Spuren
17 juin, Allemagne ⋅ ⛅ 26 °C
Liebes Tagebuch. Heute morgen bin ich aufgewacht und irgendwas war komisch. Ich hatte dollen Druck auf den Ohren, in den Nebenhöhlen und Rotz lief aus der Nase. Dazu fühlte ich mich ziemlich platt. Oh bitte nicht krank werden. Ich hatte mich und meinen Körper doch gestern so gut belohnt. Offenbar wollte er mehr Belohnungen. Na gut. Er hatte bis jetzt ja auch alles gegeben. Ich entschied meinen Plan für heute zu verwerfen. Anstatt schnell nach Bingen zu kommen, einzukaufen und dann auf den Soonwaldsteig zu spazieren buchte ich mir ein Zimmer und ließ es ganz sachte angehen. Bis dahin waren es immer noch 16km...
Schlapp fing ich an meine Sachen zu packen und wurde durch ein Regenschauer dabei unterbrochen. Na dann ist das Zelt wenigstens noch nass geworden. 😅 Erst gegen halb neun setzte ich mich in Bewegung. Alles war schwerfällig und ich fühlte mich nicht ganz anwesend. Natürlich ging es erstmal steil den Hang hoch. Schweiss lief in Strömen. Pause. Trinken. Weiter. Nach einer Stunde oder so kam eine Hütte. Ich braute mir einen brisanten Mix aus Koffein und Elektrolyten zusammen und schüttete ihn in meinen Leib. Er wirkte etwas. Der Weg bestand immerhin aus viel breiten Forststrassen, so dass ich wenigstens nicht viel aufpassen musste. Eine Wanderin kam mir entgegen und versuchte ein Gespräch anzufangen. Aber irgendwie fiel es mir auch schwer zu reden. Ihre Stimme hämmerte in meinen Gehörgängen. Aua. Ich brütete wohl wirklich etwas aus. Ich ging weiter. Es war mittlerweile schon drückend heiss. Jeder Schritt eine Aufgabe für sich. Es ging nach Assmanshausen hinunter. Ich füllte nur schnell meine Flaschen auf und machte mich an den Aufstieg aus dem Dorf heraus. Dieser war eine Qual. Die erste Silbe des Dorfnamens stammt wohl von jemanden, der diesen Aufstieg geplant hatte. Er war total Arsch! 😅Eigentlich nichts wildes, aber mir fehlte einfach die Power. Es dauerte lange bis ich oben war. Ich erreichte den Niederwald. Überall waren Menschen und Schulklassen. Im Wald gab es viel zu entdecken. So Kunst und so. Das Kindergeschrei setzte mir zusätzlich zu. Heute war einfach nicht der Tag dafür. Am Wildgehege holte ich etwas Futter für die Tiere und ließ das Wild gierig aus meiner Hand fressen. Immerhin das konnte mir Freude bereiten. Weiter ging es durch Weinberge zum Niederwalddenkmal. Imposant, aber aufgrund der nationalistischen Inschriften doch ziemlich fragwürdig. Es war die Hölle los. Touristen aus aller Welt wuselten um mich herum. Das war zu viel. Ich hätte nun locker die Seilbahn ins Tal nehmen können, aber ich hatte keine Lust durch die klapprigen Gondeln auch noch meine Höhenangst zu triggern. Ich kam an die Kreuzung wo sich NST und Rheinsteig trennen und ich wurde wehmütig und fröhlich zugleich. Freude über den Abschluss dieser Sektion, Wehmut, dass dieser tolle Weg nun zu Ende war. Der Rheinsteig hatte seine Spuren bei mir hinterlassen. Ich hatte ihn unterschätzt. Nicht wegen der Höhenmeter oder Anstrengungen, sondern weil ich nicht gedacht hatte, dass er mir so viel Spass bereiten würde und trotz der Zivilisation überall doch so "wild" war. Natürlich, jede Aussicht, jede Burg, jeder Hang musste hart erarbeitet werden, aber es gab immer eine Belohnung. Wie schnöde und öde wirkte der Westerwaldsteig im Vergleich. Ich hatte mich im Rheinsteig getäuscht und er hatte mir das jeden Tag vor Augen geführt. Eine kleine Träne der Freude und Dankbarkeit lief meine Wange hinunter und vermischte sich mit dem Schweiss und der Sonnencreme. Ich hinterließ nur unscheinbare Fußspuren, aber der Rheinsteig bleibende Erinnerungen.
Ich gab dem Wegweiser einen kleinen Klaps und ging Richtung Rüdesheim. In den Hängen tat sich eine Weinstube auf. Passend für eine Pause. Ich bestellte mir ein alkoholfreies Weizen und Grüne Sauce. Die Portion war zwar lecker, aber für den Preis und meinen Hiker Hunger eine glatte Beleidigung. Ich wusste noch nicht genau wo ich mich befand. Das wurde mir erst klar, als ich die Altstadt von Rüdesheim betrat. Menschen pressten sich durch die schmalen Gassen und machten wild Fotos davon wie sich Menschenmassen durch schmale Gassem pressten. Hier war alles auf Touris ausgelegt. Also genau mein Ding... nicht! Ich war heilfroh, dass ich mir hier keine Unterkunft gebucht hatte. Was für ein Zirkus. Allerdings war auch klar warum alle hier her wollten. Das Örtchen war schon malerisch, keine Frage.
Ich merkte langsam wie der Druck in meinen Ohren weniger wurde und auch meine Nase hatte aufgehört zu laufen. Schlapp war ich immer noch. Aber es wurde erträglicher. Ich ging zur Fähre, die mich auf die andere Rheinseite bringen sollte. Ein schöner, wenn auch schwerer Abschied vom Rheinsteig. Auf der anderen Seite ging ich über die Promenade zu meinem Hotel und wurde herzlichst empfangen. Auf meinen Zimmer schloss ich die Tür und warf mich aufs Bett. Geschafft. Keine zwei Minuten später, ich war schon am dösen stand plötzlich ein Mann in meinem Zimmer und fragte mich wo er sei. "Falsch!" war meine Antwort. Er stand da und guckte mich an bis ich ihn bat doch die Tür von außen zu schließen. Ich schloss ab. Hinter der Tür war ein Wandspiegel. Ich zog mein T-Shirt aus und suchte mich nach Zecken ab. Ich fand keine. Nur Spuren der letzten Tage und von Rheinsteig. Kratzer an den Beinen. Auf und unter meinen Schultern (wo die Träger des Rucksacks saßen) waren rote Stellen und kleine Pickelchen. Meine Augen sahen müde aus. Es war kein feierlicher Anblick. Aber auch das bringt so eine Wanderung mit sich. Meine spärliche Kleidung war nur noch ein Klumpen aus Dreck, Salz, Sonnencreme, Schweiss und Deet. Es wunderte mich jetzt nicht mehr, dass ich in Rüdesheim von den feinen Herrschaften in den Straußwirtschaften fragend begutachtet worden war. Irgendwie wies nur noch mein Trekkingstock darauf hin, dass ich ein Wanderer war. Die Vollständige Transformation zum Hiker Trash. 😅
Zeit für eine Wäsche und eine ausgiebige Dusche. Diese brachte etwas die Lebensgeister zurück. Ich bekam Hunger und ging in einen kleinen syrischen Imbiss, der von einer Oma geführt wurde. Die Falafel war etwas fragwürdig trocken und leider vorfrittiert. Aber die Grillspieße und das sauer eingelegte Gemüse waren ein Gaumenschmaus. Ja dieses eingelegte Gemüse war einfach genau das richtige für das heisse Wetter. Neben Gurken, Kohl, Karotten und Paprika fanden sich auch frische Mandeln darunter. Also unreife samt der ganzen Schale. Das war mal etwas neues für mich. Klasse. Nebenbei plante ich wie es morgen weitergehen könnte. Der Soonwaldsteig ist ein Kammweg und neben dem spärlichen Wasser, keinen Einkaufsgelegenheiten (ausser einem Burger King an einer Autobahnquerung) würden die hohen Temperaturen mein größtes Problem werden... aber das sehen wir morgen.
Ich war froh über meine Entscheidung heute einen kurzen Tag gemacht zu haben. Ja und Bingen? Bingen war irgendwie das Gegenteil von Rüdesheim. Viel weniger Touristen, weniger schön und irgendwie auch abgeranzt. Hier waren auch ein paar richtige Kernasis unterwegs. Genau richtig für mich. 😅En savoir plus
Das Belohnungssystem 🍰🍺🍷⛰️🪲
16 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 25 °C
Liebes Tagebuch. Was soll ich sagen. Ein weiterer brillanter Tag auf dem Rheinsteig. Ich hab hier meinen Spaß.
Mein Schlaf war super tief und ohne Wecker bin ich erst um halb sieben aufgewacht. Beim Zusammenpacken kam ein plötzlicher Schauer runter. Es war bewölkt und bereits sehr stickig. Auf halb Acht setzte ich mich in Gang. Erst ging es in eine tiefe Schlucht und dann natürlich wieder aus ihr hinaus. Diesmal auf breiten Waldwegen, welche schonmal den Belag für den Großteil des Tages vorgaben. Nicht schlimm, denn heute schmückten wieder so einige Zecken den Wegesrand, als es durch ein paar zugewachsene Abschnitte ging. Zumindest in den kühlen und feuchten Teilen. Über ein paar Felder ging es über Dörscheid nach Kalb. Aus dem Tal kamen mir einige Wandersleut entgegen. Der nächste Regenguss kam herunter. Eine Gruppe von Wandernden fingen panisch an ihre Regenkleidung anzulegen und die Rucksäcke zu verpacken. Regenjacke war keine Option, denn es war viel zu warm. Also genoss ich die kühlen Tropfen, welche nach 5 Minuten auch wieder nachließen. Der Abstieg nach Kalb war knackig mit ein paar steilen ausgesetzten Stellen. Ich konzentrierte mich einfach auf den Weg und tat was ich den ganzen Tag machte. Gehen.
Im Dorf angekommen gönnte ich mir ein Plunderteilchen. Die letzten Tage waren anstrengend und seit 16 Tagen bin ich eigentlich immer gelaufen. Das sollte heute belohnt werden. Natürlich musste ich auch das öffentliche WC testen. Eine 2/10. 50cent, ein Metallloch und kein Klopapier. Immerhin sauber und auch hier passten die Flaschen unter den Wasserhahn. Sowas ist wichtig.
Aus Kalb hinaus führte der Weg steil über Asphalt und dann durch die Weinberge immer den Hang hinauf, wo er dann in einen Wald mündete. Auch mal nett so zwischen großen Bäumen zu verschwinden. Aber dieser Wald brachte einen neuen Gegner in den Ring. Die Hirschlausfliege. Quasi die Zecke der Lüfte. Widerspenstig und mit ihren Beinchen klammert sie sich überall fest. Sie waren im Nacken, am Ohr und sonstwo. Aber anders als Zecken spürt man sie krabbeln. Ein sehr prägnantes Gefühl, wenn man schon öfters mit ihnen zu tun hatte. An einer Schutzhütte machte ich meine Mittagspause und säuberte mich von den Viechern. Ab jetzt Kapuze auf. Es ging wieder hinab, steil, und zwei schwer bepackte Wanderer kamen mir entgegen. Ihre Gesichter von Anstrengung verzerrt und nass vom Schweiss. Sie waren auf jedenfall auf einer Mission und versuchten sich nichts anmerken zu lassen. Der Hang war aber auch wirklich kriminell steil. Die Armen. An der Baumstamm Weinbar machte eine weitere Pause und versorgte meinen Körperhaushalt mit Mineralien und so per Weizenbier. Ein uriger Spot. Einfach im Wald eine kleine Bar. Eine kleine Belohnung. Die Steigungen waren jetzt eher moderat. Alles gut gehbar. Bis vor Lorch. Da gab es wieder eine "Kletterpassage" und tatsächlich bis jetzt die anspruchsvollste. Auf den Weg konzentrieren und das machen was ich eh den ganzen Tag mache: gehen oder auch mal kraxeln. Eine weitere Belohnung war fällig. In Lorch sah ich eine Schale Tiramisu in der Auslage eines Cafes. Ja bitte. Ganz wunderbar. Es ging nun durch Weinberge und die Sonne drückte mächtig auf den Helm. Was war das? Eine SB Weinkiosk am Wegesrand. Ach, alkoholfreie Rieslingschorle, gut gekühlt? Ja bitte. Sehr erfrischend. Belohnung muss sein. Von den Weinbergen aus gab es wieder Weitsichten satt. Es wurde brennend heiss und ich war froh, als der Weg wieder in den Wald überging und vor mir mein Nachtlager sich auftat. Der Campingplatz Suleika. Zwischen zwei Wohnwagen graste ein Reh. Mitten in den grünen Hang gesetzt war dies eine wahre Oase. Schön schattig. Eine Quelle aus dem Wald direkt am Zeltplatz. Das Gelände war so steil, dass ich zum Duschhaus ordentlich Höhenmeter absolvieren musste, aber das kühle Nass war es wert. Eine tote Hirschlausfliege verschwand in der Abflussrinne.
Dann die übliche Routine. Zelt aufbauen essen und noch ein Helles einer kleiner lokalen Brauerei verdrückt. So als Belohnung.
Ich ging vom Platz noch einmal hinauf in die Weinberge, um die verschwindende Sonne zu beobachten. Auf dem Weg dorthin hörte ich ein lautes Brummen. Ich dachte erst an eine Hornisse, aber es war viel größer. Es war ein Hirschkäfer. Schwerfällig schwebte er durch die Luft. Und ein zweiter kam hinzu. Es ganz toller Moment, denn seid Jahren wartete ich darauf mal so ein Tier Live und in Farbe zu sehen. Die zwei dicken Brummer verschwanden im Unterholz. Die schönste Belohnung. Kannste nicht bestellen und nicht kaufen.
Ich ging entlang der Weinreben und folgte den schwindenden Sonnenstrahlen. Ich fand eine Bank. Der perfekte Ort, um dich liebes Tagebuch mit Erinnerungen zu füttern.
Mit Einbruch der Dunkelheit machte auch ich mich wieder auf den Weg zum Zelt. Dort angekommen wartet die nächste Belohnung auf mich. Die Glühwürmchen schwebten über die kleine Rasenfläche um mein Zelt herum. Wirklich magisch.
Ich wurde etwas wehmütig, denn dies war meine letzte Nacht auf der Sektion Rheinsteig. Was für ein wilder Ritt die letzten Tage waren. Den zeitweisen Lärm hatte ich akzeptiert und somit gab es eigentlich nichts was ich nicht genießen konnte. Ich bin gespannt was der Rheinsteig auf den letzten Kilometern bis Rüdesheim noch zu bieten hat. Vermutlich ein auf und ab. Aber eins ist schonmal klar: Der Rheinsteig ist wirklich belohnend.En savoir plus
Und täglich grüßt der Rheinsteig
15 juin, Allemagne ⋅ ⛅ 18 °C
Liebes Tagebuch. Ich werde mich heute etwas kompakter fassen, denn der Tag war eine Wiederholung des Gestrigen und wieder grandios. Ich sitze hier an einer wundervollen Hütte oberhalb des Rheines und möchte noch etwas die Aussicht genießen.
Aber noch kurz zur gestrigen Nacht. Es wurde doch etwas später, denn als ich mich bettfertig machen wollte sah ich etwas im Gebüsch blitzen. Waren es die Augen eines Tieres, welche im Licht meiner Kopflampe reflektierten? Ich machte das Licht aus. Da. Schon wieder. Trotzdem. Und dann funkelte es überall. Die Glühwürmchen waren rausgekommen. Und so saß ich da und beobachtete sie bei ihrem Treiben. Ich rief sogar kurz Phoenix an, um ihr davon zu berichten. Sie liebt Glühwürmchen.
Ansonsten war es absolut friedlich und ich schlief wie ein Stein.
Ja und dann ging es genauso weiter wie es gestern aufgehört hatte. Rauf, runter, Fernsichten ohne Ende.
Ein paar Besonderheiten hatte der Tag doch. Die Burgen. Burg Katz, Maus, Rheinfels, Die feindlichen Brüder... ich hab sie alle gesehen und die meisten davon auch erklommen. Tolle Hingucker waren sie alle. Ihre Türme und Mauern betten sich hervorragend in die epischen Weitsichten.
Dann war da noch Uschis Wanderstube. Ja da saß die Uschi um halb elf an einem Montag vor ihrer Stube und wartete auf hungrige Wandersleut. Ein williger Kunde erschien. Kuchen und Weizen sollten es sein. Am Tisch neben Uschi saß Manni. Vor ihm eine leere Pulle Bier. In der linken Hand eine Kippe, in der rechten eine halb volle Kanne. Er setzte an und sog stramm am Hals. Uschi brachte das Gedeck und Manni fing an zu quasseln. Er fragte mich dies und das und erzählte von seinem Urlaub im Sauerland. Das ganze im original rheinischen Akzent. Uschi saß da und sagte gar nichts. Eine bizarre Situation. Aber nicht unangenehm. Manni stand auf und holte sich noch eine Pulle und leerte sie bevor ich meinen Kuchen aufessen konnte. Er sah nicht sehr gesund aus. Ach Manni. Es war Zeit weiterzuziehen. Ich füllte noch mein Wasser auf, verabschiedete mich freundlich und ging vom Hof. Manni schlurfte auch los. Und zwar zu seinem Auto und fuhr davon. Ach Manni. Hoffentlich fährst du nur nach Hause 50 Meter weiter...
Auf den Programm stand heute auch die Loreley. Langweiliger Zuweg durch eine Siedlung, viel Beton und eine eher enttäuschende Aussicht. Zum Glück war nichts los. Nur ein paar Rocker und Arbeiter, die mit den Vorbereitungen für das Roland Kaiser Konzert beschäftigt waren. Das eigentliche Highlight war die luxuriös anmutende Toilette. 🚽
Drei Kilometer vor meinem Ziel gab es noch eine kleine Überraschung. Eine Kühlbox mit kleinen Weinflaschen. Komm. Das Gewicht war bei den drei Litern Wasser jetzt auch egal. Ein schöner Riesling sollte es sein.
Letzter Höhepunkt war mein Ziel. Die Hütte 313. Riesiges Ding mit Betonboden. Dazu eine Bank und ein Vintage Tischchen. 30 Meter weiter eine kleine Kanzel mit toller Aussicht. Die Hütten auf dem Rheinsteig sind wirklich etwas ganz besonderes. Man kann sich gar nicht entscheiden wo man rasten soll.
Ansonsten war alles beim Alten: geniale Pfade, bestes Wetter, viele Kilometer und brutale Auf- und Abstiege.En savoir plus
Traumhaft
14 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 18 °C
Liebes Tagebuch. Was war das für ein irre toller Tag. Es ist fast neun und ich bin gerade nach 40km an meinem Übernachtungsplatz, der Hütte 300 angekommen. Aber bis ich hier war...
Heute morgen wurde ich vom Snackautomaten des Hotels gesnitched. Abgezogen. Na so halb. Ich wollte nur ein kühles Getränk mit Geschmack, aber nachdem ich meinen Zwanni in den Schlitz geschoben hatte kam die Meldung, dass es kein Wechselgeld gibt. Geldrückgabe ging auch nicht. Verdammt. Nach meinem Getränk hatte ich noch 18,50€ Guthaben welches ich ausgeben musste. Ach du kacke. Die Preise waren "leider" sehr günstig, so dass ich plötzlich mit 3xMr Tom, 2xProteinriegel (einer wog 100gr), 3xKnoppers Riegeln und 3 Dosen Red Bull da stand. Normalerweise bekommt diese rechte Drecksfirma Red Bull keine Kohle von mir, aber es war einfach das teuerste im Automaten. 😅 Der Rucksack war ultra schwer, denn ich hatte noch 2,5 Liter Wasser dabei. Erschwerend hinzu kam, dass es heute, bis auf den ersten und letzten Kilometer aus entweder bergauf oder bergab ging. Dazwischen gab es nichts. Von Koblenz stieg der Weg mehrere Km bis zum Liedches Berg an und viel dann steil hinab, um dann wieder zur Ruppertsklamm aufzusteigen. Hier ging der Wanderspass erst richtig los. Die Klamm war ein absoluter Genuss. Über Steine oder das Bachbett selber ging es hinab. Teilweise mit Stahlseilen gesichert was alles wesentlich einfacher machte. Es war ungefähr elf Uhr und Sonntag. Die Muggles kamen mir in Scharen entgegen, ihre weissen Sneaker mit Matsch bedeckt. 😅 Es war eine wilde Fahrt. Am Ende der Klamm erreichte ich die Lahn. Ja und dann ging es schon wieder steil bergauf bis zu einer ultra hässlichen vergammelten Hotelanlage mitten auf dem Berg. Hier traf ich auch für den Rest des Tages die letzten Menschen. 🧐
Es ging wieder runter durch die Aspich Klamm, welcher aber nichts im Vergleich zur Ruppertsklamm war. Aber steil war sie. Natürlich ging es am Ende wieder hoch bis ich den Felsenpfad erreichte. Eine kleine Kletterstelle. Das Seil war keine Hilfe, da es viel zu wabbelig war, und so musste ich mich auf mein Gleichgewicht vertrauen und die Regel der drei Kontaktpunkte. Hinab ins nächste Tal und wieder hoch zu einer Aussichtsplattform, wo ich eine nötige Pause einlegte. Ich konnte eine Burg sehen, die hinter Braubach auf einem Felsensockel thronte. Natürlich ging es auch da hinauf. Man man man. Der Rheinsteig kannte wirklich keine Gnade. Von der Burg wieder runter stand nun der Anstieg entlang des Hanges am Rhein auf dem Speiseplan. Genial, so über dem Fluss und der Strasse sich auf einem schmalen Pfad den Berg hochzuschrauben. Ich erreichte das legendäre "Königreich Schattenbank". Nicht mehr als eine morsche Sitzgelegenheit, aber man sagt ihr zu, dass sie beinmüden Hikern neue Kräfte verleihen könnte. Es stimmte. Hoch zum Lust Häuschen. Das einzige worauf ich Lust hatte war ein kühles Bier. Die Hütte war ein Traum. Toller Ausblick. Aber etwas zugig. Und es war noch zu früh. Also ab ins nächste Tal und dann über einen fast senkrechten Pfad zur nächsten Hütte, die noch unglaublicher war. Breite Bänke und ein riesiger Tisch, auf dem selbst ich ohne Zelt schlafen würde. Aber hier pfiff der Wind ordentlich rein und es war immer noch viel zu früh. Ich machte eine weitere Pause und telefonierte mit Phoenix. ☺️
Auf den nächsten 12 Kilometern gab es mehrere weitere Optionen zu nächtigen, also machte ich mich auf, um sie mir mal anzuschauen. Doch erstmal lief ich wieder in ein Wildschwein. Es erschreckte sich und rannte nach zweimal Grunzen und einmal Quieken ins Unterholz. Keine Gefahr. Wildschweine sind wundervolle Tiere. Ihr könnte euch denken wie es weiterging. Genau, hoch und runter. Aber die Steigungen waren nicht mehr so heftig. Dafür wurde der Pfad gefühlt immer noch schöner. Trockene Eichenhänge und feuchte grüne Buchenbestände wechselten sich ab. Die nächste Hütte war ein Luxusbunker, allerdings Videoüberwacht. Nix für mich. An einem Felsvorsprung hing etwas schief der nächste Verschlag. Der Wind blies hinein und der Boden war eher ungeeignet. Also weiter. Auf der anderen Rheinseite konnte ich Boppart sehen. Schön sah es aus. Hoch über dem Fluss schlängelte sich der Pfad und meine Füße wurden nun doch etwas müde. Nicht mehr weit bis zum nächsten Spot. Natürlich noch einmal fast senkrecht den Hang hinauf. Er war perfekt. Eine etwas heruntergekommene Hütte, in der ich mein Innenzelt aufstellen konnte, Sitzgelegenheiten und eine spektakuläre Aussicht auf den Rhein und die untergehende Sonne. Hier würde ich bleiben. Die Anstrengung hatte sich gelohnt.
Das war ein schöner Tag!
Ps: die 1000km hatte ich gestern schon erreicht, aber nicht gemerkt. 🍾En savoir plus

Schönwetterwanderer
Für ein Königreich mittlerweile ganz schön runter gekommen 🫣
Viel Licht und ein großer Schatten
13 juin, Allemagne ⋅ ⛅ 22 °C
Liebes Tagebuch.
Ich hatte mir gestern keinen Wecker gestellt. Einfach mal gucken wann mein Körper so los möchte. Kurz vor sechs war ich wach. 😅 Der Blick aus der Hütte machte mich hellwach. Blauer Himmel. Meine Beine zuckten. Sie wollten gehen. Also rein in die immer noch feuchten Socken und Schuhe. Schnell gefrühstückt und nebenbei alles möglichst leise eingepackt. Die anderen beiden waren noch am ratzen. Wer war jetzt der Schwabe? Sie bauten ihre Häusle noch im Traum. Ich musste sie letztendlich doch wecken, denn ich wollte noch Tschüss sagen, weil ich nicht wusste ob ich sie heute nochmals sehen würde. Ihr seid ein duftes Team.
War super mit euch und man sieht sich bestimmt wieder.
Was der Tag wohl bringen würde? Nach ca 20 Minuten das erste Highlight. Mein Darm meldete sich urplötzlich und heftig mit Bedürfnis 2. Ungünstig. Rechts und links nichts zum reinhuschen. Nur Hang und ein Bach. Etwas panisch machte ich mich auf die Suche. Da, ein Waldweg führte den Hang hinauf. Rauf da. Es wurde eng. Da ein Hochsitz und etwas weitläufigeres Gebüsch dahinter. Was war denn das? Da stand der erste Steinpilz für sie Saison. Jetzt hatte ich die Wahl. Ein Foto machen oder ein Unglück riskieren. Hätte ich mich zum Pilz gebückt... na du kannst es dir schon denken, liebes Tagebuch. Ich schlug mich ins Gebüsch, die Schaufel schon bereit zum buddeln. Eine Zecke machte sich an mir hoch. Arghhhhhhh. Ich muss kacken. Keine Zeit für eine Blutabnahme. Hinfort. Erdreich wurde hastig ausgehoben und dann... das war knapp. Was soll ich sagen? Auch das ist eine Fernwanderung oder eine Möglichkeit eins mit der Natur zu werden.
Erleichtert konnte ich mich nun auf das konzentrieren was folgte: wundervolle Pfade. Und viel Matsch. Die Vögel sangen mir ein Konzert und ich flog dahin. Dann kamen ein paar Forstwege hinzu, welche sich noch leichter gingen. Vorbei am Zoo Neuwied (ein trauriges Gelände) und gen Sayn. Rentner bevölkerten das Schloss und den Park. Es ging hoch zur Burg und immer weiter hinauf. Dann hinab ins Brexbachtal. Traumhaft schlängelte sich der Pfad am Hang hinunter nur um dann steil auf der anderen Seite wieder empor zu klettern. Die Höhenmeter gingen sich in dieser Umgebung von alleine. Ich erreichte den Gasthof Meisenhof. Eigentlich war mein Plan hier ein alkoholfreies Weizen zu zischen, aber der Plan wurde jäh durch einen wild bellenden schwarzen Hund, der mit der Leine am Hals, aus dem Gasthof auf mich zu lief verworfen. Aus einer Seitentür schrie jemand. "Kommst du hier her!" Den Hund kann er nicht gemeint haben, denn der zog seine Kreise um mich und bellte. Hinter dem Mann erschien eine Frau und lief auf den Hund zu und bekam ihn dann endlich zu fassen. "Komm her!" brüllte sie den Hund an. Zu mir sagte sie nichts. Dann musste ich wohl was sagen: "Gehören sie hier zur Wirtschaft?"
"Ja, aber wir haben noch nicht offen."
"Kein Problem. Ich trinke mein Bier jetzt eh lieber wo anders!" 🖕
Der Weg nach Vallendal war dann eher unspektakulär. Durch Felder und unter der Autobahn durch ging es ins Tal. Ich kam zu der Hütte in der die beiden anderen nächtigen wollten. Ein wirklich schöner Platz. Aber es war erst kurz nach zwei. Das war noch zu viel Tag und meine Beine waren geil auf Kilometer und mein Kopf auf das grandiose Wetter. Gestern war vergessen.
Von Vallendal ging es erst auf Forstwegen und dann durch Siedlungen hoch zur Festung Ehrenbreitstein. Kein schöner Weg. Aber anstrengend. Ich war wohl nun quasi in Koblenz angekommen. An der Festung war die Hölle los. Ich war hier schonmal und somit beschränkte ich mich auf das Moselblick Plateau. Hier standen die Menschen Schlange für ein Selfie mit dem Dreiländereck, obwohl die sich darauf gar nicht so gut war. 😅
Ich musste hier weg. In den Massen suchte ich den Trail und fand ihn irgendwann. Er führte nun unterhalb der Festung lang hinunter zum Rhein. Aber statt abzusteigen ging der Weg durch Dornen super steil wieder hinauf. Abenteuerlich. Ich fühlte mich wie ein Spion, der sich einen geheimen Weg in die Burg suchte. Ich kam am Südtor raus und wusste nicht so recht wohin. Der Wegweiser zeigte auf eine Wand. Um die Ecke versteckte sich doch tatsächlich ein schmaler Treppengang, der durch die Mauer führte. Also man geht in der Mauer hinunter. Ja und plötzlich stand ich unten. Es war kurz nach fünf. Ich war 36km gegangen. Was nun? In Koblenz wollte ich nicht bleiben. Völlig absurde Preise für Unterkünfte. Die nächste Hütte, die mir gescheit vorkam war noch 10km entfernt und es sollte nur bergauf gehen. Etwas too much, wenn auch machbar, aber sein musste es nicht. Der Bahnhof war meine Rettung. Von hier konnte ich schnell in die Ortschaften entlang des Rheins kommen. In Neuwied fand ich eine billige Absteige in Bahnhofsnähe. 12 Minuten Fahrt? Duschen und nach 6 Tagen mal wieder Wäsche waschen. Go! Es verlief alles reibungslos. Das Hotel, etwas abgeranzt, aber sauber. Dann kam leider der absolute Tiefpunkt für heute. Mir war gerade noch eingefallen, dass morgen Sonntag war und ich unbedingt noch einkaufen musste. Auf dem Weg zum Supermarkt passierte es. Ein Paar mit Kleinkind an der Hand ging an einer Frau vorbei und ohne einen Grund schlug die dem Kind auf die Schulter. Schlug!!! Der Vater zog das Kind weg und die Mutter schrie hilflos "Warum das Kind schlagen?" Die Frau beleidigte die Mutter. Ich schritt ein und schrie die alte Pisstante an, dass sie gleich eins in ihre kranke Fresse kriegen würde, wenn sie sich nicht verpissen sollte. Sie ging rückwärts. Das Kind weinte. Zwei andere Passanten hielten geschockt die alte Pisstante von der Familie fern, die verängstigt weiter ging. Ich rief ihnen hinterher, ob sie die Polizei einschalten wollten. "Nein. Keine Polizei. Dann wir kriegen nur Probleme!" Offenbar fürchteten sie Behörden mehr als gewalttätige alte Pisstanten. Das machte mich wütend und traurig. Und Hilflos. Kein gutes Gefühl.
Offenbar hatten sie Angst und ich wollte nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden. Das einzige was ich tun konnte war ihnen zu sagen, dass es mir leid tat, dass sie sowas durchleben müssen. Da waren sie wieder. Diese kaputten Begegnungen und Situationen. Auch sie gehören, zumindest offenbar bei mir, zu einer Fernwanderung.
Und nur um es mal klarzustellen, liebes Tagebuch, ich hätte der alten Pisstante keine in ihre kranke Fresse gehauen.
Deprimiert machte ich meinen Einkauf im völlig heruntergekommen Supermarkt. Neuwied, ey.
Anschließend kümmerte ich mich um meine Wäsche und um mich. 🧼🚿En savoir plus

VoyageurWas soll man dazu sagen. Gewalt gehört für manche Menschen wohl zum Tagesablauf. Emil wurde doch neulich im Supermarkt auch erst am Hals gewürgt. Bis heute hat die Polizei nix ermittelt. Ich wünsche dir trotz des Zwischenfalls eine gute Nacht.

VoyageurScheiss Pisstante🤬... Aber gut, dass du eingeschritten bist, viel zu oft wird ja weg geguckt oder sogar noch mit dem Handy gefilmt. So wurde die Familie in dieser Situation nicht alleine gelassen, auch wenn sie dann keine Polizei wollten. Ich hoffe, das du eine in diesen Dingen unspektakuläre Weiterreise hast 🥾🥾🙏
Alles was nass macht
12 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 17 °C
Liebes Tagebuch.
Die Nacht im Fass war ganz toll. Der Regen prasselte auf das Dach und ich wollte gar nicht aufstehen. Musste ich ja auch nicht. Also erstmal noch ne Runde gegammelt, gefrühstückt und geduscht. So verging die Zeit. Gegen halb zehn wurde der Regen weniger. Das war mein Startschuss. Es ging hoch in die Weinberge und der Regen fing wieder an zu prasseln und sollte so schnell nicht wieder aufhören. Zum Glück war der Weg heute mal so gar nicht gepflegt. Alles zugewachsen und verwildert. Hohes Gras, Brennnesseln und Dornen. Im Handumdrehen waren meine Schuhe und Socken völlig mit Wasser gesättigt, die Beine brannten. Quitsch quatsch machten sie beim Gehen. An der Hütte 258 stand ein Kreuz und eine Gedenktafel. Hier war Radusel auf seiner NST Wanderung verstorben. Ich kannte ihn nicht, aber es nahm mich doch ziemlich mit und machte nachdenklich. Mir kamen die Tränen. Koste jeden Moment aus. Schieb nichts auf. Lebe! Nicht morgen. Jetzt. Es ist gut an die Zukunft zu denken, aber dabei sollte man die Gegenwart nicht vergessen. Der Regen unterstützte die trübe Stimmung. Der heutige Tag ist für dich, Radusel. Ein Stück, welches du nicht mehr selber gehen konntest.
Ich kam nur langsam voran. Nach zwei Stunden hatte ich gerade mal 6km geschafft. Dazu gab es eine kleine Kraxelpassage. Nichts lebensbedrohliches, aber auf den nassen Steinen musste ich schon aufpassen wo ich meinen Fuß absetzte. Stahlseile gaben mir Sicherheit.
An einer Hütte machte ich eine kleine Pause und versuchte Socken, Schuhe und Einlagen irgendwie trockener zu bekommen, denn die Sonne kam kurz raus. Vergeblich. Es gibt doch kaum ekligere Dinge als klatschnasse Zehensocken wieder an die Füße zu bekommen. Kaum wieder unterwegs setzte der Regen erneut ein. Dafür wurde der Weg etwas besser. Trotzdem die reinste Rutschpartie. Mir kam ein Mann mit zwei Hunden entgegen. Und eine Katze. Ich erkundigte mich, ob die Katze auch mit Gassi geht. Ja, war die Antwort. Wie niedlich das aussah. Sie tapste hinter den Hunden her, den Kopf stolz gehoben. Ich schlitterte weiter durch den Matsch. Natürlich ging es rauf und runter, aber heute war es eher hügelig und nicht so kräftezehrend. Aussichten gab es nur wenige bzw wurden sie durch die riesige Regenwolke, die sich im Neuwieder Becken festgesetzt hatte, verdeckt. Ich machte noch eine Pause, um wenigstens für ein paar Minuten die Füsse aus den nassen Schuhen zu bekommen. Ganz schrumpelig waren sie. Haut löste sich ab. Kein schöner Anblick und schon gar kein schöner Geruch. Weiter ging es durch tiefe Täler, die sich durch den Buchenwald schnitten, immer stetig bergauf gen Rengsdorf. An einen Viehverschlag wartete eine weitere Katze auf mich. Sie mauzte und folgte mir den Weg entlang. Erst als ich ihr gehörig den Kopf gekrault hatte ließ sie mich weiterziehen. Wie gerne hätte ich sie mit auf die Wanderung genommen. Kurz vor Rengsdorf wurde es nochmal richtig steil und der Schweiss durchnässte mich zusätzlich. Alles klebte und war klamm. Überall an mir Dreck und Unrat. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es die folgenden Tage angeblich wieder schöner werden sollte.
Bevor es zur auserkorenen Hütte ging musste ich noch einkaufen. Ja und wer saß dort beim Bäcker? Genau. Albhiker und Wanderschmied. Ich gesellte mich mit einer Tasse Kaffee dazu und war beruhigt, dass sie den ersten Abschnitt heute morgen auch fürchterlich fanden. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich machte meine Besorgungen und brachte für jeden eine Dose Bier mit. Von innen musste ich auch noch nass werden. Wenn schon denn schon. Wir packten unsere Sachen und machten ins auf den kurzen Weg zur Hütte. Sie war perfekt. Riesig, trocken und nicht gut einsehbar. Es war Zeit aus den nassen Schuhen zu kommen. Oh welch schönes Gefühl trockene Socken verursachen können. Aus dem Supermarkt hatte ich mir Gemüsebeutel aus Plastik mitgenommen. Mit ihnen über den Socken konnte ich immerhin wieder in meine Schuhe. Es war Zeit fürs Abendessen. Meinen Couscous peppte ich mit einer frischen Limette und Gurke auf. Sollte ich öfters mal machen. So langsam kriege ich schon ganz passable Cold Soaking Mahlzeiten zusammengepampt. Es fehlte nur Koriander, der leider ausverkauft war.
Bei Bierchen, Süßigkeiten und Gequassel ließen wir den Abend ausklingen. Der Regen machte weiter sein Ding.En savoir plus

VoyageurAlles dabei heute, Nässe, Wehmut, Trauer, Katzentrost, auch Freude und zum Glück Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Habt eine gute Nacht. ✨️
Vom Fährtenlesen und einem Fass
11 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 18 °C
Liebes Tagebuch. Nachdem die Füchse mir einen Besuch abgestattet hatten verlief die Nacht ohne weitere Zwischenfälle. Gegen halb sieben war ich endlich abreisebereit. Ich hatte mich etwas geziert aufzustehen, denn es war wirklich sehr frisch und unter meiner Decke sehr gemütlich warm.
Das erste Highlight war die nahegelegene Erpeler Ley. Der Ausblick war anders spektakulär als erwartet. Statt Weitsicht zogen dicke Nebelschleier am Hang hoch und verwandelten alles in einen undurchsichtigen Dunst, der hier uns da mal aufbrach und kleine Details in der Ferne offenbarte. Weiter ging es über Stock und Stein nach Linz. Schnell alles nötige für den Tag einkauft und auf der Supermarkt Toilette etwas frisch gemacht und Ballast abgeworfen. In der Altstadt war noch tote Hose, aber ein paar schicke Häuschen gab es hier.
Natürlich ging es nun mal wieder steil bergauf und durch den gestrigen Regen war alles extrem matschig und rutschig. Ich erreichte eine Grillhütte und mein Trapperinstinkt sagte mir, dass hier gestern Pizza bestellt wurde von zwei hungrigen Hikern. Sie waren nicht zu sehen und hatten ihre Spuren gut verwischt. Gut genug? Ihr Fährte der abgeknickten Grashalme und das Profil halbhoher Wanderschuhe führte mich nach Leubsdorf zu einer kleinen Bäckerei. Nur ein paar Krümel waren von ihrem Aufenthalt übrig geblieben. Ich verhörte die Bäckerin über ihren Verbleib, während sie mir netterweise mein Wasser auffüllte. Sie waren wohl kurz vor meiner Ankunft weitergezogen. Ich nahm die Verfolgung auf. Ein steiler Anstieg bremste mich ein wenig aus, aber als es durch Felder wieder hinunter ging sah ich sie hinter einer Kurve verschwinden. An der nächsten Aussicht konnte ich sie stellen: Wanderschmied und Albhiker. Unsere Begrüßung wurde jedoch schnell durch einen heftigen Regenschauer unterbrochen. Schnell die Rüstung anlegen. Wir stapften zusammen den Hang hinunter zum Schloss Arensfels. Der Regen hörte auf und bei Kaffee und Kuchen plauderten wir ein wenig im Garten des Schlosscafes. Es tat gut mal nicht alleine unterwegs zu sein und nicht nur mit mir selbst in meinem Kopf zu reden. Wir machten uns wieder auf den Weg und die Achterbahnfahrt ging weiter. Seit dem Siebengebirge waren die Anstiege nicht mehr so lang, aber häufiger. Das ständige auf und ab frisst natürlich Energie, die wir bei einer Pause am der Rheinbrohler Ley wieder auffüllen konnten. In der Hütte war eine Familie, die ein Picknick machte und sie boten uns sehr leckere Nüsschen aus Afghanistan an. Sehr salzig und mit einer säuerlichen Zitrusnote, ähnlich wie Sumac, aber doch anders.
An der Ley trennten sich erstmal unsere Wege. Die beiden wollten zu einer Hütte. Ich in eine Unterkunft, da ich Akkus laden, Duschen und der Regenfront, die auf uns zu kam, aus dem Wege gehen wollte. Und ich war kaputt. Aber eine Unterkunft zu kriegen war gar nicht so einfach. Ich telefonierte jede Pension ab, aber es ging niemand nirgendwo dran. Komisch. Dann erreichte ich jemanden. "Ja. Also das Einzelzimmer können sie kriegen, aber ich weiss nicht, vielleicht ist es belegt. Da muss ich mal meinen Mann fragen. Also nicht das sie umsonst kommen, weil das Zimmer doch belegt ist. Ich rufe sie zurück." Aha. Meine letzte Hoffnung war ein Campingplatz. Haben die zufällig...? Ja das haben sie. Ein Schlaffass. Seit Jahren wollte ich schon immer mal in einem Fass schlafen. Das war meine Chance. War es frei ohne das irgendwer irgendwessen Mann fragen musste? Ja war es. Immerhin war das nun erledigt und ich machte mich auch an den Abstieg am Hang entlang, welcher von knochigen Eichen bewachsen war. Wie bildhübsch. Der Weg führte aus dem Wald an einem Weingut vorbei und von der Seite kamen plötzlich Rufe. Im Schatten des Hofes lungerte schwäbischer Hiker Trash und verköstigte sich am Kaffee. Den nächsten Anstiegt machten wir anschließend noch zusammen und dann musste ich Richtung Campingplatz abbiegen. Während ich zum Platz ging sah ich die beiden in den Weinbergen winken. 👋 Bis später.
Kurz vor meinem Ziel fing es auch wieder an zu regnen. Gutes Timing. Ich konnte Fett riechen. Frittierfett. Und neben meinem Fass gab es auf dem Campingplatz auch eine Gaststätte, die aus allen Nähten platzte. Ich machte mich kurz frisch und landete unter einem Pavillon an einem Tisch mit einem älteren Pärchen aus Ostfriesland, die sofort ziemlich redselig waren und ich merkte schnell, dass sie das Herz am rechten Fleck hatten. Was folgte war eine ziemlich gute Unterhaltung, während wir uns unser Essen schmecken ließen. Ja und dann waren wir auch fast die letzten im Lokal.
Die beiden bedankten sich ganz lieb für das Gespräch und das konnte ich nur erwidern.
Es war Zeit ins Fass zu gehen. Welch gemütlich rundes Teil. Der Regen prasselte auf das Dach. Hier werde ich gut schlafen können.En savoir plus

VoyageurIch muss mich wiederholen: dein Bericht ist toll, deine Fotos der Hammer. Schlaf gut in deinem Fass.
Alles was das Herz begehrt
10 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 18 °C
Liebes Tagebuch, heute morgen war ich etwas verknittert. Mein Schlaf war tief und fest. Ich wollte gestern noch meinen Footprint hochladen und bin dabei wohl einfach eingeschlafen. 😅
Robin muss zur Arbeit und ich mache mich langsam fertig. Wir verabschieden uns. Danke 🙏. Bevor es weitergeht muss ich noch zu Rewe, Rossmann und in einen Outddorladen (Zeckenmittel kaufen). Erste beiden sind schnell abgehakt, aber auf dem Weg zum "Unterwegs" gehe ich über den Markt und ein Taco Wagen erregt meine Aufmerksamkeit. Da muss ich essen. Die Karte ist vielversprechend. Nur Tacos. Leider sind sie noch nicht soweit. "Eine halbe Stunde noch." Ok. Ich komme wieder. Also erstmal den Shopping Trip beenden. Ich bin der erste Kunde und äussere gleich mein Begehren. Zeckenmittel. Der Verkäufer will gerade ausholen, um mir das Sortiment zu zeigen. "Deet! Ich brauche Deet!" Er greift ins Regal. "50% Deet ist alles was ich dir legal verkaufen kann." Ich frage ihn ob er evtl noch was unter der Ladentheke hat. Er muss lachen.
Eigentlich meide ich diese Chemiekeule wo es geht, da sie in hoher Konzentration sogar manchen Kunststoff auflösen kann. Aber es ist einfach das wirksamste Mittel gegen diese Mistviecher. Her damit. Die Familienpackung, bitte!
Der andere Verkäufer fragt mich, ob ich auf dem NST unterwegs bin und Robin kenne. Beides kann ich mit "Ja" beantworten. Wir quatschen ein bisschen aber dann muss ich los. Die Tacos warten. Also zurück zum Markt. Ich bestelle erstmal zwei zum Testen. Köstlich. Authentisch. Nochmal zwei bitte. 😅 Rein in den Leib. Tacos, ach Tacos. Ihr leckereren Happen.
Ich muss weiter. Ab zur Bahnhaltestelle. Und ja, heute fährt sie. Ein Glück. So einen Quatsch wie gestern brauche ich nicht nochmal. Trotzdem sind die Strassen völlig verstopft. Wenn das Doktor Helmut Kohl wüsste, was aus seiner prächtigen Hauptstadt a.D. geworden ist. Marode Brücken, kaputte Schienen. Mit dem Song "Bonn Duell" von Canalterror warte ich auf die Bahn. 😅
Die Fahrt dauert eine halbe Stunde. In Königswinter steige ich in die Drachenbahn um und lasse mich gemütlich zurück zum Trail fahren. Es ist fast halb eins, bevor ich meinen ersten Schritt mache. Es geht rauf zur Ruine Drachenfels. Die Aussicht ist mal wieder bombastisch. Steil geht es den Hang hinab und mir kommen einige Grüppchen entgegen. Völlig ausser Atem. Eine ältere Frau hängt über einem Geländer. Sie ringt mit sich. Ich frage ob alles ok ist. Ja. Da sie noch Begleitung hat gehe ich weiter. Also hier hoch will ich auch nicht... Kaum unten angekommen geht es auch für mich wieder steil bergauf. Hoch zur Ruine Löwenburg. Es ist ein Fest. Wunderbare Wege schlängeln sich am Hang den Berg hoch. Genau das!
Der Schweiss läuft. Mein Körper entgiftet sich wohl nebenbei von den paar Kölsch gestern Abend. Das Siebengebirge mit seinen tiefen Tälern und schönen Buchenwäldern lenken mich gut vom langen Anstieg ab. Die Ruine selbst gebe ich mir nicht. Ich möchte heute noch ein wenig was schaffen. Leider geht es jetzt auf breiten Forstwegen bergab. Was heisst leider. Die Natur ist immer noch wunderschön. Ja und dann? Was dann wohl? Genau. Es geht wieder bergauf. Der nächste Anstieg ist leider etwas zäh, da der Weg breit ist und man schon weit vor sich die Steigungen sehen kann. Hilft ja nichts. Gut drei Kilometer geht es bergauf, bevor ich "Das Auge Gottes" erreiche. Ein kleiner Schrein an einer Kreuzung. Es sieht wohl alles, laut der Inschrift. Joa, also puh, das tut mir leid was es da bei mir alles schon sehen musste. 😅 Muss ja nicht gucken.
So lang wie der Aufstieg, so lang ist der Abstieg. Wieder ganz famose Wege. Das schöne, die Singletrails sind meist nicht so zugewachsen. Hier ist offenbar mehr los. Und so sehe ich nur eine Zecke. Einsam hängt sie an einem Grashalm, das blöde Vieh. Na willste mal probieren? Ich biete ihr mein Bein an. Sie nimmt den Köder und ärgert sich zwei Sekunden später. Das Deet scheint zu wirken und sie weiss nicht wohin und lässt sich fallen. Hahaha. Nimm das. 🖕Vielleicht auch nur Zufall. Wer weiss. Ich gucke trotzdem ständig meine Beine ab. Die nächsten Kilometer sind ein Genuss. Ich bin im flow. Am Horizont ziehen Wolken auf. Als ich das Gut Haanhof passiere fängt es leicht an zu tröpfeln. Es hat sich auch merklich abgekühlt. Ja mir ist sogar fast etwas frisch. Mich erreicht eine Nachricht von Albhiker. Er und der Wanderschmied wollen 12km von mir an einer Grillhütte pennen. Man kann sich Pizza dort hinliefern lassen. Die Versuchung ist groß durchzuziehen, aber dann würde ich frühestens um zehn ankommen. Uff. Ich vertage eine Entscheidendung auf später. Erstmal gucke ich mir die Hütte 245 an, die nicht mehr weit entfernt ist. Es geht nochmal kräftig bergauf und ich erreiche Orsberg. Am Weg steht ein Kühlschrank mit Getränken für durstige Wanderer auf Vertrauensbasis. Ich gönne mir eine Apfelschorle, aber dann fängt es plötzlich ziemlich doll an zu regnen. Schirm raus. Unterstellen. Es wird schnell weniger. Angeblich gibt es im Ort einen Brunnen aus dem ich mir Wasser filtern will. Leider muss ich feststellen, dass das Wasser abgestellt wurde. Mist. Also irgendeinen Anwohner fragen, ob sie mir mein Wasser auffüllen. In einer Garage rumpelt es. Das Tor ist oben und ein Mann schraubt an einem Moped. Ich erzähle ihm von meiner Not und er bietet mir sogar Sprudel an. Ich lehne dankend ab. Leitungswasser genügt. Meinen Plan aus dem Brunnen zu saufen hält er für lebensmüde. Er wünscht mir einen guten Weg. Der Regen setzt wieder ein. Aber nur leichter Niesel. Die Hütte ist nur ein paar hundert Meter von der kleinen Ortschaft entfernt. Ein paar Leute gehen Gassi. Ansonsten wirkt alles sehr friedlich hier. Kein Müll. Keine Schmierereien. Hier werde ich bleiben und nicht noch die sieben Kilometer durchkloppen. Es ist schon fast acht und dank der Höhenmeter bin ich nach 26 Kilometern auch ganz gut im Sack. Ich gebe den anderen kurz bescheid. Hoffentlich bekommen sie ihre Pizza. Der Regen hört langsam auf, aber es ist echt kalt. Ich ziehe mir meine wenigen Kleidungsstücke an, bevor ich auskühle und lass den Körper mit etwas Nahrung arbeiten und Wärme erzeugen. Zeit den Tag zu reflektieren. Ich hatte Tacos und es ging hoch und runter. Schöne Aussichten. Keine Wehwechen (nur Phoenix vermisse ich). Alles was das Herz begehrt.
Es scheint ein ruhiger Abend zu werden, liebes Tagebuch. Falls sich daran etwas ändert wirst du es morgen erfahren.En savoir plus
Rheinsteig, ich komme!
9 juin, Allemagne ⋅ ⛅ 18 °C
Liebes Tagebuch.
Ich fasse mich heute kurz. Es war ein langer, aber toller Tag.
Nach einer geruhsamen Nacht ging es mir wieder viel besser. Der Flugzeuglärm hatte mir nichts ausgemacht. Vermutlich war ich auch einfach zu erschöpft gewesen.
Das Vermissen hatte nachgelassen und ich freute mich auf den heutigen Tag.
Im Morgengrauen machte ich mich auf den Weg. Bis zum Ende des Natursteig Sieg waren es nur ein paar Kilometer, welche schnell weggegangen waren. Dann ging es auf ein 15km langes Verbindungsstück zum Rheinsteig. Der Weg war nicht sonderlich spektakulär, aber ich genoss es einfach so vor mich hinzutapsen. Breite Wege, wenig Zecken. An einer Hütte machte ich eine Pause für ein zweites Frühstück und verdrückte ein paar leckere Teilchen, die ich mir von einem Bäcker geholt hatte. Frisch gestärkt flogen die Kilometer nur so dahin und um halb zwölf stand ich am Foveaux Häuschen, wo ich nun auf den Rheinsteig wechseln würde. Ja und der Rheinsteig zeigte gleich mal wo der Frosch die locken hat. Schmale Pfade und immer schon rauf und runter. Mal mehr, mal weniger steil. Wunderbare Buchenwälder und da waren sie endlich: die Weitsichten ins Rheintal. Schon fast Spektakulär. Aber mit dem Rheintal kam auch das Rauschen zurück. Bahnlinien, Autobahnkreuz, Städte. Der ganze Krach kanalisierte sich hier. Aber er gehört wohl dazu zum Rheinsteig und ich werde mich daran gewöhnen müssen. Aber er verschwand sobald der Weg in die Siefen eintauchte.
Ich erklomm den Petersberg und gönnte mir im Edelbiergarten ein stinknormales alkoholfreies Weizen für einen Edelpreis. Aber ich brauchte Flüssigkeit. Und ausserdem wurden hier die Staatsgäste verköstigt, als Bonn noch Hauptstadt war. Jetzt sass ich hier. Freiherr von Gammelshausen und blickte auf mein Reich nieder... Dann ging es wieder steil den Hang hinunter und dann einfach steil wieder hoch. Anstrengend, aber auch einfach geil. 😅
Das letzte Stück zur Drachenburg war dann recht entspanntes Auslaufen. Es war so um fünf rum und ich sparte mir die Besichtigung für morgen auf. Stattdessen nahm ich die Zahnradbahn runter nach Königswinter, denn ich wollte heute noch nach Bonn. Ich hatte von Robin das Angebot bekommen bei ihm zu übernachten. Da konnte ich nicht nein sagen. Das einzige Problem bestand darin, dass Bonn verkehrstechnisch am kollabieren ist. Strassen verstopft, Bahnen fielen aus, Busse steckten im Verkehr fest. So wurde aus einer 26 minütigen Fahrt eine fast zwei Stunden lange Odyssee und die letzten drei Kilometer ging ich einfach zu Fuss... Bei Robin wurde ich ganz herzlich mit Burritos und Bier empfangen und wir hatten einen tollen Abend mit guten Gesprächen auf seiner Dachterasse. Themen fanden wir genug.
Irgendwann war es Zeit schlafen zu gehen und ziemlich erledigt vom langen Tag ließ ich nich auf seinem Sofa nieder. Danke für deine Gastfreundschaft. ❤️En savoir plus

Voyageur
Ich mochte es nicht sagen, aber damit machst du mir eine riesengroße Freude. Endlich ein "vernünftiges" Outfit 😍😂🤣
Vermissen
8 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 22 °C
Liebes Tagebuch. Es war ein schwerer Tag. Nicht wegen einer besonders langen Etappe, fordernden Wegen, Wetter oder Höhenmeter. Es war emotional schwer.
Heute morgen hieß es schweren Herzens Abschied nehmen von Phoenix. Die letzten Tage waren wunderbar gewesen. Nicht alleine zu sein, Quatsch zu reden und zusammen die Natur genießen. Davor war das schöne Happening am HWP mit tollen Menschen. Von unserer Unterkunft konnte ich quasi direkt starten. Ein Kuss und dann los. Und nun war ich wieder allein. Als sich Phoenix und meine Wege trennten nahm sie die Sonne mit und ich wusste, dass der heutige Tag dem Vermissen gewidmet sein würde..
Es ging entlang von Wiesen und Wald nach Blankenberg und zu meiner Überraschung war dieser historische Ort ganz lieblich anzusehen. Ich ging am einzigen lokal vorbei, welches an einem Montag hier geöffnet hat. Menschen aßen deftige Speisen und es roch verlockend. Gestern waren wir genau nach einer solchen Örtlichkeit auf der Suche gewesen. Jetzt war nur ich hier. Vermissen. Ich wollte mich nicht allein dort hinsetzen. Der Weg machte eine Runde um den Ort runter zur Burg. Hier wollte ich auf der Toilette mein Wasser auffüllen. Geschlossen. Also wieder hoch in den Ort zum Friedhof. Und wieder runter. Runter zur Siegaue und über eine Eisenbahnbrücke. Auf breiten Wegen konnte ich mein Vermissen voll ausleben. 🥹 Etwas Ablenkung brachte der steile, steinige Aufstieg zum Stachelberg. Völlig nassgeschwitzt machte ich es mir oben gemütlich. Zeit für eine Pause. Ich löffelte die Reste Miracoli von gestern aus einer Plastiktüte. Vermissen. Neben mir starteten ein paar Gleitschirmflieger. Wagemutig liefen sie über die "Klippe" und wurden vom Wind in die Höhe gezogen. Wahnsinnig. Kein Vermissen.
Der Abstieg war nicht ganz so steil, aber völlig überwuchert. An meinen Beinen versuchte eine Armee von achtbeinigen Höllensaugern sich Zugang zu meiner Haut zu verschaffen. Es war anstrengend. Alle 20 Meter musste ich anhalten und meine Beine von Zecken befreien. Ach wo sind nur die schön breiten Forstwege. Vermissen. Mir kam ein Wanderpaar auf dem schmalen Pfad entgegen. Sie waren kreidebleich und erwiderten nicht mein "Moin". Stattdessen starrten sie mich mit kalten Augen an und taten alles daran mich nirgendwo zu berühren, als sie sich an mir vorbeiquetschten. Ich hatte sie nicht vermisst, diese spooky Begegnungen. 😅
In Honscheid stand ein Automat mit kühlen Getränken. Immerhin musste ich solche auch nicht missen. Dann ging der Weg meist auf Forsttrassen hoch und runter durch den Wald. Zeit zu Vermissen. Ich vermisste jetzt nicht nur Phoenix, sondern auch meine Familie, Menschen aus meinem Umfeld und meine Bandkollegen. Ich überlegte die Kopfhörer in die Ohren zu stecken, traurige Musik anzumachen und mich vollends meinem seelischen Leiden hinzugeben. Bei dem Gedanken musste ich laut selber über mich lachen und ich verwarf ihn schnell. 😅 Mach das Beste draus. Es war Zeit für "Embrace the suck". Diese Floskel wird meist mit Widrigkeiten beim Wandern benutzt. Mieses Wetter, Naturgewalten, Zecken, Hitze, Kälte blablabla... Diesen Dingen konnte ich hier leicht entfliehen. Überall gibt es hier Schutz. All das kann man hinter einer Zimmertür draussen lassen. Aber die Gefühle eben nicht. Ich akzeptierte die Situation zähneknirschend. Genau wie den nächsten Abschnitt. Es ging mal wieder durchs Kraut und als ich endlich wieder raus war suchte ich alles ab. Da stand ich also fast halbnackt auf einem Schotterweg, als eine Frau mit Hund um die Kurve kam. Ich rief ihr ein "Sorry. Ich suche nur nach Zecken. Auch wenn es vielleicht anders erscheint." entgegen. Sie musste lachen. Sie kenne das Problem. Wir gingen ein Stück und unterhielten uns über die Gegend und das Wandern. Dies das. Es tat ganz gut. Es linderte mein Vermissen etwas.
Ich musste abbiegen und verabschiedete mich. Mein nächstes Ziel war ein Friedhof. Ich brauchte dringend Wasser. Es war den ganzen Tag sehr drückend, Schweiss lief. Immerhin war die Sonne jetzt ab und an zu sehen. An einer Kreuzung kam ein Hund, so ein fetter Boxer oder so, auf mich zu. Ich hörte den Halter um die Ecke rufen, aber der Hund reagierte nicht und kam auf mich zu. Vom Halter nichts zu sehen. Ich bat ihn doch seinen Hund mal bitte von mir fern zu halten. Er rief den Hund. Keine Reaktion. Er kam auf mich zu. Der Mann lieg nun um die Ecke und griff ihn am Halsband. "Das tut mir leid!" Gut. "Keine Angst der macht nichts." Vermissen. Ich vermisste es, dass sich Leute einfach diesen dummen Satz in so einer Situation sparen. Genau das hatte der falsche Förster a.D. auch gesagt, bevor sein Jagdhund mir in den Oberschenkel gebissen hatte.
Eine Joggerin kam von hinten und hatte die Situation wohl miterlebt. Sie versicherte sich, ob bei mir alles in Ordnung sei. Danke für den Support. Ich ging zum Friedhof. Mit vollen Wasserreserven und einem Liter im Leib ging es nun Richtung Hütte 230. Phoenix meldete sich, dass sie gut angekommen war. Vermissen. Es war nicht mehr weit. Eigentlich ein schöner Platz. Schön in der Schneise vom Flughafen. 😅 Ok, dann keine Stille des Waldes. Vermissen.
Ich lies den Tag Revue passieren. Er war schwer. So viel Vermissen. Solche Tage gehören dazu. Ein gutes Zeichen, dass man lebendig ist. Wie öde wäre es doch ohne diese Tage. Embrace the suck. Come back another day. ☺️En savoir plus

VoyageurToll geschrieben, ich leide grade ein bisschen mit....🥺 Morgen wird wieder besser *tröstend über den Kopf streichel* 🍀🍀🍀😉
2 in 1
7 juin, Allemagne ⋅ ⛅ 19 °C
Hier mal zwei Tage zusammengefasst. Viel Quality Time, wenig Zeit zu schreiben.
Liebes Tagebuch.
Am morgen wache ich etwas gerädert auf. Bestimmt Nebenwirkungen der feuchtfröhlichen Zusammenkunft am HWP und der Sägegeräusche in der Nacht. Zum Glück steht die Hütte noch. Zwischenzeitlich hatte ich Angst in einem Haufen Späne aufzuwachen.
Heute kann ich es gelassen angehen, denn später bin ich mit Phoenix in Eitorf verabredet. Sie kommt aus dem Süden und wir wollen etwas Zeit miteinander verbringen.
Aber vorher mache ich mit Robin und Dirk noch klar Schiff an und in der Hütte und ein Eintrag im Gästebuch darf auch nicht fehlen.
Dann heisst es Abschied nehmen. Zumindest von Dirk, denn Robin begleitet mich noch ein Stück, denn er muss nach Eitorf zum Bahnhof. Er nimmt irgendwann den direkten Weg, während ich noch eine kleine Schleife auf dem NST mache und erst später nach Eitorf absteige. Die Wege sind teilweise wieder die reinste Schlammschlacht und so rutsche und schlittere ich lustig durch die Gegend.
Nach ein paar Kilometern heisst es auch für mich "ab in die Stadt". Ja und die Stadt ist irgendwie seltsam. Ziemlich runtergekommen und irgendwie gar nicht so hübsch. Die Menschen sind freundlich, aber auch komisch. Schwer in Worte zu fassen. Dieser Ort hat schonmal bessere Zeiten erlebt. Aber all das ist egal, denn am Bahnhof muss ich nicht mehr lange warten und kann Phoenix in Empfang nehmen. Sie hat uns eine kleine Unterkunft gebucht wo wir die nächsten zwei Nächte verbringen werden. Also schnell noch alles nötige eingekauft, die schmutzigste Rewe Kundentoilette der Welt besucht und dann mit dem Bus nach Wassack, wo unsere Bude direkt neben einem gigantischen Golfplatz auf uns wartet. Den Abend verbringen wir mit Kochen und viel Reden. Es kommt uns ewig vor, dass wir uns gesehen haben. Dabei war es gerade mal etwas mehr als eine Woche. Als ich noch in die Dusche will sehe ich sie: die erste verfluchte Zecke in meiner Haut. Im linken Oberarm will sie sich den Arsch vollsaugen. Nix gibts. "Raus mit die Viechers" bekommt endlich auch für mich eine Bedeutung. 😅 So lange kann sie da aber noch nicht sitzen, denn sie ist noch ziemlich flach... hab ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich Zecken abgrundtief verachte? 😅
Am nächsten Morgen frühstücken wir in der Sonne. Ja genau. Die Sonne. Sie ist rausgekommen um uns den Tag zu versüßen. Endlich mal wieder. Das passt hervorragend zu unserem Plan: da der NST nur ein paar hundert Meter entfernt ist wollen wir eine kleine Wanderung Nobo zu dem Punkt machen, an dem ich gestern ausgestiegen bin. Erst geht es über die Sieg und dann hoch zum Schloss Merten. Wir beide sind der Meinung, dass wir nach 3 Kilometern uns Kaffee und Kuchen im Schlosscafe absolut verdient haben. 🫠
Dann geht es meist über Single Trails und Forstwege am Hang entlang, hoch und runter. Und das erste Mal seit einer Woche ist wirklich mal was los in der Natur, denn es ist Sonntag und hier gehen die Leute wohl auch mal raus. Das gute Wetter hat wohl auch seinen Anteil daran. Genau wie die schöne Natur. So hässlich die Städte, so hübsch die Wälder. Ja und die Pilze sind auch da. Phoenix entdeckt die ersten Röhrlinge für dieses Jahr. An der Storcker Hütte machen wir eine sehr lange Pause, dösen auf einer Liege vor uns hin und genießen den Ausblick auf Eitorf. Von hier oben sieht es gar nicht so schlimm aus. 😅
Jetzt geht es nur noch bergab bis wir wieder in der Stadt stehen. Unser Plan ist es noch ein frisch gezapftes lokales Bier zu trinken, aber das scheint gar nicht so einfach zu sein. Es ist Sonntag Abend und irgendwie hat fast alles geschlossen. Wir werden an einem griechischen Restaurant endlich fündig. Was uns stutzig macht. Es riecht überhaupt nicht nach Essen. Gerade die griechische Küche riecht man ja normalerweise meilenweit. Trotzdem ist mächtig was los. Das Essen auf den Tischen neben uns sieht allerdings sehr sehr traurig aus. Zum Glück wollen wir nur was trinken. Aber auch das ist gar nicht so einfach. Erst bemerkt uns der Service nicht, aber nachdem Phoenix im lokal direkt bestellt hat kommen gleich drei Leute hintereinander und wollen uns die Karte und Besteck bringen. Alles wirkt etwas chaotisch. Am Nachbartisch sitzt ein Pärchen und sie werden gefragt, ob es ihnen geschmeckt hat. Der Typ druckst rum "Naja geht so" und als seine Freundin angesprochen wird, weil noch recht viel auf ihrem Teller ist, antwortet ihr Macker ziemlich patzig für sie "Das ist ne Frau. Da passt nicht so viel rein." Ja und du bist nen Typ und aus dir kommt offenbar Scheisse raus. Die beiden setzen sich auf ihre Motorräder und knattern davon, während am Nebentisch sich das nächste Drama abspielt. Vater und Sohn sitzen dort und haben offenbar Probleme. Vaters Ehe ist im Arsch und der Sohn wird auf der Arbeit gemobbt. Beide kacken sich gegenseitig an und lassen dann den Frust am Kellner aus, der ihnen die nächsten traurigen Gyrosteller bringt. Offenbar haben sie wohl etwas länger auf ihr Essen gewartet und die Entschuldigung der Servicekraft wird mit einem "Na danke" gekontert. Frustriert schlingen sie ihr essen rein und motzen sich weiter an. In der Zwischenzeit versucht ein Rentnerpaar verzweifelt den Kellner ranzuwinken, und werden völlig ignoriert. Aber sie nehmen es nach dem dritten Versuch mit Humor. Zum Glück bestellt hier nicht noch jemand eine Birne Helene. 😅 Es würde passen.
Phoenix geht vorsichtshalber direkt an die Bar um zu zahlen und dann machen wir uns auf den Weg zu unserer Bleibe, wo wir den Abend bei Miracoli und 80er Hits ausklingen lassen.
Was für eine famose Zeit.En savoir plus
Auf zum Half Way Point
5 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 13 °C
Liebes Tagebuch.
Es hat endlich aufgehört zu Regnen. Ich war um halb sechs schon unterwegs. Heute standen ca 40 Kilometer auf der Agenda, denn am Halfway Point des NST sollte es heute eine kleine Zusammenkunft geben. Darüber wurde ich gestern von Andreas informiert.
Der Himmel war mit dicken Wolken verhangen und es hatte sich spürbar abgekühlt. Das Wasser kam heute von unten, denn alles war super matschig und nass. Adé trockene Schuhe und Socken. Es dauerte nicht lang und es hiess Abschied nehmen vom Westerwaldsteig. Als kleine Belohnung gab es nochmal eine richtige Schlammpiste. Jetzt ging es auf den Verbindungsweg zum Natursteig Sieg, welcher aber irgendwann völlig zugewuchert und überwachsen war. Auf meiner Karte war hier auch kein Weg verzeichnet. Also nahm ich einen Umweg in Kauf und umging die 500 Meter Dschungel. Dann sah ich den ersten Marker des Natursteig und als Willkommensgeschenk gab es einen knackigen Aufstieg über Forstatrassen. Verlaufen habe ich mich dazu auch noch... Der Weg wechselte nun von der Wanderautobahn auf einen schönen Single Trail. Der Natursteig machte hier schon seinem Namen alle Ehre. Ich wurde eins mit der Natur, nicht spirituell, eher physisch, denn ich quetsche mich auf schmalsten Weg durch den Wald.
An der "Heilquelle" machte ich eine längere Pause und wollte mal gucken ob das Wasser Hokuspokus macht. Ja. Es stillt unglaublich gut den Durst. Meine Brille brauche ich wohl weiterhin, obwohl das Wasser angeblich einer Blinden das Augenlicht zurückgegeben hat. Sachen gibts.
Anschließend trumpft der Steig mit einem absoluten Sahnestück auf. Wunderbarer Single Trail. Kilometerlang am Hang entlang. Zwischendrin geht es einmal kurz durch die Stadt Herchen und dann oberhalb der Sieg weiter. Vorbei geht es am Thingplatz. Eine der vielen Kultstätten der Nationalsozialisten für ihren Blut und Boden Unsinn. "Geboren als Deutscher. Gelebt als Kämpfer. Gefallen als Held. Auferstanden als Volk." liest sich die Inschrift. Mir kommt kurz die Kotze hoch.
Es fängt an zu Regnen. Endlich mal wieder. Aber dank des Weges bin ich gut abgelenkt. An einer Schutzhütte stelle ich mich unter und sofort hört der Regen auf... und die Sonne kommt raus. Zeit Schuhe und Socken ein wenig zu trocknen. Ja und dann sitze ich das fast eine Stunde und lasse mich bestrahlen.
Anschließend geht es an den Endspurt zum Half Way Point. Die Forstwege kommen da ganz recht, um ein wenig Hackengas zu geben. Unterhalb des HWP riecht es schon nach Grillgut und ich höre Stimmen. Als ich um die Ecke biege wartet schon ein Empfang auf mich. Neben Trail Angel Andreas, Dirk und Robin treffe ich nun auch endlich mal den Wanderschmied, Berg(ver)führer und den Albwanderer. Die drei Thruhiker, die die letzten Tage mal vor oder mal hinter mir waren. Herzlichen Glückwunsch euch!!!
Zeit zum ankommen ist nicht. Bier und Wurst muss verschlungen, Gespräche geführt werden, während der erneut aufgekommene Regen auf das XXL Tarp über unseren Köpfen prasselt. Für den Pitch gibt es eine 1+mit* für Dirk!
Immer wieder ist der Sigwardsweg Thema. Woran das wohl liegt? 😅
Ja und dann ist es auch schon 0:45 als ich mich in der tollen Hütte auf meine Luftmatratze bette. Das war mal ein ziemlich aussergewöhnlicher Abend auf einem deutschen Fernwanderweg. Und überhaupt. Starke Community, die der NST hier geschaffen hat. Ganz ganz lieben Dank!!! ❤️
Ps: heute auch noch die 800 gemacht.En savoir plus

VoyageurHey, auch Dir herzlichen Glückwunsch, denn Deine Leistung ist auch nicht zu verachten 👍und es hat mich gefreut, dass ich Dich kennenlernen durfte. Viel Spaß auf Deinem weiteren Weg
Schwindelfrei am Weltende
4 juin, Allemagne ⋅ 🌧 16 °C
Liebes Tagebuch.
Heute morgen musste ich meine gemütliche Höhle verlassen. Aber vorher gabs einen Strammen Max zum Frühstück und einen extra starken Kaffee. Ich hatte gestern Abend noch eine Nachricht hier von Hiking Nana bekommen mit einer Einladung zum Frühstücken. Das war super lieb, aber etwas spontan und ich musste auch noch Sachen daheim regeln (Handwerker mussten in meine Bude) und natürlich noch alles schön wieder ordentlich und besenrein machen. Draußen sah ich Regentropfen am Fenster vorbeifallen. Für heute Mittag und bis in den Abend war Regen angesagt. Aber als ich das Haus letztendlich verließ hörte er auf. Zurück zum Trail via DB. Natürlich kam der Zug zu spät und ich verpasste fast den Haltewunsch Knopf zu drücken, damit ich aussteigen konnte. Hab ich auch noch nicht oft im Zug erlebt. Dann ging es wieder durch den Wald zum Steig. Und er ging genau so wunderbar weiter wie er gestern aufgehört hatte. Immer schön, auf meist schmalen Wegen, an der Nister entlang. Hier und da mal eine Brücke, die es zu überqueren galt oder ein paar Meter Schotter. Am Himmel dicke Wolken, aber es blieb trocken. Vorerst. Es war außerdem drückend warm. Ich ging gelassen und genoss. Seit Freilingen gefällt mir der Westerwaldsteig schon viel besser. Mehr Wald, Wasser, Höhenmeter, Aussichten, schöne Brücken, Kloster... lauter kleine Highlights.
Ich kam zu einem Hinweisschild, welches meine Höhenangst triggerte. Rechts ging es in der "alpinen Klettervariante" weiter auf dem Weltenendeweg und links auf Waldwegen. Interessant. Joa. Meinen die alpin alpin oder halt alpinähnlich also so als Warnung für Spaziergänger etc? Schwindelfrei solle man sein. Ähhh bin ich nur bedingt. Dazu alles nass und rutschig. Und Weltendeweg klang fast wie Lebensendeweg... Ich würde umdrehen, wenn mir komisch werden sollte. Also mit leicht schlottrigen Knien drauf los. Ja der Weg ging am Hang lang und auch teilweise steil und teilweise mit Drahtseilen gesichert von denen ich bei jeder Möglichkeit Gebrauch machte. Konzentration. Ich wartete die ganze Zeit auf DIE krasse Stelle mit einem mulmigen Gefühl. Aber was kam war die Hinweistafel für Menschen, die aus der anderen Richtung kamen. Ich war wohl durch. Die größte Angst hatte ich wohl vor und durch das Schild. Hätte es dort nicht gehangen wäre ich wohl bis auf ein zwei kurze Stellen ohne große Zustände da durch gegangen. Denn bis auf die ein zwei kurzen Stellen, welche wirklich Konzentration benötigen, war es das beste Stück Westerwaldsteig bis jetzt.
Dann ging es steil den Berg hoch und oben hatte ich eine schöne Aussicht mit Wolken. Und auf einen Rastplatz, der völlig vermüllt war. Warum? Also Tüte raus und alles eingesammelt. Ich kann da nicht vorbeigehen... durch Felder ging es zum Kloster Marienthal, welches hübsch in ein kleines Tal bettete und über einen Kreuzweg ging es wieder den Berg hinauf Richtung der Schutzhütte am Raifeisenturm... aber soweit kam ich erstmal nicht. Kaum war ich aus dem Tal raus fing es erst an zu regnen. Ich war gerade in einem kleinen Waldstück und wartete ab bis es etwas weniger wurde. Dann fing es über mir an zu Donnern. Hundert Meter von hier war das Gasthaus Hubertushöhe und ich suchte erstmal Unterschlupf. Wieder ein Lokal wie aus der Zeit gefallen. Sowohl Einrichtung als auch die Gäste. Die Preise? Das muss ein Hobbyladen sein. Ein Schild weisst freundlich darauf hin, dass hier auch weiterhin geraucht wird. Aber ich werde herzlichst Empfangen. Kaffee, Kuchen? Ja bitte. Während ich mich am Kuchen verköstige kommt es draussen schon wieder aus dem Himmel gegossen. Ob ich auch ein Zimmer möchte, werde ich gefragt. Eigentlich ungern, aber der Blick nach draussen lässt mich nochmal nachdenken. Ich frage nach dem Preis. "Für eine Nacht? Das wird teurer. Da müsste ich 42€ nehmen und zum Frühstück kann ich ihnen nur Kuchen anbieten." Es scheint ihr fast unangenehm zu sein. Ich gucke aus dem Fenster und kann von meinem Platz die Hütte sehen. Würde es gemütlich sein? Nein. Würde ich es dort aushalten? Vermutlich ja. Würde ich entspannt schlafen vor den Augen der Siedlung? Vermutlich nicht. Könnte die Dorfjugend am heutigen Feiertag noch zum Saufen kommen? Ich weiss es nicht. Mache ich mir manchmal zu viele Gedanken? Ja! Es Donnert. Einmal das Zimmer ohne Frühstück, bitte.
Sie freut sich. Nachdem ich mit dem Schoko Birnen Kuchen, nach altem Omma Rezept, fertig bin zeigt sie mir das Zimmer. Hier wurde wirklich lange nichts mehr gemacht. 😅 Es ist nicht wirklich schrottig, aber passt zum Gesamtkonzept des Gasthauses.
Ein paar Minuten später klopft es. Herein. Die Wirtin entschuldigt sich, dass die Küche nichts anbieten kann, aber sie würde mir noch eine Gulaschsuppe von ihrer Mutter warm machen. Ich lehne freundlich ab, auch wenn es mir fast schon leid tut.
Das Bett ist ok und während ich mich lang mache beobachte ich den Regen. Klar, man kann den "suck" embracen, aber muss man es?
Nebenbei erreichen mich noch frohe Botschaften für den morgigen Tag und auch noch für das WochenNachdem ich meine Vorräte etwas erleichtert habe hört der Regen auf. Das Zeitfenster, um meine letzte Mission zu erfüllen: Die Besteigung des Raiffeisen Turm. 177 Stufen rauf. Es ist schon ganz schön hoch, aber dank der Holzstufen kann man, anders als bei so Gitterstufen, nicht nach unten gucken. Der Schwindel bleibt aus. Die Aussicht ist trotz der vielen Wolken spektakulär. Oder wegen der Wolken?! Aus den Wäldern und Wiesen steigt Wasserdampf empor. Nach Nord Osten lichtet sich der Himmel etwas, während von Südwesten die nächste dunkle Wolke in meine Richtung schwebt. Mein Zeichen die Segel zu streichen und hier runter zu kommen. Ohne Schwindel.
Ps: das warme Wetter der viele Regen haben auch ihr gutes: der erste Schub Pilze kommt. 😍En savoir plus
Müßiggang...
3 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 16 °C
...ist aller Laster anfang.
Liebes Tagebuch,
heute morgen habe ich meinen Aufenthalt hier in der schönen Wohnung einfach mal verlängert. Urlaubsfeeling hat sich breit gemacht. Es ist einfach zu gemütlich hier. Aber ganz so einfach wollte ich mich nicht davon kommen lassen. 😅 Ein wenig Bewegung muss sein. Also geguckt ob ich vom Westerwaldsteig mit den Öffis irgendwie wieder zurückkomme. Komme ich.
Schnell etwas Proviant, Wasser und Regenkleidung eingepackt und ab. Es regnet erst leicht dann etwas doller, aber nicht so wie gestern Abend. Über den Zubringer gehe ich Richtung Nistertal. Zwei verschiedene Schilder vom Westerwaldsteig und eine schönes Holzschild lostsen mich durch ein paar Felder, aber irgendwann stehe ich einfach an einer Wiese oberhalb des Weges. Die Schuhe und Socken sind eh schon nass also durch da. Dann erreiche ich wieder die Nister und der Regen wird langsam weniger. Das erste Zwischenziel ist die Abtei Marienstatt mit ihrem kleinen Klostergarten. Eine Besichtigung der Kirche spare ich mir und schlendere weiter auf schönen Wegen Richtung Streithausen. Die Dörfer haben hier teilweise lustige Namen wie Atzelgift, Korb oder Ehrlich.
Es geht immer schön entspannt an der Nister entlang bis es hoch zum Schiferbergwerk Assberg. Man kann über ein paar Leitern runter in eine Grube im Berg steigen. Nichts spektakuläres, aber immehin. Jetzt geht es kurz steil über ein Stufen den Hang hinunter und dann wieder an der Nister entlang bis ich in Astert ankomme. Hier muss ich den Steig verlassen, obwohl ich Lust hätte noch weiter zu gehen. Aber danach ist kaum noch mit Öffis wegzukommen, weil hier wirklich teilweise nur ein zwei Busse pro Tag fahren. Über Waldwege geht es hinauf nach Müschenbach. Schweiss läuft, denn mittlerweile ist es recht warm geworden und es geht stetig bergauf. Der Schotterweg spuckt mich direkt am Bahnhof aus und von hier hat man eine schöne Weitsicht. Natürlich kommt der Zug nicht pünktlich. 😅 Aber er kommt.
Nach 5 Minuten bin ich schon wieder in Hachenburg, kaufe für ein weiteres leckeres Abendessen ein (im Rewe liegt in einem Gang einfach so Blumenerde verteilt) und bei der Bäckerei Weinbrenner nehme ich noch ein Marzipanteilchen mit. Die Verkäuferin nennt es den "Liebesknochen". Ok. Es schmeckt sehr lecker. Hier ist die Zeit stehen geblieben und wenn man einen Filterkaffee bestellt bekommt man alles zum selber aufgießen. Toll. Solche Bäckereien sind wirklich selten geworden.
"Daheim" mache ich mir gebackenen Schafskäse mit Tomaten, Oliven, Aubergine und ganz viel Zwiebeln. Dafür opfere ich auch mein letztes bißchen Olivenöl. Nebenbei packe ich schonmal alles für morgen und höre Musik. Mir war nicht klar wie sehr ich Musik vermisst habe. Unterstützt wird das ganze durch die fette Soundbar.
Einmal durch den Garten von Notorious BIG bis Disrupt.
Nach dem Essen mache ich noch einen kleinen Spaziergang. Es tröpfelt leicht. Morgen ist hier wieder Feiertag und überall hört man Musik und Menschen aus den Kneipen und Häusern. Ich treffe einen dicken fetten Kater, der auf einer Mauer sitzt. Nach kurzem Geschnupper und Gerubbel möchte er etwas gekrault werden. Da hat er ja genau den Richtigen getroffen. Eine Horde angeheiterter Jugendlicher ist dann aber doch interessanter, als sie an uns vorbeiziehen. Machs gut, du. Ich setzte mich auf eine Bank und fange an zu schreiben... bis es wieder anfängt zu plästern. 🌧️En savoir plus
Aus der Hölle ins Paradies
2 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 20 °C
Liebes Tagebuch. Die Nacht war wunderbar. Absolut ruhig und friedlich. Ich hatte mir keinen Wecker gestellt und als ich aufwache ist es halb neun. 😅
Ich reibe mir die Augen und das erste was ich sehe ist eine Zecke die von aussen an meinem Meshzelt hochkrabbelt. Schnipp. Weg fliegt sie. Aber hä? Was ist das? Noch eine. Schnipp. Guten Flug. Ich ziehe mir meine Sachen an. Hmm. Schon wieder eine. Schnipp. Ja und dann gucke ich nochmal genau... sie krabbeln überall über mein Zelt. Absolut ekelhaft. Ich schippe alle runter. Dann stehe ich auf und fange an das Zelt einzupacken. Auf meiner weissen Unterlage ist Zeckenparty. Bestimmt acht Stück sehe ich auf Anhieb. Was ist hier los? Ja und dann krabbelt eine über meine Hand. Wie kommt die da drauf? Ich kriege etwas Panik und fange an mich auszuziehen. Auf der Schulter sind zwei auf der Suche nach einer Futterluke in meiner Haut. Schnipp. Boah. Ich hoffe einfach nur, dass sich keine dort festgesetzt hat wo ich nicht hinschauen kann... ich versuche Fotos von Nacken und Rücken zu machen. Dann noch von da wo die Sonne nicht scheint. 😅 Was willste machen? Hallo. 🙋
Ich kann keine Zecken entdecken. Dann geht es an die Ausrüstung. Mein Rucksack lag auf dem Boden. Alles abklopfen. Jede Naht checken. Selbst in meinem Handtuch, welches am Rucksack baumelt finde ich eine. Ich will hier weg. Es ist mittlerweile halb zwölf. Kurz mal das Wetter gecheckt. Ab dem Nachmittag bis in die Nacht Regen. Ich höre auf mein Bauchgefühl und erinnere mich an meine Lektionen. Ich muss auch noch einkaufen und bis ich mit allem fertig ist es bestimmt Nachmittag. Also buche ich mir eine Unterkunft in Hachenburg. Kurz angerufen und ich kann auch schon einchecken... na dann los. Auf dem Weg treffe ich am Waldrand einen Mann mit zwei Pudeln in einem Kinderwagen. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage ihn, ob er sich vorstellen kann meinen Nacken und Rücken nach Zecken abzusuchen. "Selbstverständlich! Die Viecher sind hier eine absolute Plage dieses Jahr!" Also ziehe ich auf der Strasse mein Shirt aus und er fängt an zu suchen. Ein Auto fährt vorbei und die Frau am Steuer guckt ziemlich irritiert. Ich kann sie verstehen. Er kann keine finden. Ich bin etwas beruhigt und bedanke mich herzlich.
Ab zur Ferienwohnung. Ja und das ist wohl die luxuriöseste Bude seit langer Zeit. Super ausgestattete Küche, fettes Bett, zwei Riesenglotzen, Ankleidezimmer (ohne das wäre ich nicht klar gekommen), Bademantel und auf dem Couchtisch eine Packung Merci und eine Flasche Wein aufs Haus. Ja Moin! Aber vor dem Müßiggang gilt es meine ganzen Sachen mal zu waschen. Der Geruch ist schon recht streng. Dann bin ich dran. Mit Hilfe diverser Spiegel vor Ort mache ich nochmal einen Zeckencheck. Ich bin fast paranoid. Eigentlich unmöglich, dass sich keine festgesetzt hat, aber ich kann keine finden. Frisch geduscht geht es auf Einkaufstour zu Rewe und Rossmann. Es regnet bereits.
Im Rewe spielen sich komische Szenen ab. Es sind recht viele ältere Menschen im Laden und reissen ständig Waren aus den Regalen, die dann auf den Boden klatschen. Aber niemand hebt etwas auf. Selbst ein Rewe Mitarbeiter lässt einen Karton Tomaten fallen. 😅 Ich bin dran und reisse ein Schild für Angebote um. Ich hab aber noch genug Kraft es wieder aufzustellen. Bei der Suche nach Ziplocks komme ich am Strumpfregal vorbei. Diverse Strumpfhosen liegen im Gang verteilt... Die Kassiererin ist irre. Irre nett und freundlich. Fast schon unheimlich. Sie wünscht mir ein schönes Wochenende und einen gesegneten Sonntag. Es ist Dienstag!!! Stehen hier wieder Feiertage an? Ich trau mich nicht zu fragen. Der Rossmann Besuch verläuft ohne Zwischenfälle.
Wieder daheim bereite ich mein Abendessen vor. Es gibt Veggiegyros, Reis, Knoblauchquark und gebratenes Paprikagemüse. Tut das gut mal wieder was zu kochen und zu brutzeln.
Mit einem Glas Wein und meiner Mahlzeit mache ich es mir auf dem Sofa bequem. In der Flimmerkiste läuft das perfekte Dinner, während der Regen an die Scheibe klatscht. Alles richtig gemacht.
Tageskilometer: 3,4En savoir plus

Sirius.Ich hatte gestern beim Abbau meines Zeltes nach einem Monat den ersten Zeckenkontakt. Ich weiß aber gar nicht, was sich gerade auf meinem Rücken abspielt.😬

VoyageurKrass. Also seit dem Westerwaldsteig habe ich täglich mindestens 15 zecken gesehen. Gebissen hat mich noch keine. Suche aber auch ständig alles ab.

VoyageurIch habe mal nach Fressfeinden gesucht und z.B. Hühnervögel, Igel und Maulwürfe gefunden. Vielleicht kannst du ja ein Grüppchen Haushühner zu einem Mitwanderabenteuer überreden? Oder einen Fasan, oder einfach da übernachten, wo Fasane so übernachten? Die machen sich ja lautstark bemerkbar, wenn man in der Nähe ist. Igel und Maulwürfe sind, vermute ich, nicht so wanderfreudig, und wahrscheinlich verliert man sie leichter.
Lässig durch den Westerwald
1 juin, Allemagne ⋅ ☁️ 21 °C
Liebes Tagebuch.
Ich würde ja gerne vom Tag erzählen, aber erstmal gilt es die Nacht zu rekapitulieren. Ich lieg da also in meinem Zelt und bin schon im Halbschlaf. Da raschelt was. Bestimmt wieder eine Maus. Ich nicke kurz weg und schrecke auf, als das Zelt wackelt und es sich so anhört als würde jemand an der Plane ziehen. Ein Schlag meinerseits gegen die Zeltwand und etwas läuft weg. Ich brauche kurz um nachzudenken. Mal den Rucksack und Fressbeutel checken. Beide liegen im Vorzelt. Rucksack alles gut. Fressbeutel... äh Fressbeutel wo bist du? Er ist weg. Mit meinen letzten Vorräten. Schuhe an, Kopflampe auf. Ich suche die Zeltwiese ab. Ja und so 20 Meter von mir entfernt liegt er im Gras. Bissspuren sind zu sehen. Der Beutel ist aber noch heile. Was nun? Ins Zelt will ich ihn nicht nehmen. Keine Lust, dass das Vieh sich durch die Zeltwand beisst. Also binde ich den Sack mit meinem Rucksack am Zeltgestänge fest. Alles fixiere ich mit dem Trekkingstock. Hoffentlich ist Ruhe. Aber nein. Das Tier, ich vermute ein Fuchs (Waschbären sind lauter), kommt immer wieder und versucht den Beutel wegzuziehen. Langsam ist es mir egal. Ich will schlafen. Das tue ich auch. Am morgen liegt der Beutel halb unterm Zelt hervorgezogen. Alles bis auf den Kaffeebeutel ist intakt. Der Beutel auch. Egal. Ich fühl mich fit und hab Bock auf wandern. Ratzfatz fertig gemacht, Riegel ins Maul. Los. Und dann ziehe ich ganz lässig meine Bahnen auf dem Westerwaldsteig. Der Weg ist heute super und gnädig. Ich finde auf dem Waldweg zwei so Powergels vom Triathlon gestern. Beide noch zu. Rein in den Schlund. The trail provides. Es geht durch Wiesen, an kleinen Bächen entlang. Am Himmel tolle Wolkenspiele. Am Boden schöne weiche schmale Wege. Lässig gleite ich dahin. Und treffe endlich einen Wanderer. Er kommt mir entgegen. Schwer beladen. In der Hand ein Stativ. Ja und dann quatschen wir bestimmt ne halbe Stunde. Mein Magen meldet sich. Hunger. Ich muss los. Aber super nettes Gespräch. In zwei Kilometern kommt ein Rewe und dann gehts rund. Dicker Salat und Baguette. Am Dorfbrunnen zelebriere ich das Tagedieb Leben.
Es ist zwei. Ist ja noch viel Zeit. Also ganz ganz lässig weiter. Es geht endlich mal wieder bergauf bis zur alten Nistertalbrücke. Mächtiges Gerät. Erst gehts unten durch und dann hoch. Ich wage mich auf die Brücke. Komisch hier oben. Ich traue der Höhe immer noch nicht. Aber der Ausblick ist schon ansehnlich. Weiter gehts. Bis jetzt hat der Westerwaldsteig es gut geschafft Ortschaften zu umgehen, aber jetzt gehts direkt durch Bad Marienberg. Verkehrte Welt? Es ist irre viel los. Der totale Kontrast zu den letzten Tagen. Autos pressen sich durch die Innenstadt, wo normalerweise eine Fußgängerzone sein sollte. Es ist irgendwie hässlich. In der Zeit stehen geblieben. Weg hier. An einem alten Basaltsteinbruch geht es rauf zu einem Aussichtsturm. Es ist immer noch irre viel los. Die leben hier noch den Montag. Aber sobald man zwei Meter auf einem kleinen Pfad geht ist man allein. Meine totale Lässigkeit kommt wieder. Cruisen. Und das auf richtig schönen Wegen. Kann ja doch was der Westerwaldsteig. Am Wolfsstein mache ich nochmal Pause und stille den Hiker Hunger. Lässig geht es weiter. An einem Friedhof fülle ich mein Wasser für die Nacht auf. Etwa 4km noch bis zu meiner auserkorenen Hütte. Es gilt ein Tal zu durchqueren. Also runter. Ja und unten angekommen ist die Lässigkeit erstmal dahin. Die nächsten 6 Kilometer sind gesperrt wegen einer Baustelle der Deutschen Bahn. Danke. Du schaffst es immer einen abzufucken. 😂
Aber es gibt eine Umleitung. Ich muss versuchen von entgegengesetzter Richtung zu meiner Hütte zu kommen. Die nächste ist viel zu weit weg. Priiiima. Die Umleitung geht erstmal auf der anderen Talseite steil nach oben und folgt dann einfach dem Hang. Auf der anderen Seite muss meine Bleibe irgendwo sein. Sie zieht an mir vorbei. Der Weg geht jetzt wieder runter ins Tal und kreuzt die verschissenen Gleise der DB. Es brodelt etwas in mir. Ich hätte ja mal auf der Seite vom Westerwaldsteig mich schlau machen können. Ja und was folgt war der totale Mittelfinger. Der Anstieg des Abschiss. Einfach straight den Hang hoch. Hier und da ein paar Stufen. Leck mich fett. Aber richtig.
Oben angekommen bekam ich als Belohnung die Sonne durch die Blätter ins Gesicht. Wirklich befriedigend. Ich merkte wie sich meine Aufregung über meine erneute Schusseligkeit und die extra Kilometer legte und etwas von der Lässigkeit zurück kam.
Am Rande von Hachenburg ging es nun in entgegengesetzter Richtung zu meinem zu Hause für heut Nacht. Ja und dann kam ich endlich an. Statt 34 waren es jetzt wieder über 40 Kilometer. Schnell aufgebaut, futtern, schreiben, lässig sein.En savoir plus

Voyageur
Futtern, schreiben, lässig sein....Eine ruhige, gute Nacht wünsche ich dir, schlaf schön, Nikolai. Wieder ein toller Bericht mit wunderschönen "Himmelsbildern"
Lektionen
31 mai, Allemagne ⋅ ☁️ 21 °C
Liebes Tagebuch.
Heute Nacht war ich ein Stein. Keine Ahnung ob Gewitter oder Regen war. Ich habe nichts mitbekommen. Das war wohl nötig.
Als ich um halb sieben das Rollo hochfahren lasse bin ich erstaunt. Die Sonne scheint. Die Straße ist etwas nass. Voller Freude packe ich meine Sachen und los gehts.
Etwa 2 Kilometer später erhalte ich meine erste Lektion. Wolken erscheinen und als ich über die erste Hügelkuppe komme sehe ich am Himmel eine gigantische Gewitterzelle. Ich Esel. Hätte ich mal Regenradar gecheckt. Das war auf meiner Tour doch recht zuverlässig. Oh man. Die nächste Hütte ist 3km weg. Das Gewitter hat Gut Geschwindigkeit drauf. Das schaffe ich niemals. Also zurück ins Dorf. Während ich mich umdrehe fallen auch schon die ersten dicken Tropfen. Der Schirm muss reichen. Hinter der ersten Kurve im Dorf finde ich meine Rettung: eine sehr große Bushaltestelle mit Bank. Also von der Größe her ist es schon fast ein Dorfgemeinschaftshaus. Na dann mal gucken was da so kommt. Und es ist einiges. Wind, Blitz, Donner, Regen. Zum Glück bin ich umgedreht. Aber wäre ich schlau gewesen hätte ich jetzt noch in meinem Bett vor fetten XXL Monsterglotze rumlümmeln können. Selber Schuld. Ja und so sitze ich da fast zwei Stunden, frühstücke und bestaune das Gewitter. Der längste Donner dauert genau 46 Sekunden. Dann habe ich aufgehört zu zählen. 😅
Gegen zehn wird es etwas heller. Ich sehe meine Chance, aber dann kommt doch noch ne Ladung Regen runter. Also noch mal warten. Ich bin Schönwetterwanderer.
Kurz nach zehn kann ich dann endlich los. Es ist schön kühl. Alles nass und saftig. Der Weg ist gnädig und führt mich erstmal nicht nur durch Wiesen sondern Richtung Schwarzbachschlucht. Nach 50km Westerwaldsteig nun endlich ein kleines Highlight. Die Schlucht ist wunderschön und ich hab sie für mich alleine. Leider ist sie nicht sehr lang... aber endlich Zeigt der Steig auch mal was er kann. Es geht endlich auch mal richtig rauf und runter. Neben ein paar Forststrassen gibt es auch jede Menge Single Trails. Alle schön zugewuchert und ich bin ständig damit beschäftigt Zecken von meinen Beinen und Schuhen zu schnipsen. Besonders an den Waldrändern sind sie heiss auf mein Blut. Apropos Wald. Westerwald. Der Weg geht gar nicht so viel durch den Wald. Eher durch Weiden und Wiesen. Aber wenn dann ist es eine Freude.
Bei Westerburg lerne ich die nächste Lektion. Ich will gerade gucken wie ich zu einem Supermarkt komme und da dämmert es mir. Es ist Sonntag. Fickedifuck. Ich hab Hunger und brauche Futter. Keine Tankstellen etc in der Nähe. Na dann muss jetzt Rationiert werden bis morgen Mittag oder später... der Hiker Hunger wird eh langsam fies. Besonders, wenn man nicht genug Stoff hat. Ich ESEL!!! 🫏
So gehe ich mit knurrenden Magen weiter. Für heute noch ein Riegel und hoffen, dass ich noch irgendwo was essen kann. Dann habe ich noch zwei Riegel und etwas Couscous für morgen. Und ein pappiges Brötchen.
Natürlich denke ich jetzt nur noch an Essen. Etwas Ablenkung bekomme ich, als ich ein Storchennest sehe. Eine Bank steht in der Nähe und ich mach ein bisschen auf Ornitologe. Richtig süss wie die kleinen Schnäbel der Brut über den Rand des Nestes gucken. Mama und Papa Storch sind auch da und klappern einmal für mich. Danke. Tolle Show.
Mein Magen knurrt. Wie war das nochmal mit "dem gebratenen Storch"? 😅 Weiter gehts durch Feld und Flur bis zu einem kleinen Biotop. Auch dort lasse ich mich kurz nieder und beobachte Schwäne, Nil- und Kanadagänse. Dazu der Nachwuchs der Stockenten.
Da ich heute erst so spät starten konnte habe ich erst 27 Kilometer auf der Uhr. Was solls. Um die Ecke ist ein Campingplatz. Es gibt eine Gastro. Es ist kurz nach sechs. Was gibt es lange zu überlegen?
Auf dem Platz geht der Punk ab. Heute ist hier Triathlon. Spitzensportler fetzen an mir vorbei während ich mein Zelt aufbaue. Zack zack und zur Wirtschaft. Pommes! Leider ist der Service völlig überfordert mit mehr als zwei Gästen. Bis ich ein Getränk habe dauert es 15 Minuten und jetzt bin ich fast fertig mit schreiben und habe noch nicht mal meine Fritten. Familie Ballerstraller darf natürlich auch nicht fehlen. Eine Fettfresse mit Böhse Onkelz Shirt faselt irgendwas von Linksradikalen. Linksradikale hier, Linksradikale da. Grüne, Linke blablabla. Du Hampelmann, der "Linksradikale" sitz vor dir. Also hat er ja auch irgendwo recht. 😅
Bevor ich eskaliere lenkt seine "Schnuckelmaus" das Gespräch auf wer jetzt mit wem gebumst hat. Ist das peinlich. Aber auch lustig. Aber auch dumm. An ihrem Knöchel ein schäbig gestochenes Kleeblatt Tattoo. Aus ihren Gesprächen erfahre ich auch noch von ihrer Schildkröte "Rambo". Sie selbst nennt sich Königin. Heiliger Bimbam. Zum Glück will die Königin nach Hause. Also Fettfresse fahr deine Olle in ihr Schloss. Mittlerweile habe ich immerhin schon Besteck bekommen. Und meine dritte Lektion für heute: eine gute Pommes dauert 1 1/2 alkoholfreie Weizen.En savoir plus

VoyageurOh, Nikolai, ......aus Erfahrung wird man klug. Regenradar und Kalender im Kopf behalten. Für die schleppende Bewirtung kann man keine Vorsorge treffen. Und die Tischnachbarn....🫣
Endstation: Spielhalle
30 mai, Allemagne ⋅ ☁️ 24 °C
Liebes Tagebuch. Was war das denn bitte für eine Nacht? Das Gewitter kam nochmal kurz wieder, aber kein Vergleich zu dem was vorher abgegangen war. Nachdem es sich endgültig verzogen hatte dachte ich an etwas Schlaf. Es war schon Mitternacht. Ja nee. Alle Tiere des Waldes hatten sich wohl überlegt mich zu besuchen. Was ein Getöse. Dazu hämmerten Zapfen auf das Dach. Die Mäuse machten Party und ein Igel gab sich zu erkennen an seinem Geschnüffel und Geschmatze. Irgendwann war ich kurz eingeschlafen und wurde sofort durch ein Krachen aufgeweckt. Irgendwo auf der anderen Talseite hatte ein Baum den Abgang gemacht. Dann war irgendwann Ruhe. Aber mehr als drei Stunden Schlaf hatte ich nicht bekommen. Ich ignorierte den ersten Wecker... den zweiten auch. Kurz vor halb sieben schälte ich mich aus meinem Schlafsack. Es war (noch) wunderbar kühl und das Tal lag im Nebel. Völlig verschlafen machte ich mich auf den Weg... ja das war etwas zäh die ersten zwei Stunden. Nach einem Kaffee vom Bäcker wurde der Geist etwas lebendiger. Die Sonne war dabei ihr brutzliges Handwerk zu verrichten und knallte mir auf die Birne. Der Weg führte viel durch nasse Wiesen und meine "Stützstrümpfe" sogen sich voll und waren angenehm kühl. Meine Schuhe und Socken leider auch... Bei so viel Wiesen waren die lästigen Zecken natürlich nicht weit. Aber auch hier trumpften meine weissen Stützstrümpfe. Auf ihnen sieht man wirklich jedes kleine Mistvieh kriechen.
Erneut wachgerüttelt wurde ich, als der Weg gerade in den Wald auf eine Gabelung zuging. Die Sonne strahlte durch die Baumkronen. Und da standen sie. Acht kleine süsse Frischlinge. Ca. 50 Meter von mir. Ein toller Anblick. Nur Mama Schwein war nicht zu sehen. Oh man. Ich machte mich durch Rufen bemerkbar. Nichts. Dann klatschte ich in die Hände. Ich wurde gesehen und die kleinen frechen Ferkel verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich wartete einen Augenblick und näherte mich lautstark. Am Wegesrand ein Mülleimer. Ich hämmerte mit meinem Trekking Stock drauf. Das sollte doch reichen. Sollte es? An der Gabelung die Überraschung. Die ganze Schweinefamilie war noch da. Die Ferkel preschten nach links, die Bache nach rechts und ich lief in die Abzweigung weg von ihnen. Zum Glück war das sogar mein Weg. Joa. Jetzt war ich wach. Trotzdem. Wildschweine gehören zu den tollsten Tieren, die man in unseren Wäldern beobachten kann.
Es ging hoch zur Fuchskaute. Dem höchsten Punkt auf dem Westerwaldsteig. Joa. Völlig banal. Auf den "Gipfel" kommt man irgendwie nicht. Also ich hab ihn nicht gefunden. Nur Warnschilder vom Wirtshaus. Dazu eine Tafel auf der steht, dass man anrufen soll, wenn man was will. Wenn sie Lust haben gehen sie dran. Wenn nicht - fuck you. Auch eine prima Idee eine Wirtschaft zu führen. Mittlerweile war ich wieder völlig platt. Eine Pause musste her. Immerhin ging es fast nur bergab. An einer Hütte mit Quelle ließ ich es mir erstmal mit einem Hiker Trash Sandwich gut gehen. Was mir dann auffiel... wo waren eigentlich die Menschen. Ich hatte bis hier nur eine Hand voll Radler und zwei Hundemenschen gesehen. Es war Samstag. Was machen die Leute denn nur? Wetter war bis auf ein paar Tropfen Regen absolut Top. Komisch.
Ich spielte Barrista und mixte mir einen kalten Instantkaffee mit frischem Quellwasser. Ein Gedicht. Eine Zecke krabbelte aus meinem Beutel mit Kaffeepulver. Was zum Geier? Wie? High Five mit meiner Schuhsohle.
Mit dem Koffeinkick ging es wieder etwas besser, aber ich war fürchterlich erschöpft. Für heute Abend gab es zwei Optionen. Entweder Campingplatz oder mit 38€ die billigste Pension weit und breit. Ich kann mich gar nicht mehr an den Weg erinnern so müde war ich. Der Campingplatz war nun nicht mehr fern und ich sah schon den Badesee. Kaum ein Mensch zu sehen am Strand. Das ist doch vielversprechend. Denkste. Ich weiss jetzt was die Leute am Samstag hier so machen. Die hängen einfach auf ihrem Campingplatz ab. Es war brummend voll. Nee danke. Ich brauche Schlaf. Also die Absteige über mein Erscheinen informiert. Zimmer frei. Perfekt.
Kurz vorm Ziel sah ich dann in einem Garten die Südstaatenflagge. Oh man. Ich war ja in Rheinland Pfalz. Na klar. Das Bundesland mit den meisten durchgeschepperten Knallköppen. Rein anekdotisch, versteht sich.
Ich bekam einen Rückruf von der Pension mit der Frage über meine Ankunftszeit. Ja so 19 Uhr rum. "Ok, kein Problem. Ich hinterlege den Schlüssel in der Spielhalle." Wo? 😅 Ich war bereit für ein Abenteuer. Auf dem letzten Kilometer malte ich mir alle möglichen Szenarien aus was wohl auf mich warten würde. Ja mein erstes Mal Spielhalle und es war genau so wie ich es mir immer vorgestellt habe. Eine Klingel an der Tür und sobald dir Einlass gewährt wird steigt dir der Geruch von kaltem Rauch in die Nase. Hinterm Tresen eine schmierig geleckte Witzfigur mit Tribal Tattoos. Ach komm. Das ist alles zu Klischeehaft. Und wieso Spielhalle? Das hier war ein kleiner Raum mit drei Automaten. Vor einem saß eine abgeranzte Frau. Nett hier. Gib Schlüssel. Er gab. Also rauf ins Zimmer. Spannung. Was kriegt man für 38€? Ein sauberes Bett und eine riesengroße Glotze. Dazu ein Bad auf dem Flur. Aber alles ganz neu und picobello.
Ich musste an eine abgefuckte Drecksbude für 150$ in Cascade Locks denken. Dagegen war das hier das Rizz oder wie das heißt. Ab unter die Dusche. Nach zwei Tagen hatte ich schon einen reizenden Geruch. Als ich fertig war sah ich einiges an Waldgerümpel in der Duschwanne. Ich versuchte den sauberen Zustand vor meinem Erscheinen wieder herzustellen. Dann nichts wie runter... denn es gab noch ein Restaurant. Ich hatte Lust auf ein Bier. Ja und dann kam der Schlag in die Magengrube. Das Fass mit Pils war alle. Dreckladen. Ich knickte ein und nahm ein Helles. Das Essen auf den Tellern der anderen Gäste sah tatsächlich ziemlich gut aus. Ich knickte nochmal ein. Eine Portion Süsskartoffel Pommes wanderte in meinen Schlund.
Ich bin gespannt auf morgen. Heute Nacht soll es wieder ordentlich ballern (auch ein Grund für die Pension) und es soll eigentlich den ganzen Tag regnen. Ich werde sehen. Vielleicht ein kurzer Tag... heute waren es dann doch wieder 43 Kilometer. Ab in die Falle. Füße hochEn savoir plus
Auf den Westerwaldsteig feat. Blitze ⚡️
29 mai, Allemagne ⋅ ⛅ 28 °C
Liebes Tagebuch.
Es geht wieder los. Heute bin ich nach Dillenburg gefahren. Hier habe ich im August den Rothaarsteig beendet und nun soll es weitergehen auf dem NST. Also steige ich zu der Stelle auf wo ich den Trail verlassen habe. Ehrensache. Dabei lege ich schon so viel Höhenmeter zurück wie gefühlt auf dem gesamten Abschnitt Nord. 😅 Herrlich. Rauf runter. Endlich mal eine Abwechslung. Die ersten 20 km folgt der NST dem Dill Lahn Bergpfad. Mal auf Pfaden dann auf Forstatrassen durch den Wald und dann über Hochwiesen. Die Sonne knallt brutal. Es sind bestimmt 30 Grad. Also immer schön Wasser saufen. Deshalb gleich mal in den erstbesten Rewe und kalte Getränke holen. Als ich am Packtisch meine Sachen verstaue sehe ich einen Stapel Flyer. Firedensmarsch nach Berlin. Was sich erst schön liest entpuppt sich als völlige Schwurbelscheisse. "Jetzt reichts! Für Meinungs- und Pressefreiheit. Erhalten wir die deutschen Tradition und Bräuche!" Ähhhh ja. Wir haben Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Dann vergleicht sich die Gruppe mit den Menschen, die zum Hambacher Schloss marschiert sind. Uff. Fehlt nur noch, dass sie sich mit Sophie Scholl vergleichen. Ganz ausversehen stoße ich an den Stapel Flyer und er fällt in das Müllfach. Ups. Was ist hier los in der Gegend?
Was mir gleich auffällt ist die frische Beschilderung mit den NST Wegweisern. Ja und an einer Picknickbank gibts ein Gipfelbuch. Da lese ich doch, dass der Soulboy vor 5 Tagen hier war. Na dann hat der wohl ausgeflaggt. Vielen Dank. Absolut grossartig was du mit dem NST geschaffen hast!!!
Ich gehe an einer Frau mit Hund vorbei und Grüße. Hinter mir höre ich: "Bis ans Haldenwanger Eck?" Ich bleibe stehen und erläutere meine Pläne und wir quatschen ein wenig. Sie kennt sich bestens aus mit dem NST und ist auch schon mehrere Tausende Kilometer mit ihrem Hund gewandert. Durch die Schweiz und Frankreich. Wir gehen ein Stück zusammen und halten Trail Talk. Dann muss ich abbiegen und es heisst "Auf Wiedersehen!" Endlich normale Leute.
Gegen sieben erreiche ich Herborn. Ich muss noch Proviant einkaufen. Also ab zu einem riesigen Rossmann. Leider ist die Nahrungsabteilung total klein und es gibt weder Porridge noch Cousous. Scheisse. Also noch ein Umweg zu Edeka. Auch gigantisch aber hier gibt es alles was ich brauche.
Dann ging es auf den Westerwaldsteig. Der Trailhead ist in der doch ganz ansehnlichen Innenstadt. Nach 50 Metern ging es schon nicht weiter. Eine Modenschau fand direkt in der Fussgängerzone statt. Also drum herum und nichts wie raus aus der Stadt. Schön straight den Berg hoch. Schweiss läuft. Es geht unter der Autobahn durch. Irgendwie schon beeindruckend diese riesige Brücke. Es zieht sich zu und am Horizont sehe ich dunkle Wolken. Das knallt doch heute noch. Also etwas spurten. Ausserdem ist es schon acht. Im nächsten Dorf fülle ich am Friedhof noch mein Wasser auf. Eine Frau beobachtet mich etwas irritiert. Ich wünsche ihr einen schönen Abend.
Dann gehts noch einen Kilometer den Berg hoch zu einer Schutzhütte. Ich habe etwas Sorgen, dass die Dorfjugend hier abhängt, aber es ist niemand vor Ort. Bestes Timing. In der Ferne donnert und blitzt es schon. Aber es scheint recht sicher zu sein. Um mich herum noch Bäume, die etwas Schutz bieten. Denke ich. Ja falsch gedenkt. Die Hütte ist nach allen Seiten offen und der Wind pustet schon Regen hinein. Von oben fallen Zapfen auf das Dach. Das Gewitter ist nun recht nah. Hmmm. Ich packe alles ein und verzichte erstmal auf mein Essen. Es wird ungemütlich. Über mir Donner, Blitze und Regen. Dann wird es plötzlich etwas ruhiger. Ich checke das Regenradar und sehe, dass es auf halb elf richtig übel werden soll. Das Dorf ist nur einen Kilometer den Berg runter und auf dem Friedhof gab es eine Kapelle mit Vordach. Also setze ich mich in Bewegung und jogge den Berg runter. Ratzfatz bin ich da. Leider sind die Toiletten verschlossen. Dann würde ich da einfach abhängen. Immerhin eine Bank steht unter dem Vordach. Ja und dann beobachte ich wie es rund um mich herum anfängt ordentlich zu Wemsen. Atemberaubende Blitzformationen ziehen sich durch den Himmel. Ich hoffe das ich hier einfach sicher bin. Zur Not kann ich mich noch in eine Ecke kauern. Ja keine Ahnung wie lange ich hier jetzt sitze... gegen halb zwölf soll der Spuk zu ende sein. Dann werde ich wieder zur Hütte rauf und mein Lager dort aufschlagen. Falls was irres passiert ist erfährst du morgen, liebes Tagebuch.En savoir plus
Finale & Never quit on a bad day...
26 mai, Allemagne ⋅ ☀️ 20 °C
...oder wenn es mal durch die Stadt geht. Und schon gar nicht 30km vor dem ersten großen Ziel.
Liebes Tagebuch.
Never quit on a bad day.
Diesen Satz musste ich mir heute morgen, als ich aus dem Südausgang des Hbf Hamburg schritt und zwei Meter von mir jemand auf den Weg kackte, zum ersten mal seit langer Zeit wieder sagen. Eigentlich aus Spaß, aber ich hörte in mir einen ernsten Unterton. Ach Hamburg meine Perle. Never quit on a bad day.
Ich versuchte den Trail (sofern es den hier in der Stadt geben kann) zu erreichen, aber ein paar Baustellen, Strassensperren und Kotzehaufen machten es etwas umständlich. Irgendwie klappte es dann und ich stand an der Binnenalster. Hier sollte es entlang gehen. Ich versuchte mir den Weg von der Karte im Kopf zu speichern, aber dann stand ich plötzlich auf dem Jungfernstieg. Da passte doch was nicht. Also einen Weg zum botanischen Garten gesucht und versucht nicht auszurasten. Never quit on a bad day. So musste ich ständig aufs Handy gucken, um zu sehen wohin es gehen sollte. Um mich herum Menschen, Autos, Krach, Stress. Never quit on a bad day.
An den Landungsbrücken konnte ich den ganzen Touriwahnsinn etwas ausblenden, denn dort traf ich meinen alten Kunpel Join. 20 Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Jetzt hatte es endlich mal geklappt. Bei einem kühlen Getränk versuchten wir zwei Dekaden in 30 Minuten aufzuarbeiten. Also gab jeder einen Schnellabriss der wichtigsten Ereignisse. Dann trennten sich unsere Wege wieder, denn er hatte noch zu tun und ich noch Kilometer zu gehen. Bis bald alter Freund.
Entlang der Landungsbrücken, Fischmarkt und Elbstrand war der Teufel los. Alle wollten die beeindruckende Aussicht auf den Hafen genießen. Auch ich konnte mich dem nicht verwehren. Dicke Pötte, Hafenrundfahrten, Schlepper... alles dabei. Am Strand sonnten sich die ganz coolen. Ein Typ lag nackt dort und eine Flasche steckte mit dem Kopf voran in seiner Arschritze. Ein prächtiger Anblick. Never quit on a bad day.
Der Weg kam auch am Hafenklang entlang. Einem Laden in dem ich schon recht oft war. Oxbow, Extreme Noise Terror, EyeHateGod, D-Clone, Warthog, Hellshock, Slöa Knivar usw. Die Creme de la Creme des Krach. Oder halt selber dort Musik gemacht. Sowas halt.
Richtung Blankenese wurde es etwas ruhiger. Kurz. Es ging nun auf die Fähre Richtung Rüschpark und der Anleger war schon gut gefüllt. Die unzähligen Fahrradfahrer drängten und quetschten sich auf das Schiff als wenn es die letzte Überfahrt wäre... die Fahrt war kurz und auf der anderen Seite ging es nun für mich am Airbus Werk vorbei. Welch schöne Ruhe doch so Triebwerktests ausstrahlen. Dazu das liebliche Rauschen einer Bundesstraße. Never quit on a bad day. Tatsächlich war der Trail zeitweise echt ansehnlich, aber es gab nun keinen Schatten mehr. Ich wurde gegrillt. Ab Neuenfelde ging es dann kilometerweit nur geradeaus durch eine Brache. Zum Glück stand am Wegesrand ein Automat mit kühlen Getränken. Ich gönnte hart. Dann weiter. Wasser über den ganzen Leib verteilt, zentimeterdick Sonnencreme drauf und ab. Plötzlich stand ich vor der Baustelle einer neuen Autobahn. Wo hier der Trail langgehen sollte war mir ein Rätsel. Das GPS sagte gerade aus durch einen breiten tiefen Wassergraben über die Baustelle, auf der hart geschuftet wurde. Schwimmen wollte ich nicht. Linker Hand war der Weg durch ein Tor gesperrt. Privat. Also rechts rum. Never quit on a bad day. Ein ewig langer Umweg stand an. Fast. Denn nach ein paar hundert Metern hatte die Baustelle eine Durchfahrt. Natürlich überall Verbotsschilder. Hmmm. Durch? In dem Moment fuhr ein Opa an mir vorbei. "Na mal gucken ob es hier lang geht, haha!" Also ihm nach. Durch! Es klappte. Nach ein paar Minuten merkte ich, dass offenbar noch andere Fahrradfahrer*innen alle Verbotsschilder ignorierten. Dann kanns ja nicht so wild sein... Also immer weiter geradeaus Richtung Fischbek. Mein GPS Track führte mich auf einen Feldweg, der einfach im Nichts endete. Never quit... Also wieder zurück und direkt an den Bahngleisen entlang. Eine Elster aka Magpie landete vor mir und ich wusste das nun alles gut sein würde. Ja und dann kam ich auf den Zubringer vom Heidschnuckenweg. Erinnerungen an meine erste Fernwanderung von 2018 kamen zurück. Hier bin ich lang gestapft. Kaum Ahnung von nichts. Jetzt stehe ich wieder hier am Trailhead. Nach 600km Nord Süd Trail und knapp 4000km anderer Wege. Ein gutes Gefühl. Wieviele Ängste konnte ich mir über die Jahre nehmen. Die Lernkurve geht erst steil, aber hört nicht auf.
Dennoch war es ein herausfordernder Tag. Die Lautstärke, die Hitze, der Asphalt, die Menschenmassen... der Bad Day. Er geht vorbei.
Damit ist der Abschnitt Nord abgehakt. ✅
Morgen geht es kurz nach Hause und dann am Donnerstag geht es nach Dillenburg.En savoir plus

VoyageurWas für ein Tag 😳... Mein Neid auf's Wandern ist grade deutlich geschrumpft 😅
Hamburg, ich komme!!!
25 mai, Allemagne ⋅ ☀️ 25 °C
Liebes Tagebuch.
Was für zwei wundervoll entspannte Pausentage. Einfach schön auf dem Campingplatz in Güster (wo ich vorher schon geschlafen habe) abgecampt. Trotz Pfingsttrubel war es dort sehr sehr ruhig und entspannt. Ein toller Platz. Ja und dann haben wir eigentlich nur gebadet, gesonnt, gelacht und gegrillt. Pausentage in der Natur sind die Besten. Und heute um halb eins wurde ich dann auf dem Rückweg von Phoenix in Aumühle ausgesetzt. Keine Wolke am Himmel und die Sonne knallte. ABER der Weg verlief meist schön im Schatten und nur mit dem Nötigsten und Wasser im Rucksack flitzte ich durch die Landschaft. In Bergedorf gönnte ich mir ein Mittagessen. Beim Vietnamnesen gab es Frühlingsrollen, einen leckeren Mangosalat und ein großes Jever. 13km in zwei Stunden und die Überschreitung der Stadtgrenze sollten gefeiert werden.
Gut gestärkt und etwas angeschwipst ging es weiter. Entspannt wie man nach Hamburg reingeführt wird. Der Abschnitt war der, auf den ich mich am wenigsten freute, aber es war wirklich erstaunlich schön. Besonders die Boberger Niederung mit ihren Dünen, Heideflächen, Segelflugplatz und einem See. Ja und es war die absolute Hölle los. Verständlich bei dem Wetter. Morgen würde der Spuk wieder vorbei sein. Ich merkte langsam wie ich in Hamburg angekommen war. Es ging an Straßen, durch Wohnblöcke entlang. Aber immer schön entlang eines grünen Gürtel. Immer schön im Schatten. Am S Bahnhof Horner Rennbahn hol ich mir noch ein kühles Getränk. Ein Cabrio fährt vor. Aus den Boxen knallt "I wanna be sedated" von den Ramones. Ja ich auch. 😅 Irgendwann nervte das Großstadtgewimmel aber ziemlich hart und ich sah zu, dass ich am Berliner Tor die S Bahn Richtung Phoenix bekam. Am Hbf natürlich wie immer völliger Ausnahmezustand. Nichts fährt (pünktlich oder überhaupt) und alles ist völlig überfüllt. Und Hamburg will Olympia. 😅 Absoluter Bullshit. Naja dann hänge halt erstmal am Bahnhof fest und hoffe, dass irgendwann eine Bahn kommt. Immerhin habe ich Zeit zu schreiben.
Trotz späten Start noch 31km rausgedrückt. Morgen steht dann ein weiterer Stadtspaziergang an. Innerlich bin ich schon fertig mit der Sektion Nord. Noch 30km bis nach Fischbek und zur 600km Marke und dem Beginn des Heidschnuckenweges (schön, aber bereits abgehakt). Das reicht jetzt auch für Norddeutschland und ich bin bereit mal wieder ein Mittelgebirge unsicher zu machen.
Ach, ich habe meine "alten" Schuhe nochmal probiert. Keine Probleme und es fühlt sich wie zu Hause an. 😅En savoir plus
Das Rauschen
22 mai, Allemagne ⋅ ⛅ 19 °C
Liebes Tagebuch.
Ich brauche Schlaf. 😴😅 Habe tief und fast geratzt und war dann etwas träge. Erst um halb sieben war ich abreisebereit. Erstmal 1,5km zurück zum NST und dann begann der Wanderspass. Es ging kurz durch einen zeckenverseuchten Wald und dann meist einfach immer stumpf ein paar Kilometer geradeaus. Dann eine Kreuzung und wieder von vorn. Der Belag wechselte zwischen Schotter, weichen Waldwegen, Pflastersteinen, Betonplatten und Asphalt. Ich konnte nun auch das Rauschen der Autobahn vernehmen. Wie ein Wasserfall von weitem und halt wie eine Autobahn von nahem. Ich sog den Krach in mich auf und akzeptierte ihn. Ändert ja nichts. Ich ließ meine Beine einfach ihre Arbeit verrichten. Die Gedanken drehten wieder frei. Ich traf niemanden (ausser ein paar Hasen und Rehe) und nichts passierte. Der Himmel war noch immer mit einer dicken Wolkendecke verhangen und es war sehr drückend in den Feldern und kühl feucht in den Wäldern. Ja und in den Waldabschnitten da warteten sie auf mich. Die Mutantenmücken. Fette Viecher. Ein ganzer Schwarm verfolgte mich und verwandelte meine Beine in einen Streuselkuchen. Auch eine Art von Rauschen. Oder eher (Blut)Rausch.
Ich kam durch das Gut Wotersen, welches völlig in der Zeit stehen geblieben war. Irgendwie fühlte ich mich 200 Jahre zurückversetzt. Nur ein paar Porsche erinnerten an die Gegenwart. Merkwürdiges Gehöft.
Und so zog sich der Tag wie ein Gummiband. Im Hintergrund immer das Rauschen. Nach 28km erreichte ich Kuddewörde. Auf der Autobahn war wohl stau. Das ganze Dorf war von Campern und anderen Gefährten verstopft. Chaos. Abgasgestank. Das Rauschen war nun ganz nah.
An der Hauptkreuzung war eine Bäckerei. Seid Kiel konnte ich allen kulinarischen Gelüsten widerstehen, um das Budget zu schonen. Nun war es Zeit auf die Kacke zu hauen. Zwei große Kaffee, ein Stück Himbeer Cheesecake und eine unglaublich lecker siffiges Franzbrötchen mit Kürbiskernen. So saß ich da und beobachtete die gestressten Menschen in ihren Karren, während ich mir meine Happen schmecken ließ.
Die Pause tat unglaublich gut. Dann bot mir der Trail eine Entschuldigung an. Die letzten zehn Kilometer sollte es auf famosen Pfaden durch das Billetal gehen. Ein purer Genuss... bis auf das Rauschen. Auch hier dominierte es alles und es wurde stärker und stärker. Ich ging unter der Autobahn lang. Dann entfernte es sich stetig und für die letzten drei Kilometer oder so hatte ich endlich Ruhe... ich erreichte den Bahnhof Aumühle kurz vor den Toren Hamburgs. Von hier nahm ich die S Bahn Richtung Phoenix. Pfingsten stand vor der Tür. Es würde voll werden in der Natur und Himmelfahrt hatte mir gezeigt, dass mir das einfach nicht so Spass machte, wenn überall Tamtam ist. Also einfach mal Pause machen. Mit Phoenix campen, grillen und abhängen. Meine Beine würden sich auch über eine Schonzeit freuen. Sie hatten mir gute Dienste geleistet und sollten nun entlohnt werden. In den letzten Tage hatte ich einen Schnitt von 36km. Mein Tempo. 😅
Ab Montag geht es dann die letzten paar Kilometer zur Stadtgrenze und dann ab durch die City. Ja und dann ist der Abschnitt Nord ja auch schon erledigt.En savoir plus
Ankommen, Erinnern.
21 mai, Allemagne ⋅ ☁️ 15 °C
Liebes Tagebuch.
Heute bin ich endlich angekommen. Also nicht in Hamburg oder einem anderen Ziel. Sondern auf dem Trail. Ein schönes Gefühl.
Los ging es ganz routinemäßig. Aufstehen, einpacken, essen, gehen. Sorry an meine Nachbarn, dass sie evtl wegen mir aufgewacht sind. Nur ausgleichende Gerechtigkeit, denn wegen ihnen konnte ich nicht richtig einschlafen. Den ganzen Abend waren sie damit beschäftigt jegliche Reißverschlüsse an ihrer Ausrüstung zu checken. Ritsch, ratsch, ritsch ratsch... Die Nacht war eh etwas unruhig, denn der "Zelt Balkon" war der reinste Acker. Morgens lag ich halb verdreht und quer auf der Matte in meinen Quilt verwickelt... wie auch immer.
Es ging auf schmalen Pfaden am Ratzeburger See entlang, als plötzlich mächtig Radau im Gebüsch war. Wildschweine. Frischlinge. Grunzend rumpelten sie im Sumpf am Ufer entlang. Ein tolles Erlebnis. Ein paar Meter weiter stand ich auch schon in Ratzeburg. Schnell wie jeden Tag nur das nötigste besorgt und weiter. Mal am See, dann im Wald. Nur die besten Wege und keine Menschen. Alles war wie ausgestorben. Genau so sollte es sein. Ich verlor mich in Gedanken und wandelte vor mich hin. Ich dachte nicht an das "normale" Leben sondern war einfach im hier und jetzt. Im Trailalltag. Im Bein zog es mal, das Shirt wurde langsam speckig und siffig, Mückenstiche juckten, Dreck in den Schuhen und so langsam merkte ich wie der Hiker Hunger anfing sich zu manifestieren. Ich wollte essen. Viel essen. Ein toller Zustand.
Ich wurde kurz aus meinen Gedanken gerissen. Ein Wanderer kam auf mich zu. Spannend. Sirrius war sein Name. Er geht auch häppchenweise den NST. Gerade Richtung Norden. Wir schwatzen ein wenig und wir stellten fest, dass wir uns später möglicherweise nochmal wiedersehen werden. Nach dem E1 will er auf den Natursteig Sieg und dann auf den Rheinsteig. Also ungefähr das was ich auch vorhabe. Nur mit dem Westerwaldsteig noch dabei. Zukunftspläne.
Jetzt war ich erstmal hier und bald erreichte bald Mölln. Auch hier kamen Erinnerungen hoch. Zum einen waren mein Vaddi und ich hier auch auf unserer Radtour nach Lübeck durchgekommen. Aber die Stadt war aus der Zeit auch noch anders in Erinnerung geblieben. Keine schöne, denn ich musste an den rassistischen Brandanschlag von 1992 denken, bei dem drei Menschen getötet wurden. Das hatte sich irgendwie bei mir eingebrannt und mich geprägt. Auch in unserem Dorf, in meiner Schule wurde das dumme Geschwätz über "Asylanten" verbreitet und weitergegeben, genauso wie es heute wieder salonfähig gemacht wird von der blaubraunen Brut.
Mölln an sich wirkte ziemlich runtergekommen. Überall Baustellen und leicht ranzig. Vorm Edeka ein paar halbstarke Berufsjugendliche am saufen. Ab dafür. Schnell war ich wieder aus der Stadt und an den schönsten Seen bis jetzt. Umsäumt von alten Buchen und Eichen. Ein paar von ihnen ins Wasser gestürzt. Schwäne, Enten, ein wunderbarer Trail und wieder keine Menschenseele. Ich tauchte wieder in meine Gedanken ab. Hamburg war nicht mehr weit und ich dachte über die Dinge nach die ich erlebt hatte, was glatt gelaufen war und was nicht. Was hatte ich gelernt. Welcher Ausrüstung hat getaugt und und und... dabei merkte ich, dass vieles schon so weit weg erschien. Da war wieder dieses Gefühl auf dem Trail angekommen zu sein. Zeit ist relativ. Tage egal (bis die Arbeit wieder losgeht, haha). Was passiert das passiert und was nicht das halt nicht. Ich war absolut dankbar und gab einer uralten Kiefer eine Umarmung. Da war es, dieses Gefühl.
Es ging durch das wunderschöne Hellbachtal und ich entschied mich für eine kleine Side Quest. Ein Abstecher zum Krebssee. Hier war ich schon mehrmals mit Phoenix. Wieder kamen Erinnerungen hoch. Ich setzte mich an die menschenleere winzige Badestelle und machte eine Pause. Zeit das Zelt zu trocknen. Routine.
Ich ging ans Ufer, denn der See trägt seinen Namen zu recht. In ihm leben Krebse. Und wenn man ganz aufmerksam ist und Glück hat dann sieht man sie im klaren Wasser, wie sie ihrem Tageswerk nachgehen. Heute hatte ich leider kein Glück. Aber ich war zufrieden genug. Noch ein paar Kilometer und ich sollte mein Ziel erreichen. Und da wieder das Gefühl... Die "last two miles", die sich ziehen wie Kaugummi, wenn die Füße vom Tag schwer sind. Immerhin konnte ich an der 500km Marke einen kleinen Purzelbaum schlagen.
Bevor der Tag zu Ende ging durfte natürlich etwas nicht fehlen: ein zeckenverseuchter grasiger Weg und ein schönes Stück Landstraße.
Auch das war irgendwann gegangen und dann stand ich auf einem fast leeren Campingplatz im Grünen. Nur ein paar Leute waren zu sehen und ich hatte die ganze Zeltwiese für mich alleine. Simsalabim und das Lager stand, Essen war vorbereitet, Handy an der Steckdose und ich war mehr als zufrieden. Da war es wieder, dieses Gefühl angekommen zu sein.En savoir plus
Wir müssen reden...
20 mai, Allemagne ⋅ ⛅ 13 °C
...und zwar übers Wetter.
Liebes Tagebuch. Ich glaube heute ist es an der Zeit mal über das Wetter zu reden, denn sonst ist heute nicht wirklich viel passiert. Der Tag war völlig unspektakulär. Viel Asphalt, etwas Wald. Da war das Stück am Elbe Lübeck Kanal schon ein Highlight. Da bin ich glaube ich mal als Kind mit Bike und meinem Vaddi dran lang nach Lübeck gefahren. Uwe habe ich noch kurz getroffen und wir sind ein Stück zusammen gegangen, bevor er auf seinem E-Mopped davon düste. Etwas Aufsehen erregte ich in einem kleinen Waldstück bei den wohl frisch geschlüpften Mücken. Die waren heiss auf mein Blut. Selbst im Gehen wollten die mir ans Leder und nun zieren ein paar schöne dicke rote Stiche meinen Oberschenkel. Mehr passierte nicht.
Aber nun zum Wetter. Ich hatte ja wohl ziemlich Glück gehabt. Ok, es war windig und kalt gewesen, aber bis auf zwei kleine Schauer musste ich nichts ertragen. Das sollte sich heute ändern. Den ganzen Tag 95% Regenwahrscheinlichkeit. Als ich aufwachte regnete es bereits. Ich blieb erstmal liegen und frühstückte dann langsam, bevor ich meine Sachen packte. Der Regen hatte etwas nachgelassen. Das war mein Startschuss. Raus aus der klapprigen Bude. Beim Bedienen des Rollos war dieses einfach abgefallen und baumelte nun vom der Dachschräge vor dem Fenster. Ich wollte doch nur alles ordentlich hinterlassen. Nun, ehrlich gesagt machte es keinen Unterschied mehr. Ich zog die hinter mir zu. Ab zum Trail. Nach ungefähr zwei Minuten an der frischen Luft hörte der Regen ganz auf und die Sonne kam raus. Sollte es das gewesen sein? Ich nahm dankend an und marschierte los. Am Himmel ein Wechselspiel aus Sonne und Wolken und der Wind war mittlerweile mehr warm als kalt. Gegen Mittag zogen dunkle Wolken auf mich zu. Eher auf uns. Denn das war der Moment wo Uwe von hinten angelaufen kam. Den Roller schiebend neben sich. Kurzer Schwatz und rein in die Regenklamotten. Der Schauer war kräftig, aber über uns gab das Blätterdach einer kleinen Allee uns etwas Schutz. Sobald der Regen vorbei war wurde es unerträglich warm in den Klamotten. Also wieder alles aus. Nun lag ein längerer Abschnitt an einer Landstraße vor uns. Uwe machte sich aus dem Staub. Ich war etwas neidisch, dass er das Stück ratzfatz hinter sich haben würde... er hatte die Roller Power. Ich die mentale. Auch diese Landstraße ist irgendwann zu Ende. Und zwar in Krummesse, bekannt für seine Schnapsbrennerei (so munkelt man). Hier fing es wieder leicht an zu nieseln, aber es war die Mühe nicht wert die Regenklotten anzulegen. Der Schirm reichte völlig. Jetzt ging es an den Elbe Lübeck Kanal und die Sonne kam wieder hervor. Ich fing an zu schwitzen und cremte alle freien Hautstellen nochmals ein. In Berkentin bog der Weg Richtung Ratzeburger Seen ab und da sah ich sie. Die dicke fette schwarze Wolke, die von Nordosten auf mich zukam. Ich sputete mich. Mein Ziel war der Campingplatz in Bucholz. Fast direkt am Weg wollte ich hier meinen Beinen nach "nur" 30km ihren Feierabend bescheren. Wäre fein das Zelt noch vor dem Weltuntergang aufbauen zu können. Ich zog das Tempo an und lief erstmal an der Abzweigung zum Platz vorbei. Yeah. Nach einem extra Kilometer stand ich dann an der Rezeption und der Betreiber zeigte mir meinen Platz. In weniger als zehn Minuten war alles bezugsfertig. Es fing an zu tröpfeln. Schnell nochmal aufs Klo, Wasser holen und am Automaten ein Kaltgetränk ziehen. Dann nix wie rein ins Zelt. Neben mir war noch ein junges Paar dabei panisch ihr Lager aufzubauen.
Die Wolke war nun direkt über mir und öffnete ihre Pforten. Prasseln. Über eine Stunde lang kam es runtergeknattert. Es tropfte in mein Zelt. Scheisse. Da war wohl über die Jahre eine Naht undicht geworden. Schnell den Regenrock zwischen Außen- und Innenzelt getüdelt. Passt. Ja und dann sitzt man da und wartet, isst und schreibt. Gemütlich sein, während die Natur ihr Ding macht.
Als das Schauspiel beendet war machte ich mich noch auf, um ein wenig am See zu spazieren. Alle anderen versteckten sich in ihren Campingbunkern und verpassten die wundervolle Luft und das mächtige Farbenspiel, zwischen der untergehenden Sonne und den Wolken.En savoir plus
Einmal um Lübeck herum
19 mai, Allemagne ⋅ ☁️ 15 °C
Liebes Tagebuch. Die Nacht in der etwas gruseligen Pension habe ich wohlbehalten überstanden. Ich habe mich heute Morgen unauffällig verkrümelt, um nicht doch noch zum gemeinsamen Psychofrühstück gezwungen zu werden.
Ich wanderte so in den Tag hinein und machte mir über dies und jenes Gedanken. Ich war etwas missmutig, da ich heute Abend nach ca 40km quasi in Lübeck stehen würde was vermutlich wieder zur Folge haben würde, dass ich mir irgendeine Unterkunft nehmen muss. Aber das waren Probleme für Future Magpie. Das Wetter war toll und der Weg war recht abwechslungsreich: Schotter, Feldwege, Landstraße, weiche Waldböden. Durch Wiesen, Felder und Wälder. Die Kilometer purzeln so dahin und mit ihnen auch die 400km Marke.
Ein Highlight ist definitiv der Abschnitt an der Schwartau. Einfach zum Genießen. Dann kam das Dorf/Stadt Ratekau. Habe mich erstmal verlaufen. Kam aber trotzdem beim Rewe raus. Da wollte ich hin. Dann nichts wie weg. Die Menschen wirken hier nicht so freundlich. Komisch.
Etwas außerhalb traf ich einen Opa, der langsam auf mich zukam. Er hatte wohl sein Gebiss vergessen. Er sprach mich an und ich hatte Schwierigkeiten ihn zu verstehen. Angeblich war wohl der Weg vor mir gesperrt, da gerade neue Hochspannungsleitungen gespannt werden. Mit Hubschraubern. Er deutete in die Richtung. Ich sah weder Hochspannungsleitungen noch Hubschrauber. Zu hören war auch nichts.
Wohin ich denn wolle. Ich nannte ihm den Namen des nächsten Dorfes ein paar KM weiter. "Kenne ich nicht."
Ok. Er nuschelte wieder was von den Strommasten. Ich verabschiedete mich und zog davon. Mal gucken was davon wahr ist. Natürlich nichts. Ich traf zwar auf drei Baustellen, aber hier passierte gar nichts und alle wirkten schon länger verlassen. Wie lange war der Opa wohl hier draußen gewesen? 😂
Der NST macht nun einen großen Bogen um Lübeck, aber man merkt meistens, dass man nah an einer Stadt ist. Überall Lärm, Straßen und Menschen. Dann geht es für ein paar Kilometer nach Mecklenburg Vorpommern rein und entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und durch ein wunderschönes Stück Heide.
Ich mache Pause an einem See und dort treffe ich Uwe. Er hat einen Monat frei und fährt den NST soweit es geht mit dem E-Roller. Sein Gerät hat was von Mad Max. Fette Schlappen und viel Klimbim. Wir unterhalten uns ausgiebig. Dann ist da noch Daniel, der mich vorher angesprochen hatte. Angeblich hat er schon richtig extreme Sachen gemacht. Nur was genau erzählt er nicht. Nerven vielleicht? 😂 Aber was er alles noch machen will, davon kann er gar nicht genug erzählen. Er ist ein richtiger Maulheld. Uwe erzählt uns noch was vom Camino und dann trennen sich unsere Wege wieder. Uwe sehe ich vielleicht nochmal wieder. Daniel hoffentlich nicht. Ich bin platt. 44 Kilometer bin ich gegangen. Ich möchte ausruhen. Bis aus dem Speckgürtel von Lübeck raus sind es noch mindestens 10 Kilometer. Das schaffe ich nicht. Ich muss wohl in den sauren Apfel beißen. Im Tausch gegen 50€ erhalte ich Zugang zu einem richtig schönen Loch. 😂 Mehr bin ich auch nicht bereit auszugeben. Ich möchte ungern mein Budget für diesen Monat überschreiten.
Es ist echt eine Absteige, aber fussläufig vom Trail und das Zimmer hat eine XXL Glotze.
Ich mache mir was zu essen und fange an zu schreiben.
Liebes Tagebuch, es gibt eigentlich noch so einiges zu erzählen von heute. Viele kleine Dinge am Wegesrand, der Hase, der heute seinen zweiten Geburtstag feiern durfte, eine Fahrt im Shuttle durch den Herrentunnel, Minischafe und und und. Aber ich bin einfach zu müde und möchte den Kopf abstellen... bis morgen.En savoir plus


















































































































































































































































































































































































































































































































































































































Voyageur
🤩
Voyageur
Speisereste Fremder ? Die will doch keiner....
Voyageur
Was für ein tolles Foto....