Gewitter auf'm Acker
27 Apr–1 Mei 2024, Turki ⋅ ☁️ 22 °C
Erste Feststellung am Morgen: Das Rauschen hat sich halbiert! Während der vorbeibrausende Verkehr auf der Autobahn weiterhin unaufhörlich die Geräuschkulisse prägt, hat der Wind sich zu unserer Freude verabschiedet. Der Himmel sieht etwas freundlicher aus, sie Sicht ist besser und die Sonne bringt reichlich Wärme mit, als sie hinter den Bergen zum Vorschein kommt. Heiko schickt nach unserem 7-Uhr-Frühstück die Drohne zu einem Rundflug in die Luft und startet danach eine Foto-Runde zur Würdigung der verschiedenen bunt blühenden Pflanzen, die der Kargheit in dieser Gegend trotzen. Claudia widmet sich währenddessen ihrem Krimi, bevor es an das inzwischen wieder recht routinierte Abbauen und Packen geht. Rauf und runter führt unsere heutige Fahrt zunächst weiterhin mal mehr und mal weniger dicht an Autobahn durch die felsigen Ausläufer des Taurusgebirges. Es handelt sich um einen historischen Pass, über den die heutige Autobahn an dieser Stelle führt und in "nur" 1050m Höhe den äußersten Taurus-Bergzug quert. Die sogenannte „Kilikische Pforte“, die hier passiert wird, ist eine geradezu mythisch umwobene Engstelle im Taurusgebirge auf dem Weg vom anatolischen Hochland hinunter in die Ebene von Kilikien. Die Durchfahrt trennte in der Vergangenheit die Küste und das anatolische Hochland so stark voneinander, dass ein Passieren nur mit größter Mühe möglich war. Unzählige Heere von Alexander dem Großen, von römischen und byzantinischen Feldherren bis zu den Kreuzfahrern haben sich hier durch einen schmalen Felsenschlitz gequetscht, durch den kaum Reit- und Lasttierre oder gar Fuhrwerke passten. Über Jahrtausende diente die Pforte als einzige Handels- und Verkehrsöse durch den Taurus weit und breit. Erst die "moderne" Türkei hat diese Mythen rigoros beseitigt, die engen Felswände weggesprengt, um dem "modernen" Verkehrssystem einer sechsspurigen Autobahn Platz zu schaffen. Bis heute stellt die Kilikische Pforte, in der Türkei als Gülek Bogazi bezeichnet, die wichtigste Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem anatolischen Hochland dar und war entsprechend auch von hoher strategischer Bedeutung. Während die vielen Autos und LKW duch die geschichtsträchtige "Kilikische Pforte" rauschen, winden wir uns auf der schon vor der Autobahn existierenden Landstraße D750 auf 1370m hinauf. Sie wurde etwas weiter westlich als Umfahrung der Pforte trassiert und führt uns durch eine langgezogene Stadt namens Pozantı mit sehr quirliger Hauptstraße, die wir für einen Einkauf nutzen. Als wir nach absolvierten 500hm den Gipfel erreicht haben, freuen wir uns mal wieder über unsere Standardtüte Chips. Die "Arbeit" für heute ist getan, für den Rest des Tages sind keine nennenswerten Anstiege mehr zu erwarten. Vielmehr geht es zunächst sogar eine ganze Weile bergab. Eine Weile radeln wir noch an der mäßig befahrenen Hauptstraße entlang, wollen dann aber auch gerne den Feierabend einläuten und halten die Augen nach einem Zeltplatz offen. Die Suche gestaltet sich mal wieder nicht einfach, aber als wir gerade etwas ratlos am Straßenrand stehen, erleben wir einen Motivationsschub der besonderen Art: Ein kleines (!) Auto kommt vor uns zum Stehen und sechs (!) junge Männer steigen aus. Sie machen den Kofferraum auf und fragen, ob wir Lahmacun essen möchten. Wenige Augenblicke später halten wir tatsächlich die warme (!) türkische Pizza in den Händen und stehen auf Bitte der Jungs gerne für ein gemeinsames Foto zur Verfügung. Sie quetschen sich wieder in ihr kleines Auto und düsen winkend davon, während wir mit unserer sehr leckeren warmen Mahlzeit verblüfft an der Straße stehen. Crazy!
Die Schlafplatzsuche bleibt leider schwierig und so langsam drängt auch die Zeit angesichts der bald einbrechenden Dunkelheit. Immerhin sind wir dank der Lahmacun-Jungs schon satt. Als wir die Hauptstraße verlassen und auf eine kleine Nebenstraße abbiegen, schöpfen wir neue Hoffnung. Und tatsächlich sehen wir bald eine zelttaugliche Wiese und eine Familie, die auf dem benachbarten Acker arbeitet. Das Übernachten auf der Wiese können sie uns nicht zusagen, da ihnen selbige nicht gehört, aber auf ihrem Acker seien wir willkommen. Die ebenfalls angebotene Option, unsere Fahrräder auf den Transporter zu laden und mit zum sechs Kilometer entfernten Haus der Familie zu fahren, um dort zu übernachten, halten wir für zu aufwändig und lehnen dankend ab. Wir freuen uns aber sehr, dass wir durch das Holztor auf den Acker gelassen werden und dort nächtigen dürfen. Im letzten Tageslicht bauen wir das Zelt auf und gerade, als alles fertig ist und wir noch einen kleinen Salat verspeist haben, zucken die ersten Blitze am Himmel. Wir liegen schon in den Schlafsäcken, als auch Donnergrollen und zeitweise Regen einsetzen. In der Hoffnung, dass der Spuk bis morgen früh vorbei ist, machen wir die Augen zu.Baca lagi
Idylle an der Autobahn
26 April 2024, Turki ⋅ ☁️ 24 °C
Die Hoffnung auf klare Sicht beim ersten morgendlichen Blick aus dem Zelt wird leider enttäuscht. Der Himmel zeigt sich weiterhin extrem dunstig, so dass uns die ersehnte klare Sicht auf die uns umgebende Bergwelt weiterhin verwehrt bleibt. Dafür bekommen wir Besuch von einer vorbeiziehenden Schafherde, was auch sehr schön anzusehen ist, im speziellen die verspielten kleinen Lämmer und Zicklein. Der Hirte hält auf ein paar Worte an, will uns auch direkt zum Frühstück in ein Zelt auf der anderen Seite der Straße einladen, wo auch seine Frau und seine Kinder seien. Wir haben allerdings bereits gefrühstückt und so schlagen wir das Angebot dankend aus und verabschieden uns vom weiterziehenden Hirten. Wir üben uns indes noch eine Weile in "Faulsein" im Zelt, spaßeshalber nehmen wir uns vor: "Wir bleiben einfach so lange hier, bis die Sicht wieder gut ist." Dieses Vorhaben scheitert zwar, aber tatsächlich ist es am Ende halb zwei, als wir nach gemütlichem Vormittag endlich abfahrbereit sind. Und von diesem Zeitpunkt an haben wir es mit dem Gegenteil von Gemütlichkeit zu tun. Bei Gegenwind der kräftigen Sorte müssen wir unsere Fahrräder davon überzeugen, uns bergauf zu befördern. Nach drei Kilometern ist die erste Anhöhe erreicht, nun geht es zur Erholung eine Weile abwärts weiter. Als der nächste Berg nach oben bittet, wird die Fahrt zum Kampf: Bei weiterhin sehr starkem Gegenwind sollen Steigungen im zweistelligen Prozentbereich bezwungen werden, das ist einigermaßen spaßfrei. Keuchend kommen wir aber oben an und stellen mal wieder fest: "Es ist bestimmt total schön hier.., wenn man nur klare Sicht hätte." Einige Kilometer geht es nun bergab, bis wir im Ort Başmakçı auf die Autobahn stoßen. Auf einer kleinen Straße, die vermutlich früher vor dem Bau der Autobahn die Hauptstraße war, fahren wir fortan parallel der großen, in die Berge gehauenen Asphalttrasse. Immer wieder wechseln wir die Seite, mal unter der Autobahn durch mal oben drüber. Leider hat auch der Wind in seiner Intensität nicht nachgelassen, zu seinem lauten Rauschen gesellt sich jetzt auch noch der Lärm des vorbeisausenden Verkehrs. Obwohl normalerweise Heiko den Wind als seinen Endgegner erklärt und gerne mal verflucht, schlagen die Umstände heute eher bei Claudia auf die Stimmung...! Eine Einkaufsmöglichkeit ergibt sich leider nicht auf unserer heutigen Fahrt, aber immerhin bekommen wir die Gelegenheit, an einer Wasserstelle unsere Trinkflaschen aufzufüllen. Reichlich geschafft vom ständigen Auf und Ab entlang der Autobahn frequentieren wir um kurz nach fünf eine kleine ebene Fläche oberhalb der Straße, die unser Nachlager werden soll. Es gibt Abendessen, Tee und Kekse und dazu einen Panoramablick im Abendrot auf die munter befahrene Autobahn. Vielleicht hat das Verkehrsrauschen in den Ohren ja jedenfalls einschläfernde Wirkung...Baca lagi
Sicht wäre schön...
25–30 Apr 2024, Turki ⋅ ☁️ 22 °C
Um halb sieben beginnt unser Tag mitten im Obstbaumblütenmeer. Wie immer lassen wir es gemütlich angehen und sitzen letztendlich um kurz nach zehn auf den Rädern. Die ersten zehn Kilometer bis in die etwas größere Stadt Niğde sind zügig absolviert, geht es doch ausschließlich bergab. Wir nutzen die Gelegenheit der guten Infrastruktur und füllen bei einem Optiker Claudias Kontaktlinsenlösungsvorrat und in einem Turkcell-Laden unser Datenvolumen auf. Durch Zufall finden wir uns auf der Weiterfahrt mitten im Marktgetümmel wieder, so dass auch gleich etwas Obst und Gemüse in unseren Taschen landet. Auf schnurgerader Straße verlassen wir Niğde, der Wind weht mal wieder mächtig von vorne, die unmittelbare Umgebung ist alles andere als attraktiv. Viel Müll liegt überall verstreut herum, dazwischen tummeln sich reichlich Hunde. Wir treffen auf einen Mann, der mit seinem Auto diese Straße entlangfährt und regelmäßig hält, um die Hunde mit Wasser und Futter zu versorgen. Nach Überqueren einer Hauptstraße erreichen wir bald das Dorf
Sazlıca. Schon vorher hatten wir uns gedacht, dass es schön wäre, wenn wir noch irgendwo ein Brot ergattern könnten. Und tatsächlich kommt es noch besser! Zu unserer Linken entdecken wir eine Backstube, die sehr vielversprechend aussieht. Neben dem üblichen Brot werden auch gefüllte Poğaca und andere Backwaren angeboten. Vor allem lacht Claudia ein köstlich aussehendes flaches Gebäck an, welches laut Bäcker mit dem süß schmeckenden Tahini zubereitet wird. Wir werden von den Mitarbeitern zum Tee eingeladen und dazu wird uns eine in Häppchen geschnittene Hälfte des blätterteigartigen Tahini-Brotes serviert. In der Backstube herrscht reges Treiben, unsere Räder vor der Tür erregen interessierte Aufmerksamkeit. Mit einer Tüte voll Backwaren verlassen wir schließlich den Laden und verabschieden uns, vorher werden wir aber noch um ein gemeinsames Foto und unseren Instagram-Kontakt gebeten. Als wir ein halbe Stunde später noch einmal die Campingstühle aufstellen, um nach dem Tee vom Bäcker noch einen weiteren zu trinken, stellt Heiko fest, dass das eben erstellte Foto bereits mit Hinweis auf uns Touristen in Sazlıca auf Instagram gepostet wurde. Die weitere Fahrt führt uns mal wieder bergauf, etwas höher als 1600m liegt unser heutiges Zielgebiet. Unterwegs widerfährt uns noch ein Erlebnis der besonderen Art: Zwei riesige Schwärme Weißstörche fliegen direkt über unsere Köpfe hinweg. Staunend blicken wir in den Himmel und schauen den Vögeln fasziniert zu, wie sie elegant durch die Lüfte gleiten. In knapp über 1600m Höhe, also noch etwas unterhalb des Gipfels, spricht uns eine Wiese als Übernachtungsort an. Hinter einem Felshaufen erhoffen wir uns ein kleines bisschen Windschutz, hier richten wir uns häuslich ein. Leider ist der Himmel wolkenverhangen und sehr dunstig, so dass die Aussicht für uns sehr beschränkt bleibt. Die schneebedeckten Berge am Horizont lassen sich allenfalls erahnen. Diverse Schaf- und Ziegenherden sind noch unterwegs, die Glocken sind in unterschiedlicher Lautstärke aus allen Richtungen zu hören. Wir genießen diesen herrlichen Platz, sitzen bei Salat mit Poğaca vor dem Zelt und schlürfen den einen oder anderen Tee. Außerdem gibt es zum Nachtisch das köstliche Tahini-Brot, das vor allem Claudia hellauf begeistert. Es ist am ehesten beschreibbar als flaches Franzbrötchen mit Sesam- statt Zimtgeschmack und laut Claudia rangiert es unter den türkischen Delikatessen ab jetzt gaaaanz weit oben. Als irgendwann die Dunkelheit hereinbricht, wird es Zeit, die Campingstühle abzubauen und gegen Isomatte und Schlafsack einzutauschen.Baca lagi
Blühender Zeltplatz
24 April 2024, Turki ⋅ ☁️ 23 °C
Erneut lassen wir uns um acht Uhr das köstliche Frühstück des urigen Hotels schmecken. Bereits zuvor haben wir unser Hab und Gut in die diversen Packtaschen verstaut, so dass wir einigermaßen früh in die heutige, sehr höhenmeterreiche Etappe starten. Wir verabschieden uns von unserer freundlichen Gastgaberfamilie, steuern zum Zwecke der Verproviantierung noch kurz einen nahegelegenen Supermarkt an und dann schickt das Navigationsgerät uns auch schon bergauf. Etwa 300hm haben wir in den Beinen, als wir wenige Kilometer später den ersten Gipfel des Tages auf einer Höhe von 1770m erreichen. Eine Weile radeln wir noch, bevor wir uns die erste Pause gönnen. Im zugegebenermaßen winzigen Schatten eines kleinen Bäumchens stärken wir uns für den nächsten, ungefähr 20km langen Anstieg. Früher als gedacht erreichen wir am Nachmittag die Passhöhe auf 2180m. Das Erreichen dieses Punktes muss natürlich mit Erinnerungsfoto und Kekspause zelebriert werden, die just erradelte Marke stellt schließlich einen neuen Höhenrekord auf unserer Reise dar. Tadaaaa!!!! Kurz hinter der Kuppe füllen wir an einer Wasserstelle unsere Flaschen auf, dann dürfen wir ziemlich lange rollen. Zwanzig Abwärtskilometer sind es bis zur nächsten größeren Stadt namens Niğde, die wir allerdings erst morgen erreichen wollen. So halten wir also während der Abfahrt aufmerksam Ausschau nach einem potentiellen Schlafplatz. Die Suche gestaltet sich nicht einfach: Mal geht es rechts steil rauf und links steil runter, mal finden wir die Gegend aus unerklärlichen Gründen unheimlich. Und als sich perfekte Plätze in terrassenartig angelegten Obstplantagen anbieten, ist kein Mensch in Sicht, den man um Erlaubnis fragen könnte. Das Areal erscheint uns aber doch zu privat und kultiviert, um einfach eigenmächtig dort das Zelt aufzuschlagen. So rollen wir noch ein Stück weiter, bis wir schließlich einen Platz entdecken, mit dem wir zumindest "halbzufrieden" sind. Zwischen blühenden Obstbäumen und Feldern lassen wir uns nieder. Von der nahen kleinen Straße sind wir zwar gut sichtbar, aber es hat sich ja auch bisher noch nie jemand an unseren Lagerplätzen gestört, ganz im Gegenteil. Auf dem Gaskocher brutzelt Heiko Gemüse, vom gegenüberliegenden Hang sind das Mähen und das Glockengeläute einer Schafherde sowie das dazugehörige Hundegebell zu hören. Von uns nimmt an diesem Abend niemand mehr Notiz, also schließen wir die Zeltreißverschlüsse und sagen: İyi geceler!Baca lagi
Wandertag
23 April 2024, Turki ⋅ ⛅ 26 °C
Zur vereinbarten Zeit um acht Uhr begeben wir uns in das höhlenartige Frühstücksgewölbe. Von unseren Gastgebern, einem jungen Mann und seiner Mutter, bekommen wir ein herrliches Frühstück mit allerlei Köstlichkeiten serviert. Mit gut gefülltem Magen rüsten wir uns für den Tag. Die Räder haben Pause, dafür werden die Tagesrucksäcke mit Proviant gefüllt und das festes Schuhwerk geschnürt. Als wir unseren Gastgeber fragen, ob er uns ein Taxi rufen könne, bietet er sich kurzerhand selbst als Shuttle-Service zu unserem heutigen Ziel an. Nach etwa zwanzig Minuten erreichen wir das Ihlara-Tal an der Grenze zwischen den Provinzen Güzelyurt und Aksaray, welches wie auch die ganze Landschaft Kappadokiens durch die Vulkanausbrüche des Hasandağı entstanden ist. Geformt wurde das 14 Kilometer lange Tal durch den Fluss Melendiz. Vom Talrand im malerischen Ort Ihlara, wo wir uns absetzen lassen, steigen wir hinab in die 150m tiefe Schlucht, die auch "Grand Canyon der Türkei" genannt wird (naja...). Diese wurde unserer Internet-Recherche zur Folge im 8. Jahrhundert zum Rückzugsort byzantinischer Mönche, da sie in Zeiten der Verfolgung angesichts schwerer Zugänglichkeit ein ideales Versteck darstellte. 150 Kirchen werden am Melendiz-Fluss zwischen Ihlara und Selime vermutet, bislang wurde erst ein kleiner Teil davon entdeckt. Umgeben von üppigen Bäumen und steilen Felswänden auf beiden Seiten nehmen wir die 14 Kilometer in Angriff. Unterwegs nehmen wir die eine oder andere der versteckten Höhlenkirchen, die in die Seitenwände gehauen wurden, in Augenschein. Trotz deutlicher Spuren von Vandalismus sind hier noch teilweise gut erhaltene Wandmalereien mit Szenen aus dem Neuen Testament zu sehen. Es ist ein angenehmes Spazieren im nur spärlich von anderen Menschen besuchten Tal: Mal unter schattigen Bäumen, mal in der Sonne, begleitet von Krötengequake und Vogelgezwitscher, immer entlang des Flusses, verlaufen ist quasi ausgeschlossen. Auf halber Strecke erreichen wir das Dorfes Belisirma, welches auch einen Zugang zur Schlucht bietet. Hier tummeln sich dann auch doch viele Menschen, was offensichtlich daran liegt, dass diverse kleine Restaurants am Fluss zur Einkehr einladen. Auch wir gönnen uns Tee und Gözleme, bevor wir weiterziehen. Der zweite Teil unserer Wanderung unterscheidet sich deutlich vom ersten, denn die Schlucht wird breiter und offener. Uns gefällt dieser Abschnitt sehr gut, zudem sind wir auch wieder fast allein unterwegs, seit wir Belisirma hinter uns gelassen haben. Unsere Wanderung endet schließlich im Dorf Selime, wo wir schon auf unserer gestrigen Radel-Etappe an der in den weichen Tuffstein gehauenen und sich über mehrere Etagen erstreckende Felsenkathedrale vorbeigekommen sind. Wir sitzen auf einer Mauer vor der wahrlich beeindruckenden Kathdrale und hadern mit uns: Reingehen oder nicht reingehen? Einerseits wäre es doch schön blöd, sich die Besichtigung dieser faszinierenden Anlage entgehen zu lassen, wenn man schon direkt davor sitzt...., anderseits sind wir aber auch total platt. Ein Mann, der scheinbar für den Parkplatz zuständig ist, fragt uns, ob wir die Kirchen in der Schlucht gesehen hätten. Das Innere der Kathedrale würde genauso aussehen, nur ohne Malerei, erklärt er uns. Das ist für uns das Zeichen, dem Ruf unserer schwächelnden Körper zu folgen und ohne Besichtigung unseren Hotelgastgeber zwecks Abholung zu kontaktieren. Zurück in Güzelyurt plündert Heiko einen Supermarkt und bald darauf sitzen wir bei Tee und allerlei Leckereien im Garten unseres Hotels unter einer lilafarbenen und von schwarzen Hummeln umschwirrten Blütenpracht. Am frühen Abend raffen wir uns noch zu einer kleinen Erkundung von Güzelyurt auf. Nachdem Heiko einen kleinen Drohnenflug zur ca. fünf Kilometer (Anmerkung des Drohnenpiloten: Luftlinie 1,2km) entfernten festungsartigen Yüksek Kilise (hochgestellte Kirche) unternommen hat, spazieren wir zu dem in Google Maps verzeichneten Aussichtspunkt Bakı Noktası. Wir sind hellauf begeistert angesichts des großartigen Blicks über die Stadt mit ihrer historischen Architektur, die bisweilen mit den Felsen verschmilzt. Es ist schon fast dunkel, als wir vor dem Ausgang einer unterirdischen Stadt stehen und überrascht sind, dass Licht in der Höhle brennt. Der erste Blick hinein ist fast ein wenig gespenstisch, Schatten huschen vorbei, vielleicht Fledermäuse? Wir wagen einige Schritte hinein und schauen uns um, die Gänge verzweigen sich wie in einem Labyrinth. In die Tiefe steigen wir nicht hinab, sondern treten dann doch lieber den geordneten Rückzug an. In bzw. vor einem kleinen Lokal im Ortskern kehren wir zum Abendessen ein. Es ist nur noch ein Hauptgericht im Angebot, dieses wird uns aber nebst einer Linsensuppe sehr angepriesen. Wir bestellen also die Suppe sowie das Cicken-Reis-Gericht, um kurz darauf zu erfahren, dass es leider auch keinen Reis mehr gibt. Nun gut, Brot tut es ja auch und es schmeckt uns ausgesprochen gut. Satt und erfüllt mit den vielen Eindrücken des Tages fallen wir unter dem hohen Steingewölbe unseres Hotelzimmers in die Betten.Baca lagi
Güzelyurt
22 April 2024, Turki ⋅ ☀️ 16 °C
Früh sind wir wach und frühstücken bereits um sieben Uhr bei herrlichem Blick auf den Hasandağı. Und wenn es so schön ist, gibt es auch keinen Grund zur Eile. Halb elf ist es, als die Fahrräder bepackt und wir bereit zur Weiterreise sind. Durch Zufall haben wir entdeckt, dass in drei Kilometern Entfernung direkt an unserer Route eine unterirdische Stadt liegt. Da wir eine ähnliche Attraktion in Kaymaklı durch die Routenänderung aus dem Reiseprogramm gestrichen haben, drängt sich hier ein Besuch nun quasi auf. Die "Aziz Mercurius Yeraltı Şehri" im kleinen Dorf Saratlı ist schnell erreicht, unser Aufenthalt gestaltet sich allerdings recht kurz. Nach einem ersten Eindruck in der unterirdischen Stadt müssen wir feststellen, dass FlipFlops nicht das geeignete Schuhwerk für den Gang durch die tiefen, engen Gänge ist, wo eher Trittsicherheit gefragt ist. Wir verzichten also auf die vollständige Erkundung der Stadt und fahren weiter. Das, was folgt, betitelt Heiko als "Katalogradeln". Und tatsächlich könnte man meinen, er fährt vor einer Fototapete mit dem Motiv einer violett und gelb blühenden Wiese vor sonnenbeschienenem Schneeberg.
Bald verspüren wir einen nicht unerheblichen Hunger, da kommt uns ein erreichter "Minigipfel" gerade recht, Gipfelsturm zieht ja bekanntermaßen Chipsbelohnung nach sich. Auf einer Schotterpiste rumpeln wir anschließend dem Hasandağı entgegen, der weiterhin dass Landschaftsbild dominiert. Nach ca. 6 Kilometern haben wir wieder Asphalt unter den Reifen und den Ort Selime vor der Nase. Hier werden wir durch die typischen Gesteinsformationen eindrücklich daran erinnert, dass wir uns im weitläufigen Gebiet Kappadokiens befinden. Zu unserer Linken passieren wir die Kathedrale von Selime, ein hoch aufragender Felskomplex mit Räumen, Fenstern, Treppen und einer Kirche auf der Spitze. Schon der Anblick dieser Felsenkathedrale von außen bestätigt, dass einem neben den Highlights der Gegend mit den Tälern rund um Göreme auch die weniger bekannten Stätten ein aufrichtiges Staunen entlocken können. Heute verweilen wir an dieser Stelle nicht, da wir vorhaben, am morgigen "Ruhetag" im Anschluss an eine Schluchtwanderung hierher zurückzukehren. Wir nehmen stattdessen den nächsten Anstieg in Angriff und werden oben angekommen mit einer fantastischen Aussicht auf das Dorf Yaprakhisar und die beeindruckende Landschaft belohnt. Wir nutzen diesen herrlichen Platz für eine Kaffee-Tee-Keks-Pause, bevor es auf den Endspurt in Richtung des heutigen Zielortes Güzelyurt geht. Unterwegs durchqueren wir das Dorf İhlara und können einen ersten Blick in die gleichnamige Schlucht werfen, die wir morgen besuchen wollen. Kurz bevor wir Güzelyurt erreichen befragen wir Google nach Hotels vor Ort und entscheiden uns für ein Haus, welches laut Beschreibung über mehrere einladende Terrassen mit Panaramablick auf Stadt und Hasandağı verfügt. Wir sehen uns schon vor unserem inneren Auge auf einer der Terrassen sitzen und den Sonnenuntergang genießen. Also los, nichts wie hin! Kurz nach Ortseingang werden wir von einem jungen Paar auf deutsch angesprochen. Vermutlich haben sie die kleine deutsche Fahne gesehen, die auch in diesem Jahr neben einer türkischen an Heikos Fahrrad weht. Die beiden kommen aus der Nähe von Hannover und sind vor etwa einem Jahr hierher, in die Heimat ihrer Familien gezogen. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie nun mit einem kleinen Market und damit, dass sie ein Erdbeer- und ein Lavendelfeld bewirtschaften. Nach kurzem Plausch fahren wir weiter, schließlich ruft die ersehnte Hotelterrasse. Der Standort ist schnell gefunden, das Hotel jedoch nicht..., schade. Das nächste Hotel, ebenfalls mutmaßlich mit Terrassen-Sonnenuntergangsoption, finden wir zwar, sind aber bei Ankunft vor dem Haus so genervt von der Aufdringlichkeit der uns sofort belagernden Mitarbeiter, dass wir weiterfahren. Schließlich steuern wir das Hotel Osmanoğlu an, das zwar im Netz sehr gut bewertet wird, unser Bild von chillenden Radlern auf Terrasse vor Berg und Sonnenuntergang aber nicht erfüllen kann. Vielmehr sitzen wir in einem hübschen Garten, der zu allen Seiten von altehrwürdigen Mauern umgeben ist und warten bei einen Kaffee darauf, unser Zimmer beziehen zu können. Über die kleine Enttäuschung der nicht vorhandenen Panorame-Terrasse tröstet die Tatsache hinweg, dass wir es mit überaus netten Gastgebern zu tun haben und ein sehr besonderes Zimmer zugewiesen bekommen. Ein großer, sehr hoher Raum, der eher einem Gewölbe gleicht, wird nun für zwei Tage unser Zuhause sein. Die Sonne ist inzwischen ohne uns untergegangen, also widmen wir uns nach ausgiebiger Dusche dem, was wir besonders gut können: Essen! Im Restaurant "Ailem" (Meine Familie) genießen wir ein leckeres 3-Gänge-Menü (heute köstliche Joghurtsuppe OHNE Pansen...), bevor wir den heutigen Tag für beendet erklären.Baca lagi
Majestät Hasandağı
21 April 2024, Turki ⋅ ☀️ 17 °C
Am Morgen stellen wir mit dem Aufziehen der Gardinen und Öffnen des Fensters erfreut fest, dass unser Plan ist aufgegangen ist: Der Himmel ist blau und es stürmt nicht mehr, wir haben die Zeit des Unwetters perfekt genutzt, super!
Während des Frühstück brüten wir über der Landkarte und überlegen, wir wir weiterfahren. Die ursprüngliche Planung sieht vor, dass wir den Ort Kaymaklı ansteuern, um eine dort lokalisierte unterirdische Stadt zu besichtigen. Heiko hat aber bereits vor einigen Tagen die Möglichkeit ins Feld geführt, doch lieber noch einmal in Richtung Kappadokien zu fahren. Außer der unterirdischen Stadt ist Kaymaklı nicht besonders attraktiv und da könnte vielleicht ein weiterer Besuch der magischen Tuffsteinwelt mehr Freude machen. Claudia wirft mit einem Schwenk nach Süden noch eine dritte Option ins Rennen, welche zu der noch zum Gebiet Kappadokien gehörenden İhlara-Schlucht und zu dem laut Internet-Recherche hübschen Ort Güzelyurt führt. Motiviert durch den Reiz des Neuen entscheiden wir uns schließlich für Variante 3 und basteln direkt neue Routen in der App Komoot für die nächsten drei Tage. Trotz intensiver Bemühungen gelingt es Heiko aber leider nicht, die auf dem Handy angelegte und gespeicherte Route bzw. GPX-Datei auf unsere Navigationsgeräte zu übertragen. Dafür wäre ein Computer erforderlich, vielleicht kann man uns ja an der Hoteltezeption helfen. Wir begeben uns also erstmal in unser Zimmer und sortieren unser Chaos wieder in Fahrradtaschen. Im goldverzierten Fahrstuhl geht es schließlich bei sanfter Säuselmusik mit unserem Gepäckhaufen ins Erdgeschoss, wo die Räder darauf warten, beladen zu werden. Die Nutzung eines Computers im Hotel ist leider nicht möglich, das Gerät sei kaputt. Der Rezeptionist weist uns aber darauf hin, dass es in unmittelbarer Nähe ein Internet-Café gibt. Wir bedanken uns und und machen uns direkt auf den Weg zum beschriebenen Standort, um dort festzustellen, dass von dem genannten Internet-Café außer einem Ladenschild nichts mehr übrig ist und das scheinbar auch nicht erst seit gestern. Wir wollen nicht wirklich daran glauben, dass der Typ aus dem Hotel uns verar...t hat (es gäbe ja gar keinen Grund dafür...), möglich ist es aber schon. In Sichtweite befindet sich ein Vodafone-Geschäft, wo Heiko kurz darauf unser Anliegen vorträgt. Die Mitarbeiter sind extrem hilfsbereit und so sitzt Heiko kurz darauf auf dem Chefsessel und nutzt den Geschäftscomputer für unsere Zwecke, während der Mitarbeiter uns Kaffee kocht. Trotz einiger Fehlversuche haben wir am Ende immerhin auf einem Navi unsere neue Route, ein Luxus, der uns sehr freut. Nach zwei Zwischenstopps beim Obst- und Gemüsehändler sowie im Supermarkt verlassen wir dann am späten Vormittag die Stadt Ortaköy. Bereits nach den ersten Kilometern freuen wir uns darüber, uns für diese Route entschieden zu haben. Die Strecke präsentiert sich fantastisch, das Radeln ist ein absoluter Genuss.
Als wir eine Weggabelung an einem kleinen Baum erreichen, von der aus man einen herrlichen Postkartenblick auf einen See hat, stellen wir fest: Hier waren wir schonmal! Tatsächlich kam Heiko schon die Ausfahrt aus Ortaköy bekannt vor und nun sind wir sicher. Genau an dieser Ecke sind wir im letzten Jahr in Richtung Kappadokien abgebogen. Nun radeln wir aber südwärts weiter und sind weiterhin absolut angetan von der Strecke.
Zudem treffen wir wie so oft auf sehr viele unglaublich freundliche Menschen, was uns immer wieder begeistert. So hält zum Beispiel ein junges Paar mit dem Auto an, während wir auf unserm ersten Gipfel pausieren, heißt uns in der Türkei willkommen, stellt die üblichen interessierten Fragen nach dem Wohin und dem Woher, schenkt uns zwei köstliche Schokoriegel und fährt weiter. Einfach nett, immer wieder!
Wir sind ohnehin schon fasziniert von der heutigen Fahrt und der Landschaft, aber es wird noch besser: Als wir über die Kuppe fahren, schiebt sich langsam aber sicher der schneebedeckte Hasandağı ins Sichtfeld. Wir sind restlos begeistert, was für ein majestätischer Anblick! Bei dem inaktiven Schichtvulkan mit einer Höhe von 3268 Metern handelt es sich um den zweithöchsten Berg Zentralanatoliens. Euphorisch gestimmt radeln wir weiter und sind einmal mehr glücklich darüber, diese Route genommen zu haben. Im weiteren Etappenverlauf fahren wir geradewegs auf den Hasandağı zu, der Anblick ist und bleibt beeindruckend. Auf dem letzten Gipfel des Tages schenken wir der Majestät unsere volle Auferksankeit. Wir fotografieren, filmen und bestaunen den imposanten Berg aus allen möglichen Perspektiven. Irgendwann schwingen wir uns wieder in den Radsattel und rollen in der Hoffnung abwärts, einen Panoramablick-Zeltplatz zu erspähen. Etwas enttäuscht sind wir zunächst, als wir nach einigen Bergabkilometern auf eine Hauptstraße stoßen, es findet sich aber am Ende doch noch ein wunderbarer Platz. Auf einem Feld mit herrlichem Blick auf den Hasandağı schlagen wir unser Lager auf und genießen den Abend. Lange halten wir es allerdings nicht draußen aus, denn es ist empfindlich kalt. Voller Vorfreude auf die morgige Etappe begeben wir uns in die warmen Schlafsäcke. Gute Nacht!Baca lagi
İnci Hotel Ortaköy
20 April 2024, Turki ⋅ 🌬 20 °C
Die Wettervorhersage hat nicht gelogen, das spüren wir schon beim Aufwachen. Es weht bereits ein kräftiger Wind, der blaue Himmel ist im Begriff sich zuzuziehen. Nach dem Frühstück stellen wir uns dem aufkommenden "Lodos". Gestern bereits etwas weiter gefahren zu sein, erweist sich heute als sehr gute Idee. Sehr langsam und nur mit viel Mühe kommen wir voran. Für eine Verschnaufpause kauern wir uns in den Windschatten eines kleinen Häuschens und stärken uns mit Sesamstangen und Keksen für den Endspurt. Der Sturm bläst unvermindert weiter, die Berge am Horizont sind mittlerweile im Dunst bzw. in dem vom Wind mitgeführten Staub kaum noch zu erkennen. Schließlich erreichen wir Ortaköy und finden auch zügig das vorab im Internet recherchierte İnci Hotel, wo wir einchecken. Das uns zugwiesene Zimmer ist insgesamt eher mittelprächtig, aber was am wichtigsten ist: Es weht kein Wind! Und die ausgiebige Dusche, die wir uns zuallererst gönnen, ist erstens sehr wohltuend und zweitens auch dringend nötig. Als alle Steckdosen mit Handys, Akkus, Drohne, Ebook-Reader, Powerbanks etc. belegt sind, widmet Heiko sich dem Waschen unserer Wäsche, während Claudia einen (stürmischen) Einkauf erledigt. Mit einer großen Portion Obstsalat nebst Joghurt im Magen verdödeln wir die folgenden zwei bis drei Stunden im Hotelzimmer, bevor wir uns am Abend noch einmal hinaus in Richtung eines Restaurants begeben. Die dort bestellte (und gegessene!) Mahlzeit wird vor allem Claudia nicht so schnell vergessen. Die Speisekarte kommt auf türkisch daher, aber was soll's, türkisches Essen ist ja lecker, passt schon. Heiko schlägt als Vorsuppe eine sogenannte "İşkembe Çorbası" vor, Claudia schließt sich an, klingt ja ganz gut. Nach den ersten Löffeln fragt Claudia sich dann doch, was sie da eigentlich genau isst. Vor allem die Einlage der Suppe ist nicht definierbar und die Konsistenz komisch weich knorpelig. Augen zu und durch, die Suppe wird ausgelöffelt, die Einlage ohne Kauen runtergeschluckt. Was auch immer es war, nun ist es weg, und der folgende Dürüm ist eindeutig besser. Zurück im Hotel befragen wir Google nach unserer Vorsuppe und wissen nun, dass es sich bei "İşkembe Çorbası" um ein türkisches Nationalgericht handelt und wir Kuttelsuppe, also Suppe mit gekochtem Pansen, gegessen haben. Immerhin ist auch zu lesen: "Kutteln sind eine wichtige Nahrungsquelle, die unser Immunsystem dank ihrer kalorienarmen, faserigen Struktur und ihres Reichtums an Mineralien wie Eiweiß, Phosphor, Kalzium, Zink, Selen und B12 unterstützt." Naja, immerhin..., trotzdem wird Rindermagen seeehr weit entfernt von Claudias Lieblingsspeise bleiben. Da beschließen wir den heutigen Tag doch besser noch mit der uns gut bekannte Baklava-Schokolade...Baca lagi
Die Ruhe vor dem Sturm
19 April 2024, Turki ⋅ ☀️ 21 °C
Um sieben Uhr sind wir wach und fangen direkt an, unser Lager zu räumen, so dass bereits gegen acht Uhr die Räder bepackt sind. Kurz verabschieden wir uns noch von dem älteren Herrn, auf dessen Wiese wir gezeltet haben, dann rollen wir vom Hof. Nur ungefähr einen Kilometer weiter bietet sich ein schöner Platz für unser Frühstück an. Unter großen Weiden an einem kleinen Bach mit lauten quakenden Kröten bauen wir Campingküche sowie -esszimmer auf uns stärken uns für den Tag. Wie so oft wird unsere Rast auch heute wieder von einer vorbeiziehenden Schafherde begleitet. Erst um elf Uhr machen wir uns auf den Weg, zum Start ist direkt der erste Berg zu erklimmen. Oben in etwa 1300m Höhe angekommen rufen uns zwei Männer heran, die gerade an einem Haus werkeln oder eher vor selbigem von der Arbeit pausieren. Die beiden bieten uns zwei Stühle an und laden uns zum Tee ein und so verweilen wir hier für eine sehr nette halbe Stunde.
Auf dem erreichten Höhenniveau geht es auf unserer Etappe wellig weiter. Die Landschaft ist herrlich, die Fahrt ein Genuss. Und wenn wir noch vor zwei Tagen leichte Zweifel hegten, heute sind sie wie weggeblasen. Felsig zeigt es sich hier und da, ansonsten viel saftiges Grün und stets die Aussicht auf ein Postkartenbergpanorama. Nach unserer heutigen Chipspause radeln wir deutlich weiter als ursprünglich geplant, was einen strategischen Grund hat. Für morgen ist laut Wettervorhersage erneut Sturm angekündigt. Auch von den Männern, mit denen wir Tee getrunken haben, erhielten wir eine entsprechende Warnung. Der "Lodos" werde morgen erwartet, ein Wind aus Süden oder Südosten, der mit Sturmböen oder auch schweren Sturm- bis orkanartigen Böen einhergehen kann. Jaja, wir haben ihn schon kennengelernt, diesen Schurken, nun kennen wir auch seinen Namen. Unser Plan sieht vor, heute die Ruhe vor dem Sturm zu nutzen und möglichst weit zu fahren, um morgen vor Einsetzen des gegen Mittag erwarteten starken Windes die Stadt Ortaköy und mit ihr ein windgeschütztes Hotelzimmer zu erreichen. Im Idealfall zieht der Sturm durch, wenn wir mal wieder uns und unsere Kleidung einer Reinigung unterziehen und sämtliche elektronischen Geräte mit Strom versorgt werden. Als die Tachos noch 28 Restkilometer bis Ortaköy anzeigen, stellen wir unweit der Straße unser Zelt an einem Feldrand auf. Während wir uns noch fragen, auf wen oder was die vielen Löcher im Boden zurückzuführen sind, zeigen sich tatsächlich die Bewohner der unterirdischen Höhlen: Ratten sind es, die im Untergeschoss unseres Zeltes hausen. In der Hoffnung, dass sie sich nicht durch den Zeltboden knabbern und wir über Nacht neue Mitbewohner bekommen, kriechen wir in unsere Schlafsäcke.Baca lagi
Gesellig in Kaçarlı
18 April 2024, Turki ⋅ ☀️ 24 °C
Als wir am Morgen aufwachen, dominiert weiterhin das Geräusch des Sturms, Regen und Gewitter sind aber ausgeblieben. Zu behaupten, dass wir in einer Sandkiste sitzen, wäre zwar etwas übertrieben, aber dieses feine rote Zeug überall im Zelt ist alles andere als angenehm. Wir fällen den Entschluss, unsere sieben Sachen zu packen und aufzubrechen, unser Frühstück wollen wir an einem windgeschützten Ort nachholen. Eigentlich gelingt uns der Abbau des Zeltes trotz des starken Windes recht gut, hätte Heiko da nicht eine Kleinigkeit im Zelt vergessen. Auf diese Kleinigkeit in Form von Bananen wird er aufmerksam, als er sich auf das zusammengerollte Innenzelt kniet, um die letzte Luft entweichen zu lassen. So gut es geht beseitigen wir Obstmatsch aus dem Seitenfach des Innenzeltes, um anschließend unseren ungeschützt dem Wind ausgesetzten Platz zu verlassen. Nur einen Kilometer weiter entdecken wir am Eingang eines kleinen Dorfes eine windgeschützte Ecke zwischen verlassenen und recht verfallenen Häusern, die wir für unser Frühstück nutzen. Es dauert nicht lange, da gesellt sich ein interessierter Dorfbewohner zu uns. Ein Gespräch wird allerdings nicht nur durch unzureichende Sprachkenntnisse erschwert, der Mann ist obendrein noch tracheotomiert und kann demzufolge nicht sprechen. Nach einer kurzen Konversation mittels Handy, Zettel und Stift verabschiedet er sich wieder. Wir stellen uns indes frisch gestärkt unserem heutigen Endgegner, dem Wind. Tja, und wenn man schon in der Ebene trotz Anstrengung nur 8km/h erreicht, macht das Erklimmen eines teilweise biestig steilen Berges nicht wirklich Spaß. Das vermutet wohl auch der Autofahrer, der extra anhält, um uns eine Flasche Wasser zu schenken. Irgendwann erreichen wir aber tatsächlich den höchsten Punkt und genehmigen uns an einem halbwegs windgeschützten Platz (man wird zwangsläufig bescheiden in dieser offenen und baumarmen bzw. -losen Gegend...) die Standardbelohnung: Chips! Die meisten Höhenmeter des Tages sind aber geschafft, durch hügeliges Terrain kämpfen wir uns weiter durch den Wind, über dessen Stärke auch der freundlich blaue Himmel nicht hinwegtäuschen kann. Jede noch so kleine Richtungsänderung, die den direkt frontalen Windangriff kurz außer Kraft setzt, ist eine Wohltat. Erst am Nachmittag, nachdem wir bei Heißgetränk und Kuchen eine Pause eingelegt haben, flaut es etwas ab. So radeln sich die letzten Tageskilometer etwas entspannter, bevor wir mal wieder die Augen nach einer Schlafgelegenheit offen halten. Es ist halb sechs, als wir im kleinen Dorf Kaçarlı fündig werden. Als Heiko zwei Männer fragt, ob es okay wäre, auf dem gegenüberliegenden großen Spielplatzgelände zu zelten, bieten diese einen anderen, laut ihrer Aussage sichereren, Platz in Sichtweite an. Wir nehmen das Angebot dankend an und richten unseren Lagerplatz auf der zugewiesenen Wiese vor einer kleinen Mauer ein. Etwas irritierend erscheint uns die Tatsache, dass es auf dieser Wiese auch ein bewohntes Haus sowie zwei Hunde gibt und wir uns folglich auf einem Privatgrundstück befinden, aber das nehmen wir einfach mal so hin. Nach dem Abendessen bekommen wir Besuch von einem Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, İsmail stellt sich uns als der İmam des Dorfes vor. Kurz darauf kommt ein älterer Herr dazu, der das Haus bewohnt, auf dessen Grundstück wir lagern. Nach kurzem Wortwechsel verabreden wir, später gemeinsam Tee zu trinken. İsmail muss vorher noch die Aufforderung zum Gebet vom Minarett der Moschee rufen und auch seine Frau samt Kindern sowie der ältere Herr ziehen erstmal wieder von dannen. Wir wissen nicht genau, wann und wo später etwas stattfinden soll, warten also einfach mal ab und vertreiben uns vor dem Zelt die Zeit. Bald kommt der ältere Herr mit einem Tablett, auf welchem reichlich Teegläser und Kekse stehen. Kurz darauf erscheint eine ältere Frau und bringt einen Schal, der wohl als Teewärmer dienen soll. Der ältere Herr verschwindet wieder, um einige Minuten später eine große typisch türkische "Doppelkanne" Tee zu unserem Platz zu balancieren. Eine weitere Frau kommt dazu und stellt ein silbernes Tablett mit reichlich türkischen Süßigkeiten auf unseren kleinen Campingtisch. Und schließlich sind auch İsmail uns seine Familie wieder da und steuern Datteln uns Sonnenblumenkerne bei. Ein Junge im Teenageralter schleppt einige dicke Sofakissen ran und so sitzen wir im schwachen Schein der Straßenlaterne zu zehnt vor unserem Zelt auf dem Boden im Kreis, trinken Tee, knabbern viel zu viel Süßes und unterhalten uns in dem Maße, wie es die Sprachkenntnisse zulassen. Gegen 22 Uhr findet der gesellige Abend sein Ende und wir läuten die Nachtruhe ein.Baca lagi
Überall Sand...
17 April 2024, Turki ⋅ ⛅ 20 °C
Kühl ist es noch am Morgen, wenngleich die Nacht gefühlt wärmer war als die letzte. Eingemummelt in unseren Schlafsäcken frühstücken wir in aller Ruhe und als die ersten Sonnenstrahlen uns erreichen, wird es dann auch sofort merklich wärmer. Um viertel vor zehn verlassen wir unseren Platz am fröhlich zwitschernden Vogelbusch und strampeln zum Einstieg der heutigen Etappe bergauf. Am höchsten Punkt erreichen wir die Stadt Balâ, wo wir wie geplant einkaufen und unsere Taschen mit Proviant für drei Tage füllen. Deutlich schwerer als zuvor rollen wir schließlich stadtauswärts, zu unserer Freude erwartet uns eine längere Abfahrt. Balâ liegt hinter uns, vor uns eröffnet sich uns der Blick in eine schier endlos wirkende Weite. Unabhängig voneinander haben wir beide das Gefühl, den Großraum Ankara nun endgültig zu verlassen.
Unser erster Pausenplatz gleicht einem Schafherden-Drehkreuz. Aus allen Richtungen tauchen die netten Wolltiere in Begleitung ihrer Hirten, zumeist auf einem Esel reitend, und einer Meute Hunde auf. Wenn die berittenen Hirten aufeinander treffen, wird ein Pläuschchen gehalten, während die laut kläffenden Hundemeuten sich mutmaßlich eher als Gegner oder Konkurrenten verstehen. Auch bei uns hält ein Hirte für ein kurzes Gespräch an. Er nimmt wahr, dass wir seinen Esel sehr nett finden und steigt prompt ab, um Heiko den Platz auf seinem Reittier anzubieten. Nach kurzem Esel-Probesitzen zieht die Herde samt ihrem Hirten und seinen 12 (!) Hunden weiter, während wir uns Kaffee/Tee und Kuchen gönnen. Eine Weile radeln wir noch durch welliges Terrain weiter, bevor die Aufmerksamkeit wieder potentiellen Übernachtunsplätzen gilt. So ganz sind wir noch nicht in diesem Urlaub angekommen, Claudia ist einigermaßen platt, Heiko plagen intermittierend Zahnschmerzen und der Wind kommt uns scheinbar am allerliebsten direkt von vorne ins Gesicht geblasen. Auch die Gegenden, durch die wir bislang gefahren sind, bieten keinen Anlass für euphorische Stimmungsausbrüche. Wir fragen uns, woran das liegen mag. Sind vielleicht die sensationellen Eindrücke unserer Herbstreise noch zu präsent? Sind unsere Ansprüche dadurch zu hoch? Würden wir genauso empfinden, wenn dies unsere erste Reise in die Türkei wäre? Ist es die Spannung und der Reiz des Neuen, was inzwischen etwas verblasst ist? Wir wissen es nicht, sind aber guter Hoffnung, dass noch viele schöne Eindrücke und Erlebnisse auf uns warten. Es ist 17 Uhr, als Heiko anhält und linker Hand der Straße in einen sandigen Fahrweg geht, um die Lage zu inspizieren. Daumen hoch lautet das Ergebnis, hier können wir bleiben. Auf einem kleinen, unbewirtschafteten Stück Wiese inmitten großer Felder lassen wir uns nieder. Unter blauem Himmel verspeisen wir den traditionellen und immer wieder leckeren Gemüsetopf mit Brot. Claudia liest gebannt ihren Krimi zu Ende, während Heiko angesichts deutlich aufkommenden Windes das Zelt, bzw. den bis zu diesem Zeitpunkt lediglich vorbereiteten Footprint neu ausrichtet. Als wir es uns im Zelt gemütlich machen, nimmt der Wind weiterhin an Stärke zu und verdient inzwischen eher den Namen Sturm. Er drückt mächtig in die Zeltwände, der Zeltboden scheint an den nicht durch uns oder andere Gegenstände beschwerten Stellen durch die kräftigen Böen abheben zu wollen. Zusätzlich ist es durch die Kombination aus trotz fester Abspannung flatternden Zeltplanen und dem Rauschen des Windes so laut, dass man sein eigenes Wort kaum verstehen kann. Am schlimmsten erweist sich aber die Tatsache, dass der Sturm feinen Sand in das Innere des Zeltes treibt (Heikos Flüche sind an dieser Stelle nicht zitierfähig...). Der Zeltboden, die Schlafsäcke und alles, was nicht nicht innerhalb von Tasche oder dergleichen befindet, ist bald von einer rötlichen Staubschicht überzogen. Der Blick nach draußen verheißt nichts Gutes. Finster sieht es aus am Horizont, ein Gewitter erscheint uns nicht unwahrscheinlich. Was das wohl für eine Nacht wird...Baca lagi

PengembaraHoffentlich übersteht ihr die Nacht gesund und ohne Schaden und für Heiko keine Zahnschmerzen mehr
Abendlicher Vogelchor
16 April 2024, Turki ⋅ ☀️ 22 °C
Früh am Morgen sind wir wach, lassen den Tag aber seeehr gemütlich angehen. Nach Frühstück und dem einen oder anderen Heißgetränk, lesen, schreiben usw. sitzen wir erst um elf Uhr auf den Fahrrädern. Die heutige Etappe beginnt mit einigen Kilometern Abfahrt, die uns im Verlauf durch ein felsiges, mit prachtvoll in weißer Blüte stehenden Bäumen geschmücktes Tal führt. Als wir dieses hinter uns lassen, radeln wir durch eine Gegend, die sich als landwirtschaftliche Einöde mit dem einen oder anderen Hügelchen beschreiben lässt. Gegen Mittag legen wir wie üblich eine ausgedehnte Pause ein, danach geht es einigermaßen unspektakulär weiter.
Bei Erreichen einer großen Hauptstraße bietet sich ein kleiner "Market" zum Einkaufen an. Die Taschen werden mit Proviant gefüllt, ein Kaltgetränk rinnt unsere Kehlen hinunter, dann geht's weiter. Wir überqueren die Hauptstraße und folgen dem Weg, der hinauf führt. Es wollen noch einige Höhenmeter bewältigt werden, bevor wir den Radel-Feierabend einläuten. Gleichzeitig geben wir aber auch das Ziel aus, im besten Fall noch vor Erreichen des Gipfels einen Schlafplatz zu finden. Anderenfalls würden wir die kleine Stadt Balâ erreichen, wo angesichts der in den nächsten Tagen eher sehr dürftigen Infrastruktur und entsprechend auch Versorgungslage eine größere Verproviantierung geplant ist. Einen Zeltplatz erst nach Einkauf und Verlassen der Stadt suchen zu müssen, möchten wir angesichts der fortgeschrittenen Zeit vermeiden. Mal wieder ist es nicht ganz einfach, in dieser offenen, weit einsehbaren Gegend ein geeignetes Plätzchen zu finden, aber am Ende ist auf Heikos Campingplatz-Adlerauge Verlass. Etwas abseits der kaum bis gar nicht befahrenen Straße lassen wir uns nieder, im unmittelbaren Nachbarschaftsbusch trällert ein Vogelchor ein lautes Konzert in Dauerschleife. Auf dem Gaskocher köcheln Nudeln mit frischer Aubergine in Tomatensauce. Ehrlicherweise muss man sagen, dass das mutmaßlich als Tomatensauce gekaufte Glas nicht Sauce, sondern Tomatenmark enthält, dass tut dem Geschmack aber nach Wasserstreckung und Kräuterwürzung keinen Abbruch. Zum Ausklang des Tages gibt es natürlich Tee und Kekse, Heiko betreibt etwas Drohnenspielerei und Claudia liest, bevor am Himmel das Licht ausgeknipst wird und wir uns auf die Isomatten begeben.Baca lagi
Vom Zimmer ins Zelt
15 April 2024, Turki ⋅ 🌙 13 °C
Der heutige Morgen beginnt gegen halb acht am reichhaltigen Frühstücksbuffet im Hotel. Im Anschluss daran wird zunächst im Zimmer unser Gepäck in die (vermeintlich) richtigen Taschen sortiert - wir wollen ja stets alles jederzeit und mit nur einem gezielten Griff zur Hand haben (...so die Theorie...). Schließlich werden auch die Fahhräder aus ihrem Nachtlager, dem Konferenzraum des Hotels, befreit und dürfen sich einigen finalen Einstellungen unterziehen. Halb elf ist es, als wir uns bepackt auf die Reise begeben. Der Weg führt uns zunächst in einem großen Bogen um das Flughafengelände herum. Im Ort Esenboğa, wo unsere Reise im letzten Jahr endete, knüpfen wir an unsere im Oktober 2023 geradelte Route an (eine lückenlose Linie auf der Landkarte ist nicht zu unterschätzen...). Es ist schön, wieder auf dem Rad zu sitzen. Die Sonne scheint, es weht ein leichter Frühlingswind, Störche stolzieren am Wegesrand vorbei, wir begegnen den ersten Schaf- und Ziegenhirten, herrlich!!! Nicht ganz so herrlich ist die Tatsache, dass wir in Esenboğa nicht für einen Einkauf angehalten haben. Wir haben nur wenig Wasser und nichts zu essen, wann sich die nächste Einkaufsmöglichkeit bieten wird: Keine Ahnung! Es geht aber durchaus noch dümmer: Bei strahlendem Sonnenschein radeln wir unseres Weges, während die Sonnencreme unbenutzt in der Packtasche liegt. Zwei echte Experten sind folglich schon recht bald hungrig und mit dezent verbrannten Armen unterwegs, schön blöd! Einen kleinen Laden finden wir schließlich noch, so dass wir den Hungertod verhindern können, die roten Arme werden uns aber wohl ein paar Tage begleiten. Ansonsten freuen wir uns über die vielen Zeichen des Frühlings, die zwitschernden Vögel, die blühenden Bäume, das sprießende zarte Grün um uns herum. Auch ist es noch nicht so heiß um diese Jahreszeit, was besonders das Bergaufradeln angenehmer macht. Und erneut begeistert uns die Freundlichkeit der Menschen. Nachdem uns bereits während des Zusammenbaus der Fahhräder am Flughafen ein Taxifahrer auf zum Tee einladen wollte, kommt auf unserer heutigen Fahrt ein LKW-Fahrer neben uns zum Stehen und schenkt uns eine Ladung Walnüsse. Oft wird uns freundlich zugehupt oder -gewunken, einmal sogar eine Mitfahrt im Transporter angeboten. Letzteres lehnen wir natürlich dankend ab, wollen wir doch mit eigener Muskelkraft den Weg zurücklegen. Wir erklimmen unseren ersten Gipfel auf ca. 1350m, oben angekommen gönnen wir uns eine Pause sowie eine Tüte Chips. Im Laufe der Jahre und Reisen haben unsere Pausen stets an Luxus gewonnen und auch in diesem Jahr haben wir ein Plus an Komfort dabei. Unser Pausen-Mobiliar, welches anfangs aus einer kleinen Picknickdecke und seit zwei Jahren aus bequemen Stühlen bestand, ist nun um einen Tisch erweitert. Wir werden eben alle nicht jünger...! Etwas über 900 Höhenmeter haben wir erstrampelt, als wir am frühen Abend einen geeigneten Zeltplatz belagern. Bei der Suche nach diesem Platz wird uns ein weiterer Unterschied im Vergleich zum Reisen im Herbst bewusst: Wir können nicht auf die von uns so gern als Nachtlager genutzten Stoppelfelder zurückgreifen. Erschwerend kommt hinzu, dass die gesamte Gegend kaum Sichtschutz bietet. Für diese Umstände haben wir aber dennoch einen herrlichen Patz etwas oberhalb der Straße gefunden. Wir lassen uns nieder und freuen uns angesichts der eintretenden abendendlichen Kälte über heißen Tee und einen warmen Gemüsetopf mit leckerem Brot. Eine Schafherde zieht noch vorbei, der Hirte gesellt sich auf ein paar Worte zu uns. Mit Einbruch der Dunkelheit und zunehmender Kälte bauen wir unser Zelt auf und statt der Decken im Hotelbett wärmen uns heute erstmals gemütliche Schlafsäcke. Gute Nacht!Baca lagi

ClaudiaJaaa, es hat sich als sehr nützlich erwiesen und ist nun fester Teil der Ausrüstung 😉
İbis Hotel Ankara Airport
14 April 2024, Turki ⋅ ⛅ 18 °C
Hocherfreut nehmen wir am Flughafen unser komplettes (!) Gepäck in Empfang und begeben uns vor das Gebäude. Die Kartons und IIKEA-Taschenbündel werden ausgepackt und aus dem Inhalt zwei "Reisedrahtesel" gepuzzelt. Nur etwa einen Kilometer legen wir heute radelnd zurück, dann erreichen wird bereits das İBİS-Airport-Hotel. Hier haben wir für die erste Nacht ein Zimmer reserviert, da wir vor der finalen Abfahrt noch einige Erledigungen tätigen wollen. Ganz oben auf der Liste steht der Kauf von Gaskartuschen, schließlich wissen wir spätestens seit dem letzten Jahr um die Schwere des Erhalts dieses für uns so wichtigen Küchenutensils. Von einem Taxi lassen wir uns zu einem Campingausrüster in Ankara bringen, der laut Google selbst am heutigen Sonntag geöffnet haben soll. Und tatsächlich: Der Laden existiert, hat geöffnet und führt das von uns ersehnte kostbare Gut. Mit reichlich Gaskartuschen im Gepäck beschließen wir, da wir nun schon einmal hier sind, den Rest des Tages in Ankara zu verbringen. Schon nach wenigen Schritten stellen wir fest, dass wir durch Zufall exakt in der Ecke gelandet sind, die wir bei unserem letztjährigen Ankara-Besuch als Reinfall definiert hatten. In eher sehr mäßiger Erinnerung haben wir den Besuch des Dikmen-Parks und nun finden wir uns ausgerechnet an diesem Fleckchen Erde wieder. Vielleicht sollte es aber auch so sein: Der Park wirkt zu dieser Jahreszeit freundlicher auf uns, viele Bäume präsentieren sich in bunter Blütenpracht und es herrscht deutlich mehr Leben in der schluchtartigen Grünanlage als im letzten Oktober. Etwas versöhnt mit diesem Ort spazieren wir zunächst für Erledigungen und Nahrungsaufnahme in Richtung Zentrum, bevor wir mit der Zitadelle von Ankara das nächste Ziel ansteuern. Wie am Ende unserer letzten Reise wollen wir auch heute diesen schönen Ort nutzen, um den Sonnenuntergang zu bestaunen. Die Burg hat bei unserer Ankunft bedauerlicherweise schon geschlossen, aber auch vor den alten Mauern lässt sich die untergehende Sonne wunderbar genießen. Nach dem erfolglosem Versuch, einen Bus für die Rückfahrt zu nehmen, werden wir schließlich von einem Taxi bis vor die Hoteltür gefahren. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, ab morgen warten die Fahhräder und neue Abenteuer auf uns...Baca lagi
Da sind wir wieder...
14 April 2024, Turki ⋅ ☁️ 17 °C
Wenn diverse Packtaschen in großen, blauen IKEA-Tüten zu Bündeln verschnürt werden und Fahrräder in Kartons verschwinden, riecht es eindeutig nach Urlaub! Ein halbes Jahr ist vergangen, seit wir nach unserer letzten Reise aus Ankara heimgekehrt sind und heute zieht es uns genau dorthin zurück. Am späten Freitag Nachmittag fährt unser altbekannter und - bewährter Chauffeur vor, um uns zum Hamburger Flughafen zu bringen (Danke Papa!). Nach dem Stress und Chaos durch ein Vollsperrung der A7 im letzten Jahr gönnen wir uns diesmal die Sicherheitsvariante. Vor dem Hotel Radisson Blu direkt am Flughafen lassen wir uns absetzen und checken für eine Nacht ein. So können wir am nächsten Morgen ganz entspannt in das gegenüberliegende Flughafengebäude spazieren und unser Gepäck aufgeben. Erstaunlich schnell und reibungslos ist alles erledigt, so dass wir schon bald am Gate auf den Abflug warten. Nach einem ruhigen Flug erreichen wir nach knapp drei Stunden die Metropole İstanbul, die dank eines klaren Blicks auf den Bosporus bereits aus der Vogelperspektive sehr gut auszumachen war. Auch in İstanbul steht uns eine Nacht im Hotel bevor, da uns leider vor einigen Tagen die Nachricht erreichte, dass unser Anschlussflug nach Ankara gestrichen wurde. Eine Umbuchung des Fluges war zwar möglich, einigermaßen komfortabel aber nur mit einer Zwischenübernachtung in İstanbul. Mit einem vorab bestellten Shuttle des Hotels erreichen wir zügig unsere Herberge, das "Skymoon-Hotel". Wir entscheiden uns trotz großer Verlockung gegen eine abendliche Fahrt an den Bosporus und das Erlebnis des Sonnenuntergangs vor der uns bekannten und geliebten Kulisse. Den Aufwand und die Kosten für die am Ende doch sehr kurze Zeit schätzen wir schweren Herzens als zu hoch ein. So belassen wir es bei einem Spaziergang in unserem Übernachtungsort, der uns zum Zwecke des Erwerbs einer Simkarte für die kommenden vier Wochen in einen Turkcell-Laden führt. Früh am nächsten Morgen geht es per Shuttle wieder zurück zum Flughafen und schon bald darauf schweben wir in Ankara ein: Da sind wir wieder...!Baca lagi
Görüşürüz Türkiye
1 Oktober 2023, Turki ⋅ ☁️ 17 °C
Zwischen unserem Gepäck lassen wir uns am Morgen unser Frühstück schmecken, bevor wir um neun Uhr von unserem zuvor bestellten Flughafen-Shuttle abgeholt werden. Kurz schaut der Fahrer etwas ratlos, als er unsere (mit Foto angekündigten...) verpackten Räder sieht, verfrachtet sie dann aber doch zügig mit Hei(kos Hilfe in des Fahgastraum des Mercedes Vito. Überpünktlich erreichen wir den Flughafen, wo wir uns dank des aufmerksamen und netten Personals sehr schnell und unproblematisch unseres Gepäcks und der Räder entledigen. Während wir auf unseren mit Verspätung angezeigten Abflug warten, stolpern wir über folgende Meldung der Nachrichten: "In der türkischen Hauptstadt Ankara hat sich am Sonntagmorgen eine Explosion ereignet. Das Innenministerium sprach von zwei „Terroristen“, von denen sich einer vor einem Eingang zu dem Ministerium in die Luft gesprengt habe." Diese Zeilen lassen uns besonders angesichts der Tatsache, dass wir erst gestern noch genau an diesem Ort entlangspaziert sind, innehalten.
Mit etwa einer Stunde Verspätung heben wir schließlich ab und entschweben in strömendem Regen der türkischen Hauptstadt. Zwei wunderbare Monate des Radreisens liegen hinter uns und wir freuen uns darauf, in einigen Monaten hierher zurückzukehren, um die Fahrt fortzusetzen. In diesem Sinne: Görüşürüz Türkiye!
Tatsächlich sollen wir allerdings das Land nicht so schnell verlassen, wie es geplant war. Ein Unwetter über İstanbul ist der Grund dafür, dass der Pilot keine Landeerlaubnis erhält und wir in luftiger Höhe Kreise fliegen. Nicht die übliche eine, sondern zwei Stunden dauert es, bis wir zur Zwischenlandung in İstanbul ansetzen. Eilig verlassen wir den Flieger, um das Gate für den Anschlussflug zu ermitteln, doch leider erwartet direkt die nächste Hiobsbotschaft. Zunächst können wir die Zahlen auf der Anzeigetafel nicht richtig deuten und wollen sie dann nicht glauben. Der Start unseres Weiterfluges nach Hamburg verspätet sich von 19 Uhr auf 3:55 Uhr. Okay, nun haben wir also Zeit, viiiiel Zeit...!Wie viele andere Gestrandete erhalten am Care-Point von Turkish Airlines einen Verzehrgutschein für einen der vielen Fastfood-Anbieter vor Ort und stellen nebenbei fest, dass es uns vergleichsweise glimpflich getroffen hat: Unser Flug ist immerhin ist im Gegensatz zu diversen anderen nicht komplett gestrichen, wir haben nicht wie viele andere Reisende kleine Kinder dabei und sind grundsätzlich in einer Verfassung, die ein paar Stunden nächtliches Warten ertragen lässt. Erst gönnen wir uns Tee und Muffins, vertreiben uns danach die Zeit mit Lesen und Rumsitzen, bevor wir irgendwann unseren Verzehrgutschein gegen mittelmäßige Pide eintauschen. Den einen oder anderen Tee schlürfen wir noch, dann begeben wir uns in die "Nap-Zone", wo wir zwei Liegesessel ergattern können. Tja, und zwischendurch meldet Claudia sich schon mal vom ersten Arbeitstag nach acht Wochen Urlaub ab, ein pünktlicher Dienstbeginn um acht Uhr wird definitiv an höherer Gewalt scheitern. Unser Abflug verzögert sich weiter, so dass wir am Ende morgens um halb sechs in den Sonnenaufgang fliegen. Der weitere Verlauf gestaltet sich nun erfreulicherweise reibungslos: Nach ruhigem Flug erreichen wir und zu unserer Freude auch das Gepäck und die Fahhräder nach etwas mehr als drei Stunden Hamburg. Hier dauert es ein knappes Stündchen, bis die Räder ausgepackt, in in einen fahrtauglichen Zustand versetzt und beladen sind. Die S-Bahn bringt uns zum Hauptbahnhof, wo wir nahtlos in den Regionalexpress nach Kiel umsteigen können. Nach den allerletzten Radelkilometern erreichen wir mittags um halb eins endlich reichlich platt und müde unser Heim in Kronshagen.Baca lagi
Das "Muss" des Ankara-Besuchs
30 September 2023, Turki ⋅ ☀️ 21 °C
Zeitig begeben wir uns am Morgen an das Frühstücksbuffet des Hotels, um direkt im Anschluss auszuchecken und unser heutiges Sightseeing-Programm zu starten. Auf keinen Fall wollen wir es bei unserem Besuch in Ankara versäumen, die Grabstätte vom Gründer der Republik zu besuchen. Das Anıtkabir, welches wir bereits von unserem Hotelzimmer im fünften Stock bestaunen konnten, zählt zu den wichtigsten Bauwerken der Türkei. Auf einem Hügel wurde das Mausoleum für Mustafa Kemal Atatürk, den im Jahr 1938 verstorbenen Staatsgründer der Republik Türkei, zwischen 1944 und 1953 gebaut. Es gilt heute als Heiligtum und wichtiger Pilgerort der Republik. Schnell ist die gut bewachte Anlage erreicht, wo wir unsere Rucksäcke abgeben müssen, bevor wir kostenfreien Zugang erhalten. Das riesige, mitten in der Stadt liegende Areal besteht aus dem Mausoleum Atatürks, dem Festplatz und der von Löwenskulpturen gesäumten Ehrenstraße. An Staatsfeiertagen und zu wichtigen Anlässen erweist hier die Staatsspitze der Türkei dem Staatsgründer die Ehre, aber auch viele Türken und ausländische Staatsgäste besuchen das Anıtkabir. Angesichts der frühen Tageszeit ist die Zahl der Besucher noch überschaubar, als wir diesen Ort einerseits im Freien erkunden und andererseits den symbolischen, 40 Tonnen schweren Marmorsarkophag des Staatsgründers im Inneren des Mausoleums in Augenschein nehmen. Wir lassen sowohl die Architektur des imposanten Bauwerks als auch die besondere Atmosphäre auf uns wirken und gelangen einstimmig zu der Überzeugung, dass die Besichtigung dieses Ortes im Rahmen eines Aufenthaltes in der Hauptstadt tatsächlich ein absolutes "Muss" ist. Sehr eindrucksvoll und nachhaltig spüren wir, welche Bedeutung Atatürk für die moderne Türkei hat. Während wir hautnah der Wachablösung beiwohnen, wird uns bei einem Blick in die Menge die Ehrfurcht gewahr, welche dem Staatsgründer bis heute entgegengebracht wird. Es ist förmlich spürbar, wie wichtig dieser Mann auch heute noch von den Türken genommen wird, welche Achtung und welchen Respekt man vor ihm und seiner Leistung für das Land hat. Schließlich besuchen wir noch das Museum, das in den umliegenden Gebäuden untergebracht ist. Ausstellungen mit Gegenständen aus dem Leben und Wirken Atatürks sowie eine Galerie mit Schlachtengemälden sind hier zu besichtigen. Gesättigt mit vielen spannenden Eindrücken verlassen wir gegen Mittag, als der Besucheransturm deutlich zugenommen hat, das Anıtkabir und steuern einen Kiosk auf der gegenüberliegenden Straßenseite an, der sich am Rande einer Sportanlage befindet. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Fußballplatz, auf welchem gerade ein Spiel ausgetragen wird, lassen wir uns Tee und Kuchen schmecken. Unser nächstes Ziel ist dann die größte Moschee Ankaras, die Kocatepe Moschee (Kocatepe Camii) südlich der Altstadt. An dem im Jahr 1987 fertiggestellten Komplex angekommen sind wir zunächst etwas irritiert, denn hier treffen tatsächlich Tradition und Moderne auf engstem Raum aufeinander: Im Gegensatz zu den klassischen Moscheen in der Türkei wurde im Untergeschoss der Kocatepe Camii ein riesiges modernes Einkaufszentrum mit großem Parkhaus errichtet, um mit den Mieteinnahmen die Moschee zu finanzieren. Im Inneren der Moschee strahlt das Licht durch große Fenster aus buntem Glas direkt auf eine große goldene Kugellampe an der Decke, der Boden ist vollständig mit Teppich ausgelegt. Eine Weile saugen wir die Stimmung auf, bevor wir unser Touristenprogramm fortsetzen. Um keine Reizüberflutung zu erleiden, darf es nun gerne etwas Ruhe und Idylle sein. Wir spazieren in Richtung des Dikmen Vadisi Park, bei welchem es sich laut unserer Recherche um den wohl schönsten Park in ganz Ankara handeln soll. Es heißt: „Wer sich ein wenig vom Stress und Lärm der Stadt erholen möchte, ist hier genau richtig. Die wunderschöne grüne Oase liegt in einer Art kleinem Tal und lässt einen wieder aufatmen und entspannen. Sie zeichnet sich aus durch vielfältige Vegetation, Wasserstellen und sogar Weinbergen.“ Unsere Hoffnung, in einem Café in idyllischer Lage die Seele baumeln lassen zu können, wird dann aber jäh zerstört. Falls es die beschriebenen Glanzzeiten einmal gegeben haben soll, gehören sie definitiv der Vergangenheit an. Wir finden einen eher sehr deprimierenden und arg vernachlässigten Ort vor, der wie eine Schlucht im Beton-Dschungel anmutet. Die künstlich angelegte „Wasserlandschaft“ liegt brach, Cafés suchen wir vergeblich und wir nehmen die sogenannte Oase eher als unheimlich wahr. Inmitten riesiger Hochhäuser finden wir kaum einen Ausweg aus dieser verwahrlosten Schlucht. Entsprechend erleichtert sind wir, als wir nach einigen Kilometern Fußmarsch diese seltsame Anlage verlassen und ein Taxi entdecken. Wir lassen uns zurück in die Stadt bringen und am Fuße des Burghügels absetzen. Ein letztes Mal schlendern wir durch die Altstadt und kaufen noch ein paar Kleinigkeiten ein. Mit einem leckeren Abendessen in einem Restaurant beenden wir unseren Besuch in Ankara und lassen uns anschließend von einem Taxi zurück zu unserem Hotel in Esenboğa chauffieren. Hier ist es nun an der Zeit, unser Gepäck für die morgige Abreise vorzubereiten, indem die einzelnen Fahrradtaschen nach nunmehr acht Wochen wieder zu zwei „IKEA-Taschen-Bündeln“ verschnürt werden. Irgendwann geht eben auch der längste Urlaub zu Ende und so treten wir eine letzte Nachtruhe in der Türkei an. İyi geceler!Baca lagi
Aufstieg für den Weitblick
29 September 2023, Turki ⋅ ☀️ 23 °C
Zeitig sind wir auf den Beinen und frühstücken in in unserem Hotelzimmer. Mit leichtem Gepäck stiefeln wir anschließend zur nahegelegenen Bushaltestelle. Eine knappe Dreiviertelstunde stehen wir einigermaßen dicht gedrängt im Bus und rollen auf Ankara zu. Heute und morgen wollen wir uns die Stadt ansehen. Weil es deutlich angenehmer und praktikabler ist, planen wir etwas, was wir so vorher noch nie getan haben: Um die Zeit in der Stadt bestmöglich ausnutzen zu können, werden wir zusätzlich zu unserem Hotelzimmer in Esenboğa, welches wir bis Sonntag gebucht haben, eine weitere Unterkunft in der Stadt mieten. Im Zentrum angekommen begeben wir uns also zunächst auf Hotelsuche. Wir beziehen schließlich ein schickes Zimmer im 5. Stock mit überdimsionierter Terrasse und tollem Blick auf das Atatürk Mausoleum. Nach kurzer Verschnaufpause mit ersten Überlegungen zur Tagesplanung stürzen wir uns ins Getümmel. Ankara ist seit 1923 die Hauptstadt der Türkei und mit 5,7 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Eingebettet in schroffe Bergkuppen, was uns bei der Einfahrt mit dem Bus eher überrascht, hat sich Ankara als kulturelles und politisches Zentrum der Türkei zu einer modernen Großstadt entwickelt.
Das Stadtbild präsentiert sich traditionell und modern zugleich. Imposante Hochhausbauten wechseln sich ab mit ziegelgedeckten kleinen Häusern in den Altstadtbezirken, historischen Moscheen und den üblichen Märkten. Hoch oben auf dem Burgberg weht die türkische Flagge im Wind. Und weil wir große Freunde der Vogelperspektive sind, zieht es uns zuallererst an ebendiesen Ort in luftiger Höhe. Der Weg wäre auch als Spaziergang problemlos machbar, angesichts der eher unattraktiven Strecke lassen wir uns aber dekadent von einem Taxi auf den Hügel chauffieren. Die imposante Burg oder auch Zitadelle von Ankara ist eine historische Festung, deren Geschichte bis in die Römerzeit zurückreicht. Das genaue Datum des Baus ist unbekannt, dennoch gilt die Zitadelle als der älteste Teil von Ankara, was wir sehr gut nachvollziehen können, während wir von den Befestigungsmauern den Blick über die Stadt schweifen lassen. Der Ausblick ist nicht nur herrlich, er zeigt auch sehr gut die Entwicklung der städtischen Expansion auf. Historisch diente die Zitadelle dank ihrer strategischen Lage sowohl der Verteidigung als auch der Besiedlung. Sie erfuhr eine Teilung in die Innen- und Außenstadt. Die Mauern der Innenstadt sind noch fast vollständig erhalten, wovon wir uns bei einem Spaziergang durch das Burgareal überzeugen können. Eines der frühesten Wohngebiete liegt hier im Inneren der Mauern und ist bis heute bewohnt. Viele traditionelle Restaurants, Antiquitätenhändler, Teppich-Verkäufer und verschiedene Stiftungen sollen an diesem Ort dazu beitragen, die türkischen Traditionen am Leben zu halten. Wir lassen uns durch die belebten Gassen treiben und kehren für Tee und Kuchen im recht kultig wirkenden Grammophon-Café ein.
Nachdem uns der Blick über die Stadt so gut gefallen hat, würden wir an diesem Ort gerne auch den Sonnenuntergang bestaunen. Die Zeit bis dahin wollen wir nutzen, um im Rahmen eines Spaziergangs durch die Stadt unser Hotel aufzusuchen, damit Heiko seine im Zimmer vergessene Kamera holen kann. Wir bewegen uns also hügelabwärts und erreichen bald mit Haci Bayram eine weitere Sehenswürdigkeit von Ankara. Haci Bayram ist der Name eines Stadtviertels und einer 600 Jahre alten Moschee im Zentrum von Ankara. Die Moschee ist eines der ältesten Bauwerke aus der frühen osmanischen Zeit in Ankara. Direkt neben der Moschee stehen die Ruinen eines 25 v. Chr. erbauten römischen Augustustempels, der später zu einer byzantinischen Kirche umgewandelt wurde. Mit nur zwei Mauern und einer noch intakten Tür liegt der Ort größtenteils in Trümmern, wird aber wohl für seine Inschriften aus der Römerzeit geschätzt, die die Taten des römischen Kaisers Augustus darstellen. Für eine gebührende Wertschätzung sind wir dann allerdings doch zu sehr Banausen...! Wir verschnaufen auf einer Bank im Schatten und verwerfen die Idee, bis zum Hotel zu laufen und die Kamera zu holen. Die Aktion würde womöglich in Stess ausarten und selbigen gilt es ja bekanntlich zu vermeiden. Wir begeben uns stattdessen auf direktem Weg zurück auf den Burgberg und werden bei der Ankunft mit Musik empfangen. Eine Weile schauen wir dem uniformierten Ensemble zu und lauschen den dargebotenen Liedern. Das Wort Mehterhan ist auf der Verkleidung der Trommeln zu lesen und wir recherchieren dazu später: "Mehterhâne ist der seit dem 17. Jahrhundert gängige osmanische Name für Musikkapellen, die nach 1453 einheitliche Besetzungen erhielten und hauptsächlich als Militärmusikkapellen und Repräsentationsensembles des Sultans und weiterer osmanischer Würdenträger sowie innerhalb von Zünften für die Öffentlichkeit tätig waren. Dabei gründeten sie auf Traditionen, die im frühtürkischen und im osmanischen sowie insgesamt im islamischen Kulturbereich bereits bestanden. Im Gefolge der Heeresreform unter Sultan Mahmud II. wurden die herrschaftlichen Mehterhâne 1826 offiziell abgeschafft und ihrer Funktionen beraubt. Erst 1914 wurden die mehterhâne und ihre Musik im Osmanischen Reich aus historischem Interesse wiederbelebt. Heute werden Mehterhâne in der Türkei an wichtigen historischen Jahrestagen, bei Umzügen sowie bei folkloristischen Veranstaltungen eingesetzt."
Mit dem Eindruck einiger dargebotener Lieder geben wir uns zufrieden und ziehen weiter. Erneut steigen wir hinauf zur Festungsmauer und freuen uns über die Aussicht. Und so stehen wir hier und lassen unseren Blick über die Stadt schweifen, während die untergehende Sonne den Horizont in rotes Licht taucht, bevor die Dunkelheit einbricht und in der Stadt nach und nach die Lichter angehen. Der anschließende Abstieg ist etwa zur Hälfte gemeistert, als wir ein gelbes Taxi anhalten und uns zum Hotel bringen lassen. Bevor wir aber im Zimmer den Feierabend einläuten, kehren wir erst auf einen Iskender-Kebab in einem Restaurant ein und vernichten danach im Café gegenüber etwas zu viel Baklava. Satt und zufrieden führt uns der letzte Aufstieg des Tages (ehrlich gesagt handelt es sich eher um eine Fahrstuhlauffahrt...) in unser "Loft" im fünften Stock, wo wir einen letzten Blick auf das beleuchtete Atatürk Mausoleum werfen und dann dem Ruf der Matratze folgen.Baca lagi
Erst die Arbeit...
28 September 2023, Turki ⋅ ⛅ 25 °C
Sehr früh am Morgen sind wir wach, das Frühstück im Hotel ist jedoch erst für neun Uhr anberaumt. Also starten wir mit noch leerem Magen in das Pflichtprogramm des heutigen Tages. Bevor wir Ankara unsicher machen, müssen nämlich die Fahrräder für den Heimflug verpackt werden. Während Heiko mit dem Vorbereiten und Auseinanderbauen der Räder beginnt, stiefelt Claudia als "Sachensucherin" um sieben Uhr durch den Ort. Die gestern in Çubuk besorgten Kartons sind leider etwas zu klein, um die Räder komplett hineinstellen zu können. Es wird folglich auf ein "Flickwerk" hinauslaufen. Zusätzliche Pappe ist erforderlich, die Claudia dann auch vom ersten Streifzug mitbringt. Als wir schließlich um viertel nach neun unser Frühstück erhalten, sind wir etwas überrascht. Es klingelt an der Zimmertür und die Hotelmanagerin überreicht und eine Plastiktüte mit zwei Styroporboxen, dazu noch eine Tüte mit Brot und zwei Sesamkringeln. In den Boxen finden wir ein Ei, etwas Gurke und Tomate, abgepackte Marmeladen- und Honigportionspackungen und einen Teebeutel. Wir beschließen später, das Frühstück für die kommenden Tage abzubestellen. Das bekommen wir auch alleine hin - ohne Styropor. Nach dem Frühstück vor dem Haus geht es mit der lästigen Pflicht weiter. Heiko startet mit dem Verpacken der Fahrräder, Claudia dreht die nächsten Runden und kehrt einmal mit Klebeband und Polstermaterial sowie ein anderes Mal mit etwas Nervennahrung zurück. Es ist halb vier am Nachmittag als die Räder zu Heikos Zufriedenheit verpackt und verklebt sind. Den Rest des Tages ist nicht mehr viel los. Wir raffen uns am frühen Abend noch zu einem kleinen Spaziergang durch das trostlose Esenboğa auf und kaufen auf dem Rückweg etwas für unser Abendessen ein. Zurück im Zimmer bereitet Heiko in unserer kleinen Küchenzeile Nudeln mit (immerhin selbst hergestellter) Tomatensauce zu, eine Fertignachspeise aus dem Kühlregal rundet das Festmahl ab. Nun hängen wir hier rum, hören vor dem Fenster die Flugzeuge starten und landen und freuen uns auf morgen, denn: Erst die Arbeit..., dann das Vergnügen!Baca lagi
Fahrrad-Feierabend
27 September 2023, Turki ⋅ ☀️ 27 °C
Einen letzten Sonnenaufgang dürfen wir nach Öffnen des Zeltreißverschlusses genießen, bevor wir frühstücksgestärkt in unsere letzte Radel-Etappe starten. Überwiegend bergab führt unser Weg heute, auf dem wir noch einmal die Eindrücke der uns umgebenden Landschaft aufsaugen und genießen. Mit Überqueren der letzten kleinen Kuppe schwingt dann doch etwas Wehmut mit, als sich der Blick in die Ebene öffnet und am Horizont bereits die Silhouette von Ankara zu erahnen ist. Aber wie sagen wir immer so schön: Es ist ja kein Abschied für immer, wir kommen ja wieder! Wir erreichen die Stadt Çubuk, die größer ist als von uns angenommen. Auf eine Kontaktaufnahme zu dem hier wohnenden "Einheimischen aus Bielefeld", den wir gestern getroffen haben, verzichten wir. Zu groß könnte der Umweg werden, den wir durch die wuselige Stadt fahren müssten. Wir steuern stattdessen eine Konditorei an und kaufen leckeren Kuchen, den wir uns im Rahmen einer letzten Radel-Pause gönnen wollen. Am Ortsausgang von Çubuk lassen wir uns dafür neben einem Kinderspielplatz in einem offenen Picknickhäuschen nieder und halten ein kalorienreiches Kaffeekränzchen. Dabei kommt uns eine Idee: Eigentlich wollten wir von unserem Quartier im flughafennahen Esenboğa aus heute oder morgen mit dem Bus nach Ankara fahren und ein Fahrradgeschäft aufsuchen, um Kartons für den Rücktransport im Flieger nach Deutschland zu organisieren. Da wir aber gerade feststellen durften, dass Çubuk gar nicht so klein ist, googlen wir spontan nach Fahrradgeschäften. Zum einen wäre der Transportweg zum Hotel kürzer und zum anderen würde man den Laden sicher schneller finden als in der Millionenstadt Ankara. Wir werden im Internet fündig und radeln noch einmal fünf Kilometer zurück. Das Geschäft ist schnell gefunden und unser Anliegen erklärt. Der Ladenbesitzer schickt seinen jungen Mitarbeiter mit dem Moped ins Lager, um Kartons zu holen, wir dürfen in der Zwischenzeit im Laden Platz nehmen und bei Weintrauben und Kaffee interessierte Fragen beantworten. Die Kartons finden nach minimaler Umpackerei schließlich Platz auf Heikos Gepäckträger. Auf der weiteren Fahrt hört er das eine oder andere "Aaaachtung" oder "Vorsicht" von Claudia, da er dank seiner Überbreite hin und wieder Gefahr läuft, Autospiegel oder Mülltonnen zu rammen. Ohne Schäden zu verursachen oder zu erleiden, erreichen wir schließlich das vorab gebuchte Hotel in Esenboğa. Hier dürfen unsere Räder nach exakt 2000 absolvierten Kilometern über Asphalt, Schotter, Sand und Lehm sowie fast 25000 erklommenen Höhenmetern Feierabend machen. Geradelt wird in diesem Urlaub nun nicht mehr. Wir checken ein, duschen und gehen im Ort auf Nahrungssuche. Esenboğa ist, im Gegensatz zu Çubuk, kleiner als erwartet, die wenigen Straßen sind schnell erkundet. Als ersten Snack gibt es eine Melone mit Joghurt auf dem Balkon unseres Zimmers. Als wir am Abend noch ein Restaurant aufsuchen wollen, werden wir leider enttäuscht. Eines von vier Lokalen hat bereits geschlossen, die anderen sprechen uns nicht besonders an. So müssen Kekse aus dem Supermarkt den Hungertod verhindern...Baca lagi
Jobwechsel?
26 September 2023, Turki ⋅ ⛅ 23 °C
Nach der üblichen Morgenroutine verlassen wir gegen halb zehn "unser" Stoppelfeld. Nur wenige Bergabkilometer sind es bis in den Ort Orta (er heißt wirklich so...), wo wir an einer Tankstelle für ausreichend Wasser und Kekse an Bord sorgen. Nebenbei werden wir noch zu einem Tee eingeladen. Durch eine steppenartige Landschaft führt unser Weg nach Verlassen des Dorfes, in dieser Kulisse könnte auch ein Western gedreht werden. Dank des recht ruppigen Streckenzustandes fühlt es sogar sich fast so an, als würden wir mit unseren Drahteseln durch die Prärie reiten. Ein Auto, das neben uns anhält, holt uns in die Realität zurück. Der Fahrer wohnt drei Dörfer weiter und möchte uns gerne einladen. Heiko vermittelt ihm ein dankendes "vielleicht" und nach Austausch unserer Telefonnummern "reiten" wir zunächst weiter unseres Weges. Tatsächlich sollen wir dann bereits im ersten Dorf hängen bleiben. Eine Frau auf einem Traktor überholt uns und winkt freundlich. Einige Augenblicke später legt sie den Rückwärtsgang ein
und kommt neben uns zum Stehen. Sie möchte uns zum Tee zu sich nach Hause einladen. Und so folgen wir ihrem kleinen Traktor bis auf den Hof. Mal wieder bleibt es nicht bei Tee, sondern die Bäuerin tischt eine ganze Mahlzeit auf. Warmes Brot serviert sie uns, dazu gibt es Oliven, frisch geerntete Tomaten sowie Butter und Käse aus eigener Herstellung. Die Frau berichtet uns, dass sie Witwe ist und ihre Kinder in verschiedenen Städten wohnen. Sie selbst sei nie bis über das wenige Kilometer entferne Orta hinausgekommen. Haus und Hof bewirtschaftet sie allein, was nicht immer einfach sei. Wir haben den Eindruck, dass sie sich über etwas Gesellschaft und Menschen zum Reden (auch wenn diese längst nicht alles verstehen...) freut. Und wir freuen und unsererseits über die Gastfreundschaft und die Köstlichkeiten auf dem Tisch. Nach dem Essen werden wir noch in den kleinen Stall am Haus geführt. Die neun Kühe der Bäuerin sind mit einem Hirten unterwegs, aber sie zeigt uns stolz ihre fünf Kälber, die aktuell etwa vier bis fünf Monate alt sind. Als wir wieder auf dem Hof stehen und uns eigentlich verabschieden wollen, hat unsere Gastgeberin noch eine spezielle Aufgabe für Heiko. Nicht sein Fahrrad soll er besteigen, sondern ihren Traktor. Nach kurzer Einweisung in alle Hebel und Knöpfe knattert Heiko über den Hof, auch das von der Bäuerin geforderte Einparkmanöver (rückwärts) meistert er bravourös. Sie wartet bereits mit ihrer Schaufel an einem Haufen von Irgendwas, um das Gefährt zu beladen. Die Kooperation klappt, Heiko hat sichtlich Spaß, genug Arbeit ist da..., alle Voraussetzungen für einen Jobwechsel mit Verbleib in der Türkei scheinen erfüllt. Aber bleiben wir in der harten Realität..., wir sollen wohl weiterfahren. Aber gerade, als wir genau das in die Tat umsetzen wollen, erscheint auf einem höher gelegenen Grundstück die Nachbarin unserer Gastgeberin. Lauthals wird ihr zugerufen, dass wir deutsche Radreisende sind. Nun möchte die Nachbarin uns auch einladen und winkt bereits mit dem Teeglas. Was bleibt uns also anderes übrig, als uns von der ersten Gastgeberin zu verabschieden und einige Meter weiter bei der nächsten einzukehren...! Uns werden Plätze auf der Terrasse zugewiesen, von wo aus wir der Bäuerin zuwinken können, die kurz darauf wieder mit ihrem Traktor vom Hof tuckert. Wir genießen indes das fünfte und sechste Glas "Einladungs-Tee" des heutigen Tages und auch "Yemek, yemek" (essen, essen) heißt es erneut. Ein weiteres warmes Brot mit Butter (die selbstgemachte von der Nachbarin...) wartet darauf, von uns verzehrt zu werden, dazu gibt es Käse und Pepperoni aus dem Garten. Mit reichlich vollen Bäuchen gelingt uns irgendwann der Abschied und wir radeln wieder gen Süden. Als wir den dritten Ort erreichen, sind wir fast ein bisschen froh, dass wir den zweifelsohne netten Herrn, der uns hier einladen wollte, nicht antreffen. Auf eine aktive Kontaktaufnahme verzichten wir, das Fassungsvermögen unserer Mägen hat schlicht und einfach Grenzen. Im weiteren Streckenverlauf erklimmen wir unseren letzten Gipfel in 1700m Höhe. Unsere Idealvorstellung sah so aus, dass wir hier oben einen schönen Platz zum Zelten mit Fernsicht und Sonnenuntergang finden. Leider erfüllt sich dieser Wunsch nicht und so bleibt es bei einer Gipfel-Pause. Rasch verlieren wir auf der Weiterfahrt wieder an Höhe, stets rechts und links nach einem guten Lagerplatz Ausschau haltend. Ganz einfach ist es aber heute nicht. Entweder sind die passenden Wiesen eingezäunt oder der Untergrund ist zu "pieksig" für das Zelt oder uns ist die Gegend nicht ganz geheuer oder, oder, oder...! Wir sind bereits ein beträchtliches Stück abwärts gerollt, als wir einen Platz entdecken, der mit Abstrichen einigermaßen okay ist. Während wir noch an der Straße stehen und überlegen, hält ein Auto neben uns. Der Fahrer spricht deutsch, da er in Bielefeld gearbeitet hat, und wohnt im nächsten größeren Ort namens Çubuk. Er gibt uns seine Kontaktdaten und würde sich freuen, wenn wir uns morgen auf unserer Durchreise bei ihm melden würden, um gemeinsam Tee zu trinken. Auf Nachfrage erklärt er uns noch, dass das Zelten an der von uns ausgesuchten Stelle kein Problem sei, dann fährt er weiter. Wir bugsieren unsere Fahrräder von der Straße hinunter auf die "wilde Wiese" und machen es uns auf unseren Campingstühlen bequem. Heiko kocht Kartoffeln zum Abendessen, bei Einbruch der Dämmerung stellen wir das Zelt auf. Etwas verunsichert werden wir, als später ein Auto auf unserer Höhe hält, der Fahrer aussteigt und telefoniert. Er hält ein zweites Auto an, die Fahrer unterhalten sich und wir fragen uns, ob das Ganze möglicherweise uns und unserer "Wildzelterei" gilt. Tatsächlich stellt sich aber heraus, dass der Grund für das Anhalten genau an dieser Stelle eine Autopanne ist. Die Fahrer haben folglich ganz andere Sorgen als zeltende Touristen. Ganz im Gegenteil: Als sie uns wahrnehmen, winken sie uns freundlich zu und stellen ein paar interessierte Fragen, das war's auch schon. Das defekte Fahrzeug, welches noch eine ganze Weile mit eingeschaltetem Warnblinker am Straßenrand steht, wird irgendwann abgeschleppt und wir treten ein letztes Mal die Nachtruhe in unserem kleinen Zelt an. İyi geceler!Baca lagi
Der Stoppelkreis schließt sich
25 September 2023, Turki ⋅ ☀️ 26 °C
Kalt ist es heute am Morgen. Heiko beklagt, dass seine Füße die ganze Nacht nicht warm geworden sind. Entsprechend wagen wir uns auch erst um acht Uhr aus den Schlafsäcken und freuen uns sehr über die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Diese dürfen auch gerne noch eine Weile das heute etwas feuchte Zelt trocknen, denn wir brauchen inklusive Frühstück unsere üblichen zwei Stunden bis zur Abfahrt. Unter anderem erledigt Heiko heute noch seine wöchentliche, von Claudia gestellte "Hausaufgabe": Die Kalenderblätter des Türkisch-Sprachkalenders sind mit auf der Reise und werden jeden Sonntag (heute ausnahmsweise montags...) bearbeitet (und benotet). Auf dem Fahrrad sitzend folgen wir schließlich zunächst noch für einige Kilometer der Hauptstraße, bis wir in die quirlige Stadt Çerkeş abzweigen. Hier erledigen wir einen Einkauf und werden nebenbei auf eine kühle Zitronenlimo eingeladen. Auf die Hauptstraße kehren wir glücklicherweise nicht zurück, sondern verlassen den Ort auf einer kleinen Nebenstraße. Wir genießen die offene Landschaft, die scheinbar unendliche Weite. Die Fahrt führt an einem Fluss und einer Bahnlinie entlang, Olivenbäume säumen den Weg und vermehrt weisen Schilder darauf hin, dass wir uns merklich unserem Endziel Ankara nähern. Auf einen weiteren kurzen Abstecher auf die Hauptstraße folgt ein recht nerviger Streckenabschnitt. Die Straße ist zwar kleiner, ist aber streckenweise Baustelle und der Untergrund besteht aus sehr grobem und teilweise klebrigem Asphalt sowie an vielen Stellen aus losem Kies. Erstens fährt es sich schlecht, zweitens kleben die Schuhsohlen fast an den Pedalen fest und drittens muss man stets mit einen fiesen Steinregen rechnen, wenn einer der vielen LKW an einem vorbeidonnert. Und natürlich geht es bergauf, das soll nicht unerwähnt bleiben. Als die milde Steigung sich aber anschickt, steiler zu werden, meint es glücklicherweise der Asphalt wieder gut mit uns. Die Baustelle liegt hinter uns und wir haben guten Boden unter den Reifen. Auf 1478m haben wir den Gipfel erreicht und eine Pause verdient, wie wir finden. Kaffee und Kuchen gönnen wir uns, bevor wir im Anschluss noch ganze sechs Kilometer weiterfahren. Ehrlicherweise kann von Fahren kaum die Rede sein, vielmehr rollen wir die meiste Zeit bergab. Und dann schließt sich ein Kreis: Unsere Reise hat mit diversen Übernachtungen auf Stoppelfeldern begonnen und jetzt, wo Ankara und damit das Ende dieses langen Urlaubes bereits ganz nah ist, bietet sich wieder ein Stoppelfeld als Zeltplatz an. Hinter einer Kuppe entsteht unser Lager, kaum einsehbar von der Straße und mit herrlichem Blick auf die weite Landschaft, die sanften Berge am Horizont und die Stadt Orta, in der mit Einbruch der Dunkelheit die Lichter angehen. Ja, da schließt er sich, der Stoppelkreis...Baca lagi
Frag doch mal die Maus...
24 September 2023, Turki ⋅ ☀️ 25 °C
Wir sind bereits vor dem Wecker und vor der Sonne wach, was Heiko zum Aufstehen motiviert. Claudia ist zunächst mäßig begeistert, lässt sich dann aber doch von einem Sonnenaufgangsfrühstück vor dem Haus überzeugen. In der folgenden Zeit bekommen wir nach und nach Besuch von einzelnen, uns bereits bekannten Dorfbewohnern. Eine Frau wünscht und einen guten Morgen und überreicht uns gekochte Kartoffeln und selbst gebackenes Brot. Der deutsch sprechende Herr erkundigt sich, wie wir die Nacht verbracht haben und fragt nach unserer weiteren Route. Der junge Hirte bietet uns Kaffee bzw. Frühstück an, was wir aber angesichts unserer just verspeisten Morgenmahlzeit dankend ablehnen. Irgendwann spricht die nächste Frau eine Einladung zum Kaffee aus und nun können wir nicht mehr nein sagen. Also spazieren wir mit ihr zum Haus der Familie. Uns wird gezeigt, wo und wie das Brot und die Nudeln hergestellt werden und auch die Inneneinrichtung des Hauses (z.B. ein liebevoll gestaltetes Hängeschränkchen) wird stolz präsentiert. Und währenddessen erfolgt immer wieder die Aufforderung: "Fotoğraf çek, fotoğraf çek!" Nachdem wir alles interessiert angesehen und wunschgemäß fotografiert haben, sitzen wir alle unter einer großen Überdachung zusammen und trinken türkischen Kaffee. Während wir gestern von dem deutsch sprechenden Herrn erfahren haben, dass er nur die Sommermonate in diesem Dorf verbringt und ansonsten in der Stadt Karabük wohnt, leben unsere heutigen Gastgeber ganzjährig mit ihren Tieren hier. Vier Monate Schnee, von denen sie uns erzählen, lassen harte Winter vermuten. Dem jungen Hirten gehören auch die schönen Pferde, die wir gestern bewundert haben, als sie im Abendlicht über den Hügel galoppiert sind. Bevor wir uns verabschieden, sollen wir einer Frau noch in den Garten folgen. Aus einem kleinen Gewächshaus pflückt sie uns Gurken, Tomaten und Pepperoni, die wir mitnehmen sollen. Diese Idee hatte auch einer der Herren, der uns mit einer Tüte voll frisch geerntetem Gemüse entgegenkommt. Das Abendessen ist gesichert! Froh und dankbar, diese sehr herzlichen und besonderen Familien kennengelernt zu haben, verlassen wir um elf Uhr das kleine Dorf Çömlekçiler. Begeistert radeln wir durch die offene, inzwischen fast wieder steppenartige Landschaft. Es dominieren wieder sandige Erdtöne, vereinzelte winzige Dörfer wirken wie grüne Oasen in der ansonsten trocken anmutenden Weite. Knapp zehn Kilometer sind wir gefahren, da legen wir bereits die erste Pause ein. Am Rande eines Feldes sitzend lassen wir uns die Geschenke unserer Gastgeberfamilien der letzten Nacht schmecken: Es gibt das selbstgebackene Brot, das wir mit gesalzenen Pellkartoffeln und dem Gemüse, welches vor zwei Stunden noch im Gewächshaus hing, füllen. Köstlich! Und während wir da so sitzen, hören wir immer mal wieder ein Rascheln hinter und neben uns. Nicht lange dauert es, da bekommen wir die Ursache für das Rascheln zu Gesicht: Eine kleine Maus guckt uns zwischen den trockenen Grashalmen mit ihren Knopfaugen an. Sie wird mit der Zeit immer mutiger und zeigt sich interessiert an unseren Resten von Gurke, Tomate und Apfel. Es ist herrlich, dieses niedliche Tier zu beobachten. Und was sollen wir sagen, plötzlich sind mehr als zwei Stunden vergangen und wir sitzen immer noch hier. Das angedachte heutige Pensum werden wir voraussichtlich nicht mehr schaffen, aber für ein paar Kilometer schwingen wir uns nochmal in den Radsattel. Abwärts dürfen wir durch ein sehr schönes Tal rollen, parallel zu unserem Weg plätschert ein Fluss. Irgendwann überholt uns ein Auto, wendet wenig später und hält kurz vor uns an. Der Fahrer springt aus dem Auto, öffnet den Kofferraum und erwartet uns mit einer Tüte Äpfel und Birnen. Zusätzlich öffnet er zwei kalte Flaschen Selters und überreicht sie uns. Mit einem freundlichen "Hoş geldiniz" heißt er uns zudem in seiner Heimat willkommen, dann steigt er wieder ins Auto und fährt weiter. Mal wieder, wie schon so oft, fasziniert von der Freundlichkeit der Menschen, verstauen wir das Obst in den Packtaschen und stoßen mit den kleinen Wasserflaschen an. Prost!
Im weiteren Streckenverlauf überqueren wir den Fluss und landen bald darauf an einer Hauptstraße, die wir uns mit deutlich zu vielen Autos und lärmenden LKW teilen. An einer Tankstelle füllen wir unsere Wasservorräte auf und angesichts der fortgeschrittenen Stunde soll dann auch die erste Gelegenheit zum Verlassen der Hauptstraße genutzt werden, um etwas abseits einen Lagerplatz zu finden. Schnell ist ein Abzweig und kurz darauf auch eine geeignete Zeltwiese gefunden. Und wenn man sich die Geräuschkulisse der großen Straße wegdenkt, könnte man fast von einem idyllischen Plätzchen sprechen. Ein leckeres Nudelessen verspeisen wir noch und sitzen anschließend mit Tee und Keksen vor dem Zelt, bis es dunkel ist. Wahnsinnige 30 Kilometer sind wir heute gefahren, überwiegend bergab. Warum so wenig? Tja, frag doch mal die Maus...Baca lagi
Back to school...
23 September 2023, Turki ⋅ ☀️ 23 °C
Bitterkalt fühlt es sich an, als um 6 Uhr der Wecker klingelt. Wir schlafen bzw. dösen noch ein Stündchen weiter, bevor wir aus den warmen Schlafsäcken kriechen und in den Tag starten. Während Heiko das Zelt abbaut, macht Claudia sich mit dem unbeladenen Rad auf den Weg zurück zu dem Platz, den wir gestern aus "tierischen" Gründen verlassen haben. In der Hektik des Aufbruchs hatten wir vergessen, unsere Mülltüte mitzunehmen, die wir dort an den Ast eines Baumes gehängt hatten und nun nachträglich abgeholt werden soll. Unterwegs fallen Claudia Schilder auf, die vor Wildschweinen warnen. Hatten wir gestern Abend Besuch von Wildschweinen? Knurren Wildschweine? Unter dem Baum mit der Mülltüte sitzt am heutigen Morgen jedenfalls glücklicherweise nur ein ganz reizendes Eichhörnchen. Mit dem Müll zurück am Ausgangspunkt hat Heiko unser Lager bereits geräumt und so kann unsere Reise nun weitergehen. Die Sonne hat es noch nicht über den Berg geschafft, unsere Füße sind noch kalt und langärmelige Oberteile sind auch noch angesagt. Das erste sonnige Fleckchen und die damit einhergehende Wärme nach wenigen Kilometern nutzen wir, um bei Tee und Kaffee zu frühstücken. Mit vollen Bäuchen warten nun 17 Bergaufkilometer auf uns. Los geht es sehr moderat, bei ein bis vier Prozent Steigung radelt es sich bequem und dennoch gewinnen wir ganz nebenbei an Höhe. Auf fast autofreier Straße sind wir umgeben von toll aussehenden bewaldeten Bergen, immer mal wieder lugt der eine oder andere imposante Felsen hervor. Da die Zielhöhe bekannt ist, war eigentlich klar, dass die Steigung nicht dauerhaft so schön milde bleibt. Die zweite Hälfte bis zum Gipfel bedeutet richtig Arbeit und wir sind der Meinung, dass wir unsere Heißgetränke und die Tüte Chips auf dem 1280m-Gipfel redlich verdient haben. Die Strecke ist aber noch nicht fertig mit uns..., nach nur sehr kurzer Abfahrt sollen wir erneut steil bergauf. Die zu bewältigenden 300 Höhenmeter verlangen alles von uns ab, keuchend und schweißgebadet erreichen wir schließlich ein Plateau mit einem kleinen Gebetshaus und einem Brunnen auf einer Höhe von 1468m. Eigentlich wollen wir nur kurz unsere Wasserflaschen auffüllen, aber es kommt mal wieder anders. Eine große Familie, die wir hier oben antreffen, lädt uns zum Picknick ein. Wir werden in die Familienverhältnisse eingewiesen, können uns aber natürlich mal wieder nicht merken, wer Cousine, Bruder, Schwester, Mutter etc. von wem ist. Auf jedem Fall handelt es sich um eine sehr, sehr herzliche Familie mit der wir gemeinsam am Tisch sitzen. Es gibt Melone, Börek, Brot, Tomatensalat und über einem kleinen Feuer brutzeln Chicken Wings. Etwas abseits vom Tisch sitzt die hochbetagte Oma. Sie ist dement und kann nicht mehr sprechen, hat aber augenscheinlich Freude am Geschehen. Abwechselnd kümmern die Familienmitglieder sich um sie, stecken ihr etwas Hühnchen oder Börek in den Mund oder setzen sich einfach nur zu ihr. Angesichts guter Englischkenntnisse fällt die Konversation leicht und wir verbringen eine sehr nette (und leckere) Zeit mir der Familie. Wir erfahren u.a. auch, dass dieses Plateau bekannt dafür ist, dass viele Menschen hier heraufkommen, um den Frühling zu begrüßen. Als die Familie kurz vor unserem Aufbruch mitbekommt, dass wir mit einem Zelt unterwegs sind, rät sie uns dringend vom Campieren hier in den Bergen ab. Wildschweine und Bären soll es hier geben..., hmmm, knurren Bären? Nach wie vor wüssten wir zu gerne, wer oder was uns da am gestrigen Abend besucht und in die Flucht geschlagen hat. Wir sind uns einig, dass wir NICHT im Wald auf dem Berg nächtigen wollen und rollen stattdessen gegen viertel vor fünf weiter. Es geht bergab und die Landschaft wird offener, die Fahrt ist ein Genuss! Linker Hand erreichen wir nach einigen Kilometern einen Abzweig zu einem kleinen Dorf. In der Hoffnung auf einen schönen und vor allem sicheren Platz für die Nacht biegen wir ab in Richtung der Häuser. Plötzlich tauchen vier wunderschöne Pferde auf. Sie kommen an uns vorbei, galoppieren erst einen Hügel hinauf und entfernen sich dann über die Felder. Was für ein magischer Anblick! Ein kleines Stück weiter sehen wir zwei Frauen und einen Mann, die gerade vom Feld in unsere Richtung kommen. Wir kommen ins Gespräch und sehr schnell ist klar, dass wir uns um unsere Bleibe für die kommende Nacht keine Sorgen machen müssen. Nicht einmal das Zelt müssen wir auspacken. Der freundliche Herr holt einen Schlüssel und präsentiert uns ein kleines, leerstehendes Haus, in welchem wir übernachten dürfen. Bald darauf kommt er mit einem zweiten Mann zu uns, der nach 27 Arbeitsjahren in Landsberg am Lech gut deutsch spricht. Von ihm erfahren wir, dass in diesem Dorf namens Çömlekçiler lediglich zwei Familien leben und "unser" Haus zur ehemaligen Schule gehörte. Die beiden Männer bemühen sich sehr engagiert um Elektrizität und Wasser in unserer Herberge, obwohl wir mehrfach betonen, dass dies nicht nötig ist. Am Ende können sie verkünden, dass der Strom fließt, das Wasser jedoch nicht. Im letzten Winter ist wohl die Leitung zugefroren und hat Schaden genommen. Wir beteuern, dass wir genug Wasser haben, dennoch eilt Heiko kurz darauf einer Frau entgegen, die uns gerade drei 5-Liter-Kanister entgegenschleppt. Bei ihrem nächsten Besuch bringt sie uns einen Teller Börek, frisch zubereitet und noch warm. Ein jüngerer Mann, den wir zuvor bereits mit seiner Kuhherde gesehen haben, schaut auch noch vorbei und erkundigt sich, ob wir etwas brauchen. Wahnsinn! Immer wieder aufs Neue sind wir begeistert von der aufrichtigen Herzlichkeit der einheimischen Menschen. Im herrlichen Abendlicht lässt Heiko die Drohne über dem Dorf kreisen und wir futtern Börek sowie unsere bereits vorher gekochten Nudeln. Als es dunkel wird, verlagern wir die Campingstühle ins Haus, wo wir heute doch den Luxus des elektrischen Lichts nutzen können. Ein kleines Missgeschick soll nicht unerwähnt bleiben: Claudia zieht die Haustür von innen zu, um erst danach festzustellen, dass es keine Klinke, sondern nur einen unbeweglichen Türknauf gibt. Und der Schlüssel? Der steckt natürlich draußen...! Wir sind tatsächlich eingesperrt. Die Fenster lassen sich zwar von innen öffnen, rausklettern kann man aber trotzdem nicht. Die davor angebrachten Fensterläden sind leider verschraubt. Heiko ist bereits dabei, das Werkzeug aus den Packtaschen zu wühlen, da entdeckt Claudia, dass die Fensterläden vor dem Küchenfenster durch zwei einfache Riegel zu öffnen sind. An einem alten Vogelnest vorbei klettert Heiko ins Freie und kommt mit dem Schlüssel wieder ins Haus. In einem bis auf eine Couch leeren Raum breiten wir die Zeltunterlage aus und bauen darauf unser Lager aus Isomatten und Schlafsäcken. Eine Weile wird noch gelesen und im Internet gesurft, dann gehen im alten Schulhaus die Lichter aus.Baca lagi
Im sicheren Licht der Straßenlaterne
22 September 2023, Turki ⋅ 🌙 19 °C
Das heutige Frühstück auf der Hotelterrasse verbringen wir noch entspannt, etwas Anspannung stellt sich allerdings beim Verlassen des Hotels ein. Der freundliche Gastgeber lässt sich nicht davon abbringen, uns helfen zu wollen. Das gemeinsame Heruntertragen der Taschen ist noch unproblematisch, bei den Rädern wird es schwieriger. Leider ist es uns nicht möglich, ihm verständlich zu machen, dass es bedeutend einfacher wäre, diese allein die enge Treppe herunter zu bugsieren. Und so besteht er darauf, irgendwie und irgendwo mit anzufassen und das ganze Unterfangen gibt ein recht abenteuerliches Bild ab. Irgendwie kommen aber am Ende doch Menschen und Räder heil die Treppe hinunter und wir können in eine sonnige Etappe starten. Wenn man sich fragt, was das Gegenteil von Idylle ist..., wir spüren, hören, riechen und sehen es auf den ersten 20 Kilometern des Tages. Auf grobem, ääaäh, nein, natürlich nostalgisch historischem Kopfsteinpflaster rütteln und schütteln wir uns hinauf zum Ortsausgang. Weiter geht es auf einer lauten und sehr verkehrsreichen Straße. Wir durchqueren die Stadt Karabük, wo Lärm und Verkehr noch einmal zunehmen. Nach einem Einkauf lassen wir die Stadt hinter uns und zweigen von der Hauptstraße ab. Die Hoffnung auf mehr Ruhe erfüllt sich jedoch nicht - auch diese Straße ist recht groß und viel befahren. Auch die Umgebung wird nicht gerade hübscher, wir fahren entlang eines riesigen und lauten Stahlwerks mit rauchenden Schornsteinen. Passend zu diesem ganzen Idyll machen wir unsere erste Pause an einer Tankstelle...! Nach etwa 20 Kilometern tritt endlich Besserung ein: Die Straße wird kleiner und der Verkehr weniger, da lässt es sich doch deutlich netter radeln. Mit 30 Grad ist es heute wieder deutlich wärmer als in den letzten Tagen, entsprechend suchen wir uns für die nächste Pause einen ruhigen und vor allem schattigen Platz. Nach Tee, Kaffee, Keksen und Erholung fahren wir auf inzwischen sehr verkehrsarmer Straße weiter, über ungefähr zehn Kilometer geht es leicht, aber stetig bergauf. Es ist 17 Uhr, als wir etwas abseits der Straße einen passenden Platz für die Nacht entdecken. Die kleine, ebene Fläche hinter Büschen am Waldrand könnte möglicherweise mal als Holzlagerplatz gedient haben, nun eignet sie sich perfekt für unser Zelt. Angesichts der frühen Ankunftszeit bleibt uns noch angenehm viel Zeit für Dinge wie Lesen und Drohnenspielerei. Gegen 18 Uhr köchelt das Gemüse, welches wir uns schmecken lassen und dann ist es auch an der Zeit, das Zelt aufzubauen. Als wir nach Fertigstellung des Lagers inklusive der "Inneneinrichtung" mit einem Tee und einer Rolle Nachtischkeksen auf unseren Stühlen vor dem Zelt sitzen, ist es viertel nach sieben und bereits dunkel. Plötzlich hören wir Geräusche aus dem Wald. Das ist natürlich eigentlich nichts Ungewöhnliches, sind doch immer irgendwelche Vögel, Igel oder schlicht der Wind in den Bäumen und Büschen unterwegs. Dieses Geräusch ist aber lauter und lässt ein größeres Tier vermuten. Sehen können wir nichts, aber unser Unbehagen steigert sich doch sehr, als wir ein ziemlich bedrohlich klingendes Knurren hören. Was tun? Claudia will sich instinktiv ins Zelt verziehen, Heiko scannt die Büsche nach einem Fluchtweg in Richtung Straße. Nach kurzem Überlegen machen wir für einen Moment laute Musik auf dem Handy an und tatsächlich - die Geräusche sind anschließend nicht mehr zu hören. So richtig wohl ist uns dennoch nicht zumute. Sollen wir bleiben? Oder abbauen und weiterfahren? Aber wohin in der Dunkelheit? Sollen wir nachts abwechselnd wach bleiben und Wache halten? Diese Fragen stellen wir uns noch, als erneut Geräusche zu vernehmen sind. Okay, genug ist genug, das gefällt uns nicht! Wir räumen unser Zelt wieder leer und ab, schnell sind die Räder wieder bepackt. Laut Google Maps stehen in 1,3km Entfernung einige Häuser, diese wollen wir ansteuern. Da es noch nicht allzu spät ist, hoffen wir darauf, Menschen anzutreffen, die wir um die Möglichkeit einer Übernachtung auf sicherem Terrain fragen können. Unterwegs fällt Heiko plötzlich eine eigenartige Lichterkette am Himmel auf, was erst einmal ziemlich spooky auf uns wirkt. Tatsächlich sehen wir die Star Link Satelliten von Elon Musk, über die wir später lesen: "Nach jedem neuen Start fliegen die Satelliten erstmal in einer Kette beieinander, bevor sie sich auf die für sie vorgesehenen Umlaufbahnen verteilen. Es ist ein Spektakel, die Satelliten in dieser Formation als Perlenkette am Himmel zu sehen."
Eigentlich haben wir ohnehin gerade Spektakel genug, aber dieses Schauspiel fasziniert uns doch. Die angepeilten Häuser sind schließlich schnell erreicht, Menschen suchen wir jedoch vergeblich. Wir beschließen dennoch, auch ohne eine offizielle Erlaubnis hier zu bleiben. Neben der Straße bietet sich eine kleine, wilde Wiese an, auf welcher wir im Schein einer Straßenlaterne unser Zelt aufbauen. Hier fühlen wir uns deutlich sicherer als am Waldrand und unsere Erfahrung war bislang stets so, dass die Menschen uns freundlich begegnen und offensichtlich kein Problem mit wild zeltenden Touristen haben. Wir hoffen, das ist auch heute der Fall (falls überhaupt noch jemand vorbeikommt...), ein erneuter Abbau wäre ziemlich ärgerlich. In unseren Schlafsäcken liegend waren wir noch nie so froh, vom Licht einer Laterne beschienen zu werden. Was war das bloß für ein Tier? Oder Tiere? Das würde uns so sehr interessieren..., wir werden es wohl nie erfahren!Baca lagi




























































































































































































































































































