon wach. Dijon, Punkt sieben. Ich stolpere raus, wie einer, der nach einer langen Nacht endlich wieder festen Boden spürt.
Die Tram bringt mich raus nach Chênove – letzter Außenposten vor der Wildnis der Reben. Der Himmel hängt tief, die Luft ist feucht, Nebel schiebt sich über die Dächer wie kalter Atem. In einer kleinen Bäckerei gibt’s ein Croissant, einen Café, und für ein paar Minuten fühlt sich alles friedlich an. Danach: Rucksack hoch, Gurt stramm, und raus aus der Stadt.
Der Jakobsweg hier – der Chemin des Allemands, der alte Burgunderweg – ist kein Trail für Romantiker. Er führt nicht durch hübsche Dörfer, sondern an ihnen vorbei, als hätte er keine Zeit für Postkartenmotive. Marsannay-la-Côte, Couchey, Fixin – sie bleiben am Rand, ein paar Dächer, ein Kirchturm in der Ferne. Kein Café, kein Laden, kein Schild mit „Bienvenue“. Nur Erde, Reben und der Wind.
Die Sonne lässt sich Zeit. Gegen Mittag bricht sie durch, und der Nebel löst sich auf wie ein alter Vorhang. Plötzlich liegt Burgund in voller Pracht vor mir – goldene Reihen von Rebstöcken, sauber gezogen, wie mit dem Lineal der Götter. Grand Cru, sagen sie hier. Ich sag: ehrlicher Boden.
Zwischen Gevrey-Chambertin und Morey-Saint-Denis schneidet sich der alte Bahndamm der Tacot-Bahn durch die Hänge – eine vergessene Schmalspurbahn, die einst Wein und Menschen von Dorf zu Dorf brachte. Heute ruht sie, still und bemoost. Der Tunnel liegt halb versteckt zwischen Brombeersträuchern, sein Eingang dunkel wie ein Maul. Ich bleibe stehen, atme den kühlen Hauch, der herausströmt. Alte Schienenwege haben ihre eigene Magie – sie erzählen von Zeiten, als Reisen noch Arbeit war. Ich streiche über den Mauerstein, rau wie alter Sattelgurt. Dann gehe ich weiter.
Hinter dem Tunnel steigt der Weg an. Oberhalb von Morey-Saint-Denis öffnet sich die Landschaft plötzlich, als hätte jemand den Vorhang aufgerissen: Heideflächen, golden und weit, das Licht klar, der Blick frei. Hier oben weht ein anderer Wind. Er trägt die Stille in sich, aber auch diese raue Größe, die dich Demut lehrt. Ich setze mich auf einen Stein, sehe über die Hänge, über all die Reben, die sich wie grüne Wellen bis zum Horizont ziehen. Ein paar Krähen kreisen, sonst nichts. Wenn du hier sitzt, brauchst du kein WLAN, kein Publikum, kein Ziel. Nur den Atem und den Moment.
Der Abstieg nach Vougeot, Vosne-Romanée, schließlich Nuits-Saint-Georges zieht sich. Das Licht wird weich, die Sonne müde. Meine Beine spüren jeden Kilometer, aber mein Kopf ist still – leer im besten Sinn. Ich komme an, wie man ankommt, wenn man nichts mehr sucht. Auf dem Stadtplatz ein kühles Bier – das erste Burgunder des Tages, und das ehrlichste.
Mein Quartier liegt etwas außerhalb – ein privates Haus, Jakobsfreunde, Spendenbasis. Einfach, warm, echt. Ein paar Sätze auf Französisch, ein Teller Suppe, ein Stück Brot. Ich erzähle ein bisschen, höre zu, und merke, wie mir die Lider schwer werden. Der Wind rüttelt am Fenster, und in meinem Kopf hallt noch das rhythmische Knirschen meiner Schritte.
Resümee:
22 Kilometer durch das Herz Burgunds – von Nebel zu Sonne, von Asphalt zu Erde, von Müdigkeit zu Frieden. Der Jakobsweg hier ist kein Wanderweg, er ist eine Prüfung. Du kriegst keine hübschen Dörfer, keine Souvenirläden, keine Schirme gegen den Regen. Du kriegst Staub, Wind, Sonne und Stille. Und genau das macht ihn echt.
Heute hab ich wieder gespürt, warum ich das tue. Nicht, weil ich irgendwo ankommen will – sondern weil ich unterwegs sein will. Weil ich wissen will, wie weit mein eigener Staub reicht.
Wie man hier sagt:
„Der Weg schenkt dir nichts – aber er nimmt dir alles, was du nicht brauchst.“
Bis morgen, Freunde.
Euer TrailSoulKev,
Lone Rider auf dem Chemin des Allemands.Läs mer

ResenärLone Rider… Wäre gut, wenns dabei bleibt. Bei mir haben (meist französische) Pilger die wenigen donativo Herbergen besetzt, so dass ich auf konventionelle Übernachtungsoptionen zurückgreifen musste. Ich wünsche Dir weiterhin einen bon Chemin.

Resenär
Ich hab genau das gleiche Bild aus exakt gleicher Perspektive gemacht 🤭
Rose de Bourgogne - Blut der Erde
9 oktober 2025, Frankrike ⋅ ⛅ 17 °C
Tag 2: Nuits-Saint-Georges → Beaune
Ein Ritt durch Reben, Stein und Staub
Tag 26
20 km
670 km gesamt
Morgen, Freunde des Staubs und der offenen Wege.
TrailSoulKev wieder im Sattel – zweiter Tag auf dem Chemin des Allemands, irgendwo zwischen Nuits-Saint-Georges und Beaune. Der Wind steht günstig, die Sonne trägt noch ihren Herbstmantel, und ich ziehe weiter, Schritt für Schritt, wie ein alter Cowboy ohne Pferd, der sich von der Spur leiten lässt, nicht vom Ziel.
Der Trail heute? Unspektakulär, sagen manche. Ich nenne es ehrlich. Kein Postkarten-Panorama, kein großes Drama – nur Weite, Wind und der ewige Rhythmus der Schritte. Es geht raus aus Nuits-Saint-Georges, vorbei an stillen Weinkellern, über weite Felder aus Stein und Erde. Der Boden knirscht unter den Sohlen wie feiner Schotter in einer alten Westernstadt. Rechts und links nichts als Reben, Reihen so gerade, als hätte jemand mit dem Lineal durch die Landschaft gezogen. Der Himmel weit, die Sonne flach, das Licht golden – Burgund im Oktober, ein Meer aus Glut und Staub.
Hinter Comblanchien verändert sich die Stimmung. Die Erde reißt auf – große Wunden, alte Narben, in denen der Mensch gebuddelt hat. Der Marmorabbau hat hier tiefe Spuren hinterlassen. Ganze Hänge sind aufgeschlitzt, weiß und rosa leuchten die Brüche in der Sonne. Der „Rose de Bourgogne“, wie sie ihn nennen – schöner Name für ein Gestein, das so hart ist, dass selbst die Zeit dran zu kauen hat. Manche Stollen führen tief unter die Weinberge. Verrückt, denke ich, während ich an einem zerbrochenen Stein lehne – oben wachsen Reben, unten wird die Erde selbst geerntet. Ein Land, das doppelt Früchte trägt: Wein und Stein.
Der Weg zieht weiter, wie ein alter Pfad durchs Niemandsland. Kein Schatten, kein Bach, nur das Knirschen meiner Stiefel im Staub. In Ladoix-Corton komme ich doch noch unter Menschen – kurz zumindest. Eine kleine Bäckerei, der Duft von frischem Brot zieht mich rein wie ein Lasso. Drinnen eine Frau, die aussieht, als hätte sie den Laden schon geführt, bevor es überhaupt Brot gab. Ich nehm ein Sandwich – rustikal belegt, ehrlich gewürzt, genau das, was ein Trail-Rider braucht. Draußen im Weinberg such ich mir meinen Platz, setz mich in die Sonne, Blick aufs Château Aloxe-Corton. Brot, Käse, Wind, Stille – mehr braucht kein Mensch.
Dann weiter. Die Sonne brennt jetzt tiefer, der Wind bläst mir den Staub ins Gesicht. Ich spür, wie die Müdigkeit in den Beinen kriecht. Aber ich kenn das Spiel – das ist der Punkt, wo du entweder einknickst oder dich reinlehnst in den Schmerz. Ich wähle Letzteres. „Ein Cowboy reitet nicht, weil’s leicht ist. Er reitet, weil’s ihn ruft.“ So oder so ähnlich.
Als ich Beaune erreiche, ist der Tag schon weich geworden. Die Stadt empfängt mich mit Kopfsteinpflaster und dem Geruch von Wein und Geschichte. Ich quartiere mich in einem kleinen Hotel ein, wo das Bett nach Holz riecht und das Fenster in einen stillen Innenhof zeigt. Später ziehe ich durch die Gassen, seh mir die Hospices an – dieses alte, bunte Dach, das schon mehr Pilger gesehen hat als der Himmel Sterne. Und dann sitz ich in einem Bistro, vor mir ein Teller mit warmem Essen, in mir dieses Gefühl von Frieden, das nur ein langer Tag auf der Straße bringt.
Der Chemin des Allemands zieht weiter – sechs Etappen bis Cluny, sagen sie, und wenn mich der Wind trägt, vielleicht noch fünf mehr bis zur Loire. Ich weiß nicht, ob ich’s tue. Aber ich weiß, dass ich weitergeh.
Am Ende dieses Tages bleibt Staub an meinen Stiefeln, Sonne auf der Haut und die Erkenntnis, dass Freiheit manchmal so still sein kann, dass man sie erst hört, wenn man nichts anderes mehr hört.
Fazit: Kein Heldentag. Kein Gipfel. Nur ein ehrlicher Ritt durch ein ehrliches Land. Und manchmal ist genau das der Stoff, aus dem Freiheit gemacht ist.
Oder wie ein alter Trail-Rider sagen würde:
„Manchmal ist der schönste Sieg einfach, wenn du den Sonnenuntergang noch gehen siehst – und nicht er dich.“ 🤠
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ResenärDas war die Etappe meiner Schlammschlacht mit Gewitter. Bei dir war der Trail offensichtlich milder gestimmt.

ResenärDurchaus, aber in Corgoloin in den Zug zu steigen, war wahrscheinlich nicht die schlechteste Wahl. Ab da nur noch Asphalt, platt durch die Ebene, bis auf das Schloss Aloxe-Corton nix sehenswertes.
Côte de Beaune
10 oktober 2025, Frankrike ⋅ ☁️ 18 °C
TrailSoulKev – Tag 3: Beaune → Chagny
Ein Ritt durch die Reben 🤠
Howdy, Freunde des Staubs und der weiten Wege.
Wenn der Morgen nach kaltem Metall riecht und der Atem dampft wie die Auspuffluft alter Trucks, dann weißt du: Der Trail wartet. Kein Sonntagsspaziergang, kein Wandergruppen-Smalltalk – nur der Weg, die Sonne, der Wind. Heute: Beaune nach Chagny.
Die Sonne bricht golden über den Rebenhügeln hervor, und ich schultere den Rucksack wie ein Sattel. Der Pfad zieht sich raus aus Beaune, hinein in eine Landschaft, die aussieht, als hätte jemand die Erde mit Kupfer und Gold bepinselt. Weinreben, soweit das Auge reicht. Herbstfarben, die brennen. Jeder Schritt knirscht, jeder Atemzug schmeckt nach Erde und Leben.
Pommard kommt früh, still, ernsthaft. Ein Ort, in dem Männer und Frauen mit wettergegerbten Gesichtern in den Hangreihen arbeiten. Sie nicken kurz, mehr braucht’s nicht. Worte sind hier überbewertet. Der Wind trägt den Geruch von Trauben, Most und Metall mit sich. Ich ziehe den Hut tiefer ins Gesicht und halte die Spur.
In Volnay schläft der Morgen noch. Katzen dösen in der Sonne, irgendwo klappert ein Fensterladen. Ich gehe weiter, immer nach Süden, dem Licht entgegen. Dann Meursault – wie eine Filmkulisse in Burgund. Weiß getünchte Häuser, alte Schilder, Kopfsteinpflaster, das Geschichten erzählt. Ich setze mich in ein kleines Café, bestelle einen starken Kaffee, kaufe auf dem Wochenmarkt etwas Obst und Käse. Und weil der Trail seine Spuren hinterlässt, marschiere ich danach in die Apotheke und stocke meine Blasenpflaster auf. Ein Cowboy kümmert sich selbst um seine Wunden – wer sich beklagt, verliert den Respekt seiner Stiefel.
Hinter Meursault wird der Himmel weit, der Weg schmal. Ich laufe über Wirtschaftswege zwischen Reben, die im Licht glühen. Der Wind drückt warm von der Seite, die Sonne knallt – der Trail prüft dich, ob du’s ernst meinst. Ich atme tief, lasse den Schweiß laufen. Der Boden staubt, die Stiefel sind schwer, aber das Herz schlägt ruhig. Ich bin nicht unterwegs, um anzukommen – ich bin unterwegs, um zu leben.
Kurz vor Chagny dann die Herausforderung: Ein gesperrter Bahnübergang. Schranken unten, Absperrband, Sackgasse. Ich fluche leise – so läuft’s eben, wenn du dich auf die Straße des Lebens eingelassen hast. Statt umzudrehen, schlage ich mich quer durchs Gelände, suche mir den nächsten Weg, folge den Schienen, bis endlich eine Brücke kommt. Ein paar Extra-Kilometer, ein bisschen mehr Staub – aber der Trail wäre keiner, wenn er’s dir leicht machen würde.
Chagny empfängt mich am späten Nachmittag. Ich bin müde, hungrig, aber glücklich. In der kleinen Stadt finde ich eine Bar, stelle den Rucksack ab, bestell ein kaltes Bier und ein Omelett jambon fromage – pas salade, Cowboy-Stil. Das Bier beschlägt, der erste Schluck geht tief, und plötzlich ist da dieses Gefühl: Frieden. Kein großer, kitschiger Frieden – eher der schlichte, ehrliche Frieden eines Mannes, der weiß, dass er getan hat, was er konnte.
Später beziehe ich auf dem Campingplatz eine kleine Holzhütte. Ein Dach, ein Bett, vier Wände aus Holz – mehr Luxus, als ich brauche. Draußen zirpen Grillen, die Sonne taucht den Himmel in Feuerfarben. Ich sitze auf der Stufe vor der Tür, Stiefel im Staub, und lasse den Tag in den Abend kippen.
Der Chemin des Allemands – dieser alte Jakobsweg zwischen Dijon und Cluny – trägt seinen Namen mit Stolz. Kein Weg für Touristen, kein Selfie-Trail. Es ist ein ehrlicher Pfad für Menschen, die mehr suchen als Aussichtspunkte. Wer hier läuft, kämpft – gegen Sonne, Wind, Müdigkeit, und manchmal gegen sich selbst. In Beaune wimmelte es von Hochglanzmenschen mit Designer-Sonnenbrillen, die ihren Pinot nippten, als wäre das Leben ein Weintasting. Schön für sie. Ich dagegen hatte Staub auf den Lippen – und genau da schmeckt Freiheit am besten.
Als die Dunkelheit kommt, murmle ich leise in den Abend:
Der Wind ist mein Gefährte, der Staub mein Mantel – und der Weg mein Zuhause.
Bis morgen, ihr Staubreiter. 🤠🌄Läs mer

ResenärWenigstens scheinst Du von der E-Bike Fraktion verschont geblieben zu sein, die zuvor die Gegend unsicher gemacht hatte. ich hoffe, die Nacht im Hobbit Haus wird erholsam.
Fünf Berge und französische Hobbies
11 oktober 2025, Frankrike ⋅ ☀️ 17 °C
Tag 4: Chagny → Buxy
Ein Ritt durch den Nebel, fünf Berge und eine Handvoll französischer Hobbys
Howdy, Folks.
Der vierte Tag auf dem Trail – kein Spaziergang, kein Sonntagstrip. Ein grauer Morgen, zäher Hochnebel, die Sonne irgendwo da oben, faul wie ein alter Gaul. Ich schnall den Rucksack, zieh den Hut tiefer und stapf los. Von Chagny raus, das Pflaster hinter mir gelassen, der Staub wartet schon. Der Himmel hängt tief, aber die Luft ist klar – so klar, dass du jeden Atemzug schmeckst, als wär er durch Eisen gezogen.
Der Trail zieht sich heute anders – weniger Wein, mehr Wiese, mehr Wald. Die Reben treten zurück, die Erde wird dunkler, feuchter, schwerer. Der Chemin des Allemands, dieser alte Pfad durch Burgund, bleibt mein Begleiter. Ein Weg, der seine Spuren nicht nur im Boden trägt, sondern in der Seele derer, die ihn gehen. Er redet nicht viel, dieser Weg, aber er prüft dich, jeden Tag neu.
Fünf Berge stehen heute auf der Liste. Fünf Prüfungen, jede mit eigenem Charakter. Der erste lässt dich aufwärmen, der zweite täuscht dich mit falscher Milde. Der dritte – die Chaume de Givry – ist ein zäher Hund. Der zieht sich, Meter für Meter, zieht dir das Feuer aus den Waden. Aber oben wartet keine Aussicht, kein heroischer Blick in die Ferne – nur Nebel, Wind und der Dampf deines eigenen Atems. Dafür steht da eine Rinderherde mitten auf dem Grat, schön und ruhig, Charolais, weiß wie Wolken, die zu Boden gefallen sind. Ich geh einfach mitten durch. Die Viecher glotzen, ich nicke, wir verstehen uns ohne Worte. „Ihr fresst Gras, ich fress Kilometer“, sag ich leise, und geh weiter.
Der vierte Berg, Mont Avril – steiler, kantiger, härter. Der lässt keinen Platz für Gedanken. Da zählt nur Schritt für Schritt, Atem für Atem, bis der Kopf wieder frei wird. Und oben? Nichts. Kein Gipfelkreuz, kein Panorama, kein Lohn – nur der Wind, der dir durchs Hemd pfeift und dir sagt: Du bist noch da, Cowboy. Das reicht.
Rully, Mercurey, Jambles – die Dörfer, die ich passiere, wirken wie ausgestorben. Schöne Fassaden, geschlossene Fensterläden, das Leben dahinter bleibt verborgen. Vielleicht Weinbauern beim Mittag, vielleicht einfach Wochenende. Nur irgendwo weiter hinten knattern Motoren durch den Wald. Franzosen bei ihren Hobbys – die einen jagen Wild, die anderen jagen sich selbst auf Motocrossmaschinen. Der Trail hat viele Gesichter, und manchmal donnert er dir einfach vorbei.
Das offizielle Etappenziel, Moroges, lass ich links liegen. Kein Bett, kein Zimmer, kein Grund zu bleiben. Ich halte Kurs auf Buxy – ein paar Kilometer extra, aber dafür wenigstens ein Dach überm Kopf. Am Ortseingang still die Füße, zieh die Stiefel aus, atme den Tag aus. Der Dreck klebt, die Muskeln brennen, aber das Bier im kleinen Café schmeckt nach Sieg. Ich sitze da, schau den Leuten zu, wie sie Samstagnachmittag leben, und denk mir: Die meisten wissen gar nicht, wie still Freiheit schmecken kann.
Der Trail war heute kein Freund, aber auch kein Feind – eher ein alter Weggefährte, der dich testet, bevor er dich wieder an den Tisch lässt. Ich hab fünf Berge hinter mir, ne Handvoll Blasen, und das Gefühl, dass der Staub in meinen Poren jetzt zu mir gehört. Der Nebel hat mich begleitet, aber nicht besiegt.
Am Ende des Tages bleibt der Satz, den ich mir selbst sage, während ich das Bier austrinke:
Manchmal siehst du den Mont Blanc nicht – und brauchst es auch nicht. Der Weg reicht, wenn er dich auf die Probe stellt.
Ein weiterer Tag, ein weiterer Ritt. Kein Held, kein Tourist – nur ein Reiter ohne Pferd, unterwegs auf einer alten Spur, irgendwo zwischen Himmel, Erde und Staub. 🤠Läs mer
Cluny
12 oktober 2025, Frankrike ⋅ ☁️ 15 °C
TrailSoulKev – Tag 5 – Der Nebelritt nach Cluny
Howdy, Folks.
Manchmal hat der Himmel keine Lust auf Blau. Dann hängt da nur ein grauer Schleier über allem, dicht wie Rauch nach einem langen Feuer, feucht und schwer wie ein alter Mantel. So war’s heute. Der Tag begann im Dunst und blieb darin gefangen – ein stiller, langsamer Ritt durch den Nebel.
Früh in Buxy war die Straße noch nass vom Nachtregen, der Atem stand mir vor dem Gesicht. Kaum los, fand ich die alte Bahntrasse – mein Leitfaden für den Tag. Ein Streifen aus Schotter, eingesäumt von Hecken und alten Bäumen, still und endlos. Der Nebel nahm der Welt die Tiefe, ließ sie flach und nah erscheinen, fast wie eine Bühne mit zugezogenen Vorhängen. Jeder Schritt, jeder Atemzug klang lauter, dichter, echter.
Saint-Gengoux-le-National blieb irgendwo zur Seite hin verschwommen, kaum mehr als ein paar Dachkanten im Grau. Irgendwo da draußen, hinter Feldern und Bächen, lag auch Taizé – Ort der Stille, Ort der Einkehr. Ich sah ihn nicht, aber er war spürbar, wie ein leises Summen in der Ferne. Und dann, irgendwann, zeichnete sich Cluny ab. Nicht auf einmal, sondern in Andeutungen: ein Turm, ein Dach, der ferne Klang einer Glocke.
Als ich schließlich zwischen den Häusern stand, war die Welt wieder fester unter meinen Stiefeln. Der Nebel blieb, aber er war jetzt Begleiter, nicht Gegner. Ich suchte die Touristeninformation auf, besorgte mir den Pilgerführer für die nächsten Etappen – die Via Cluniacensis. Ein neues Kapitel. Der Chemin des Allemands, dieser alte Burgunderweg, hatte mich seit Trier hierher geführt – durch Sonne, Staub, Regen, Wind und heute eben durch den Nebel.
Die Unterkunft: schlicht, ehrlich, auf Spendenbasis. Zwei Nächte bleibe ich. Morgen will ich Cluny erkunden, Abtei und Stadt auf mich wirken lassen, bevor es auf den neuen Weg weitergeht. Heute Abend aber zählt nur eines: das Etappenbier. Der erste Schluck schmeckt nach Ankommen, nach Staub, der sich legt, und nach Freiheit, die bleibt.
Manchmal ist ein Tag wie dieser nicht laut, nicht spektakulär. Er zeigt dir keine großen Bilder, keine Pässe, keine Sonne. Aber er zieht eine Linie weiter, unscheinbar und echt. Und wer lang genug unterwegs ist, weiß: Gerade solche Tage schreiben die ehrlichen Kapitel im Trailbuch.
Ich sitze auf meiner Pritsche, Stiefel unterm Bett, das Geräusch der Heizung wie fernes Knistern. Draußen hat sich die Welt in Watte gelegt, und ich grinse leise.
Der Trail hat mich wieder ein Stück getragen – irgendwie, irgendwo, irgendwie genau richtig.
🤠 Ride on, Pilgrim. Der Chemin des Allemands endet hier. Ab morgen heißt die Spur Via Cluniacensis.Läs mer
Saint Jacques des arrêts
14 oktober 2025, Frankrike ⋅ ☁️ 14 °C
Moin Trailriders.
Heute war so ein Tag, an dem man sich fragt, warum man das eigentlich alles macht – und dann fällt’s einem mitten im Nebel wieder ein: weil keiner sonst deinen Weg geht. Weil Freiheit kein Spaziergang ist. Weil du sie dir Schritt für Schritt verdienen musst – nass, kalt und ehrlich.
Ich verlasse Cluny im Morgengrauen. Die Stadt liegt still wie ein schlafender Riese, selbst die Glocken halten den Atem an. Nebel liegt über den Feldern, feucht und schwer, als hätte die Nacht selbst geschwitzt. Es riecht nach Erde, nassem Stein und Rauch. Ich schultere den Rucksack, ziehe den Kragen hoch und gehe los – hinein in dieses graue Meer aus Kälte und Stille.
Der Weg heißt jetzt Via Cluniacensis, der alte Pilgerpfad Richtung Le Puy-en-Velay. Ein ehrwürdiger Name, aber der Boden ist derselbe: rutschig, lehmig, echt. Kein Pilger-Romantik-Kitsch, keine Hochglanzpanoramen. Nur du, der Boden und das rhythmische Klacken der Stöcke im Nebel.
Die ersten sieben Kilometer bis Sainte-Cécile sind flach, ein ruhiger Trab durch feuchte Wiesen und schlafende Dörfer. Rauch steigt aus Schornsteinen, irgendwo bellt ein Hund, sonst nichts. Ich halte kurz an, trinke kalten Kaffee, kaue auf einem Stück Käse herum. Kein Wort, kein Plan. Nur weiter. Ein Cowboy zählt keine Kilometer, er zählt Tage, an denen er nicht aufgibt.
Hinter Sainte-Cécile zieht der Weg an, hoch Richtung Haut-Beaujolais. Der Wald wird dichter, der Boden schwerer, der Wind kälter. Tropfendes Moos, matschiger Untergrund, das Knacken nasser Äste. Kein Mensch weit und breit. Nur das Rascheln eines Rehs, das Schlagen des eigenen Herzens und der Atem, der wie Dampf aus der Nase steigt.
Hier oben hat der Weg seine eigene Sprache. Er spricht in Regentropfen, in Nebelschwaden und in dem gleichmäßigen Takt deiner Schritte. Kein Publikum, keine Likes. Nur das ehrliche Gespräch zwischen dir und der Erde.
Gegen Mittag erreiche ich Tramayes – ein stilles Dorf, eingehüllt in graue Schwaden. Ich gehe durch die Straßen, mehr Instinkt als Absicht, und plötzlich steht da jemand am Straßenrand: mein Gastgeber für heute Abend. Zufall? Vielleicht. Oder einfach der Weg, der dich zur richtigen Zeit an den richtigen Ort bringt. Er winkt, lächelt, erkennt mich. „Komm mit“, sagt er. „Im Institut de Tramayes ist heute offener Mittagstisch. Schüler kochen. Wir essen dort.“
Ich folge ihm. Ein einfaches Gebäude, hell, lebendig. Es riecht nach Brot, Suppe, Herbstgemüse. Junge Menschen laufen hin und her, decken Tische, servieren, lachen leise. Kein Restaurant, keine Show – nur ehrliches, gemeinsames Tun. Wir setzen uns an einen langen Tisch. Auf den Tellern: Porreesalat, gefüllter Kürbis, Birnentarte. Alles aus dem Garten, alles selbstgemacht. Kein Überfluss, keine Pose – nur gutes Essen und ein Stück gelebte Erde.
Ich verstehe nicht jedes Wort, aber ich verstehe alles, was zählt. Wärme. Gemeinschaft. Bodenhaftung.
Nach dem Essen fahren wir den Rest der Strecke. Der Wagen zieht sich über nasse Serpentinen hoch in die Hügel, Nebel so dicht, dass selbst die Scheinwerfer darin verschwinden. Irgendwann taucht sie auf – eine kleine Holzhütte, allein am Hang. „C’est ta maison pour la nuit“, sagt er. Meine Hütte. Mein Nachtlager. Einfach, trocken, echt. Neues Département: Rhône. Neues Kapitel: Auvergne.
Später sitze ich draußen, auf der Bank vor der Tür. Die Jacke offen, die Stiefel voller Dreck, der Atem dampft in der kühlen Luft. Kein Geräusch außer dem Tropfen von Wasser auf Holz. Ich spüre die Müdigkeit in den Knochen – und das gute Gefühl, da zu sein, wo man hingehört. Keine Bühne, kein Publikum, kein Applaus. Nur Stille.
Der sechste Tag war kein Tag für Heldenfotos. Er war ein Tag fürs Durchhalten, fürs Zuhören, fürs Atmen. Ein Tag, der nichts schenkt – aber alles gibt, wenn man genau hinschaut.
Resümee:
Der Weg hat heute nicht geschrien, er hat geflüstert. Und wer hinhört, hört mehr als Worte. Nebel, Regen, Erde – das sind keine Gegner. Das sind Prüfungen. Und jede davon bringt dich näher zu dir selbst.
„Wenn der Himmel dicht macht, reitet der Cowboy weiter. Denn wer auf Sonne wartet, verpasst den Weg.“ 🤠Läs mer
Col de Crie et Mont Saint Rigaud
15 oktober 2025, Frankrike ⋅ ☀️ 14 °C
Tag 7: Auf dem Dach des Rhône-Landes
Moin, ihr Staubritter und Weggefährten. 🌄
Der Himmel war heute früh so milchig wie alter Whiskey – Nebel, Kälte, ein Hauch von Schweigen über dem Tal. Ich spannte den Rucksack auf wie ein Sattel, trat raus in den Morgen und ließ die Stiefel reden. Von Saint-Jacques-des-Arrêts ging’s erst sanft bergab, durch feuchte Wiesen, an Apfelbäumen vorbei, das Gras noch schwer vom Tau. Die Sonne wollte, aber sie konnte noch nicht. Der Tag musste sich erst freikämpfen.
Bis Ouroux rollte der Weg ruhig dahin, kaum ein Laut außer dem Atem der Erde. Dann begann der Anstieg – kein sanftes Hinauf, sondern ein ehrlicher Zug nach oben, der dir die Oberschenkel warm reibt. Ich kam am Château de Gros-Bois vorbei, still, verfallen, von Moos umschlungen. Dann schluckte mich der Wald. Ein dunkler Nadelwald, voller Dunst und Duft nach Harz. Namen wie „Trou de Loup“ und „Croix du Pendu“ prangen an den Schildern – Wolfsloch und Galgenkreuz. Kein Ort für halbe Kerle. Der Nebel stand wie Rauch zwischen den Stämmen, und ich schwor, ich hörte manchmal das Knacken von etwas, das kein Wind war. Vielleicht nur das Echo der alten Geschichten, die der Wald nicht loslässt.
Am Col de Crie lichtete sich der Wald. Da stand ein Rasthaus wie eine Oase im Dunst. Kein Touristenkitsch, kein Firlefanz – nur ehrliche Verpflegung für die, die den Weg kennen. Du kaufst dir, was du willst, setzt dich hin und isst in Ruhe. Ich schnappte mir ein frisches Baguette, eine Terrine vom Wildschwein, einen Ziegenfrischkäse, eine Zitronenlimo und Kaffee so stark, dass er fast alleine gehen konnte. Während ich den Proviant auseinanderpflückte, trat Miriam an meinen Tisch – Pilgerin, Rucksack wie ein halbes Leben, und an ihrer Seite ein Hund, der mehr Ausstrahlung hatte als mancher Mensch. Wir kamen ins Gespräch, lachten, merkten, dass wir beide im selben Hotel in Propières gebucht hatten. Zwei Staubseelen, ein Weg – so läuft das manchmal auf dem Trail.
Hinter dem Col zieht der Pfad wieder an. Der Wind wird kühler, der Atem kürzer. Der Mont Saint-Rigaud liegt vor uns wie ein stiller Riese. Miriam erzählte, dass kurz vor dem Gipfel eine Quelle sei, „heilig“, sagt sie, mit Heilwirkung – für die, die glauben. Wer dort trinken will, soll vorher ein Kreuz basteln und aufstellen. Ich grinste. Kein Heiliger, aber auch kein Ignorant. Zwei Äste, ein Schnitt mit dem Taschenmesser, und zack – mein Cowboy-Kreuz stand. „Voilà“, sagte ich, „ein Glaubensbekenntnis aus Holz und Staub.“
Die Quelle lag still im Wald, das Wasser klar wie Glas, kalt wie Wahrheit. Ich trank einen Schluck. Es schmeckte nach Erde, Eisen und einem Hauch von Ewigkeit. Ich füllte meine Flasche, dann weiter zum Gipfel. 1009 Meter – das Dach des Rhône-Landes. Ein Turm aus Holz steht dort, mit einer Orientierungstafel aus Keramik. Ich stieg hoch, der Wind packte mich, Wolken zogen unter mir durch. Weitblick – Richtung Mittelmeer, Richtung Atlantik, Richtung alles. Da oben fühlst du, was Freiheit heißt: kein Lärm, kein Ziel, nur du, der Wind und das Land, das dich trägt.
Der Abstieg war ein Ritt ohne Pferd: 360 Höhenmeter auf vier Kilometern, geröllig, nass, unnachgiebig. Jeder Schritt musste sitzen. Zweimal rutschte ich, einmal fast abgeflogen – „Nur Feiglinge gucken nach jedem Tritt“, knurrte ich vor mich hin, „echte Cowboys spüren ihn.“ Unten dann endlich Asphalt, das Dorf, der Geruch von Kaminfeuer. Propières. Ich meldete mich im Hotel, ließ mir eine heiße Wanne ein, Bier daneben, und der Tag löste sich langsam auf wie Staub im Regen.
Ich saß später am Fenster, sah hinaus ins Dunkel, und dachte:
Der Weg hier oben ist kein Pilgerweg im frommen Sinne. Es ist ein Prüfstand für Seele und Körper, ein Ort, an dem du deine eigene Richtung misst. Zwischen Nebel und Himmel, Schmerz und Stolz, Schweigen und Wind.
Morgen geht’s weiter auf der Via Cluniacensis – die Straße der alten Mönche. Noch zwei Tage bis zur Loire.
Und wie sagt man im Westen?
„Wenn du den Himmel sehen willst, musst du durch den Staub reiten.“ 🤠Läs mer
Auf dem Rücken der Hügel
16 oktober 2025, Frankrike ⋅ ⛅ 14 °C
TrailSoulKev – Tag 8: Auf dem Rücken der Hügel 🤠
Von Propières nach Le Cergne – 19 staubige Kilometer über alte Salzpfade
Morgennebel hängt in den Tälern wie eine alte Decke, und die Sonne braucht Zeit, um sich durchzubeißen. Ich pack meinen Kram, schnappe mir den Stab, zieh den Hut tief ins Gesicht – und los geht’s. Acht Tage Staub, Schweiß und Stille stecken schon in den Stiefeln. Heute wartet kein großes Finale, keine Heiligenstatue, kein Postkartenmoment. Nur der Weg. Und das ist genau richtig so.
Von Propières zieht sich der Pfad langsam nach oben, durch kalten Schatten, über weiche Böden, wo die Morgensonne golden auf den Farn fällt. Der Wind ist wach, aber freundlich. Auf dem Col des Écharmaux spür ich ihn zuerst richtig, diesen langen Atem des Landes. Früher, so sagen sie, wurde hier Salz transportiert – schwer beladene Wagen, Pferde, die unter der Last schnaubten. Heute sind’s nur noch ein paar Wanderer, die denselben Grat entlangziehen, jeder mit seiner eigenen Last im Gepäck.
Der Kammweg zieht sich wie eine alte Narbe über die Hügel. Col des Aillets, Col des Écorbans, Col du Mont Pinay – die Namen kommen und gehen, wie Orte im Rückspiegel eines alten Pick-ups. Es ist kein Weg für Fotos, kein Trail für Touristen mit Selfie-Sticks. Hier oben zählt nur Rhythmus. Schritte, Atem, Herzschlag. Das Leben wird reduziert auf das, was bleibt, wenn alles andere leiser wird.
Wald, immer wieder Wald. Dunkel, satt, nach Harz und Erde duftend. Dann öffnet sich zwischendurch der Blick – Täler, Dörfer, ferne Linien, die im Dunst verschwimmen. Und jedes Mal, wenn der Horizont auftaucht, fühlt es sich an, als würde der Trail mir zunicken. "Weiter, Cowboy, weiter."
Die Sonne steigt, das Hemd klebt. Ich geh nicht schnell, aber stetig. Der Staub legt sich auf die Stiefel, der Schweiß brennt in den Augen. Doch es ist ein ehrlicher Kampf. Kein Gegner außer mir selbst. Kein Ziel außer dem Nächsten. Wer hier oben unterwegs ist, weiß, dass Freiheit nicht in der Aussicht liegt, sondern im Gehen.
Am Col de la Bûche ein letzter kleiner Anstieg, ein paar Kurven über die Höhe – dann liegt Le Cergne unten im Licht. Ruhig, unspektakulär, wie ein letzter Lagerplatz vor der Grenze. Ich nehm mir ein Zimmer bei Privatleuten, schüttel den Staub aus den Hosen, setz mich in die Sonne. Keine großen Geschichten heute, kein Drama. Nur der Gedanke, dass auch stille Tage ihren Wert haben.
Morgen geht’s runter zur Loire, nach Charlieu und Pouilly – mein Endpunkt für dieses Jahr. Ein letztes Stück Trail, bevor die Straße wieder ruft und der Alltag anklopft. Aber heute, hier oben, zwischen den Hügeln des Beaujolais, spür ich diesen Frieden, der nur kommt, wenn man lang genug unterwegs war. Wenn man nichts mehr beweisen muss. Wenn man einfach geht.
Der Weg – er war nie ein Spaziergang. Er war ein Lehrmeister. Und manchmal, so wie heute, ist die Lektion simpel: Nicht jeder Tag muss glänzen. Manche müssen einfach nur echt sein.
Ich sitze da, höre das Knacken der Bäume, spüre die Müdigkeit im Körper – und denke:
„Solang der Wind mein Begleiter bleibt und der Staub an meinen Stiefeln klebt, bin ich noch auf Kurs.“
Wenn du den Staub riechst und das Fernweh spürst – dann weißt du, wo du hingehörst.
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Finaloire
17 oktober 2025, Frankrike ⋅ ⛅ 14 °C
Le Cergne – Charlieu – Pouilly-sous-Charlieu. 23 km.
Kein Nebel heute, aber auch keine Sonne. Nur ein grauer Himmel, der alles in gleichmäßiges Licht tauchte – wie eine Leinwand, auf der der Weg selbst das Bild malt.
Es war der letzte Wandertag dieses Abschnitts. Der Körper weiß es, bevor der Kopf es begreift. Die Beine laufen wie von selbst, jeder Schritt vertraut, jeder Tritt ein kleines Stück Abschied.
Von Le Cergne ging’s bergab – stetig, fast gemächlich, als wollte der Weg mich sanft aus den Bergen hinausführen. Kühle Luft im Gesicht, das Rascheln feuchter Blätter unter den Sohlen. Kein Wind, kein Vogelruf, nur der eigene Atem. Es war still heute, so still, dass selbst das Klicken der Stöcke wie ein Echo klang.
Oben auf einem Hügel stand der Kalvarienberg mit seiner kleinen Kapelle. Ein Platz mit Weitblick, still und würdevoll. Die Tür war verschlossen, doch das machte nichts. Manche Orte reden nicht mit dir in Worten – sie atmen einfach neben dir, bis du verstehst. Ich lehnte den Rucksack an die Mauer, trank den letzten Schluck aus der Flasche und schaute in die Ebene hinunter. Da unten lag Charlieu, klein, freundlich, mit seinen alten Gassen und dem Geruch nach Mittagessen.
Unten in der Stadt suchte ich mir ein einfaches Lokal, bestellte, was der Wirt gerade empfahl, und ließ mir Zeit. Kein Blick mehr auf die Uhr, kein Ziel mehr, nur noch das Hier. Danach ging’s weiter auf der alten Bahntrasse – flach, gleichmäßig, perfekt zum Auslaufen. Pouilly-sous-Charlieu tauchte auf, als hätte der Weg selbst beschlossen, langsam zu enden.
Am Loire-Ufer saß ich eine Weile. Der Fluss zog ruhig dahin, trug all das mit, was die letzten Tage hinterlassen hatten: Staub, Schweiß, Gedanken. Ich ließ den Hut sinken, atmete tief durch. Es war kein pathetischer Moment, kein Filmende – eher wie das Ausrollen eines Motors, der langsam zur Ruhe kommt.
Dann der Bus nach Roanne, der Übergang zurück in die Welt der Takte und Anschlüsse. Doch in mir blieb das Rauschen des Weges. Der Trail war gegangen, aber nicht vorbei – er geht weiter, irgendwo zwischen Herz und Staub.
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Footprint: Letzter Staub am Fluss
Der Weg endet nicht, er wechselt nur das Tempo.
Was bleibt, ist das Wissen, dass Freiheit nicht dort beginnt, wo man losgeht – sondern dort, wo man stehen bleiben kann, ohne sich gefangen zu fühlen.Läs mer












































































































Resenär
und die Seele baumeln zu lassen?
Resenär
Kopf hoch Kev, das wird schon wieder!👍