• Spaziergänge mit Hilde
  • Spaziergänge mit Hilde

Europe along the coastline (3)

Und weiter geht die Reise an der Küste entlang, doch erst einmal müssen wir wieder in den Süden, um einige wichtige Termine zu erledigen. Danach gibt es schon gute Ideen. Читать далее
  • Начало поездки
    5 июля 2025 г.

    Definitiv Abschied aus Hergot

    6–7 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 13 °C

    Dass sich eine Landschaft unmittelbar nach der Grenze auf einer Anhöhe so ändern kann, damit hätte ich nie gerechnet. Wir fahren durch eine norwegische Fels-Seen-Formation, kaum dass wir in die E10 abgebogen sind. Ein Traum voller pittoresker Momente im Sonnenschein. Kleine Hütten verstreut auf den Felsen, versteckt hinter Bäumen, gesprenkelt mit Schnee vom letzten Winter, und den kleinen Seen in Blau und Türkis.

    Als die Straße zu einem Denkmal an den mutigen Kommandanten Fleischer abbiegt, dem rund um Narvik an verschiedenen Stellen gedacht wird, und der hier bei der Bahnstation Björnfjell ebenfalls gegen die Deutschen erfolgreich gekämpft hat, erleben wir das Highlight eines versprengten Dörfchens in den Felsen rund um eine weiße Kirche. Ein Traum, die Hütten in der Sommerzeit und zum Wochenende gut besetzt, der Bahnhof in Rot und Weiß abgesetzt.

    Als wir zurückkommen, ist gerade ein Hubschrauber gelandet, der 35jährige Co-Pilot erzählt von seinem Traumjob, Waren in einsame Fels- und Wald- Gegenden zu fliegen. Zwei Wochen Arbeiten, zwei Wochen Freizeit, in denen er noch anderen Tätigkeiten nachgeht. Jedes Jahr einige Wochen in der Armee dienen.

    Er wirkt entspannt und wir verabschieden uns freundlich, gerade als der ältere Pilot mit einem Mitarbeiter des Bahnhofs zurückkommt, für den das große Paket, das den Restweg mit einem Lastwagen transportiert wird, gedacht ist.

    Kurz danach beginnt Schwedisch-Lappland, und ich bekomme meine Lektion in Landschaftskunde hautnah. Die Felsen rücken in den Hintergrund und ein grünes Waldwiesenland überzieht das Auge, lediglich unterbrochen von blauen Seen. Aber das wiederum so üppig, dass ich schnell satt bin.

    Ich fülle die Wasserflaschen an einem einsamen Supermarkt mit Tankstelle auf, wasche meine Haare, und bemerke eine mentale Veränderung in meiner Seelenlandschaft. Ich weiß, es wird sich nicht viel ändern an dem Schweden, das wir jetzt tagelang durchfahren werden, und auch wenn Norwegen bedeutet, die gleichen Wege zurückzufahren, wieder Tunnel zu durchqueren, und einsame Landstriche, bin ich doch gewillt, dies auf mich zu nehmen.

    Kaum fahren wir die achtzig Kilometer zurück, erleben ich eine andere Sicht auf die Landschaft, die sich vor meinen Blicken öffnet. Und mir wird klar, dass die Fahrt von Süden nach Norden mich in einer ganz anderen Weise berührt wie umgekehrt. Durch Schweden nach Süden fahren, das machen die meisten Menschen auf ihrem eiligen Heimweg nach Finnland, ins Baltikum, nach Deutschland und weiter ins südlicher Europa. Einfach aufs Pedal drücken und quasi mit halb geschlossenen Augen die Landschaft ignorieren.

    Aber bloß nicht so rumbummeln wie wir es gewohnt sind. Kommst du dagegen aus dem Süden, dann bist du so erfüllt von der landschaftlichen Vielfalt bis hoch nach Mittelschweden und der Vorfreude auf Norwegen, dass du das triste Grün lappländischer Langeweile durchaus ertragen kannst.

    Und, ich muss leider zugeben, im Gegensatz zu der Weite des Meeres, finde ich die Weite der riesigen Seen in Schweden einfach uninteressant. Das war schon immer so, dass ich die Begeisterung von Menschen über Vänern und Vättern nicht teilen konnte.

    Der Torneträsk ist vom Volumen her der drittgrößte See in Schweden, auf den wir von der gleichnamigen Bahnstation blicken, wo wir zurückfahren, um in Abisko nochmals zu tanken, wobei die Preise ähnlich denen in Nordnorwegen sind.

    Über Abisko sagt Wikipedia, "Abisko ist ein kleiner Ort, der nördlich des Polarkreises in Schweden liegt. Unmittelbar vor dem Ort erstreckt sich der Nationalpark Abisko, der am Südwestufer des Torneträsk-Sees beginnt. In dem von Bergen umgebenen Park sind Lemminge, Rentiere und eine lappländische Orchideenart beheimatet. Hier beginnt auch der Wanderweg Kungsleden, der nach Hemavan im Süden führt. Auf dem Nuolja befindet sich die Aurora Sky Station, ein Nordlicht-Beobachtungszentrum."

    Große Wandergruppen starten unter den genauen Blicken der aktiven Moskitos zu ihren Touren in diese Waldlandschaft, bestückt mit den besten chemischen Mitteln zur Abwehr ihrer Angriffe, denn kaum bleibst du stehen, stechen sie auch schon zu, mich bevorzugt in die Stützstrümpfe. Alles besser als Wespen, aber auch vor Hilde als Tier haben sie keinen Respekt oder kein Mitleid, obwohl sie sich diesen Attacken überhaupt nicht entziehen kann.

    So haben Skandinavier, die in Hütten leben, auch gerne einen Tennisschläger dabei, der mit Batterien betrieben, in einem Schlag hunderte dieser Plagegeister mit einem kleinen Klack töten kann. Über den Tod kann man geteilter Meinung sein, tatsächlich berührt mich diese Form allerdings unangenehm, sodass ich eher versuche, ihnen aus dem Weg zu gehen.

    An einem kleinen See halten wir am Nachmittag an, machen einen Spaziergang bis hoch zu einer Schneefläche, auf der Hilde's Begeisterung keine Grenzen kennt, sodass ich mir vornehme, in den nächsten Wintern irgendwo in Schneelandschaften unterwegs zu sein.

    Ich unterhalte mich mit Norwegern aus dem nahen Narvik, die hier ihre Hütten haben, und mal am Wochenende eine einsame Nacht in den Bergen verbracht haben. Sie lieben ihr Land mit der winterlichen Dunkelheit, sie seien es von Kind auf gewöhnt, und es habe keine negativen Auswirkungen auf ihr seelisches Befinden, wenn es mehrere Monate lang Nacht sei. Nur in die Hütten gehen sie dann nicht, weil es hier keine Elektrizität gibt. Also brauchen sie doch das Licht, und sei es nur in Form von Strom, der ihre Umgebung erhellt.

    Eigentlich bedauere ich, noch keinen Winter im Norden verbracht zu haben, kann also nicht wirklich mitempfinden, was das mit dem Menschen macht. Lese nur von einer Vielzahl von Selbstmorden in dieser lichtlosen Jahreszeit, und weiß natürlich, dass auch die seelischen Erkrankungen nicht vor einer Grenze Halt machen.

    Vielleicht sind meine Gesprächspartner auch gerade seelisch sehr stabil, dass sie so ausgeglichen wirken. Es sind ja immer nur Fragmente aus dem Leben einzelner Menschen, die mit mir ins Gespräch kommen.

    Abends fahren wir noch für eine Nacht nach Hergot, der Platz ist wochenendvoll, aber wir können wie die Nacht vorher direkt neben dem alten Norweger nahe der Straße parken. Hilde will gar nicht lange spazieren gehen, der Strand ist von Familien besetzt, die Zeit hier scheint einfach für uns vorbei zu sein.

    Heute morgen wache ich spät auf, die Sonne scheint, und die ersten Schläfer erwachen. Wir spazieren durch das Stückchen Wald, in dem zwei Zelte stehen, und zurück am Strand, wo ich mit einem finnischen Paar ins Gespräch komme. Sie verbringen jedes Jahr eine Woche in Nordnorwegen und durchqueren Schweden an einem Tag. Wir tauschen uns aus über interessante Ziele und das Leben mit Moskitos. In der Stadt würde es ja gehen, aber auf den Land nur im Winterhalbjahr. Aha. Denke ich. Also im nächsten März dann auf nach Helsinki, finnische Küste fahren und Schnee genießen.

    Parkplatz (frei)
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    FP24+9HX Hergot, Norwegen
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  • Tømmerneset

    7–8 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☁️ 14 °C

    Vorwiegend blau und ziemlich zerstochen, heftige Nackenschmerzen, als hätte ich mich zu oft nach schönen, blonden Frauen umgeschaut. So ließe sich der gestrige Tag und der heutige Morgen zusammenfassen, den wir wieder in Tømmerneset verbringen, nachdem zwar die Nacht um uns herum ruhig war, der Schlaf aber nur in unruhigen Blöcken zwischen heftigen Träumen und erschrecktem Aufwachen vergangen ist.

    Wenn die Moskitos mich schon so heftig stechen, dann wird es Hilde ja nicht anders gehen, die das alles geduldig zu ertragen scheint, aber im Bus abends unruhig hechelt, sodass ich ihr einen kalten Coca-Cola Schal überlege, den ich den Nachmittag über um mein Fussgelenk gewickelt hatte, weil eine dieser merkwürdigen Bremsen mich heftig erwischt hatte.

    Ja, auch in Norwegen sind wir nicht sicher vor dieser stechenden Gesellschaft, und ohne Verhütungsmittel auch ziemlich ihrer Willkür ausgeliefert. Ich vertrete ja die merkwürdige Auffassung, dass ich mich nicht sonderlich schütze, weil sich Hilde auch nicht schützen kann. Nicht dass ich nachlässig werde und sie dadurch in Gefahr bringe. Als versuchen wir, den Moskitos wenig Angriffsfläche zu bieten.

    Um wieder an die sichere Küste zu kommen, müssen wir Waldnorwegen halt durchqueren. Anders kommt man nicht nach Süden, es sei denn über die Lofoten und per Schiff. Und komisch ist schon, gleich an einem Tag mehrere Schlafplätze zu passieren, weil wir ja keine Seitenwege fahren, sondern mehr oder weniger geradeaus unterwegs sind.

    In Narvik begegnen wir Jercy aus Polen, ein älterer Motorradfahrer, der den Norden liebt. An einer Bucht mit Sandstrand treffen wir auf eine Norwegenin, die ihre Eltern im Norden besucht hat, und auf dem Weg zurück nach Oslo eine Badepause eingelegt hat.

    Hilde tut es ihr nach und kühlt sich mal gründlich durch, während ich Stöckchen ins Wasser werfe. Das braucht die norwegische Familie nicht, die kurz anhält, um ihre Kinder zur Erfrischung ins kühle Nass springen zu lassen.

    An der Fähre nach Bognes sammeln sich im Nu alle südwärts reisenden Menschen, wir sind an Position zwei, und lassen alle Folgenden erzürnen, weil die Berge lang und hoch sind, der blaue Bus aber ziemlich kraftlos wirkt. Halt auch so ein Opa unter den jungen Hüpfern, der noch nicht ins Altersheim ziehen will. Aber es ist Sonntag und keiner hupt, selbst die Lastwagenfahrer sind heute geduldig.

    Zwischendurch halten wir auf kurze Breaks an, weil die Tour de France und der Iron Man in Roth meine aufmerksame Begeisterung fordern. Vielleicht mein einziges Hobby aus alten Zeiten, dem ich übers Handy per Livestream folge, nicht das komplette Rennen, aber die spannendsten Momente der Berg- und Zielankünfte.

    Über Nacht stehen wir in Tømmerneset neben Iris und Imo, ein gerade hundeloses Ehepaar aus Finnland, das sich mit Begeisterung auf jeden Hund stürzt, um ihn zu knuddeln, wenn er das so geduldig über sich ergehen lässt wie Hilde. Gibt natürlich auch Leckerlis vom guten Schinken und dem Käse, der grade auf dem Abendbrottisch steht.

    So erfreuen wir das norwegische Land und seine Gäste, während es uns im Moment nicht so prächtig geht, und mir es vor dem notwendigen Morgenspaziergang schon graut, zumal es heute morgen ziemlich windstill ist. Da werden die Moskitos schon auf uns lauern.

    Außerdem bin ich noch ziemlich müde, kann mich aber nicht hinlegen, weil Hilde das Bett für sich beansprucht, kaum das ich morgens aufgestanden bin. Es gibt zwar so Tricks, um sie zur Aufgabe des köstlichen Bettes zu bewegen, aber eigentlich ist halb acht eh Rausgehzeit.

    Parkplatz (frei)
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    WV25+43M Tømmerneset, Norwegen
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  • Saltfjellet

    8–9 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 10 °C

    Es ist der Tag der Tunnel und Berge, der Sonne, der Bremsen, der Moskitos und des Schnees. Der blaue Bus läuft schlecht und quält sich mühsam bergauf, während man ihn talwärts kaum stoppen kann. Er hat so seine Tage, aber ist zum Glück meist deutlich pflegeleichter.

    Wir sind auf dem Weg von Tømmerneset nach Rognan, und durchqueren ca. 15 Tunnel, der längste hat knapp 2,3 Kilometer. Dazwischen gibt es noch den mit 4,5 km, den wir über die alte Passstrasse umgehen, ein einsames Bergundtalvergnügen.

    Dem stehen eindeutig die Pausen entgegen, denn sobald wir den Bus verlassen, stürzen sich die Moskitos auf mich. Das kann ich grad noch so ertragen, aber die fussfliegenden, riesigen Bremsen mit ihren schmerzhaften Bissen jagen mir schon einen Schrecken ein, sodass ich bei ihrem dreifachen Angriff wieder in den Bus springe.

    Erst außerhalb von Rognan, auf dem freien Feld im Wind gelingt der dringend notwendige Spaziergang mit Hilde, während vom nahen Ort der Geruch von Feuer meine Nase berührt, die von der Sonnenwärme gut warmgehalten wird.

    Es gab in der Nähe einen Parkplatz an der E6, auf dem wir vor einigen Wochen übernachtet haben. In der Zwischenzeit hängen Verbotsschilder dort, eine Tendenz, die ich für die gesamte nördliche Region in den nächsten Jahren befürchte. Den Radfahrern und Wanderern, den kleinen Bussen und denen mit den Dachzelten, wird man gestatten, frei zu stehen oder zu zelten. Aber für die großen Camper werden die Verbote fortgeschrieben. Bei ihren Besitzern geht man davon aus, dass diese in der Lage sind, einen Campingplatz zu bezahlen.

    Leider sind es auch die, die trotz der Verbote ein Campingverhalten auf Parkplätze demonstrieren, ja geradezu provozieren. Ich habe ja schon mal erzählt von den demütigen Reisenden, die sehr wohl sich an die Vorschriften und Regeln halten, egal welche Fahrzeuge sie fahren.

    Dagegen stehen die arroganten Reisenden, die glauben, mit ihrem Geld gehöre ihnen das fremde Land, und deshalb nehmen sie sich ihre vermeintlichen Rechte, begreifen aber nicht, dass sie die Nagel zum Sarg des freien Reisens sind. Die einschlägigen Apps sind dabei unglücklicherweise der Bote des oft schlechten Geschmacks. Für freie Plätze wären offene Augen ausreichend, aber wir lieben es ja bequem online.

    Übrigens zeigt der Süden Norwegens den Reisenden ja bereits den Zeigefinger, und man fordert für die meisten Plätze schon Geld, während die anderen Orte Übernachtungsverbote mit sich tragen. Wie letztes Jahr erlebt.

    Uns wird das nicht so sehr betreffen, wir fliegen unter dem Radar, und finden immer noch einen stillen Schlafplatz für die Nacht. So halten wir im Saltfjellet auf einem der großen Parkplätze neben einigen Campern und dem üblichen nächtlichen Lastwagen mit Kühlaggregat, das mich nicht sonderlich stört.

    Vorher waren wir noch kurz am Polarcenter für ein Erinnerungsbild. Auf den beiden, noch kostenlosen Parkplätzen standen die Camper dicht nebeneinander, das besondere Feeling des Hierbinichgewesenseins klebt jetzt im Cockpit. Hilde hat gleich einen Schreikrampf bekommen, sodass wir vondannen geeilt sind.

    Irgendwann verschwindet die Sonne hinter einem Schneeberg und leuchtet um drei Uhr morgens bei dem letzten verbliebenen Grad Celsius über der Frostgrenze den leeren Parkplatz an. Obwohl der Wind angenehm kühl ist, hat die Sonne schnell an Kraft gewonnen, und hüllt den blauen Bus ein, während Hilde nach dem Frühstück wieder schläft.

    Parkplatz (frei)
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    9FRQJ9WV+3H
    Saltfjellet, Norwegen
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  • Flostrand

    9–10 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☁️ 10 °C

    Heute habe ich mein letztes Päckchen Porridge, Zwieback ist schon seit einer Woche zuende, und meine Getränke von Fitline enden nächste Woche. Da meine Ernährung so special ist, wiegen solche Verluste, die ich oft im Ausland nicht ersetzen kann, doppelt so schwer.

    Das Porridge in Norwegen ist mit Nüssen und Rosinen. Leider. Statt Zwieback esse ich Reiswaffeln und habe gestern fast einen Karton gekauft. Ach ja, und Tee hier enthält immer schwarz, was ich auch nicht vertrage. Zumindest ist das in den kleinen Geschäften so. Bananennektar gibt es übrigens auch nicht.

    Der Fehler liegt nicht im System, sondern in meiner falschen Planung. Und das ist ärgerlich, zeigt mir andererseits auf, wie abhängig ich von bestimmten Gegebenheiten bin. Natürlich kann ich das alles kompensieren, ohne zu verhungern. Aber es ist halt lästig, mich umzustellen.

    Wir sind immer noch auf dem Rückweg im Norden Norwegens, der wenig Alternativen zulässt. Aber über das Saltfjellet bin ich länger nicht gefahren, und so komme ich heute in den Genuss eines alten Bahnhofsgebäudes in Bolna, lustig sprudelnde Wasserläufe in den Bergen und in Mo I Rana.

    Im Verlauf der Straße 810 gibt es eine riesige Baustelle mit Erweiterung der Straßenbreite, was bedeutet, dass die Felsen weggesprengt und dann zerkleinert werden müssen. Es staubt. Und staut. Aber auch da müssen wir durch.

    Und es gibt noch ein Geheimnis für mich zu lösen. Als wir im Oktober 2017 von den Lofoten zurückgefahren sind, habe ich das Fanhaus eines Liverpoolfanatikers gesehen, mit diesem bekannten Satz, der mir damals meine Einsamkeit versüßt hat. Aber ich konnte mich nicht erinnern, wo das war, sodass ich heute voller Freude ihm wieder begegnet bin.

    Beim Joker in Utskarpen kaufe ich wieder ein, und wir fahren dann durch einen langen Tunnel, um am Ende des Tages unten am Fjord zu übernachten. Wie schon vor über vier Wochen, als wir gerade den Küstenabschnitt begonnen haben.

    Wir sind müde. Hilde und ich können schlafen wie die Weltmeister. Ständig fällt einer von uns im blauen Bus um und pennt ein. Da die Sonne viel scheint, ist es schnell ziemlich heiß, und ich werde immer drösselig im Kopf wach. Dafür bin ich oft in der Nacht auf, wenn die Sonne durchs Fenster scheint, denn sie kennt noch immer keinen nächtlichen Schlaf, eher mal einen versteckten Wolkengang.

    Aber mit jedem Kilometer nach Süden kommen wir dem normalen Rhythmus von Tag und Nacht wieder entgegen, freuen uns allerdings weniger auf den heißen Sommer, dem wir vermutlich nur nordwärts entweichen können, wenn alles erledigt ist, was vor uns liegt.

    Ach ja, das Leben ist so bunt wie die Bilder, die uns vor die Augen kommen.

    Parkplatz (frei)
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    877P+M65 Flostrand, Norwegen
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  • Berg

    10–11 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☁️ 17 °C

    Im Land des blauen Wassers, der grauen Berge, der grünen Wiesen, und der wenigen Menschen. So lässt sich der Tag am Besten beschreiben. Einige waren schon tot, andere sehr lebendig, manche besonders herzlich. Soweit man über Einheimische spricht, denn über Touristen mag ich oft nur mit dem Kopf schütteln und mich nicht wiederholen. Aber ich habe jetzt auch die Sorte kennengelernt, deren Challenge es zu sein scheint, das tägliche Maß von drei Worten nicht zu überschreiten.

    Wenn ich nicht so eine Plaudertasche wäre, würde ich vermutlich kaum jemand kennenlernen, und könnte einzig über die Natur schwärmen. Aber ich finde das ja grundsätzlich langweilig, denn ohne die Geschichten anderer Menschen wäre mein Leben nur ein Ah und Oh des Staunens.

    So lasse ich dich jetzt heute mit den Worten in Ruhe, und gebe dir die Möglichkeit, all deine Zeit und deine Energie fürs Betrachten aufzubringen. Nur eins noch. Während die ersten Bilder von der Fahrt zwischen Utskarpen und den Fährhafen nach Levang sind, kommt das Gros von einer schönen Sackgassenreise von Leland nach Forvik uns zurück.

    Ich hoffe, dir gefällt unsere Reise durch den Tag. Wieso ich überhaupt dahin gefahren bin. Es gibt einen privaten Hundepark in Leland, für achtzig Kronen kann ich Hilde auf dem schönen Gelände bis zu einer Stunde frei laufen lassen. Eigentlich empfinde ich, dass das zuviel Geld, zumal wir höchstens die halbe Zeit dort sind. Aber mit dem Tipp für den Ausflug hat sich die Investition total gelohnt.

    Ach und später sehe ich an einem Kriegsgräberfriedhof ein junges Paar mit ihrem Hund das Gelände betreten. Wir kommen ins Gespräch, und ich bemerke, wie sich die deutschen Gesetzesmäßigkeiten in mein Gehirn gebrannt haben, als würden Hunde die Totenruhe stören. Was für ein Quatsch.

    Wir verabschieden uns freundlich und nun reist einer unserer Aufkleber mit zwei freundlichen jungen Menschen durch Norwegen. Ein anderer klebt an einem finnischen Camper. Und wer weiß, welche Reisen unsere kleinen Bilder noch machen.

    Möchtest du einen unserer Aufkleber haben. Gegen eine geringe Aufwandsentschädigung von fünf Euro sende ich dir einen Aufkleber per Post zu. Kurze private Nachricht, und wir klären die Details.

    Parkplatz (frei)
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    958X+Q58 Berg, Norwegen
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  • Aarsand

    11–12 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☁️ 17 °C

    Manchmal. Wenn ich morgens rausschaue, versuche ich mich an den gestrigen Tag zu erinnern, wo wir aufgewacht sind. Das ist oft schon so weit weg, und ich mache mir eigentlich nie die Mühe, die Reise rückwärts zu denken. Nicht, dass sich die Bilder überlappen, sondern eher, dass sie da waren, und ich mich an ihnen erfreut habe, aber mit der Nacht ins Vergessen abtriften.

    Alle 14 Tage schicke ich eine Auswahl meiner schönsten Aufnahmen an Menschen, die sonst nicht an unserer Reise teilhaben, aber gerne auch mit einem kleinen Text auf dem Laufenden gehalten werden möchten. Dann denke ich gerne, ach was habe ich doch Schönes erlebt.

    Facebook bietet mir immer wieder Erinnerungen an, vor einem Jahr, zwei drei vier Jahren. Ich beachte sie wenig, denn ich müsste oft lange überlegen, wo ich damals war. Und ich wüsste nicht, was mir durch den Kopf gegangen ist in dieser Zeit. Nostalgische Reisebilder tauchen auch bei anderen Menschen in den Sozialen Netzen auf. Ja, sie verbringen eine anstrengende Zeit mit der Aufarbeitung solcher Reisen, um für sich Resümees ziehen zu können.

    Das ist wie alte Tagebücher lesen. Interessant vielleicht, aber auch langweilig, und letztendlich doch unbefriedigend, weil es für die aktuelle Situation wenig Nahrhaftes bringt. Zumindest geht es bzw ging es mir so. Heute hätte ich gar keine Zeit mehr, in meiner Vergangenheit zu blättern. Selbst in meine Bilderkiste schaue ich selten.

    In meine Gedanken unterwegs kommt manches Mal eine unbewältigte Erinnerung, die ich dann versuche zu bearbeiten, um sie wieder weglegen zu können. Nur mit meinen gravierensten Fehlern geht das nicht so einfach. Manches muss ich in Gottes Vergebung legen, um mich zu lösen, weil ich menschlich nichts mehr regeln kann.

    Durch Hilde's Erkrankung bekommt unsere gemeinsame Gegenwart einen besonderen Mittelpunkt. Es gibt viele Jetzt - Momente von spontaner Intensität, die sich auch in meiner realen Wahrnehmung widerspiegeln. Ich erlebe jeden Tag intensiver und muss ihn einfach kurzfristig auch beenden, um frische Kapazität für mich freizulegen.

    Wir starten ins Blaue, bekommen eine Fähre nach Holm, wo die Kirche nahe dem Strand weithin sichtbar ist, und enden auf einem Seitenstreifen zwischen hohen Felsen in einem Tal, in dem die Ruhe manchmal so greifbar ist wie in dem Video.

    Zur Nacht bleiben wir auf einem Streifen Lehm hinter Felsen und mit Blick über einen See, der einem weitläufigen Fjordsystem angeschlossen ist. Die Sonne wandert hinter Wolken, die manchmal ihr Licht auf die Wellen wirft. Ganz leichter Wind, der das Wasser kräuselt, mir graust es schon vor den Plagegeistern, die auf uns warten. Aber Hilde muss raus, da beißt die Maus keinen Faden ab.

    Laut Google ist das, "eine deutsche Redewendung, die bedeutet, dass etwas unabänderlich, endgültig oder unvermeidlich ist. Es ist eine Redensart, die verwendet wird, wenn eine Tatsache feststeht und nicht mehr diskutiert oder verändert werden kann. Die Redewendung drückt aus, dass eine Sache besiegelt ist und es keinen Ausweg oder keine Möglichkeit zur Änderung gibt."

    Na dann, lange Hose und Jacke an, und raus in die Morgenluft. Und just in diesem Moment scheint die Sonne durchs Fenster der Seitentür!

    Parkplatz (frei)
    Google Code
    337G+J89 Aarsand, Norwegen
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  • Grungstad

    12 июля 2025 г., Норвегия ⋅ ☀️ 23 °C

    Peterchens Irrfahrt. Statt einer Reise unter dem vollen Mond, wie es die musikalische Historie von Peterchen uns vorgaukelt, ist unser wirkliches Leben auf Erden ein Spielball voller Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, Erfahrungen und Erwartungen. Ein katastrophaler Mix unausgereift Gedanken und spontaner Entscheidungen.

    Aus dem Bauch heraus kann total schön und unendlich blöd sein, nicht umsonst "reift" ein Baby dort neun Monate, wie ich es später höre von unseren netten Nachbarn am Ufer des Grungstadvatnet, die ein bisschen last movie schnuppern, bevor sie in wenigen Wochen zu Dritt sein werden.

    Wir brechen am späten Vormittag von unserem Schlafplatz auf. Mit einem klaren Plan voll erwartungsfreudiger Perspektiven. An der unteren Verjüngung unseres Fjords treffen wir schräg gegenüber eines felsigen Wasserfalls, der sich in der See spiegelt, einen jungen Ukrainer aus den Niederlanden, dessen Reise aus Ahs und Ohs besteht.

    So schön sei es hier, obwohl Schwermut im Raume schwingt. Mit einem Ukrainer im wehrfähigen Alter kannst du nicht so einfach ungezwungen sprechen, weil immer ein Warum in der Luft schwingt. Zum einen freue ich mich, weil sie dem Unheil entkommen sind, trotzdem hinterlässt ihr Verhalten die versteckte Frage nach dem Erlaubten. Darf ich das genießen, obwohl meine Großeltern im Kriegsgebiet in Lebensgefahr geblieben sind. Und ist meine Entscheidung nicht ein Kritikpunkt, müsste ich nicht auch dort sein, wo sie alle zu den Waffen greifen.

    Wir können nicht einfach sprechen, weil sein Verhalten einen Rückzug andeutet, zu dem ich ihn gar nicht gedrängt habe, woher hätte ich auch das Recht dafür. Gleichzeitig fährt er ein Motorrad mit dem Landeskennzeichen, das seine Herkunft belegt. Was das beim Gegenüber auslösen kann, darüber wird er sich vielleicht langsam bewusst.

    Er verhält sich ein wenig scheu, vielleicht bin ich auch zu direkt, obwohl ich mich für ihn freue, dass er diesen Frieden hier erleben kann, in einem Land, wo die Freiheit immer seltener eine so tiefbewusste Rolle im Leben der Menschen spielt, die immer unzufriedener mit dem politischen System, den hohen Steuern und Preisen, dem geringeren Gewinn leben.

    Wir wünschen uns eine gute Reise, an dessen Ziel ich langsam zu zweifeln beginne. Trondheim möchte ich weiträumig umfahren, kenne aber mittlerweile jeden Umweg, und keiner findet einen positiven Widerhall in meinen Gedanken.

    Ich meine mich zu erinnern, dass in der Gegend von Hoylandet ein toller Platz am See liegt, aber ich kann ihn nicht finden, weil ich auch nicht konkret nachschaue. Am Ende des Tages werde ich feststellen, dass wir 5,7 km entfernt vom Platz umgedreht haben, um eine Odyssee Richtung Steinkjer und schwedischer Grenze zu unternehmen, deren Richtungsfinger mich immer unglücklicher zu machen scheinen.

    Hundert Kilometer Unsinn. Das passt zu allen Unglücken, die auch auf dieser Reise unerzählbar sind, aber unser Leben prägen. In Grong bei Esso bekomme ich frisches Wasser, kann meine Wäsche auswaschen, damit sie auf den Ablagen in der heißen Sonne trocknen.

    Der Platz am See ist gut besetzt, Allrad steht protzig am Wasser, bewacht vom zweiten Hund am Platz, der Hilde das Leben nicht erleichtert. Aber sie kann wieder Stöckchen aus dem See apportieren, das Fell trocknet erst viel später im blauen Bus vollständig. Auch ich brauche Stunden, bevor der Körper von den vielen Mückenstichen so runterkühlt, daß ich schlafen gehe, aber dabei die Explosion der Farben am Abendhimmel in der Widerspiegelung auf dem See genießen kann.

    Es ist weit nach Mitternacht, ein letzter Elchsuchblick, der See trägt seine Stille in die Nacht, in ihrem melodischen Gesang von zarter Endlosigkeit werden auch die letzten unruhigen Gedanken in meinem Kopf absobiert, kommt der Schlaf aus der Tiefe der Bettdecke über meinen Körper, dessen Gelenke am Morgen immer noch schmerzen. Zuviel zuwenig. Sei es dem Alter geschuldet, meiner gedanklichen Überheblichkeit des Forever Young. Oder vielleicht bin ich nur ein Opfer des gelben Planeten, dessen Spiegelungen meine Augen ermüden, sodass meine seelischkörperliche Unversehrtheit gleich den stillen Blättern der Birken in einem samstäglichen Ruhezustand versinken.

    Auf jeden Fall könnte ich schlafen, so wie Hilde, die aber nur drauf wartet, bis wir endlich losgehen. Lets Fetz!

    Parkplatz (frei)
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    H6GV+GR7 Grungstad, Norwegen
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  • Steinsdalen

    13–14 июл. 2025, Норвегия ⋅ ⛅ 26 °C

    Routine. Für einen Moment habe ich tatsächlich überlegt, fünfhundert Kilometer nach Norden zu fahren, um der Hitze zu entfliehen, die die nächsten fünf Tage unser Leben bestimmen soll. Dann habe ich es doch verworfen, weil wir ja in drei Wochen in Deutschland feste Verabredungen haben. Und bin in den nächsten Schatten gefahren, weil die Hitze nur so oder mit fahrender Kühlung auszuhalten ist.

    Während meine Arme zusehends bräunen, trägt Hilde ein nasses Handtuch, um die Körpertemperatur herunterzukühlen. Was für die meisten Menschen die Sommerfreuden sind, bleibt für uns ein notwendiges Übel, das wir ertragen müssen.

    Das war nicht immer so. Als wir jung auf Reisen waren, hat uns Hitze weniger ausgemacht, aber nun sind diese Zeiten vorbei. Am See wird es lebendig. Tatsächlich jede Generation umschwirrt uns binnen Minuten, die Hunde bellen, der Lärmpegel steigt, wir verabschieden uns, fahren los. Zum nächsten Schatten.

    Vormittags brauchen wir einfach Ruhe, vielleicht ne Stunde zwei nach dem Frühstück, dann sieht der Tag wieder besser aus. Die Bilder um uns herum sind vielfältig und intensiv, das muss man irgendwie verarbeiten, um aufnahmefähig zu bleiben.

    Hinzu kommen ja immer noch die inneren Abläufe des Denkens und Erinnerns, über Bilder, Eindrücke und Erfahrungen. Norwegen hat da viel beizutragen, fast eine lebenslange Geschichte trage ich dazu in mir. Wenn ich mal ein bisschen erzähle, öffnet sich die Schatztruhe reicher Erlebnisse.

    Die Geheimnisse behalte ich bei mir, die sind nicht für andere Menschen gedacht. Die Tiefen und Höhen seelischer Erinnerungen kann man nur selten teilen, diese Momente größter Intimität mit Natur und Mensch sind sorgsam in meinem Herzen verpackt, das langsam schlägt.

    Abends koche ich eine Thermoskanne Wasser für für das morgendliche Waschen. Wenn der nasse Waschlappen dann meine Augen berührt, ist dies ein Moment von großer Intensität, auf den ich mich sehr freue. Das fast zu heiße Wasser weckt ganz besondere Emotionen in mir. Wie der laute Hahnenschrei in der Herrgottsfrühe, wie man zu sagen pflegt. Ein plötzlicher Moment der Lebendigkeit zwischen Nacht und Tag.

    Das eine geht, das andere kommt. Auch wenn der Tag zu heiß wird, sind doch die Träume der Nacht Vergangenheit. Ein lebensnotwendiger Cut, ein tiefer Einschnitt, um mich Mensch von der dunklen Seite zu befreien, um im Licht zu erstrahlen.

    Wir fahren durch ein Land in Blau, Grün und Gelb mit Felsen, die ihre eigene Farbe haben, um in Licht und Schatten sich zu verändern. Zuviel Himmel, zuviel Erde, das monotone Geräusch des Motors, die plötzlich, fast greifbare Stille, wenn er erstirbt. Wie im Video. Oder auf den Bildern, die immer schweigsam sind, um dich im deinem Sein zu berühren.

    Wir sehen den ganzen Tag, aber manchmal ist eine Aufnahme dabei, die aus der Tiefe unserer Seele eine Erinnerung heraufholt, die nicht mal direkt mit dem Bild zu tun hat. Ich bin oft den Tränen nahe, berührt mich doch ein Bild, eine Geste, Worte oder Musik, in einer Ecke meines unverarbeiteten Seins. Ich bin dünnhäutig geworden, wo es sich die Seele erlauben kann, sich zu öffnen, während sie andere Erfahrungen noch tiefer in die Falten der Zeit schiebt, dass sie eines Tages mit dem Menschen einschlafen.

    So wird dann kein Leid mehr sein, wenn die Menschen den Tod überwinden, um bei Gott zu sein, sondern nur Freude. Weil wir eben wieder bei Null anfangen, gereinigt vom Leben, geheilt durch den Tod, ein lichtdurchscheintes Wesen, das nur aus heilvoller Gegenwart besteht.

    Über dem Bus schweben die Möwen. Ich habe das früher nie so beachtet, wie sie es lieben, mit der Luft zu fliegen, wie sie Freude daran haben, für sich oder in der Gemeinschaft. Ich kenne sie nur als nervige Gesellen am Strand, im Wettkampf mit den Raben, wer am aufdringlichsten sein kann. Hier zeigen sie mir ihre seelenvolle Lebensfreude, ihre Anmut des Schwebens.

    Das Meer ist blau. Sehr wohl in Unterschieden von Farbtönen aus Tiefe und Durchsichtigkeit, Wellen und Bewegung, Ferne und Nähe. Über Nacht stehen wir in einer Bucht des unbewohnten Reisebusses, der schon vor Jahren sein menschliches Leben verabschiedet hat, sie sind ihm sozusagen entwachsen.

    Doch morgens entfaltet er seine wahre Größe im Angesicht der Sonne, die über sein Dach ins Tal scheint, über dem Wasser sich mit den Tropfen vereint. Dann steht er wieder völlig still, ein Symbol von Bewegung in Ruhe.

    Ein neuer Tag hat begonnen.

    Parkplatz (frei)
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    8G25+337 Steinsdalen, Norwegen
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  • Skaun

    14–15 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 19 °C

    Hitze. Aufwachen. Rausgucken. Entsetzen. Da kommt sie schon die Straße hinunter, durchquert die Bäume und platziert sich am blauen Himmel. Guten Morgen, ich bin's deine Sonne, glühend heiß und ohne Schatten. Du hast es so gewollt, Mensch.

    Am Morgen nochmal Fjordbaden, unterwegs am See, wo wir die beiden norwegischen Randwanderinnen vor ihrem nächsten Aufstieg getroffen haben, stellt sich Hilde einfach ins Wasser. Pfoten temperieren. Dann kommen wir der Stadt nahe. Orkanger, staubiger Parkplatz unterhalb einer bei Motorradfahrern beliebten, geraden Straße.

    Offene Tür bis zehn, jeden Windhauch feiern, dann kommen die Mücken, und die unruhige Nacht beginnt. Träume, hier und da ein paar verschlafene Minuten, aufstehen, warten, es bleibt noch immer hell, wird nach wie vor nicht ganz dunkel.

    Haare waschen und Fußbad wäre dringend, aber die Frischwassermöglichkeiten sind gerade wenig vorhanden. Und unser Wasserverbrauch ist hoch. Hilde säuft, hechelt, säuft. Und schläft nachts, während ich seufze, stöhne, seufze. Mit Rückenschmerzen aufwache.

    Wir fahren durch ein schönes Land. Rote Kirche, blaues Wasser, bunte Blumen, weiße Zäune, eine Feder. Wellen, Boote, Weite. Der Trondheimsfjord. Ein Schattenplatz am Nachmittag vor einem Parktunnel im Berg, aus dem kalte Luft dringt, als wir uns nähern.

    Schlafplatzsuche gestaltet sich schwierig, meine Kriterien sind nicht leicht, am Ende muss das Gefühl stimmen, ob Motorräder durch meine Träume rasen, ist sekundär. Nachts möchte ich nicht alleine sein. Mitten in Norwegen treffen sich fünf Niedersachsen, keiner ist dort geboren, und ob einer dort wirklich zuhause ist, weiß ich nicht.

    Und trotzdem ist da ein Gefühl von Nähe, das wir vermutlich nicht hätten, wenn wir uns in Wolfsburg treffen würden. Reisen verbindet. Sagt man doch so. Und wenn junge Schweizer darüber klagen, dass man in Norwegen nicht gut wandern kann, dann ist mein Gefühl gar nicht so falsch.

    Bei diesen Temperaturen kann ich nicht einkaufen gehen. Nicht dass wir in Not seien, aber kühle Getränke und Joghurts sind aus. Schokolade musste ich gestern in den Kühlschrank packen, weil sie dabei war, mich laufend zu verlassen. Für Hilde's Abendessen habe ich noch drei Möhren und für soviele Tage auch getrocknetes Brot. Ich hoffe, in drei Tagen schneit es.

    Der Wind ist still. Wir stehen voll in der Schneise der Sonne, der Ventilator läuft ununterbrochen. Ich bin gespannt, wie wir diesen Tag erleben werden. Freue mich auf schöne Bilder und ein paar Pfotenbäder. Schließlich leben wir nur einmal, da müssen wir halt das Beste draus machen.

    Oder wie Anselm Grün sagt, "Sei dir selbst Freund. Nur wenn ich mit mir in Berührung bin, kann ich mit anderen Menschen in Berührung kommen."

    Parkplatz (frei)
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    8WMF+67Q Skaun, Norwegen
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  • Askevågen Viewpoint

    15–16 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 18 °C

    Erholung. Ist schon bald Mittag. Sitze bei leicht geöffneter Tür. Ventilator läuft. Hilde schläft. Ich trinke immer wieder. Wasser mit Geschmack. Manchmal Minze aus Frankreich. Oder Magnesium. Kaum Wind. Sonne. Hin und wieder verschleiert. Den gestrigen Tag im Gepäck.

    Sind wieder an der Küste angekommen. Das Stück, das mir noch fehlt. Von Stavanger nach Kristiansund. Aber es ist zu heiß. Und ich bin auf der Reise nach Deutschland. Und am verkehrten Ende. Sozusagen. Brauche meine Energie für Vieles. Zuallererst für Hilde. Damit sie genug Kühlung bekommt. Nasse Pfoten, nasser Bauch. Das finde ich alleine nicht. Also bitte ich Gott, uns zu helfen.

    Das geht manchmal ganz schnell, mal dauert es lange. Einmal ist statt einem Rinnsal ein Wasserbecken verborgen hinter Steinen. Das andere Mal nimmt Timo sie für einen Spaziergang an der Bucht entlang mit. Abends und morgens sind wir lange am kleinen Hafen unterwegs.

    Beim 800.000sten Kilometer des blauen Bus haben wir Timo getroffen. Im kleinen Ort Moen, nördlich von Molde. Ein Radreisender, einer von der freundlichen Sorte, wach, aufmerksam, umgebungsaffin. Seit Jahren unterwegs. Europa, Asien bis Nepal. Jetzt wieder Europa. Zwischen Ankommen und Weggehen. Manchmal gefangen, sich ordnen, befreien. Meine Interpretation, nicht seine Worte.

    Wir fahren auf einen Parkplatz in der Nähe am Fjord. Schatten unter einem Baum, Zeit für ein Gespräch. Regen kommt auf. Wir fahren an verschiedene Spots über Nacht. Ich verlinke mal Timo's Aktivitäten im Internet. Er verbindet seine Reisen mit kleinen Sponsorings, dieses Mal ein besonderes Hundeprojekt bei Hannover. Die geplanten Touren sind spannend, habe schon mal ein bisschen Mäuschen gespielt, und meine Nase in die Zukunft gereckt.

    https://www.instagram.com/timo.schaper?igsh=MTN…

    https://www.gofundme.com/f/fjord-to-lofoten-280…?

    https://linktr.ee/Weltreise.mit.Rad?

    https://youtube.com/@timo.schaper?si=b_tvUyzBqm…

    Unser Ziel ist ein kleiner Hafen, Askevågen Viewpoint. Ein Spot mit Übernachtungsmöglichkeit. Kostenlos natürlich. Ein halbes Dutzend Camper, sehr nette Nachbarschaft. Gerade kommen zwei Männer vom Tauchen und Fische mit der Harpune jagen. Die Beute ist gut, die Nachbarin bringt abends ein Tütchen Reis mit Fisch für Hilde an den blauen Bus. Sie verschenken einen Teil des Fangs, der Rest landet in der Pfanne.

    Das junge Paar lebt auf Fuerteventura, arbeitet online, die beiden Dänen neben uns reisen seit neun Jahren im Caravan, bieten Touren in Marokko und der Türkei an. Lebensmodule. Zukunftsmodelle.

    Abends machen wir einen langen Regenspaziergang. Dieser leichte, mediterrane Sommerregen, der jetzt auch nach Norwegen eingewandert ist. Der lange Abend ein Geschenk der Farben. Ich bin so erschöpft, dass ich Stunden schlafe, aufwache, rausschaue, schlafe. Kurz vor Mitternacht aufstehe. Lange wach bin. Den Himmel anschaue. Voller Dankbarkeit und tiefem Glücksgefühl. Vielleicht habe ich doch was Gutes in meiner Vergangenheit gemacht, dass mir Gott soviel Gegenwart schenken möchte.

    Wovon meine Geschichten und Bilder ein kleines Dankeschön sind, das ich weitergeben kann.

    Parkplatz (frei)
    Askevågen Viewpoint
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    X28P+PX2 Vikan, Norwegen
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  • Sun Sun Sun

    16–17 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 21 °C

    Too much sun. And fish. Wir bleiben noch eine Nacht. Sind nette Nachbarn auf dem Platz. Wir fühlen uns wohl. Haben das blaue Wasser vor Augen, die Sonne im Blick, Möwen im Wind. Und ich bin noch müde, denn die Nächte sind schwierig, der Schlaf kommt wie das Aufwachen. Als würde ich spüren, wenn sich draußen etwas verändert.

    Öffne den Vorhang, die Sonne kommt gerade aus dem Meer, in dem sie nackt gebadet hat, erötet in meinem Blick, macht sich auf den Weg himmelwärts. Ich beobachte sie heimlich. Das ist unheimlich, weil die Welt noch schläft.

    Morgens am Tag zuvor ist das Segelboot aus dem kleinen Hafen gefahren, ohne das ich mich verabschieden konnte. Sehe später ein weißes Segel im Wind die offene See kreuzen, sende meinen Gruß auf den Flügeln der Möwen westwärts, wo in der Weite kein Land mehr ist.

    Wir gehen spazieren, haben einen kleinen See gefunden, versteckt hinter den Fischerhütten, die grade nicht bewohnt sind. Mit dem Bauch kann Hilde das Wasser spüren, ohne große Bewegung sich erfrischend erfreuen. Ich warte. Warte oft auf sie. Oder die Wellen, die Sonne, den Mond, das Leben. Während Hilde auf mich wartet, wenn ich mich wieder an einem Ort festrede, zuhöre, lerne, zu verstehen, verstanden werde.

    Die Männer waren tauchen, fischen. Anna bringt eine große Schale gekochten Fisch für Hilde. Abends laden sie mich ans Wasser ein. Jeder hat etwas für Essen dazu getan, ich leiste Gesellschaft, Hilde frisst die Reste, die vom Tisch fallen. Reisende unterm Regenbogen, der sich vor dem Berg in der Bucht spiegelt. Gespräche über Horizonte hinweg. Menschlichkeit kennt keine Grenzen.

    Es beginnt zu regnen. Ganz weich, ganz leicht. Wie Vogelflug fallen Tropfen ins Wasser. Dann saust der Wind mit dunklen Wolken über die Bucht. Fluchtartig eilen wir langsam zu den Fahrzeugen, der heftige Regensturm holt jeden ein. Dann fliegen die wilden Hunde über den Himmel, verjagen den Regen, die rote Sonne geht überm Meer und den Steinen, die den Weg begrenzen, unter.

    Ganz, ganz langsam. Wunderschön. Wie Sternschnuppen, sagt sie leise dem Tag ade. Wir haben bald Mitternacht, die Stunde der Träumer, und die Zeit der Schlaflosen, der Hunde, die immer wieder in den Wind lauschen, auf die Rufe der wilden Wölfe aus einer Zeit jenseits des Horizonts.

    Parkplatz (frei)
    Askevågen Viewpoint
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    X28P+PX2 Vikan, Norwegen
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  • Isfjorden

    18–19 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 21 °C

    Heimfahrt. Egal wo wir hinfahren. Wir waren dort schon. Letztendlich lege ich eine große Entfernung fest, in der Hoffnung, über Straßen zu reisen, die wir noch nicht kennen. Trotzdem fühlt es sich komisch an, so als würden wir zurückfahren, obwohl wir doch nur ein Ziel in Deutschland haben. Gute Heimreise, sagt jemand am Morgen zum Abschied. Und wie jedesmal antworte ich, dass wir immer im blauen Bus zuhause sind.

    Meinen wir etwas anderes. Ist das Land unserer Herkunft der Ort der Heimat. Was ist Heimat. Darüber denke ich schon seit vielen Jahren nach. Ein Gefühl, eine Sehnsucht, eine Tatsache. Unumstösslich. Da gehörst du hin, da bist du geboren. Woody Guthrie's This land is your land, this land is my land. Auch ich kann dieses Gefühl nicht abschütteln, obwohl ich mich nie heimisch gefühlt habe, an dem Ort, wo ich gelebt habe.

    Heimatlos, obdachlos, staatenlos. Aber immer schwingt in allem die Entfernung von dem Ort, in dem du geboren bist, der eine Beziehung herstellt, die anscheinend lebenslang wirkt. Wir fahren Richtung Molde, von wo wir vor drei Tagen hergekommen sind. Trotzdem erkenne ich es nicht sofort, erst bei den kleinen Gänsebabys, die jetzt links der Straße sind, macht es klick.

    Andalnes ist das erste Ziel. Der Ort, wo wir vor einem Jahr die Küstentour gestartet haben. Letztendlich übernachten wir sogar am gleichen Fjord. Revival. Aber wir fahren keine Küste entlang, sondern haben Verabredungen in Deutschland. In zwei Wochen.

    Ich muss langsam fahren, denn dieses Rückfahrgefühl neigt zu weiten Touren, schnellem Fahren, gedankenlosem Unterwegssein. Diese unglaubliche Hitze drängt zudem, endlich an einen Ort zu kommen, wo es kühl ist, nicht so staubig, erholsam.

    Gucke mich um, Kirchen fallen mir ins Augen. Hilde eilt zu Tür, erbittet Einlass aus der Hitze in die Kühle alter, hoher Räume. Geschlossen. Stattdessen die Fähre im Tal und endlich mal ein Platz unter der Brücke, im kühlenden Schatten. Der Fjord glänzt. Ich erinnere mich an Orte und Wege des langsamen Ertastens einer neuen Umgebung.

    Frisches Wasser bei der Tankstelle. Im Spiegel der Fensterscheibe erschreckt mich mein humpelnder, gebeugter Gang, den ich immer wieder vergesse, den aber jeder sieht. Kurze Hose, Kniebandagen, Stützstrümpfe. Im Kopf fühlt sich das anders an als im Spiegel. Da sehe ich mich wie die Menschen mich sehen. Und erschrecke.

    Das Bild prägt sich ein. Hätte ich jetzt noch einen Buckel. Aussehen macht einsam. In der Welt der schönen, vitalen Menschen. Nur einsam bin ich nicht. Die Natur um uns herum macht mich zufrieden. Aus der Stadt heraus die hohen Berge. Im Sonnenschein. Das grüne Gras, der schnelle Fluss. Hilde badet an einer stillen Stelle, kühlt die Hitze runter.

    Als ich einparken will, sehe ich eine Hummel auf der Lehne des Sitzes krabbeln. Anhalten, aussteigen, Tür öffnen, alles ausräumen, ich sehe sie nicht, was mich noch mehr verunsichert. Ja, ja sie stechen nicht, nur die Weibchen, nur in Gefahr. Das ist die Theorie. Ich parke im Schatten. Warte ab. Beginne mich zu beruhigen. Trotzdem merke ich, wie ich die Lippen zusammenpresse auf unserem Spaziergang später. An der Straße und der Wiese, mit den Bergen im Blick, letzte Reste Schnee, der Fluß, blau und grün, das dunkle Holzboot am Ufer.

    Solche Bilder beruhigen mich, prägen sich ein, manifestieren das Leben in mir, das Sein, das Dasein. Zum Abschied in Askevågen stehen die fünf Menschen dort und winken uns zu. Mit ihnen habe ich Zeit verbracht, schöne Stunden, gute Stunden. Fünf Menschen. Vital. Aufrecht. Braungebrannt. In der Blüte ihres Lebens. Ich werde mich an sie erinnern.

    Parkplatz (frei)
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    HQ93+9R9 Isfjorden, Norwegen
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  • Vinstra

    19–20 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 22 °C

    Gedankenkarussel. Schlimme Nacht. Wach noch um 3.11 Uhr. Vielleicht Vorhofflimmern. Kann mich kaum konzentrieren, nicht einschlafen, überhaupt nicht hinlegen. Der kühle Wind weht um die Häuser. Und schläft dann ein. Motorradfahrer. Wochenende in der Kleinstadt. Hier in der Gegend habe ich mal gelebt. Im Sommer. Vor 53 Jahren. Manchmal holen dich die Geister ein.

    Ich nehme mir vor, nicht nochmal eine Nacht hier zu verbringen, definitiv werde ich das Land weiter nördlich über Schweden verlassen. Auf der nächsten Reise.

    Dabei fängt der Tag spektakulär an. Mit riesigen Bergen und langen Wasserfällen auf der Strecke zwischen Andalsnes Richtung Dombas. Wildwasserflüsse überschlagen sich. Nördlich von Burlia, ich hatte gerade in einem Naerbutikken groß eingekauft, weil ich den Bus mit Hilde im Schatten parken konnte, der Abzweig zum Wasserfall Sagelva, den wir mit einer Brücke queren können. Geteilt in oben und unten. Mit grünem Wasser im Auslauf.

    Dombas. Otta. Zwischendurch ein Badezimmer für Hilde im Fluss. Seit dem frühen Morgen fahre ich eingeweichte große Handtücher in Hilde's Eimer herum. Jetzt wasche ich sie aus, fülle in Otta neues Wasser ein, noch eine Nacht einweichen. Und in der Hitze trocknen.

    Beim Einkaufen habe ich eine Art norwegischen Baguette mitgebracht, das auf der Fensterbank für Hilde trocknet. Neue Möhren für sie gekauft, abends geschält und eingetütet. Endlich wieder Käse und Joghurtdrink, Säfte. Ich trinke zu wenig und schwitze zuviel. Immer der gleiche Kreislauf.

    Später an der Sjoa noch ein zweites Bad für Hilde. Alle Plätze besetzt, sodass für Schafe kein Raum mehr bleibt, und der Fluß nur noch lückenhaft zu sehen ist. Die E6 eine Autobahn voller Reisender inmitten Norwegens. 291 km nach Oslo, dreihundertfünfzig zur Grenze. Das geht jetzt ganz schnell, selbst wenn ich das nicht will.

    Habe an einen Abstecher ins Gebirge Jotunheimen gedacht, das liegt aber im Landesinneren. Und macht keinen Sinn mehr. Ist wie noch ne Runde und noch eine im Kreisverkehr des Lebens. Wie ein Kind, das weiter spielen möchte, weil die Mutter ruft zum Schlafen gehen. Sich versteckt im Reich der Phantasie.

    Ich erinnere mich an einen Song von John Stewart, Pirates of Stone County Road. Das erste Mal habe ich das mit einem Studienfreund 1974 gehört. Wir hatten gekifft und das ganze Album aufgelegt. Als die Frauenstimme ihren Sohn ruft, war ich in meiner Kindheit angekommen. Das kann ich immer noch nicht abschütteln. Wache manchmal aus einem tiefen Schlaf auf und möchte meiner Mutter von meinen Abenteuern erzählen. Erst dann fällt mir auf, daß sie seit vierzig Jahren tot ist. Merkwürdig.

    https://youtu.be/b9IKQfu0jbs?si=A4MS5pB8dKNAJ_JF

    Für Hilde gibt es am Abend den letzten Fisch, den Anna für sie vor Tagen zubereitet und gekocht hat. Jetzt riecht er wieder nach Meer. Die netten Menschen sitzen immer noch am kleinen Hafen zusammen. Keiner hat es eilig, jeder hat noch ein Stückchen Norden im Gepäck. Nur wir nicht.

    Langer Abendspaziergang. Noch eine kleine Fahrt hoch zum Feforsee am Peer-Gynt-Weg oberhalb von Vinstra, wo die Stadtbewohner spät zum Baden gehen, die Luft immer noch mild ist. Ein Blick ins Tal auf den See mit blauem Wasser. Ein letzter Abschied.

    Die Vergangenheit in die Falten der Zeit zurücklegen. Vielleicht hat mich das die halbe Nacht beschäftigt. Jetzt ist ein neuer Tag, und wir legen ab die Sorgen des Gestern, bekleiden uns mit der Vorfreude auf Heute, der sehnsuchtsvollen Erwartung des Morgen.

    Parkplatz (frei)
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    HPRC+FF9 Lomoen, Norwegen
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  • Nord-Odal

    20–21 июл. 2025, Норвегия ⋅ ☀️ 22 °C

    Noch einmal nehme ich Abschied von dem Ort in Norwegen, wo ich in jungen Jahren eine Liebe gelebt habe. Der jüngere Bruder hatte mir die Adresse genannt, und wir sind am Mittag vorbeigefahren an dem Haus, wo ich ein paar Wochen gewohnt habe, nachdem wir 1972 die denkwürdige Reise ans Nordkap unternommen haben.

    Hilde nimmt ihr erstes Bad im Gudbrandsdalen-Lågen unter der schmalen Brücke, bevor wir in das kleine Dorf fahren, vorbei an der imposanten Kirche, an der alten E6 gelegen, während die neue Strecke durchs Tal saust, den beschaulich stillen Ort vollkommen ignoriert.

    Die steile Straße hinunter zum Haus, das im oberen Ortsteil liegt, umringt von dem Grün der Landschaft und dem Braun der Nachbarhäuser. Ich kann verstehen, warum der Bruder sein Elternhaus behalten will, obwohl er in der großen Stadt lebt. Es ist mein stiller Abschied aus dem Land meiner Jugend, während die Lebensumstände meiner damaligen Abreise keineswegs so friedvoll waren. Aber Geschichte. Gehört zu meinem bewegten Leben und möchte ich keineswegs missen.

    Hier entscheide ich auch, den möglichst direkten Weg nach Helsingborg zu nehmen, und nicht noch einen Schnörkel durch die Hochebene von Rondane zu fahren. Das bedeutet für längere Zeit die schnelle E6 Richtung Oslo, die in nördlicher Richtung voller Fahrzeuge ist, während vor und hinter uns sich gähnende Leere zeigt.

    Dann kommt der Abzweig Richtung Hamar, während ich einen kurzen Blick über den Fluß auf den Stellplatz in Gjovik erhasche, wo ich vor Wochen eine wichtige Entscheidung getroffen habe, die mich so unglaublich befreit hat. Ein schöner Moment heute, bevor wir in die stille Landschaft der Getreidefelder und später in die tiefen Wälder eintauchen.

    Vor wenigen Tagen haben wir Abschied vom Atlantik genommen, von dem ich noch ein kleines, schönes Video auf Youtube hochgeladen habe, das sich lohnt anzuschauen.

    https://youtu.be/qQOl0FqoUvg?si=BvXIQztVtWBdpbS1

    Über Nacht stehen wir am Ufer des Sees Storsjoen, wo noch um Mitternacht unter einem goldenen Himmel kleine Boote sich gekreuzt haben, während die Sonne still am Morgen die Tannenspitzen küsst.

    Parkplatz (frei)
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    9H6J+FQ8 Nord-Odal, Norwegen
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  • Munkedal

    21–22 июл. 2025, Швеция ⋅ ☁️ 22 °C

    Schwedische Träume. Du magst das Land oder auch nicht. Ambivalentes Reisen. Merkwürdige bis ausgesprochen freundliche Begegnungen. Hitze in den Wäldern und sonnengleisende Seen. Einsame Straßen, versprengt liegende Häuser. Es ist wie Norwegen im Süden, aber dann doch anders. Nur die Sonne und die Mücken kennen keine Grenze. Weltweite Grenzgänger.

    Hilde leidet an der Hitze, ich an meiner Unentschlossenheit. Plötzlich geht alles viel zu schnell. Vor wenigen Tagen noch am Atlantik aufgewacht, jetzt gehen wir in Schweden schlafen. Jedes Mal nehme ich mir vor, die gelassene Reisegeschwindigkeit einfach fortzusetzen, weil ja auch nichts anderes passiert, als ein weiterer Tag im Paradies. Und doch eile ich dann plötzlich. Und schiebe es aufs Wetter. Oder so. Und dann ärgere ich mich später nur wieder, wenn die Tage in der Stadt zu lange werden, weil die verabredeten Termine auch nicht vorgezogen werden können.

    Also ruf ich mich zur Vernunft. Gehe früh schlafen, wache früh auf, gerade als die Sonne durch die Äste schaut. Frage mich, ob der Norweger im Bus uns gegenüber die ganze Nacht auf dem Fahrersitz gesessen hat, während alle andere in ihren Betten geschlafen haben.

    Das Stück Himmel zwischen den Blättern der Bäume ist blau, aber ein Wind weht in den Ästen, nicht nur der Ventilator im nahen Gesicht. Wind ist meist gut, nur wenn er die Hitze bewegt, dann trocknet der Mund schneller aus. Dann raubt der Wind dir den Atem.

    Kongsviger und Vestmarka in Norwegen, Årjäng und Bengtsfors, Högsäter und Färgelanda in Schweden. Jetzt an der E6 unweit von Munkedal, nicht fern der Ostsee. Sechzig Kilometer vom südlichsten Zipfel Norwegens entfernt, aber über dreihundert Kilometer gefahren.

    Rücken schmerzt und Ventilator läuft die ganze Nacht, Hilde wartet, ich hatte die erste Medizin am Morgen. Körperwäsche, Podcast fürs geistige Wohl, der erste Spaziergang, Frühstück. Abfahrt. Der Stellplatz erlaubt nur ein zwölfstündiges Stehen der Camper, dann brauchen die Pkws mit ihren reiselustigen Fahrgästen den Raum, um die Beine zu vertreten.

    Und wir werden uns ein schattiges Plätzchen suchen, denn die Sonne schaut längst über die Baumwipfel hinaus.
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  • Ulricehamn

    22–23 июл. 2025, Швеция ⋅ ☁️ 21 °C

    Hamburgsund. Das klingt doch spannend, denke ich am Morgen. Und wäre es vielleicht auch gewesen, wenn nicht eine Million Feriengäste dort wären. Der Campingplatz vor Ort hat noch ne kleine Wiese für Zelte von Radfahrern frei, die uns in Grüppchen entgegen kommen. Und fast wäre ich unverhofft auf der Fähre gelandet, die über den Sund fährt, aber dann hat mir die Schranke die Entscheidung abgenommen.

    Natürlich hat der Ort nichts mit der Stadt an der Elbe zu tun, was allerdings romantisch sein könnte, also zumindest für einen Durchreisenden, der dort sein Herz verloren hat, an eins der schönen, blonden Mädchen. Trotzdem bringt er Geschichte mit sich von einem Thingplatz und einer Zollstation aus dem 16. Jahrhundert.

    Doch für heute genug, das Meer, was ich eigentlich suchen wollte, hat sich hinter den Felsen versteckt, sodass ich mich ins Landesinnere aufmache, um Göteborg zu umgehen.

    Denn ein bisschen kranke ich an Bauch und Kopf, bin immer kurz vorm Einschlafen, und fühle mich dermaßen unwohl in meinem Körper, als hätte ich einen norwegischen Infekt mitgebracht.

    Für die Landstraße reicht es gerade so, obwohl allgemein viel Verkehr ist. Die ganze Welt ist in Bewegung, nur ich weiß nicht so recht, wohin es mich verschlagen könnte, um die Woche in Schweden noch sinnvoll zu gestalten.

    So landen wir in Ulricehamn, wo die Sonne sich über Nacht hinter einer grauen Wolkendecke versteckt, und der Wind die Bäume bewegt. Ein bisschen frisch für die dünnen Sommerkleidchen der jungen Frauen, deren Tattoos die Haut bedeckt wie Stoff.

    Milieustudien könnte man betreiben vom Treiben unter den Menschen, die sich treiben lassen im Strom der Zeit, wie Fähnchen im Wind, an einem Ort, in dem ich vollkommen aus der Mode gefallen bin.

    Und nachts ist es dunkel. Das erste Mal seit zwei Monaten, dass kein Lichtstreif die Nacht erhellt, lediglich die zwei Scheinwerfer eines Autos starren geradeaus. Zwei Uhr morgens, ich trinke etwas, nehme meine letzte Tablette, schlafe weiter in den Tag hinein.

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    QCW6+4RV Ulricehamn, Schweden
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  • Torset

    23–24 июл. 2025, Швеция ⋅ ☁️ 18 °C

    Bilder spüren. Als der Lastwagen in meinem Seitenspiegel schnell näher kommt, denk ich sofort, ich muss hier weg. Rechts bietet sich eine kleine Abfahrt an, die wir nehmen, und in einem Kreisverkehr stehen bleiben. Links eine Sackgasse, rechts ein Feldweg, hinter uns das eilige Leben. Vergewissere mich, dass der Feldweg irgendwohin führt und fahre auf ein kleines Dorf zu.

    Zwischen den ersten Bäumen taucht ein rotes Haus auf. Ich halte an, um es zu fotografieren. Und spüre, was mir seit Tagen gefehlt hat. Bilder machen geht immer, aber sie zu spüren, das geht nur, wenn ich mich auf sie einlasse, die Tür in mir öffne, durch die sie in meine Seele treten können.

    Die ganzen Tage schon bin ich mit dem Weg beschäftigt, wo wir Hinfahren sollen, Übernachten und Aufwachen. Wir eilen durchs Land, obwohl wir Zeit haben, versuchen uns vor der Sonne zu verstecken, und die Entspannung zu finden. Dabei beginne ich mich zu verlieren. Ich spüre das in meinen Bildern, und der Erinnerung, die sie hinterlassen.

    Sie kommen nicht mehr zu mir, ich nehme sie einfach nur mit. Jetzt ist plötzlich dieses Gefühl wieder da. Dieses Haus zwischen den Bäumen schaut mich an, blickt in meine Seele hinein, lässt mich ganz still werden. Erst als wir näher kommen, entfaltet es seine besonderen Details, ich spüre seine Schönheit, und frage mich, ob das jemand so gewollt hat.

    Die blaue Blume, die einem Spielzeugpferd ähnelt, das aus den grünen Sträuchern hervorlugt, gebaut gegenüber den verwinkelten Pfosten, die das Ende der Weide zeichnen. Wir fahren durch das kleine Dorf, eine Familie sitzt beim Frühstück, die Frau erhebt sich halb aus ihrem Stuhl als wolle sie mich anhalten. Ich lächle ihr zu, und wir fahren in den Wald hinein.

    Ein schmaler Feldweg, auf dem dir niemand entgegenkommen darf, erst abgeholzte Freifläche, dann wird es dichter und dunkler um uns herum, der Weg fällt ins Tal, gewunden, still, einsam. Ich spüre die Schönheit dieses Moments. Jederzeit könnte ein Tier kreuzen, ich würde sofort halten können. Hilde schaut aus dem Fenster, da lichtet sich die Baumreihe, ein zwei Häuser, eine Wegkreuzung, später ein anderes kleines Dorf, eine alte Kirchentür, eine Gruppe Pferde aus Köpfen und Beinen so eng miteinander verbunden, dass mir die Zahl Vier erst im Nachhinein auffällt.

    Das alte Haus, ein wunderschönes Ensemble auseinanderbrechendes Leben, der blaue See im Tal. Am Straßenrand ein Zeichen der Zeit, aufgeschichtet aus den Steinen der Vergangenheit. Wir biegen in eine Landstraße ein, in der der Verkehr Fahrt aufnimmt.

    Der erste See voll Wind im Wasser, der zweite mit schwarzer Erde, sodass Hilde nicht dem Stock folgen will, der im See treibt. Schilf bewegt von Wellen, die weißen Blüten der Seerosen glänzen im Sonnenschein, der blaue Bus wartet unter einem Baum. Wir gehen spazieren.

    Überhaupt Blüten. Bei den Häusern am Ende eines Weges vor einem kleinen Strand. Drum herum ein Golfplatz, ein Gewusel von Menschen, eine Unruhe im Blick, ein Volksaufstand.

    Wir kommen nach Nydala, eine alte Klosterkirche eingebettet in Stein und Wiesen, Häuser mit Geschichte, alte Türen, ein Steintreppe, ausgetreten. Eine Laterne wartet. Die offene Türe ebenso. Gegenüber eine Kuhherde in hellem Braun zwischen den überhängenden Ästen der alten Bäume verschwindend.

    Wanderer auf langen Wegen durchs Tal, wir folgen ihnen im langsamen Gang, nach Mäusen schnüffeln im hohen Gras unterm Zaun hindurch, im Sonnenschein. Wir könnten bleiben, aber letztendlich ist es zu unruhig, fahren weiter und landen auf einem kostenlosen Stellplatz zwischen einer Mutter mit ihren Kindern und einem alten Ehepaar.

    Geborgen würde ich sagen, willkommen sein könnte ich fühlen. Angenehme Gespräche auf Augenhöhe, ich liebe diese Formulierung, obwohl sie im allgemeinen Sprachgebrauch anders benutzt wird. Aber sich anschauen zu können ist ein Geschenk in dieser eiligen Welt, Zeit füreinander zu finden, einen Raum der Begegnung sich zu schaffen.

    Hilde spürt diese Harmonie, ist fröhlich und entspannt, ihr regelmäßiger Atem lässt mich schnell müde werden, am Morgen lugt die Sonne zwischen den hohen Bäumen und den dichten Wolken hervor, scheint auf den See hinter den Ästen, der sich im Wind so bewegt, als würden die Blätter zittern.

    Ein Trugbild der Phantasie, ein phantastisches Gebilde aus Traum und Wirklichkeit. Auf einem Photo würdest du es nicht erkennen, aber wenn du deine Augen schließt und tief in dich hineinspürst, dann kannst du es erahnen. Die Träumerei in deiner Seele ist voll mit diesen Bildern außerhalb von Zeit und Eile.

    Parkplatz (frei)
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    CP2V+986 Torset, Schweden
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  • Handewitt

    26–27 июл. 2025, Германия ⋅ ☁️ 18 °C

    Handewitt hat eine wechselvolle Geschichte, und rühmt sich einer bekannten Influencerin, Ann - Kathrin Bendixen, die unter ihrem Pseudonym 'Affe auf Bike' auch mir schon mal auf Instagram begegnet ist. Zudem trifft sich 'alle Welt' auf dem Wohnmobilstellplatz am Scandinavienpark, der ein kostenloses Übernachten kurz hinter der Grenze vor Dänemark anbietet.

    Anonym ist das Stichwort, Abstand das Fremdwort, Tür an Tür die Regel. Das stört uns alles nicht, denn was außerhalb unserer vier Wände passiert, ist uns nachts ziemlich egal. Nur bloß weg nach dem Aufwachen, bietet sich ein Parkplatz am Wald für einen entspannten Einstieg in den Tag an.

    Klein, grün, ein paar Hundebesitzer, und ganz ruhig. Es ist Samstagmorgen, sagt meine Medikamentenbox namens Horst, die ich wohl von ihm übernommen habe, und wir sind in Deutschland.

    Denn als wir Mittwoch in Schweden einer jungen Frau mit ihren Kindern auf einem abendlichen Parkplatz freundlich begegnet sind, hätte ich ahnen müssen, dass es auch uns gen Westen treiben würden, wenn wir uns für den nächsten Abend nochmal verabreden würden, weil sie auf dem Heimweg waren.

    Seit den schönen Tagen am Askevågen Viewpoint tingeln wir still durch die Lande. Nicht, dass uns keine netten Menschen begegnen, aber eben niemand, mit dem sich ein intensiveres Gespräch anbietet. Unsere Reise geht eindeutig südwärts, und obwohl ich es immer langsam gestalten will, weil wir ja keine Heimreise antreten, lässt sich dieser Sog schlecht vermeiden.

    Hinterher ärgere ich mich oft, weil wir für die Verabredungen mit den Kindern und anderen Terminen plötzlich zu früh sind, und dann Zeit mühsam vor Ort überbrücken müssen, weil jeder sein eigenes Leben hat. Doch dieses Mal haben wir es besser getimt, sodass es keine Engpässe geben sollte.

    Aber so treffen wir die Drei am nächsten Abend nochmal auf einem kleinen Wiesenplatz am See neben einen schmalen Straße, wo vereinzelt Häuser stehen, und Nachbarn uns so freundlich begegnen, als seien wir beste Freunde. Schweden entpuppt sich immer wieder als ein so angenehmes Reiseland, das man nur hoffen kann, dass Fremde sich auch diesem Anspruch an Freundlichkeit stellen.

    Wir haben eine gute Zeit miteinander, verabreden uns zum Abschied auf ein anderes Mal und wollen gerne den Kontakt halten, was mich sehr freut. Die drei wachen einen Tag später auf Fehmarn auf, während wir noch einmal in Schweden geschlafen haben.

    Mehr schlecht als recht, denn bei unserer Ankunft blinkt das Handbremszeichen, was bedeutet, dass ich Bremsflüssigkeit nachfüllen muss. Mein Schrauber macht mir Mut, ich könne das selbst, doch es bedarf eines Nachtschlafes, bis ich mir darüber auch im Klaren bin.

    Gesagt, getan. Dann fahren wir los, nachdem Hilde spaziert und gefüttert wieder zufrieden ist. Ob ich vielleicht Surströmming mitbringen möge, diesen fermentierten Hering, der sogar in schwedischen Restaurants serviert wird, was man bei der Geruchsbelästigung kaum glauben kann. Leider sei nicht die Saison, sagt der Verkäufer im gut sortierten Ica, ich müsse im September wiederkommen.

    Guter Vorschlag. Dann gehts auf die Fähre nach Helsingör in Dänemark und später über die kostenpflichtige Størebæltbrücke bei Odense, und die kleine, kostenlose Brücke vor Kolding, die Lillebeltsbro.

    Wir haben den ganzen Tag Zeit für die Durchquerung von Dänemark, das sich in unterschiedlicher Wetterqualität präsentiert, und uns mit Sonnenschein vor einem schwarzen Unwetterhimmel verabschiedet. Doch das eigentliche Ungemach droht in den langen Staus an den Grenzstationen, wo die Dänen sorgfältig verschiedene Busse auseinandernehmen, und die deutschen Polizisten sich zu einer Demonstration versammelt haben.

    Sie lassen uns nur langsam durch, halten aber keinen an. Andere bauen Strahler für die Nacht auf, während ihre Kollegen in Grüppchen zusammenstehen, und vermutlich die Planungen fürs gemeinsame Wochenende durchsprechen. Wer mit wem, und tanzen oder Kino, eine durchaus fröhliche Atmosphäre, die sich zur dunklen Stunde sicherlich verändern wird. Denn dann kommen die flüchtigen Gespenster aus den Büschen gesprungen.

    Egal, wo ich seit über fünfzig Jahren herkomme, der deutsche Grenzübergang weckt jeweils die gleichen Gefühle. Der deutsche Willkommensgruß klingt immer spröde, vielleicht liegt das wirklich an unserer Sprache. Englisch, Französisch, Spanisch klingt da ganz anders. Irgendwie willkommener.

    Aber vermutlich ist das meine persönliche Geschichte, geprägt durch jahrzehntelangem Misstrauen und zahlreichen Grenzverhören. Diese W-Fragen, die bei Kindern schon nervig sind, werden bei Erwachsenen schier unerträglich. Da fällt mir doch glatt die Begegnung in Norwegen ein, wieso ich mich nicht erinnern kann, wo ich die letzten drei Nächte geschlafen habe (und mit wem, hahaha).

    Jetzt sind wir wieder im Lande, in einem kleinen Wäldchen, wo die Sonne mit den grünen Sträuchern verstecken spielt, und es ganz still ist. Guten Morgen, Deutschland.

    Stellplatz (frei)
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    Q8HM+9V3 Handewitt
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  • Salzhausen

    27–28 июл. 2025, Германия ⋅ 🌧 18 °C

    Regentropfen. Als ich aufwache, klopft es aufs Dach. Die Nachbarn sind schon gefahren, ihre Tour geht heute bis Jonköpping in Schweden, also ungefähr unsere Strecke zurück, für die wir drei Tage gebraucht haben. Aber sie haben nur sieben Mal soviel Zeit und wollen hoch bis nach Kiruna, wo sie - habe ich das richtig verstanden - Weihnachten gefeiert haben.

    Junge Menschen mit einem positiven Lebensgefühl, wir haben uns gleich verstanden, als wir neben ihnen Platz genommen haben. Ob ich ein Bier möge. Unser Buch haben sie mitgenommen, und wir eine gute Erinnerung an sie.

    Morgens früh im Wald von Handewitt sah es noch sehr sommerlich aus, die Vögel zwitschern in den hohen Bäumen auf unserem Spaziergang. Wir frühstücken. Ich öffne Hilde's letztes Futterpack, wohl wissend, dass es spät werden wird, wenn ich heute neues Futter kaufen will, denn der Tag wird heiß.

    Letzter Ziegenfrischkäse aus Norwegen, ich habe zum Glück gestern Zwieback in Schweden kaufen können, denn die gepfefferten, verzwiebelten Reiswaffeln sind äußerst gewöhnungsbedürftig. Da geht mal salzigcremiger Klavier aus der Tube, aber definitiv nichts Mildes.

    Neumünster hat eine Revolution Laundry von Wash Me in einem guten Zustand hinter einer totalen Tankstelle. Den kompletten Bus entblößen und warten. Dabei lernen wir eine nette Frau kennen, die die Zeit mit uns teilt, bis der Mann und sein Kumpel mit der Bettwäsche aus der Ferienwohnung kommt. Ihr nebenberufliches Vergnügen, wir unterhalten uns angenehm, und letztendlich kosten mich Wäsche und Einkauf am Abend nur zehn Euro, weil ich auch hier ein Buch verkaufe.

    Das ist ein echter Glückstag für uns, aber auch für jeden, der unsere Geschichten lesen kann, die aus solchen Begegnungen stammen. Und aus den stillen, einsamen Stunden und Tagen unseres Lebens.

    Über kleine Straßen schlängelt mich der Navi an allen Staus des Tages vorbei, durch dichte Wälder im grünen Sommerlaub, schmucken Häusern zwischen gestern und heute, lustig plätschernden Wasserläufen, Vogelgezwitscher.

    Beim Aldi in Bardowick ist die Luft endlich kühl genug, um Hilde im Bus zu lassen. Eine Palette Hundefutter, Säfte, Marmelade und lecker Ziegenkäse wechseln den Besitzer.

    An einem nahen riesigleeren Parkplatz machen wir einen sonnigen Abendspaziergang, ich verpacke den Einkauf, wir fahren im Abendlicht an den ersten Sonnenblumen vorbei. Auch wenn es noch mitten im Sommer ist, beginnt das Leben erste Herbstzeitlose zu verteilen.

    Irgendwo unterwegs haben wir an einer großen Wiese angehalten, die wir intensiv begutachten, so von Halm zu Halm, wir Hilde zu sagen pflegt. Dann folgt meine Wäschebergverringerung im engen Geviert des blauen Bus, bis auch der letzte Socken wohlriechend und noch trocknerwarm verstaut ist.

    Wir wollen hier gar nicht bleiben, aber ein Buspaar mit gepflegtem Hund verändert umgehend seine Parksituation, als wir hinterm Vorhang auftauchen, Hilde gleich in eine wilde Begrüßung ausbricht, die ihre Sinne verwirrt. Wir lassen sie tun, und als sie sich grade neu eingerichtet haben, fahren wir los. Ihre Odyssee sehe ich im Augenwinkel und hoffe, ihr Ruhebedürfnis wird auf so einem offenen Platz noch befriedigt werden.

    Sie hätten in Salzhausen ihre große Freude, wo alle eng nebeneinander parken, sodass du aus der Tür raus, dich gleich beim Nachbarn abstützen kannst. Trotzdem ist die Nacht ruhig, denn alle sind auf Durchreise, Schlafen ist angesagt, die nächste Urlaubswelle rauscht.

    Nur wir haben Zeit, so scheint's, wobei Hilde schon früh raus könnte, ist ja fast acht Uhr. Ich habe Rücken, und werde mich mal in Ruhe fertig machen, so wie man zu sagen pflegt.

    3.317 TAGE AUF UNSERER
    LEBENSREISE IM BLAUEN BUS

    405.028 km/ 271 km/ Ø122,10 km

    Wohnmobilstellplatz (frei)
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    65CH+P92 Salzhausen

    26.07.25
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  • Cremlingen

    1 августа 2025 г., Германия ⋅ ☁️ 18 °C

    Hilde ist müde. Die Tage sind anstrengend, die Nächte zu kurz. Anforderungen kommen täglich neu. Mal den Sohn und den Enkelzwerg vormittags besuchen, dann nachmittags mit dem Kind und Hilde die Mama abholen. Zwischendurch Erledigungen. Und abends auf das Dunkele warten, das uns erst erlaubt, den Schlafplatz an der Straße aufzusuchen.

    Und morgens nach dem Aufwachen früh von dort wegzufahren, um irgendwo in Ruhe den Tag zu beginnen. Das lastet auf uns beiden, wenngleich wir viel spazieren gehen, ruhige Momente suchen, Zeit von der Uhr nehmen. Die Rastplätze um Braunschweig sind unsere Wohnzimmer. Cremlingen, Thiede, Watenbüttel. Heute treffen wir liebe Menschen, die von Wolfsburg rüber gekommen sind. Und Hilde bekommt auf der Wiese eine fröhliche Laufeinlage mit Ballwurfspektakel, ein besonderes Happening.

    Wir gestalten vieles ruhig, und trotzdem ist es oft unruhig. Weil es nicht unser Lebensrhythmus ist. Und soviele Zwischentöne zu hören sind. Für mich sind die Tage schön, so habe ich mir das gewünscht. Ein Maß voll Familie, ein paar gute Gespräche, Zeit mit dem Enkel, Zeit mit dem Sohn. Begegnungen mit netten Menschen, die uns sonst auf den Reisen begleiten.

    Die üblichen Erledigungen, frisch rasiert zu sein, ein neues Handy, meine Post erledigen, den Termin beim Arzt, Medikamente auffrischen. Und Geburtstag feiern. Am Montag. Die Tage in Braunschweig vollenden. Teil eins vom Aufenthalt in Deutschland. Die Ouvertüre sozusagen.

    In der zweiten Woche hat die Tochter Geburtstag, ich freue mich auf meine Enkelin, den Schwiegersohn. Fußpflege und Begegnungen im Harz. Dann Reparaturen am blauen Bus, wir werden im nördlichen Ruhrgebiet sein, im südlichen Münsterland, einen Abstecher ins Bergische vielleicht. Zuletzt Tage in Berlin, nette Menschen treffen, mit der Tierärztin reden, den Stempel für Norwegen abholen. Ein letzter Abstecher in den hohen Norden des Landes macht den Aufenthalt in Deutschland rund.

    Soweit die Theorie. Praktisch, so lernen wir täglich, ist das Leben unsicher geworden. Und es ziemt sich, lieber von Tag zu Tag zu planen, vom Morgen zum Abend, über Nacht. Zu zart ist das Leben, zu schnell rollen uns Steine in den Weg. Du siehst, ich bin betroffen vom frühen Tod einer jungen Frau, die die Nachrichten füllt. Wenn ich dann höre, wer was über wen sagt, und dass dieser ja nichts mehr davon hat, weil er nicht hören kann, dann denke ich immer, dass das verlorene Worte sind.

    Sie spenden vielleicht den Hinterbliebenen einen kleinen Trost, sie ersetzen nicht die Trauer, sind lediglich die eigenen Überlegungen zum vergangenen Leben. Und ich hoffe immer wieder, sie verändern das eigene Denken und Handeln, führen dazu, in Lebzeiten Komplimente zu verteilen, damit der Adressat von all dem Wohlwollen gestärkt wird.

    Zumindest wünsche ich mir das für mich. In der Nacht regnet es, ich liebe dieses sanfte Klopfen, diese monotone Melodie der Tropfen. Zum Morgen ist der Asphalt trocken, wir haben einen frühen Spaziergang beim Sonnenblumenfeld von gestern, die Luft ist kühl.

    Auf dem Parkplatz hinter der Arztpraxis verdunkelt ich den Bus, wir frühstücken, ich lasse mir Blut abzapfen. Wegen der dunklen Wolken packe ich gleich den wichtigen Einkauf dahinter, später soll die Sonne rauskommen, dann geht nicht mehr viel.

    Heute also die letzte Sendung auf dem alten Samsung, am Nachmittag wird mein Sohn das neue Handy installieren, mit dem ich auch dank der Leica-Kamera gute Bilder machen kann. Die Zeit der zwei Handys am Mann wird ein Ende finde. Tatsächlich habe ich mir zum ersten Mal in den zehn Reisejahren ein neues Handy gekauft. Alle andere waren geschenkte und günstig übernommene Exemplare. Vom aktuellen Gefühl her die erste und letzte Anschaffung auf diesem Lebenssektor, es sei denn, ich werde hundert.

    Was vielleicht wünschenswert wäre, wenn ich endlich mal abnehme. Erschrecke jedesmal, wenn ich mich in einer Fensterscheibe sehe, und bewundere meine Mitmenschen, dass sie ob meiner Gestalt nicht in schallendes Gelächter ausbrechen. Toleranz scheint ja doch weiter verbreitet zu sein als man denkt. Der Hilde ist das eh egal, wichtig ist, dass wir zusammen sind. So einfach kann das im Leben sein.

    Parkplatz (frei)
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    6JXJ+XJF Cremlingen, Deutschland
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  • Anlasser defekt - Anschieben hilft

    5 августа 2025 г., Германия ⋅ ⛅ 18 °C

    Vertrauen. Als wir kurz vor der Abfahrt sind, rollt sich Hilde auf ihrem Sitz zusammen. Sie weiß, ich bin da, und alles ist gut. Jetzt und immer. Gestern und seit zehn Jahren, denn solange sind wir jetzt schon ein Team.

    Ich lerne noch. Seit fast 75 Jahren. Meine Eltern hatten ein kleines Täfelchen aus Holz, eins der wenigen Dinge, die ich später, als sie gegangen waren, mitgenommen haben. "Leg alles still in Gottes ewige Hände, das Glück, den Schmerz, den Anfang und das Ende."

    Es liegt im blauen Bus, und ich habe mich manchmal gefragt, wie oft sie gezweifelt haben, obwohl sie durch vieles hindurchgegangen sind, so viel Schlimmes überstanden haben. Wir dagegen haben Frieden, und trotzdem muss ich mich jeden Tag erinnern, dass unsere Reise, mein Leben, Hilde, und die Kinder' Familien so viel Positives erfahren haben.

    Das nicht alles easy ist, sei normal, aber im Nachhinein haben sich die Dinge immer gefügt, ist das Puzzle vollständig geworden, unser Leben bewahrt geblieben. Jetzt macht der blaue Bus viele Probleme. Und ich. Lerne wieder. Vertrauen.

    Wir werden von netten Menschen aufgenommen, können fürs Wochenende im Hof parken, im Garten spielen, im Haus Sonne und Regen aus dem Weg gehen. Die Männer versuchen dem Bus unter die Arme zu greifen, die Frauen sorgen sich ums Haus, endlich sind die leidigen Veränderungen auf unserem Homeblog erledigt, ich deaktiviere die Facebook-Seite "Spaziergänge mit Hilde".

    In gewisser Weise entwickeln wir uns rückwärts. Back to the roots, wie man zu sagen pflegt. Damals waren wir fast anonym unterwegs.

    Am Montag hat der Enkelzwerg Geburtstag, wir fahren nach Braunschweig, am Dienstag in den Harz, sitzen in einem kleinen Zimmer, hören Musik von Nick Drake, die ich hier gerne verlinke.

    https://youtu.be/j78GZIGRiDE?si=q0OoRigt2c5kUtMD

    Im Garten ist der Sommer angekommen, und ein bisschen verregneter Herbst. Hilde liegt neben mir, spielt mit ihrem Ball, wir schauen den Blumen zu, und würden vielleicht gerne dem Gras beim Wachsen zuhören, hätten wir denn diese Fähigkeiten.

    So sehen wir nur die Vögel übers Tal fliegen, die den Wolken und dem Wind folgen. Ich denke an Norwegen und träume mich hinweg, kraule Hilde im Nacken, die die Augen schließt.
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  • Zwischen Harz und Heide

    7 августа 2025 г., Германия ⋅ ☁️ 23 °C

    Sunshine on my shoulder. Im Bus ist es kühl. Wir sind gerade vom Spaziergang mit der Tochter zurück gekommen. Früh am Tag, vor ihrer Arbeit. Drei Hunde, drei Menschen. Im Sonnenaufgang. Auf ner leeren Seitenstraße. Zwischen den Feldern.

    Der Bus steht draußen im Hof, aber wir schlafen im kleinen Gästezimmer unten im Haus. Fast ein bisschen dekadent. So ein kleiner Luxus. Ein Bett, eine Toilette für die Nacht. Und tagsüber im blauen Bus. Den die Hilde bewacht. Nach dem Spaziergang und vorher oder immer. Das ist mein Zuhause, da darf kein anderer Hund rein. Ist schon süß, wie sie stolz grinsend vor der Tür steht.

    Das kenn ich so von ihr noch gar nicht. Also in dieser Deutlichkeit. Hat was Beruhigendes an sich. Grade jetzt, wo wieder alles unsicher ist. Ob der Bus repariert werden kann, der Schrauber die Fehler findet, ich nicht weiß, welche Teile ersetzt werden müssen, wie ich das bezahlen kann.

    Trotzdem bleibt der blaue Bus unser Zuhause, auch wenn er irgendwann gar nicht mehr fährt. Was ist schon die weite Welt im Gegensatz zu unserem kleinen Bus. Trotzdem schlafen wir manchmal auswärts. Und auch überraschend gut.

    Auf der Fahrt in den Südharz kommen wir nicht übers Torfhaus, ich glaube, der Turbolader ist angeschlagen. Also außen rum. Seesen, Herzberg, Bad Sachsa, wo ich schaue, ob ich bei der Fußpflege am nächsten Tag so parken kann, dass ich den Bus talwärts rollen lassen kann.

    Liebe Menschen besuchen. Die gar nicht Zuhause sind, uns aber in ihr Haus lassen. So pendeln wir zwischen Garten und Gästezimmer, Ball spielen und ausruhen. Abends zusammen sitzen, lecker essen und reden, das Leben genießen, uns an der Freundlichkeit des Miteinander erfreuen.

    Am Morgen bitte ich Gott, dass der eine Parkplatz im Seitenstreifen in Bad Sachsa frei ist. Und als ich grade angekommen bin, löst sich ein Polizeibus genau von dort. Ein kleines Wunder. Hilde ist mit dem Freund ins Büro gefahren, ich hole sie später ab, wir queren den Harz von Süden her, besuchen meine Tochter.

    Schönes Wiedersehen, zusammen spazieren gehen am Abend, viel Zeit dazwischen für Hilde und mich, ne Menge Administratives muss erledigt werden. Tatsächlich wünsche ich mir, dass Post bekommen zu meiner Vergangenheit gehören würde, oder lediglich ein durchlaufender Lebenspunkt wird. Aber nein, es hört nicht auf zu nerven. Ständig wird ein neues Fass geöffnet. Wir sind in einem Land der bürokratischen Selbstverständlichkeit angekommen, in dem sich der Mensch über die Papiere definieren kann.

    Noch sechzig Bücher gibt es vom zweiten Band, der Weg zurück in die Anonymität ist vorgezeichnet. Auch wenn es sich seltsam anhört, ist dies mein angestrebten Ziel. Trotzdem komme ich vom Finanzamt nicht los, es könnte ja sein, dass ich was abzugeben habe. Erst bei tausend Euro im Monat lebst du steuerfrei.

    Nein, ich bin nicht unzufrieden. Dazu lebt es sich ja schon schön zwischen Himmel und Erde. Aber das Nachdenken hilft manchmal, um die eigene Dankbarkeit zu festigen. Hilde liegt lang ausgestreckt im Bus, ich versuche, mich mal irgendwie dazwischen auszustrecken.
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