Tag 70: Hitze und Steigung
11 augusti 2024, Turkiet â
âïž 30 °C
Heute gefahren: 71km
Bisher gefahren gesamt: 3.990km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 1.232hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 36.720hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 18
Fahrtage gesamt: 52
Es geht wieder auf den Highway - aber nun doch nach Osten Richtung Kappadokien und nicht in den Süden. Wir wollten noch ein paar Tage Hotelurlaub einlegen aber haben uns nun doch dagegen entschieden, weil Hochsaison und vermutlich die Straßen und Hotels voll. Zudem kommt ein bisschen Stress auf, die Türkei ist so groß und wir würden gerne noch in den Osten und ans Meer und um den 20.September herum in Batumi sein. Da werden 1,5 Monate knapp. Das bedeutet wir Specken ab und fahren erstmal nach Kappadokien, dann vielleicht noch in Süden Richtung Adana, um dann über die Osttürkei an das Schwarze Meer zu fahren.
Und das beste: wir fahren komplett andere Routen als zu Hause geplant. Die Zeit hätten wir uns echt sparen können, aber das wissen wir auch jetzt erst.
Der Tag ist mit einem schönen Sonnenaufgang gestartet und einigen Heißluftballons - ein kleiner Vorgeschmack auf Kappadokien, nur ohne Felsformationen. Zudem haben wir richtig gut, nur etwas zu wenig geschlafen.
Dafür gibt es ein feudales Frühstück - von Vincent schon vorbereitet. Haferflocken mit einem separaten Kompott aus Feigen und Pfirsichen mit einem Weintrauben-Topping. đ
Unser Körper weiß momentan gar nicht was los ist mit dem ganzen Obst ;)
Kurz vor unserem Aufbruch hält oberhalb der Böschung ein Auto, ein Mann steigt aus, grüßt uns und stampft vehement über das Feld auf dem wir stehen. Wir denken schon vllt der Besitzer - nein, er kommt zurück mit einem Kilo frisch gepflückten Trauben. đ
Kurz danach kommt nochmal der Traubenmann vom Vorabend mit frisch gepflücktem grünem Zeugs, das er uns zwingt zu probieren, was aber ganz gut schmeckt.
Und dann noch bizarres Verhalten: ich hab unseren Müll - eine Tüte und eine Plastikwassergallone in der Hand. Er nimmt mir beides ab, nimmt die Gallone mit nach Hause und schmeißt meine Mülltüte zum anderen Müll ins Gebüsch. Er fährt mit seinem Rad davon und ich fische den Müll wieder aus dem Gebüsch.
Dann wieder ab auf den Highway, wir kommen um 8:15 los, es ist entspannt leer und wir kommen gut voran. Nach 30km kurze Börekpause, da bei Vincent schon Entzugserscheinungen einsetzen. Der Verkehr nimmt zu, weniger LKW aber mehr als gestern.
Die Landschaft verändert sich, es wir sehr karg und gelb - die Stoppeln der Getreidefelder stehen noch und ansonsten gelbes Gestrüb. Im Hintergrund wunderschöne hohe Berge. Und es gibt wieder viele Wasserquellen, was uns sehr freut, da wir die letzten Tage.
Die Industrie verändert sich auch, wir passieren unzählige Textilfabriken.
Nach 70km reichts heute auch, wir stoppen in Bozkurt, machen Mittagspause, werden zum Tee eingeladen und uns wird ein ganz guter Schlafplatz gezeigt.
Wir haben noch einen entspannten Nachmittag, planen Route und überlegen die nächsten Schritte und dann gibt’s auch schon leckeres Bulgur-Abendessen.LĂ€s mer
Tag 71: Schwerlast & Fliegen!
12 augusti 2024, Turkiet â
âïž 28 °C
Heute gefahren: 62km (+293km mit Cemal)
Bisher gefahren gesamt: 4.052km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 120hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 36.840hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 18
Fahrtage gesamt: 53
Ich liege gerade im Führerhaus eines türkischen LKWs hinter den Fahrer- und Beifahrersitz, wo Cemal und Vincent sitzen. Wir fahren eine Sonnenblumenmähmaschine durch die komplette Türkei. Unsere Räder sind auf der Ladefläche verspannt, die Radtaschen liegen da ebenfalls.
Gestern Abend haben wir noch die 400km nach Konya geplant, heute sind sie an einem Tag abgefahren - zur Feier des Glücks haben wir uns gleich mal ein Hotelzimmer mit Frühstücksbuffet in Konya gebucht.
Wer braucht schon öffentliche Verkehrsmittel, wenn es auch mit einem Truck geht?!
Ein bisschen haben wir Angst um unsere Räder - die Bodenwellen und sonstigen Fahrumstände aber wir bleiben positiv und bei der leckeren Essenspause haben wir einmal nachgezurrt.
Wie kam es dazu? Wir sind schön früh gestartet und auf unseren alt bekannten Highway mit Seitenstreifen. Wetter war perfekt, kaum Verkehr, irgendwann Gegenwind aber wir haben es gelassen genommen und die Landschaft genossen. Wir sind an Salzseen vorbei gefahren, während auf der andern Straßenseite die Berge empor wachsen.
Irgendwann hubt es gewaltig hinter uns - mehr als sonst. Es nervt ein bisschen, weil wir immer denken, es ist etwas ernsthaftes. In Deutschland hubt man ja nur sehr selten.
Auf jeden Fall bleibt ein LKW ca 200m vor uns auf unserem schönen Standstreifen stehen, wir nähern uns und der Fahrer steigt aus und fragt uns, ob wir mit wollen. Wir entscheiden kurzerhand Ja bzw. Tammam (heißt „alles klar“ auf Türkisch).
Einschub Vincent: Cemal, 62 und seit 1987 LKW-Fahrer. Nett, herzlich und er spricht nur türkisch. Die Kommunikation in den nächsten Stunden wird wild. Wir versuchen viel mit Händen und Füßen sowie Google Translate durchzuziehen. Die Übersetzungen ins Türkische sind nicht immer gut. Meist gucken uns unsere Gesprächspartner trotz Google translate ratlos an. Cemal bleibt bei türkisch. Wenn er den Eindruck hat, wir verstehen etwas nicht, wird derselbe Satz einfach nochmal im türkischen und einfach ein bisschen lauter gesagt. Verstehen tun wir ihn am Ende doch nur bedingt. Generell können Türken sehr laut sprechen. So herrscht jedenfalls neben den Fahrgeräuschen in der Fahrerkabine auch ein lautes Stimmengewirr. Ein bisschen anstrengend mit der Zeit und irgendwie auch lustig.
Einschub Vincent Ende.
Zurück zum verladen: Fahrräder verzurren, ab ins Führerhaus. Nun sind wir seit 4 Stunden unterwegs und haben eine leckere Essenspause gemacht. Wir wollten Cemal natürlich einladen und haben alles gegeben und trotzdem hat er gezahlt. Wir wissen immer gar nicht, wie wir unser schlechtes Gewissen heilen sollen.
Ansonsten haben wir mit dem Wasserkocher, der an den Zigarettenanzünder angesteckt wird, schon Kaffee getrunken. Wir haben mit seiner Tochter, die Englischlehrerin ist, einen WhatsApp-Telefonat gemacht, wir kennen alle Familienmitglieder von Bildern, haben auf Facebook Videos der Erntemaschinen angeschaut - Achja und alles natürlich während wir mit 80 km/h und 42 Tonnen über die türkischen Straßen schaukeln. Mal mit mehr, mal weniger Verkehr, mal besseren und schlechteren Straßen. Wer weiß, was der Tag noch bringt!
Er brachte noch viel:
Angekommen in Konya hat Cemal nicht abgelassen, dass wir noch bei seiner Tochter und deren Mann vorbeizuschauen. Wir haben zuvor schon unsere Räder abgeladen als wir im Industriegebiet einen Zwischenstopp eingelegt haben (sie waren umgekippt und wir leicht panisch und wir hatten Kommunikationsprobleme - Überraschung), Auf dem Weg zur Wohnung haben wir noch Baklava als Gastgeschenk eingekauft, um nicht komplett mit leeren Händen zu kommen. Und natürlich mussten wir noch mit Abendessen! Es gab Reis mit Fleisch. Sehr lecker - das Fleisch ganz zart aus dem Schnellkochtopf. Eines der Lieblingsküchengeräte der Türken - wie wir lernen.
Cemals Tochter und ihr Mann haben während der Corona Zeit geheiratet, konnten deshalb nicht groß feiern und haben sich hierfür in Konya eine 160qm Wohnung gekauft. Beide sind Lehrer und teilen sich die Erziehung der Tochter gleichermaßen. Und trotzdem sitzt der Mann und der Vater im Sessel und wird von der Tochter bzw. Ehefrau bedient.
Wir haben sie auch gefragt, warum uns jeder nach Heirat und Kinder fragt und sie meinten, ihnen sei es ebenfalls so ergangen. Wenn 1 Kind da ist, wird nach dem nächsten gefragt usw. Familie und Ehe ist stark in der türkischen Gesellschaft verankert.
Nach dem gemeinsamen Nachtisch sind wir dann zu unserem Hotel aufgebrochen. Das hatten wir noch aus dem LKW heraus gebucht. Ganz nettes 4 Sterne Hotel mit Sauna und Hammam, sodass wir uns gleich noch einen abendlichen Saunagang gegönnt haben und danach einen kleinen abendlichen Spaziergang durchs schicke Konya.LĂ€s mer

ResenĂ€r4.000 geknackt, GlĂŒckwunsch! Die Story von Cemal ist auch mit Abstand immer noch ganz fantastisch đ§Ą
Tag 72: Beauty Day in Konya
13 augusti 2024, Turkiet â
âïž 30 °C
Heute gefahren: 0km
Bisher gefahren gesamt: 4.052km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 0hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 36.840hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 19
Fahrtage gesamt: 53
Noch beim Frühstücksbuffet beschließen wir einen Tag Verlängerung in der Stadt.
Das Buffet ist lecker und wissen wir so richtig zu schätzen. Wir sind ja sowieso schon Frühstücksfans aber bei längerer Abstinenz und frisch gemachten Omelett und Brötchen aus dem Steinofen nimmt das nochmal andere Ausmaße an.
Ein nettes Mädel vom Frühstücksbuffet frage ich auch gleich noch nach einem Frisörtip, denn heute ist Beauty Day angesagt. Einmal Haare schneiden für uns beide - echte Handwerkskunst in der Türkei, da wird mehrmals gewaschen (bei Vincent 3x, bei mir 2x), mit zig Scheren und verschiedenen Schneidemaschinen geschert. Nach gut einer Stunde sind wir dann aus unseren beiden Frisören herausgepurzelt - mit deutlich weniger Haar! Meines ist mir etwas zu kurz und lockig. Ist kühler und wächst wieder!
Danach spazieren wir zum Mevlevi Museum bzw. Mausoleum. Hier ist der bekannte persische Poet und Sufi Maulana Dschalal ad-Din beigesetzt.
Er war Teil und Anführer der Sufi-Bruderschaft in Konya - seine Ordensbrüder werden auch Derwisch genannt. Sie haben sich vor allem dem Gebet und der Poesie gewidmet. Bekannt sind sie durch ihre spirituellen Tänze, die sie in eine Art Trance-Zustand bringen und ihre Ergebung und Nähe zu Gott demonstrieren.
Auch dieses Mausoleum hat Atatürk im Rahmen der Säkularisierung als Museum umgewidmet.
Konya hat eine sehr modernen und schicken Innenstadtteil, der schon fast künstlich aussieht. Dann aber auch die kleinen, verwinkelten, zu engen Gässchen mit allerhand Geschäften und vor allem Essen.
Anscheinend versucht sich Konya als Fahrradstadt zu etablieren, denn es gibt Fahrradwege, Werbung auf Trams und abends sehen wir sogar eine Art „critical mass“: nur Jungs im Alter von 10-16, die eine der Hauptverkehrsstraßen lahmlegen. Nach 4m ist auch alles wieder vorbei inkl. Einiger Stürze.
Da unser Beauty Day noch nicht vorbei ist, haben wir für abends Hamam reserviert. Einmal bitte 2 Monate Fahrrad-Sonnecreme-Staub-Hautschuppen abschrubben! Einseifen und nochmal Peeling und massieren. Herrlich. Dann noch einmal Sauna zum Abschwitzen und Tee trinken.
Wir brauchen mehr solche Tage.
Überhaupt merken wir, dass wir recht wenig richtige Entspannungstage haben. Wir schauen uns immer eine Stadt an, wenn wir irgendwo sind oder fahren. Aber nicht einfach mal nichts tun. Das wollten wir eigentlich am Strand machen, was wir nun aber auf der Route gestrichen haben, um mehr vom Osten der Türkei zu sehen. Naja, noch 1,5 Monate Zeit, um dies einzuplanen. Da müssen wir uns selbst disziplinieren.LĂ€s mer

ResenĂ€rIn der critical mass wĂ€rt ihr gar nicht aufgefallen - oder hĂ€ttet sie als EhrengĂ€ste angefĂŒhrt đ Mehr Hamam sei euch gegönnt!
Tag 73: Immer geradeaus
14 augusti 2024, Turkiet â
đ 27 °C
Heute gefahren: 81km
Bisher gefahren gesamt: 4.133km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 538hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 37.378hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 19
Fahrtage gesamt: 54
Wir frühstücken lang und genießen diesen kleinen Luxus. Gegen 12:00 Uhr fahren wir los und kommen nach dem Stadtgebiet von Konya auf endlose lange Straßen. Die Bundesstraße von Konya nach Aksaray ist gerade und die Umgebung von Landwirtschaft geprägt. Viel Mais und Getreide wird hier angebaut. Ansonsten gibt es kaum Dörfer und auch keine Bäume. Was uns auffällt sind die vielen italienischen Motorräder und Wohnmobile die hier unterwegs sind. Wir fahren und fahren und fahren.
Der Gegenwind ist konstant vorhanden und macht uns heute jedoch wenig aus. Gegen 17:30 Uhr kommen wir an einem Dorf vorbei und suchen einen Schlafplatz. Ein Polizist eilt aus der Wache am Ortseingang und teilt uns mit, dass wir lieber weiterfahren sollen. Die Menschen hier mögen keine Touristen, weil diese klauen würden. Die Polizei müsse sich dann darum kümmern. Inwieweit wir rohen Mais oder landwirtschaftliche Maschinen auf unseren Fahrrädern mitnehmen können ist uns nicht klar, wenn der Chef uns jedoch bittet weiterzufahren, fahren wir weiter. Nach weiteren 10km quatschen wir einen Landwirt an der an seinem Grundstück arbeitet. Ja wir dürfen auf seinem Acker stehen. Wir bauen auf und gucken, dass wir unsere Reifen nicht an den vielen Dornenbüschen beschädigen. Die ganze Familie kommt nach und nach mal vorbei und guckt uns beim Aufbau zu. Irgendwann kommt auch der Vater des Hauses und schaut sich um.
Nur ich werde angesprochen. Mir wird die Hand gegeben. Auch er spricht nur türkisch und die Kommunikation läuft sehr schleppend. Wir verstehen ihn nicht. Auch nicht wenn er einfach 10 x mal den gleichen Satz in unterschiedlichen Lautstärken sagt. Wir bekommen am Ende Äpfel, frisches Fladenbrot, sowie eine frische selbstgemachte Minipizza geschenkt. Alles sehr nett, herzlich und doch ein wenig aufdringlich. Am Ende noch ein Foto. Wir werden irgendwann in Ruhe gelassen.
Am nächsten Morgen steht der Familienvater da und guckt und wieder zu. Ich unterbreche mein Einpacken und gebe ihm meine Aufmerksamkeit. Ich verstehe leider nur sehr sehr wenig. Er kann weder lesen noch schreiben, was die Kommunikation mit Google Translate unmöglich macht. Er holt nach und nach eines seiner Kinder, die seine Worte in mein Handy eintippen. Die Übersetzung ist dennoch nur schwer verständlich für mich. Nach ca. 30 Minuten hin und her wird mir klar, er will dass wir ihm ein Fahrrad aus Deutschland senden. Für seine Kinder. Ich bin mittlerweile vom Zeitverzug und der schleppenden Kommunikation genervt und versuche es nicht zu zeigen. Spät losfahren bedeutet, in der prallen Mittagshitze zu fahren. Und ein Rad kann ich auch nicht versenden. Am Abend vorher wollte er eine Powerbank von mir haben.
Die Menschen hier haben nicht viel und das löst bei uns auch komische Gefühle aus, von ihnen noch etwas anzunehmen. Mit dieser Art des nach Geld fragen, kommen wir ebenso schlecht zurecht.LĂ€s mer
Tag 74: Wohin der Wind uns trÀgt
15 augusti 2024, Turkiet â
đ 23 °C
Heute gefahren: 85km
Bisher gefahren gesamt: 4.218km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 712hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 38.090hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 19
Fahrtage gesamt: 55
Wir kommen später los als geplant.
Weiter geht's Richtung Aksaray. Nach 5km fahrt auf dem altbekannten Seitenstreifen drängt uns ein Motorradfahrer ab. Ich werde angesprochen, mir wird die Hand gegeben. Der Mann möchte mit uns im nächsten Ort Tee trinken. Ich sage danke nein, wir müssen weiter nach Aksaray. Er fährt dann die nächsten 7km langsam vor uns her und an einer Tankstelle will er dann mit uns Tee trinken. Ich bemühe mich freundlich zu bleiben und wir schaffen es ohne Tee-Pause weiterzukommen. Die Offenheit und Herzlichkeit ist großartig, schlägt mitunter aber auch in etwas Aufdringliches um, gerade dann wenn wir ein konkretes Ziel haben.
Wir kommen in Sultanhami vorbei. Dort befindet sich die größte Kavanserei in Kleinasien.
Eine Karawanserei war früher eine ummauerte Herberge an Karawanenstraßen. Reisende konnten dort mit ihren Tieren und Handelswaren sicher nächtigen und sich mit Lebensmitteln versorgen. Große Karawansereien dienten zugleich als Warenlager und Handelsplatz für Im- und Exportwaren.
Wir fühlen uns als wären wir in Italien. Nur Italiener hier. Reisebusse, Camper, Motorradfahrer alles voller Italiener. Kristina guckt sich die Anlage an, ich lade Strom in der prallen Mittagshitze.
Bisher komischer Vormittag, ich habe den Eindruck jeder und alles hält uns auf. Ich kann vielleicht auch nicht mit dem Betteln am Morgen umgehen.
Irgendwann geht es weiter. Der Gegenwind ist zurück und ich verwandle meine schlechte Laune in Energie, die meinen Beinen zu gute kommt.
Angekommen in Aksaray essen wir und gehen dann noch einen Kaffee trinken. Da wir mal wieder der Mittelpunkt sind, kommen wir mit Emre ins „Gespräch“. Emre ist gehörlos und arbeitet in einem Zentrum für körperlich und seelisch beeinträchtige Menschen. Die Kommunikation mit ihm funktioniert besser als mit manch anderem, den wir unterwegs treffen.
Nach Aksaray geht es weiter Richtung Kappadokien. Es wird schlagartig hügelig. Voll Zucker und Koffein macht das fahren der 10%-Steigungen, die nun auf uns warten, Spaß und meine schlechte Laune ist verschwunden. Ich fahre lieber tagelang Berge rauf und runter (egal wie heiß es ist) als auch nur eine Stunde gegen den konstanten Wind aus Nordost in der Türkei. Ich bin gespannt wie das wird wenn wir den Grenzübergang zu Georgien im Nordosten der Türkei ansteuern. Bisher habe ich hier noch keinen Tag ohne Wind erlebt. Egal, wird schon.
Wir finden einen großartigen Schlafplatz. Es wird zum ersten Mal ordentlich kalt am Abend. In der Nacht wird der Wind nochmals zunehmen und uns wachrütteln.LĂ€s mer
Tag 75: Thermalbad-Feeling
16 augusti 2024, Turkiet â
âïž 23 °C
Heute gefahren: 58km
Bisher gefahren gesamt: 4.276km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 1.096hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 39.186hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 19
Fahrtage gesamt: 56
Die Nacht war gut, kein Lärm, keine Straße aber recht starker Wind, der unser Innenzelt immer wieder an uns gedrückt hat, sodass wir aufgewacht sind.
Wir kommen spät los und versuchen uns dadurch nicht stresse zu lassen. Eigentlich ist die Zeit völlig egal aber so richtig ablegen können wir es nicht.
Die Landschaft ist wunderbar, langsam kommen wir nach Kappadokien. Beeindruckende Felsen aus Tuffstein, die vor tausenden vor Jahren durch die Vulkanlandschaft und Ausschwemmungen entstanden sind.
Die ersten der beeindruckenden Felsen sehen wir in Selime. Dort wurde in den Tuffstein eine Klosteranlage und eine Kathedrale gehauen - ca. 8-9 n.Chr. soll das gewesen sein. Durch unzählige Tunnel, Durchgänge und Räume kann man sich über mehrere Stockwerke hinaufarbeiten.
Wir genießen die Aussicht nur von der Straße und sind trotzdem schon sehr beeindruckt.
Weiter geht’s nach Ihlara, wo wir erstmal Pause machen. Zwar sind wir erst 17km gefahren aber mit einigen steilen Passagen und jede Menge Gegenwind - das zehrt.
Danach bewundern wir das Ihlara-Tal, was mehr und mehr zugebaut wird.
Von oben ist es trotzdem imposant: ein 15km und 150m tiefer Canyon, der sich von Selime nach Ihlara erstreckt. In den Stein sind zahlreiche Häuser, Kirchen und Klöster gehauen, wo früher byzantinische Mönche gewohnt haben.
Entstanden ist der Canyon durch die Vulkanausbrüche des Hasandagi, der 3.200m hohe inaktive Vulkan.
Zwischenzeitlich wird es nochmal hart. Der starke Gegen- oder Seitenwind ohne dass er durch Bäume etc. in dieser kargen Landschaft gebrochen wird. Immerhin ist es auf 1.200-1.400m, wo wir uns bewegen nicht zu heiß.
Wir machen nochmal Pause an einer Tankstelle, wo uns Äpfel geschenkt werden und wir Wasser auffüllen und suchen einen Schlafplatz.
Gar nicht so einfach, aber auf dem Weg gibt es einen Vulkansee und der scheint uns gut geeignet. also nochmal 4km bergauf kämpfen, 2km um den See fahren und wir sind da. Vielleicht ein Platz für einen Pausetag?!
Es sind einige Familien am See, die zusammensitzen, essen, kochen, schlafen und Çay trinken. Natürlich
im eigens mitgebrachten Öfchen, das mit Feuerholz betrieben wird.
Später entdecken wir, dass es am See eine Thermalquelle gibt. Sehr, sehr heißes Wasser wird hochgepumpt und die Einheimischen haben sich mit Schaufeln und Steinen kleine Sitzbäder für die Füße geformt.
Das Wasser ist sehr heiß. Ich kann kaum meine Füße darin halten. Die Einheimischen sagen es es gut - für was auch immer.
Auf jeden Fall ist es sehr Sulfat-haltig, denn unsere Spülschüssel hat einen weißen Film.
Es tut aber mal ganz gut sich mit warmen Wasser am Abend zu waschen - was für ein Luxus! Vor allem ist es hier auf 1.400m abends recht frisch. Heute feiert die Dauenjacke ihren ersten Einsatz.
Später werden wir zum Tee bei 3 älteren Paaren eingeladen, sie sitzen neben der Thermalquelle. Wir trinken zusammen Tee, versuchen uns zu verständigen, aber auch einfach so daneben sitzen , ohne Teil der Unterhaltung zu sein, war schön. Sie sind sehr herzlich und unaufdringlich.
Dann werden uns noch 3 Leibe frisches Fladenbrot sowie Obst und Gemüse geschenkt.
Mit den Essensvorräten können wir definitiv einen Pausetag machen.
Nach Sonnenuntergang sind alle Autos und Menschen verschwunden und wir allein. Herrlich. Eine gute Nacht steht bevor.LĂ€s mer

ResenĂ€rWas fĂŒr beeindruckende Höhlenkonstruktionen! đźđ€© Ein Hoch auf die Daunenjacke!

ResenĂ€rSchön, dass ihr immer wieder eure Ruhe habt! Macht mal ein Fot vom Brot Ă-Ă bitte! Ich stell mir das sehr lecker vor. Kocht ihr gerade viel Warm mit dem Kocher oder hitzebedingt nur kaltes/salate?

ResenÀrWir sind leider zu schnell im Essen :) mittags essen wir meist Salat, Obst oder Brot aber abends fast immer warm. Bulgur, Linsen, Nudeln alles mit viel Tahini oder anderen Dips und dazu einen Salat
Tag 76: Pausetag
17 augusti 2024, Turkiet â
âïž 26 °C
Heute gefahren: 0km
Bisher gefahren gesamt: 4.276km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 0hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 39.186hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 20
Fahrtage gesamt: 56
Ich wache früh auf. Kurz nach dem ich das Zelt verlassen habe, fährt ein Traktor inkl. Hänger vor. Eine Familie (8 Personen) springt runter. Die Männer gehen spazieren. Die Frauen bereiten das Frühstück vor. Gegen 08:45 Uhr wird dann lauter türkische Musik angemacht. Kristina schreckt hoch und wird wach. Jetzt können wir frühstücken. Die Familie wird den gesamten Tag über da bleiben und immer wieder sehr laut Musik hören, Essen kochen, Baden und am Ende des Tages ihren gesamten Müll da lassen.
Wir essen und machen nix. Wir schreiben Tagebuch. Wir planen unsere Route in die Südosttürkei. Der Tag vergeht, viele Familien kommen, kochen, trinken Tee und gehen. Uns schenkt eine Familie Obst sowie total leckere Tomaten und wir kommen wieder sehr schmackhaft durch den Abend.
Am Abend haben wir uns das erste Mal getraut und zwei Jungs verscheucht. Wir liegen um 21:00 Uhr im Bett - allein an unserem See - und um 21:15 Uhr fährt ein Auto vor und zwei Jungs beginnen ihr Zelt aufzubauen. Der Platz zum Zelten war dort schier endlos und sie stellen sich genau 5 Meter von uns entfernt hin. Sie hatten schon ihr Partylicht rausgeholt, wollten den Abend genießen und die Nacht am See verbringen. Erst bin ich vor - im Schlafanzug - und habe sie vollgequatscht. Mal wieder konnte keiner Englisch und Google hat auch nicht geholfen. Sie haben mich dennoch verstanden und sind 6 Meter weiter gezogen. An einem abgelegenen Bergsee ist es still un 6 Meter sind nix. Also sind Kristina und ich hingegangen und wir haben mit Händen und Füßen unser Anliegen erklärt: WIR WOLLEN IN RUHE SCHLAFEN UND ES GIBT HIER SEHR SEHR VIELE STELLPLÄTZE. ALSO BITTE SEIT SO GUT UND ZIEHT 300M WEITER. Irgendwie wurde mir dann ein Handy hingehalten und ich habe einer Frau (sie wirkte genauso irritiert wie ich) auf deutsch erklärt, was unser Anliegen ist. Sie hat übersetzt und die Jungs sind abgezogen. Ich fühle und verhalte mich wie ein Spießer, aber für guten Schlaf tue ich mittlerweile sehr viel. Wir hatten einfach schon zu viele schlechte Nächte im Zelt.LĂ€s mer

ResenĂ€r50% spieĂig, aber 100 % verstĂ€ndlich. Eh beeindruckend wie geduldig ihr bei dem aufdringlichen Verhalten geblieben seid in den letzten Tagen.

ResenĂ€rđ ach grundsĂ€tzlich ist es total schön so viele Menschen zu treffen aber manchmal auch anstrengend und die soziale Batterie muss manchmal wieder geladen werden
Tag 77: Undergraund City
18 augusti 2024, Turkiet â
âïž 30 °C
Heute gefahren: 70km
Bisher gefahren gesamt: 4.346km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 836hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 40.022hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 20
Fahrtage gesamt: 57
Heute kommen uns die 70km bis nach Kappadokien gar nicht so lang vor.
Wir kommen früh los und besuchen noch vor 12:00 Uhr eine "Undergraund City" (stand so auf den Schildern). Wir werden mit mehreren asiatischen Reisegruppen und vielen Türken durch ein enges Höhlensystem gepfercht. Ich fühle mich nicht wohl. Kein Tageslicht, sehr enge Gänge, teilweise muss ich in der Hocke Treppenstufen gehen. Für Kristina ist das kein Problem, ich bekomme weiche Knie. Die Asiaten sind viele. Die Türken drängeln, unangenehm. Ich muss die Tour abbrechen und warte draußen. Die 13€ (Menschen mit türkischem Pass zahlen 2€) hätte ich mir sparen können. Egal, ich habe mir vorher keine Gedanken gemacht wie ein Dorf unter der Erde sein würde.
Einschub Kristina: Es war ganz interessant aber leider nicht gut aufbereitet uns sehr überfüllt.
Es handelt sich um eine von wenigen freigelegten unterirdischen Städten in Kappadokien. Vermutlich wurde bisher nur ein Viertel freigelegt, das reicht aber schon über 7 Stockwerke. Der Wikipedia-Eintrag ist sehr gut und interessant: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Derinkuyu_(unterirdische_Stadt)
Weiter geht's und vor den berühmten Felsen in Kappadokien machen wir noch eine leckere Mittagspause.
In den Örtchen Ushisar und Göreme in Kappadokien wird es dann schlagartig sehr touristisch. Also so richtig. Mitnehmen was geht. Profit! Profit! Profit! Das Geld liegt auf der Straße, nimm es dir! Es werden auf einmal Pelze, Teppiche und Schmuck verkauft. Kamelreiten (15€ für 10 Min.) Hochzeitsfotos, Oldtimer-Fahrten JEDER TRAUM WIRD IN KAPPADOKIEN ERFÜLLT oder auch einfach Mal mit einem wilden Adventure-Fahrzeug oder Quad durch diese unwirkliche Wüste rasen. Was wir an diesem und am nächsten Tag erleben übersteigt das Tourismusangebot von Istanbul.
Leider sieht man dadurch auch nichts mehr von den Dörfern, in denen viele Häuser in den Stein gehauen sind.
Trotzdem ist die Landschaft wirklich sehr, sehr schön. Und wenn man den Hotspots etwas entkommt, hat man fast seine Ruhe. Fast.
Die schiere Anzahl an Luftballons die wir am nächsten morgen sehen werden ist ein Symbol dafür. Die Mitfahrt kostet in der Hochsaison ca. 200€ pro Person und in einem Korb sind ca. 30 Personen.
Wir finden einen ruhigen Spot und beobachten das Treiben. Wir sind tatsächlich alleine, abends baut nur ein Pärchen ca. 100m von uns entfernt ein Candle light Dinner auf, ansonsten ist es wunderbar angenehm mit tollem Ausblick.
Wir gehen früh ins Bett damit wir am nächsten Morgen auch die Ballons zum Sonnenaufgang sehen.LĂ€s mer
Tag 78: Magical Mystery 1/3
19 augusti 2024, Turkiet â
âïž 26 °C
Heute gefahren: 45km
Bisher gefahren gesamt: 4.391km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 1.064hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 41.086hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 20
Fahrtage gesamt: 58
Wir stellen den Wecker auf 5:00 Uhr. Am Horizont zeigt sich schon der Sonnenaufgang, noch ist es aber dunkel. Und auch recht ruhig.
Vincent hat schon Kaffee gekocht und wir packen uns in unsere Daunenjacken ein. Eine Viertelstunde später ist schon high Life: Pickups mit Heisluftballonkörben auf Anhängern holpern über die Schotterwege. Überall werden Ballons positioniert und langsam aufgeblasen (oder befüllt - wie nennt man das?) und das hört man - wie laute Gebläse.
Kurz danach kommen die Minibusse mit den Heißluftballon-Gästen. Überall im Tal blinkt es, Autos fahren wild umher. Die ersten Ballons stellen sich auf und die Körbe werden „beladen“. Auch wenn es wuselig ist, ist es wunderschön.
Nach und nach steigen die Ballons an den unterschiedlichsten Orten auf während die Sonne hinter dem Berg mehr und mehr hervorkommt. Unser Platz ist perfekt - wir sind weiterhin allein.
Und obwohl es absolut touristisch ist, ist es wunder- wunderschön! Das Licht, die Ballons und die Stimmung.
Nun beginnen noch andere lustige Spektakel:
đđ€”đœâïžđ°đœâïžeine „Marry Me“-Installation mit Herz , Schriftzug und Stromgenerator. Natürlich mit Organisationskomittee inklusive Drohne und Fotograf. Das glückliche Paar (beide abgestimmt in Rosa-weiß gekleidet) musste die Feuerwerk-Sprühfontänen mehrmals durchschreiten. Romantik pur. Geküsst wird sich nicht, sondern nur die Köpfe aneinander geneigten und es gibt Umarmungen. Offenbar eine türkisch-traditionelle Hochzeit.
đźđłđ«đŸ Nr.1: Verlobungsfotos in einem wallenden roten Kleid, das immer wieder vom Fotoassistenten im Wind geschüttelt wird. Die Braut gibt harsch Anweisungen an den Fotografen: „more Video, less photos!“ aber auch mal umgedreht: "less Video, more Photos!". Amüsant.
đźđłđ«đŸ Nr.2: neues Paar in traditioneller indischer Kleidung - wild drehend auf dem Fels.
Gegen 6:30 landen viele Ballons wieder, einige andere werden noch befüllt und steigen jetzt erst auf. Dann landet noch ein Ballon bei uns in der Nähe und wir können das Einpack-Procedere beobachten. Überraschend viel Manpower (5 Leute), die sich an den Korb hängen, den Korb wieder auf den Hänger manövrieren, den Leuten beim Aussteigen helfen und schließlich den Ballon in einen 1x1m großen Sack einpacken.
Gegen 8 Uhr ist es schon fast wieder ruhig und die Vorbereitungen für Quad- und Pferdetouren werden getroffen und die normalen Tagestouristen treffen ein. Wir packen zusammen und machen noch eine tolle Radtour durch den Park.
Dabei treffen wir Alessandra und Fabio aus Italien, 2 Radreisende und unterhalten uns ganz nett. Die beiden machen super coole Reisen mit dem Rad, z.B. auch in den Senegal.
Unsere Rundtour ging schneller als gedacht, so machen wir uns auf nach Nevshir. Wir wollen in den Südosten der Türkei, aber per Truck oder Bus.
Wir haben gemerkt, dass wir ein bisschen entschleunigen müssen, sodass wir nach hinten raus keinen Stress haben, denn manchmal haben wir schon gerechnet, ob wir die km noch schaffen. Und wenn wir 400km überbrücken, sind gleich mal 6-7 Tage wider rausgeholt.
Also Plan Nr.1: Mit dem Schild an den Straßenrand. Erst waren wir etwas schüchtern, dann hat es Spaß gemacht und die Leute haben immer geschaut, wohin wir wollen. Aber keiner hat uns mitgenommen. In der Sonne haben wir auch etwas gelitten, sodass uns der Tankwart Cola und Wasser gebracht hat. Dann haben wir auf Anraten eines Autofahrers den Ort gewechselt. Leider ohne Erfolg nach insgesamt 1h. Was nicht so lang war aber wir hatten ja noch Plan Nr. 2:
Busfahren. Eigentlich kein Problem, weil in der Türkei kommt man überall mit dem Bus hin. Tickets gibt’s online. Nur Fahrrad ist das Problem. Laut Facebook Gruppen und diversen Recherchen am Schalter fragen.
Busunternehmen Nr.1 war sehr bemüht und wurde von Flix Bus aufgekauft. Leider keine Stellplätze für Räder also auseinanderbauen oder Verhandlung mit Busfahrer, den hat der Mitarbeiter gleich noch angerufen. Preis unklar. Aber eigentlich nicht mehr als 200TL (5€). Mmh mal sehen, wir finden eine Internetseite des Busunternehmens mit Fahrradpreisen für bis zu 300TL (8€). Ok, gute Orientierung. Bus geht um 00:30, was bedeutet Nacht um die Ohren schlagen und am nächsten Morgen um 6:30 in İskenderum ankommen.
Busunternehmen Nr. 2: will 600 TL (16€) für ein Rad , wir haben bei dem Getuschel schon wieder das Gefühl beschissen zu werden. Außerdem fährt der Bus erst am nächsten Tag um 11 Uhr also was machen bis dahin? Und wir müsste noch einen Schlafplatz in einer Stadt suchen.
Wir entscheiden uns für die 00:30 Variante. Eigentlich wollte ich das in meinem Nach-Studentenleben nicht mehr machen aber gut, Abenteuer!
Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Vincents Magen meldet sich. Ihm ist nicht gut, er döst in der Busstation auf seiner Matte vor sich hin.
Einschub Vincent: mittlerweile alles wieder in Ordnung! Großartig wie Kristina sich um alles gekümmert hat. Ich lag in einer Ecke und habe vor mich hingedämmert. Einschub Ende.
Der Bus kommt. Alles etwas stressig aber wir müssen die Räder nicht zerlegen und wuchten sie in den Gepäckraum liegend aufeinander, gepolstert von unseren Fahrradtaschen.
Und dann will der Busfahrer 50€ für die Räder. Nene, mit uns nicht. Verhandlung, wir zeigen ihm die Seite seines Busunternehmens, auch wenn er wie bei Flix üblich, ein Sub Unternehmer ist. Am Ende einigen wir uns auf 400 TL (10,5€) pro Fahrrad (also ca. 21 € gesamt) Ganz gut wie wir finden.
Einschub Vincent: zur Überschrift "Magical Mystery" passen leider auch die Fantasiepreise die uns immer wieder in der Türkei begegnen. Folgende Situationen haben wir an anderen Tagen erlebt:
- wir bestellen zwei Döner (je 2€) und da wir hungrig sind wollen wir uns noch einen dritten Döner teilen. Ich bestelle und will bei einem neuen Kassierer bezahlen: plötzlich kostet der Dörner 8€. Schade. Lässt sich durch den anderen Kassierer auflösen.
- wir wollen Lahmacun in einer Bäckerei holen. Lt. Preisliste an der Kasse: ca. 0,10€ pro Lahmacun. Ich bestelle zwei Stück. Wir warten und warten, nichts passiert. Andere Personen werden vorgezogen und bekommen Lahmacun. Ich gehe nochmal hin und will dem Bäcker das abgezählte Geld (ca. 0,20€) geben. Der will das Geld nicht und sagt ich muss mehr zahlen: zwei Lahmacun kosten 2€. Schade. Wir gehen. Kurz danach sind wir in einem Imbiss und bestellen etwas von der Karte: wir zeigen auf das Gericht und auf den Preis. Wir zahlen. Uns wird zu wenig Wechselgeld rausgegeben. Erst durch hartnäckiges nachfragen und lammentieren bekommen wir unser Wechselgeld. Ätzend.
Einschub Vincent Ende.
Zurück zur Busfahrt :-)
Und wir haben Platz im Bus, Vincent kann sich auf der letzten Bank ausstrecken, ich habe einen 2er für mich allein.
So richtig entspannen können wir noch nicht, weil wir uns in der Hektik plötzlich nicht mehr sicher sind, ob wir alle Fahrradtaschen eingepackt haben.
Beim ersten Stopp (02:45 Uhr) auf einer riesigen Raststation (wo auch der Bus gewaschen wurde und zig Busse bei ihren Reisen durch das Land Stopp machen), kontrollieren wir die Räder und zählen die Taschen - alle da! Puh. Und auch der Imbus, unser wichtigstes Werkzeug. Danach können wir tatsächlich halbwegs gut schlafen.LĂ€s mer
Tag 78: Magical Mystery 3/3
19 augusti 2024, Turkiet â
âïž 28 °C
Tag 78: Magical Mystery 2/3
19 augusti 2024, Turkiet â
âïž 34 °C
Tag 79: Ein langer Tag in Iskenderun
20 augusti 2024, Turkiet â
âïž 33 °C
Heute gefahren: 0km (nahezu)
Bisher gefahren gesamt: 4.391km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 0hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 41.086hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 21
Fahrtage gesamt: 58
Wir wachen gegen 6 Uhr im Bus auf und holpern über die Straßen eines riesigen Industriegebiets mit Seezugang vor Iskenderun. Was wir erkennen können: Stahlproduktion und -Verarbeitung, Metallverarbeitung, diverse Bauplatten, Raffinerien… alles mögliche, was dreckig ist und eine schöne Smogwolke erzeugt. Ah, wie ich gerade lese, endet hier eine riesige Ölpipeline aus dem Nordirak.
Weil die Region vor 1938 zu Syrien gehörte, war der Hafen eigentlich der syrischen Stadt Aleppo zugehörig.
Und wir sehen erste zerstörte Häuser… Die Stadt gehörte zu der Region, die letztes Jahr am 06.02.2023 stark zerstört wurde.
Wir kommen am Busbahnhof an und uns erschlägt die Hitze und Luftfeuchtigkeit bereits um 6:30 Uhr. Puh mal sehen, wie wir es hier aushalten zu fahren. Erstmal durch das kleine Gewerbegebiet in die Stadt und wir suchen ein Café, um ein Hotel zu buchen und die Klimaanlage zu genießen. Auf dem Weg dahin beobachten wir, wie 3 Hunde einen Rollerfahrer angreifen und er stürzt. Fängt ja toll an.
Wir finden ein Café und machen es uns für die nächsten 3h gemütlich, laufen zu unserem ausgesuchten Hotel und fragen direkt an der Rezeption nach dem Preis - günstiger als im Internet und das beste: wir können schon um 10 Uhr einchecken! Fahrräder können wir in den Keller stellen. Perfekt. Wir freuen uns und beziehen unser Zimmer. Kurz Wäsche auswaschen, Dusche genießen und ab für ein Schläfchen ins Bett.
Vincent schlummert schon, ihm geht’s immer noch nicht besser (erkennt man daran, dass er keinen Appetit und Hunger hat).
Nachmittags gehen wir noch in die Stadt.
Wir streifen etwas durch die Läden und kaufen uns ein halbes Kilo leckeres Hummus und frisch gebackenes Brot dazu - lecker.
Die Stadt ist lebendig, recht modern - das erkennen wir daran, dass sich Weiblein und Männlein vermischen und nicht nur Männer im Straßenbild zu sehen sind.
Zudem sind recht wenige Frauen mit Kopftuch unterwegs und wenn doch, dann schick gekleidet. Allerdings leben in dieser Region auch mehr Alawiten (nicht zu verwechseln mit den Aleviten). Es handelt sich um eine religiöse Strömung, die nur in dieser Region und Syrien beheimatet ist (früher gehörte die Region zu Syrien). Und laut Aussage eines türkischen Schwabens (war seine eigene Definition) leben sie ihren Glauben „entspannter“ aus, deshalb gibt es auch viel weniger Moscheen und in der ganzen Region haben wir keinen Muezzin-Ruf gehört.
https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/islam-lexi…
Wir gehen früh ins Bett, um den Schlaf nachzuholen und am nächsten Tag weiter zu radeln.LĂ€s mer
Tag 80: SĂŒdamerika
21 augusti 2024, Turkiet â
âïž 31 °C
Heute gefahren: 60km
Bisher gefahren gesamt: 4.451km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 682hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 41.768hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 21
Fahrtage gesamt: 59
Ach, so Hotelbetten sind schon bequem und dann noch ein so leckeres türkisches Frühstück im obersten Stockwerk mit Aussicht. Es gibt sehr viele verschiedene Mezze (Vorspeisen wie Oliven, bestimmt 20 verschiedene Aufstriche etc.)
Gut gestärkt geht es auf die Räder und ab in die Schwüle. Nach 2min läuft uns das Wasser über die Haut - es ist wie Fahrradfahren in einer Sauna mit Aufguss.
Erst geht es noch durch Iskenderun und hier sehen wir nun auch mehr das Ausmaß des Erdbebens. Viele, zerstörte, leerstehende Häuser und gleichzeitig Neubauten, die anscheinend noch nicht bezugsfertig sind.
Weiter geht es in den Urlaubs- und Küstenort Arsuz und dann durch kleine Dörfchen über die Berge. An Steigung wird heute nicht gespart - mit teilweise mehr als 15% und das bei gefühlten 50 Grad. Einmal mussten wir absteigen, so steil war es.
Die Leute in den Dörfern sind auch mehr als irritiert gewesen. Ich glaube hierhin hat sich noch keiner mit Rad verirrt.
Nach den Dörfern beginnt Natur und eine sagenhaft schöne Strecke mit neuestem Asphalt (2022 neu gemacht), herrliche Ausblicke und alle 15min ein Auto. Besser kann es kaum sein. Die Landschaft sieht ein bisschen aus wie in Südamerika - wolkenverhangene, bewachsene Berge, rote Erde und Schwüle inklusive. Die Straße zieht sich über 15km, die wir sehr genießen.
Wir benötigen noch Wasser und machen im einzigen Dorf Kale Stopp, finden einen Brunnen mit Trinkwasser und kaufen ein paar Tomaten. Auch hier hat das Erdbeben gewütet, einige Menschen leben in Containern und Zelten - mehr als 1,5 Jahre nach dem Beben.
Dann geht es auf die Küstenstraße mit FAHRRADWEG (sogar mit Absperrungen getrennt, dass ihn die Autofahrer nicht mit nutzen).
Ich weiß nicht, wer diesen benutzt, denn zum einen fährt auch auf dieser Straße niemand und schon gar kein Fahrrad, zum anderen liegen viele Scherben herum, von aus dem Autofenster geworfenen Flaschen.
Wir finden einen herrlich, ruhigen Zeltplatz mit Meerblick und genießen noch den Sonnenuntergang.LĂ€s mer
Tag 81: Erdbeben & Zerstörung
22 augusti 2024, Turkiet â
âïž 30 °C
Heute gefahren: 52km
Bisher gefahren gesamt: 4.503km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 644hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 42.412
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 21
Fahrtage gesamt: 60
Es war nachts weiterhin so warm und schwül, dass wir sogar ohne Inlet geschlafen haben und der Tag beginnt mit Gegenwind. Den haben wir ja gar nicht vermisst.
Der Küstenweg ist schön aber mit dem Wind auch anstrengend. Den Radweg lassen wir rechts liegen, es kostet zuviel Energie die Scherben von den Steinen zu unterscheiden und auszuweichen.
Links der Straße sind nur Stein- und Berghänge und dementsprechend liegen viele Steine auf der Straße, teilweise scheinen ganze Felsbrocken herabgestürzt zu sein - zumindest sehen die Krater in der Straße so aus.
Links zwischen den Felsen tauchen plötzlich riesige Schuttflächen auf - Überbleibsel von eingestürzten Häusern. Menschen laufen mit Säcken umher und sammeln verwertbares ein.
Auch kommen uns sehr viele LKWs mit noch mehr Schutt entgegen.
Mit Gegenwind gehts es bis nach Samandåg, einen Küstenort, wo wir das letzte Mal baden und uns vom Mittelmeer verabschieden.
Und die ersten Containerdörfer beginnen. Hunderte von Containern nebeneinander - ein Container für eine Familie mit Kindern mit bis zu 6 Personen auf 14qm! Geteilte Waschmöglichkeiten und das seit 1,5 Jahren!
Es geht Richtung Antakya ins Landesinnere und es wird noch viel schlimmer: Es geht gut bergauf und bergab mit recht viel Verkehr. Vor allem vielen LKWs mit Beton, Kies oder anderen Baumaterialien.
Mehr und mehr zeigt sich auch warum:
Zweispurige Fahrstreifen sind abgestürzt und wir fahren einspurig auf der Gegenfahrbahn.
Zunehmend auch Schuttflächen und eingestürzte, beschädigte und unbewohnte Häuser. Und hohe, neue und unbewohnte Neubauten. Ganze Stadtviertel, die hier gebaut werden.
Kurz vor Antakya machen wir bei einem Döner-Imbiss Pause. Hier scheint alles normal, als wir dann bergab nach Antakya fahren, ist gar nichts mehr normal. Es staubt überall und sieht aus wie im Kriegsgebiet und definitiv nicht so als wäre das Erdbeben 1,5 Jahre her sondern eher letzte Woche gewesen.
Wir haben uns in eines der wenig verfügbaren Hotels eingebucht. Der Weg dahin eine Herausforderung, denn nur große Straßen sind befahrbar, kleinere Straßen gibt es nicht mehr und sind weiterhin voll mit Schutt belagert. Wir sind sehr bedrückt und können uns kaum vorstellen, wie man hier leben kann.
Für die Menschen scheint es normal zu sein, über Schuttberge, Absperrungen und sich an Stützvorrichtungen, die Häuser stützen, vorbeizudrängen. Das Leben geht weiter. Was sollen sie auch tun?!
Ca. 13 Mio. Menschen sind vom Erdbeben betroffen gewesen, mehr als 60.000 sind gestorben. Hunderttausende sind weggezogen oder leben in Containerunterkünften (Schätzungen zufolge 500.000). Allein die Region Hatay mit der Hauptstadt Antakya hatte 2,2 Mio. Einwohner. Aktuell leben vermutlich nur noch rund 800.000 Menschen in der Region.
Abends werden wir zufällig auf der Straße angesprochen, ein Mann, der als Deutschlehrer gearbeitet hat, lädt uns zu sich ein.
Wir finden uns auf einer Dachterrasse gegenüber unseres Hotels wieder. Uns wird Tee und frisch gebackener Guglhupf serviert - ein Stückchen Heimat! (Wir freuen uns schon wieder auf deutschen Kuchen - Käsekuchen von Mama und Streuselkuchen von Oma! đ)
Sie erzählen, dass ihre Wohnung zwar nicht ganz zerstört aber noch nicht bewohnbar ist. Sie renovieren noch immer, bis dahin leben sie bei der Schwiegermutter im Haus.
Es klopft und weitere Familie kommt hinzu , auch ein junger Mann, der in den Niederlanden arbeitet und auf Familienbesuch ist. Er sagt, alle 6-8 Monate komme er, uns seit den letzten 8 Monaten hat sich nichts verändert. Die Situation ist schwierig aber die älteren sind hier verwurzelt und wollen nicht weg. Sein Ziel ist 5 Jahre in den Niederlanden zu leben, um dann einen niederländischen Pass zu bekommen. Eine Perspektive sieht er für sich in der Türkei nicht.
Einen guten Blick auf die Lage bietet auch die Doku: https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL2Rhc…
Besonders in der Region Hatay gibt es keine Industrie - die Menschen schlagen sich mit kleinen Jobs durch oder leben von der Hand in den Mund. Der pensionierte Deutschlehrer zum Beispiel schreibt nebenher Strafzettel.
Trotzdem haben wir das Gefühl, dass wir hier bei einer Familie zu Gast sind, denen es besser geht. Sie müssen zumindest nicht nach verwertbaren in den Trümmern suchen.
Wir sind bedrückt durch die Situation und gleichzeitig bewundern wir, wie die Menschen das Leben meistern und weitermachen. Das typisch deutsche „sich beschweren“ liegt den Leuten hier nicht.
Auf dem Weg zum Supermarkt - dem einzigen weit und breit (Google stimmt vorne und hinten nicht mehr) treffen wir zwei Deutsche, die 8 Wochen durch die Türkei reisen - spannend! An so einem Ort hätte ich definitiv keine anderen Touristen erwartet.
Wir wagen uns etwas die Hauptstraße entlang und landen im Basar - auch hier alles wieder intakt, wenn auch provisorisch und ein scheinbar normales Leben - bis man den Basar durch eine der kleinen Straßen verlässt.
Wir probieren noch die lokale Spezialität: Künefe. Eine Portion normal und einmal mit Pistazie und Eis (Dondurma). Es wird frisch gemacht und warm serviert. Es ist sehr lecker aber wir haben danach auch einen kleinen Zuckerschock - das Abendessen brauchen wir nicht mehr.LĂ€s mer
Tag 82: Gastfreundschaft & TrĂŒmmer
23 augusti 2024, Turkiet â
âïž 30 °C
Heute gefahren: 81km
Bisher gefahren gesamt: 4.584km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 945hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 43.357hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 21
Fahrtage gesamt: 61
Der Tag begann mit Ausschlafen - das machen wir sehr selten, weil unsere Morgenroutine doch recht lange braucht, wenn wir zelten.
Da wir die Nacht aber im Hotel mit Frühstück verbrachten und das erst um 8 Uhr begann, klingelt der Wecker um 7:45 und wir sitzen um 8 Uhr am Tisch. Diesmal kein Buffet sondern echtes türkisches Frühstück mit Produkten aus Hatay (so heißt die Provinzregion, Antakya ist die Hauptstadt). Das Brot wurde kurz zuvor frisch gebracht und war noch warm. Es war extrem lecker - von Oliven in diversen Ausführungen über eingelegten und gekochten Rosmarin mit Tomaten und Paprika über verschiedenen Käse, Pizza und Ei war alles dabei. Wir wissen das immer so richtig zu schätzen, wenn wir Frühstück serviert bekommen. Zudem kann sich der Frühstücksfachmann Vincent für unsere Frühstücke zu Hause neue Inspiration holen đ
Danach ging es raus ins Trümmerfeld - es wird an allen Ecken und Enden gebaut, Beton gemischt, gemauert, LKWs mit Schutt und Kies fahren umher und es ist extrem staubig. Unglaublich, dass die Menschen das seit 1,5 Jahren so ertragen (müssen).
Wir konnten auch nur die paar Hauptstraßen fahren, denn alle anderen sind durch den Schutt nicht passierbar.
In der Stadt und auf den nächsten 30km immer wieder Container-Dörfer. teilweise von anderen Ländern und türkischen Provinzen gesponsert. Die Menschen scheinen häufig keine Perspektive auf baldiges Verlassen der Container zu haben, denn davor werden Tomaten und anderes Gemüse angepflanzt - auf den 2m, die vor ihrem Container bleiben.
Und die schicken Neubauten sind anscheinend exklusiv, wie dieser Bericht ganz gut zeigt: https://www.arte.tv/de/videos/118803-000-A/tuer…
Erst nach 50km ist die Gegend weniger besiedelt und dementsprechend weniger Schutt und beschädigte Häuser aber es ist überall weiterhin sichtbar.
Und das vor einer wunderschönen Bergkulisse - über 2000m hoch sind die Berge des Amanosgebirges, das sich hier in der Region von Nord nach Süd zieht. und überall sind Oliven angepflanzt.
Nach gut 65km brauchen wir eine Pause. Es ist schon wieder wahnsinnig heiß und wir sind fertig. Wir entdecken einen Markt, kaufen uns apathisch Obst und wollen mal wieder nur in Ruhe gelassen werden (alle Blicke sind auf uns und unsere Räder gerichtet und aus allen Ecken schalt es „Hello“, „where are you from“).
Also setzen wir uns mit unseren Stühlen etwas abseits vor ein Haus und essen türkische Bananen und Trauben.
Bis der Hausbesitzer kommt und uns einlädt zu Essen. Zuerst wehren wir uns, dann gehen wir doch mit. Im einen Moment wollen wir unsere Ruhe und in nächsten Moment gehen wir entgegen aller Pläne einer Einladung nach. Wir stellen also unsere Räder ab, er führt uns über das Grundstück seiner Eltern, wir überquerten die Straße und plötzlich sitzen wir in seinem Lieblingskebab-Laden. Und er lud uns zum Essen ein. Keine Wiederrede und Kemal war einfach super herzlich die ganze Zeit. Er hat mehrmals telefoniert und vermutlich weiß nun jeder, dass Alemans mit Bisikleta seine Gäste sind :)
Es gab leckeres Kebab vom Grill und diverse Salate dazu. Kemals Frau Zeynap kommt noch dazu und wir unterhalten uns per Google Translate. Sie erzählen, dass sie ein Kind bekommen und letztes Jahr 2 Tage vor dem Erdbeben geheiratet haben und viele Freunde durch das Erdbeben verloren haben. Kemals Haus und das seiner Eltern war nur leicht beschädigt und sie konnten weiter darin wohnen. Für sie ist alles schon Alltag und sie leben ihr Leben weiter. Ich habe das Gefühl, anders könnte man hier auch nicht leben.
Zeynap erzählt auf die Frage hin, was sie arbeitet, dass Kemal nicht will, dass sie arbeitete und sie seit dass sie mit der Schule fertig ist, Hausfrau ist. Hier scheint ein konservativeres Leben geführt zu werden, ganz anders als was wir gestern bei Ali in der Stadt erlebt haben.
Wir müssen zügig aufessen, denn bei seinen Eltern wartet schon Çay auf uns. Also noch Tee trinken mit seinen Eltern und seiner Schwester. Und Feigen essen und die obligatorischen Sonnenblumenkerne und leckere Chips - die meine neueste Obsession sind: MaraĆ Tarhanası. Chips aus der Stadt Kahramanmaras aus Yoghurt, Getreide und Thymian. Lecker. đ
Zwischendrin kommt noch der Paketmann, denn es werden Olivenöl, Oliven und weitere Spezialitäten abgeholt, die die Familie herstellt. Leider können wir keinen Kanister Olivenöl mitnehmen :(
Wir haben das Gefühl, dass sie mit diesem Geschäft ganz gut leben können.
Wir müssen noch mehrmals abwehren, dass wir nicht duschen wollen und über Nacht bleiben und irgendwann dürfen wir auch gehen. Natürlich bekommen wir Chips, Feigen und Wasser noch mit.
Was für ein schönes Erlebnis mal wieder, wir sind ganz beseelt, wie nett diese Leute hier sind, obwohl sie soviel weniger haben und sie solches Leid erfahren haben.
Einschub Vincent: bei der Verabschiedung nimmt mich Kemal beiseite und bedeutet mir ich darf seiner Frau nicht die Hand zur Verabschiedung geben. Einschub Ende.
Wir fahren schließlich noch 10km, finden einen okayen Schlafplatz und hoffen, dass die viele Hunde hier uns nachts nicht überraschen.
19:00 Uhr Ein Mann, namens Turgut hat noch angehalten und uns seine Nummer gegeben, falls wir Hilfe brauchen.
19:30 Uhr Achja, gerade kam noch ein Auto und lud uns in ein Haus ein. Aber wir haben nach 10min Überzeugungsarbeit abgelehnt. Manchmal ist das schwieriger als einfach anzunehmen, aber die Erlebnisse heute mussten erstmal wieder verarbeitet werden. Merke: wenn wir sagen, dass es im Zelt für uns beide "Romantic" ist, dann wird meist wissend-schlüpfrig gelacht und sie lassen es, zumindest mit der Übernachtungseinladung, bleiben. Was denken die Menschen, was wir nach 80 Kilometer bergauf und bergab radeln bei praller Sonne abends im Zelt machen, so ganz ohne Dusche nur mit Katzenwäsche, auf unseren aufblasbaren Matten?
Einschub Vincent: Vorschau: Am nächsten Morgen um 07:30 Uhr steht das gleiche Auto vom Vorabend wieder vor unserem Zelt und wird uns einladen wollen. Da ich an dem Morgen jedoch schon um 05:50 Uhr von einem kleffenden Hund geweckt wurde und um 06:10 Uhr ein wieder neuer netter Mensch vor mir steht und uns zum Frühstück einladen will, kann ich mit dem Typ vom Vorabend der um 07:30 Uhr auftaucht, ganz gut umgehen. Einschub Ende.
Zurück zum Abend und den netten Menschen :)
21:00 Uhr Die Ereignisse überschlagen sich:
Keine Zeit für Verarbeitung, denn Turgut und seine Frau sind vorbei gekommen, während wir hier im Dunklen sitzen. Sie haben uns selbst gepflückten Çay Tee aus den Bergen gebracht, getrocknete Feigen und weiteres Obst. Wir wissen häufig nicht, wie wir uns bedanken sollen. Dann sagen sie immer, dass es zu ihrer Religion gehört, anderen Menschen zu helfen und sich zu kümmern. Ein schönes Werteverständnis.LĂ€s mer
Tag 83: Pistazien
24 augusti 2024, Turkiet â
âïž 27 °C
Heute gefahren: 87km
Bisher gefahren gesamt: 4.671km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 1.453hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 44.810hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 21
Fahrtage gesamt: 62
Um 05:30 Uhr blicke ich das erste Mal auf meine Armbanduhr: "Warum bellt da so aggressiv ein Hund?" Fragt mich mein vernebelter Kopf .
Um 05:50 Uhr hat der Hund mich endgültig wach bekommen. Verschlafen und müde wanke ich aus dem Zelt. Ah ja, vom Grundstück nebenan bellt der Hund wie blöd rüber. Der bellt uns an und nicht freundlich. So ein großer unangenehmer Hund. Der soll Mal schön da bleiben wo er ist. Ist ihm auch offenbar erst jetzt aufgefallen, dass wir hier die ganze Nacht schon gewesen sind. Mistvieh.
Ich bereite das Frühstück vor. Um 06:10 Uhr fährt ein Auto vor, ein Mann steigt aus und redet auf türkisch los. Alter, es ist 06:10 Uhr und ich sitze hier im Schlafanzug, mit verquollenen Augen und will einfach nur in Ruhe Obst fürs Müsli schneiden. Wenn ich unsanft geweckt werde, brauche ich immer etwas bis ich einsatzbereit bin. Soweit ich seinen Ausführungen folgen kann will er mich unbedingt zum Frühstück einladen. Eine Toilette gibt es auch und eine Dusche. Er ist resolut und scheint keinen Widerspruch zu dulden. So viel türkisch verstehe ich mittlerweile. Da er kein Englisch oder Deutsch verstehen und ich kein Türkisch sprechen kann, muss ich mein Handy aus dem Zelt holen. Mann hab ich da jetzt Lust drauf. Ich mache vorsorglich schon Mal Kristina wach, wer weiß wo das hinführt. Weitere 15 Minuten später ist er weg und wir sind um 2 Kilogramm frische Trauben reicher. Es viel mir schwer freundlich zu bleiben, ich will doch einfach nur meine Ruhe!
Nach dem Frühstück taucht gegen 07:30 Uhr der Mann vom Vorabend auf und will uns erneut einladen. Wir können ihn erneut abwehren.
Wir kommen mit viel Obst im Gepäck los. Die Fahrt macht Spaß. Uns werden im Laufe des Vormittags nochmals Trauben geschenkt. Sehr süß, sehr lecker, sehr freundlich.
Wir haben gegen Mittag ordentlich Gegenwind. Daher machen wir auch bald eine Mittagspause. Wir holen uns eine neue und uns unbekannten Süßkram-Schweinerei mit Pistazien aus der Bäckerei nebenan. Wir knallen uns den Zucker rein, da dass Höhenprofil für den Nachmittag ca. 1.000 Höhenmeter im Anstieg verteilt auf 25km vorsieht.
Wir meistern die Steigung und finden in einem Bergdorf einen Schlafplatz. Wir zelten auf einer Bodenplatte von einem unfertigen Haus.
Wir haben schon gegessen und sind schlafbereit im Zelt, da kommt die Nachbarsfrau und bringt Ayran, Bratkartoffeln mit Sucuk, Brot und Içli Köfte (so lecker - die wollte ich die ganze Zeit schon probieren). Also 2. Abendessen und nochmal Zähneputzen :)
Ansonsten sind sie Nachbarn sehr nett und unaufdringlich. Einzig auf dem Acker nebenan mußte kurz vor Einbruch der Dunkelheit noch gepflügt und Steine gelesen werden. Was für ein Krach! (siehe Video).
Da kommt gerade ein Oberbabbo (wir nennen ihn den Pistazienbaron), der von dem Feldarbeiter mit Kuss auf Stirn und Hand begrüßt wird und uns frische Pistazien schenkt. Er sagt, wir könne so lange bleiben wie wir wollen und wenn wir irgendwas brauchen, sollen wir im Haus nebenan klopfen. Er regt sich kurz darauf auch über de.än Lärm auf, gibt ein Zeichen und schon sind die Acker arbeiten erledigt. Ahhhhjaa.
Hier in der Region tauchen die ersten Pistazienbäume auf. Diese werden uns die nächsten Tage begleiten.
Schon mal als Teaser - es gibt weibliche und männliche Bäume und die Türkei ist nach den USA der größte Pistazienexporteur.LĂ€s mer

ResenĂ€rVielleicht mĂŒssen all diese aufdringlich-freundlichen Menschen einfach nur dringend ihr Karma-Konto aufbessern đŹ

Vincent HckrDas ist wirklich sehr lieb, nur leider sind wir nicht immer rund um die Uhr dafĂŒr empfĂ€nglich
Tag 84: Gaziantep
25 augusti 2024, Turkiet â
âïž 31 °C
Heute gefahren: 37km
Bisher gefahren gesamt: 4.708km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 375hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 45.285hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 21
Fahrtage gesamt: 63
Die Nacht auf der Bodenplatte war überraschend bequem und gut. Wir machen ausgiebig Frühstück und in den Nachbarshäusern ist es noch still. Als wir dann am Zusammenpacken sind, kommt Frühstück Nr. 2: wieder leckeres frisches Brot und ein sehr süßer Milchreis. Wir waren noch so satt, dass wir den Milchreis eingepackt haben und dann später zu einem Kaffee in Gaziantep gegessen haben.
Die Strecke nach Antep - wo wird die Stadt in der Kurzform auch genannt - war sehr schön und auch nicht viel Verkehr. Zudem ging es angenehm bergab. Und es war super an einem Sonntag in die Stadt zu fahren, denn sie ist größer als gedacht mit teils 3- und 4-spurigen Zubringern in die Stadt.
In Antep haben wir die Zeit bis zu unserem Check in einem Café verbracht, Footprints geschrieben und Leute beobachtet.
Der Kontrast von einem Dorf in einer Stadt zu sein ist schon immer sehr groß: Pärchen laufen Händchen haltend umher, auch Männer kümmern sich um die Kinder, hip gekleidete Menschen.
Und dafür, dass Antep auch stark vom Erdbeben betroffen war, hat man der Stadt nicht angesehen. Ab und an Schuttfelder, wo vermutlich früher Gebäude standen aber kein Vergleich zu Hatay.
In unserem AirBnb gehen wir erstmal unserer Waschroutine nach und dann noch in die iranisch-syrische Straße. Sehr wuselig, sehr viel leckeres Essen und sehr männerdominiert. Es sind kaum Frauen an diesem Sonntagabend auf den Straßen und ich fühle mich doch sehr angestarrt. Eigentlich kenne ich das noch aus dem Libanon aber mir stört es deutlich mehr. Warum auch immer.
Zum Abendessen gab es dann noch Tavuk-Döner und danach auf unserer Terrasse unsere obligatorische Wassermelone.LĂ€s mer

ResenĂ€rDas ist die Familie, von der wir abends und morgens mit Essen versorgt wurden. Der Mann hat fĂŒr den Pistazienbaron gearbeitet :)

Hallo Krissi, vielleicht solltest Du Dich etwas verhĂŒllen (so ne Art Burka)??? Oder Wickeltuch [Birgit]
Tag 85: Gaziantep erkunden
26â27 aug. 2024, Turkiet â
đ 32 °C
Heute gefahren: 0km
Bisher gefahren gesamt: 4.708km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 0hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 45.285hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 22
Fahrtage gesamt: 63
Wie immer in den Wohnungen, frühstücken wir sehr ausgiebig mit frischem Brot und Simit, dann verbringen wir den Tag damit durch verschiedene Viertel zu schlendern.
In Antep wird viel eingekauft - der Basar ist etwas moderner, eher wie unsere Fußgängerzonen nur mit sehr viel mehr Geschäften. Wie immer, aufgeteilt nach Bereichen: Schuhe, Gardienen, Kleidung, Hochzeitskleider, normale Modeketten, Handys, Handybedarf, Gewürze, Spielsachen, Kupferkochuntensilien, die live hergestellt werden usw. Es gibt wirklich alles.
Da Antep DIE Stadt for türkische Desserts ist, probieren wir hier noch Katmer. Baklava findet man noch häufiger aber Katmer ist speziell. Oh Mann, war das lecker!
Filoteig wird hauchdünn ausgerollt, mit Kajmak (schwer zu beschreiben, am ehesten kommt noch die englische clotted cream ran) bestrichen und zerhackten Pistazien und Zucker bestreut. Dann wird der Teig als großes Päcken zusammengeklappt und im Steinofen gebacken. Dazu gibt es ein Glas Milch. Es wird als Frühstück oder Dessert gegessen.
Der Tradition nach essen das Eheleute nach der ersten gemeinsamen Nacht. Ahhjaa.
Abends gibt es dann noch eine leckerer Portion Hummus mit Falafel im syrischen Viertel und wir sitzen noch auf unserer Terasse, um die Lichter zu bestaunen.
Denn an Sehenswürdigkeiten gibt die Stadt wesentlich weniger her als gedacht.LĂ€s mer

ResenÀr
đ€€đ€€đ€€đ€€đ€€Bitte einmal in den Zug von Barcelona nach Vigo. können sie dort auch guten Kaffee?

ResenĂ€rĂberall gibt es Ăay - also schwarzen Tee traditionell mit viel Zucker. TĂŒrkischen Kaffee gibt es auch und der ist lecker aber manchmal aufwendiger ihn zu bekommen. Also kurz gesagt: wir freuen uns wieder auf guten Kaffee!
Tag 86: FrĂŒher in Sanilurfa
27 augusti 2024, Turkiet â
âïž 35 °C
Heute gefahren: 61km (+70 mit Bidar)
Bisher gefahren gesamt: 4.769km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 435hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 45.720hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 22
Fahrtage gesamt: 64
Wir kommen gegen 11:00 Uhr in der Unterkunft los. Der Stadtverkehr raus aus Gaziantep ist anstrengend und wuselig. Lt. Höhenprofil geht es die nächsten 60 Kilometer gemächlich bergab. Immer entlang der großen Landstraße, die eher einer deutschen Autobahn ähnelt. Nach der Abfahrt kommt jedoch lt. Höhenprofil die unbarmherzige Steigung. Wir fahren und haben gegen 13:00 Uhr den tiefsten Punkt der Tour erreicht. Ein Ort durch den der Euphrat fließt. Der Euphrat ist der größte Strom Vorderasiens. Er fließt vom Golf von Persien via Irak und Syrien bis in die Türkei. Die Sonne brennt heute besonders stramm und wir wären auch bereit, irgendwo mitzufahren. Bergauf radeln in der Nachmittagshitze brauchen wir gerade nicht. Also sollte uns jemand fragen, sagen wir nicht nein. Der Zufall sendet uns zu Beginn der Steigungen einen weißen Transporter.
Bidar fährt in seinem weißen Transporter erst neben mir und macht kurz ein paar wilde Zeichen. Dass Menschen uns während der Fahrt irgendwas zu rufen kommt täglich vor. Meist verstehe ich kein Wort. Ich bin mit ca. 20 km/h unterwegs. Mein eigener Fahrtwind ist laut, der Straßenlärm durch die LKWs ist zusätzlich laut, wenn dann ein Auto mit 70 km/h an mir vorbeirauscht und jemand etwas ruft kann ich nur erahnen worum es geht. Meist lachen die Menschen dabei und ich hoffe sie meinen es nur positiv. Bidar jedenfalls, gestikuliert und grinst. Anschließend überholt er und bleibt vor uns auf dem Seitenstreifen stehen. Er streckt den Daumen raus. Kristina ist im mentalen Hitze-Delirium, checkt nichts und will schon zum überholen ansetzen.
Einschub Kristina: Die Nacht zuvor leider nicht gut, ich musste mich übergeben und mein Bauch tat weh, morgens war es etwas besser aber 4h unruhiger Schlaf sind keine guten Voraussetzungen. Aber im Fahren wurde es dann besser. Und am Nachmittag ging es mir wieder komplett gut. Einschub Ende
Bidar fährt nach Sanilurfa und hat noch Platz in seinem Transporter. Wir legen unsere Räder hinein und schon brausen wir mit 90 km/h über die Straße. Wir sitzen vorne zu dritt, die Fenster sind unten und wir schweigen.
In Sanilurfa holen wir Alican, den Sohn von Bidar, ab und werden ins Stadtzentrum gebracht. Alican gibt uns eine kleine Stadtführung und sein Onkel mit Neffe kommen auch hinzu. Onkel und Neffe kommen aus Bursa und sind nur zu Besuch, da der Großvater verstorben ist. Schon sitzen wir bei Kaffee in der Innenstadt von Sanilurfa und tauschen uns via Google Translate über alles mögliche aus. Der Onkel betreibt eine Bäckerei in Bursa und wir erfahren viel über die türkische Küche und die regionalen Kebab-Unterschiede (am Spieß, mit Tomate, mit Aubergine, gehackt etc.).
Unsere Hotel liegt gleich nebenan und die drei begleiten uns noch bis zum Hotel.
Wir machen uns frisch und holen uns noch einen Dürüm. Danach lassen wir den Abend vor unserem Hotelzimmer auf der Terrasse ausklingen.
Sanilurfa ist bekannt ein Wallfahrtsort für viele Muslime, weil Balıklıgöl (eine Teich- und Parkanlage) mit Abraham in Verbindung gebracht wird. Abraham ist einer der wichtigsten Propheten im Islam.
Der Legende nach warf Nimrod (ein König der früheren Zeit) Abraham ins Feuer, nachdem der Prophet sich weigerte, seiner Religion zu folgen. Doch Abraham überlebte die Flammen, da das Feuer in Wasser verwandelt wurde und das Brennholz zu den Karpfen wurde, die heute im Teich schwimmen. Die Karpfen gelten als heilig, und es ist den Besuchern nicht gestattet, sie zu fangen oder zu essen. Stattdessen wird dazu ermutigt, die Fische zu füttern.LĂ€s mer

ResenÀr
Wie freundlich sie alle wirken! Schön, dass ihr solch guten Leuten begegnet.
Tag 87: Pausentag in Sanilurfa
28 augusti 2024, Turkiet â
âïž 37 °C
Heute gefahren: 0
Bisher gefahren gesamt: 4.769km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 0
Höhenmeter im Anstieg bisher: 45.720hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 23
Fahrtage gesamt: 64
Wir frühstücken und beschließen dass wir einen weiteren Pausetag einlegen.
Wir lassen uns über den Markt treiben. Dort gibt es alles. Ich zähle unsortiert auf, an was ich mich noch erinnern kann: Kleidung, Miederwaren, Tabak, Tauben, Schuss-, Hieb- und Stichwaffen, Stoffe, Vorhänge, Teppiche, Schuhe, Autoteile, Gepäcktaschen für Motorräder, Fahrradteile, Fahrräder, Zinnbecher, Zinnteller, Küchenartikel, Gastronomiebedarf. Schuhreparaturen, Näharbeiten und Massagen sind die Dienstleistungen die angeboten werden. Also zumindest die, die wir gesehen haben.
Als wir gestern mit dem Auto nach Sanilurfa gefahren wurden, haben wir einen Radreisenden am Straßenrand gesehen. Den haben wir heute durch Zufall getroffen. Fred, ein Engländer, der von London nach irgendwo Asien radelt. Wir sind zusammen durch Sanilurfa spaziert und haben dann noch einen Kaffee getrunken. Fred ist sehr angenehm und der Austausch hat Spaß gemacht. Vielleicht treffen wir uns in Mardin wieder.
Nach der Pause mit Fred lassen wir uns weiter treiben. Wir kommen in Gegenden in denen nur noch arabische Schriftzeichen an den Läden hängen. Hier entdecken wir einen Falafel-Laden, den wir später nochmal aufsuchen.
Viele Menschen kommen hier aus Syrien - entweder in den letzten Jahren geflüchtet oder viel mehr hier geboren und aufgewachsen aber ihre Vorfahren sind schon aus Syrien in die Region gekommen.
Doch vorher suchen wir uns noch ein Dessertrestaurant und probieren lokale Pistazien-Spezialitäten. Die Sachen sind nicht so süß wie sie aussehen und unheimlich lecker. Die Region ist für den Anbau von Pistazien bekannt und das müssen wir ausnutzen. Kristina isst Pistazieneis mit einer Art Pistazien-Baklava (Billurye). Ich esse heißes Pistazien-Künefe mit Pistazieneis.
Die Falafel im Anschluss schmecken großartig und wir beenden satt und seelig unseren Sanilurfa-Pausentag mit einem Spaziergang auf den Berg der Stadt. Wir genießen die abendliche Stimmung und eintretende kühle des Abends.
Die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit ist Göbekli Tepe in der Nähe von Sanilurfa. Es ist eine Ausgrabungsstätte mit den wohl ältesten Nachweisen menschlicher Architektur ca. 9000 v.Chr. und damit älter als Stonehenge.
Wir haben es nicht besucht, da wir gehört haben, dass es sich nicht wirklich lohnt, wie bei allem türkischen Sehenswürdigkeiten nichts erklärt wird und viele der Artefakte in Museen gelandet sind.LĂ€s mer

ResenÀr
wie teuer ist den dort ein Döner o.À.? Hier zwischen 7,50 und 9,00⏠aktuell
Tag 88: Kurze Tage in Mesopotamien
29 augusti 2024, Turkiet â
đ 33 °C
Heute gefahren: 134km
Bisher gefahren gesamt: 4.903km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 749hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 46.469hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 23
Fahrtage gesamt: 65
Wir verabreden uns mit Fred die heutige Strecke zu fahren.
Laut Aushang soll es um 7:30 Frühstück geben - um 7:35 Uhr sitzen wir an „unserem“ Tisch. Nichts tut sich. Ich bezahle unsere Nacht an der Rezeption und die Jungs der Nachtwache schälen sich aus den Sesseln und ziehen ihre Schuhe an. Ich frage, ob wir Frühstück bekommen können, weil wir mit den Rädern los müssen. Mmh, anscheinend nur so halb verständlich mit Google Translate.
Um 7:50 läuft die Frühstücksdame an uns vorbei…ah ja. Ab nun tut sich etwas, um 8:15 Uhr wird schließlich der Tisch aufgetragen. Wieder sehr, sehr lecker und reichlich aber die 45min hätten wir gerne noch länger geschlafen.
Um 9:45 geht’s dann schließlich los und wir treffen Fred. Mal wieder ab auf einen Highway. Erst noch recht viel Landwirtschaft in Form von Hühner Farmen und jede Menge anderer Firmen, dann wird es schon fast wüstenartig. Und die Sonne brennt. Viel gibt es nicht auf dem Weg-wir stoppen bei einer Moschee zum Wasser auffüllen. Kurz danach hat Fred einen Platten, er klebt wir fahren weiter. Auf dem Weg finden wir noch eine kleine Wassermelone - ab in mein Körbchen und die Berge hinauf (Training!).
Wir sind mittlerweile in (türkischen) Mesopotamien, das kulturelle Gebiet zwischen den beiden großen Flüssen Euphrat und Tigris.
Wir komme super gut voran und machen in der einzigen Stadt Viransheir auf dem Weg Pause.
Wir kaufen wieder Pide und es ist mit Abstand das leckerste auf unserer Reise!!! Es schmeckt vermutlich doppelt so gut, denn wir hatten schon 90km auf dem Tacho und es war die erste Pause nach dem Frühstück.
Während Vincent im Supermarkt für unser Picknick einkauft werden uns 2 Flachen Wasser und 2 eiskalte Eistee geschenkt. Ich scheine wieder sehr durstig und fertig auszusehen :) selten war ein so zuckriger Eistee so lecker.
In einem Park machen wir es uns gemütlich, ein Typ kommt zu uns und bringt uns eine große Flasche kalten Wassermelonen-Eistee und will uns zum Essen einladen. Wir lehnen ab und trinken mehr Zuckerpampe - lecker.
Dann kommt noch ein Junge mit seiner Tante vorbei und erzählt, dass er aus Schweinfurt kommt und seine Tante besucht. Er kann nicht glauben, dass wir 5.000km mit dem Rad gefahren sind und macht ein Video von uns für seine Familie. Zitat des Tages: „5.000km? Wir hätten die 3.400km fast nicht mit dem Auto geschafft!“ đ
Alle fragen auch immer sehr lieb, ob sie uns helfen können aber meist benötigen wir nur Schatten und Wasser.
Am Ausgang der Stadt treffen wir Fred wieder. Er sieht fertig aus, fährt aber mit uns weiter.
Die Strecke ist dankbar. Auf einem Parkplatz winken uns Männer mit Wasserflaschen heran (sehen von der Ferne kalt aus - dafür sind wir immer zu haben). Sie kommen aus dem Irak und waren irgendwo in der Türkei. Sie gaffen mich unverhohlen an und wollen Selfies mit uns und mir machen. Sie sind aber super nett und versorgen uns mit kaltem Wasser und leckeren Nüssen!
Wir heizen weiter, hinter uns geht schon langsam die Sonne unter - ein riesiger roter Ball.
Wir merken, dass unsere Tage kürzer werden, hier im Südosten benötigen wir gegen 18 Uhr spätestens einen Schlafplatz, um 19:15 ist es stockdunkel.
Also brauchen wir einen Schlafplatz. Weit und breit nichts, auch nicht wirklich Bäume für Schatten und keine Wasserstelle. Fred hat sich in der nächsten Stadt - noch 30km entfernt - einen Warmshower Host klar gemacht. Wir wollen nicht weiter fahren, denn das Garmin zeigt schon 130km. Da tut sich eine Tankstelle mit verlassenen Restaurant, Moschee und Wasserstelle aus.
Ist zwar direkt an der Straße aber besser als nichts. Wir richten uns auf der Terrasse des verlassenen Restaurants ein.
Fred fährt weiter und wir werden uns auch nicht mehr sehen. War auf jeden Fall eine schöne Abwechslung mal mit jemandem zu fahren.LĂ€s mer

ResenÀr
Tolles Foto, der farbliche Kontrast Himmel/Erde! wenn das Foto unbearbeitet sein sollte

ResenĂ€rUnbearbeitet - alles real! FĂŒr Bearbeitungen sind wir zu faul :)))

ResenĂ€rHab ich jetzt was verpasst? Lese eigentlich schon immer alles genau.. aber jetzt hab ich den Faden verloren đwer oder was ist Fred und heizen und der Junge aus Schweinfurt?

ResenÀrWir haben aus Versehen unsere Notizen hochgeladen - der richtige Text mit allen ErklÀrungen folgt

ResenÀr
Ohh das sieht sehr lecker aus. (Danke fĂŒr das Foto, hatte mal danach gefragt vor ein paar Posts)
Tag 89: Tag des Sieges in Mardin
30 augusti 2024, Turkiet â
đ 29 °C
Heute gefahren: 61km
Bisher gefahren gesamt: 4.964km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 771hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 47.240hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 23
Fahrtage gesamt: 66
Die Nacht war leider wahrlich eine Truckernacht. Sehr viel Verkehr auf diesem Rastplatz und trotz Oropax war der Verkehr für mich unüberhörbar.
Aber heute Abend werden wir in Mardin und in einem Hotel sein, daher gute Aussichten. Bis dahin erstmal 20km geradeaus und dann kam ein Horroranstieg. Mardin liegt auf einem Berg mit sehr steilen Straßen - teilweise über 15% windet es sich hoch. Und obwohl es vormittags war, waren es schon über 30 Grad. Mardin liegt nur noch ein paar km von der syrischen Grenze entfernt und ist eine der heißesten Städte in der Türkei.
Echt eine Qual und hat sehr an meiner Motivation gezogen nach dieser schlechten Nacht. Aber es kommt noch härter…
Endlich sind wir halbwegs in der Altstadt, halten wir erstmal bei einer Bäckerei (Firni). Wir kaufen Brot, aus Mitleid schenken sie uns noch Lahmacun, so elendig sehen wir aus.
Dann sollen wir laut Google Maps in die nächste kleine Straße abbiegen (weil viele kleine Gassen angezeigt werden haben wir extra den „ich bin ein Auto-Modus“ angemacht, damit wir gut und problemlos durchkommen).
Wir finden uns wieder in Ministraßen, die senkrecht nach oben gehen. Stellweise ist es so steil, dass unsere Sandalen keinen Halt mehr am Boden haben und wir beim schieben der Räder andauernd wegrutschen. Ahhh ja. Aber es gibt noch Autos. Also werden wir den restlichen einen km doch zu unserem Hotel kommen. Sollte man meinen…
Wir enden dank Google in Straßen mit TREPPEN! Und nicht nur einer sondern Hunderter. Hier können keine Autos fahren. Google stimmt hinten und vorne nicht mehr. Wir hieven unsere Räder rauf und runter und kommen nur sehr langsam voran. Wir schwitzen, fluchen und sind komplett fertig. Nach mehr als einer Stunde kommen wir endlich in unserem Hotel an.
Fahrräder nochmal über Treppen nach unten wuchten (die müssen wir morgen natürlich wieder hoch, aber das Hotel ist nur über Stufen erreichbar, aber nicht soviele, die wir genommen haben!).
Dann erholen wir uns erstmal auf der Terrasse mit einem Kaffee und den lokalen Keksen (Suryani) mit Gewürzen und Dattelkern.
Nach der Pause sind wir bereit für die nächste Trainingseinheit: Treppensteigen, um Mardin zu erkunden. In der Stadt ist viel los, die Straße (ja, es gibt sie!) ist dauerhaft verstopft, rechts links reihen sich Restaurants und Geschäfte und jede Menge türkischer Touristen sind unterwegs. Augenscheinliche Ausländer sehen wir keine - nur später in unserem Hotel treffen wir einen älteren englischen Touristen, der Südost-Anatolien erkundet.
Mardin ist aufgrund der malerischen Altstadt häufig Kulisse für türkische Filme. Wie so viele Altstädte, leben hier die wenigsten Menschen, denn die Gebäude instand zu halten oder erstmal wieder aufzubauen ist teuer und aufwendig. Im Bau in den alten Gassen werden Mulis/Esel verwendet, um z.B. Zement zu transportieren. Daher stehen viele Gebäude leer oder sind in schlechten Zuständen.
Wir spazieren durch die Gassen, trainieren unsere Pomuskeln und erleben auf dem zentralen Platz eine kleine Feier: Menschen schwingen die türkische Flagge (wir stauben auch eine ab und fahren sie seitdem umher) und tanzen.
Auch untertags haben wir uns gewundert, warum überall soviel türkische Flaggen zu sehen sind (mehr als sonst). Heute wird „Tag des Sieges“ gefeiert. Es ist sogar ein nationaler Feiertag. Hier wird der Sieg über die Besatzung Griechenlands 1922 gefeiert (natürlich unter Atatürk Kommando): https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tag_des_Sieges_…
Der beste Teil des Artikels: Die Feierlichkeiten werden in und außerhalb von Ankara vom „Komitee für nationale und gesetzliche Feiertage, lokale Befreiungstage, Atatürk-Gedenk-Tage und historische Feiertage“ gestaltet. Also das Eventteam des türkischen Staates?LĂ€s mer

ResenÀr
Ihr könnt ja noch lachen nach euren Treppen +steile StraĂen Marathon đwie gut das es immer so gutes Essen gibtđGibt es immer noch soviel Pistazien- Leckereien?
Tag 90: Zwei-Schichtbetrieb
31 augusti 2024, Turkiet â
âïž 36 °C
Heute gefahren: 106km
Bisher gefahren gesamt: 5.070km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 1.101hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 48.341hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 23
Fahrtage gesamt: 67
Der Tag:
An Tag 90 unserer Radtour radeln wir von Mardin nach Diyarbakir. Der Tag läuft gut und weitestgehend unspektakulär ab. Daher auch nicht allzu viele Fotos vom Tag. Da ist also noch Platz für Aufnahmen aus Mardin. Bitte nicht wundern.
Der Abend:
Wir kommen spät in Diyarbakir an und finden mit Einbruch der Dunkelheit einen Schlafplatz. Wir stehen vor einem Hochhaus mitten in einem Wohngebiet und die Bewohner interessieren sich für uns. Kurzerhand wird uns Abendessen gebracht (Pasta von der einen Frau und Auberginenauflauf von der anderen Frau) und die Frauen aus zwei Wohnungen sitzen mit uns zusammen und schneiden 75kgTomaten die sie auf dem Markt gekauft haben. Daraus wird eine Tomatenpaste gemacht: schneiden, in Tonnen 2 Tage in der Sonne brutzeln lassen, dann kochen.
Mit dem obligatorischen Ofen wird Tee für alle gekocht. Die Stimmung ist ausgelassen, nett und wir unterhalten uns via Google über die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und der Türkei. Der Vater der Familie arbeitet als Bauarbeiter im Westen des Landes und ist oft zwei bis drei Monate am Stück unterwegs. Der älteste Sohn (Hakim) passt auf die Schwestern und die Mama auf und ist in der Zeit der Mann im Haus. Helen, die eine Schwester, ist Mitte 20 und ist sehr viel liberaler als die restliche Familie. Sie ist sehr interessiert daran wie das Leben in Deutschland so ist, trägt keine. Kopftuch und begehrt etwas mit den Konventionen der Familie auf.
Ihr Traum wäre in Deutschland zu arbeiten. Ein Traum von sehr vielen, die uns begegnen. Sie sehen meist keine Zukunft in ihrem eigenen Land.
Irgendwann zischt mir Kristina zu: "Mir geht's nicht gut."
Je später es wurde desto größer wurde der Sitzkreis vor dem Haus und unserem Zelt. Eine Frühstückseinladung haben wir von Hakan zwischenzeitlich auch erhalten.
Wo also sich oben und/oder unten (gleichzeitig bzw. im Wechsel) erleichtern, wenn überall neugierige Menschen sitzen die zu später Stunde die kühle Luft genießen - mitten im Wohngebiet? Hat dann irgendwie geklappt und im Laufe der nächsten Stunden musste Kristina immer wieder raus. Ein häufchen Elend neben mir im Zelt. Die Nacht war unruhiger als jene im Autobus. Nicht weiter schlimm und gut, dass der Spuk nach 2 Tagen auch wieder vorbei war.
Die Nacht:
Wir wurden die Nacht über im 2-Mann-Schichtbetrieb bewacht, damit uns nichts passiert. Zwei Typen der beiden Familien, unter anderem Hakan, saßen auf zwei Balkonen und haben sich abgewechselt. Jedesmal wenn Kristina raus musste, hat einer der beiden vom Balkon geguckt. Ich habe jedesmal gewunken, einer der beiden hat zurückgewunken. Sehr nett, aber auch unnötig. Die Gegend war total harmlos und ein reines Wohngebiet. Sie haben uns nur das Gefühl von Sicherheit geben wollen. Am nächsten Morgen sollte ich dann auf Wunsch von Kristina die Einladung zum Frühstück bei Hakan abwehren. Mein Frühstücks-Ablehnungsantrag (Begründung: Frau musste sich übergeben, daher jetzt kein Frühstück) wurde von Hakan mit den folgenden Worten abgelehnt: "I saw it. Lets have breakfast." Auch Kristina gelang es nicht, die Einladung abzulehnen. Also gingen wir am nächsten morgen in die Wohnung zum Frühstück.
Letztlich war das Frühstück total nett und herzlich. Genauso wie der Abend zuvor.LĂ€s mer

ResenÀr
Ich habe mich schon gewundert wie viel 75 kg Tomaten so sind. Ok, das sind wirklich viele Tomaten. Faszinierend wie viel ihr aus den Leuten mit google translate rausbekommt
Tag 91: Willkommen in Kurdistan
1 september 2024, Turkiet â
âïž 37 °C
Heute gefahren: 35km
Bisher gefahren gesamt: 5.105km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 488hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 48.829hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 23
Fahrtage gesamt: 68
Es gab schon bessere Morgen und bessere Nächte. Mir ist immer noch übel, ich knabbere beim Frühstück an ein paar selbstgemachte Pommes (Kartoffelspalten frittiert in der Pfanne). Dabei gab es so leckere Sachen - von Rührei über Käse und natürlich Gemüse.
Während wir im Wohnzimmer essen, liegen auch die beiden Jungs auf dickeren Matten und schlafen im Wohnzimmer. Obwohl die Wohnung groß ist, haben nur die größeren Kinder eigene Zimmer.
Wir bzw. ich habe entschieden, dass wir trotz meines Unwohlseins weiterfahren. Noch ein kurzer Zwischenstopp beim Supermarkt mit einer sehr netten Kassiererin, die Englisch und Französisch spricht und Vincent einen Kaffee macht.
Dann geht’s los, wir lassen Diyarbakır hinter uns und schlagen uns durch irre Hitze. Nach 20km muss ich mich erstmal hinlegen, dann geht’s nochmal 17km nach Egil - eine Art Wallfahrtsort, weil hier Propheten begraben sind. Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen, denn wir brauchen beide unbedingt guten Schlaf.
Zweimal an diesem Tag haben wir noch Handys von fremden Menschen in der Hand, die ihre Verwandten in Deutschland anrufen und das Handy an uns weiterreichen. Einfach so. Das passiert häufiger mal. Bemerkenswert: Das Gegenüber geht auch immer ans Telefon.LĂ€s mer

ResenĂ€rHabt ihr guten Schlaf gefunden? Habe die leute aus deutschland mit denen ihr telefonieren mĂŒsst dann auch schon lokale deutsche dialekte angenommen?
Tag 92: Eine andere Seite der TĂŒrkei
2 september 2024, Turkiet â
âïž 31 °C
Heute gefahren: 66km
Bisher gefahren gesamt: 5.171km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 1.565hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 50.394hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 23
Fahrtage gesamt: 69
Wir haben gut geschlafen, allerdings habe ich immer noch Bauchschmerzen und muss mich während unserer Morgenroutine mehrmals hinlegen und ausruhen.
Also noch eine kleine Ibuprofen und Toilettengang, dann ging es schon besser.
Es geht erstmal gut bergauf, wieder in einer sehr schönen Landschaft und später biegen wir auf eine Route abseits der großen Straßen ein. Das erste Mal, dass wir „weiße“ Straßen fahren - die Route fahren wir auf Empfehlung eines Blogs eines anderen Radreisenden (https://esc-now.de).
Es ist sehr einsam und teilweise sehr steil. Nichts da mit gemäßigten Bergen, sondern immer wieder kleine, sehr steile Rampen. Es gilt: Schwung der Abfahrt mitnehmen. Wir fahren durch sehr kleine, ärmliche Dörfer.
Der Unterschied Stadt-Land in der Türkei ist sehr ausgeprägt. Deutlich konservativer, was sich natürlich durch Arbeitsteilung zeigt, z.B. sind Frauen mit den Kindern unterwegs, Frauen sind am Tun und Machen, Kinder arbeiten regelmäßig in den Minimärkten und in der Landwirtschaft mit (wesentlich ausgeprägter als bei uns mal Bulldog fahren und hoffentlich ist das nur so in den Ferien), Männer sitzen in Männer-Çay-Cafés (viele Ältere/ Rentner aber auch Jüngere). Viele Generation wohnen unter einem Dach, die Familien versorgen sich mit der eigenen Landwirtschaft und alle Naturprodukte werden verwertet. Da ist das Stadtleben weit entfernt.
Und auch Stadtleben ist nicht einfach, sondern für viele prekär: Teurere Mieten, noch engerer Raum, prekäre Job-Bedingungen, teurere Einkaufsmöglichkeiten als auf dem Land.
Manchmal haben wir das Gefühl, dass die Menschen auf dem Land das erste Mal Reisende, Touristen gesehen haben - und auf dem Fahrrad schon gar nicht. In den Gesprächen mit den Einheimischen zeigt sich auch, dass wir teilweise bereits viel mehr von ihrem Land gesehen haben als manche Türken von der Türkei.
Die Landschaft und der Weg sind weiterhin wunderschön, wir passieren kleine Pässe und Schluchten und Gebiete, wo Marmor abgebaut wird (daneben ein italienisches Unternehmen aus Milano, was den Marmor anscheinend vertreibt soviel zu „echtem“, italienischen Marmor).
Auf dem Weg sprießen immer wieder kleine Neubaugebiete mit Einfamilien- oder Mehrfamilienhäuser aus dem Boden. Teilweise unbewohnt, teilweise bewohnt. Weit weg von allem. Uns ist unklar, wer da lebt, leben möchte oder soll…
Wir halten am Abend an einer Moschee zum Wasser auffüllen und treffen auf die Familie (des Imams?), die nebenan wohnt. Er kann rudimentäres Englisch und füllt gerade selbst Wasser auf. Der kleine Sohn ist ganz begeistert von Vincent und dann kommt die ca. 8-jährige Tochter mit Down-Syndrom um die Ecke gewackelt und kommt auf Vincent zu und umarmt ihn mehrmals herzlich. Mir geht das Herz auf, wenn ich noch an die Szene denke.
Und wieder: Die Familie lebt einfach, ärmlich und doch scheinen sie glücklich und zufrieden. Ich vermag mir nicht vorzustellen, wie viel schwieriger es ist in der Türkei mit einem behinderten Kind in der Pampa zu leben. Ich glaube nicht, dass es hier Förderungen etc. gibt.
Danach suchen wir uns noch eine Wiese, um rechtzeitig vor Sonnenuntergang unser Zelt aufzuschlagen. Wir sind auf einem Feld näher einer kleinen Dorfstraße und anscheinend hat jemand die Jandarma verständigt - klar, Pampa und zwei zwielichtige Radfahrer mit Zelt!
Während wir gerade im Dunkeln beim Zwiebeln schnippeln sind, kommt ein Jandarma-Auto mit 3 Polizisten. Wir sind gespannt, was nun kommt. Bisher wurden wir noch keine von einem Zeltplatz vertrieben, es gibt immer ein ernstes Mal =)
Sie lassen kurz ihre Sirene aufheulen am Auto und kommen über das Feld. Einer bewacht das Auto. Wir gehen offenherzig, winkend und freudestrahlend mit unseren Stirnlampen auf sie zu. Natürlich können sie kein Englisch. Bzw.einer sagt er versteht etwas aber kann nicht sprechen. Wir erklären, dass wir nur Touristen sind und eine Nacht hier schlafen wollen. Das interessiert sie gar nicht so sehr. Der eine will erstmal die Marken unserer Fahrräder wissen. Ahhh ja. Als ob er etwas mit einer deutschen Fahrrad-Manufaktur anfangen könnte, Cube vllt schon eher aber natürlich auch nicht.
Sie sagen, wir sollen sie jederzeit anrufen (112), wenn wir „Security Problems“ haben sollten. Wir versichern, dass die Türkei toll ist, wir nur gute Erfahrungen gemacht haben und freuen hier zu sein. Wir meinen zu verstehen, dass sie auch noch „Fort Knox“ Bescheid geben, denn kurz vor der Moschee war auf dem Berg eine riesige Sicherheitsburg mit Aussichtstürmen, Stacheldraht, gepanzerten Fahrzeugen aufgebaut. Eine Militär/Jandarma-Station, die keine Ahnung was bewachen. Wir sind im Nirgendwo. Unklar, was hier passieren soll. Ich vermute wir waren das größte „Sicherheitsvorkommnis“ des Tages.
Aber besser so als unsicher und unfreundlich.LĂ€s mer









































































































































































































































































